30. November 2017

'Die Reservefrau' von Karoline Gellauer

Egal, ob 17 oder 70, was das Herz begehrt, wird der Verstand wohl nie begreifen.

Mit 17 verliebt sich Bärbel in Ihren Biologielehrer Bernd. Sie beginnen eine Affäre. Die dauert ein Schuljahr und endet schmerzhaft für Bärbel. Nach 40 langen Jahren begegnen sie sich erneut beim Klassentreffen. Bald sind die alten Gefühle wieder da; genauso verwirrend, so intensiv, so gefährlich. Allerdings sind ihre Motive unterschiedlich. Als Bärbel das erkennen muss, eskaliert die Situation ...

Gleich lesen: Die Reservefrau

Leseprobe:
„Solche tiefgreifenden Emotionen hatte ich nie.“

Sie startet einen erneuten Versuch per Mail:

Lieber Bernd, seit 50 Jahren beeinflusst du mein Leben. Zunächst durch eine romantische Jugendliebe, die sehr schmerzhaft für mich endete. Interessiert es dich, was ich empfand, als mich Achim zu dir ins Bett trug? Willst du wissen, wie es mir danach ging? Ich glaube nicht! In den folgenden Jahren benutzte ICH die Männer. ICH beendete die Beziehungen, wenn es MIR passte. Stets war ich misstrauisch, voller Vorurteil – konnte mich einfach nicht mehr so bedingungslos verlieben – dein Verdienst! Bis ich meinen Mann kennen- und schätzenlernte. Ich kam zur Ruhe. Andere Probleme traten in den Vordergrund. Dann trittst du wieder in mein Leben, suchst meine Nähe und erfährst erneut, wie hilflos ich dir gegenüber bin – wie emotional ausgeliefert. Ich habe nicht bedacht: Wer Emotionen zeigt, macht sich verletzbar. WARUM bist du mir wieder so nahegekommen? Deine Entwicklung in dieser Zeit von „Ich mag dich.“ bis „Kein Kommentar!“ Du kannst jetzt nicht das Rad zurück drehen und erwarten, dass ich mit dir über das Wetter plaudere! Zeig endlich Charakter und stell dich einem Vier-Augen-Gespräch. Ich möchte endlich Klarheit zwischen uns und auch über das „Warum?“.
Es tut so weh, dass unsere ??? diese Entwicklung genommen hat! Vielleicht hast du ja noch eine Antwort für mich?

Im Kindle-Shop: Die Reservefrau



29. November 2017

'Rosa und Cheyenne' von Barbara Zimmermann

Das Abi vor der Tür, Bauchkribbeln für einen Franzosen, wo sich noch klären muss, ob Blindgänger oder Jackpot, eine fantastisch quirlige und humorvolle Mutter und schließlich am Ende: DIE FRAGEN DES LEBENS.

Bei Cheyenne ist schon der Name Programm, und zusammen mit Rosa beschreiten die beiden Heldinnen des Romans einen turbulenten, jedoch liebevollen Lebensweg. Mit leichtem, witzigem und warmherzigem Ton wird über Wutausbrüche, Alltagskatastrophen und Geheimnisse berichtet. Weitere Mitwirkende: Peer (duftet nach Puma), Jacques (Frankreich, Frankreich), eine Bordeauxdogge, Baum Nr 11 auf dem Waldfriedhof und last but not least Frau Jägermeister.

Ein Roman für die Freiheit! Für alle Mütter und die es werden wollen, natürlich auch für Väter!

Gleich lesen: Rosa und Cheyenne

Leseprobe:
Du bist es vielleicht
Rosa und Cheyenne schlenderten durch Münchens Innenstadt. Rosa trug ihre Haare in der Farbe Rosa, passend zu ihrem Namen, wie sie fand. Ihre Schuhe hielt sie in der Hand. Mit ihrem kurzen Faltenrock, ihren mit schwarzem Kajal umrandeten Augen, ihren schlanken, langen Beinen und einem T-Shirt mit dem Aufdruck: DU BIST ES NICHT, erregte sie Aufmerksamkeit.
Cheyenne trug ihre hochtoupierten Haare in Azurblau, mit einem Sidecut, den sie mit einer auf dem Flohmarkt gekauften Hundeschermaschine regelmäßig selber schnitt. Sie trug eine blaue Hose, mit roten Hosenträgern und einem gebatikten T-Shirt darunter, dazu Plateauschuhe. An diesem Tag war sie ausnahmsweise mal ungeschminkt, ihre blauen Augen spiegelten ihre Haarfarbe wider. Aus der Auslage von Öztürks Obstladen nahm Rosa sich im Vorbeigehen einen Apfel und biss herzhaft hinein. Rosa nahm sich gerne Dinge, die ihr eigentlich nicht gehörten. Sie kaufte selbst oft bei Herrn Öztürk ein, ernährte sich gesundheitsbewusst, bis auf den Cola Korn, den sie abends im Punkkeller gerne mal trank. Herr Özturk gab ihr bei jedem Einkauf einen Apfel auf die Hand, so als Ermahnung: Ich weiß, du nimmst dir jedes Mal einen Apfel, wenn du bei mir vorbeigehst.
Rosa und Cheyenne befanden sich auf dem Weg zu einem Date. Per Internetchat hatte Rosa sich mit Attila, zweiunddreißig, intelligent, sportlich, gut aussehend, verabredet, um sich kostenlos zum Essen einladen zu lassen, bei Viva Italia einem angesagten Italiener Münchens. Kurz vor dem Lokal nahm Rosa eine blonde, langhaarige Lockenperücke aus ihrer Tasche und stülpte sich diese über den Kopf. Schließlich hatte sie sich mit einem Foto und eben dieser Perücke im Chat präsentiert.
Im Viva angekommen, erkannte sie Attila auf Anhieb, obwohl er so sportlich wie beschrieben nicht aussah, sondern eher untersetzt und kleiner als Rosa. Außerdem musste es sich bei seinem Alter um einen Zahlendreher handeln, er war höchstens dreiundzwanzig, fand sie. Rosa gab ihm mit ihrem schönsten Lächeln die Hand und hauchte ihm rechts und links ein Küsschen auf die Wange, wobei ihr sein billiges Rasierwasser in die Nase kroch und sie es als unangenehm empfand.
»Hey Attila, du hast doch hoffentlich nichts dagegen, dass meine Freundin Cheyenne mit uns zusammen isst oder stört dich das?«, fragte Rosa forsch.
Attila konnte seinen Unmut kaum verbergen. Er hatte sich von der Investition in ein Essen mit Rosa eine schnelle Nummer erhofft. Attila war verärgert, da sie mit ihrer Freundin in Azurblau erschienen war und selbst unverkennbar eine Perücke trug, wobei Attila auf blonde lange Haare stand, aber bitte natürlich.
Attilas Laune besserte sich, da es ihn wie ein Gedankenblitz durchfuhr, dass die Mädels vielleicht auf einen flotten Dreier standen. Warum sonst sollte sie ihre Freundin mitbringen?
Rosa und Cheyenne ließen beim Essen nichts aus, angefangen von einem Antipasti Teller als Vorspeise über Spaghetti con Scampi und zum Nachtisch Tiramisu samt Espresso. Er fürchtete, nicht genügend Bargeld bei sich zu haben, und auch seine EC-Karte würde nichts mehr hergeben. Rosa fragte ihn permanent aus.
Wo er wohne? Mit dem Stadtteil fiel er gleich durch. Was seine Eltern machen würden? Vater unbekannt und er wohnt noch bei seiner Mutter samt seiner vier Geschwister.
Attila rutschte mittlerweile nervös auf seinem Stuhl hin und her. Die beiden waren keine Kuschelprinzessinnen, sondern Hardcoreweiber. Er überlegte, wie er darumkommen könnte, das Essen zu bezahlen. In dem Moment schnippte Cheyenne mit ihren Fingern und bat den Ober die Rechnung für den Herrn zu bringen. Wutschnaubend legte Attila den Betrag auf den Tisch, wobei ihm jetzt ganze zwanzig Euro blieben für den Rest des Monats.

Im Kindle-Shop: Rosa und Cheyenne

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'Eine Sahneschnitte für Carla' von Lilli Karlsson

Mein Name ist Carla, Carla Brandner, was sich in Ermangelung eines Heiratskandidaten vermutlich kurzfristig auch nicht ändern wird. Heute ist mein dreißigster Geburtstag und ich kann dem Schicksal nur raten, mir im nächsten Lebensjahr endlich mal einen vernünftigen Traummann zu präsentieren. Vielleicht hilft ja die „verzauberte“ Sahnetorte, die ich von einem Freund geschenkt bekommen habe: Für jedes verspeiste Tortenstück werde ich angeblich im nächsten Jahr einen Mann kennenlernen – und lieben!

Bleibt zu hoffen, dass nicht nur langweilige Sandkuchen dabei sind, sondern irgendwann auch die perfekte Sahneschnitte ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Eine Sahneschnitte für Carla
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Der dreißigste Geburtstag ist ja an sich schon ein äußerst deprimierendes Ereignis im Leben einer jeden Single-Frau. Als sei dies nicht genug, beginnt mein Ehrentag auch noch damit, dass ich in aller Herrgottsfrühe von einem äußerst penetranten Klingeln aus dem Tiefschlaf gerissen werde. Ich brauche einige Sekunden um zu bemerken, dass es nicht mein Wecker ist, der meinem wohlverdienten Schlaf ein unschönes Ende bereitet, sondern die Klingel an meiner Haustür.
Ich überlege, ob ich mir einfach die Decke über den Kopf ziehen und das Klingeln ignorieren soll. Zumal ich gestern Abend einsam und allein auf meinem Sofa das eine oder andere Glas Wein zu viel getrunken habe.
Aber: Wer auch immer da draußen vor der Haustür steht, lässt nicht locker. Da ich bei diesem Geräuschpegel ohnehin nicht weiterschlafen kann, krabbele ich schließlich grummelnd aus den Federn und schlurfe zur Haustür. Ich drücke auf den Türöffner und blicke vorsichtig um die Ecke zum Hauseingang. Da stürmen auch schon meine besten Freunde und mein Bruder Daniel hinein – offenbar wild entschlossen, sich über meine klare Ansage hinwegzusetzen, dass ich keinerlei Festivitäten zum Beginn meines neuen Lebensjahres wünsche.
Als Erster drückt mein bester Freund Arne – groß, tolle blaue Augen, sportlich und immer gut gelaunt – mir einen riesigen Blumenstrauß in die Hand und umarmt mich.
„Happy birthday“, trompetet er.
Direkt im Anschluss werde ich von meinem großen Bruder Daniel abgeknutscht: „Alles Gute, Kleine!“
Na ja, mit 1,80 m ist man vielleicht nicht gerade klein … aber gut.
Seine blonde Freundin Steffi, die mittlerweile auch eine gute Freundin für mich geworden ist, umarmt mich.
„So schlimm ist es gar nicht, dreißig zu werden“, lacht sie.
„Du sagst es! Auf die dreißig! Du siehst immer noch aus wie neunundzwanzig“, scherzt Leo, stellt einen großen Karton ab und fällt mir wie immer euphorisch um den Hals. Leo – seines Zeichens Daniels bester Freund aus Kindertagen – ist ein Mann, der sich seines guten Aussehens sehr bewusst ist, aber die Grenze zur Arroganz nie überschreitet. Er ist wie ein zweiter Bruder für mich und liebt es, mich als seine kleine Schwester vorzustellen. Wobei wir bereits im Teenageralter die Rollen getauscht haben und ich als „die Vernünftige“ die beiden permanent aus allerlei misslichen Situationen raushauen musste.
Als Nächstes werde ich herzlich von den besten Freundinnen der Welt umarmt – meinen Studienfreundinnen Isabelle (Isa) und Kathrin – letztere mit prallem Babybauch.
„Herzlichen Glückwunsch!“, rufen die beiden gleichzeitig und köpfen noch im Flur eine Sektflasche.
Zu guter Letzt kommen Isas vierjährige Zwillinge Tommi und Leni um die Ecke gerannt und stürmen ohne Begrüßung an uns vorbei in meine Wohnung.
„Dürfen wir auf deinem Bett Hüpfburg spielen, Tante Carla?“, ruft Leni.
„Ja, natürlich!“, rufe ich hinterher, und seufze dann: „Leute, ich hatte euch doch extra gesagt, dass ich …“
„Papperlapapp“, unterbricht mich Arne, „heute ist dein Geburtstag, wir lieben dich und deshalb sind wir hier.“
„Und haben alles mitgebracht, was wir für einen ordentlichen Geburtstagsbrunch brauchen“, ergänzt Isa und hält einen riesigen Korb mit allerlei Leckereien hoch.
Ich bringe es nicht übers Herz, die fröhlichen Gesichter vor mir zu enttäuschen, und gebe mir einen Ruck.
„Also gut. Aber gebt mir eine halbe Stunde zum Wachwerden und Duschen, okay?“
„Dein Wunsch sei uns Befehl“, erklärt Leo und kommandiert: „Mädels – ihr deckt im Wintergarten den Tisch. Arne – sorg mal für vernünftige Musik. Daniel – du brätst uns eine ordentliche Portion Rührei mit Speck.“
„Und was machst du?“, wage ich zu fragen, als ich mit frischen Klamotten über dem Arm aus meinem Schlafzimmer komme.
„Ich übernehme den wichtigsten Job.“
„Und der wäre?“, will Kathrin wissen.
„Die Geburtstagstorte schneiden natürlich! Ich hab extra nur neunundzwanzig Kerzen drauf getan, damit’s nicht so viel aussieht …“
Ich strecke Leo die Zunge raus und verschwinde im Bad. Kurz darauf tönt Gute-Laune-Musik durch die ganze Wohnung und ich höre die anderen lachen und scherzen.
Ich werfe einen Blick in den Spiegel – Bestandsaufnahme. Ich heiße immer noch Carla Brandner, was sich in Ermangelung eines Heiratskandidaten vermutlich kurzfristig auch nicht ändern wird. Mein schulterlanges Haar ist immer noch dunkelblond – oder auch straßenköterblond, wie Daniel zu sagen pflegt –, und über Nacht sind dem ersten Anschein nach keine grauen Haare aufgetaucht. Dafür sind in den letzten zwölf Monaten aber mindestens drei neue Sommersprossen auf meiner Nase entstanden, auch wenn sie jetzt im Winter eher blass daherkommen. Ich steige auf die Waage – das Ergebnis spricht dafür, dass ich Arnes größte Sorge, ab neunundzwanzig komme der Speck, zumindest bisher nicht teilen muss. Trotz meiner immer noch nicht gerade bombigen Laune muss ich mir eingestehen, dass ich eigentlich ganz zufrieden mit mir sein kann.
Und während ich mein neues Pure-Happiness-Duschgel ausprobiere, gelange ich langsam aber sicher zu der Erkenntnis, dass es vielleicht doch keine so große Katastrophe ist, dreißig zu werden. Zumindest nicht, wenn man die besten Freunde und die liebste Familie der Welt hat.

