29. November 2019

'EISIGE HÖLLE - Verschollen in Island' von Álexir Snjórsson

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autoren-Website
»Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.«

Was tust du, wenn während einer Islandreise deine Frau nach einem Streit mit dir spurlos verschwindet? Wenn du feststellst, dass dich der Polizist, der dich unter einem Vorwand festgenommen hat, betäuben will? Nutzt du die Gelegenheit zur Flucht und wendest dich in deiner Verzweiflung an deinen Schwiegervater in Deutschland, auch wenn dieser dich hasst und dir die isländische Polizei inzwischen den brutalen Mord an einer einheimischen Frau zur Last legt?

Oder wird dich das erst recht in den größten Albtraum deines Lebens stürzen …

Leseprobe:
Kapitel 1
Vor fünf Tagen, Rückblende
Mit eingezogenem Kopf kämpfte ich mich durch den knietiefen Schnee. Der Sturm stieß mich hin und her, gleichzeitig schienen sich die Krallen einer unsichtbaren Meute hungriger Raubkatzen in meine Kleidung zu schlagen. Sie zerrten und rissen an mir, als wollten sie mich zu Fall bringen, um mich zu zerfleischen.
Immer wieder sank ich mit einem Bein tiefer ein, als mit dem anderen, sackte seitlich in den Schnee und quälte mich wie ein weidwundes Tier erneut auf die Beine.
Als stünde ich unter Drogeneinfluss, begannen sich in meinem Verstand Einbildung und Realität zu vermischen. Ich hörte Stimmen. Erst weit entfernt, dann dicht neben und hinter mir. Ich blieb stehen, drehte mich im Kreis. Doch da war niemand. »Zeigt euch, ihre feigen Trolle!«, stieß ich heiser hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ein irres Kichern war die Antwort. Ich schüttelte den Kopf, stolperte weiter. Kein Zweifel, ich verlor den Verstand. Außer mir und meiner geflohenen Geisel war niemand in dieser menschenfeindlichen Einöde unterwegs. Der Unterschied war, dass sie sich hier oben zwischen den mächtigen Gletschern auskannte und wusste, wie sie dieser eisigen Hölle entrinnen konnte. Meine Chancen hingegen standen hierfür nahe bei null.
Noch war ich aber nicht bereit, mein drohendes Schicksal zu akzeptieren. Ich stapfte orientierungslos weiter, bis meine vor Kälte tauben Beine plötzlich nachgaben und ich in eine dichte Schneewolke gehüllt, in die Tiefe stürzte.
Ich prallte so hart auf den Rücken, dass es mir den Atem verschlug. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Panik erfasste mich. Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht aufrichten.
Kurz bevor ich zu ersticken glaubte, löste sich die Verkrampfung in meiner Brust. Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug auch ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.
Ich blinzelte in die Schneeflocken, die über den Felsvorsprung wirbelten, von dem ich gestürzt war – und fühlte mich auf einmal entsetzlich müde.
Du darfst nicht liegen bleiben, Cooper, sonst erfrierst du! Ich schloss die Augen, sammelte meine verbliebenen Kräfte. Winselnd wie ein angefahrener Straßenköter wälzte ich mich auf den Bauch. Meine tauben, vor Kälte zitternden Hände krallten sich in den eisigen Untergrund. Unter quälenden Schmerzen stemmte ich meinen Oberkörper in die Höhe, rammte einen Fuß in den Boden und kam schwankend auf die Beine. Du musst weiter, musst in Bewegung bleiben, trieb mich eine innere Stimme wie ein Drill Sergeant an.
Einem Betrunkenen gleich, torkelte ich weiter durch das dichte Schneetreiben. Mit jedem Schritt fühlten sich meine Beine tauber an, bis sie mein Gewicht nicht mehr tragen wollten. Ich stolperte, stürzte erneut in den Schnee. Auf allen vieren kroch ich weiter. Winde dich nicht wie ein Wurm auf dem Boden herum, auf die Beine mit dir! Mit einem Ruck stemmte ich mich hoch, um gleich wieder Gesicht voran in den Schnee zu fallen.
Es hatte keinen Zweck, ich konnte nicht mehr. Mit letzter Kraft rollte ich mich langsam auf den Rücken.
Wie lange würde es wohl dauern, bis mich das weiße Leichentuch zugedeckt hatte? Würde ich so enden, wie die berühmte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit? Wie hieß der Mann noch mal? Ach ja, Ötzi …
Erstaunlich, was für Gedanken einem durch den Kopf gingen, wenn das eigene Leben nur noch am seidenen Faden hing.
Hätte ich an eine höhere Macht geglaubt, dann hätte ich wohl das Bedürfnis verspürt, zu irgendeinem Gott zu beten. Doch zu welchem? Ich war nicht religiös. Und um es zu werden, war es jetzt definitiv zu spät.
Dass dieser trostlose und unwirtliche Ort die Bühne war, auf der ich meinen letzten Auftritt hatte, schmerzte mich erstaunlicherweise nicht. Auch nicht, dass ich nicht wusste, ob oder was nach dem Tod kam. Ich hatte gelebt, ich hatte geliebt und gekämpft. Eins bereute ich jedoch: so kurz vor dem Ziel versagt zu haben.
»Es … tut mir … leid, Cass«, keuchte ich. »Ich hätte mein Leben … für deins … gegeben.«
Angezogen wie von einem schwarzen Loch, schossen meine Gedanken zu dem verhängnisvollen Tag zurück, an dem das Schicksal die Weichen für diese eisige Endstation gestellt hatte …

'Irmas Enkel' von Leandra Moor

Kindle (unlimited) | tredition | Taschenbuch
Autoreninfo Leandra Moor
Eine Geschichte, die von Heimat, Liebe und deren Verlust erzählt.

Als Anni 1946 zum zweiten Mal vor den Traualtar tritt, schließt sie mit ihrem Leben ab. Die vergangenen Jahre haben ihr die Familie genommen, die Hoffnung geraubt. Ihr einziger Anker ist das Versprechen einer Wahrsagerin.

Wird sich mit dem Mann an ihrer Seite die Prophezeiung erfüllen und ihr Leben in ein glückliches Dasein münden, obwohl die Menschen, die den Auswirkungen von Denunzierung und Verfolgung eben erst knapp entkommen sind, bereits wieder aufpassen müssen, wem sie vertrauen dürfen?

„Irmas Enkel“ wurde für die Nominierung zum Deutschen Selfpublishing-Preis 2020 eingereicht.

