30. Juli 2021

'Humboldt und der letzte Lauf' von Jana Thiem

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Gerade hat Humboldt in der größten Hitze sein Rennen beim O-See-Triathlon beendet und sich mit einem Radler unter die verschwitzte Sportlermenge gemischt, da wird er zu einem Todesfall gerufen. Einer der Triathleten liegt am Rand der Mountainbike-Strecke, die über den Hochwald führt. Zunächst deutet alles darauf hin, dass er einfach gestürzt ist, aber schon bald finden die Ermittler Indizien, die auf einen Mord hinweisen.

Je länger die Ermittlungen andauern, um so rätselhafter wird der Fall. Denn das Opfer mit tschechischem Namen scheint nicht zu existieren. Das findet jedenfalls der tschechische Kollege Tomek Veselý heraus, den Humboldt hinzugebeten hat. Bald tauchen weitere Identitäten des Toten auf. Nur – wer ist er wirklich? Kann der Rechtsmediziner Dr. Lorenz Richter Licht ins Dunkel bringen?

In der Zwischenzeit plagen die Journalistin Christin Weißenburg ganz andere Sorgen, die sie mit Humboldt zu teilen versucht. Doch der ist Tag und Nacht mit seinem Fall beschäftigt. Schließlich ergibt sich eine berufliche Chance, die Christin trotz aller Konsequenzen ergreift, ohne zu ahnen, dass sie damit wieder Humboldts Vergangenheit heraufbeschwört.

Anleser:
Prolog (1991)
„Mikkel, komm jetzt raus! Mir ist kalt!“ Smila trat von einem Bein aufs andere und buddelte sich damit immer tiefer ein. Sie liebte die Unterschiede. In der Nähe des Wassers fühlte sich der Sand kühl und fest an, Richtung Dünen wurde er immer heißer und lockerer. Normalerweise würde sie noch viel länger mit ihrem kleinen Bruder im Meer toben, aber jetzt musste sie aufs Klo. Und außerdem warteten ihre Eltern sicher. Sie wunderte sich sowieso schon, dass ihr Vater nicht längst nach ihnen geschaut hatte. Er war der Ängstlichere von beiden. Zwar machte sich ihre Mutter auch ständig wegen irgendetwas Sorgen, aber sie kontrollierte sie nicht so oft.
„Mikkel, was ist jetzt?“, rief sie noch einmal.
Murrend stapfte ihr Bruder aus dem Wasser. Seine Luftmatratze zog er hinter sich her. „Och Menno, es ist doch überhaupt noch nicht spät. Und Papa ist auch noch nicht da. Los, komm nochmal mit rein.“
Smila war erstaunt, dass selbst ihrem 13-jährigen Bruder auffiel, dass ihr Vater noch nicht aufgetaucht war. Länger als eine Stunde ließ er sie selten allein. Und nun war schon viel mehr Zeit vergangen.
„Nee, wir müssen los. Es gibt sicher gleich Abendbrot“, sagte sie bestimmt. Dass sie fünf Jahre älter als Mikkel war, ließ sie nur zu gerne raushängen. Schließlich hatte sie früher häufig auf ihn aufpassen müssen, dann konnte er jetzt auch nach ihrer Pfeife tanzen.
„Müssen wir morgen wirklich schon wieder heimfahren?“, murrte Mikkel weiter, zog sich aber brav sein T-Shirt an und legte das Handtuch über die Schultern. Dann schnappte er sich die Luftmatratze. „Wir haben doch noch vier Wochen Ferien, waren doch sonst immer viel länger in Schweden. Warum denn dieses Mal nicht?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Smila. Auch so etwas, das ihr gleich komisch vorgekommen war, als ihre Eltern darüber gesprochen hatten, diesmal nur kurz in ihr Ferienhaus zu fahren. Hatten sie so viel Arbeit zuhause? Womit sie beim nächsten Mysterium war, denn selbst mit ihren achtzehn Jahren konnte sie nicht genau sagen, was ihre Eltern taten. Sie saßen oft am Computer, bekamen über ein gesondertes Telefon Anrufe, die meist nur kurz dauerten, und in letzter Zeit waren sie häufig unterwegs. Meistens nur ein Elternteil, damit das andere bei den Kindern bleiben konnte. Wenn Smila wissen wollte, was sie zum Beispiel in der Schule sagen sollte, was ihre Eltern beruflich taten, bekam sie immer die gleiche Antwort: Sie waren im Import- und Exportgeschäft tätig und mussten für verschiedene Firmen die Warenwege koordinieren. Geglaubt hatte ihnen Smila das nie. Aber da sie keine andere Erklärung bekam, beließ sie es dabei.