Eine halbe Stunde später sitzen wir bei strahlend blauem Februarhimmel in meinem Wintergarten und lassen uns frischen Obstsalat, Croissants, Rührei und hunderte andere Kleinigkeiten schmecken. In der Mitte des Tisches prangt die riesige Geburtstagstorte von Leo – mit einer „30“ aus bunten Schokolinsen und exakt neunundzwanzig Kerzen.
Tommi und Leni haben die Hüpfburg in meinem Schlafzimmer mittlerweile verlassen und spielen friedlich mit Bauklötzen in einer Ecke.
Arne steht auf und erhebt feierlich sein Glas.
„Auf dass alle deine Wünsche in Erfüllung gehen mögen!“
„So zwei bis drei würden schon reichen“, antworte ich.
„Zum Beispiel?“, hakt Arne nach.
„Mal ein paar vernünftige Männer kennenzulernen zum Beispiel.“
„Hey, und was ist mit uns?“, entrüstet sich Leo.
„Ich sagte ‚vernünftige Männer‘, Leo.“
„Ha-ha!“
„Ich hab neulich von so einem Naturvolk in Afrika gelesen, wo die unverheirateten Frauen irgendeinen Zauber anwenden, um ihren Traummann zu finden“, berichtet Isa. „Wie war das noch gleich? Ach ja! Jeder Frosch, den eine unverheiratete Frau an ihrem Geburtstag aufisst, steht für einen Mann, den sie im kommenden Lebensjahr kennenlernen und lieben wird.“
„Igitt, hör bloß auf“, ekelt sich Kathrin, „mir ist eh schon schlecht!“
„Es müssen ja nicht unbedingt Frösche sein“, meint Leo, „ich bin mir ziemlich sicher, dass das Rezept für Geburtstagstorte von meiner Tante Albertina mindestens ebenso wirksam ist.“
„Du hast doch gar keine Tante Albertina“, entgegnet Daniel irritiert.
„Darum geht’s doch jetzt gar nicht“, wiegelt Leo ab. „Hauptsache ist doch, dass die Torte ihren Zweck erfüllt. Also, Carla! Für jedes Tortenstück, das du heute aufisst, lernst du in deinem nächsten Lebensjahr einen Mann kennen.“
„Und lieben?“, fragt Isa nach.
„Und lieben!“, bestätigt Leo.
Isa schüttelt grinsend den Kopf.
„Du hast eindeutig zu viel Phantasie!“
„Oder irgendwas Seltsames geraucht“, ergänzt Daniel.
Leo ignoriert die Sticheleien geflissentlich und reicht mir ein riesiges Stück Torte.
„Auf geht’s!“
Ich teile das Stück kurzerhand mit dem Tortenmesser in zwei Teile.
„Hey, du schummelst!“, entrüstet sich Leo.
„Mit dreißig darf man das“, erkläre ich.

Im Kindle-Shop: Eine Sahneschnitte für Carla
Für Tolino: Buch bei Thalia

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28. November 2017

'Auch Entführen will gelernt sein' von Harald Schmidt

»Die Flossen hoch! Das ist ein Überfall!«

Die Aufforderung steht drohend im Raum des Fitness-Centers, in dem auch die an MS erkrankte Rita Richter trainiert. Die in der Schalke-Arena gestählte Frau beweist den Brutalos, dass selbst Waffengewalt nichts ausrichtet gegen Lebensmut und derbe Schlagfertigkeit. Als die drei Kleinganoven Freddy, Richard und Massimo ihren Plan entwickeln, wissen sie noch nicht, welcher übermächtige Gegner sich ihnen in den Weg stellt.

Eigentlich hatten sie eine Entführung geplant. Eigentlich! Da das Opfer unverschämterweise Urlaub macht, muss spontan umdisponiert werden. Alles ohne Plan B. Schneller, als es sich das Trio vorstellen kann, erscheint die Polizei auf der Bildfläche und eine ungewollte Geiselnahme nimmt ihre kuriose Fahrt auf. Schnell bekommen die Ganoven zu spüren, dass die Polizei nicht ihr ärgstes Problem darstellt.

Auch der leitende Hauptkommissar Holger Knoll wird diese ungewöhnliche Geiselnahme nie wieder vergessen können. Nichts ist vorhersehbar, alles läuft komplett aus dem Ruder. Die tatkräftige Hilfe kommt von einer Seite, die das Eingreifen des Polizeiteams fast überflüssig macht.

Gleich lesen: Auch Entführen will gelernt sein

Leseprobe:
Freddy und Massimo sahen von ihrem Lageplan auf und konzentrierten sich auf das Motorengeräusch, das kurze Zeit später erstarb. Eine Autotür fiel ins Schloss, Schritte näherten sich der Schuppentür. Richard schob die beiden Rolltore weit auseinander, sodass der Blick auf den Wagen frei war.
»Voilà, unser Fluchtwagen. Gerade frisch eingetroffen. Geile Karre, oder?«
Abwartend blieb er im Eingang stehen und sah auf die beiden Kumpane, die wortlos das Auto betrachteten. Freddy sah verständnislos in das Gesicht von Massimo, das zu Freddys Leidwesen nur ein zufriedenes Lächeln zustande brachte. Seine Wut wuchs. Nur schwer konnte er einen Anfall vermeiden. Er suchte verzweifelt nach Worten, ohne dabei die Fassung zu verlieren.
»Was genau war deine Aufgabe, Richard? Was solltest du heute Vormittag für uns erledigen? Bitte erinner dich daran.«
»Was soll jetzt diese blöde Fragerei? Bin ich hier in der Schule? Du hast mir gesagt, dass wir ein Fluchtauto brauchen. Und? Ist das kein Auto? Was soll das Theater nun? Hääh?«
Auf Freddy ruhten nun zwei Augenpaare, die eine Antwort erwarteten. Beide Männer wussten tatsächlich nicht, worauf ihr Kumpel hinaus wollte. Freddy verdrehte die Augen und versuchte, Ruhe zu bewahren.
»Nun gut, dann nochmal von vorne. Wir wollen morgen in das bepisste Studio, um da die Familie Klosterhard zu entführen. Die kommen in der Regel zu dritt. Vater, Mutter und Tochter. Ist das soweit klar?« Beide nickten. »Entführen bedeutet, dass wir die Herrschaften mitnehmen. Hört ihr? Wir nehmen sie mit! Dazu brauchen wir ein passendes Fahrzeug. Das dürfte selbst euch klar sein. Wenn wir die drei Vögel nehmen und uns drei noch dazuzählen, wie viel Personen sind wir dann insgesamt? Na los, ich warte Richard.«
Massimo schnippte mit den Fingern und präsentierte das Ergebnis. Stolz blickte er in die Runde.
»Sechs. Ist doch klar, drei und drei sind sechs.«
»Ich hatte Richard gebeten, du Arschloch. Der sollte mir seine Rechenkünste vorführen. Also gut, das wären sechs Personen. Und was haben wir hier vor dem Schuppen stehen? Sagt es mir.«
Richard trat gegen den Kotflügel und kam mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen auf den Tisch zu, an dem seine Kumpane saßen.
»Willst du mich eigentlich verarschen? Hier steht genau das, was du wolltest. Was soll das Gefasel mit den Personen? Die Karre rollt gut und war schnell zu kriegen. Der Fahrer wird sich gewundert haben, als die Kiste weg war, nachdem er zurückkam. Wir haben ein Auto, oder etwa nicht?«
Nun sprang Freddy auf und ging mit großen Schritten auf Richard zu, der erschrocken einen Schritt zurückwich. Er spürte Freddys harte Hand an seiner Jacke, die ihn zum Auto zog.
»Ja, du Spasti, wir haben ein Auto. Aber musste das ausgerechnet ein Pizzataxi sein? Da stehen noch zig Kartons drin, die ausgeliefert werden sollten. Ist dir aufgefallen, dass da eine Riesenreklame von dem Laden draufsteht? Der Fahrer wird nicht nur dumm geguckt haben, sondern sofort die Bullen verständigt haben. Die suchen bestimmt schon stadtweit nach einem blutroten Renault mit der Aufschrift Ristorante Italia.
Und dann noch eine Kleinigkeit. Wie sollen wir darin sechs Personen unterkriegen? Kannst du mir das erklären?«
»Aber ...«
»Nix aber, du dämlicher Sack. Du stellst diese Kiste jetzt irgendwo in der Umgebung ab und verpisst dich schleunigst. Ich will doch nicht in einer Zelle landen, weil man mir die Entführung von dreißig Mafiatorten nachgewiesen hat. Auf gehts´s!«
Freddy fuhr herum, als er Massimos Riesenhand auf seiner Schulter spürte.
»Könnten wir denn nicht wenigstens ein paar Kartons hierbehalten? Ich meine nur ... ist ja noch lange hin, bis wir wieder was zu futtern kriegen. Dann könnte ich Elena auch direkt für heute Abend ...«
»Ich halte das nicht aus. Bin ich denn nur noch von Wahnsinnigen umgeben? Ihr könnt doch nicht nur ans verdammte Fressen denken. Schafft mir, verdammt nochmal, die Karre aus den Augen, bevor ich durchdreh!«
Freddy fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. Hilfesuchend sah er zum Schuppendach, als erhoffe er sich vom Schöpfer einen Beistand. Richard stand wie festgemeißelt im Schuppeneingang. Freddy näherte sich drohend.
»Kannst du erkennen, was das hier ist?« Freddy zeigte auf seine Füße.
»Ja sicher, das sind deine Schuhe.«
»Und genau die stecken gleich in deinem Arsch, wenn du nicht in zehn Sekunden mit dem verdammten Wagen verschwunden bist. Ich werde mich selber um einen anderen Wagen kümmern. Und gib vorher dieser fleischgewordenen Lebensmittelvernichtungsmaschine einige Pizzakartons, damit der nicht vor lauter Schwäche vor unseren Augen zusammenbricht.«
Massimo gab ihm einen Klaps gegen den Hinterkopf, der Freddy einen Meter nach vorne stolpern ließ. Anschließend marschierte er zum Auto und sortierte mehrere Pizza-Kartons aus, die er auf dem Tisch stapelte.
Richard setzte sich, immer noch beleidigt, hinter das Steuer und verschwand mit dem Pizza-Taxi um die nächste Hausecke. Als er wieder am Treffpunkt eintraf, saßen seine Partner kauend am Tisch und diskutierten lautstark über die mickrigen Zahlungen, die monatlich vom Arbeitsamt geleistet wurden. Die Welt war so ungerecht.