Anleser:
Das dritte Kind
Sie schrie, was ihrer Mutter ein Lächeln entlockte.
Der Doktor hob das Neugeborene in die Höhe. „Es ist ein Mädchen“, verkündete er.
Helene streckte ihm ihre Hände entgegen, um das Bündel in Empfang zu nehmen. Die Erleichterung, dass alles gut gegangen war, ließ die Warnung des Arztes, dass dieses Kind besser ihr Letztes sein sollte, an ihr abperlen. Sie hatte nur Augen für das zerknitterte Gesicht, das unbeholfen das Repertoire seiner Mimik erprobte.
„Kochen Sie ihr eine kräftige Suppe“, sprach der Arzt zu Helenes Mutter, die den Raum in den letzten Stunden lediglich verlassen hatte, um frische Tücher herbei zu schaffen. Auch sie hatte kein Ohr für den Doktor - Irmas Gedanken waren bei Emil, ihrem Mann. Er hatte ihr achtzehnhundertneunzig diese Kate gebaut, nachdem er dem reichen Nachbarbauern Plotz ein Fleckchen Erde abgekauft hatte. Damit war er den Pakt mit dem Schuldenteufel eingegangen, aber die Hoffnung, in diesem Dorf glücklich zu sein, wog schwerer. Wie Irma entstammte er einer der Tagelöhnerfamilien, die seit Jahrhunderten von eng gesteckten Feldern und der Jagd in den Auenwäldern lebten. Keiner ihrer Vorfahren hatte als sein eigener Herr gewirtschaftet. Stattdessen schuftete eine Generation nach der anderen auf den Gütern des Landadels, was Hochzeiten über die Dorfgrenzen hinweg nach sich zog. So war es auch bei Irma und Emil gewesen. Allerdings hatte sie das erhoffte Glück rasch im Stich gelassen - sie hatten nicht zu denen gehörte, die kinderreich die Bauernschar der nächsten Jahrzehnte in die Welt setzten. Einzig Helene war ihnen geblieben. Die beiden wertvollen Söhne waren im Kindbett entschlafen. Bereits da hatte Irma befürchtet, dass das Versprechen vom ewigen Sorgenlossein nicht viel wert sein könnte. Drei Jahre später, als Emil es nicht mehr ausgehalten hatte, durch Perlitz zu laufen, hatte sie es schließlich gewusst. Die Scham darüber, dass er keine zufriedenstellenden Antworten geben konnte, wenn ihn die Geldverleiher nach der Rückzahlung fragten, war stetig größer geworden. Eines Tages war Emil nicht mehr auf die Dorfstraße hinausgetreten, bald wagte er sich nicht einmal zu den Hühnern in den Stall. Erst blieb er im Haus, später versteckte er sich in einem einzigen Zimmer, zuletzt lag er nur noch im Bett. Und als die Zeit gekommen war, dass der Gemischtwarenhändler Irma das Anschreiben verwehrte, war er mit gesenktem Kopf über den Hof gelaufen, um sich in einer verborgenen Ecke des Ziegenstalls ein Seil zurecht zu knoten und den wurmlöchrigen Sägebock unter sich umzustoßen. Das war kurz vor dem Weihnachtsfest gewesen, als Helene drei Finger in die Luft streckte, um ihr Alter anzuzeigen, und Irma keine Ahnung hatte, von welchem Geld sie ihrer Tochter den Wunsch nach einer Puppe erfüllen sollte.
„Frau Köhler, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, versuchte Doktor Sass, Irmas Blick zu lockern.
„Natürlich“, versicherte die Angesprochene, die die ganze Nacht gebetet hatte, dass ihr dieses neue Kind nicht das Eigene fortreißen möge.
„Bitte passen sie auf, dass sich Ihre Tochter in den nächsten Tagen schont.“
Irma nickte.
„Gut“, gab der Arzt Zufriedenheit vor, obwohl er wusste, wie viel Arbeit auf den Schultern der beiden Frauen lastete.
„Helene, gönn dir für ein paar Tage Ruhe“, appellierte er an die Wöchnerin, „die letzten Stunden waren schwer.“ Er interpretierte Helenes Lidschlag als Versprechen, ergriff seine Tasche und verließ den Raum.
Augenblicklich tobten zwei Blondschöpfe an ihm vorbei. „Mama“, riefen sie im Chor.
Helene straffte ihre Schultern und löste eine Hand vom Säugling, um über die Gesichter ihrer Söhne zu streichen.
Seine Mutter schweißnass im Bett liegen zu sehen, ließ den zweieinhalbjährigen Alfred just losweinen. Besorgt tupfte Helene ihrem Jüngsten die Nasenspitze trocken. „Mir geht es gut“, versicherte sie. „Ich bin nur müde.“ Alfreds Kopf sank auf ihre Decke, die Daunen dämpften sein Schluchzen.
Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte der ein Jahr ältere Willi nicht vor zu heulen. Neugierig zupfte er am Bündel auf Helenes Bauch, bis seine Schwester zum Vorschein kam. Die zugekniffenen Äuglein rührten ihn, auch bestaunte er den Flaum auf ihrem Kopf. Beinah zärtlich stupste er gegen die dünnen Finger. Seine Angst, das Baby kaputtzumachen, war groß, doch dem Mädchen gefiel die Berührung ihres Bruders. „Willi, Alfred“, Helenes Stimme gewann an Kraft. „Das ist eure Schwester Annemarie.“
„Hallo Annemarie“, flüsterte Willi, dessen Finger die Kleine umschlossen hielt. „Schau, das Baby kann mich gut leiden“, machte er seine Mutter auf die erste Annäherung aufmerksam.
Irma zog den Schützenstoff durch ihre Augenwinkel. „Genug jetzt“, bereitete sie der Rührseligkeit ein Ende. „Ab in die Küche Jungs, ich brauche Hilfe beim Kochen.“
Alfred jammerte: „Mama bleiben.“
„Lass ihn ruhig hier.“
„Aber Willi du kommst mit.“
Von Annemaries Anblick verzückt, bemühte sich Willi, seine Großmutter zu überhören.
„Los, das Tagwerk ruft“, wurde Irma deutlicher.
Den Ton kannte Willi, um den kam niemand herum. Seufzend zog er seinen Finger aus Annemaries Fäustchen, versprach: „Ich beeile mich, kleine Anni“, und wirbelte er hinter seiner Oma her.
Alfreds Schluchzen hatte sich gelegt, sein Atem ging gleichmäßig. Helene summte ein Schlaflied, was jede Sekunde abzubrechen drohte, denn in ihr konkurrierten Glück und Kummer. „Hermann, wir haben eine Tochter bekommen“, flüsterte sie. „Sie heißt Annemarie und ist wunderschön.“
Die Wände schwiegen.
Gleich morgen würde sie ihm die Neuigkeit in die Fremde schicken, wo er mit seinen Kameraden Gefechte für den Kaiser ausfocht. Hoffentlich erreichte ihn die Nachricht schnell.
Das Baby zuckte. „Willkommen auf dieser Welt, Annemarie.“ Die Liebkosung, die Willi benutzt hatte, bevor er mit Irma in die Küche verschwunden war, gefiel Helene. Zwei kurze Silben. „Willkommen kleine Anni“, verbesserte sie ihre Begrüßung. Nebenher strich sie über Alfreds Schopf, sprach ein Gebet - erst für Hermann, dann für ihre um eine Seele reicher gewordene Familie - und ließ zu, dass sich der Schlaf über sie legte.

Blick ins Buch (Leseprobe)

28. November 2019

'Diktatur des Kapitals' von Joachim Tritschler

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Joachim Tritschler
Seit Gründung der Bundesrepublik hat unser Land mit seinen Bürgerinnen und Bürgern zahlreiche Veränderungen durchgemacht. Anfangs war es wichtig das Land auf der einen Seite wieder aufzubauen und andererseits außenpolitisch aktiv zu werden, um mit ehemaligen Erzfeinden politisch stabile Beziehungen zu schaffen.

Das Buch beschreibt die Leistung der Trümmerfrauen, das Wirtschaftswunder, und die rasante Entwicklung des Landes genauso wie die gesellschaftlichen Veränderungen. Es gab da Zeiten, wo man jedes Haus unverschlossen verlassen konnte, ohne dass irgendetwas geklaut worden wäre. Aber auch die Politiker waren andere als heute. Es war Ihnen wichtig, wie es den Leuten ging, und Sie suchten den realen Kontakt zum Bürger um zu erfahren, wo Sorgen und Nöte am größten waren. Irgendwann kehrte sich das dann um und das Land wurde zu einem Selbstbedienungsladen für Politiker und ihre persönlichen Interessen. Und das bis heute.

Es wird geschrieben aus der Sicht eines Bürgers und Wählers, der heute zu nichts anderem mehr da ist, um Steuern zu bezahlen und bei Wahlen den Politiker, der nur noch an sich denkt, in seinem Amt zu halten.

Leseprobe:
Vertrauen in die Politik
Vertrauen? Oder auch Glaubwürdigkeit. Was ist das? Das gibt es in unserem Land schon sehr lange nicht mehr. Wie wir als Bürger, wahrgenommen werden, ist nicht mehr mit früheren Zeiten vergleichbar. Der gegenseitige Respekt, und das Vertrauen gibt es nicht mehr. Vergleichen wir die heutige Situation mit politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen Ende der achtziger Jahre kurz vor dem Mauerfall dann kommen wir zu erschreckenden Erkenntnissen. Auch wenn zu dieser Zeit schon schwierige wirtschaftliche Verhältnisse vorherrschten, so gab es dennoch ein gewisses Vertrauen in die Politik. Die Menschen im Land hatten noch den Eindruck als solche wahrgenommen und respektiert zu werden, auch wenn es nicht immer einfach war.
Die Worte von Politikern hatten noch Gewicht und es gab zumindest noch einige, auf deren Aussagen man sich als Wähler und Steuerzahler verlassen konnte. Wir müssen dabei aber auch berücksichtigen, dass der heutige Selbstbedienungsladen für Politiker noch nicht in dieser Form existierte.
Das Verhältnis zwischen Politik und Menschen im Land war verglichen mit heute noch im Gleichgewicht. Dies sollte sich aber demnächst ändern. Und geholfen hat der Politik hierbei ihre scheinbar uneingeschränkte Machtposition und das Fehlen eines unabhängigen Kontrollorgans. Das wäre soweit wir heute wissen aber dringend notwendig gewesen. Und diese Notwendigkeit besteht heute im Jahr 2019 immernoch.
Durch dieses Machtvakuum entstanden aber weitere Freiräume, die eine Ausbeutung der Bürger, wie wir Sie heutzutage kennen, erst ermöglichten. Dieser war Anfang der neunziger Jahre noch ein schleichender Prozess. Zu diesem Zeitpunkt kippte auch die Stimmung innerhalb der Gesellschaft, auch wenn dies nicht sofort stark auffiel. Das persönliche Ego trat ab sofort in den Vordergrund. Die Zeiten wo es allen Menschen gleich schlecht ging und man sich gegenseitig geholfen hat, waren damit vorbei. Bis auf wenige Ausnahmen war sich fortan jeder selbst der Nächste. Dieser Prozess sollte sich in Zukunft fortsetzen und in jeder Weise verschlimmern.

'Tiranorg: Schwertverrat' von Judith M. Brivulet

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Judith M. Brivulet
Autorenseite im Blog
»Wir kämpfen aus dem Untergrund, fügen den Schlangenanbetern an allen möglichen Stellen Schaden zu. Dazu brauchen wir Waffen und Verbündete. Wir müssen sie ständig an den verschiedensten Orten angreifen, dürfen nicht ruhen. Ich nenne es die Taktik der Nadelstiche.« (Esmanté d’Elestre, Schwertmeisterin)

In Tiranorg spitzt sich die Lage zu. Kaum aus Gwyn Nogkt entkommen, werden Esmanté, Loglard und ihre Kameraden von dem Drachen Blutschatten gejagt. Überraschend bieten die Koadeck ihre Hilfe an. Aber können die Gefährten ihren ehemaligen Feinden vertrauen? Sind die Waldgeister die geeigneten Führer auf den verlassenen Pfaden der Zwerge?