Auf dem Weg zu ihrem Ferienhaus beschlich Smila plötzlich ein komisches Gefühl. „Sag mal, was hat Mama gesagt, wann wir zum Abendbrot zurück sein sollten?“, fragte sie ihren Bruder.
„Hm, ich glaub um sieben“, antwortete Mikkel unbekümmert.
Smila schaute auf ihre Uhr. Jetzt war es fast halb neun. Nie im Leben hätten ihre Eltern sie so lange im Wasser gelassen. Sie schluckte. Was war es nur, was ihr plötzlich Angst einflößte?
„Bringst du die Luftmatratze in den Schuppen? Ich geh schon mal ins Haus, Mama und Papa beruhigen“, sagte sie zu ihrem Bruder und schob ihn in den hinteren Teil des Gartens.
Murrend folgte er ihren Anweisungen.
Mit klopfendem Herzen ging Smila zur Haustür und klingelte. Nichts tat sich. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Tür einen winzigen Spalt offen stand. Erschrocken trat sie einen Schritt zurück. Normalerweise waren bei ihnen alle Türen rundherum zugeschlossen. Selbst die Terrassentür hatte ein Schloss und wurde nur geöffnet, wenn sie wirklich in den Garten wollten. So, wie das bei anderen Familien war, dass die Türen und Fenster den ganzen Tag offen standen, kannte sie es nicht. Sie beneidete ihre Freundinnen immer darum. Sagen konnte sie es nie, damit sie nicht ausgelacht wurde.
Vorsichtig sah sie sich um. Es war niemand zu sehen. Alles sah wie immer aus. Also drückte sie die Tür langsam auf. Auch in dem kleinen Flur konnte sie keine Veränderung feststellen. Smila nahm allen Mut zusammen und betrat das Haus. „Mama? Papa?“, rief sie leise. Keine Antwort. Auf Zehenspitzen ging sie weiter. Was sollte sie tun, wenn jetzt ein Einbrecher auf sie zukam? Ob sie besser gleich die Polizei rief, bevor sie weiterging? Am Ende waren ihre Eltern einfach nur beim Fernsehen eingenickt und sie machte hier alle verrückt. Aber sie wusste, dass das nicht wahr sein konnte. Ihre Eltern waren irgendwie immer auf der Hut.
Als sie sich dem Wohnzimmer näherte, hörte sie Mikkel hinter sich.
„Ich hab einen Hunger!“, rief er fröhlich. Dabei schleuderte er seine Schuhe in die Ecke.
Beinahe hätte Smila ihn ermahnt, die Schuhe ordentlich hinzustellen, doch jetzt musste sie ihn erstmal loswerden, bevor sie die Tür zum Wohnzimmer öffnete.
„Du sollst noch Holz von draußen holen!“, rief sie ihm zu.
„Warum ich? Du bist dran“, sagte Mikkel und schaute sie herausfordernd an.
Da hatte er recht, dachte Smila. „Ich soll Mama noch was helfen“, antwortete sie und schob Mikkel Richtung Haustür. Wieder kam er ihrer Aufforderung knurrend nach.
Als er verschwunden war, drehte sie sich schnell um. Ihr blieb nicht viel Zeit bis zu seiner Rückkehr. Eilig öffnete sie die Tür und schaute ins Wohnzimmer. Nichts! Dann wandte sie sich der Küche zu und entdeckte sie sofort. Ihre Eltern lagen eigenartig verrenkt und doch irgendwie einträchtig nebeneinander auf dem Boden und Smila musste nicht erst nachsehen. Sie wusste, dass sie tot waren. Sie blieb wie versteinert stehen und konnte ihren Blick nicht abwenden. Hatte sie tatsächlich seit Jahren damit gerechnet, dass so etwas irgendwann passieren würde? Blieb sie deshalb jetzt so ruhig?
Wieder hörte sie Mikkel im Hausflur. Langsam drehte sie sich um und ging zu ihm. Dann legte sie einen Arm um seine Schultern und zog ihn mit nach draußen.
„Smila, lass das! Wo willst du denn hin?“, fragte er und versuchte, sich aus ihrem Klammergriff zu befreien.
„Wir müssen weg“, sagte sie nur und schloss die Tür hinter sich.

