30. April 2021

'Die Liebe des Schicksalsschreibers' von Gabriele Popma

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
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Gibt es ein Schicksal? Sind im Himmel Engel rund um die Uhr damit beschäftigt, das Schicksal der Menschen zu lenken? Und was geschieht, wenn einer von ihnen auf die Erde kommt, um das Leben einiger Personen gründlich durcheinanderzuwirbeln?

Er ist Schicksalsschreiber und will nicht mehr für Menschen in Kriegsgebieten eingesetzt werden. Als ihm angeboten wird, den Körper eines soeben verstorbenen Unfallopfers zu übernehmen, um das Leben auf der Erde kennenzulernen, sagt er ohne Zögern zu. Doch dann holt ihn, den Schicksalsschreiber, selbst das Schicksal ein. Nicht nur das seines neuen Körpers, sondern auch sein eigenes, von dem er nicht wusste, dass er es je hatte. Und dann erinnert er sich an ein Mädchen …

Eine Geschichte über Schicksal, himmlische Pläne und eine Liebe, die den Tod überdauert.

Anleser:
Gleich würde es passieren. Er wusste, was kommen würde. In wenigen Sekunden würde der kleine Junge, der fröhlich hinter seinem Ball herlief, die Tretmine erreichen. Warum war das Schicksal nur so grausam und warum war er einer von denen, die es durchsetzen musste? Als die Mine explodierte, verursachte es ihm beinahe körperliche Schmerzen, obwohl das unmöglich war. Gerade hatte er ein Leben ausgelöscht. Ein Leben, das eben erst begonnen hatte. Für ein paar Momente war dieser kleine Junge glücklich gewesen. Selbstvergessen hatte er mit seinem Ball gespielt, ohne an den Krieg zu denken, der um ihn herum tobte. Das Spiel hatte ein abruptes Ende gefunden, genauso wie seine Existenz, als er auf die Mine ge-treten war. Wenigstens hatte das Kind nicht leiden müssen. Doch welchen Schmerz hatte er damit über dessen Eltern gebracht? Zumindest war ihr Kummer nicht von langer Dauer, denn der Plan sah vor, dass sie beide noch am selben Tag bei einem Angriff der Rebellen den Tod finden würden. Blieb die Frage, was mit ihrer kleinen Tochter geschehen sollte. Sie war gera-de mal zwei Jahre alt. Sollte sich das Schicksal gnädig erweisen und sie am Leben lassen? War es gnädig, in diesem Gebiet als Waise aufzuwachsen? Oder war es weitaus gnädiger, wenn sie ebenfalls den Tod fand? Immerhin musste er sich an den Plan halten.
Er hasste diese Gedanken. Er hasste diesen Job. Er hasste einfach alles daran.
Wieso war er ständig nur im Kriegsgebiet eingesetzt, wo er die Menschen täglich tödlichen Gefahren aussetzen musste? Er wusste gar nicht, wie lange das bereits seine Aufgabe war. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Vermutlich war es das sogar. Natürlich durfte er auch für bessere Schicksale verantwortlich sein. Wie etwa für das Mädchen, das haarscharf an einer Mine vorbeilief und nie wissen würde, wie nah es einer Katastrophe gekommen war. Oder das junge Paar, das sich beim Aufräumen der Trümmer begegnet war und sich sofort inei-nander verliebt hatte. Sie hatten den Entschluss gefasst, gemeinsam aus der gefährdeten Gegend zu fliehen, und er hatte beschlossen, sie unbehelligt ziehen zu lassen. Wenigstens diese jungen Menschen sollten ihr Glück finden.
Er machte sich auf die Suche nach seinem Boss. Hoffentlich traf er ihn in guter Stimmung an.
»Nanu, was willst du denn hier?«
»Ich ... ich ...« Er fasste sich ein Herz. »Ich möchte ein anderes Einsatzgebiet.«
»So so. Und warum?«
»Ich will nicht immer nur für das Schicksal von Menschen verantwortlich sein, die in Kriegsgebieten leben.«
»Aber die Menschen haben nun mal Krieg. Jedes Schicksal muss geschrieben werden.«
»Das weiß ich. Aber es geht mir an die Nieren, ständig Tod und Schmerz zu verbreiten.«
»An die Nieren? Ich wusste gar nicht, dass du welche hast.«
Sein Chef nahm ihn nicht ernst. Sollten sich Engel wirklich über ihresgleichen lustig ma-chen dürfen? Nun ja, vermutlich konnte auch der oberste Schicksalsengel sein Los nur mit Humor ertragen.
»Kann ich nicht einfach einen Personenkreis haben, dem es gut geht?«
»Den gibt es nicht.«
»Du weißt, was ich meine. Normale Menschen, die nicht täglich vom Krieg bedroht sind, sondern sich nur mit ihren ganz gewöhnlichen Problemen herumschlagen müssen.«
»Und welchen deiner Kollegen soll ich abziehen und ihm deine Aufgabe zuweisen?«
Er seufzte. »Am liebsten würde ich gar kein Schicksalsschreiber sein«, murmelte er.
»Und was willst du dann?« Sein Chef musterte ihn ernst.
»Ich weiß nicht.« Sollte er wirklich mit seinem Wunsch herausrücken? Vielleicht war jetzt seine Chance. »Ich würde gern mal auf die Erde gehen.«
»So, auf die Erde.«
»Ja, ich meine, ich schreibe das Schicksal der Menschen, aber ich war noch nie dort. Ich würde sehr gerne persönliche Erfahrungen sammeln.«
»Und wie stellst du dir das vor?«
»Ich weiß nicht.« Sein frisch gefasster Mut verließ ihn. Vermutlich war es gar nicht mög-lich, dass ein gewöhnlicher Schicksalsschreiber auf die Erde durfte. Er war ja nicht einmal ein Schutzengel.
»Als was möchtest du denn auf die Erde?« Da war er wieder, dieser listige Unterton.
»Als Mensch.« War das nicht klar?
»Als Mann oder als Frau?«
Die Frage brachte ihn aus dem Konzept. »Als Mann«, sagte er nach einigen Momenten. Das kam seinen Gefühlen am nächsten.
»Gut. Deine Bitte sei dir gewährt. Zumindest für eine beschränkte Zeit.«
»Wirklich?« Er konnte es gar nicht glauben. »Und was ist mit meiner Arbeit hier?«
»Es gibt immer Neuanwärter, die eine Aufgabe brauchen. Also wie ist es? Da ist ein Unfall-opfer, dessen Körper du übernehmen könntest.«
»Einen Körper übernehmen?«
»Wie hast du es dir sonst vorgestellt? Als neue Seele auf die Welt zu kommen?«
»Nein.« Ehrlich gesagt hatte er sich gar nichts vorgestellt. Aber ein Unfallopfer?
»Die Seele wird bereits abgeholt. Du musst dich schnell entscheiden, sonst ist der Körper tabu.«
»Ich mache es. Danke.«

Lange Leseprobe

29. April 2021

'Schicksalspfad des Tempelritters - Band 1: Dedericus' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Buchreihe | Autorenseite
Anno Domini 1225 liegen weite Gebiete Europas in Schutt und Asche, bluten aus im gnadenlosen Krieg um Macht und Religion. Inmitten der Schlachten und Ränkespiele kämpft der junge Tempelritter Dedericus de Loen seinen eigenen Kampf, hin- und hergerissen zwischen Ordenspflicht, Liebe, Glaube und Zweifeln ...

Lesermeinung: Je länger man liest, desto mehr Spannung kommt auf, ohne dass sie nochmal abreißt. Die begleitende Vermittlung historischer Informationen fand ich sehr gut.