Währenddessen formieren sich ihre Gegner. Esmanté und Loglard erkennen, dass sie das Blatt nur wenden können, wenn sie alte Feindschaften überwinden und im Kampf neue Wege beschreiten.

Die alles entscheidende Frage lautet: Wer findet das mächtigste Artefakt von Tiranorg?

Dritter und letzter Band der High Fantasy Saga 'Tiranorg'.

Leseprobe:
Ärger, nichts als Ärger

»Morgen brechen wir auf. Jede Faser meines Körpers sagt mir, dass hier etwas nicht stimmt«, erklärte Sigrith an diesem Abend und fuhr sich durch die kurzen Haare. »Egal, wer mitkommt, ich verschwende nicht noch mehr Zeit.«
»Die Jäger aus dem Dorf sagen, dass es noch Tage lang schneien wird. Das ist vollkommen normal für diese Jahreszeit in den Bergen«, hielt Kharem dagegen.
Er war der Einzige, der unbeeindruckt von Sigriths Launen seine Auffassung vertrat. Na gut, auch ich hielt meistens nicht mit meiner Ansicht hinter dem Berg, was natürlich wenig dazu beitrug, die Spannungen zwischen Sigrith und mir zu mildern.
Mit gemischten Gefühlen blickte ich von einem zum anderen. Wir saßen in Amarachs Küche um den großen Tisch, alle gezeichnet vom Kampf gegen die verdammten Schwarzmagier. Sigrith, blass und mit geröteten Augen, versuchte, zu verbergen, wie sehr ihn die Brandwunden immer noch schmerzten. Kharem saß wie so oft neben Mira. Normalerweise heiterte meine Freundin eine Gesellschaft gern mit guten Geschichten und zweifelhaften Witzen auf, aber seit Téfors Verrat brütete sie fast immer vor sich hin. Uth wirkte zufrieden, er hatte wieder einen Platz neben Eobar ergattert. Noreia schmiegte sich an Loglard und las in einem Buch.
Ein Schneesturm jagte den anderen, rüttelte an den dicken Mauern von Gwyn Nogkt und hinderte uns daran, Amarachs unheimliche Burg zu verlassen. Im Stillen gab ich Sigrith recht. Auch ich würde lieber heute als morgen verschwinden, denn ich traute dem Frieden nicht. Wer konnte sagen, welche Übel hier noch lauerten?
Seit gestern war unsere Stimmung noch bedrückter. Wir hatten Pert begraben. Loglard war nichts anderes übrig geblieben, als zusammen mit Uth und Kharem unter Zuhilfenahme ihrer Zauberstäbe etwas abseits vom Turm eine schmale Stelle vom Schnee zu befreien. In einer kurzen Zeremonie hatte er Perts Seele der Großen Mutter empfohlen. Ein dunkelroter Blitz aus Loglards Zauberstab hatte die Leiche viel zu schnell verbrannt. Eine ehrenhafte Beisetzung, wie sie dem Anführer der Gwydd-Bogenschützen zugestanden hätte, sah anders aus.
»Lasst uns weiterspielen«, schlug ich vor, um mich abzulenken.
Kharem nickte, schickte sich an, zu würfeln. In diesem Augenblick schrien Loglard und Sigrith gleichzeitig auf, sprangen hoch und hielten sich die Seite.
Nur einen Moment später stürmte Fiom herein. »Unter uns sind so komische Geräusche. Die Koadeck ist halb verrückt vor Angst, aber ich verstehe nicht, was sie sagt«, keuchte er völlig außer Atem.
»Kümmere dich um Noreia, Fiom! Ihr beiden bleibt bei der Koadeck«, befahl Loglard mit verzerrtem Gesichtsausdruck.
Aus seiner Hand floss das rote Heilende Licht, mit dem er Sigrith und sich selbst über die schmerzenden Stellen fuhr.
»Eobar, geh mit den Kindern!« Kaum hatte ich den Satz zu Ende gesprochen, nahm meine Schülerin Noreia an der Hand und bedeutete Fiom vorauszulaufen. Mary, unsere Wichtelin, erschien aus dem Nichts und schwebte hinterher.
Loglard rannte los, dicht gefolgt von Sigrith, Uth und Kharem. Mit einem komischen Gefühl im Bauch schloss ich mich Mira an. Welche Überraschung bescherte uns Amarach jetzt wieder?
Die Gward folgten einer für mich unsichtbaren Spur, eilten die Treppen hinab in den Eingangsbereich, dann zu einer Tür, die mir bisher nicht aufgefallen war. Das war kein Wunder, da eine lebensgroße Statue des nackten Weingottes sie verdeckte. Hinter der Tür erwartete uns ein schmaler Treppenabgang in den Keller. Falls auch dieser Gang zum Wehrturm führte, würden wir nicht weit kommen, denn der war verschüttet.
»Groß, verflucht groß!«, knurrte Sigrith.
Ich fragte mich, was genau er damit meinte. Es klang nicht gut.
»Bleib hinter mir, Esmé!«
Nur ungern kam ich Loglards Bitte nach, aber falls ein magisches Wesen im Keller sein Unwesen trieb, würde ich mit meiner Schwertkunst und Kampferfahrung nicht weit kommen.
Jetzt hörten wir ein Rumpeln, ein rhythmisches Stampfen – und schließlich einen sehr, sehr tiefen Ton, der die Wände zum Vibrieren brachte.
Von Stufe zu Stufe steigerte sich das seltsame Geräusch. Ein Ächzen mischte sich hinein, das auf keinen Fall von einem Elfen stammte. Dann knirschte es, als würde etwas sehr Schweres über Kieselsteine gezogen. Im Rhythmus eines imaginären Atemzuges bebten die Grundfesten des Hauses.
»Was bei allen beschissenen Dämonen der Anderswelt ist das?«
Einerseits freute es mich, wieder etwas von Mira zu hören. Andererseits klang ihre Stimme trotz der Flüche so gefühllos, dass mir bang wurde.
Stöhnend blieb Loglard stehen. Sogar durch den Stoff des Leinenhemdes sah ich, wie mehrere Krended glühten. Sigrith sog scharf die Luft ein, was mich davon überzeugte, dass er dieselben Schutzzeichen an sich hatte wie mein Gefährte. Kharem grunzte und fluchte lästerlich. Uth war kreidebleich und gab keinen Ton von sich.
»Bleib zurück, Esmé«, wiederholte Loglard. »Keine Ahnung, was dort vorne wütet. Auf jeden Fall verfügt es über mächtige Magie.«
»Von mir aus!« Schulterzuckend ließ ich die Gward vorbei.
Sogar in dieser Situation grinste mich Sigrith herausfordernd an, als er sich an mir vorbeidrückte. Kopfschüttelnd hielt ich Abstand.
Die Treppen mündeten in einen Gang. Ich fragte mich, wie das Haus der Lady du Lenn überhaupt stehen konnte, da der Untergrund so löchrig war wie Käse aus dem Süden. Lauernd gingen die Gward weiter, Loglard als Erster, dicht gefolgt von Kharem. Dabei hielten sie ihre Kampfstäbe in voller Länge nach vorne gerichtet. Erst gestern hatte mir Loglard die Funktionsweise der Stäbe erklärt. Der Einsatz der Lanzenspitze verlangte natürlich einiges an körperlicher Kraft. Noch komplizierter verhielt es sich mit der Erzeugung der Lichtsalven, denn der Stab holte sich die Energie von seinem Besitzer zurück.
Jetzt pulsierten die Griffe in ihren Händen. Für mich war es noch immer seltsam, meinen Gefährten als Kämpfer zu erleben. Wie die Dinge lagen, würde ich mich daran gewöhnen müssen. Jäh blieben sie stehen.
»Runter!«, schrie Loglard.

27. November 2019

'Dedericus: Schicksalspfad des Tempelritters' von Olivièr Declear

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Olivièr Declear bei Amazon | Autorenseite im Blog
Anno Domini 1225. Weite Gebiete Europas liegen in Schutt und Asche, bluten aus im gnadenlosen Krieg um Macht und Religion. Inmitten der Schlachten und Ränkespiele kämpft der junge Tempelritter Dedericus de Loen seinen eigenen Kampf, hin- und hergerissen zwischen Ordenspflicht, Liebe, Glaube und Zweifeln ...

'Dedericus' ist der erste Band der Reihe »Schicksalspfad des Tempelritters«.