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19. Juli 2021

'Dunkle Schatten über Meadowfield' von Emilia Doyle

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Vor vier Jahren verließ Aiden die heimatliche Plantage seines reizbaren und despotischen Vaters wegen, nun kehrt er seinetwegen nach Meadowfield zurück. Jacob Pellham ist gesundheitlich schwer angeschlagen und Aiden muss die Geschäfte für ihn weiterführen.

Je tiefer er in diese Aufgabe eintaucht, desto mehr fallen ihm Missstände und Ungereimtheiten auf. Allen voran ist ihm der Aufseher Cutler ein Dorn im Auge. Mit ihm hat er noch eine Rechnung offen. Alte Wunden brechen auf, denn der Mann ist nicht sein einziger Gegner.

Mutters Heiratswünsche für Aiden machen sein Leben auch nicht leichter und als er zufällig ein streng gehütetes Geheimnis seines Erzeugers entdeckt, fällt er aus allen Wolken.

Anleser:
Aiden tat einen tiefen Atemzug, schloss die Augen und hielt sein Gesicht den wärmenden Strahlen der Sonne entgegen. Er saß auf einer kleinen Bank, die an zwei Ketten hing und sich auf der rückwärtigen Veranda hinter dem Küchentrakt befand. Sie wurde nur vom Haus- und Küchenpersonal benutzt, Aiden ausgenommen. Hier hatte er sich schon früher gern aufgehalten, wenn er allein und ungestört sein wollte. In Erinnerungen versunken schaukelte er sacht vor und zurück. An der Aufhängung, am Dach des Überstandes, verursachte die Bewegung ein stetes und gleichmäßiges Quietschen, das ihn langsam einlullte.
»Was machst du hier?«, fragte eine Kinderstimme.
Gereizt über die Störung öffnete er die Augen. Das Erste, was er sah, waren nackte, schmutzige Füßchen. Langsam glitt sein Blick aufwärts, erfasste den Saum eines Kleides und stoppte schließlich beim Gesicht. Vor ihm stand ein kleines Sklavenmädchen von etwa neun, zehn Jahren, das ihn aus unschuldigen braunen Augen anschaute.
»Was soll ich schon machen?«, entgegnete er flapsig. »Ich sitze hier!«
Die Kleine lachte unbekümmert, wobei sie ihren Oberkörper in scheuer Manier hin und her wiegte, während sie die Hände auf dem Rücken hielt. Angst schien sie aber nicht vor ihm zu haben, im Gegenteil, sie musterte ihn neugierig.
Ihre Hautfarbe war außergewöhnlich hell, ihr Erzeuger musste ein Weißer gewesen sein.
Auf fast jeder Plantage des Südens fand man Sklaven, deren Haut heller war als die der anderen. Ihre Mütter waren nicht selten Opfer von Vergewaltigungen geworden; durch Aufseher, Plantagenbesitzer und andere weiße Herrschaften. Ein paar von ihnen dienten ihren Besitzern auch freiwillig als Gespielin, wenn die eigene Gemahlin unpässlich war.
»Wie heißt du?«, fragte Aiden.
»Maliya, und du?«
»Weißt du denn nicht, wer ich bin?«, hakte er überrascht nach.
Heftig schüttelte Maliya den Kopf.
Der unbändige Zorn, den er eben noch in sich gespürt hatte, war wie durch Geisterhand verflogen. Er ließ sich zu einem Schmunzeln hinreißen. Da stand dieses kleine Mädchen vor ihm, sah ihm furchtlos entgegen und hatte keine Ahnung, wer er war.
»Ich heiße Aiden.«
»Warum hast du so traurig ausgesehen?«, fragte sie ungeniert weiter und setzte sich auf den Rand der Terrasseneinfassung.
»Weißt du, es gibt manchmal Situationen, da läuft im Leben nicht alles so, wie man es gern hätte«, erklärte er freundlich.
Verständnislos schaute Maliya zu ihm auf. »Aber du bist weiß. Meine Mutter sagt, Weiße können alles im Leben erreichen, weil sie frei sind. Für sie gibt es keine Grenzen.«
Ja, er war ein Weißer und er war frei, dennoch war das Leben mit einem Vater wie seinem alles andere als ein Honigschlecken.
»Um Himmelswillen, Maliya.« Eine junge Frau stürzte um die Hausecke herbei und das blanke Entsetzen stand in ihrem Gesicht. »Ich bitte vielmals um Verzeihung Master Aiden, wenn meine Tochter Sie belästigt hat. Sie ist noch ein Kind, bitte habt Erbarmen.« Stürmisch riss sie das Mädchen an sich und drückte es ganz fest. »Es wird nie wieder vorkommen.«
»Sie hat mich keineswegs belästigt«, beteuerte er, aber seine Worte verhallten, als hätte er sie nie ausgesprochen. Denn sie verbeugte sich mehrmals ängstlich und stammelte eine Entschuldigung nach der anderen, bevor sie davoneilte.
»Master Aiden, Master Aiden.« Jemand rüttelte ihn an der Schulter.
Verstört öffnete er die Augen. Als er aufsah, blickte er in das Gesicht von Hermela, der Köchin auf Meadowfield, die ihn als Säugling und Kleinkind betreut hatte.

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16. Juli 2021

'Kurzgeschichten gegen Krebs: Autoren schreiben für einen guten Zweck' (Anthologie)

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Jonas Philipps (Herausgeber)
Krebs ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Früher oder später kommt jeder mit ihm in Berührung. Im schlimmsten Fall sind die Menschen betroffen, die uns nahestehen: die Eltern, der Partner, das eigene Kind − oder wir selbst. Sobald er sich festsetzt, bleibt nichts wie es war. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders. Menschen, die an Krebs leiden, brauchen daher vor allem eines: Unterstützung!

Kaufen Sie dieses Buch und unterstützen Sie Menschen, die mit aller Kraft gegen den Krebs kämpfen!

22 Autoren haben sich zusammengetan, um gemeinsam gegen Krebs zu schreiben. 32 Kurzgeschichten laden Sie zum Schmunzeln, Staunen, Hoffen und Nachdenken ein. Jede dieser Geschichten ist eine lesenswerte Bereicherung. Das macht das Buch zu einem wunderbaren Begleiter im Alltag.

Und das Beste daran? Die Autoren−Gewinne aus dem Verkauf des Buches werden zu 100 Prozent an die Deutsche Krebshilfe gespendet!

Teilnehmende Autoren:
Die 22 beteiligten Autoren arbeiten komplett honorarfrei. Alle Gewinne aus Autorenmargen (durch Verkäufe im Handel) und Eigenverkäufen durch Lesungen werden zu 100 Prozent an die Deutsche Krebshilge gespendet.

Sylvi Amthor
Katrin Arnast
Monika Augustin
Dr. Norbert Autenrieth
Margit Begiebing
Bruno Busch
Diana Busch
Tom Davids
Anke Elsner
Petra Embacher
Heidi Fischer
Margit Heumann
Michael Kleinherne
Magdalena Krauß
Ruth Lenz-Tichai
Hannah Lio Meyner
Herbert Mundschau
Anna Neder von der Goltz
Jonas Philipps
Christine Rieger
Lorenz Sebalder
Thomas Spyra

Blick ins Buch (Leseprobe)

7. Juli 2021

'Die letzte Prophezeiung des Nostradamus' von Darius Quinn

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Darius Quinn | Band 2
»Es wird passieren – das wissen wir, die Prophezeiung beschreibt es. Keine Ahnung wie, aber dass es geschieht, steht fest. Sofern wir es nicht verhindern …«

Als ein verschollenes Buch mit Prophezeiungen von Nostradamus auftaucht, nimmt eine Kettenreaktion von Katastrophen ihren Lauf, die zum Weltuntergang führen wird. Ausgerechnet Frank Fischer, ein introvertierter Kunsthistoriker, findet sich in einem Wettlauf gegen Zeit und Vorsehung wieder, in dem jeder hinter ihm und seinem Buch her ist. Bei seinen Bemühungen, die Weissagungen rechtzeitig zu deuten, kommt ihm die Guardia in die Quere. Die mächtige Organisation religiöser Fanatiker glaubt, dass Gottes Wille erfüllt werden müsse: Kein Mensch habe das Recht, den Tag des Jüngsten Gerichts aufzuhalten. Gelingt es Fischer, das Schlimmste zu verhindern?