Anleser:
Nichts wies an diesem Tage im Jahre des Herrn 1225 auf das drohende Unheil hin. Sicher, vom Isenberg kommt nur der Teufel, sagte das Volk. Schon in seiner Kindheit lauschte Dedericus mit Schaudern den Geschichten über derer von Isenberg, die sich die Mägde in der Küche erzählten.
Der Teufel tanze des Nachts im Mondenschein um deren Burg. Werwölfe und Hexen raubten den Dörfern um diesen Schreckensort die Kinder und Mägde.
Die Geister der verlorenen Seelen hörte man des Nachts in den Wäldern heulen und jammern.
Aber nicht der Teufel, nicht Hexen und Werwölfe kamen mit dem Isenberg, er kam mit Feuer und Schwert über ihre Burg.
Ramus de Loen eilte auf den Turm und rief die wenigen Männer zur Verteidigung. Sein Sohn, Dedericus, bekam die Aufgabe, die Frauen und Kinder im Turm zu sammeln und zur Ruhe zu bewegen.
In kurzer Zeit stand alles in Flammen, auch der Turm konnte nicht vor den geworfenen Fackeln und den Brandpfeilen der Isenberger Mannen behütet werden.
Der Rauch biss unerträglich in den Augen und die Hitze der brennenden Bodenbohlen auf den Etagen kam immer näher. Das Bersten der Tragbalken und die einstürzenden Böden stoben Kaskaden von Funken immer tiefer in den Turm hinein.
Die Männer bemühten sich vergeblich, die brennenden Etagen zu löschen und zogen sich in ihrem Kampf immer weiter in die Tiefe des Turmes zurück.
Ein Balken des letzten Bodens stürzte brennend auf Dedericus Schwester. Mit einem Aufschrei des Entsetzens stürzte die Gräfin De Loen durch den beißenden Rauch und Funkenregen in die Flammen des brennenden Balkens, um ihr Kind zu retten.
Sie spürte nicht, wie die heiße Asche ihre Kleidung und Haut umfing. Ignorierte den Schmerz der Glut unter ihren Knien.
Dedericus sah die Männer seines Vaters den Balken von dem zerschmetterten Körper zerren, während sein Vater die brennenden Kleider seiner Mutter mit seinem Umhang zu löschen suchte.
Dieses unglaubliche Inferno um ihn herum, das Schreien, Weinen, die Gluthitze der Flammen, umgeben von Rauch und Funkenflug, ließ ihn erstarren. Das Geschehen schien ihm wie ein schrecklicher Traum, nicht wahrnehmend, dass dieser Albtraum in den Tag entsprungen war.
Der harte Griff eines Mannes erfasste seinen rechten Arm und zog Dedericus durch das Inferno. Er folgte ohne Willen und Verstehen. Dem Schock des Entsetzens ergeben.
Der junge De Loen sah, wie er in den schmalen Einstieg des Fluchtganges des Turmes gezerrt wurde, wie Knechte an ihm vorbei stürmten, um die schweren Eichenflügel des Durchganges zu versperren.
Immer tiefer wurde er in die Finsternis des Ganges gezogen. Dedericus vernahm, wie sein Vater den Befehl gab, die Stützpfeiler vor dem Gang einzubrechen. Sah Männer in der Dunkelheit verschwinden und hörte die dumpfen Schläge von Hämmern auf das schwere Holz des Gebälks.
Das Bersten der Stützen und das Geräusch des einstürzenden Ganges ließen den Boden unter seinen Füßen erbeben.
Als die Flüchtenden von dem Staub des eingestürzten Erdreiches erreicht wurden, kam erneut Leben in den Körper des jungen Mannes.
Mit einem heftigen Ruck befreite sich Dedericus von dem schmerzenden, eisernen Griff des Mannes, der ihn durch den Tunnel zog.
Mit raschem Schritt folgte er dem kaum vorhandenen Schein einer fast erloschenen Fackel. Es erschien Dedericus wie eine Unendlichkeit, bis sie zum Ausgang des Fluchtweges gelangten.
Einige der Männer hoben in schier übermenschlicher Anstrengung die schweren Bretter über ihren Köpfen, welche von dickem Erdreich bedeckt waren, aus ihren Fugen.
Von außen war der Ausgang nicht vom restlichen Waldboden zu unterscheiden.
Als die Abdeckung aufgestoßen war, stiegen die Fliehenden über die rutschigen, unebenen Stufen hinauf in den Wald, nahe dem Hellweg.

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27. April 2021

'Biss zum Tod' von Janette John

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»Nicht das Geld verdirbt den Charakter, sondern die Gier.« Janette John

Wenn DU etwas besitzt, lass andere daran teilhaben,
erst dann macht es DICH glücklich.


Seit Jahren stehen in Konstanz drei Villen leer. Sie befinden sich in bester Lage direkt am See. Hundebesitzer nutzen ihre verwilderten Gärten heimlich zum Gassigehen und Liebespärchen für einen Unterschlupf. In unmittelbarer Nähe steht das Anwesen von Baronin van den Veert, die der Bridgegruppe von Charlotte Kaufmann und Maria Schulz angehört.

Als die Adlige immer wieder seltsame Anrufe erhält, werden die Hobbydetektivinnen hellhörig und beginnen, auf eigene Faust zu ermitteln. Dass ihre Neugier zu Spekulanten führt, ist ihnen nicht bewusst, genauso wenig, dass der Leerstand der Häuser nur einem Zweck dient und ebenso eine blutrünstige Spur nach sich zieht.

Biss zum Tod – Wenn ein Leben nichts zählt.
Der 15. Fall der Kripo Bodensee.

Anleser:
»Ich hoffe, ich mache das Richtige.«
Er sah sie an und blinzelte mit mandelbraunen Augen, die ihr signalisierten, dass sie es wohl tat. Seine gebräunte Hand hatte er längst auf die ihre gelegt, welche mit Altersflecken übersät war. »Das tust du, meine Liebe, das tust du.« Er zwinkerte ihr zuversichtlich zu, nickte und presste die Lippen zu einem wohlgefälligen Lächeln. Sogleich vernahm er das Kratzen ihres Füllfederhalters, den sie zitternd über das Dokument führte.
»Geschafft.« Sie atmete ruhig, während sich sein Blick verfinsterte. »Was ist mit dir? Jetzt hast du, was du wolltest. Endlich wird Konstanz ein neues …« Doch der Satz erstarb und die Tasse, aus der sie soeben einen Schluck Kaffee getrunken hatte, fiel auf den Tisch, genau wie ihr Kopf.
Er sah auf die Uhr. Zwanzig Minuten musste er warten, bevor er ging. Zwanzig Minuten, in denen er sie in ihr Schlafzimmer bringen würde, die Kleidung auszöge, um ihr dann ein Nachthemd überzuziehen. Die Seniorin war nicht schwer, eigentlich ganz leicht, weil sie zeit ihres Lebens auf die Figur geachtet hatte, was ihm jetzt zugutekam.
Er musste ausharren. Heute, das wusste er, käme niemand mehr zu Besuch. Erst am nächsten Morgen würde die Putzfrau erscheinen. Bis dahin war er über alle Berge. Er griff zum Handy, entsperrte es und tippte nur wenige Worte auf das Display, um es dann zurück in die Tasche zu stecken. Von nun an hieß es Geduld haben, Zeit vergehen lassen und sich seinem anderen Opfer widmen, das eine Haustür entfernt von hier wohnte.

Am nächsten Morgen
Nadja hatte den Arzt gerufen. Schon vor einer halben Stunde. Sie kannte seine Nummer, weil Frau Schottmüller ihn auf einen Zettel geschrieben hatte, welcher gut sichtbar an der kleinen Infotafel hing. Die alte Dame hatte immer wieder über Schmerzen geklagt, sodass sie beruhigt war, wenn die Angestellten Kenntnis davon hatten, wie der Arzt zu verständigen war.
Die russischstämmige Putzfrau sah auf die Uhr. Wann kam er nur? Sie empfand die Gegenwart einer Toten, wenngleich sie diese kannte, als unangenehm. Zu gehen, kam ihr nicht in den Sinn, obwohl sie unentwegt daran dachte. Sie betrachtete Frau Schottmüller, die im Bett lag und den Eindruck vermittelte, als würde sie schlafen. Dass es nicht so war, davon hatte sich Nadja längst ein Bild gemacht, indem sie den Puls gefühlt hatte. Sie hatte den Arzt angerufen, der seit geschlagenen vierzig Minuten auf sich warten ließ.
Es war still, lediglich das Ticken der Uhr war zu hören.
Tack, tack, tack.
Normalerweise achtete Nadja nie auf das Geräusch, nur jetzt bekam sie den Eindruck, als würde es sich in ihr Gedächtnis brennen, genau wie die Tote neben ihr. Sie erledigte bloß ihre Arbeit. Doch in Anbetracht einer Leiche wollte ihr die Routine nicht von der Hand gehen. Putzen konnte sie ohnehin nicht. Für einen kurzen Augenblick dachte Nadja an Mord. Immerhin hatte sie viele Krimis gesehen, in denen man reichen Ladys an den Kragen ging. Nur wieso Frau Schottmüller? Sie hatte keine Kinder und mit der Verwandtschaft, so hatte ihr die alte Dame im Vertrauen erzählt, sah es nicht rosig aus. Einen Bruder gäbe es, zu dem sie nie Kontakt gehabt hatte. Und jetzt lag sie tot neben ihr. Schließlich war ihre Arbeitgeberin recht betagt und hatte ihren fünfundachtzigsten Geburtstag unlängst gefeiert. Ein gutes Alter, um dem Tod ins Auge zu blicken. Wo zum Teufel blieb der verdammte Arzt? Nadja hatte noch woanders zu putzen und sollte längst dort eingetroffen sein.
Als es klingelte, zuckte sie zusammen. Sie lief zur Tür und ließ den Herrn mit grau meliertem Haar und Brille eintreten.
»Guten Tag«, gab sie sich Mühe, höflich zu sein, obschon sie ihm gerne etwas anderes gewünscht hätte. »Kommen Sie!« Sie ging voran. Er folgte ihr. »Ich habe Frau Schottmüller heute Morgen so vorgefunden«, versuchte sich Nadja, sofort in gebrochenem Deutsch zu verteidigen.
»Ja ja, schon gut«, tat der Arzt ihre Unsicherheit ab und betrat das Schlafzimmer der Seniorin, deren Erscheinung sein erstes Resümee abforderte. »Sie wirkt sehr entspannt. Augenscheinlich ist hier alles in bester Ordnung. Lassen Sie uns bitte einen Moment alleine«, was dazu führte, dass Nadja das Zimmer verließ und die folgende halbe Stunde wie auf heißen Kohlen in der Küche ausharrte. Dass sie sich eine Zigarette angezündet hatte, bemerkte sie erst, als sie der Arzt darauf hinwies und ebenso sagte: »Ich kann Sie beruhigen, Frau Schottmüller ist dem Herrgott in aller Seelenruhe gegenübergetreten.«<
»Das ist gut. Ich geh dann jetzt, hab noch Termine.«
»Ja, tun Sie das. Ich verständige das Beerdigungsinstitut. Gibt es jemand, der sich um die Beerdigung kümmern kann? Kinder, Freunde? Einen Ehemann gab es nicht, oder?«
»Nein, sie wohnte alleine. Ich lasse Ihnen den Schlüssel da. Ich schaue nachher noch mal rein. Für den Fall, dass Sie mich sprechen wollen, hier ist meine Handynummer.« Nadja schrieb sie auf einen Zettel und verließ das Haus.