»So, jetzt gehen wir den Plan noch ein letztes Mal durch. Vergesst bloß nicht, wann ihr euren Einsatz habt. Davon hängt alles ab. Seht euch die Fotos noch einmal an, damit ihr nicht die falschen Leute verschleppt. Die Klosterhards kommen so um etwa elf Uhr. Bisher parkte der Alte seinen Jaguar immer unter den Fenstern der Männer-Umkleide. Nachdem die sich umgezogen haben, klettern alle drei zuerst auf die Ergometer. Anschließend ...«
Massimo zog das Pizzastück wieder zurück, in das er gerade beißen wollte und sah Freddy erstaunt an.
»Worauf klettern die? Was ist ein Ergodingsbums?«
»Heilige Scheiße, was ist nur mit euch los? Wie konntet ihr bisher überhaupt überleben? Wisst ihr was? Wir werden morgen mal in das Studio gehen und so tun, als würden wir uns für eine Mitgliedschaft interessieren. Dann seht ihr mal vor Ort, was die für Geräte haben und wo ihr euch die Klosterhards krallen könnt. Das hat ja überhaupt keinen Zweck, wenn ich Dinge erkläre, die ihr noch nie gesehen habt. Aber den restlichen Plan können wir ja trotzdem schon durchgehen.«
Ausdruckslose Gesichter ließen bei Freddy Zweifel daran aufkommen, dass man ihn überhaupt verstanden hat. Sein Finger lag auf einem Punkt des Planes, den er zwischen leeren Pizzakartons ausgebreitet hatte.
»Genau hier parken wir den Wagen.«
»Welchen Wagen?«
»Verdammt, Massimo, ich sagte doch, dass ich den selbst besorgen werde. Hörst du überhaupt zu? Also, die Karre steht hier unter dem Baum. Dann steigen wir aus und gehen ganz ruhig in den Laden. Vorher zieht ihr euch die Masken über. Nicht vergessen. Die Klosterhards werden genau hier sein. Dann haltet ihr dem Alten den Püster unter die Nase und sagt ihm ganz ruhig, dass er und seine Bagage mitkommen sollen. Wenn der nicht spurt, helft ihr etwas nach. Ich warte an der Service-Theke und sorge dafür, dass keiner die Bullen ruft. Dann verschwindet ihr mit den Dreien und schmeißt die in den Wagen. Massimo bleibt hinten bei denen, du fährst. Wenn ihr am Eingang anhaltet, spring ich rein und ab geht die Post, zurück zum Schuppen. Das dauert nur ein paar Minuten, dann haben wir die Goldesel unter Dach und Fach. Noch Fragen?«
»Was mache ich, wenn der Alte sich wehrt?«
»Dann haust du ihm was auf die Fresse. Ist das so schwer? Aber denkt daran, wir brauchen die lebend. Außerdem musst du die Scheißer mit Kabelbinder fesseln. Wenn einer von den anderen Leuten im Studio aufmuckt, einfach einmal in die Decke schießen. Dann kuschen die schon.«
Richard stieß Massimo in die Seite.
»Sei mit der Knarre bloß vorsichtig. Nicht dass du aus Versehen einen von uns triffst. Man kann ja nie wissen.«
»Glaubst du tatsächlich, dass ich euch scharfe Munition in die Hand drücke? Wenn die Sache schief läuft, kriegen wir fünfzehn Jahre. Nee, ich habe Platzpatronen besorgt.»
Freddy schaltete sich schnell dazwischen, als er sah, dass Massimo bereits zum Schlag ausholte. Er machte sich Sorgen, dass die Feindschaft der beiden Idioten noch zu Problemen führen könnte. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass dies nur sein kleinstes Problem sein sollte.

Im Kindle-Shop: Auch Entführen will gelernt sein

Mehr über und von Harald Schmidt auf seiner Website.



27. November 2017

'Rowan - Kampf gegen die Drachen' von Aileen O'Grian

Rowan besitzt schon als Kind die magischen Fähigkeiten der Familie – so zum Beispiel mit Heil-Liedern, Handauflegen, Pflanzen und Kräutern zu kurieren und mit Tieren zu sprechen. Sein Großvater Bunduar, ein mächtiger Großmagier, fördert Rowans Begabungen und bereitet ihn darauf vor, einmal sein Nachfolger und ein bedeutender Beschützer des Magierreichs zu werden. Dabei möchte Rowan viel lieber wie seine Freunde ein edler Ritter werden.

Als Drachen in das Land einfallen und die Menschen bedrohen, erkennt Rowan schließlich, wie wichtig Magier sind.

Band 1 der Fantasy-Reihe um den Magier Rowan.

Gleich lesen: Rowan - Kampf gegen die Drachen

Leseprobe:
(...)
„Drachen!“, stieß der vorderste Reiter hervor.“ Wirklich, aus Norden kamen zwei große Drachen über die Hügel geflogen. Jetzt trieben die Männer ihre Tiere noch stärker an. Sie peitschten sie vorwärts. Rowan lockerte die Zügel und schon schoss er an den anderen vorbei.
„Rowan, bleib hier! Du nicht auch noch ...“, schrie Quirlan, aber Rowan achtete nicht auf ihn. Sein Pferd wollte rennen und er ließ ihm den Willen. Er vertraute fest seinem Glauben an die übersinnlichen Fähigkeiten des Tieres.
Einen Augenblick später sah er seine Kameraden. Sie hatten ihn kommen gehört und warteten überrascht auf ihn. „Zum Bach!“, rief Rowan einer Eingebung folgend. Nein, einer Anweisung des Wallachs gehorchend. Im Vorbeireiten griff er sich die Zügel von Mulinos Tier und zog es mit sich. Scharus streckte den Hals, dann biss es Ottgars Tier in die Hinterhand. Mit einem Satz sprang es davon. Mardok schloss zu ihnen auf. Rowan zeigte zum Himmel.
„Drachen!“, rief Mardok entsetzt. Er schlug seine Fersen in die Seiten seines Tieres. Auch Ottgar trieb seinen Hengst jetzt an.
Rowan ließ Mulinos Pferd los und schlug ihm auf die Hinterhand. Sofort beeilte es sich, hinterherzukommen. Scharus beschleunigte wieder und Rowan ritt an die Seite von Mardok.
„Bist du doch hinter uns hergeritten! Ich dachte es mir.“
„Wart ihr deshalb so langsam?“
Mardok lachte, trotz der Gefahr. Ottgars Pferd kam nur noch langsam voran, da es inzwischen die feuchten Auewiesen erreicht hatte. Rowan überholte ihn mit Scharus.
„Warum sollen wir hierhin?“ Ottgar schaute sich suchend um. Nirgends gab es Deckung.
„Das Dorf ist nicht sicher“, sagte Rowan bestimmt. Er konnte ja nicht gut sagen, dass sein Pferd es ihm geraten hatte. Ottgar und Mardok hätten es ihm nie geglaubt, sondern ihn nur ausgelacht.
Die Pferde kämpften sich bis zum eigentlichen Bachlauf vorwärts. Rowan führte sie und überließ seinem Pferd die Wahl des Weges durch das sumpfige Gebiet. Es fand eine kleine Sandbank am Ufer des Bachs. Die anderen Kinder folgten ihnen.
Die Drachen waren inzwischen über ihnen hinweggeflogen, ohne sie zu beachten, und kreisten über dem Dorf. Fauchend setzten sie eine Scheune und einen Busch in Brand.
(...)

Im Kindle-Shop: Rowan - Kampf gegen die Drachen

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'Auf der Suche nach Glück in New York City' von J. Vellguth

Holly hat fast alles: Einen Studienabschluss mit Auszeichnung, ein Bewerbungsgespräch bei ihrer absoluten Traumfirma und dann trifft sie auch noch einen netten Mann in einem Coffeeshop. Ihr neues Leben scheint endlich in greifbare Nähe zu rücken. Doch dann kommt alles anders und plötzlich hängt ihre gesamte Zukunft von der Arbeitsbereitschaft eines arroganten Schnösels ab, der … vielleicht doch ein bisschen mehr Tiefgang besitzt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Sie muss sich entscheiden: Karriere oder Liebe … oder kann man doch beides haben?

Rick ist der verwöhnte Sohn eines steinreichen Vaters und musste in seinem Leben noch nie einen Finger krumm machen. In der Firma ruht er sich auf der Arbeit anderer aus und hat nicht im Mindesten vor, das zu ändern. Doch sein Vater hat die Nase voll und will ihn endlich aus seinem Wolkenturm werfen. Wer wäre besser geeignet, ihm Disziplin einzutrichtern, als eine junge, enthusiastische Jobanfängerin, die sich aus den ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet hat? Wird Rick sein gemütliches Leben einfach so aufgeben? Und steckt vielleicht doch mehr in dieser jungen Frau als steife Strebsamkeit?

Eine winterlich-moderne Liebesgeschichte über große Träume, kleine Wahrheiten und aufrichtige Gefühle.