Dieser rasante Techno-Thriller für Fans von Michael Crichton, Dan Brown, M.C. Roberts, R.F. Maclay, Joshua Tree, Alex Lukeman und Ian Caldwell wurde in »Die letzte Prophezeiung des Isaac Newton« fortgesetzt.

Anleser:
Er war tot. Musste es sein. Sein Herz schlug nur noch aus Gewohnheit in seiner Brust. Aber dafür wie wild. Die Einschusslöcher rings um ihn herum starrten ihn anklagend an, als wollten sie ihm zum Vorwurf machen, dass er noch lebte. Dass er wider alle Logik noch atmete.
Die U-Bahn glich einer überdimensionalen Zielscheibe auf dem Schießplatz: löchrig wie ein Schweizer Käse. Keine einzige Fensterscheibe hatte die Attacke überstanden, der Boden war übersät mit Scherben. In den Plastiksitzen klafften Wunden so groß wie Golfbälle.
Der Geschosshagel war schlagartig abgerissen, als der Zug die Station verlassen hatte. Offenbar hatte der Zugführer nichts von der Sache mitbekommen, andere Fahrgäste waren zu dieser späten Stunde glücklicherweise nicht unterwegs.
Frank Fischer sank erschöpft in sich zusammen.
Der Attentäter musste einen Schalldämpfer benutzt haben. Frank hatte erst bemerkt, dass auf ihn geschossen wurde, als der stumme Zeitungsverkäufer an der Treppe zum Bahnsteig unmittelbar neben ihm explodierte.
Nach einer Schrecksekunde war er intuitiv wie von der Tarantel gestochen losgerannt, drei, vier Stufen abwärts auf einmal nehmend. Just in dem Augenblick, als er das Ende der Treppe erreicht hatte, ertönte das schrille Abfahrtsignal der U-Bahn. Vollgepumpt mit Adrenalin, Todesangst im Nacken, sprintete er die letzten Meter bis zum hintersten Wagen. Während die Türen bereits zuschnappten, hechtete er gerade noch hinein. Es war pures Glück, dass Frank dabei über den Boden geschlittert und mit dem Kopf an die gegenüberliegenden Türen geknallt war. So blieb er für einige Augenblicke benommen liegen. Die Kugeln pfiffen über ihn hinweg, ohne ihn auch nur zu streifen. Er spürte, wie sich über seiner linken Schläfe bereits eine Beule bildete. Doch abgesehen von ein paar Prellungen und höllischen Kopfschmerzen war er glimpflich davongekommen.
In was zum Teufel war er da nur hineingeraten? Warum wurde auf ihn geschossen? Er war ein einfacher, bedeutungsloser Museumsangestellter, kein Indiana Jones! Oder war das nur ein Traum? Dann wäre jetzt der perfekte Augenblick, um aufzuwachen. Doch nichts dergleichen geschah, er lag weiterhin auf dem schmutzigen Linoleumboden der U-Bahn.
Stöhnend setzte er sich auf und lehnte sich an die Tür. In seinem Rücken spürte er durch die Einschusslöcher den Fahrtwind. Das Rattern der Räder drang ohrenbetäubend herein, als wolle es seinen Schädel sprengen und dem Schützen zu guter Letzt doch noch Erfolg bescheren.
Aber er hatte keine Zeit, sich zu bedauern. Schon verlangsamte der Zug sein Tempo vor der nächsten Haltestelle. Frank musste entscheiden, was er tun sollte, und zwar schleunigst, auch wenn sein brummender Schädel kaum einen klaren Gedanken zuließ.
War ihm der Schütze vom Restaurant aus gefolgt? Arbeitete er allein oder warteten womöglich Komplizen an dieser und den nächsten Stationen auf Frank? Wäre es besser, noch eine Weile in der U-Bahn zu bleiben, oder sollte er aussteigen und die Polizei alarmieren? Und vor allem: Wer hatte es auf ihn abgesehen und warum? Vermutlich handelte es sich um eine Verwechslung – wobei seine Intuition ihm etwas anderes sagte. Die Wahrscheinlichkeit sprach eher dafür, dass all das etwas mit diesem Buch zu tun hatte … diesem gottverdammten Buch!
Seit 15 Jahren arbeitete er jetzt schon für das Deutsche Historische Museum Berlin und noch nie war ihm etwas passiert, obwohl er oft erst nach Mitternacht mit der U-Bahn nach Hause fuhr. Und nun, keine zwei Tage nachdem er das Buch von dieser obskuren Quelle erworben hatte, fand er sich in einer Schießerei wieder. Wenn das ein Zufall war, fraß er dieses vermaledeite Buch zum Frühstück!
Das schrille Kreischen der Bremsen holte Frank zurück in die Realität. Die Bahn fuhr in die Haltestelle Spittelmarkt ein.
Ächzend wie eine Dampflok stand Frank auf. Jeder Knochen in seinem Körper meldete sich schmerzhaft und ein paar Organe dazu. Vorsichtig spähte er über die Kante der Sitzbank hinaus auf den Bahnsteig.
Niemand zu sehen. Merkwürdig, selbst für 2 Uhr nachts. Schließlich war das hier Berlin! Oder waren die Wartenden beim Anblick des Waggons geflohen?
Er trat ein paar Schritte vor, um auch den vorderen Teil der Station einsehen zu können. Scherben knirschten unter den Sohlen seiner Sneaker, über die sich sein Chef und die Kollegen zu echauffieren pflegten.
Keine Menschenseele war zu sehen. Gut so.
Der Zug setzte seine Fahrt fort, ohne dass jemand ein- oder ausgestiegen wäre. Seltsam, war Berlin plötzlich eine Geisterstadt geworden und das alles nur ein Traum? In jedem Fall war er dankbar dafür, verschaffte ihm dieser Umstand doch ein, zwei Minuten Bedenkzeit bis zur nächsten Haltestelle. Er musste jetzt Ruhe bewahren, logisch denken, sich vor überstürzten Entscheidungen hüten.
Wenn er davon ausging, dass all dies mit dem Buch zusammenhing, wäre es überhaupt sinnvoll, die Polizei zu alarmieren? Was würde das bringen? Wenn er wenigstens eine Täterbeschreibung hätte abgeben können … aber das Einzige, was er gesehen hatte, war ein Schatten. Groß? Klein? – Keine Ahnung! Er konnte nicht einmal sagen, ob es sich bei seinem Verfolger um einen Mann oder eine Frau handelte. Die Beamten würden ihm tausend Fragen stellen, nicht zuletzt bezüglich des Motivs, und dann wäre er gezwungen, die Existenz des mysteriösen Buches preiszugeben. Spätestens ab diesem Punkt würde sich die Presse für den Vorfall interessieren und alles würde ans Tageslicht gebracht. Wenn die Behörden das Buch konfiszierten und den Inhalt öffentlich machen, sei es auch nur in Auszügen, dann wäre er geliefert. Sein Chef würde ihm den Kopf abreißen, vielleicht sogar kündigen – ganz gleich, ob er etwas dafürkonnte oder nicht. Alles, wofür er in den letzten Jahren gearbeitet hatte, wäre vergeblich gewesen. Wenn wenigstens die leiseste Chance bestehen würde, den Täter zu fassen, wäre dieser Weg möglicherweise der richtige. Aber so? Nur Nachteile, keinerlei Vorteile – das schien ihm keine gute Wahl zu sein. Und einen Leibwächter würde man ihm wohl kaum zur Seite stellen, weder die Polizei noch das Museum.
Vorsichtig fegte Frank die Scherben von einem der wenigen Sitze, die wie durch ein Wunder unbeschädigt geblieben waren, und ließ sich mit einem Seufzer darauf fallen. Mit der Hand ertastete er das Büchlein in der Innentasche seiner Windjacke. Es lag ihm wortwörtlich am Herzen. Trotzdem: Hätte er nur die Finger davongelassen!