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19. April 2021

'Eisige Fehde (Der weiße Kristall 1)' von Florian Clever

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Florian Clever
Der Söldner Molovin ist eine lebende Waffe. Zum Winteranfang gerät er in der nördlichen Provinz an übernatürliche Kräfte: Ein kriegerischer Herzog will den ›Weißen Kristall‹ an sich reißen, den mächtigsten magischen Stein aller Zeiten. Molovin muss sich entscheiden – Befehle befolgen oder mit allen Regeln brechen und sich gegen seinen herzoglichen Auftraggeber stellen. Das Schicksal des ganzen Nordens steht auf dem Spiel.

Anleser:
Der Südländer
Die Schlacht tobte schon den ganzen Abend. Längst war die Sonne hinter den Berggipfeln verschwunden, der Schnee ergraut, die Gesichter dunkel. Im flackernden Schein von Feuern und Fackeln glänzte roter Matsch, darin Erschlagene als verkrümmte Klumpen. Das Feld zeigte erste Lücken, auf beiden Seiten. Krieger und Kriegerinnen wankten vorbei, umsichschlagend, manchmal gezielt, meist wahllos. Die Reihen der Truppen hatten sich aufgelöst und vereinzelte Knäuel der Gewalt gebildet. Es ging nicht mehr um Taktik, nur noch darum, wer den größeren todesverachtenden Willen aufbrachte. Die kältere Entschlossenheit.
Die Männer trugen Bärte und, wie die Frauen, langes Haar, das nun verklebt war von Schweiß und Blut. Eine der beiden Parteien zeichnete sich durch Tätowierungen aus. Die Motive unterschieden sich, verdeutlichten jenen, die sie deuten konnten, die Clanzugehörigkeit. Mittlerweile aber waren alle gleich geworden, die Gesichter verzerrt und rotbraun verkrustet, die Kleidung durchtränkt. Es kam vor, dass Kameraden aus Versehen ihre Kameraden erschlugen. Die Schreie hatten nachgelassen, jeder Atemzug war kostbar geworden. Nur die angestachelten Kriegsbüffel aus Borak, dem nördlichen Herzogtum, brüllten in Weißglut, dass es weit über die Heide trug. Die wolligen, gehörnten Häupter gesenkt, brachten die Büffel Schrecken unter die Fußtruppen der Siraker. Keine Speerspitze war so hart, dass sie die Schädelplatte eines herandonnernden Büffelbullen durchdringen konnte. Das Scheppern von Metall auf Metall hallte weit über die verschneite Ebene, wenn Schwerter auf Schwerter trafen, Äxte auf eisenbeschlagene Schilde oder auf stahlverstärkte, mit Hörnern geschmückte Helme. Navenva, die zürnende Göttin des Krieges, konnte zufrieden sein. Sirak und Borak, die beiden großen Lehen der nördlichen Provinz, hielten ihr zu Ehren eine tödliche Messe ab.
»Koshk!«, rief der sirakische Hauptmann. »Fäar! Gilian! Und du! Wie heißt du?«
»Utgar«, antwortete der Vierte.
»Kommt mit mir!«
Die versprengten Männer scharten sich um ihren Anführer. Sie waren hinter die feindlichen Linien geraten, hatten mit viel Glück überstanden, was eigentlich Selbstmord gleichkam: Sie hatten die Büffelphalanx der Boraker überwunden, waren dem stampfenden Tod von der Schippe gesprungen. Jetzt begannen sie ihr geschenktes zweites Leben exakt auf die Weise, wie sie das erste hinter sich gelassen hatten: mit einem Bein im Grab, mit dem anderen auf dem Sprung.
»Wir greifen ihre Kommandostellung an«, befahl der Hauptmann. »Der Hügel ist nah!«
Keiner seiner vier Gefolgsleute erhob Einspruch. Als sie losgestürmt waren, um die Reihen der Büffelreiter zu durchbrechen, war ihr Trupp fünfzig Mann stark gewesen. Jetzt waren sie zu fünft. Niemand von ihnen hatte noch Erwartungen an den nächsten Tag. Jeder der fünf wäre schon dankbar für schnellen Frieden durch einen sauberen Hieb oder einen wohlgezielten Stich mit Boraker Eisen. Keiner litt gerne lange vor dem Ende, auch nicht die hartgesottensten Waffenknechte.
»Eine gute Nacht, um draufzugehen«, sagte Koshk, der zwei Kurzschwerter gekreuzt auf dem Rücken trug. Wenn der Herzog von Sirak ihn nicht zum Kämpfen einzog, war er Fischer an der Salzküste. Für einen Fischer focht Koshk wie ein Dämon. Wie geschickt musste er erst mit seinen Netzen sein?
»Maul halten!«, knurrte der Hauptmann. »Wenn sie uns zu früh bemerken, war alles umsonst!« Er begann, einen Bogen nach Nordosten zu schlagen.
Links von ihnen zeichneten sich die Standarten der Boraker auf einer Anhöhe ab. Die stark geschrumpfte Zahl ihres Stoßtrupps brachte nun auch einen Vorteil: Borak sah sie nicht kommen. Ihre Fackeln waren von den Büffeln in den Boden gestampft worden, die Nacht schluckte sie. Schweigend umrundeten die Fünf den Hügel mit den Feldzeichen der verhassten Nordmänner darauf. Irgendwann hatten sie sich dabei so weit vom Hauptgeschehen entfernt, dass die Kampfgeräusche hinter ihnen zurückblieben und sie den Schnee unter ihren Sohlen wieder knirschen hörten.
Als der Hügel komplett zwischen den Fünfen und dem Schlachtfeld lag, bedeutete der Hauptmann ihnen, hintereinander zu gehen. Die Standartenträger auf der Kuppe kehrten ihnen jetzt den Rücken zu. Der Himmel hatte sich vollständig verfinstert, Wolken waren aufgezogen. Neumond. Perfekt. Sie würden aus der Schwärze kommen, aus dem Hinterhalt, pirschenden Wölfen gleich.
Wie viele Speere mochten auf dem Hügel ringsum den Boraker Feldherrn sein? Zehn? Zwanzig? Utgar wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Mit der Nacht kam die Kälte. Trotzdem schwitzte er wie in der Mittagshitze eines sonnigen Julitages. Die Anspannung und die Strapazen des Gefechts überwogen den frostigen Atem des jungen Winters. Koshk trug einen frischen Verband unter dem Helm. Gilian hielt sich die verletzte, unversorgte Seite. Eigentlich war er Jäger und Fallensteller, im Süden, in den Auen des Flusses Tjärn. Jetzt jagte Gilian Menschen. Der Hauptmann humpelte. Was er machte, wenn einmal nicht gekämpft wurde, wusste keiner von ihnen genau. Die generationenalte Fehde zwischen Borak und Sirak ließ einem Soldaten des Herzogs nicht viel Zeit für Müßiggang, und der Hauptmann war ganz und gar des Herzogs Knecht. Er hatte nicht erst eigens für diesen Feldzug eingezogen werden müssen, wie die anderen.
Utgar ging als Letzter. Vor ihm bebten Fäars Schultern. Der blonde Hüne schluchzte tonlos. Das passte nicht zu ihm: Fäar hatte fendrische Wurzeln, er konnte daumendicke Eisenstangen mit bloßen Händen verbiegen.
Ein eisiger Westwind trug ihre Witterung und die wenigen Geräusche, die sie machten, in die richtige Richtung fort, weg von dem Hügel. Die Hunde des feindlichen Feldherrn würden nicht anschlagen – nicht, ehe der Tanz begann. Boraker Graupelze würden es sein, hüfthoch, jeder von ihnen stark wie ein Berserker und mindestens ebenso wild. Eine kleinere Rasse nahmen die Nordmänner nicht mit in den Krieg. Es hieß, dass die Graupelze selbst in myrworischem Stahl Zahnabdrücke hinterließen, wenn sie zubissen.
Die meisten Sorgen aber machte Utgar und den anderen der Magier. Die ›Boraker Fackel‹.
Vor allem seinetwegen waren sie im Begriff, diese Schlacht zu verlieren, obwohl sie anfangs fast doppelt so zahlreich wie die Nordmänner gewesen waren. Wer es durch die Büffelphalanx geschafft hatte und dahinter in den Fokus des Magiers geraten war, hatte sich in eine Feuersäule verwandelt. Ein Siraker weniger, während die Zauberflammen und die Todesschreie den Büffeln die Panik in den Leib gejagt und sie endgültig rasend gemacht hatten. Es hieß, er wäre ein Ordensmagier. Ein Geheimnishüter. Borak scheute keine Kosten, um den Feind im Süden in die Knie zu zwingen.
Der Schlachtenlärm auf der anderen Seite entfernte sich weiter. Die meisten Siraker schienen sich zurückzuziehen. Ein loser, ungeordneter Rückzug würde es sein, getrieben wie die dunklen Wolken von der steifen Brise. Es lag Neuschnee in der Luft, vielleicht sogar ein Blizzard.
Fäar weinte, weil sein Bruder vorhin eine dieser Feuersäulen gewesen war. Jetzt war der Bruder nur noch Asche im Schnee. Sie alle würden bald nur noch Asche im Schnee sein, wenn nicht vorher Boraker Äxte sie niederschlugen oder die Graupelze sie zerfleischten. Es sei denn, sie würden den Zauberer vorher kriegen. Er war ein Ordensmagier, Utgar wusste das mit Bestimmtheit. Ein Eingeschworener – kein Tabaksaft rotzender Druide aus den Bergen. Der Magier dort oben auf der Kuppe brauchte für seine Kampfzauber kein Ziegenblut, kein Brimborium. Er hob nur die Hand und Menschen brannten. Die Schatzkammer des Herzogs von Borak musste leer sein, wenn der Fürst der Nordmänner einen Geheimnishüter gekauft hatte, der seinen Arsch für ihn riskierte. Es brachte keine Ehre, eine Schlacht auf diese Weise zu gewinnen. Und es war kein ehrenhafter Tod, so zu sterben.
Sie schlichen aufwärts, Schatten in der Finsternis. Zu den Standarten über der Wölbung des Hügels gesellten sich die Köpfe des Boraker Kommandos, die Schultern, zuletzt Rümpfe und Beine. Der Feldherr saß zu Pferd, umgeben von seinen Wachleuten.
Koshk und Gilian streiften ihre Bögen ab und legten Pfeile ein. Der Hauptmann nickte ihnen zu und es ging los.
Einer der Wachtposten brach mit Gilians Pfeil im Hals zusammen. Die zweite Wache fällte der Hauptmann mit seinem Wurfbeil. Koshk ließ die Sehne schnellen und erwischte den Feldherrn. Der Gaul bäumte sich auf.
Fäar hatte die längsten Beine, er erreichte die Stellung vor Utgar. Die Arme des Hünen schienen jetzt doppelt so lang und fest miteinander verwachsen: Fäars Breitschwert, das er beidhändig schwang. Utgar hieb einen Boraker nieder und erkannte, dass es eine Frau gewesen war. Die Leibwache des Feldherrn bestand aus Schildmaiden. Leichter wurde es deshalb nicht, im Gegenteil: Fäar schaffte noch zwei Gegner, ehe das Überraschungsmoment verstrich, sie ihn in die Zange nahmen und mit zwei Speeren gleichzeitig durchbohrten. Der Hüne packte beide Schäfte und riss die Frauen mit sich zu Boden, kämpfend noch im Tod.
Auf dem tänzelnden Pferd hing der Feldherr gekrümmt im Sattel und tastete nach dem Pfeil zwischen seinen Schulterblättern. Plötzlich war doch wieder Atem für Schreie da.
Utgars Augen suchten den Hügel ab. Wo war der Magier? Er würde ohne Rüstung, Helm und Waffe sein ...
Mit einem Tritt schickte er eine Schildmaid in den Schnee und hackte gleich darauf nach einem geifernden Graupelz. Er brauchte zwei weitere Schwerthiebe, ehe die Kriegerin und der riesige Hund liegen blieben. Koshk hatte seinen Bogen fallen gelassen und zog gleich drei Schildmaiden auf einmal auf sich. Seine Streiche waren so schnell, dass er vier statt zwei Kurzschwerter zu schwingen schien. Gilian war der beste Schütze und streckte seine Ziele aus der Dunkelheit nieder.
Bis der Jäger in Flammen aufging.
Utgars Blick folgte der Linie zwischen seinem lodernden Kameraden und der Hügelkuppe zurück zu dem Brandstifter. Der Magier löschte die Flamme um seine Rechte mit einem schnappenden Luftgriff. Für einen Wimpernschlag hatte das Zauberfeuer das Gesicht unter der Kapuze erhellt. Das Gesicht mit den einfarbigen Augen eines Eingeschworenen. Die Augen eines Monsters in Menschengestalt, wenn man glaubte, was sie in Sirak furchtsam wie hasserfüllt über diesen Mann erzählten.
Auch der Hauptmann hatte den Magier nun entdeckt. Er riss sein Wurfbeil aus der toten Schildmaid und schleuderte die Waffe mit links, da sein gepanzerter Schwertarm die Axt einer Angreiferin abwehren musste. Das Beil verfehlte den Magier um zwei Schritt. Trotzdem wich der Robenträger geduckt zurück.
Feigling!