Anleser:
Nichts wies an diesem Tage im Jahre des Herrn 1225 auf das drohende Unheil hin. Sicher, vom Isenberg kommt nur der Teufel, sagte das Volk. Schon in seiner Kindheit lauschte Dedericus mit Schaudern den Geschichten über derer von Isenberg, die sich die Mägde in der Küche erzählten.
Der Teufel tanze des Nachts im Mondenschein um deren Burg. Werwölfe und Hexen raubten den Dörfern um diesen Schreckensort die Kinder und Mägde.
Die Geister der verlorenen Seelen hörte man des Nachts in den Wäldern heulen und jammern.
Aber nicht der Teufel, nicht Hexen und Werwölfe kamen mit dem Isenberg, er kam mit Feuer und Schwert über ihre Burg.
Ramus de Loen eilte auf den Turm und rief die wenigen Männer zur Verteidigung. Sein Sohn, Dedericus, bekam die Aufgabe, die Frauen und Kinder im Turm zu sammeln und zur Ruhe zu bewegen.
In kurzer Zeit stand alles in Flammen, auch der Turm konnte nicht vor den geworfenen Fackeln und den Brandpfeilen der Isenberger Mannen behütet werden.
Der Rauch biss unerträglich in den Augen und die Hitze der brennenden Bodenbohlen auf den Etagen kam immer näher. Das Bersten der Tragbalken und die einstürzenden Böden stoben Kaskaden von Funken immer tiefer in den Turm hinein.
Die Männer bemühten sich vergeblich, die brennenden Etagen zu löschen und zogen sich in ihrem Kampf immer weiter in die Tiefe des Turmes zurück.
Ein Balken des letzten Bodens stürzte brennend auf Dedericus Schwester. Mit einem Aufschrei des Entsetzens stürzte die Gräfin De Loen durch den beißenden Rauch und Funkenregen in die Flammen des brennenden Balkens, um ihr Kind zu retten.
Sie spürte nicht, wie die heiße Asche ihre Kleidung und Haut umfing. Ignorierte den Schmerz der Glut unter ihren Knien.
Dedericus sah die Männer seines Vaters den Balken von dem zerschmetterten Körper zerren, während sein Vater die brennenden Kleider seiner Mutter mit seinem Umhang zu löschen suchte.
Dieses unglaubliche Inferno um ihn herum, das Schreien, Weinen, die Gluthitze der Flammen, umgeben von Rauch und Funkenflug, ließ ihn erstarren. Das Geschehen schien ihm wie ein schrecklicher Traum, nicht wahrnehmend, dass dieser Albtraum in den Tag entsprungen war.
Der harte Griff eines Mannes erfasste seinen rechten Arm und zog Dedericus durch das Inferno. Er folgte ohne Willen und Verstehen. Dem Schock des Entsetzens ergeben.
Der junge De Loen sah, wie er in den schmalen Einstieg des Fluchtganges des Turmes gezerrt wurde, wie Knechte an ihm vorbei stürmten, um die schweren Eichenflügel des Durchganges zu versperren.
Immer tiefer wurde er in die Finsternis des Ganges gezogen. Dedericus vernahm, wie sein Vater den Befehl gab, die Stützpfeiler vor dem Gang einzubrechen. Sah Männer in der Dunkelheit verschwinden und hörte die dumpfen Schläge von Hämmern auf das schwere Holz des Gebälks.
Das Bersten der Stützen und das Geräusch des einstürzenden Ganges ließen den Boden unter seinen Füßen erbeben.
Als die Flüchtenden von dem Staub des eingestürzten Erdreiches erreicht wurden, kam erneut Leben in den Körper des jungen Mannes.
Mit einem heftigen Ruck befreite sich Dedericus von dem schmerzenden, eisernen Griff des Mannes, der ihn durch den Tunnel zog.
Mit raschem Schritt folgte er dem kaum vorhandenen Schein einer fast erloschenen Fackel. Es erschien Dedericus wie eine Unendlichkeit, bis sie zum Ausgang des Fluchtweges gelangten.
Einige der Männer hoben in schier übermenschlicher Anstrengung die schweren Bretter über ihren Köpfen, welche von dickem Erdreich bedeckt waren, aus ihren Fugen.
Von außen war der Ausgang nicht vom restlichen Waldboden zu unterscheiden.
Als die Abdeckung aufgestoßen war, stiegen die Fliehenden über die rutschigen, unebenen Stufen hinauf in den Wald, nahe dem Hellweg.

Blick ins Buch (Leseprobe)

26. November 2019

'Wer nix checkt, kann nix ändern: DerLangeWeg - Sein Leben lenken lernen' von Herbert Lange

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Website zum Buch
Dem Menschen können Flügel wachsen, wenn er weiß, wie´s geht. Aber: Wer nix checkt, kann nix ändern!

Unvorteilhafte und zumeist unhinterfragte Denk-, Fühl- und Verhaltensgewohnheiten können dich stark ausbremsen und dein persönliches Wachstum dauerhaft sabotieren. Wenn du möchtest, dass dir befreiende Flügel wachsen, und du nicht länger Gefangener deines Autopiloten bleiben willst, sind drei Schritte wichtig:
- Erkenne und löse deine Selbstsabotage-Programme
- Lerne, dich und deine Gefühle effektiv zu lenken
- Entwickle deine Lebenswunschziele und strebe sie erfolgreich an
In diesem Buch erfährst du, wie das funktioniert.

Der LANGEWEG ist die Quintessenz einer jahrzehntelangen Beratererfahrung des Diplom-Psychologen Herbert Lange. Er unterscheidet sich deutlich vom Mainstream der Einzelkämpfer-Mentalität und vertritt eine kooperative und ethisch verankerte Grundphilosophie.

Du möchtest lernen, dein Leben selbst zu lenken? In die gewünschte Richtung? In Verbundenheit mit wertvollen Menschen? Du suchst für dieses mutige Vorhaben nach einer Art „Betriebsanleitung“, nach einer Vorgehensweise, die dich dabei unterstützt, deine Absichten erfolgreich in die Tat umzusetzen? Dann kann es sehr gut sein, dass du jetzt fündig geworden bist. Für den Fall, dass du dir über deine persönlichen Ziele noch nicht oder noch nicht ganz im Klaren bist, kann ich dir dabei behilflich sein, deine Wunschziele zu entwickeln ...

Link zur Leseprobe

'Schwarze Villa' von Claudia Konrad

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
pinguletta Verlag
Schwarz. Komplett schwarz.
Wände, Treppe, Türen, Fenster, Dach.


Die schwarze Villa - umstrittenes Kunstobjekt im Pforzheimer Nobelviertel. Doch nicht nur das Äußere der Jugendstilvilla ist schwarz, auch ihre Geschichte ist mehr als düster.

Kai Sander, Immobilienmakler und Aktionskünstler, bekommt das als erster ganz hautnah zu spüren. Und einmal aufgeschreckt, finden die Geister der Vergangenheit keine Ruhe mehr. Und ziehen alle, die mit dem Haus in Berührung kommen, tief und tiefer hinein in den Strudel der schaurigen Ereignisse ...

Leseprobe:
Prolog
Vergebens flehte er um Sex. Bettelte und erniedrigte sich, bis es eines Tages mit ihm durchging. Gnadenlos trieb er sie in den Keller und verging sich grauenvoll an ihr. Wie ein ausgehungertes Raubtier auf Beutezug stürzte er sich auf sie, vergewaltigte sie. Nicht ein Mal, nicht zwei Mal, er wusste nicht, wie oft er das arme Ding geschunden hatte. Wie ein Irrer hatte er auf sie eingeschlagen, bis sie sich nicht mehr bewegte. Sein Drang, der Wahn, die Begierde, die Lust nach ihr war noch nicht gestillt. Er quälte den bewusstlosen, geschundenen Körper weiter. Immer und immer wieder, unermüdlich, bestialisch.
Stunden später ließ er endlich erschöpft von ihr ab.

Kapitel Eins
Pforzheim, 21. Februar 1945
Wie er diesen Krieg hasste. Was war nur aus der einst blühenden Stadt geworden? Was aus seinem Betrieb? Wütend schob er die Schreibtischschublade zu, in der die Ideen für edle Schmuckstücke ruhten. Dieser verdammte Krieg, wer weiß denn schon, wann er sich wieder seiner eigentlichen Arbeit widmen, die eingemotteten Feinmechanik-Maschinen endlich auspacken und Zeichnungen das lang ersehnte Leben einhauchen konnte. Diese Ungewissheit, ob die Franzosen auf der anderen Seite des Rheins nur auf eine passende Gelegenheit warteten, den Fluss überqueren zu können, um die Stadt zu überrennen oder gar zu besetzen.
Heinrich Goldammer saß hinter seinem klobigen Eichenschreibtisch und beobachtete die fünfzehn Mitarbeiter durch eine mit Feinstaub belegte Glasscheibe. Munition stellten sie her, anstatt Gold- und Doubleketten zu produzieren.
Seit heute Morgen schwelte die neue verfluchte Angst, dass Hitler nun völlig durchdrehen könnte. Man hatte dem Führer vom unbemerkten Treffen zwischen Heinrich Himmler und dem ehemaligen Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy in Wildbad berichtet. Geheim und doch nicht geheim. In Windeseile, hinter vorgehaltener Hand und ganz im Vertrauen, verbreitete sich die Nachricht durch die noch lebenden Verwandten, dass Himmler angeblich seine Schuld am Holocaust mindern wollte und in gemeinsamer Arbeit mit Musy versuchte, Juden über die Schweiz in die Vereinigten Staaten zu schleusen. Wohl schafften zwölfhundert Menschen die erste nächtliche Zugfahrt. Was, wenn Hitler seinen Zorn auf die Region ausbreiten würde?
Goldammer stierte vor sich hin, spielte gedankenversunken mit der linken Hand in einer kleinen Box, die randvoll mit Edelsteinen gefüllt war. Steine, die für seine Schmuckstücke gedacht waren und die im Moment als totes Kapital vor ihm lagen.
Er dachte an Walter, seinen jüdischen Freund, Schulfreund und Geschäftspartner, den man 1933 mitsamt Familie deportiert hatte. Die Schmuckfabrik wurde arisiert. Tradition und Zukunft ausgelöscht. Welch große Pläne sie hatten! Walter arbeitete als Goldschmied in der Firma seines Großvaters, die er bald hätte übernehmen sollen. Seine Eltern starben, als er gerade einmal neun Jahre alt war. Goldammer fragte sich, ob es besser gewesen wäre, ebenfalls tote Eltern gehabt zu haben oder solche wie die seinen. Fusionieren wollten sie, gemeinsam zur weltweiten Aner-kennung für ihre Schmuckwaren gelangen, Pforzheim zu weiterem Ruhm durch hochkarätiges Design verhelfen. Vorbei.