Gleich lesen: Auf der Suche nach Glück in New York City

Leseprobe:
Holly stand in einer warmen Wolke aus rosasüßem, würzigschwarzem Kaffeeduft und fühlte sich einfach nur gut.
Ihre Brille war immer noch ein wenig beschlagen. Während die Gläser sich langsam aufklärten, schloss sie kurz die Augen und atmete tief durch.
Der Geruch von Zimt und Honig, Kaffee und Salz­karamell, Kakao und Sahne machte sie ganz schwindelig.
Dann konnte sie endlich wieder sehen. Vor ihr in der Auslage erstreckte sich ein himmlisches Meer aus fluffigem Teig und Zuckerglasur. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Saftige Donuts, weiche Kekse und zuckersüße Teilchen.
Aber sie schaffte es, sich trotz leeren Magens einzu­reden, dass ihr flaues Gefühl nicht am Hunger lag, sondern von ihrer Nervosität und dem Anruf ihrer Mutter herrührte.
Sie konnte jetzt ganz sicher nichts Süßes vertragen.
Bestimmt.
Selbst in Gedanken triefte ihre Stimme vor Ironie.
Aber wenn sie hungrig wäre, müsste sie feststellen, dass ihr Portemonnaie gähnend leer war. Zumindest bis auf die zwanzig Dollar, die darauf warteten, in den Sparstrumpf für das Busticket nach Hause zu wandern. Sie hatte ihre Eltern so lange nicht gesehen. Und gerade jetzt, mit den Schwierigkeiten wegen des Autos, wäre es gut, über Thanksgiving bei ihnen zu sein.
Sie griff in ihre Manteltasche und fuhr mit vor Kälte steifen Fingern durch das Kleingeld, das sie heute noch ausgeben durfte.
Zwei Dollar und dreiundvierzig Cent. Das wusste sie, ohne nachzuzählen.
Sie betrachtete die Karte über der Theke. Für das Geld konnte sie sich einen mittleren Kaffee leisten. Oder mit einem kleinen achtundfünfzig Cent sparen und nachher im Laden noch etwas Gemüse kaufen, um ihren Magen zu füllen. Das war wohl die vernünftigere Variante.
Oder den Kaffee ganz sein lassen. Aber ihr war so kalt.
Da klingelte die Türglocke und ein junger Mann trat in den Laden.
Lang und schlank und das schwarze Haar so durcheinander, dass er wahrscheinlich gerade erst aus dem Bett gestiegen war. Auch sein eindeutig maßgeschneiderter Anzug sah ein wenig mitgenommen aus.
Sie fragte sich, was für eine Geschichte hinter seinem Aufzug steckte.
Die dunkelbraunen Augen blitzten in ihre Richtung und plötzlich erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht.
Holly atmete eine weitere Welle aus Zuckerduft ein, durch die ihre Knie ganz weich wurden, wandte verlegen den Blick ab und betrachtete die Menükarte. Eigentlich sollte sie sich auf ihr Vorstellungsgespräch konzentrieren oder zumindest auf ihre Bestellung.
Aber die Gegenwart des jungen Mannes summte so laut am Rand ihres Sichtfeldes, dass sie nicht einen einzigen Buchstaben lesen konnte.
Sie spürte seine Wärme neben sich, bevor er etwas sagte. Er stand ein wenig dichter, als das für Fremde üblich war, und fuhr sich lässig durch sein seidig glänzendes Haar. Unvermittelt fragte Holly sich, wie sich das wohl anfühlen würde, und musste innerlich über sich lachen. So einen Gedanken hatte sie lange nicht gehabt.
Deshalb beschloss sie, nicht zu bemerken, wie ihre Oberarme bei seiner flüchtigen Berührung kribbelten.
Ihre halb gefrorenen Glieder begannen aufzutauen, das war alles.
»Guten Morgen«, sagte er mit dunkler Stimme und das selbstbewusste Lächeln auf den vollen Lippen wurde noch breiter. Ein Kribbeln ergoss sich ungefragt in einer Welle bis in Hollys Bauch hinein.
Schweigen oder antworten?
Sie entschied sich zu einem Konter: »Ganz so gut scheint der Morgen für dich aber nicht zu laufen.« Sie spielte natürlich auf sein zerwühltes Aussehen an.
Ganz egal, dass ihre Reaktion vielleicht ein bisschen verrückt war. Das hier war wesentlich besser als sich Gedanken über so nebensächliche Kleinigkeiten zu machen wie ihre Zukunft, Bewerbungsgespräche, kaputte Autos und – Frühstück.
»Nichts, was ein ordentlicher Kaffee nicht wieder hinbekommen würde.« Er beugte sich zu ihr herunter und sagte in vertraulichem Ton: »Heiß, mit extra Zucker, natürlich.«
Sie lachte. Nicht gerade innovativ. Aber aus irgend­einem Grund störte sie das heute gar nicht.
Sie spürte, wie sein Atem über ihre Wange strich und ihr Puls sich beschleunigte. Jede Wette, dass er die Damen mit seinem Charme reihenweise flachlegte.
»Ich bin Rick«, sagte er freundlich und hielt ihr die Hand entgegen.
Holly zögerte nur einen Augenblick. Normalerweise war sie niemand, der auf so etwas ansprang. Aber er sah durch seinen zerknitterten Auftritt mindestens genauso fehl am Platz aus, wie sie sich fühlte. Und alles war besser, als eine Stunde lang alleine die Zeit totzuschlagen.
»Holly«, sagte sie und nahm seine Hand. Die war weich und im Vergleich zu ihrer unheimlich warm. Fast hätte sie vergessen, ihn wieder loszulassen.
»Ein schöner Name«, antwortete er. »Und was trinkst du, Holly?«
Eigentlich hatte sie sich gegen den Kaffee entschieden, aber wenn sie jetzt sagte, dass sie nichts wollte, würden unweigerlich Fragen kommen. Unangenehme Fragen.
Also wandte sie sich an die Kassierin. »Einen Kaffee – tall, bitte«, sagte sie. Holly hatte noch nie verstanden, weshalb bei Starbucks der kleine Kaffee tall genannt wurde – also hochgewachsen oder lang. Wahrscheinlich, damit man eher bereit war, fast zwei Dollar für einen schlichten, schwarzen Kaffee auszugeben.
Die junge Frau an der Kasse nickte bereits, aber Rick schnalzte missbilligend mit der Zunge und lehnte sich gegen den Tresen. »Das kann nicht dein Ernst sein.« Die Kassierin zögerte und ihr Blick huschte unsicher zwischen ihren beiden Kunden hin und her.
»Ein langweiliger, schwarzer Kaffee?«, fragte Rick und zog die Brauen hoch. »Ich dachte, wir wären uns einig, dass wir Koffein und ganz viel Zucker brauchen, um vernünftig in den Tag zu starten.«
»Hauptsache schwarz und heiß«, sagte sie. Dabei ruhte sie sich absichtlich ein wenig zu lange auf dem scharfen S aus und versuchte genauso lässig zu wirken wie er. Sie konnte sich unmöglich zu etwas anderem überreden lassen, das ließ ihr Geldbeutel nicht zu.
Aber Rick schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen, sondern wandte sich an die Kassiererin: »Die Dame nimmt einen Salted Caramel Mocha Grande.« Dann hob er Mittel- und Zeigefinger in die Luft. »Machen Sie zwei draus.«
Hollys Magen knurrte leise bei dem Wunsch nach so viel Kalorien. Sie hielt den Atem an und hoffte, dass er nichts davon bemerkt hatte.
»Siehst du, dein Bauch stimmt mir zu«, sagte er und lachte leise vor sich hin.
Na, hervorragend.
Mieser, verräterischer Bauch.
Hollys Blick raste über das Menü, bis sie sein bestelltes Heißgetränk fand. Fast fünf Dollar.
Sie schluckte, stieß die Luft aus und schüttelte schnell den Kopf. »Nein danke, ich …«
Er seufzte. »Vertrau mir einfach, okay?« Und am liebsten wäre sie in seinen tiefen, dunklen Augen einfach so versunken.
Ihre Finger schlossen sich fest um das Kleingeld in ihrer Tasche. Unmöglich.
»Aber ich …«
Er unterbrach sie, indem er sich an die Kassiererin wandte: »Der geht auf mich.« Damit lächelte er Holly zu, als wollte er sagen, er hatte alles unter Kontrolle.
Unter normalen Umständen hätte Holly sich jetzt zur Wehr gesetzt. So ein Geschenk konnte sie unter gar keinen Umständen annehmen.
Aber wenn sie sich an ihre Prinzipien hielt, dann bedeutete das, Thanksgiving ganz allein in ihrer kalten Wohnung zu verbringen.
Also schluckte sie ihren Stolz hinunter und lächelte.
Vielleicht war das ja wirklich mal eine willkommene Abwechslung. Jemand, der es ehrlich meinte und ihre Probleme löste, statt neue zu schaffen. Traf man solche Menschen tatsächlich einfach so auf der Straße? Leute, die keine andere Agenda hatten, als nett zu sein?
Sie warf ihm einen Seitenblick zu.
Ihr Bauch behauptete, er ging in Ordnung. Aber was wusste ihr Bauch schon, der war ein mieser Verräter. Ihr Kopf hatte eine sehr eindeutig andere Meinung.
»Glaub mir, du wirst es nicht bereuen«, sagte er mit einem Zwinkern.
Holly sah, wie die Kassiererin ihn beobachtete und verträumt zuerst den Kaffee machte, statt zu kassieren.
Rick ließ sich davon nicht beirren, sondern ging zu der Station, wo die Getränke ausgegeben wurde. »Also, was machst du hier in der Gegend?«, fragte er Holly. »Sightseeing? Arbeit? Vergnügen?« Beim letzten Wort senkte er die Stimme zu einem tiefen Brummen und wackelte mit den Augenbrauen. Dabei wirkte er so jungenhaft verschmitzt, dass sie es ihm nicht übelnehmen konnte.
»Arbeit«, sagte Holly schnell. »Hoffe ich zumindest.«
Er lachte. »Glaub mir, hier in der Gegend willst du gar nicht arbeiten.«
»Nein?«
»Lauter eingebildete Schnösel, die einen Stock im Hintern mit sich herumtragen.«
Jetzt lachte Holly. »Ach wirklich?« Sie neigte ihren Kopf und tat, als würde sie seine Rückseite begutachten. »Ich sehe gar nichts«, stellte sie übertrieben verwundert fest.
»Ausnahmen bestätigen die Regel«, antwortete er völlig ernst.
Da schob die Kassiererin zwei riesige Kaffeebecher über den Tresen. Rick griff in die Hosentasche seines Anzugs, zog seine Hand aber sofort wieder heraus und klopfte sein Jackett ab. »Sorry, tut mir leid, ich glaub, ich hab meine Karte im Auto liegen lassen.«
Da war das flaue Gefühl plötzlich wieder da und Hollys Magen schrumpfte zusammen ...

Im Kindle-Shop: Auf der Suche nach Glück in New York City

Mehr über und von J. Vellguth auf ihrer Website.



24. November 2017

'Herbstfunkeln (Cornwall Seasons 1)' von Cara Lindon

»Cornwall tut den Augen und der Seele gut«, sagte Grandma, »… und es heilt gebrochene Herzen.«

Mann weg, Job weg, Wohnung weg – kurz vor ihrem 30. Geburtstag hat Alys alles verloren. Zutiefst unglücklich kehrt sie zurück ins romantische Cornwall, ins Haus ihrer Großmutter. Mit Schokolade, Büchern und ihren besten Freundinnen versucht sie sich zu trösten, aber das Leben erscheint ihr leer.

Um nicht mehr so allein zu sein, adoptiert sie Mr. Cat, einen missmutigen Kater aus dem Tierheim. Gerade hat Alys sich ihrem Dasein als einsame Katzenfrau abgefunden, treten zwei Männer in ihr Leben: der sympathische Jory, mit dem Alys lachen kann, und der erfolgreiche Daveth mit den stahlgrauen Augen, der sie verwöhnt.

Das Gefühlschaos ist perfekt. Nun muss Alys sich entscheiden: Kann sie ihrem Herz vertrauen oder steht ihre Vergangenheit ihrem Glück im Weg?

Gleich lesen:
Für Kindle: Herbstfunkeln (Cornwall Seasons 1)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Zum dritten Mal versuchte Alys Brände auf Borneo, den zweiten Roman der Jezebel-Bligh-Serie, aus dem Regal zu ziehen, aber ihre zitternden Finger glitten am Buchrücken ab. Wie konnte das nur geschehen? Was hatte sie verbrochen, dass ihr ganzes Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt war?
Die anderen Zutaten für ihre heutige private Trauerfeier lagen auf dem Couchtisch bereit:
- Schokolade
- Southern Comfort und Ginger Ale
… und eine Packung Taschentücher, weil sie weinen musste.
Mit verschwommenem Blick sah sie sich um. Alles in dem vertrauten Cottage erinnerte sie an ihre Grandma, vor allem die Fotos an den Wänden und über dem Kamin. Sie ging zu dem Schnappschuss, den sie am meisten liebte: Grandma und sie in London während einer Einkaufstour.
»Hier habe ich gewohnt, als ich noch jung war.« Grandmas Augen hatten geleuchtet, als sie auf ein unscheinbares Haus in der Carnaby Street deutete. »Wilde Zeiten waren das. Bis ich deinen Großvater kennenlernte.«
»Warst du ein Groupie?«, fragte Alys, die sich im Internet über die Swinging Sixties informiert hatte und sich nicht vorstellen konnte, wie ihre stets korrekt gekleidete Großmutter in diese Welt passen sollte. »Wovon hast du gelebt?«
Grandmas Antwort war ein Lachen gewesen. »Ach, Kind, das erzähle ich dir, wenn du groß bist.«
Der Stil ihrer Großmutter war in dem behaglichen Häuschen überall zu spüren. Durch indirekte Beleuchtung und helle Farben war es ihr gelungen, aus dem Cottage ein lichtdurchflutetes, behagliches Heim zu schaffen.
Das einzig Dunkle waren die Dielen, die abgeschliffen und versiegelt waren. Alys mochte das Gefühl des warmen Holzes an ihren Füßen und war Grandma dankbar, dass diese das Holz nicht mit Teppich überdeckt oder gar herausgerissen hatte.
Sie fühlte sich zuhause und hatte alles belassen, wie es war, nachdem sie hier eingezogen war. Jeden Raum verband sie mit einer Erinnerung an ihre Großmutter, mit Leben, Streit und Lachen. Noch immer erwartete sie, Grandma auf dem gemütlichen Sofa vor dem Kamin sitzen zu sehen. Die zusammengewürfelten Bücher im Regal trugen Grandmas Namen auf der dritten Buchseite. Manchmal hatte sie auch Bemerkungen zur Geschichte dazu geschrieben, meist, wenn sie sich über die Romane geärgert hatte.
Vor dem Fenster hingen beigefarbene Stoffgardinen, deren aufgedruckte Rosen von dem gleichen intensiven Rot waren wie das Sofa, auf das sich Alys setzte, nachdem sie das Buch endlich herausgezogen hatte, und die Beine anwinkelte.
Dann zog sie eine Bilanz ihres Lebens, die traurig aussah:
- Grandma: fehlt mir immer noch unendlich
- Chesten: bei ihrem Lover
- Bree: In Mailand oder San Francisco oder New York
- Job: weg und kein neuer in Sicht
- Craig: Flop meines Lebens
… und all das innerhalb kurzer Zeit. Sie konnte kaum fassen, wie schnell ihr Leben zerbrochen war. Noch vor einem Jahr hatte sie als Personalentwicklerin bei einer Londoner Bank gearbeitet und in einer überteuerten, aber schnuckeligen Wohnung in Notting Hill gelebt, gemeinsam mit Craig. Erst überraschte sie die Kündigung, dann die Trennung und schließlich im Oktober der verhängnisvolle Anruf von Grandma.
»Alys, Dearie, ich … ich bin krank. Sehr krank.«
Sofort ließ sie in London alles stehen und liegen, um ihrer geliebten Großmutter in Cornwall beiseite zu stehen. Sechs gemeinsame Wochen waren ihnen vergönnt gewesen. Alys verzog den Mund, hob die Hand vors Gesicht, aber die Tränen ließen sich nicht eindämmen. Sie schnäuzte sich die Nase, goss sich eine großzügig bemessene Portion Southern Comfort ein und füllte das Glas mit Ginger Ale auf. Nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, öffnete sie das Taschenbuch der Mission für M.I.S.T.R.-Reihe. So wie Grandma liebte sie die Abenteuer der exotischen Heldin Jezebel Bligh und ihres Teams.
»Jedes Mal, wenn Jezebels geheimnisumwitterte Vergangenheit erwähnt wird, trinke ich einen Schluck Southern«, wiederholte sie die Regeln ihres Spiels. »Bei jeder Erwähnung ihrer außergewöhnlichen Attraktivität gibt es Schokolade.«
Wow, erst auf Seite neun und sie musste das Glas bereits auffüllen. Jezebel Blighs hatte eine sehr geheimnisvolle Vergangenheit, was der Autor nicht oft genug erwähnen konnte. Wie eine Meerjungfrau war sie als Kind eines Tages in Borneo halb ertrunken angespült und von einem Eingeborenenstamm aufgezogen worden.
»Auf dich, Grandma.« Alys hob ihr Glas. »Und auf deinen seltsamen Buchgeschmack. Ich vermisse dich. Entsetzlich.«
Erneut stiegen Tränen in ihren Augen auf, denen sie durch einen großen Schluck des süßen Getränks beikommen wollte.
Wieso war die Schokolade schon alle? Das musste an Jezebel Blighs Sex-Appeal liegen. Alys erhob sich, um sich eine neue Tafel zu holen, und plumpste zurück aufs Sofa.
Ups!
Der Southern Comfort wirkte stärker, als er schmeckte. Möglicherweise lag es daran, dass sie seit dem Frühstück nichts gegessen hatte. Der Gedanke an den morgigen Tag raubte ihr den Appetit. Sicher, es war Grandmas letzter Wunsch gewesen, aber musste Alys deshalb ihr Leben umkrempeln?
»Auf den kommenden Mitbewohner.« Darauf noch einen Schluck des leckeren Getränks. Irgendwie hatte Alys das Gefühl, der Southern Comfort würde immer mehr in ihrem Mund. Vielleicht sollte sie erst einmal einen Schluck Wasser trinken. Oder zwei. Doch irgendwie konnte sie sich nicht dazu aufraffen, aufzustehen und in die Küche zu gehen. Stattdessen schniefte sie und schnäuzte sich in das Taschentuch, das schon ziemlich durchweicht war.
Ich bin ganz allein! Niemand liebt mich. Ich könnte hier und heute tot umfallen und es würde Monate dauern, bis es jemand merkt.
Als sie sich weiter in ihr Selbstmitleid einkuscheln wollte, klingelte ihr Smartphone. Wo war das verfluchte Ding nur? Alys stand auf, schwankte, aber es gelang ihr, auf den Beinen zu bleiben, auch wenn sie sich an der Sofalehne abstützen musste. Auf der Suche nach ihrem Telefon kniff sie ein Auge zu, weil sie auf einmal alles unscharf und doppelt sah.
Ah, da war das blöde Ding. Wie es da nur hingekommen war?
Glücklicherweise hatte ihr Anrufer viel Geduld.
»Hallo!« Alys keuchte ein wenig, weil die Suche und vor allem der Versuch, aufrecht zu bleiben, ganz schön anstrengend war. »Ja?«
»Wie viel hast du getrunken?«
»Hallo Bree, Ich freu mich auch, dich ssu hör’n.«
»Ach, komm, wer außer mir sollte heute deshalb anrufen.«
Stimmt. Ein echter Punkt. Chesten war mit den Gedanken meist woanders und außerdem viel zu freundlich, als dass sie Alys an ihre Fehler erinnern würde. Brees Schmerzgrenze lag deutlich tiefer, wenn es um klare Worte ging. In diesem besonderen Fall jedoch hatte Chesten gestern bereits angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie einen Termin für Alys ausgemacht hatte.
Alys seufzte. »Mussu mich daran erinnern?«
»Du trinkst allein?!« Brees Stimme klang ungläubig. »Die wievielte Flasche Sekt?«
»Kein Sekt. Schoschern Comfort, wegen Grandma.« Wenn sie sich auf den Rücken legte und mit der linken Hand ein Auge zuhielt, drehte sich das Zimmer kaum noch. »Und wegen morgen. Chesten hat sich drum gekümmert.«
Schweigen antwortete ihr. Eine skeptische Stille.
»Das willst du doch nicht wirklich machen?«
»Oh doch.« Alys kämpfte gegen einen Schluckauf an und schloss beide Augen. Trotzdem drehte sich das Zimmer noch. »Versprochen is’ versprochen. Hicks.«
»Ach, Darling.« Brees Stimme klang für ihre Verhältnisse sehr sanft. »Deine Grandma würde es verstehen, wenn du dich anders entscheidest. Nach Craig wird noch jemand kommen.«
»Versprochen is’ versprochen«, wiederholte Alys mit Nachdruck in der Stimme. Erneut drohte die Traurigkeit sie zu überwältigen. »Grandma wirsich schon wasch dabei gedacht habn. Craig – wer is’ Craig. FmL.«
Flop meines Lebens, manchmal auch gFmL – der größte Flop meines Lebens. Nicht dass Bree nicht von Anfang an prophezeit hatte, dass er sich als das herausstellen würde.
»Dearie, pack einfach deine Sachen und besuch mich.« Bree wurde nicht müde, ihr dieses Angebot zu machen, obwohl Alys es bestimmt schon zehnmal abgelehnt hatte. »Ich fänd’s schön, wenn du hier wärst.«
Nein, Brees Modelwelt war keine, in der Alys sich einfügen könnte – da war sie sicher.
»Ich muss einen Job finden.« Alys hasste es, wenn sie sich stur und verbissen und spießig anhörte. Konnte Bree denn nicht verstehen, dass sie nicht auf Kosten ihrer Freundin leben wollte? »Auscherdem hab’ ich morgen den Termin.«
Erneut schwieg Bree. Sie war die Königin des vielsagenden Schweigens. Wenn sie nüchtern gewesen wäre, wäre Alys vielleicht eingeknickt. Dank des wunderbaren Southern Comforts konnte sie Brees Schweigen gut aushalten. Ab und zu öffnete sie ein Auge, um zu überprüfen, ob der Raum sich immer noch drehte.
Jep.
»Na gut, dann renn in dein Unglück.« Bree seufzte. Manchmal hörte sie sich an wie die große Schwester, die Alys nie gehabt hatte. »In zehn Tagen komme ich nach St. Bart. Ich habe einen Auftrag in Rom und mache einen Zwischenstopp bei euch.« »Dann kannscht du ihn oder sie kennenlernen.« Nun war der Schluckauf doch ausgebrochen, obwohl Alys alles versucht hatte, ihn zu unterdrücken. »Ich freu mich, aber ich glaub, ich muss jezz ins Bett.«
»Hoffentlich hast du morgen keinen Kater.« Bree schüttete sich aus vor Lachen. »Du verstehst den Witz.«
»Ja, Bree. Obwohl er nichso lussig ist wie du denkst.« Alys bemühte sich, etwas gekränkte Würde zu verbreiten, aber mit Schluckauf war das nur schwer zu bewerkstelligen. »Gute Nacht.«
»Geh wirklich schlafen und trink nicht noch den Rest aus.« Alys konnte Bree förmlich vor sich sehen, wie sie den Kopf schüttelte. »Tschüs, Love.«
»Ciao.« Alys legte auf und stellte das Glas ab. Einen Moment überlegte sie, sich aus reinem Trotz noch einen Southern Comfort einzuschenken, aber der Schluckauf war ein deutliches Signal, dass sie genug hatte.
Also torkelte sie in die Küche, goss sich dort ein großes Glas Wasser ein, in dem sie eine Magnesium- und eine Kalziumtablette auflöste. Während die Tabletten vor sich hinsprudelten, hielt Alys sich die Nase zu, um den verfluchten Schluckauf endlich zu besiegen.
Sie warf einen letzten verschwommenen Blick durch das Cottage, ob alles für morgen vorbereitet und einsatzbereit war. Ja, sie war gut organisiert. Eine Frau mit miesem Männergeschmack, aber einem eindeutigen Organisationstalent. Ab morgen würde alles anders.
»Proscht!« Mit Todesverachtung trank sie die säuerliche Magnesium-Kalziummischung und hoffte, dass dies dem morgigen Kopfschmerz vorbeugen würde.