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14. April 2021

'Die Träume des Unheils' von Alexander Drews

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Können Träume die Realität verändern?

Der Aufenthalt bei seinem Freund Rick im spanischen Niemandsland sollte für Zach eine entspannte Auszeit werden. Doch eine skurrile Villa und die Begegnung mit einer Psychopathin ziehen ihn bald in einen eigenen Albtraum, in dem sich Realität und Wirklichkeit kaum mehr voneinander unterscheiden lassen. Bald liegt es an ihm, eine weltweite Katastrophe zu verhindern.

Anleser:
»Okay!«
Nur ein Wort, aber genau jenes kostete fast 600 Menschen das Leben. Dabei war es dieses »Okay!«, auf das Flugkapitän Van Zanten so lange gewartet hatte.
Sie hätten schon längst wieder auf dem Rückflug sein sollen. Aber irgendwelche Spinner mit einer Bombendrohung und die übervorsichtige Guardia Civil, die daraufhin den gesamten Airport Gran Canarias gesperrt hatte, waren offensichtlich anderer Meinung. Und nun saßen sie hier auf einem Provinzflughafen Teneriffas fest. Wenigstens hatte Van Zanten die Zeit zum Volltanken nutzen können. Mit dieser Tankfüllung würden sie locker bis Gran Canaria und danach zurück nach Amsterdam kommen, ohne noch einmal Sprit nachschütten zu müssen. Das reduzierte die Verspätung immerhin um eine halbe Stunde.
Van Zanten blickte auf seine Armbanduhr und sah dem Sekundenzeiger bei seinem Lauf zu. Es würde trotzdem knapp werden. Zeit dominierte seinen Beruf. Wenn sie nicht bald abhoben, würden sie zu spät auf Gran Canaria landen. Dann würden er und seine Crew die Zehn-Stunden-Regel brechen müssen, wollten sie heute Abend noch nach Hause kommen – und die KLM verstand da relativ wenig Spaß.
Und weshalb?
Weil heute einer dieser Tage war, an dem alles zum anderen kam.
Erst die Bombendrohung. Zeitverzögerung.
Dann die Sperrung inklusive Umleitung. Riesen Zeitverzögerung. Dann die junge Frau, die unbedingt hier aussteigen wollte, obwohl sie beim Start der Maschine gar nicht hatte wissen können, dass sie heute auf Teneriffa landen würden. Eigentlich keine Zeitverzögerung, da sie ohnehin warten mussten, aber trotzdem nervig.
Dazu die Enge des Flughafens, den sich nun sechs Großflugzeuge teilen mussten, obwohl er dem Anschein nach nur für Sportflugzeuge, bestenfalls noch für die Mini-DCs ausgelegt war, aber nicht für eine Boeing. Der einsetzende Nebel, der den Flughafen langsam aber sicher in eine Waschküche verwandelte. Und um das Maß vollzumachen: Die Piloten der Pan-Am-Maschine, die kurz nach ihm gelandet war. Sie waren ihm und seiner Maschine schon beim Tanken auf die Pelle gerückt, als ob sie sich an ihm vorbeiquetschen wollten. Als wenn man hier mit einer Passagiermaschine überholten könnte wie auf einer dreispurigen Autobahn.