Sirenen heulten, Fliegeralarm.
Ermattet erhob er sich. Da war sie wieder, diese ätzende Angst, dass Pforzheim dieses Mal bombardiert werden könnte. Solche Gedanken wurden dann doch von der Bevölkerung verdrängt. Überhaupt glaubte niemand so recht daran, da die Schmuckstadt bisher größtenteils verschont geblieben war, wenn auch die erste Bombardierung durch die United States Army Air Force im April 1944 knapp einhundert Menschenleben gefordert hatte. Die sich häufenden Angriffe der Alliierten gegen Ende 1944 hinterließen eben-falls verhältnismäßig geringe Schäden. Nach der Bombardierung Dresdens war man sich in seinen Freundes- und Geschäftskreisen relativ sicher, mit einem blauen Auge davonzukommen.
Eine halbe Stunde verbrachte Goldammer gemeinsam mit seinen Arbeitern im Keller. Genügend Zeit, um die Zwangsarbeiter genauer zu beobachten. Jedes Unternehmen in der Stadt, das Kriegsmaterial – und wenn es noch so kleine Teile waren – herstellen musste, bekam solch arme Teufel zur Arbeitsverrichtung zugewiesen. Konnte er den beiden KZ-Häftlingen zur Flucht verhelfen? Lag es überhaupt im Bereich des Möglichen? Und wenn, dann wie? Was, wenn es schiefginge? Offensichtlich würde man ihn auf der Stelle erschießen. Die Stadt wimmelte von Hitler-Treuen und Soldaten. In der Ferne grollte es. Es hörte sich wie das Abladen von Kartoffeln von einem Lastkraftwagen an.
Der Entwarnungston der Sirenen drang durch das dicke Gemäuer. Einmal mehr nur ein Fehlalarm, Glück gehabt. Man schüttelte sich die Hände, umarmte sich, ging erneut an die Arbeit – erleichtert, am Leben zu sein.
Goldammer klopfte seinen Anzug aus und hing im Büro seinen Gedanken abermals hinterher.
Was war heute bloß los mit ihm? Er kannte solche Gefühlsseligkeit und Sentimentalitätsausbrüche von sich nicht, er vermochte es sich nicht zu erklären und steckte sich eine Zigarre an. Den Rauch entließ er in großen Ringen aus dem Mund. Seine verkorkste Jugend tauchte vor seinem geistigen Auge auf, mit einem weichlichen Vater und einer Mutter, die er nur selten zu Gesicht bekam. Liebe und Geborgenheit wurden ihm eher wenig zuteil. Ein fataler Umstand, der sein Leben prägte. Zumindest hatte man ihm die Goldschmiedeschule ermöglicht, so gelang es ihm, sich schon in jungen Jahren eine kleine Schmuckmanufaktur aufzubauen. Es war sehr vorteilhaft, dass sein Vater Ausbilder in der ersten Berufsschule für diese Branche war. Seine Mutter stammte aus Wildbad, einem Erholungs- und Kurort, nur fünfundzwanzig Kilometer von Pforzheim entfernt. Sie war eine Gebürtige von Stetten, deren Familie in der dritten Generation ein Hotel führte, in dem zu besseren Zeiten Herzöge, Könige und der Kaiser speisten. Wildbad wurde von der oberen Schicht beherrscht. Fabrikanten aus nah und fern urlaubten und genossen die Thermalbäder inmitten des Schwarzwaldes.

25. November 2019

'Streu Glitzer drüber' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Weihnachtsglitzern

Dieses Jahr soll das schönste Weihnachtsfest ever werden, denn Magali will ihren Eltern, Großeltern und Bruder Pierre ihre große Liebe Markus vorstellen. Traditionsgemäß verbringt die Unternehmerfamilie Rehwald die Weihnachtstage gemeinsam in ihrem Stadtpalais.

Zu Gast ist außerdem Joe, Pierres Freund aus Kindertagen. Überraschend gesellt sich auch Magalis Studienfreundin Annett dazu, da sie frisch getrennt und allein ist.

Die Rehwalds verdienen ihr Geld mit einem speziellen Likör, dessen Zusammensetzung streng geheim gehütet wird. Aber genau diese Rezeptur ist in Gefahr, denn ein Weihnachtsgrinch lauert ganz nah …

Für kurze Zeit zum Einführungspreis von nur 99 Cent.

Leseprobe:
»Weißt du, was meine Großeltern immer gesagt haben, wenn etwas nicht rund lief und man positiv denken sollte: Streu Glitzer drüber!«
»Ha! Das ist ein prima Gedanke! Eine Sache einfach aus einem anderen Blickwinkel betrachten.«
»Genau. Das kann ziemlich gute Lösungen mit sich bringen, weil man sich damit beschäftigt.« Annett stand auf, stellte sich ans Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus. »Mensch, was schneit das! Magali, folgendes Szenario: Du bist mit dem Mann all deiner erotischen Träume allein in einer Skihütte. Draußen rieselt der Schnee unaufhörlich. Nur eure Spuren führen zu dieser Hütte. Es sind genügend Vorräte vorhanden, um eine Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt zu überstehen. Männlich-tatkräftig hat er in einem karierten Flanellhemd und enger Jeans das Holz gehackt, hereingeholt und den Kamin angeheizt. Eine mollige Wohlfühlwärme verbreitet sich. Du sitzt neben ihm und gemeinsam schaut ihr in das prasselnde Feuer, das äußerliche. Innerlich brennt das Flammenmeer bereits heißer. Die Luft schwirrt nur so vor prickelnder Erotik. Er zieht dich zu sich heran, seine Finger wandern unter deinen Pullover. Du spürst seinen Atem, seine Wärme, er küsst dich und drückt dich sacht aber bestimmt in die Couch, um dann auf dich zu gleiten ... die Erfüllung ist so nah! Hach, so ein richtiges Wintermärchen mit Happy End.«
Magali hatte diese Situation vor Augen. Mit Markus. Was bin ich verliebt, dachte sie und ein wohliger Schauer lief ihren Rücken hinab. Sie freute sich auf den morgigen Abend mit ihm, ging aber auch auf den erotischen Tagtraum ihrer Freundin ein. »Jaaa, eine einsame Skihütte, draußen ein Schneesturm, du hast als Frau einen starken Held bei dir und der sorgt ideenreich und gefühlvoll für die Erfüllung all deiner geheimsten Träume.«
»Du hast ja bereits das Glück mit deinem Markus gegriffen. Ich beneide dich ein bisschen.«

'Yalims Erbe - Die Auserwählten' von Martin B. Kuupa

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Martin B. Kuupa
Wie weit wirst du gehen, um dich dem Bündnis der Shanaytari als würdig zu erweisen?

Welches Kind soll leben, welches sterben? Dass er unmittelbar nach der Geburt über Leben und Tod seines eigen Fleisch und Blut entscheiden muss, wirft Fabien völlig aus der Bahn. Dankbar nimmt er die vermeintliche Hilfe eines fremden Magiers an, um das Schicksal zu wenden. Dabei ahnt er jedoch nicht, dass dieses blinde Vertrauen fatale Folgen hat.

Als der Magier sein dämonisches Ich enthüllt, ist es bereits zu spät. Die Macht der Kreatur droht die gesamte Welt in den Abgrund zu reißen und nur ein uraltes Bündnis vermag sie aufzuhalten. Doch gelingt es dem mormoischen Magierorden rechtzeitig, die Auserwählten zusammenzuführen, ohne an den Schatten seiner eigenen Vergangenheit zu scheitern?

Leseprobe:
IM ZEITALTER VON Königen, Magiern und Elfen gelang es einer mächtigen Rasse mithilfe der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde, eine neue Welt zu erschaffen: Pheleos.
Ihr ganzer Stolz war ein riesiger Kontinent, auf dem sich die atemberaubenden Farben der Natur über die Ländereien erstreckten. Tholaran war übersät mit grünen Wiesen, dichten Wäldern und massiven Gebirgsketten, durch deren Kluften sich tosende Flüsse ihren Weg in die Täler bahnten. Hier sollten die Menschen in Frieden leben. Doch tief unter der Erde, fernab der malerischen Idylle gab es einen Ort, an den jene verbannt wurden, die imstande waren, dieses friedliche Zusammenleben zu bedrohen. Böse Mächte und dunkle Seelen sollten, auf ewig gefangen in der Unterwelt, für ihre Gräueltaten auf Pheleos büßen. Obwohl es lange Zeit so gewirkt hatte, als sei dies ein Ort ohne Wiederkehr, gelang es eines Tages einem dieser bösartigen Dämonen zu fliehen, um Tod und Verderben über das Land zu bringen. In einer erbitterten Schlacht schafften es die mächtigsten Magier Tholarans, das finstere Wesen zu besiegen und zurück in die Unterwelt zu verbannen. Um ein erneutes Aufbäumen der Dämonen zu verhindern, schlossen die Magier ein geheimes Bündnis, das ihre Welt für immer vor den Mächten der dunklen Seelen beschützen sollte. Einer der Magier war jedoch so von der unglaublichen Macht des Bündnisses besessen, dass das Verlangen in ihm, allein über alles Leben Pheleos’ zu herrschen, schier unerträglich wurde. Er verriet die Magier der Orden und verbündete sich mit den Dämonen der Unterwelt. Durch diesen Pakt gelangte erneut eine bösartige Macht an die Oberfläche und dieses Mal war sie fest entschlossen, das zu beenden, was die Magier kurz zuvor verhindert hatten ...