Blick ins Buch (Leseprobe)

6. Juli 2021

'Summerlove: Als die Delfine Amor spielten' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Wenn Liebe das ist, woran du gar nicht denkst … und sie dich einer Welle gleich überrollt.

Stella verschlägt es den Atem, als nach Jahren plötzlich Romeo vor ihr steht – und sie nach ihrem Namen fragt. "Nicht interessiert", faucht sie und lässt ihn stehen. Und das meint sie so. Denn nichts ist ihr wichtiger, als endlich die beiden Meeresschildkröten ans Meer zu bringen, die sie aus dem Unilabor entführt hat.

Romeo ist Wissenschaftler mit Leib und Seele. Sein Denken und Tun gelten der marinen Forschung und seiner Zukunft im Miami Seaquarium an der Seite seines Großvaters Nino. Doch als ein geplantes Luxusresort die unberührte Natur in ihrer alten Heimat zu zerstören droht, überlegt er nicht lange und fliegt nach Sizilien. Nur erwarten ihn nicht kalte Fakten, sondern Delfine, die ihn in einer lauen Sommernacht ins Wasser locken – und eine Frau, die im silbrigen Schein des Vollmonds seine Gefühle anheizt.

Achtung, die Lektüre fördert Urlaubssehnsucht! Romantischer Liebesroman mit Kuschelfaktor und Happy-End-Garantie.