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13. April 2021

'Ein Auftrag kommt selten allein' von Maria Resco

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Nina Thaler platzt fast vor Stolz, als sie mit ihrem Büroservice den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Jetzt fehlen nur noch ein paar lukrative Aufträge. Freundin Britta, reich verheiratet und stets gelangweilt, sagt ihre volle Unterstützung zu, Nina aber sieht das mit gemischten Gefühlen. Einerseits verfügt Britta über jede Menge vielversprechender Kontakte, andererseits mischt sie gerne mit, und meistens leider mehr als nötig.

Als die erste Anfrage ausgerechnet von der neureichen Familie kommt, mit der Britta im Clinch liegt, steckt Nina in der Zwickmühle. Sie kann es sich unmöglich leisten, den Auftrag auszuschlagen, Loyalität hin oder her. Kurzerhand sagt sie zu, Britta muss ja nichts davon erfahren. Doch diese kleine Schwindelei bringt sie mehr und mehr in die Bredouille. Wie hätte sie auch ahnen können, dass Britta ihr einen Auftrag nach dem anderen zuschustert, weil sie glaubt, Nina habe nichts zu tun? Da ist Kreativität gefragt.

Anleser:
»Nina, du sollst zum Chef.«
Überrascht blicke ich von meinem aufgeräumten Schreibtisch auf, als Camilla, meine liebenswerte, aber vollkommen unorganisierte Kollegin mir diese Nachricht übermittelt. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als mir die Tragweite dieser Mitteilung bewusst wird. Der Chef will mich sprechen! Der Chef! Ostermann! Persönlich! Ich schnappe nach Luft, während ich schon vor mir sehe, wie er von seinem schwarzen Ledersessel aufspringt, als ich sein Büro betrete, und mich ehrfürchtig an den Besprechungstisch geleitet. Ich habe es verdient, ich habe mein Bestes gegeben! Ich habe das Chaos, das ich vor zweieinhalb Monaten übernommen habe, komplett umstrukturiert und in ein perfekt durchorganisiertes, idiotensicheres System verwandelt. Jetzt ist es so weit, die Mühe zahlt sich aus. In wenigen Minuten halte ich meinen unbefristeten Arbeitsvertrag inklusive Gehaltserhöhung, dreizehntes Monatsgehalt, Urlaubs- und Weihnachtsgeld in Händen. Diesmal ganz gewiss, ich habe ein megasupergutes Gefühl.
Ich stehe auf, schiebe meinen Rock zurecht, prüfe meinen Bob im Taschenspiegel und ziehe die Lippen nach.
»Wünsch mir Glück«, sage ich zu Camilla, dann werfe ich den Kopf in den Nacken, marschiere siegessicher den langen Flur entlang und klopfe an Ostermanns Bürotür.
»Ja, bitte!«
Ich straffe die Schultern nochmal, öffne die Tür und trete ein. »Sie wollen mich sprechen?«
»Frau Thaler, setzen Sie sich doch.« Er springt nicht auf, weist nur lax auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und macht sich nicht einmal die Mühe aufzublicken. Mit dem Montblanc-Füller in der Hand blättert er in der Korrespondenzmappe, die Camilla ihm gerade gebracht hat, und setzt hier und da seinen Friedrich-Wilhelm drunter.
Während er mich warten lässt, fast schon ignoriert, gleitet mein Blick suchend über seinen Schreibtisch. Ja, da liegt sie, meine Personalakte fett beschriftet mit Nina Thaler. Es geht tatsächlich um meine Zukunft. Erleichtert atme ich auf. Er blättert in der Korrespondenzmappe weiter, ich drücke die Knie aneinander. Das mache ich immer automatisch, wenn ich unter Anspannung stehe. Und gerade jetzt in diesem Moment ist meine Anspannung unermesslich groß. Am liebsten würde ich ihn unterbrechen und herausposaunen: »Ich bin mit allem einverstanden! Wo soll ich unterschreiben?«, doch alles, was meinem Mund entweicht, ist ein dezentes Räuspern.
Na endlich, er schraubt die Kappe auf den Füller, schließt die Mappe und blickt mich über seine Lesebrille hinweg an.
»Frau Thaler. Ich denke, Sie wissen, warum ich Sie hergebeten habe?«

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9. April 2021

'Die Geschenke meiner dunklen Seele' von Simone Gütte

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Simone Gütte
Jede Seele hat ihre Hausaufgaben zu machen.

Sonnenseeles letztes Erdenleben endete tragisch: Sie verlor ihr Selbstvertrauen. Um es zurückzugewinnen, beseelt sie – nun frei von belastenden Erinnerungen – erneut ihren Menschen Clara Susann Wunderlich. Nach der Trennung ihrer Eltern lebt Clara bei ihrer Mutter. Sie unterstützt und tröstet sie, stellt dabei jedoch ihre eigenen Wünsche zurück.

Sonnenseele versucht, Claras Sehnsüchte anzufachen, aber ihre Impulse verpuffen. Das hat Folgen. Ihre dunkle Schwester greift ein. »Selbstvertrauen lernt Clara in Beziehungen«, meint diese. Als der Zwanzigjährigen dann gleich zwei Männer begegnen, spielen nicht nur ihre Gefühle verrückt …

Claras sanfte Rebellion – erzählt aus Sicht ihrer sonnigen Seele.