ZERSTÖRERISCH WÜTET DAS Feuer in der Dunkelheit. Die Schreie werden lauter. Ich starre wie versteinert auf die grellen Flammen. Dann wandert mein Blick weiter zu meinen Händen. Sie sind völlig normal. Keine Brandwunden oder Verletzungen. Bin das wirklich ich gewesen? Von der Seite nähert sich meine Mutter. Sie wirkt panisch. Ihre Augen tränen. Sie zittert am ganzen Körper.
Ich kann die Furcht in ihren geweiteten Pupillen erkennen. Aber diese Angst gilt nicht der Dunkelheit oder der Bedrohung, die ich abgewendet habe. Sie gilt mir. Mama schaudert tatsächlich vor mir und hält sich schlotternd die Hand vor den Mund. Der Mut und die Stärke, die ich bis eben noch verspürt habe, verschwinden wieder. Vielmehr fürchte ich mich nun vor mir selbst. Wo ist sie hergekommen, diese Kraft?
»Ophan, Taluna!«, schreit meine Mutter plötzlich völlig aufgelöst. »Brurok, Afalla! Nein!« Noch ehe ich fragen kann, warum sie die Namen unserer Nachbarn ruft, trifft es mich wie ein Blitz. Die Feinde, die vor mir in Flammen stehen und sich vor Schmerzen auf dem Boden wälzen, sind gar keine Bedrohung gewesen. Es ist eine Familie aus Artal, die in der Holzhütte nebenan wohnt. Mit den Kindern habe ich oft gespielt. Wie versteinert wird mir klar, was ich getan habe. »Tu doch etwas!«, fleht mich Mama hilflos an, doch mein Mut hat mich verlassen.
Sie schreien um Hilfe und versuchen sich mit feuchtem Schlamm vom kalten Waldboden zu löschen. Trotzdem werden die Flammen nicht kleiner. Ich höre die Stimme der kleinen Taluna. Sie sieht mich an und weint. Warum kann ich ihnen nicht helfen? Der Schock lähmt mich.
»Steh nicht einfach so rum!«, schreit meine Mutter noch einmal von der Seite und entzweit mit ihrem Messer einen dünnen Ast.
Immer wieder versucht sie, damit das Feuer auszuklopfen. Ich habe panische Angst und würde gern weinen, aber nicht einmal das kann ich. Mama nimmt ihren Mantel und schlägt ihn auf die brennenden Körper. Mit jedem Schlag zucke ich zusammen. Erst jetzt bemerke ich, dass es leise geworden ist. Die Schreie sind verstummt. Nur noch das Feuer züngelt vor sich hin. Dann wird es mir bewusst: Ich habe sie getötet. Dabei wollten sie uns doch nur helfen.
Meine Mutter kniet vor einem der leblosen Körper und weint. Sie hebt ihren Kopf und blickt mich mit Tränen überströmtem Gesicht an. So hat sie mich noch nie angesehen. Ängstlich und zugleich verachtend.
»Was bist du?«, will sie von mir wissen.
Ich bin starr vor Schreck. Zudem weiß ich die Antwort nicht. Erst als sie das zweite Mal noch lauter ruft, reißt es mich aus der Starre.
»I... Ic... Ich wollte doch nur helfen«, stottere ich.
Sie schlägt mit der Hand auf den matschigen Boden und gräbt ihre Finger in den Morast. Dann schaut sie wieder auf und schüttelt den Kopf. »Du hast sie getötet!«, flüstert sie und scheint ebenfalls erst jetzt zu begreifen, was gerade geschehen ist. »Ich hatte dem alten Mann gesagt, dass du nicht hierhergehörst und nie einer von uns sein wirst.«
»Hallo? Brurok, Afalla?!«, schallt plötzlich eine weitere Stimme aus dem Wald.
Was soll ich nur tun? Noch einmal blicke ich in das angsterfüllte Gesicht meiner Mutter. Dann sehe ich die vier leblosen Körper, die von der Glut zerfressen und zu Asche geworden sind. Was werden die anderen sagen? Nein, das will ich gar nicht wissen. Es ist das Beste, ich verschwinde einfach. Niemand wird verstehen, was passiert ist. Ich verstehe es ja selbst nicht. Endlich kommen mir die Tränen.
»Ist da jemand? Ramira?«, ertönt erneut die tiefe Männerstimme hinter den Bäumen, die sich nach meiner Mutter erkundigt.
»Es tut mir leid. Ich wollte das nicht«, flüstere ich zum Abschied und weiß, dass es kein Zurück mehr gibt. Ich drehe ihr den Rücken zu und laufe tiefer in den dunklen Wald hinein. Weit weg von allen, denen ich wehtun kann, oder die mir jetzt wehtun wollen. Meine Mutter versucht nicht einmal, mich aufzuhalten. Es ist so finster, dass ich nicht richtig sehen kann, wohin ich laufe. Aber es ist mir egal, Hauptsache weg. Irgendwohin, wo mich niemand finden kann. Ich spüre langsam, dass der Boden fester wird und der Nebel sich lichtet. Ein harter Schlag gegen meinen Knöchel bringt mich zu Fall. Die Wurzel, die mich gepackt hat, ragt mir schadenfroh entgegen. Ich versuche, den Schmerz zu unterdrücken, und wische mir den Dreck aus dem Gesicht. Dann rapple ich mich wieder auf und humple weiter. Zumindest so lange, bis der Schmerz etwas nachlässt.
Ich habe den Wald hinter mir gelassen. Jetzt kann ich auch den Mond sehen, der seine Sichel in eine der schwarzen Wolken am Himmel gebohrt hat, um nicht herunterzufallen. Die feuchte Wiese schimmert in seinem Licht und lotst mich einen steilen Hügel hinauf. Das Gras weicht fester Erde und Gestein. Ich versuche auf allen vieren den Berg hinaufzukrabbeln. Ein Felsen noch, dann kann ich mich ein wenig ausruhen. Ich grabe meine Finger in das Geröll und ziehe mich auf den Brocken. Geschafft, ich bin oben. Mein Herz rast und nur mühsam kann ich wieder ruhiger atmen. Noch einmal lasse ich meinen Blick über die dichte Nebeldecke wandern, die sich hinter mir über den Sümpfen erstreckt. Hoffentlich haben sie meine Mutter gefunden und mit nach Hause genommen. Mir schießen die Tränen in die Augen. Werde ich sie jemals wiedersehen? Will sie das überhaupt nach dem, was dort unten geschehen ist? Und was hat sie da von einem alten Mann geredet? Der Mond schiebt sich wieder gänzlich vor die Wolken, als würde er mir etwas sagen wollen, und tatsächlich. Er wirft sein Licht auf die Felswand hinter mir. Da ist eine kleine Höhle in dem massiven Gestein. Ich stehe auf und zucke kurz zusammen. Der Schmerz fährt mir in den Knöchel und zwingt mich, ein paar Schritte lang zu humpeln.
»Hallo?«, rufe ich in das dunkle Loch.
Nichts tut sich. Ich bin zu erschöpft, um mir weitere Gedanken zu machen. Hier draußen bin ich völlig allein. Sehr lange werde ich ohne Hilfe sowieso nicht überleben.
Mit letzter Kraft schleppe ich mich durch das Loch. Weit komme ich nicht. Es ist kalt und hier drin ist nichts, womit ich die Kälte abhalten könnte. Ich bin ihr ausgeliefert und kauere mich weinend auf dem steinigen Boden zusammen. Meine Kleider sind vom Schweiß und dem feuchten Nebel völlig durchnässt. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr und beginnt zu zittern. Doch dann übermannt mich die Müdigkeit und lässt mir gar nicht die Zeit, mir darüber bewusst zu werden, dass dies nicht meine letzte Nacht sein wird, die ich allein verbringen werde.