Anleser:
Die Beifahrertür wird aufgerissen und ich schrecke auf.
»Ist ja nur gut, dass du erst eingeschlafen bist, als du schon hier warst!« Meine Schwester Luna schüttelt den Kopf und ihre geglätteten Haare, die von himbeerfarbenen Strähnen durchzogen sind, fliegen wie Spaghetti hin und her. »Du hast den Abdruck des Lenkrads auf der Wange, pesciolino.«
»Nenn mich nicht pesciolino, nanerottolo.«
Wir grinsen uns an und beginnen zu lachen. Mio Dio, fühlt sich das gut an! Zwar bin ich kein Fischchen und sie ist längst kein Zwerglein mehr, obwohl sie größenmäßig die Kleinste von uns dreien ist, aber dieses geschwisterliche Foppen ist es, was mir fehlt, wenn ich fort bin. Denn dass ich mich vor dem Haus befinde, in dem ich aufgewachsen bin, erkenne ich nach einem Blick aus der Windschutzscheibe sofort.
»Weißt du zufällig, wann ich angekommen bin? Ich hab irgendwie einen Filmriss, Luna.«
»Vor fünf Minuten, hat Mamma gesagt. Ich hab dich nicht gehört, weil ich oben in meinem Zimmer war. Aber ich bin selbst erst vor zehn Minuten zurückgekommen und da stand dein Auto noch nicht da.«
»Eigenartig. Mir scheint, ich werde alt.«
»Red keinen Quatsch, du Küken. Was soll denn dann ich sagen? Ich bin eindeutig alt geworden. Mir tut nämlich das Kreuz weh, weil ich in dieser gebeugten Haltung stehen muss, um dir ins Gesicht zu schauen, während du gemütlich in deinem Auto sitzt.«
»Steig halt auch ein.«
»Steig du lieber aus, sorellina. Du hast ja das ganze Auto vollgestopft, da pass ich nicht mehr rein.« Sie deutet auf den Rücksitz und in den Fußraum vor dem Beifahrersitz. Plötzlich runzelt sie die Stirn und zeigt mit dem Zeigefinger auf die Styroporbox. »Hast du tatsächlich Eis aus Palermo mitgebracht? Wenn Papà das sieht und es sich nicht um eine absolut innovative Geschmacksrichtung handelt, bekommst du von ihm Hausverbot im Sunset.«
Ich verdrehe die Augen. Ich hasse diesen idiotischen Namen für unser Tramonto, das Lokal, das es als Trattoria bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab. Sole, die schon seit Jahren im Ausland lebt und in ihrem Job vorwiegend mit Millionären und arabischen Scheichs zu tun hat, die untereinander auf Englisch kommunizieren, hat unseren Vater davon überzeugt, den Namen des Lokals zu ändern. Sie ist nämlich der Meinung, dass wir uns hier anpassen müssen, wenn wir ein Stück vom Kuchen abbekommen wollen. Aber welcher normale Mensch will das? Wir brauchen diese Schickimicki-Urlauber nicht, die mit ihren übertriebenen Ansprüchen und nicht selten spleenigen Wünschen ihren Reisezielen die Natürlichkeit und Identität rauben, aber das ist ihr offenbar nicht bewusst.
»Hat Papà den Namen immer noch nicht zurückgeändert?« Meine Stimme klingt genauso traurig, wie ich mich fühle.
Luna verneint mit den Augen und legt sich den Zeigefinger senkrecht an die Lippen. Ich seufze auf. Das wird diesen Sommer eine meiner Missionen. Wäre doch gelacht, wenn ich unseren Vater nicht zur Vernunft bringen könnte, vor allem, da Sole in einem dieser schrecklichen Wolkenkratzerhotels in Dubai arbeitet und frühestens im Oktober eine Woche Urlaub nehmen kann.
Luna stupst meinen Oberarm an. »Steigst du jetzt endlich aus, Stella? Wäre vielleicht sinnvoll, bevor das Eis komplett geschmolzen ist.«
Irgendwie ist mein Gehirn heute überfordert, denn ich versuche zu begreifen, wovon sie spricht, als sie die Arme ausstreckt und nach der Styroporbox greift.
»Vorsicht!«, schreie ich laut.
Sie dreht ruckartig den Kopf in meine Richtung. »Sag, ist alles in Ordnung mit dir?«
»Mit mir schon. Aber mit den beiden nicht, wenn du sie durchschüttelst.«
Jetzt ist es Luna, die nicht begreift. Allerdings dauert der Zustand maximal zwei Sekunden. Kein Wunder. Sie ist ja meine Schwester und somit nicht dumm, denn sonst wäre ich es auch.
Prompt stellt sie also mit zwei Worten die einzig mögliche Frage: »Welche Tiere?«
»Caretta caretta.«
»Warum wundere ich mich nicht?« Murmelnd greift Luna nach der Box und stellt sie vorsichtig auf den Beifahrersitz. Dann hebt sie den Deckel ein wenig an und schaut hinein. Ein Lächeln zupft an ihren Mundwinkeln, bevor sie den behelfsmäßigen Transportbehälter wieder schließt und den Kopf anhebt.
»Hast du die aus Favignana mitgebracht?«
»Nein. Die habe ich gestern Abend aus dem Labor der Fakultät mitgenommen.«
Sie schaut mich stirnrunzelnd an. Wahrscheinlich überlegt sie, ob ich scherze. Das dauert aber nur den Bruchteil einer Sekunde.
»Du bist ja verrückt, Stella. Das ist Diebstahl!«
Na bitte. Sie hat die richtige Schlussfolgerung gezogen, was ja nicht anders zu erwarten war. Immerhin ist sie meine Schwester.
»Bin ich nicht!« Ich würde mit dem Fuß aufstampfen, geht aber nicht, da ich ja immer noch im Auto sitze. »Wenn man es genau nimmt, kann es sich nicht um Diebstahl handeln, da die beiden keine Inventarnummern aufweisen. Bestenfalls könnte man von Entführung sprechen. Da ich jedoch weder vorhabe, ein Lösegeld einzufordern, noch daran denke, sie wieder in das schrecklich kleine Aquarium zurückzubringen, gibt es keinen benennbaren Tatbestand.«
»Entweder hast du zu viel Sonne erwischt oder deine juristisch ausgebildeten WG-Mitbewohner haben dich mit irgendeinem Virus infiziert.« Luna schaut von mir zur Box und wieder zurück, bevor sie mich neugierig fragt: »Und was hast du mit den beiden jetzt vor?«
»Freilassen natürlich, was denkst du denn?«

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5. Juli 2021

'Flussaufwärts' von Sabine Buxbaum

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Spätherbst. Mittlerer Westen. USA.

Die junge Journalistin Ally Wyatt reist vom geschäftigen New York ins beschauliche Clinton im Bundesstaat Iowa, um einen Artikel über die Opfer des brutalen Serienkillers Sven Sjörgen zu schreiben. Doch der kaltblütige Frauenmörder treibt am Mississippi River noch immer sein Unwesen und hinterlässt flussaufwärts eine Spur aus Leichen und Fragen. Dann ist da noch der mysteriöse Kopfgeldjäger Hank Hunter, der den Serienkiller schon seit Monaten jagt. Kann sie ihm trauen?