Anleser:
In der Geborgenheit des Universums
Eins

Larry kippte ein Glas Wein auf ex und torkelte zur Garage. »Claire Sue, wo steckst du? Wir dürfen das Firmenjubiläum nicht verpassen. Das kann ich mir nicht leisten.«
Ärgerlich sah ihm Claire hinterher. »Firmenjubiläum? Das soll wohl ein Witz sein. Dir ist klar, dass die Whiskey schmuggeln, oder? Die strecken das Zeug und liefern es an illegale Kneipen. Dafür wollen sie dich. Wenn du beim Schmuggeln erwischt wirst, wanderst du ins Gefängnis!«
»Misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein!«, gab Larry barsch zurück und bereute es sogleich. In etwas milderem Tonfall fuhr er fort: »Versteh mich bitte, wir brauchen das Geld. Ich tue das für uns. Vertrau mir.« Flehentlich blickte er seine Frau an.
Er hatte Angst, das wusste Claire Sue. Sein Boss war ein hohes Tier im Whiskeygeschäft, und Larry wollte seinen Job um jeden Preis behalten. Das Haus, ihr Lebensunterhalt, sie selbst – alles war von seinem Geld abhängig.
Schon immer hatte sie zu ihm aufgeschaut. Sie bewunderte seine Entschlusskraft, seine Unabhängigkeit, seine Energie, die Dinge anzupacken. Larry war ihre große Liebe. Seit seiner Anstellung in Fosters Zementfabrik kamen ihm diese Eigenschaften zunehmend abhanden. Claire hatte dies mit Unbehagen beobachtet, wagte jedoch keinen Widerspruch.
»Ich stehe dir bei Larry, aber sag das ab. Wir schaffen das. Ich bitte meine Eltern um Geld.«
»Harriet und John?«, fragte Larry und blickte an ihr vorbei. »Bei unserer Hochzeit musste ich versprechen, für dich zu sorgen, erinnerst du dich? Und John um etwas bitten? Das kannst du vergessen. Von Anfang an hat er behauptet, ich wäre nicht der Richtige für dich. Ich ließe dir keine Freiheit und so einen Blödsinn. Nein, wir müssen das allein regeln. Ich muss das allein regeln.«
Er wandte sich um und stieg in den alten Ford V8. Claire folgte ihm widerwillig.
So langsam komme ich mir wie ein Anhängsel vor, dachte sie missmutig. Meine Meinung zählt nicht.
Sie sah kurz zurück. Seit sie sich das Haus am Stadtrand geleistet hatten, waren sie hoch verschuldet. Dennoch, es war falsch, ja, es war verboten, Whiskey zu schmuggeln. Foster würde nie ein Risiko eingehen, war sie sich sicher. Larry mit seinem Schuldenberg würde er leicht überreden können.
Die Weltwirtschaftskrise macht die Menschen zu Kriminellen, wusste Claire.
Seufzend nahm sie auf dem Beifahrersitz Platz. Ohne ein weiteres Wort startete Larry den Wagen und fuhr zur Lagerhalle, die Foster eigens für das »Firmenjubiläum« gemietet hatte.
Foster und seine Frau Jude begrüßten das Ehepaar überschwänglich. Obwohl Larry noch nicht zugesagt hatte, war sich Foster seiner Sache sicher. Er klopfte ihm auf die Schulter. »Erfreulich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Folgen Sie mir. Claire Sue, Sie können am Tisch meiner Frau Platz nehmen.«
Claire spürte Judes Blicke, die über ihre Frisur und ihr schlichtes Kleid glitten bis hinab zu ihren abgewetzten Sandaletten. Claire wusste, sie war weder modisch noch dem Anlass entsprechend gekleidet. Jude entließ sie mit einem knappen Kopfnicken und begrüßte weitere Gäste.
Kurze Zeit später lehnte Claire an einem Eisenträger der Lagerhalle, hielt ein Rotweinglas in der Hand und beobachtete die Männer. Sie standen abseits der übrigen Gäste. Larry war vom Wein zum Whiskey übergegangen und unterhielt sich hitzig mit seinem Boss.
»Etwas Wein?«, fragte ein Kellner und präsentierte ihr die Flasche.
»Nein, danke. Ich habe noch«, entgegnete sie. Sie bemühte sich, Larry und Foster nicht aus den Augen zu verlieren, denn das Gedränge in der Halle nahm zu.
»Kein schöner Umgang, nicht wahr, Mrs. Claire?«
Erstaunt sah sie den Kellner an. »Woher kennen Sie meinen Namen?«
Der Kellner lächelte nur und hob die Schultern. Dann wandte er sich anderen Gästen zu, schlenderte langsam durch die Halle und sah gelegentlich zu ihr herüber.
Obwohl sie sich geschmeichelt fühlte, erfasste sie ein unterschwelliges Unbehagen. Das »Firmenjubiläum« nahm an Lautstärke zu. Die Gäste grölten umso lauter, je betrunkener sie wurden.
Sie blickte zu Larry und Foster, die an einem Tisch Platz genommen hatten und sich eifrig besprachen. Naiv, als würde sie nichts im Schilde führen, gesellte sie sich dazu.
Die beiden blickten auf, das Gespräch erstarb.
»Geht’s gut?«, plauderte sie und nahm einen kräftigen Schluck Rotwein.
»Madam, wäre es für Sie nicht angenehmer, sich mit den anderen Damen der Gesellschaft zu unterhalten?«, fragte Foster.
Claire schüttelte den Kopf. »Ich kenne hier niemanden.«
»Larry, seien Sie so freundlich, geleiten Sie Ihre Frau zum Tisch meiner Jude. Sie kümmert sich um alles Weitere.«
»Ich mag Jude nicht«, wandte Claire ein, ermutigt vom Rotwein. Sie sah die wütenden Blicke der Männer und drehte ihnen den Rücken zu.
»Halten Sie sie an der Leine, wenn Sie wollen, dass unser Geschäft zustande kommt«, hörte sie Fosters ärgerliche Stimme.
Larry packte Claire am Arm und zog sie hinter sich her. »Du machst alles kaputt«, zischte er. »Ich stehe kurz vor dem Abschluss. Hol dir noch ein Glas, wenn du dich nicht zu Jude setzen magst. Aber verschwinde.« Er ließ ihren Arm los und ging zurück.
»Ich würde alles tun, damit Sie auffliegen, Foster!«, rief Claire.
Alle halbwegs nüchternen Blicke richteten sich auf sie.
»Dann war Ihr Mann die längste Zeit hier angestellt gewesen«, brüllte dieser zurück.
Wütend schlug Larry mit der Faust auf den Tisch.
»Raus!«, schrie er Claire an. »Geh zum Wagen!« Seine Stimme klang rau und alkoholgeschwängert.
Claire starrte ihn wütend an.
»Unglaublich Larry, das lassen Sie sich gefallen? Was sind Sie für eine Memme?« Foster lachte und wollte gar nicht mehr aufhören.
Er verstummte abrupt und machte eine auffordernde Kopfbewegung. Einen kurzen Moment später spürte Claire einen Schlag auf dem Kopf und fiel zu Boden.
Als sie zu sich kam, saß sie auf dem Beifahrersitz des Ford V8. Ihr Kopf schmerzte. Neben ihr bewegte sich jemand. Sie blickte zur Fahrerseite und erkannte den Kellner, der ihr den Rotwein angeboten hatte.
Entschuldigend hob er die Schultern. »Ich hatte Sie gewarnt, Mrs. Claire. Kein guter Umgang hier.«
Claire starrte ihn an und fuhr sich über den Hinterkopf. Sie spürte Feuchtigkeit zwischen den Fingern. Der Schlag hatte eine schmerzende, blutende Platzwunde verursacht. Wer ihr den Schlag verpasst hatte, wusste sie nicht.
»Mein Name ist Howard Wyland, Mrs. Claire«, stellte sich der Kellner vor. »Wenn Sie möchten, fahre ich Sie nach Hause. Larry hat sich für seinen Weg entschieden. Aber Sie können immer noch umkehren.«
Irritiert von seinen Worten und der vertraulichen Ansprache, suchte Claire nach einer Antwort.
In diesem Moment gab es einen Knall und die Frontscheibe des Wagens zersplitterte. Claire duckte sich instinktiv. Howard sank lautlos neben ihr zusammen.
Claire wollte schreien, aber sie brachte keinen Laut heraus. Zitternd und stumm starrte sie ihn an, bis jemand sie aus dem Auto zerrte. Es war Larry, der sie aus trüben Augen anblickte.
»Du machst alles kaputt. Die ganze Welt verlacht mich wegen dir. Dabei habe ich dir immer jeden Wunsch erfüllt!« Eigenartigerweise sprach er glasklar und ohne zu lallen, dann machte er kehrt und wankte davon.
Wie habe ich dich einst geliebt, Larry. Mir gegenüber spielst du den Boss, aber anderen ordnest du dich unter!
Sie betrachtete Howard, der aussah, als schliefe er nur, wäre da nicht das rote Rinnsal, das ihm über die Stirn lief. Sie fing an zu schluchzen.
Wie kann ich umkehren? Ich kenne meinen Weg nicht, machte sich ein Gedanke in ihrem Kopf breit.

Stoßweise nehme ich meinen Atem wahr, als ich die Augen aufschlage. Ich stütze mich hinterrücks an einer dehnbaren Außenhülle ab und komme wackelig auf die Beine. Meine dunklen Haare hängen wirr im Gesicht und nehmen mir die Sicht. Fahrig wische ich sie beiseite.
Das war ein Traum, denke ich dankbar, nur ein Traum.
Weder Larry noch Foster oder Howard sind in meiner Nähe. Es gibt kein Firmenjubiläum und keine zerschossene Windschutzscheibe. Ich lebe nicht mehr im Chicago der 1920er Jahre. Ich lege eine Hand auf meinen Brustkorb, um mich zu beruhigen.
Mein letztes Erdenleben war eine Katastrophe. Als Seele hatte ich die simple Aufgabe, mithilfe meines lichthellen Kleides meine Claire Sue auf ihrem Lebensweg zu leiten. Stattdessen bin ich vorzeitig ergraut: Ich konnte ihr Herz nicht mehr erreichen, mein Kleid war erloschen. Claire Sue verlor ihr Selbstvertrauen, das Vertrauen in ihre Seelenführung. Sie musste sich allein durchschlagen, als sich Gatte Larry aus dem Staub gemacht hatte. Über Howard Wylands Tod kam sie nie hinweg. Ohne Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen, ist wie auf einem Bein zu hopsen und zu hoffen, irgendwie im Tritt zu bleiben. Es funktioniert nicht.
Wie schön ist da die Weite des Universums. Gemeinsam mit anderen Seelen kreise ich durchs All. Wir sehen aus wie ein Teppich flirrender Staubteilchen. Aber halt, hier stimmt etwas nicht.
Ich stecke in einer Blase! Und Blasen bilden sich nur, wenn eine Trennung von den anderen Seelen bevorsteht. Außerdem sind Träume kein gutes Vorzeichen. Erinnert sich eine Seele an ihr Vorleben, steht ihr eine Neubeseelung bevor. Ich zucke zusammen, als mir dieser Zusammenhang bewusst wird. Nervös schaue ich mich um. Wie geht es anderen Seelen im All? Vereinzelt schweben bereits ein paar der dehnbaren, durchsichtigen Seelenfahrzeuge umher, aber es gibt keine Hektik, keine Aufbruchsstimmung.
Ich beschließe, es mir in meiner Blase bequem zu machen, denn ich kann, muss aber nicht zur Erde zurückkehren. Das entscheide ich. Bereits in vielen Erdenleben habe ich an den unterschiedlichsten Orten als Mensch Erfahrungen gesammelt. Das reicht vorerst. Ich habe keine Lust auf eine Neubeseelung.
In der Geborgenheit des Universums fühle ich mich wohl. Ich lehne mich in meiner Blase zurück und verfolge den Lauf der Gestirne, die durch das tintenblaue All ziehen, beobachte die mannigfachen Sonneneruptionen, die aufblitzenden Lichter und flirrenden Farben meiner Heimat.
Um mich von meinem Albtraum abzulenken, betrachte ich das Sternbild Orion, das nur wenige Lichtmomente von mir entfernt liegt. Schon von Weitem blinken mir die strahlenden Riesensterne des schönsten Sternbilds im Universum entgegen: Sirius, der hellste Stern am Nachthimmel, Rigel im kühl eisblauen Gewand und Betelgeuse, die linke Schulter des Jägers Orion. Dem Roten Überriesen steht bald eine Supernova bevor. Mit seinem grandiosen Schauspiel aus pulsierendem Feuer und gleißenden Lichtexplosionen unterhält er die gesamte Milchstraße.
Allerdings kann ich meine Blase nicht in diese Richtung steuern. Als ich mich umdrehe, erkenne ich auch, warum. Ein Wesen mit einer dunklen Wallemähne bis zu den Hüften hängt frei im Raum und hat seine Griffel in meine Blase geschlagen. Es hält mein Fahrzeug fest.
»Hüte dich vor Dunkelseelen! Es ist ihre Zeit«, flüstert es.
Es zieht eine Hand heraus und zeigt zu meinen Füßen. Unterhalb meiner Behausung rauschen Myriaden von Sternschnuppen vorbei. Und nicht nur das. Mein Kleid beginnt milchig-weiß zu flackern ebenso wie das Gewand des geisterhaften Wesens. Kein Zweifel, es ist – genau wie ich – eine Seele, der eine Erdenrückkehr bevorsteht.
Worauf sie mich hinweisen will, ist klar. Albträume, die vergangene Fehler zeigen, Sternschnuppen, die Glück auf Erden ankündigen und mein aufflammendes Kleid als Wegweiser durchs Hier und Jetzt eines Menschen – das alles sind Vorboten, die auf eine Neubeseelung hindeuten.
»Ich habe mich entschieden, nicht zur Erde zurückzukehren«, sage ich.
Die Seele lächelt. Kleine, rund anmutende weiße Zähne blitzen in ihrem Gesicht auf.
»Wir müssen aufpassen, dass keine mit uns fliegt«, warnt sie mich, ohne meinen Worten Beachtung zu schenken. Sie schaut über die Schulter zurück. »Dunkelseelen verstecken sich inmitten der unzähligen Lichtquellen, hüllen sich in Nebel und Staubwolken. Eine Blase ist für sie überhaupt kein Problem, daher reise ich ohne dieses Gefährt. Sie piken sich mit ihren Fingern durch – und schwupp – hat man eine am Kleid. Schmerzseelen werden sie genannt, weil sie frühere Fehler und Schmerzen aufpoppen lassen. Sie ernähren sich von Ängsten und verletzten Gefühlen.«
Reflexartig schaue ich auf mein Kleid. Ein Glück, es hat sich keine verfangen. Als ich den Kopf hebe, ist die Seele verschwunden. Meine Blase schwebt frei im Raum.