Im Kindle-Shop: Herbstfunkeln (Cornwall Seasons 1)
Für Tolino: Buch bei Thalia

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'Dark Spirit: Das Vermächtnis' von Silvia Maria de Jong

Er begehrt sie vom ersten Moment an, da er sie gesehen hat. Doch sie ist die Frau seines Bruders!

Der unerwartete Tod seines Bruders Tristan, zwingt Kiran Carmichael nach Schottland, in seine Heimat zurückzukehren. Tristans Tod eröffnet Abgründe, welche die gesamte Existenz der Familie bedrohen. So auch Julias, die Frau, an die Kiran vor vielen Jahren sein Herz verlor. Er muss den dunklen Schatten seiner Vergangenheit begegnen und die tiefverschütteten Geheimnisse offenbaren, wenn er die, die er liebt, retten will ...

Gleich lesen: Dark Spirit: Das Vermächtnis

Leseprobe:
Erschrocken wich sie zurück. Beschämt darüber, sich so kurz nach dem Tod ihres Mannes in den Armen eines Anderen zu finden. Was war nur mit ihr los? Kiran war immer ein Bestandteil ihres Lebens gewesen, nicht zuletzt als ihr Schwager. Doch alles Weitere hatte sie aus ihrem Kopf, ihrer Seele und ihrem Herzen gebannt. An jenem Tag, da sie Tristan das Ja-Wort gab.
Sie streckte die Hand aus und berührte mit zitternden Fingern den goldenen Anhänger, welcher auf seiner Brust ruhte. Halb vom Brusthaar verborgen, spiegelte er das schwache Licht, welches aus dem Nebenzimmer herein fiel.
Andächtig schloss sich ihre Hand um das Schmuckstück, dessen edles Material noch Kirans Körperwärme trug.
„Ich kann nicht glauben, dass du ihn noch immer trägst“, flüsterte sie so ergriffen, dass ihr fast die Stimme versagte. Die Finger seiner linken Hand schlossen sich um ihre, während er mit der Rechten behutsam ihr Kinn anhob, um ihr in die Augen sehen zu können.
„Seit jenem Tag, als du mir die Kette angelegt hast, habe ich sie nicht mehr abgenommen, Juls.“ In seinen Augen lag ein Verheißen, das sie ängstigte und ihr zeitgleich einen Schauer des Begehrens über die Haut jagte. Seine Stimme klang dunkel und rau als er flüsterte: „Wir sind wie Engel mit nur einem Flügel…“
„…müssen einander umarmen, um fliegen zu können“, vollendete sie ehrfürchtig den Satz mit ihm.
„Du erinnerst dich daran?“
Ein trauriges Lächeln zeichnete sich in seine Züge.
„Ich erinnere mich an jede Sekunde dieses Abends. An jedes Wort, das wir gesprochen haben. Jeden Kuss, den wir geteilt haben…“ Blitzschnell legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und brachte ihn somit zum Schweigen.
„Psst…Bitte, Kiran. Tu das nicht. Nicht heute Nacht.“ Ihre Stimme bebte, so sehr nahm der Moment sie gefangen. Sekundenlang schien es ihm nicht zu gelingen sich von ihr zu lösen, dann jedoch siegte der Verstand über das Herz. Mit einem leichten Nicken löste er widerstrebend seine Hand von Ihrer.
Julia öffnete die Finger und betrachtete den feingearbeiteten Engelsflügel in ihrer Handfläche. Sicher kein Meisterstück, aber mit Abstand das Wertvollste, was sie je gearbeitet hatte.
Ganz am Anfang ihrer Ausbildung zur Goldschmiedin, hatte sie eben jenen Flügel für Kiran kreiert. Einen für ihn, und das passende Gegenstück für sich. Damals hatte sie geglaubt, die Welt läge ihnen zu Füßen. Das Leben selbst, glänzend, wie dieses Stück Gold in ihrer Handfläche vor ihnen. Nur wenige Monate später war Kiran aufgebrochen in ein Leben, in dem es augenscheinlich keinen Platz für sie zu geben schien. Einmal mehr hatte sie in dem zarten Alter von siebzehn Jahren, so alt wie Damian heute war, erfahren müssen, wie unendlich schmerzhaft Verluste waren.
Mit dem Daumen strich sie behutsam über das feingearbeitete Relief der Federn, spürte einen Hauch der Freude von damals, als sie Stunden damit zugebracht hatte, jede Einzelheit fein hervor zu heben.
„Warum verliert man immer die, die einem am liebsten sind?“ Sie wusste nicht genau, ob sie die Frage Kiran oder sich selbst stellte. Unsicher hob sie den Blick und sah ihn an. „Jaden, der plötzlich und unvermutet aus dem Leben gerissen wurde.“ Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel bei dem Gedanken an ihren Bruder, der gerade volljährig war, als er diesem schrecklichen Unfall zum Opfer fiel. Bis heute wusste sie nicht genau, was an jenem Tag geschehen war. Stets hatte man sie damit getröstet, dass sie noch zu jung sei um das Unfassbare zu begreifen. Sie war jung gewesen, zwölf Jahre alt. Doch auch später hatte sie niemand wirklich darüber aufgeklärt, was in jener Nacht geschah. Ihre Mutter, dachte sie voller ungebändigtem Schmerz, war dem Sohn nur wenige Monate später in das kühle Grab gefolgt.
Kiran hob die Hand und wischte die Träne fort. Etwas Apathisches lag in seinem Blick, das sie ängstigte.
„Von all meinen Brüdern war Jaden immer der, der mir am nächsten stand. Ihn zu verlieren war…“ Sie schüttelte den Kopf. Der Worte beraubt, versuchte sie sich zu fangen. „Und dann du.“ Mit dem Finger strich sie behutsam über die tiefe Narbe, welche seine rechte Augenbraue in zwei Teile spliss. Kiran zuckte erschrocken zusammen. Julia hatte plötzlich den Eindruck, dass er tausende Kilometer entfernt schien. Sein Körper, so dich bei ihr, dass seine Wärme sie wie eine Liebkosung umfing. Sein Geist jedoch, schien auf einer anderen Ebene zu verweilen.
„Dich zu verlieren, Kiran, hat mich fast meines Verstandes beraubt. Von einer Sekunde auf die Nächste warst du fort. Über Nacht. Ohne jeglichen Abschiedsgruß…“ Der Schmerz ließ ihre Stimme brechen.
„Julia…“, sagte er heiser, und in diesem einen Wort lag so vieles verborgen, dass es sie ängstigte, diese Dinge zu ergründen. Sie hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen, bevor er weiter sprechen konnte.
„Du musst mir nichts erklären, Kiran. Die Zeit für Erklärungen ist lange vorbei…“ Unter dem Schleier ihrer Wimpern hindurch begegnete sie seinem Blick. Schuld und Sühne sprachen zu gleichen Teilen daraus. Berührten sie so tief, dass sie versucht war, sich seinen Erläuterungen hinzugeben. Zu erfahren, was ihn damals dazu veranlasste, alle Brücken hinter sich nieder zu reißen. Was es war, das noch heute diesen gequälten Ausdruck in seinen Augen heraufbeschwor.
Mit einem tiefen Aufstöhnen zog er sie in seine Arme und ließ sich mit ihr auf die Matratze sinken.
„Ich verspreche dir, ich werde dich nicht anrühren. Aber ich könnte es nicht ertragen, dich in einer solchen Nacht allein zu lassen. Zu wissen, das du hier liegst, gequält von Selbstzweifeln, die dir aufgebürdet wurden“, flüsterte er rau. Sie hob das Kinn und sah ihn an. Mit dem Finger strich er zärtlich über ihre Wange, fuhr durch die dichten Strähnen ihres dunkelroten Haares.
„Du hast dir nichts vorzuwerfen, Julia. Du warst Tristan stets eine treue, sorgende Ehefrau. Jeder, der etwas Anderes behauptet, lügt.“
Sie senkte die Lider aus Angst, er könne die erschreckende Wahrheit in ihren Augen lesen. Körperlich war sie Tristan treu gewesen, doch ihre Seele und ihr Herz hatten stets nach etwas verlangt, das er ihr nicht geben konnte, egal wie sehr er sich auch mühte.