LANGSAM VERSCHWAND DER graue Nebel, der sich wie ein Schleier über die Täler Mormoas gelegt hatte, und die ersten Sonnenstrahlen blitzten zwischen den Baumwipfeln der dichten Wälder hervor. Im südlichsten Land Tholarans lag am Rande einer langen Gebirgskette die Bergstadt Aalsahir, in der alles seinen Anfang nehmen sollte. Die saftig grünen Hügel reichten bis an die steinernen Stadtmauern heran und die zerklüfteten Felsen ragten wie ein schützender Wall hinter der mächtigen Burg empor. Blaue Stadtwappen unter den bunten Bleiglasfenstern und goldene Verzierungen unterbrachen die Reihen der grauen Steine, aus denen das imposante Bauwerk bestand. Die hohen Türme mit den dunklen Spitzdächern reckten sich majestätisch dem Schein der aufgehenden Sonne entgegen. Schon am frühen Morgen herrschte reges Treiben auf dem Marktplatz vor der königlichen Burg. Die kalte Morgenluft vermischte sich mit den Gerüchen der Köstlichkeiten, die an den Holzständen vor der Burgmauer angeboten wurden. Es waren einfache Karren, auf denen sich Stoffe oder Feuerholz türmten. Pflanztöpfe aus Terrakotta und Geschirr wurden fein säuberlich in Szene gesetzt. Händler spannten große Laken über ihre kostbaren Waren, die sie mit viel Liebe zum Detail angerichtet hatten, um Kräuter und seltene Funde aus den umliegenden Wäldern vor der Witterung zu schützen. Dazwischen tummelten sich neugierige Bauern, die das auf dem Boden ausgelegte Stroh immer fester in die vom Regen der vorigen Tage aufgeweichte Erde trampelten.
»... frisch geräucherter Speck!«
»Heilkräuter aus den tiefsten Wäldern Mormoas!«
»... fangfrischer Fisch, nur so lange der Vorrat reicht!«
Die Marktschreier versuchten, sich gegenseitig lautstark zu übertrumpfen, um ihre Waren an den Mann zu bringen, und doch interessierten sich an diesem Morgen nur wenige Bürger für die köstlichen Angebote. Alle waren gekommen, um an dem freudigen Ereignis teilzuhaben, auf das man schon seit Tagen gespannt wartete. Bereits vor einiger Zeit hatte Mormoas König, Amanar Koroma, mit Stolz verkündet, dass es bald Nachwuchs in der Königsfamilie geben werde. Da am Vorabend die gelehrtesten Professoren und der weiseste Magier Aalsahirs, Merindor, in die Burg gerufen worden waren, erhofften sich die Stadtbewohner nun, endlich einen Blick auf das Neugeborene werfen zu können. Eifrig harrten sie vor dem halbrunden Balkon aus, auf dem schon bald ihr König erscheinen würde.
Keiner von ihnen konnte auch nur im Geringsten erahnen, was sich in diesem Augenblick innerhalb der Burgmauern abspielte ...

22. November 2019

'Immer diese Menschen' von Annette Paul und Krisi Sz.-Pöhls

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Annette Paul
Sechs Tiergeschichten für Leseanfänger ab 7 Jahre. Illustrierte Neuauflage.

„Was denkt der eigentlich von mir? Ich bin doch nicht blöd, sondern passe schon selbst auf mich auf.“ Der Goldhamster wünscht sich mehr Auslauf. Außerdem will er am Tag in Ruhe schlafen.

In kurzen Geschichten für Erstleser erzählen Goldhamster, Wellensittich, Pony, Katze, Hund und Frosch von ihrem Leben. Nicht immer sind sie von den Menschen begeistert. Manchmal reißen sie auch aus und erleben Abenteuer. Sie sind nämlich kein Spielzeug, sondern Lebewesen mit eigenen Wünschen.

Lesermeinung: Das kleine Büchlein für Erstleser vermittelt den Kindern auf vergnügliche Weise neue Einsichten in die Bedürfnisse ihrer Tiere.

Leseprobe aus "Goldhamster Goldi":
„Musst du blödes Vieh so einen Lärm machen?", schreit das Mädchen mich an.
Dabei laufe ich doch nur etwas herum. Viel Platz ist hier nicht. Also muss ich meinen Laufdrang in diesem dämlichen Rad abarbeiten. Lieber würde ich daheim in der Wüste herumrennen. Dabei kenne ich sie gar nicht. Ich bin nämlich hier geboren. Und blöd bin ich schon gar nicht. Ich habe mich schließlich nicht in diesem kleinen Käfig eingesperrt.
Das Mädchen zerrt an dem Käfig. Vorsichtshalber flüchte ich in meine Höhle. Ängstlich spähe ich hinaus. Sie zieht den Käfig aus ihrem Zimmer hinaus. Jetzt stehe ich in einem Raum ohne Fenster, aber mit ganz vielen Türen. Das Mädchen verschwindet wieder und bald darauf ist es ruhig.
Trotzdem warte ich noch eine Weile, bis ich mich hinaustraue. Misstrauisch schaue ich mich um. Erst als alles ruhig bleibt, steige ich wieder in das Rad und laufe noch ein paar Kilometer. Ich will schließlich meine schlanke Linie behalten. Irgendwann, die Nacht muss schon vorbei sein, werde ich müde und verkrieche mich in meine Höhle.
Noch im Halbschlaf höre ich Schritte. Dann scheppert es und der ganze Käfig wackelt. Vor Schreck falle ich fast in Ohnmacht. Eine Männerstimme schimpft. „Wer stellt den Käfig einfach in den Weg? Marie!"
Er reißt die Tür auf und das Mädchen sagt etwas. Es klingt recht mürrisch. Eine Weile reden sie miteinander. Schließlich zerrt es den Käfig wieder in das Zimmer zurück. Jetzt ist es überall laut und hektisch. Ich komme gar nicht zum Schlafen. Diese Menschen laufen hin und her und unterhalten sich lautstark. Dabei nehmen sie überhaupt keine Rücksicht auf mich. Irgendwo spielt Musik. Immer sind sie laut. Haben sie denn keine Angst, entdeckt zu werden?
Endlich kehrt Ruhe ein. Ich fresse noch ein Stückchen Apfel. Dann verkrieche ich mich in die Höhle und baue mir ein gemütliches Nest. Bald darauf schlafe ich tief ein.

'Irmas Enkel' von Leandra Moor

Kindle (unlimited) | tredition | Taschenbuch
Autoreninfo Leandra Moor
Eine Geschichte, die von Heimat, Liebe und deren Verlust erzählt.

Als Anni 1946 zum zweiten Mal vor den Traualtar tritt, schließt sie mit ihrem Leben ab. Die vergangenen Jahre haben ihr die Familie genommen, die Hoffnung geraubt. Ihr einziger Anker ist das Versprechen einer Wahrsagerin.

Wird sich mit dem Mann an ihrer Seite die Prophezeiung erfüllen und ihr Leben in ein glückliches Dasein münden, obwohl die Menschen, die den Auswirkungen von Denunzierung und Verfolgung eben erst knapp entkommen sind, bereits wieder aufpassen müssen, wem sie vertrauen dürfen?

„Irmas Enkel“ wurde für die Nominierung zum Deutschen Selfpublishing-Preis 2020 eingereicht.