Anleser:
Clinton in Iowa
Sven betrat ein kleines Pub in Clinton, in dem es nach angebranntem Toast und Schweiß roch. Er schielte zu der Säule neben dem Eingang, die das hölzerne Dachgewölbe stützte, und erkannte darauf einen Steckbrief. Als er das Pub das letzte Mal betreten hatte, war dieser noch nicht da. Der Mann auf dem Steckbrief trug blondes, kurzes Haar und sein Gesicht war übersät mit Sommersprossen.
Wie blind doch die Menschen waren, dachte Sven selbstgefällig. Sie waren so leicht zu täuschen. Eine kleine äußerliche Veränderung und sie waren geblendet. Er setzte sich auf einen leeren Barhocker und nahm die Zeitung in die Hand, die auf dem Tresen lag.
Auf der Titelseite wurde über den Mord an einer jungen Frau in Clinton berichtet, deren Leiche man verstümmelt im Mississippi River gefunden hatte.
„Unglaublich, dass man diesen Serienkiller nicht zu fassen kriegt“, meinte Pub-Besitzer Walter Smith besorgt, der Sven eine Speisekarte reichte. Sven erwiderte nichts, als er die Karte entgegennahm.
„Meine Frau traut sich nachts nicht mehr auf die Straße“, fuhr Walter fort.
Sven überlegte, ob er Walters Ehefrau schon einmal gesehen hatte. Aber selbst wenn, dann war sie ihm noch nie aufgefallen. Er bestellte sich ein Bier und blätterte die Zeitung durch. Ausführlich wurde über die Frauenmorde entlang des Mississippi Rivers berichtet, die in den letzten Monaten geschehen waren.
„Er bewegt sich flussaufwärts“, meinte ein anderer Gast, der beobachtete, wie Sven die Zeitung las. Sven ließ sich nicht in ein Gespräch verwickeln.
„Hoffen wir, dass er in Clinton nicht noch jemanden ermordet“, mischte sich Walter ein, der frisch gewaschene Gläser ins Regal räumte.
Sven trank sein Bier in nahezu einem Zug aus und wollte sich bereit machen zum Gehen, als eine junge Frau das Pub betrat. Er schätzte sie auf dreißig.
Sven gab es einen seltsamen Stich, als er sie betrachtete. Sie war für diese Gegend viel zu vornehm gekleidet. Ihr Rock reichte gerade bis zu den Knien und die High Heels, die sie trug, glänzten in auffallendem Rot. Sie trug ihr langes, braunes Haar streng zurückgekämmt und zusammengebunden, und war deutlich geschminkt. Sie blickte etwas ratlos umher und steuerte dann auf Walter zu.
Sven bestellte sich noch ein Bier. Er hatte es plötzlich nicht mehr eilig zu gehen.
„Kann ich Ihnen helfen, Miss?“, fragte Walter die Frau mit einem warmen Lächeln.
„Hi, ich bin Ally Wyatt“, stellte sich die junge Frau vor. „Kann es sein, dass ich bei Ihnen ein Zimmer reserviert habe? Auf der Anzeige stand Smith Unterkünfte.“
Walter nickte. „Ach, dann sind Sie wohl die Reporterin aus New York, die sich eine Zeit lang bei uns in Clinton einquartieren möchte?“
Ally nickte.
„Herzlich willkommen in der Stadt. Nennen Sie mich Walter. Die Unterkunft gehört mir und meiner Frau und befindet sich gleich hinter dem Pub. Warten Sie einen Augenblick, dann rufe ich meine Frau an. Sie kann Sie dann abholen kommen.“ Walter entfernte sich in einen anderen Raum.
„Vielen Dank“, rief Ally ihm nach.
Sven beobachtete, wie Ally sich den Barhocker neben ihm nahm. Sie beachtete ihn nicht und ihre Interesselosigkeit machte ihn wütend.
Sie gehörte genau zu der Kategorie Frauen, die er nicht leiden konnte. Sie war schön und vermutlich beruflich erfolgreich. Immerhin kam sie aus New York. Sven vermutete in ihr eine vom Ehrgeiz zerfressene Lady, die für ihren Erfolg über Leichen ging. Jemand, der nur Menschen Aufmerksamkeit schenkte, die ihnen von Vorteil waren. Jemand, der ihn nicht sah und nicht sehen wollte.
„Was führt eine Reporterin aus New York nach Clinton in Iowa?“, fragte er schließlich. Ally blickte ihn skeptisch an. An ihrem Blick konnte Sven erkennen, dass sie nicht zu einem Gespräch mit ihm bereit war.
„Recherchen“, antwortete Ally knapp.
Er konnte nicht weiter nachbohren, denn eine ältere Frau stürmte ins Pub und auf Ally zu.
„Herzlich willkommen in Clinton. Ich bin Anni“, begrüßte sie Ally und reichte ihr zur Begrüßung die Hand. Sven kam zur Überzeugung, dass Anni Walters Ehefrau war.
Ally schenkte ihr ein warmes Lächeln. So ein Lächeln hatte sie für Sven nicht übrig. Heimlich ballte er seine Hände zu Fäusten.
„Wie war Ihre Anreise?“, fragte Anni.
„Ach“, seufzte Ally. „Leider gab es keinen Nonstop-Flug nach Cedar Rapids. Das Leihauto, das ich am Flughafen bekommen habe, hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Aber jetzt bin ich hier.“
„Sind Sie mit dem roten Geländewagen gekommen?“, fragte Anni und deutete nach draußen.
Ally nickte.
„Kommen Sie, ich bringe Sie in Ihre Unterkunft.“
Ally winkte Walter zum Abschied und folgte seiner Frau.
Sven warf sie einen eigenartigen Blick zu. Er fasste ihn abwertend auf. So hatten ihn schon viele Frauen angesehen. Es war dieser Blick, der alles über ihren verschlagenen Charakter verriet. Er liebte es, diesen abwertenden Blick zu erwidern, wenn er sie fesselte, knebelte und vergewaltigte. Er liebte die Angst in ihren Augen, wenn er sein Messer auspackte, und ihnen die Haut aufschnitt und dabei immer tiefer seine Klinge ins Fleisch rammte. Er ließ sich gerne dabei Zeit, denn er wollte nicht, dass seine Opfer zu früh starben. Er genoss es zu sehr, ihnen ihren Stolz und die Überheblichkeit auszutreiben.
Als Ally mit Anni das Pub verlassen hatte, fragte Sven Walter: „Was macht eine Reporterin aus New York hier?“
„Soweit ich es von meiner Frau weiß, will sie einen Bericht über die Opfer des Serienkillers entlang des Mississippi Rivers schreiben.“
Diese Information entlockte Sven ein Lächeln. Diese Frau würde sich nicht an seiner Story bereichern. Dafür würde er sorgen, schon bald.