Im Kindle-Shop: Dark Spirit: Das Vermächtnis

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23. November 2017

'Silent Guy: Lautlos in mein Herz' von Lisa Torberg

Worte sind sein Handicap. Tom ist unwahrscheinlich attraktiv – aber er stottert. Seine Mutter erträgt ihn deshalb nicht und wirft ihn bei der erstbesten Gelegenheit raus. Er leidet schweigend. Das ändert sich auch nicht, als er die Laufstege der Welt erobert. Mit den Gagen finanziert er sich sein Studium – und mit Ende zwanzig macht er endlich das, was er liebt. Fernab vom Rampenlicht designt er für AJ-Fashion seine eigene Kollektion, ohne in Erscheinung zu treten. Aber dann stirbt sein Geschäftspartner ...

Was tun, wenn man nach und nach fast alle Menschen verliert, die man liebt? Charly weiß es: sich in der Arbeit vergraben. Jeder berufliche Erfolg befriedigt ohnehin mehr, als ein Mann es jemals tun könnte. Und Gefühle werden grundsätzlich überbewertet. Dass dem doch nicht so ist, merkt sie, als ihr Onkel stirbt. Sie verlässt Kalifornien und fliegt nach London, um AJ-Fashion zu übernehmen ...

Gleich lesen: Silent Guy: Lautlos in mein Herz

Leseprobe:
»Ich verstehe von Mode so wenig wie ihr von Immobilien.« Mit einem Seufzen lehne ich mich auf dem Sofa zurück und rücke den Laptop auf meinen Knien zurecht.
»Schlechter Vergleich, du Supermaklerin.« Tine, die auf dem rechten Bild des geteilten Bildschirms zu sehen ist, streicht sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. »Weingüter wie dieses hier sind auch Immobilien.« Ihre unbestimmte Handbewegung macht mir wieder einmal klar, wie weit wir voneinander entfernt leben. Zurzeit absolviert sie ein Praktikum in der Toskana. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, dass sie bald wieder in den Staaten sein würde – und jetzt ...
»Jede Frau versteht etwas von Mode«, unterbricht Chris von der Ranch in Montana meine Gedanken. Sie beugt sich vor und einen Moment lang nimmt ihr rechtes zwinkerndes Mandelauge die gesamte linke Bildschirmhälfte ein. »Sogar ich, obwohl ich hier in der Pampa weiß Gott keine High Heels oder elegante Abendkleider brauche.«
Mit verschränkten Armen starre ich auf meine beiden Freundinnen. »Ihr wollt mich nicht verstehen!«
»Doch, das tun wir!« Die Antwort kommt synchron.
»Du willst uns klarmachen, dass du es vorziehst, weiterhin sechzig Wochenstunden für diesen Idioten zu arbeiten.« Tines Locken wippen auf und nieder, da sie ihre Worte mit einem heftigen Nicken unterstreicht. »Es ist ja auch wirklich toll, dass man sieben Tage pro Woche irgendwelchen affektierten Geldsäcken Luxusimmobilien zeigen darf und nur ein Viertel der Kommission erhält, weil der Rest auf dem Konto dieses Donald-Trump-Verschnitts landet.«
Ich muss schmunzeln. Sie weiß, wovon sie spricht. Im Gegensatz zu mir kennt sie die Welt der Reichen und Superreichen seit ihrer Geburt. Und Harold Higgins, der gerissenste Immobilienhai von Los Angeles, für den ich arbeite, sieht tatsächlich aus wie der Klon des Präsidenten.
»Immerhin zahlt er mir ab Januar ein Fixum«, wende ich ein, »und wenn ich jeden Monat auch nur eine Villa verkaufe, verdiene ich richtig gut.«
»Was zuletzt vor einem halben Jahr passiert ist, weil er den Abschluss auf dem Golfplatz tätigte, nachdem du die Verhandlungen geführt hast«, erwidert sie lakonisch.
»Falsch. Letzte Woche habe ich endlich das sündteure Anwesen in Hollywood an einen Berater des arabischen Kronprinzen verkauft. Zwölf Millionen.« Als ich die Summe ausspreche, läuft mir ein prickelnder Schauer über den Rücken. Immerhin macht meine Kommission einhundertachtzigtausend Dollar aus.
»Könnt ihr mir bitte sagen, warum ihr über Dinge sprecht, die nicht mehr aktuell sind?«, fragt Chris mit irritierter Stimme und fixiert mich. »Wolltest du nicht unsere Hilfe, um zu entscheiden, was du anziehen sollst, wenn ...«
»Wann?«, falle ich ihr ins Wort.
»An dem Tag, an dem du dich in London den Mitarbeitern von AJ-Fashion präsentierst. Deinen Mitarbeitern! Obwohl du deinen Onkel seit Jahren nicht mehr gesehen hast, hat er dir sein Lebenswerk hinterlassen. Ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz, gegen den selbst der Wert einer Vierzig-Zimmer-Villa verblasst. Du kannst dort nicht einfach in Jeans und Turnschuhen auftauchen, lässig mit der Hand winken wie Angelina Jolie nach einem ihrer Charity-Trips in Afrika und darauf hoffen, dass sie dich ernst nehmen. Diese Typen sind Engländer!«
Tine nickt zustimmend. »Chris hat recht. Briten sind von Natur aus vorsichtig, abweisend und davon überzeugt, dass wir Amerikaner einer Subkultur angehören. Ab dem Moment, in dem du zum ersten Mal die Schwelle der Firmenzentrale von AJ-Fashion übertrittst, musst du ihnen beweisen, dass sie sich irren. Und deshalb wirst du ausschließlich englische Designerklamotten tragen.« Nachdenklich tippt sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger an ihre Lippen. In ihren Augen blitzt es auf und sie zwinkert mir zu. »Am besten beginnen wir mit Jimmy Choos für die Füße. Schwarz, klassisch, elegant und der Jahreszeit angepasst ...«



Mit geschlossenen Lidern liege ich auf dem zum Bett umgebauten Sitz der First Class und denke an den Videochat mit Tine und Chris. Der Plan, den wir ausgearbeitet haben, ist perfekt.
Die schwarzen High Heels sind in meinem Handgepäck, ebenso die Dessous, die Strümpfe und das angeblich knitterfreie Kleid mit der passenden Jacke, die ich in aller Ruhe im Hotel anziehen wollte. Wohlgemerkt nachdem ich nach der Ankunft in Heathrow mit dem Taxi dorthin fuhr und eincheckte. Laut meinem Zeitplan bleibt mir eine gute Stunde, um die Erinnerung an den Transatlantikflug unter der Dusche abzuspülen. Danach werde ich frisch wie eine Rose, makellos gekleidet und perfekt geschminkt das Erbe meines Onkels antreten. Das war der Plan. Dass mir die British Airways einen Strich durch die Rechnung machen würde, stand nicht im Programm. Trotz der überstürzten Entscheidung, von heute auf morgen nach Europa zu ziehen, sah es kurz nach dem Start in L. A. nicht so aus, als ob irgendwas schiefgehen könnte. Im Gegenteil. Bis dahin hat alles reibungslos geklappt ...



Am Montag rief mich ein Anwalt aus London an und teilte mir den drei Tage zurückliegenden Tod von Onkel Jim und seine Anordnungen mit. Anders konnte man seine Forderung, nicht an seinem Begräbnis teilzunehmen und die AJ-Fashion innerhalb weniger Tage zu übernehmen, nicht nennen. Ich war auch nicht erstaunt, da wir alles schon vor langer Zeit besprochen hatten – damals, als er sich auf die Insel im Indischen Ozean zurückzog, um in Ruhe und Abgeschiedenheit um Tante Anne zu trauern. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, dass dieser Moment, der mein Leben von Grund auf ändern sollte, nicht erst in zwanzig oder dreißig Jahren eintraf.
Deshalb fielen Tine und Chris Dienstag auch aus allen Wolken. Normalerweise schafften wir es nur mit Mühe, jeden zweiten Sonntag zu videochatten. Der Zeitunterschied zwischen Europa und Amerika erschwerte unseren Kontakt, und nun hatte ich sie mit den Worten »Wir müssen uns sofort hören« kontaktiert. Sie konnten nicht glauben, dass ich ihnen nie erzählt hatte, dass ich irgendwann die AJ-Fashion erben würde. Im Jahr vor dem Tod meiner Tante Anne war ich zum letzten Mal in London gewesen und mein Kontakt mit Onkel Jim beschränkte sich seither auf kurze Telefonate zu Weihnachten und zum Geburtstag. Außerdem erhielt ich von ihm alle drei Monate die Quartalsberichte der AJ-Fashion. Im Grunde genommen hörte ich von meinem Onkel Jim Harrington öfter als meinem Vater.
Die einzigen Menschen, die mir wirklich nahestehen, sind Tine und Chris. Seit wir vor zehn Jahren zufällig in der letzten Klasse der Highschool in Washington aufeinandertrafen, sind wir unzertrennlich; sofern man das sein kann, wenn man über den halben Erdball verteilt lebt. Das Schicksal hat Tine und mich mit siebzehn in die Hauptstadt verschlagen, beide aus dem gleichen Grund. Unsere Mütter waren beide innerhalb weniger Wochen gestorben. Tine hielt es nicht mehr daheim aus, und ich hatte kein Zuhause mehr. Chris war bereits mit vierzehn dort gelandet, weil ihre Eltern ihren Horizont erweitern wollten. Sie sollte städtisches Flair atmen und das Benehmen derjenigen lernen, die nicht in einem Sattel geboren und zwischen Rinderherden aufgewachsen waren. Dass die Snobs auf der exklusiven Schule die mandeläugige Tochter eines Rinderzüchters aus Montana wie den letzten Dreck unter ihren Schuhen behandelten – zumindest bis Tine auftauchte und ihre Freundin wurde –, ahnten ihr Vater und ihre Mutter nicht. Genau genommen wissen sie bis heute nichts von alldem, was Chris bis zu dem Moment ertragen musste, in dem wir zufällig in derselben Klasse landeten. Wir drei Außenseiterinnen hatten zueinandergefunden, und es gibt nichts, was wir nicht voneinander wissen.
Und doch hatte ich ihnen nie erzählt, dass ich eines Tages die AJ-Fashion erben sollte. Warum auch? Onkel Jim war acht Jahre jünger als mein Vater, der irgendwo in Afghanistan Truppen befehligt und auf den Fotos, auf deren Rückseite er mir alljährlich seine Weihnachtsgrüße mitteilt, immer noch kohlschwarze Haare hat. Ganz zu schweigen von dem muskulösen, sehnigen Körper, den auch der Tarnanzug nicht verbirgt. Seit Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört und weiß nur, dass er am Leben ist, weil ich keine gegenteilige Nachricht erhalten habe. Dafür ist die aus London eingetroffen, die mir den Tod meines einzigen anderen Verwandten mitgeteilt und die Verantwortung für Hunderte von Menschen in die Hände gelegt hat.
»Ich bin nicht so weit, diese zu übernehmen. Wahrscheinlich wäre ich auch in zwanzig Jahren nicht dazu bereit«, erklärte ich meinen Freundinnen, die auf einem Bildschirm nebeneinander zu sehen waren. Sie widersprachen mir. Ihre Zuversicht, dass ich sehr wohl dazu in der Lage war, fühlte sich an, als ob sie mit mir in einem Raum und nicht Tausende Kilometer weit weg wären. Tine und Chris sagten mir, wie ich vorgehen sollte. Noch in derselben Nacht schrieb ich dem Anwalt, der meinen Flug nach London buchte.

Im Kindle-Shop: Silent Guy: Lautlos in mein Herz

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'Granat hat keine Gräten: Ein Ostfrieslandkrimi' von Harald H. Risius

»Granat hat keine Gräten«
... behauptet Hinni Boomgarden. Trotzdem stirbt der Bremer Bankier Albert Oldenbeck bei einem Benefizessen zugunsten der Seehundstation Norddeich einen qualvollen Erstickungstod – gleich nachdem er eine Portion Nordseekrabben gegessen hat. Was ist los mit den Krabben, die in Ostfriesland Granat genannt werden?

Susi Wildtfang, die Ermittlerin mit Heimvorteil, und der brummige Helmut Brunner sollen den Fall klären, obwohl sie selbst vor persönlichen Veränderungen stehen: Der eine muss schleunigst Ostfriese werden, die andere schmiedet Heiratspläne. Da gibt es allerdings ein Hindernis: Ihr Zukünftiger steht auf der Liste der Verdächtigen beim Krabben-Mord.