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7. April 2021

'Planeten der Nacht: Im Sturm der Schatten' von Natalie Peracha

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Natalie Peracha
„Da ist ein Ende zu jeder Heldengeschichte, wenn da ein Ende ist, dann ist da auch ein Neuanfang. Mit jedem Neuanfang entsteht eine Legende und mit jeder Legende eine neue Geschichte, die erzählt werden möchte.“

Layla und Mexx führen ein ganz normales Leben. Ihre Tagesabläufe bestehen daraus, sich früh morgens für die Schule aus dem Bett zu quälen und abends völlig fertig wieder nach Hause zu kommen, mit zu vielen Hausaufgaben im Gepäck und zu wenig Zeit.

Doch als Layla und Mexx eines Tages vor dem Schulfenster als scheinbar Einzige, eine schreckliche Schattengestalt sehen, ändert sich ihr Leben schlagartig. Wer und was sind diese komischen Gestalten, die die beiden zu verfolgen scheinen und was wollen sie von ihnen?

Plötzlich finden die beiden sich in einem Abenteuer wieder, das die Vorstellung der Menschheit auf den Kopf stellt. In einem Kampf zwischen Gut und Böse treffen die beiden auf die außergewöhnlichsten Kreaturen und kommen an die Grenze ihrer Leistungen. Doch steckt auch in ihnen beiden mehr?

Anleser:
In einer Zeit, bevor die Menschen auf der Erde herrschten, kreisten in dem Sonnensystem, das wir heute so gut kannten nicht nur acht Planeten, sondern zehn.
Die Erde war nicht der einzige Planet der Lebewesen beherbergte, denn es gab noch zwei andere, die in einer Verbindung mit der Erde standen.
Ihre Namen waren Faraley und Dragonier.
Beide Planeten waren bereits weit entwickelt und besaßen menschenähnliche Lebensformen.
Auf Dragonier lebten die Anemanier. Menschenähnliche Lebewesen, die sich in ihre Seelentiere verwandeln konnten und eine Macht besaßen, die sie nutzten, um sich und ihre Artgenossen zu beschützen.
Auf Faraley gab es die Tresalteses. Auch sie waren menschenähnliche Lebewesen, die mit ihren Seelentieren in einer Verbindung standen. Man nannte ihre Seelentiere Faeless. Sie waren ihre Beschützer und begleiteten sie meist in der Form von Drachen durch ihr ganzes Leben.
Alle drei Planeten waren verbunden durch die Masiers; Portale, die sie zu dem anderen Planeten transportierten zu dem sie wollten.
Sie standen in einer dreier Konstellation zueinander. Die Erde drehte sich um sich selbst und um die Sonne. Um die Erde herum drehte sich ihr Mond und regelte die Gezeiten. Doch von der Erde aus konnte man zu jeder Zeit Umrisse zweier gigantischer Planeten erkennen, die noch viel größer waren als die Erde selber.
Sie wanderten mit der Erde Jahr für Jahr um die Sonne.
Faraley drehte sich in entgegengesetzter Richtung der Erde auch um sich selbst, Dragonier stand still. Doch Dragonier hatte die Eigenschaft durch eine fluoreszenzähnliche Flüssigkeit selbst zu leuchten, und so erhellte in der Nacht nicht nur der Mond, angestrahlt von der Sonne und die Sterne die Erde, sondern auch Dragonier, der Planet, der durch sein Lichtspiel ein Muster in die Dunkelheit zeichnete, welches jeden der es sah in seinen Bann zu reißen schien.
Alle Jahre, wenn das Muster Dragoniers am hellsten leuchtete und die Sonne am höchsten stand, trafen sich die Einwohner Dragoniers und Faraleys auf der Erde, tauschte Neuigkeiten und Wissen aus und feierten ihr jährliches Fest.
Doch die Schönheit und der Frieden der drei Planeten sollte nicht lange halten, denn in Mitten der drei Planeten braute sich eine Macht zusammen, die alles drohte in Dunkelheit zu werfen.
Die Tresalteses und die Anemanier spürten diese Dunkelheit und taten ihr bestes sie zu vernichten, doch ihre Macht war zu groß.
Die Erde wurde angegriffen und ihre Lebewesen die zu der Zeit auf ihr wohnten vernichtet. Milliarden von Jahren später wurde dieser Angriff als Meteor identifiziert, der die große Zeit der Dinosaurier ausgelöscht hatte. Doch die Tresalteses und Anemanier wussten, was es wirklich war und sie bekamen Angst.
Sie trafen sich auf Faraley. Wohlwissend, dass sie sich wohl das letzte mal sehen würden, vereinbarten sie die Planeten voneinander zu trennen und somit die Dunkelheit in ihrer Mitte zu zerstören. Durch die Kräfte der Einwohner beider Planeten konnten sie einen neuen Platz im Universum finden und ihr Leben fortsetzen.
Die Erde erholte sich wieder und neue Lebensformen entwickelten sich aus dem Ruin, bis dann die Menschen kamen, unwissend das die Erde nicht allein in dieser Welt stand.
Es schien alles in Ordnung zu sein und so lebten die Planeten weiter, ohne zu wissen, dass bei der Trennung der Planeten die Dunkelheit in drei Teile gerissen wurde und jeweils einer dieser Teile auf den drei Planeten verborgen lag.
Die Menschen auf der Erde nannten sie Nemesis, die Göttin der Zerstörung. Die Anemanier sprachen von dem allumschlingenden Schatten und die Tresalteses von der Finsternis.
Diese Teile der Dunkelheit waren dafür zuständig die Planeten wieder in ihre ursprüngliche Konstellation zu bringen und so kam es immer wieder zu der Öffnung von Portalen und Übergriffen von Dragonier und Faraley auf der Erde.
Es entstanden Mythen und Geschichten, Sagen und Märchen von Drachen und Einhörnern, von Hexen und Vampiren, von Göttern und Teufeln und sie alle hatten ihren Ursprung in der Konstellation der drei Planeten.

Eine von diesen Geschichten sollte die Welt für immer verändern, denn weit, weit weg von der Erde auf Dragonier wurde es langsam dunkel, die Sonne verblasste am Horizont und die Wärme versank mit ihr. Die Dunkelheit betrat den Himmel und die Sterne fingen bereits an mit dem Mond die Nacht zu beleuchten. Ein kühler Lufthauch strich sanft durch die Bäume und weiße Blüten rieselten wie Schnee auf das Gras. Die am Tag tropischen bunten Blumen verdunkelten sich und schaukelten im leichten Wind. Wie auch die Blumen, wiegten sich die großen Bäume, die von langen Lianen umschlungen ihr prächtiges Blätterdach zum Himmel streckten mit. Mit der Nacht, kam auch der Schatten.

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1. April 2021

'Wenn Apfelbäume tanzen könnten' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Ein Roman über unglaubliche Zufälle, den langen Atem der Liebe und die Buntheit des Lebens.