Blick ins Buch (Leseprobe)

2. Juli 2021

'Beim kleinen Volk' von Gerda Greschke-Begemann

Kindle (unlimited) | Hardcover | Taschenbuch
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Vor den Menschen verborgen lebt ein kleines Volk im Wald. Beim Pilzesammeln hat Frau Gerda den Großvater einer Wichtelfamilie, den klugen Ingbert, vor seinem Wurzelhaus entdeckt. Es gelingt ihr, das Vertrauen der scheuen Waldbewohner zu gewinnen, und ihr wird es als einzigem Menschen erlaubt, am Leben der kleinen Leute teilzunehmen.

Auch ihre freundliche Bulldoggendame Peaches wird von der Familie akzeptiert. Die Menschenfrau und ihre Hündin erleben mit dem kleinen Volk und den Tieren des Waldes die Jahreszeiten mit ihren Wandlungen, feiern gemeinsame Feste und lernen die uralten Traditionen und Bräuche der Waldwichtel kennen. Bei manchen Abenteuern oder Sorgen nehmen die Leute vom kleinen Volk auch gerne menschliche Hilfe an.

Dieses Buch erzählt anschaulich die Geschichten der Besuche beim kleinen Volk; der Blick wird geöffnet für wunderbare Natur- und verborgene Zauberwelten. Besonders amüsant sind die Gespräche zwischen Frau Gerda und Ingbert, dem pfiffigen kleinen Großvater. Menschen, die sich Mitgefühl und Liebe zur Natur erhalten haben, werden die Begegnungen mit dem kleinen Volk lieben!

Anleser:
Heute hatte es ein wenig zu regnen begonnen, als ich zu der Buche kam, wo die Zwergenfamilie wohnt. Dass ich den Zwergengroßvater bei diesem Wetter nicht in seinem Liegestuhl vorfinden würde, war mir klar, aber immerhin hatte meine Peaches-Bulldogge Freude am Spaziergang. Sie lief laut schnüffelnd durch das Unterholz, gerade so, als ob sie mir helfen wollte, noch ein paar Goldröhrlinge zu finden. Hier bei der großen Buche bekam ich Gewissensbisse. Dem kleinen Volk oder anderen Tieren wollte ich doch keine Nahrung stehlen! Während ich unschlüssig hinübersah zu zwei orange leuchtenden Reizkern, hörte ich ein leises Kichern.
„Die kannst du dir nehmen, alte Menschenfrau, davon haben wir längst genug geerntet!“
Etwas empört, weil er mich als alte Frau bezeichnet hatte, starrte ich den Zwerg an, der zwischen den Wurzeln aus dem Eingang getreten war und sich genüsslich reckte.
„Hey, ruf mal deinen dicken Hund zurück, sonst trampelt der noch meinen Schwiegersohn und die Enkel tot“, forderte er mich jetzt auf.
Ich schaute mich um, konnte aber niemanden entdecken – immerhin kam Peaches sofort zu mir, als ich ein Leckerli zückte und ihr gab.
„Das riecht interessant, was dein Hund da bekommen hat. Lass mich auch mal probieren!“
Ich musste grinsen, dieser Zwergenopa litt jedenfalls nicht an Schüchternheit. Ich bückte mich und reichte ihm ein Stückchen, meine Bulldogge konnte ich eben noch am Halsband packen, denn natürlich wollte sie das Leckerli haben. Den kleinen Mann beschnüffelte sie nur kurz, er war tapfer stehen geblieben; offensichtlich vertraute er mir, was mir natürlich gefiel. Zwar verlor der winzige Kerl fast das Gleichgewicht, als Peaches ihn zum Abschluss anschnaubte, doch nachdem er an dem kleinen Stück Hundefutter geschnuppert hatte, sagte er: „Das wird eine hervorragende Suppe! Riecht sehr lecker nach Fleisch. Besser als jeder getrocknete Wurm oder Käfer.“
Er wandte sich einem Loch unter der Baumwurzel zu und ich hatte schon Sorge, dass unser Treffen damit beendet wäre.
Doch dann winkte der Zwergenopa plötzlich und rief: „Da seid ihr ja endlich! Traut euch ruhig heran, diese Menschin ist harmlos.“

Blick ins Buch (Leseprobe)