Brisant wird die Ermittlung, als sich herausstellt, dass Oldenbecks Bank dubiose Geschäfte tätigt, Investoren um ihr Vermögen prellt und dabei auch die Seehundstation im Visier zu haben scheint.

Der neunte Roman der Reihe "Sail & Crime" mit einem überraschenden Ende und ganz viel Ostfriesland drin.

Gleich lesen: Granat hat keine Gräten: Ein Ostfrieslandkrimi (Sail & Crime 9)

Leseprobe:
Moin, Frau Söhnken.«
Renate begrüßt die Frau des Landrats mit dem üblichen Küsschen auf die Wange. »Ich hoffe, Sie haben auch Ihren Mann mitgebracht.«
»Natürlich, der lässt sich doch so ein Ereignis nicht entgehen. Ich glaube, er wird draußen noch aufgehalten. Aber was hört man von Ihnen? Sie haben eigenhändig einen Seehund gefangen? Das hätte ich mich nicht getraut. Ich hätte Angst, so niedlich die Tiere auch aussehen.«
Renate ist vor Verwunderung fast sprachlos. »Ich? Einen Seehund?«
»Ja, das wird dort draußen vor der Tür erzählt. Sie hätten mit Ihrer Yacht ein Seehundbaby gefangen, obwohl das nicht erlaubt ist. Die sind ja auch niedlich, diese Tierchen. Ich sehe mir die auch so gern an. Und zur Strafe müssen Sie nun diese Veranstaltung machen.«
Am Ende des Satzes ist ein angedeutetes Fragezeichen aus ihrem Tonfall herauszuhören. Gerne hätte Frau Söhnken alle Einzelheiten erfahren.
Renate fängt sich wieder. »Nein, Frau Söhnken, da haben Sie etwas Falsches gehört. Wir haben vor einigen Wochen einen Heuler gerettet. Der wurde von seiner Mutter getrennt und konnte deshalb nicht mehr gesäugt werden. Bei der Gelegenheit haben wir uns an die Seehundaufzuchtstation in Norddeich erinnert. Und nun möchten wir dort helfen.«
»Ach, so war das«, ruft Frau Söhnken, während sie sich bereits gelangweilt abwendet und sich auf eine Bekannte stürzt, die sie im Foyer entdeckt hat. »Hallo Lina, hest du dat all hört ...«
Renate Reichle und Hinni Boomgarden, die Inhaber des Hoteldorf am Großen Meer, begrüßen ihre Gäste. Sie haben eine Benefiz-Veranstaltung zugunsten der Seehundaufzuchtstation in Norddeich ausgerichtet. Nun treffen die Teilnehmer ein.
Renate ist eine schöne, große Frau, eine gebürtige Fränkin. Das elegante Abendkleid unterstreicht ihr selbstbewusstes Auftreten. Es fällt ihr leicht, sich den Umständen anzupassen und Kontakte zu knüpfen. Beide Eigenschaften haben ihr sehr geholfen, sich innerhalb kurzer Zeit einen Platz in der Gesellschaft Ostfrieslands zu erobern. Inzwischen ist sie bekannt und bei den meisten auch beliebt. Aber wie überall gibt es einige Neider.
Natürlich spielt auch Hinni Boomgarden, ihr Lebenspartner, eine gewisse Rolle. Er hat sie in die ostfriesische Lebensweise eingeführt, die doch etwas mehr beinhaltet, als fünfmal am Tag Tee aufzubrühen und das Ritual mit den Kluntjes und der Sahne, dat Wulkje, verinnerlicht zu haben.
Hinni ist der Ur-Typ eines Ostfriesen oder Wikingers. Er kennt in Ostfriesland Gott und die Welt; seine zielstrebige, aber freundliche und manchmal auch großzügige Art öffnet ihm viele Türen, die anderen oft verschlossen bleiben.
Sie bilden ein gutes Team, bei dem sich Liebe und Zuneigung mit einer gewissen Zielstrebigkeit paaren. Vor einigen Jahren ist Renate nach einem Segeltörn bei Hinni eingezogen, in den ehemaligen Bauernhof, den er von seinen Eltern geerbt hat. Gemeinsam haben sie auf Hinnis Wiesen am Großen Meer mitten in Ostfriesland ein Hotel der gehobenen Klasse gebaut. Hier findet nun das Benefizessen statt.
Hinni legt im Allgemeinen keinen Wert auf sogenannte Gesellschaftskleidung. Was er trägt, muss sauber, praktisch und ordentlich sein. Heute allerdings hat Renate ihn in ihrer unnachahmlich direkten Art davon überzeugt, seinen neuen, maßgeschneiderten Anzug zu tragen, um dem Anlass des Abends gerecht zu werden. Elegant sieht er darin aus, der Anzug mit dem weißen Hemd und der modernen, schmalen Krawatte steht ihm. Das blonde Haar und sein braun gebranntes Gesicht kommen gut zur Geltung. Der Gesichtsausdruck und seine Gestik lassen allerdings deutlich erkennen, dass dies nicht seine Alltagskleidung ist. Obwohl der Anzug perfekt sitzt, kommt er sich beengt vor.

Renate sucht Hinni, der eigentlich neben ihr stehen und mit ihr die Gäste begrüßen sollte. Es sind fast ausschließlich einflussreiche Persönlichkeiten, die ihnen heute die Ehre geben und etwas persönliche Aufmerksamkeit von den Eigentümern des Hoteldorf am Großen Meer erwarten dürfen.
Sie entdeckt ihn etwas abseits mit einem seiner Freunde im Gespräch und winkt ihn diskret heran. »Hinni, Frau Söhnken erzählte mir gerade, dass da draußen einige Leute unsere Gäste belästigen. Schick doch bitte Karl, damit er die vertreibt. Oder ruf gleich die Polizei, ich will heute Abend keine Störenfriede.«
»Nee, das mach ich lieber selber. Joke hat mir gerade auch davon erzählt.«
Er zeigt auf seinen Freund, mit dem er gerade gesprochen hat. »Er meint, dass Harm Burmeester mit seinen Freunden Stunk macht. Denen gefällt mal wieder nicht, was wir hier machen.«
»Die ›Freunde Gottes‹? So ähnlich nennen die sich doch.«
»Nee, Die Natur gehört Gott, behaupten sie. Aber das kommt aufs Gleiche raus. Ich kümmere mich darum.«

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Mehr über und von Harald H. Risius auf ihrer Website zur Buchreihe "Sail & Crime".



22. November 2017

'Der Racheengel - Ein Aachen Krimi' von Frank Esser

Er ist auf der Jagd. Er ist gnadenlos. Und er wird nicht aufhören, bis er sein Ziel erreicht hat!

Ein Mörder hält Aachen in Atem. Der Racheengel, wie ihn die Presse nennt, weil er am Tatort religiöse Botschaften hinterlässt, hat bereits zwei Menschen erschossen. Als der Krankenpfleger Mathias Bender tot aufgefunden wird, gibt es für Hauptkommissar Karl Hansen und sein Team keine Zweifel mehr. Sie haben es mit einem Serienmörder zu tun. Doch was ist sein Motiv? Zwischen den Opfern gibt es scheinbar keine Verbindung. Handelt es sich bei dem Mörder um einen religiösen Fanatiker oder steckt etwas ganz anderes hinter den Taten?

Erst eine zufällige Entdeckung bringt die Ermittlungen in Schwung. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Hansen ist davon überzeugt, dass der Mörder wieder zuschlagen wird. Und das möchte er um jeden Preis verhindern ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Der Racheengel - Ein Aachen Krimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
»Schöne Scheiße«, sagte Mertens gerade in dem Moment als Hansen die Absperrung passiert hatte und auf den Kollegen zusteuerte.
»Ich freue mich auch sehr, dich zu sehen!«
Mertens ging wie immer nicht darauf ein.
»Der Platzregen hat alle Spuren weggespült. Dieser Hurensohn hat so ein Glück!«, echauffierte sich Mertens.
»Hm«, erwiderte Hansen, dessen Vorahnung sich ganz offensichtlich als richtig herausgestellt hatte.
»Mehr hast du dazu nicht zu sagen?«
»Das mit dem Regen ist ärgerlich, aber nicht zu ändern Paul. Ihr habt eine Visitenkarte bei dem Opfer gefunden?«
»Gut kombiniert Sherlock. Ist schon im Beweismittelbeutel verstaut. Auf der Rückseite hat er den dritten Teil des Bibelzitates verwendet. Hand um Hand. Das Opfer heißt übrigens Mathias Bender. Er hatte den Ausweis im Portemonnaie«, erwiderte Mertens. »Ich tippe bei der Tatwaffe auf eine neun Millimeter wie bei den letzten beiden Morden auch. Wir haben bisher allerdings keine Patronenhülse gefunden. Wir können davon ausgehen, dass unser Täter sie mitgenommen hat. Also können wir erst nach der Obduktion mehr über die Tatwaffe sagen.«
»Gleiche Vorgehensweise wie bei Kämper und Körlings?«, wollte Hansen wissen.
»Genau so ist es. Ein sauberer Schuss in die Stirn und einer direkt ins Herz. Der Mörder tötet wie ein Profi, aber das wissen wir ja bereits. Auch ansonsten handelt es sich um die gleiche Handschrift. Abgelegener Ort, Tatzeit um Mitternacht herum, brutale Hinrichtung und nicht zuletzt die Visitenkarte.«
»Wer hat den Toten gefunden?«
»Ein Rentner ist mit seinem Hund spazieren gegangen und hat ihn entdeckt. Hubert Jansen heißt der Zeuge übrigens. Der arme Mann konnte keine Nachtruhe finden, drehte eine Runde mit seinem Hund, und dann fand er den Toten. Er ist völlig fertig mit den Nerven. Die Kollegen haben seine Personalien aufgenommen und ihn dann nach Hause geschickt. Ich hoffe, das ist kein Problem für dich?«
»Schon in Ordnung«, seufzte Hansen nachdenklich. »Ich würde mir den Tatort gerne ansehen.«
»Ja, natürlich. Er liegt gleich dort drüben in der Böschung an der Autobahn«, zeigte Mertens in Richtung der Stelle. »Wo ist eigentlich der Rest der Truppe?«
»Wahrscheinlich da, wo ich jetzt auch lieber wäre – im Bett. Ich hatte heute das alleinige Glück Bereitschaftsdienst zu haben, da Riedmann bis gestern Abend noch auf einer Fortbildung war«, erwiderte Hansen. »Marquardt und Beck werde ich gleich informieren. Ich wollte erst einmal abwarten, was ich hier vorfinde«.
Gemeinsam steuerten sie auf den Fundort der Leiche zu, wo Mertens´ Kollegen noch eifrig hin- und herliefen.
»Der Abstand, in dem unser Mörder zuschlägt, wird immer kürzer. Das bereitet mir Sorgen«, meinte Hansen schließlich, nachdem er sich den Leichnam angesehen hatte.«
»Das stimmt. Und wenn wir ihn nicht bald schnappen, fürchte ich, dass wir schon bald an einem neuen Tatort stehen werden, um die Leiche eines vierten Opfers zu untersuchen.« Mertens holte tief Luft, bevor er weitersprach. »Mensch Karl, wo soll das alles noch hinführen? Manchmal frage ich mich ernsthaft, warum ich diesen scheiß Job überhaupt noch mache? In den letzten Jahren ist alles immer schlimmer geworden. Ich frage mich, ob wir mit unserer Arbeit überhaupt irgendetwas erreichen?«
Hansen sparte es sich, auf Mertens Worte einzugehen. Auch wenn er seinen Kollegen wirklich gut verstehen konnte. Aber jetzt war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um eine Grundsatzdiskussion über den Sinn und Zweck der Polizeiarbeit zu führen. Sie mussten einen Serienmörder schnappen.
»Wissen wir außer dem Namen des Opfers noch mehr über den Mann?«
»Nicht viel. Er war siebenunddreißig Jahre alt und wohnte in Monschau. Von Beruf Krankenpfleger im Luisenhospital. Wir haben einen entsprechenden Dienstausweis in seiner Brieftasche gefunden.«
Nach seinem Gefühlsausbruch von eben, hatte sich Mertens ganz offensichtlich wieder gefangen stellte Hansen erleichtert fest. »Wurde das Auto des Opfers wieder in der Nähe abgestellt?«, wollte Hansen als Nächstes von Mertens wissen. Schon bei den ersten beiden Morden hatte man die Autos der jeweiligen Opfer ganz in der Nähe der Leichenfundorte gefunden. Offensichtlich wurden die Opfer von ihrem Mörder gezwungen, in ihrem eigenen Wagen zu ihrer Hinrichtung zu fahren.
»Die Kollegen suchen bereits danach. Wir haben gerade erst von der Leitstelle erfahren, wonach wir suchen sollen. Apropos, ich muss mal da mal…«, murmelte Mertens und sprang eilig die Böschung hinab, kaum dass Hansen sich verabschiedet hatte.