Seitdem Bertl Kofler begriffen hat, dass seine Freundin aus Kinderzeiten nicht seine große Liebe ist, lebt er für seinen Bauernhof. Sein einziger Mitbewohner ist Zeus, sein Schäferhundmischling. Doch immer wieder holt ihn die Erinnerung an die Lehrerin aus dem Pustertal ein, die vor zwei Jahren kurz in Mela unterrichtete. Aber nicht nur er denkt oft an die junge Frau – auch jemand auf dem nahen Apfelhof tut es …

Sabine Holzer leitet seit dem Unfalltod ihrer Eltern das Familienunternehmen im Pustertal. Nicht einmal sich selbst gesteht sie ein, wie sehr ihr das Unterrichten fehlt – und das beschauliche Mela mit seinen Apfelwiesen. Ihr Leben ist geprägt von Pflichtbewusstsein und ihrer Liebe für ihren Großvater Johann. Dennoch spukt ein gewisser Bertl Kofler ständig in ihrem Kopf herum.

Nach der Aufführung des Films „Apfelblüten im Regen“, der auf dem Apfelhof in Mela gedreht wurde, erzählt Johann Holzer seiner Enkelin Unfassbares aus seiner Vergangenheit. Als ihre ehemalige Vermieterin sie kurz darauf nach Mela einlädt, trifft Sabine eine Entscheidung, die nicht nur ihr Leben komplett auf den Kopf stellt.

Dieser in sich abgeschlossene Roman spielt vor der atemberaubenden Kulisse Südtirols. In "Wenn Apfelbäume tanzen könnten" gibt es ein Wiedersehen mit Charakteren und Schauplätzen aus "Wenn Apfelbäume sprechen könnten". Beide Romane können jedoch ohne Vorwissen unabhängig voneinander gelesen werden.

Anleser:
Toblach, Pustertal »Entspann dich, Nonno!« Sabine Holzer legte eine Hand auf den Rücken ihres Großvaters und schubste ihn vorwärts.
Er reagierte eigenartig. Zum einen antwortete er nicht, zum anderen ließ er sich von ihr in den Gustav-Mahler-Saal schieben wie eine Fetzenpuppe. Überhaupt. Seitdem er das Plakat entdeckt hatte, das vor drei Wochen überall in Toblach aufgehängt worden war, benahm er sich komisch. Zuerst hatte er von ihr wissen wollen, was denn Public Viewing bedeutete. Die latent vorhandene Lehrerin in ihr hatte innerlich den Kopf geschüttelt, aber nicht der Frage wegen, sondern weil sie nicht begriff, weshalb man hier bei ihnen einen englischen Ausdruck verwendete, den eh kaum einer verstand. Im Hochpustertal waren sie zwar nicht am Ende der Welt – aber so gut wie, und von den dreitausenddreihundert und ein paar Zerquetschten Einwohnern im Dorf waren viele schon froh, wenn sie auch die andere Landessprache ein bisserl reden konnten. Ihr Großvater sprach beide perfekt, immerhin hatte er ja eine Frau mit italienischer Muttersprache geheiratet – vor mehr als sechzig Jahren. Doch Englisch hatte er nie gelernt. Wozu denn auch? Holzer-Holz exportierte zwar seit Jahrzehnten über die Grenze hinweg, aber die nach Österreich war ja nur fünfzehn Kilometer weit weg und dort sprach man genauso deutsch wie auf dieser Seite. Sabine hatte ihm also erklärt, dass man im Kulturzentrum den Film Apfelblüten im Regen gratis anschauen konnte. »Da gehst mit mir hin, Sabinchen«, hatte er gesagt – und den Rest ihr überlassen.
Sie hatte auf der Gemeinde die Karten besorgt, obwohl sie alles dafür gegeben hätte, heute nicht hier zu sein. Doch wie hätte sie das dem Großvater erklären sollen? Er war zweiundneunzig und derart gut beisammen, dass er fast immer ablehnte, wenn ihm jemand helfen oder etwas mit ihm unternehmen wollte. Sogar den Führerschein hatte ihm der Amtsarzt erst vor ein paar Wochen wieder erneuert – wie alle zwei Jahre, seitdem er achtzig war –, und so fuhr er weiterhin mit seinem Mercedes-Benz Baujahr 1987, den er seit der Zulassung vor vierunddreißig Jahren nur SL nannte. Zwar nicht allzu weit, aber seine wenigen noch lebenden Freunde und ein paar Kunden in den umliegenden Gemeinden besuchte er regelmäßig – so wie früher. Alte Gewohnheiten legt man eben nicht so leicht ab, würde die Nonna jetzt sicher sagen und seinem geliebten Auto hinterherschauen, bis die Rücklichter an der Kurve zum letzten Mal aufleuchteten, bevor er verschwand. Stunden später würde sie wieder am Küchenfenster stehen und auf die Rückkehr ihres Mannes warten, wie sie es ihr ganzes gemeinsames Leben lang bis zu ihrem Tod gemacht hatte.
Johann Holzer war ein unabhängiger Freigeist, einer, der sich von niemandem jemals hatte irgendwas sagen lassen, und das hatte sich bis heute nicht geändert. Wenn der Nonno sie also schon einmal von sich aus um etwas bat, dann konnte Sabine es ihm nicht ausschlagen.
Nur hatte sie seit Tagen wegen des heutigen Abends ein mulmiges Gefühl im Bauch, das jetzt zunahm. Während man ihnen von allen Seiten zunickte oder einen Gruß zurief, behielt sie die Hand auf Großvaters Rücken und vergrub ihre Finger in dem Stoff seiner Jacke. Nicht um seinetwillen, sondern weil der Kontakt ihr Sicherheit gab.
»Na, das ist aber eine Freude, dass du dich einmal bei einer Kulturveranstaltung blicken lasst, Johann Holzer.« Der Bürgermeister kam mit zum Gruß ausgestreckten Arm auf den Großvater zu.
»Geh, jetzt tua net so überrascht, Bürgermeister. Hast ja gwusst, dass die Sabine die Karten für uns vom Gemeindeamt abgeholt hat.«
»Die andere hätt ja auch für ihren Freund sein können«, erwiderte Luis Walder mit einem Lacher und zwinkerte ihr zu. Dabei wirkte er paradoxerweise selbstsicher und zugleich unsicher, vor allem aber erreichte das aufgesetzte Lächeln seine Augen nicht.
Sabine mochte ihn nicht. Nicht mehr. Früher, als sie Kinder waren, war das anders. Der zwei Jahre ältere Bub hatte sie nie von oben herab behandelt und sogar mit ihr gespielt, obwohl sie ein Mädel war. Später hatte der Luis dann alles darangesetzt, wichtig zu werden. Im Schützenverein, beim Dartspielen in der Gastwirtschaft und in der Politik. Kein Wunder, dass er im letzten Jahr mit nur zweiunddreißig zum Bürgermeister gewählt worden war – auch von ihr.
Aber mit dieser plumpen Frage bewies er, dass er längst nicht so abgebrüht war, wie er zu sein vorgab. Wieder einmal, denn dass er immer alle ausfragte, ob sie denn einen Freund hätte, hatte sie früher prompt am Wochenende erfahren, sobald sie in Toblach war. Und jetzt erfuhr sie es schon nach wenigen Stunden. Das war lästig, aber nicht so sehr wie die Tatsache, dass sie dem Luis fast täglich über den Weg lief. Als ob er es drauf anlegen würde, sich immer dort herumzutreiben, wo sie gerade war. Vor der Post, in der Bank oder wenn sie sich rasch einen Kaffee in der Patisserie holte, er war immer in der Nähe. Dass der Ort klein war und das Rathaus eben auch im Ortszentrum lag, hatte aber nichts damit zu tun. Als Bürgermeister sollte er doch arbeiten – und zwar in seinem Büro – und nicht draußen herumlaufen. Sabine versuchte, den kalten Schauer zu ignorieren, der die Härchen in ihrem Nacken und die auf ihren Armen aufstellte, und zwang sich zu einem verkrampften Lächeln.
»Den hätte ich auch mitgebracht, wenn er hier wäre«, antwortete sie ihm jetzt mit einem Achselzucken auf die dumme Andeutung, die ja eigentlich eine Frage war. Er wollte wissen, ob sie einen Freund hatte? Klar hatte sie – für ihn!
Den Luis schockiert zu sehen, tat ihr gut. Ein so ein Depp! Scheinbar hatte er in all den Jahren, in denen er sie immer wieder um ein – wie er es nannte – Date gebeten hatte, immer noch nicht kapiert, dass er sie einfach nur in Ruhe lassen sollte. Seitdem sie wieder in Toblach lebte, hatte er sie zwar nicht mehr direkt gefragt, nicht zuletzt, weil die Pandemie begonnen hatte, die ihrer aller Leben beeinträchtigt hatte. Doch nachdem schrecklichen letzten Jahr hatte er das lästige Stalken wieder aufgenommen.

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