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Für Tolino: Buch bei Thalia

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21. November 2017

'Rowan - Verteidigung der Felsenburg' von Aileen O'Grian

Rowan ist älter geworden, und noch immer wird er von seinem Großvater, dem Magiermeister Bunduar, in die Magie eingeführt. Nach einem Anschlag auf sein Leben auf Burg Wanroe, wird er an die Königshöfe von Cajan und später Llylia geschickt, um auch bei anderen Magiermeistern zu lernen. Dort trifft er seine Freunde Ottgar und Mardok wieder. Doch auch in den Nordreichen ist sein Leben in Gefahr, sodass er großen Mut und sein gesamtes Können benötigt, um sich und seine Freunde zu retten ...

Band 2 der Romanreihe um den Magier Rowan.

Gleich lesen:
Für Kindle: Rowan - Verteidigung der Felsenburg
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Rowan blätterte die mit Miniaturmalerei verzierte Buchseite der Chronik um. Die Geschichte der alten Könige las sich so spannend, dass er alles um sich herum vergaß. Selbst an die Mahlzeit dachte er nicht, dabei hatte er am Morgen nur einen Kanten Brot gegessen. Obwohl er ganz vertieft war, spürte er plötzlich eine Gefahr. Rasch drehte er sich um und schlug im letzten Augenblick die Hand mit dem Messer zur Seite.
Eine in einen Umhang gehüllte Gestalt versuchte erneut, mit einem Messer auf ihn einzudringen. Rowan musste seine ganze Kraft und Geschicklichkeit aufwenden, um sich zu wehren. Für sein Alter war er noch immer recht klein, dafür durchtrainiert und drahtig. Doch der Angreifer war einen Kopf größer und besaß unheimliche Kräfte. Rowan bemühte sich, die Hand zu fassen und festzuhalten, aber immer wieder entwand sich der Feind seinem Griff und attackierte ihn erneut. Rowan musste ein paar schmerzhafte Stöße einstecken, wenn sein Gegner sich freikämpfte – zum Glück gingen die meisten ins Leere, weil er schnell genug zur Seite sprang. Bedächtig achtete er darauf, dem Messer auszuweichen. Schließlich sah Rowan nur noch einen Ausweg: zu fliehen, doch der Täter verstellte ihm den Weg.
Verzweifelt überlegte Rowan, wie er sich retten könnte. Rufen wäre sinnlos. Er war allein im Studierzimmer, das sich im Turm von Burg Wanroe befand. Nicht einmal sein Großvater, der Obermagier Bunduar, wusste, dass er sich gleich nach dem Frühstück hierherbegeben hatte, um weiterzulesen.
„Lasst mich, was habt Ihr davon, wenn Ihr einen Jungen tötet?“, rief er. Er ärgerte sich über seine belegte Stimme, die seine Angst verriet. Ein heiseres, fast irres Lachen war die Antwort. Rowan lief ein Schauer über den Rücken.
Erneut machte der Angreifer einen Ausfallschritt in seine Richtung und versuchte, mit dem Messer zuzustechen. Rowan stand nun mit dem Rücken zur Wand und konnte nur zur Seite ausweichen. Er kämpfte um sein Leben, nur ein kluger Gegenangriff konnte ihn aus dieser Lage befreien. Deshalb stieß er sich von der Wand ab und schlug beide Fäuste gleichzeitig dorthin, wo er die empfindliche Magengrube seines Gegners vermutete. Tatsächlich sackte die Person zusammen und ließ den Dolch sinken. Diesen Augenblick nutzte Rowan, stürzte sich auf die Waffenhand und entwand ihr das Messer. Gleichzeitig kniete er sich auf den Arm seines Gegners und setzte die Klinge an dessen Kehle. Mit klopfendem Herzen zog er mit der freien Hand dem Unbekannten das Tuch vom Gesicht.
Er erstarrte, als er seinen Angreifer erkannte.
„Königin Narfin, Ihr?“, rief er erstaunt aus und ließ das Messer sinken.
Kaum spürte Narfin den Druck des Messers nicht mehr, wand sie sich wie eine Schlange unter seinen Knien. Sofort setzte er das Messer wieder an ihre Kehle.
„Warum?“, fragte er, obwohl er wusste, wie sinnlos die Frage war. Die Königin war seit Jahren geistig umnachtet. König Wilhar ließ sie seit seinem Thronjubiläum von ihren Hofdamen und einigen Soldaten bewachen. Doch immer wieder entwischte sie ihren Bewachern und stiftete Unruhe und Unheil. „Das weißt du ganz genau! Du machst meinem Sohn den Thron streitig!“, stieß sie voller Hass hervor.
Rowan schüttelte seinen Kopf. Ottgar war sein bester Freund, sie waren wie Brüder aufgewachsen und vertrauten sich. Auch wenn jetzt viele Tagesreisen zwischen ihnen lagen, weil Ottgar in Cajan am Königshof weilte, bestand das enge Band weiter.
„Ich werde Magier. Seit jeher haben die Könige des Reichs Magier an ihrer Seite gehabt, die ihnen in schwierigen Situationen geholfen haben. Ich hoffe, ich kann eines Tages den Erwartungen des Thronerbens Ottgars entsprechen“, erwiderte er. Doch er erkannte an Narfins Gesichtsausdruck, dass seine Worte sie nicht erreichten, sie war wieder einmal in ihrem dunklen Reich gefangen.
Plötzlich ertönten Stimmen auf der Treppe zum Studierzimmer. „Narfin? Seid Ihr hier?“
„Ja, sie ist hier“, rief er noch immer aufgewühlt.
Die Tür wurde aufgerissen. Atemlos traten die alte Hofdame Narian und ein Page ein. Schweigend schob Rowan das Messer über den Fußboden in ihre Richtung und stand dann auf.
„Ist dir etwas passiert?“, fragte Narian entsetzt. „Ich war nur kurz in der Küche. Die anderen Hofdamen hat sie fortgeschickt, um die Instrumente zu holen. Sie wollte Musik hören.“
Rowan lächelte gequält. „Nein, mir ist nichts passiert. Aber sie wird einige blaue Flecken haben, da ich mich gewehrt habe.“
Narian nickte. Sie beugte sich über Narfin, die stöhnend auf dem Fußboden lag und ihren Arm hielt.
„Majestät, es wird alles wieder gut. Die Hofdamen warten schon auf Euch, um mit Euch gemeinsam zu musizieren.“ Sie streichelte über den Kopf ihrer Herrin und summte ein Kinderlied. Die Königin schloss die Augen, ein sanfter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht.
Nach einer Weile öffnete sie ihre Augen wieder, verwundert schaute sie sich im Raum um. Der Page reichte ihr seine Hand und zog sie hoch. Als wenn nichts gewesen wäre, nickte Narfin Rowan freundlich zu. „Bist du schön fleißig? Ottgar braucht einen tüchtigen Magier an seiner Seite.“
„Ich gebe mir alle Mühe, möglichst viel zu lernen.“ Rowan zwang sich, freundlich zu sein und sie anzulächeln.
„Du bist begabt. Wilhar ist voll des Lobes. Schon zweimal hast du Ottgars Leben gerettet.“ Sie nickte hoheitsvoll und rauschte dann die Treppe hinab, gefolgt von Narian und dem Pagen.

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20. November 2017

'Rift: Der Übergang' von Pascal Wokan und Joshua Tree

Durch den Rift
auf die andere Seite
wo Schatten und Tod herrschen


Der Abschlussball ihrer High School endet für Megan und Freddy in einer verhängnisvollen Begegnung. Statt den Abend wie geplant zu feiern, betritt ein Dämon ihre scheinbar heile Welt und sie werden in einen Strudel aus Enthüllungen und Katastrophen gezogen, der sie unaufhaltsam in die Tiefe reißt.

Währenddessen versuchen Vidmond und Aldora, zwei Dämonenjäger einer uralten Kaste, einen Krieg der Dimensionen zu verhindern. Doch als die beiden Welten sich kreuzen entbrennt ein Kampf zwischen den Realitäten, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Höhere Mächte haben ihre Hände im Spiel – einem Spiel, das gerade erst begonnen hat ...

Zwei Welten – zwei Autoren. Urban Fantasy trifft Steampunk.

Gleich lesen: Rift: Der Übergang

Leseprobe:
Aldora stürmte auf einen halb geschmolzenen Stahlträger zu und duckte sich dahinter. Kurz ließ sie ihr geschultes Auge umherschweifen. Mit einem kaum merklichen Kopfnicken gab sie Vidmond zu verstehen, dass die Luft rein war. Natürlich hinterfragte er ihr Zeichen nicht, zu eingespielt waren sie als Team.
Vidmond zog sich seinen Goggle vom Zylinder und stülpte ihn über die Augen. Die Schutzbrille war mit einem metallischen Rahmen und verschiedenen kleinen Zahnrädchen am äußeren Rand versehen. Eigentlich war es momentan nicht notwendig, seine Sehkraft zu verstärken. Der Hüne liebte es aber, den Moment der Aufmerksamkeit auszukosten. Er nickte, pirschte um die Ecke und ließ sich mit einem Schnaufen direkt neben ihr nieder.
»Warum hast du deinen Goggle noch nicht aufgezogen?«, fragte er, und sah sich um.
Aldora ließ ebenfalls ihren Blick noch einmal umherschweifen. Wo man auch hinsah, erkannte man unförmige Trümmer und geschmolzene Stahlkonstruktionen. Das was vom ehemaligen Empire State Building übrig war, dem Ort, an dem eine der größten Katastrophen in der Geschichte New Yorks stattgefunden hatte. Alles, was von dem einst höchsten Gebäude der Welt noch zu sehen war, konnte man bloß als Friedhof bezeichnen – einen Friedhof für vergangenen Stolz und geplatzte Träume. Das war aber längst nicht alles, was Aldora an diesem Ort wahrnehmen konnte. Da war noch etwas anderes, etwas wesentlich tieferes. Nur wenn man in den Rang eines Klerikers erhoben worden war, konnte man es so eindeutig spüren: Der Ort war von einem dunklen Widerhall durchdrungen, der aus menschlichen Emotionen entstanden war, die über Jahre hinweg dort angestaut worden waren. Sie konnte Schmerz fühlen, Leid und unendlichen Hass. Keine gute Mischung, wenn man beabsichtigte, hier für längere Zeit zu verweilen. Es lockte die Anderen an und mehrte ihre Macht.
Das war nicht gut, denn es würde sie für die bevorstehende Situation schwächen. Also zwang sie sich zur Ruhe, atmete tief durch und versuchte, sich von allen äußeren Einflüssen abzunabeln.
Sie spürte Vidmonds Blick auf sich ruhen. Aus welchem Grund er über eine derartige innere Stärke verfügte und sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, stellte sie noch immer vor ein Rätsel. So waren Menschen aber nun einmal: jeder verfügte über andere Talente.
»Geht's wieder?«, fragte er nach einer Weile.
Aldora öffnete die Augen und nickte knapp. Sie hatte sich beruhigt und gegen die äußerlichen Einflüsse unempfindlich gemacht. Schmerz, Leid und Hass waren nur Gefühle, die man ausblenden konnte, wenn man über die nötige innere Stärke verfügte.
»Also, was ist jetzt?«, fragte er. »Ziehst du die Schutzbrille zur Sicherheit noch auf?«
»Nein, blendet mich manchmal.«
»Blendet? Wir haben die Dinger eigentlich, um unsere Sehkraft zu verstärken!«
Aldora runzelte die Stirn. »Was ist los mit dir? Bist du nervös?«
Er brummte etwas Unverständliches. Seitdem sie ihn kannte, war er noch nie wirklich nervös gewesen. Noch nicht einmal aufgeregt. Ja, im Grunde genommen war er genau das, was einen perfekten Kleriker ausmachte.
»Wenn's dich glücklich macht, dann ziehe ich das Ding eben auf«, schnaubte sie und stülpte sich den Goggle über die Augen. Obwohl sie bereits im normalen Zustand laut Vidmond über eine außergewöhnliche Sehkraft verfügte, wurde diese mit der anbarischen Maschine nochmal um ein Vielfaches verstärkt. Nun konnte sie jede noch so kleine Unebenheit in dem Stahlträger vor sich sehen. Die Maserung, die leicht korrodierten Stellen und sogar ein ganz feines Muster, das Hinweis darauf gab, wie heftig damals das Feuer gewütet hatte. Mehr als dreißig Jahre war die Zerstörung des Empire State Building durch einen Mondbrocken nun her und doch konnte man die verheerenden Auswirkungen noch immer erkennen.
Aldora zog ihre Taschenuhr aus der Jacke und warf einen kurzen Blick darauf. Kurz vor Mitternacht. Höchste Zeit, sich einmal richtig umzusehen.
Entschlossen sprang sie hinter dem Stahlträger vor, umrundete einen großen Trümmerhaufen und stürmte über eine weitläufige Fläche davon. Feiner Staub lag in der Luft und es roch nach Schwefel und etwas anderem, das sie nicht richtig zuordnen konnte. Während ihr Atem rasselte, trommelten die schwarzen Stiefel auf dem zerbrochenen Asphalt. Die dumpfen Laute wurden durch Vidmonds schwere Schritte übertönt, als er ihr in geringem Abstand folgte.
Nachdem sie den Platz überquert hatte, kniete sie hinter einem riesigen Metallbrocken nieder. Einst war es wohl eine Statue gewesen – heute erinnerte nichts mehr an ihre einstige Pracht. Die Statue war halb zerstört und verwittert – wie so vieles auf dieser Welt.

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