Anleser:
Das dritte Kind
Sie schrie, was ihrer Mutter ein Lächeln entlockte.
Der Doktor hob das Neugeborene in die Höhe. „Es ist ein Mädchen“, verkündete er.
Helene streckte ihm ihre Hände entgegen, um das Bündel in Empfang zu nehmen. Die Erleichterung, dass alles gut gegangen war, ließ die Warnung des Arztes, dass dieses Kind besser ihr Letztes sein sollte, an ihr abperlen. Sie hatte nur Augen für das zerknitterte Gesicht, das unbeholfen das Repertoire seiner Mimik erprobte.
„Kochen Sie ihr eine kräftige Suppe“, sprach der Arzt zu Helenes Mutter, die den Raum in den letzten Stunden lediglich verlassen hatte, um frische Tücher herbei zu schaffen. Auch sie hatte kein Ohr für den Doktor - Irmas Gedanken waren bei Emil, ihrem Mann. Er hatte ihr achtzehnhundertneunzig diese Kate gebaut, nachdem er dem reichen Nachbarbauern Plotz ein Fleckchen Erde abgekauft hatte. Damit war er den Pakt mit dem Schuldenteufel eingegangen, aber die Hoffnung, in diesem Dorf glücklich zu sein, wog schwerer. Wie Irma entstammte er einer der Tagelöhnerfamilien, die seit Jahrhunderten von eng gesteckten Feldern und der Jagd in den Auenwäldern lebten. Keiner ihrer Vorfahren hatte als sein eigener Herr gewirtschaftet. Stattdessen schuftete eine Generation nach der anderen auf den Gütern des Landadels, was Hochzeiten über die Dorfgrenzen hinweg nach sich zog. So war es auch bei Irma und Emil gewesen. Allerdings hatte sie das erhoffte Glück rasch im Stich gelassen - sie hatten nicht zu denen gehörte, die kinderreich die Bauernschar der nächsten Jahrzehnte in die Welt setzten. Einzig Helene war ihnen geblieben. Die beiden wertvollen Söhne waren im Kindbett entschlafen. Bereits da hatte Irma befürchtet, dass das Versprechen vom ewigen Sorgenlossein nicht viel wert sein könnte. Drei Jahre später, als Emil es nicht mehr ausgehalten hatte, durch Perlitz zu laufen, hatte sie es schließlich gewusst. Die Scham darüber, dass er keine zufriedenstellenden Antworten geben konnte, wenn ihn die Geldverleiher nach der Rückzahlung fragten, war stetig größer geworden. Eines Tages war Emil nicht mehr auf die Dorfstraße hinausgetreten, bald wagte er sich nicht einmal zu den Hühnern in den Stall. Erst blieb er im Haus, später versteckte er sich in einem einzigen Zimmer, zuletzt lag er nur noch im Bett. Und als die Zeit gekommen war, dass der Gemischtwarenhändler Irma das Anschreiben verwehrte, war er mit gesenktem Kopf über den Hof gelaufen, um sich in einer verborgenen Ecke des Ziegenstalls ein Seil zurecht zu knoten und den wurmlöchrigen Sägebock unter sich umzustoßen. Das war kurz vor dem Weihnachtsfest gewesen, als Helene drei Finger in die Luft streckte, um ihr Alter anzuzeigen, und Irma keine Ahnung hatte, von welchem Geld sie ihrer Tochter den Wunsch nach einer Puppe erfüllen sollte.
„Frau Köhler, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, versuchte Doktor Sass, Irmas Blick zu lockern.
„Natürlich“, versicherte die Angesprochene, die die ganze Nacht gebetet hatte, dass ihr dieses neue Kind nicht das Eigene fortreißen möge.
„Bitte passen sie auf, dass sich Ihre Tochter in den nächsten Tagen schont.“
Irma nickte.
„Gut“, gab der Arzt Zufriedenheit vor, obwohl er wusste, wie viel Arbeit auf den Schultern der beiden Frauen lastete.
„Helene, gönn dir für ein paar Tage Ruhe“, appellierte er an die Wöchnerin, „die letzten Stunden waren schwer.“ Er interpretierte Helenes Lidschlag als Versprechen, ergriff seine Tasche und verließ den Raum.
Augenblicklich tobten zwei Blondschöpfe an ihm vorbei. „Mama“, riefen sie im Chor.
Helene straffte ihre Schultern und löste eine Hand vom Säugling, um über die Gesichter ihrer Söhne zu streichen.
Seine Mutter schweißnass im Bett liegen zu sehen, ließ den zweieinhalbjährigen Alfred just losweinen. Besorgt tupfte Helene ihrem Jüngsten die Nasenspitze trocken. „Mir geht es gut“, versicherte sie. „Ich bin nur müde.“ Alfreds Kopf sank auf ihre Decke, die Daunen dämpften sein Schluchzen.
Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte der ein Jahr ältere Willi nicht vor zu heulen. Neugierig zupfte er am Bündel auf Helenes Bauch, bis seine Schwester zum Vorschein kam. Die zugekniffenen Äuglein rührten ihn, auch bestaunte er den Flaum auf ihrem Kopf. Beinah zärtlich stupste er gegen die dünnen Finger. Seine Angst, das Baby kaputtzumachen, war groß, doch dem Mädchen gefiel die Berührung ihres Bruders. „Willi, Alfred“, Helenes Stimme gewann an Kraft. „Das ist eure Schwester Annemarie.“
„Hallo Annemarie“, flüsterte Willi, dessen Finger die Kleine umschlossen hielt. „Schau, das Baby kann mich gut leiden“, machte er seine Mutter auf die erste Annäherung aufmerksam.
Irma zog den Schützenstoff durch ihre Augenwinkel. „Genug jetzt“, bereitete sie der Rührseligkeit ein Ende. „Ab in die Küche Jungs, ich brauche Hilfe beim Kochen.“
Alfred jammerte: „Mama bleiben.“
„Lass ihn ruhig hier.“
„Aber Willi du kommst mit.“
Von Annemaries Anblick verzückt, bemühte sich Willi, seine Großmutter zu überhören.
„Los, das Tagwerk ruft“, wurde Irma deutlicher.
Den Ton kannte Willi, um den kam niemand herum. Seufzend zog er seinen Finger aus Annemaries Fäustchen, versprach: „Ich beeile mich, kleine Anni“, und wirbelte er hinter seiner Oma her.
Alfreds Schluchzen hatte sich gelegt, sein Atem ging gleichmäßig. Helene summte ein Schlaflied, was jede Sekunde abzubrechen drohte, denn in ihr konkurrierten Glück und Kummer. „Hermann, wir haben eine Tochter bekommen“, flüsterte sie. „Sie heißt Annemarie und ist wunderschön.“
Die Wände schwiegen.
Gleich morgen würde sie ihm die Neuigkeit in die Fremde schicken, wo er mit seinen Kameraden Gefechte für den Kaiser ausfocht. Hoffentlich erreichte ihn die Nachricht schnell.
Das Baby zuckte. „Willkommen auf dieser Welt, Annemarie.“ Die Liebkosung, die Willi benutzt hatte, bevor er mit Irma in die Küche verschwunden war, gefiel Helene. Zwei kurze Silben. „Willkommen kleine Anni“, verbesserte sie ihre Begrüßung. Nebenher strich sie über Alfreds Schopf, sprach ein Gebet - erst für Hermann, dann für ihre um eine Seele reicher gewordene Familie - und ließ zu, dass sich der Schlaf über sie legte.

Blick ins Buch (Leseprobe)

21. November 2019

'Tiranorg: Schwertverrat' von Judith M. Brivulet

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Judith M. Brivulet
Autorenseite im Blog
»Wir kämpfen aus dem Untergrund, fügen den Schlangenanbetern an allen möglichen Stellen Schaden zu. Dazu brauchen wir Waffen und Verbündete. Wir müssen sie ständig an den verschiedensten Orten angreifen, dürfen nicht ruhen. Ich nenne es die Taktik der Nadelstiche.« (Esmanté d’Elestre, Schwertmeisterin)

In Tiranorg spitzt sich die Lage zu. Kaum aus Gwyn Nogkt entkommen, werden Esmanté, Loglard und ihre Kameraden von dem Drachen Blutschatten gejagt. Überraschend bieten die Koadeck ihre Hilfe an. Aber können die Gefährten ihren ehemaligen Feinden vertrauen? Sind die Waldgeister die geeigneten Führer auf den verlassenen Pfaden der Zwerge?

Währenddessen formieren sich ihre Gegner. Esmanté und Loglard erkennen, dass sie das Blatt nur wenden können, wenn sie alte Feindschaften überwinden und im Kampf neue Wege beschreiten.

Die alles entscheidende Frage lautet: Wer findet das mächtigste Artefakt von Tiranorg?

Dritter und letzter Band der High Fantasy Saga 'Tiranorg'.

Leseprobe:
Ärger, nichts als Ärger

»Morgen brechen wir auf. Jede Faser meines Körpers sagt mir, dass hier etwas nicht stimmt«, erklärte Sigrith an diesem Abend und fuhr sich durch die kurzen Haare. »Egal, wer mitkommt, ich verschwende nicht noch mehr Zeit.«
»Die Jäger aus dem Dorf sagen, dass es noch Tage lang schneien wird. Das ist vollkommen normal für diese Jahreszeit in den Bergen«, hielt Kharem dagegen.
Er war der Einzige, der unbeeindruckt von Sigriths Launen seine Auffassung vertrat. Na gut, auch ich hielt meistens nicht mit meiner Ansicht hinter dem Berg, was natürlich wenig dazu beitrug, die Spannungen zwischen Sigrith und mir zu mildern.
Mit gemischten Gefühlen blickte ich von einem zum anderen. Wir saßen in Amarachs Küche um den großen Tisch, alle gezeichnet vom Kampf gegen die verdammten Schwarzmagier. Sigrith, blass und mit geröteten Augen, versuchte, zu verbergen, wie sehr ihn die Brandwunden immer noch schmerzten. Kharem saß wie so oft neben Mira. Normalerweise heiterte meine Freundin eine Gesellschaft gern mit guten Geschichten und zweifelhaften Witzen auf, aber seit Téfors Verrat brütete sie fast immer vor sich hin. Uth wirkte zufrieden, er hatte wieder einen Platz neben Eobar ergattert. Noreia schmiegte sich an Loglard und las in einem Buch.
Ein Schneesturm jagte den anderen, rüttelte an den dicken Mauern von Gwyn Nogkt und hinderte uns daran, Amarachs unheimliche Burg zu verlassen. Im Stillen gab ich Sigrith recht. Auch ich würde lieber heute als morgen verschwinden, denn ich traute dem Frieden nicht. Wer konnte sagen, welche Übel hier noch lauerten?
Seit gestern war unsere Stimmung noch bedrückter. Wir hatten Pert begraben. Loglard war nichts anderes übrig geblieben, als zusammen mit Uth und Kharem unter Zuhilfenahme ihrer Zauberstäbe etwas abseits vom Turm eine schmale Stelle vom Schnee zu befreien. In einer kurzen Zeremonie hatte er Perts Seele der Großen Mutter empfohlen. Ein dunkelroter Blitz aus Loglards Zauberstab hatte die Leiche viel zu schnell verbrannt. Eine ehrenhafte Beisetzung, wie sie dem Anführer der Gwydd-Bogenschützen zugestanden hätte, sah anders aus.
»Lasst uns weiterspielen«, schlug ich vor, um mich abzulenken.
Kharem nickte, schickte sich an, zu würfeln. In diesem Augenblick schrien Loglard und Sigrith gleichzeitig auf, sprangen hoch und hielten sich die Seite.
Nur einen Moment später stürmte Fiom herein. »Unter uns sind so komische Geräusche. Die Koadeck ist halb verrückt vor Angst, aber ich verstehe nicht, was sie sagt«, keuchte er völlig außer Atem.
»Kümmere dich um Noreia, Fiom! Ihr beiden bleibt bei der Koadeck«, befahl Loglard mit verzerrtem Gesichtsausdruck.
Aus seiner Hand floss das rote Heilende Licht, mit dem er Sigrith und sich selbst über die schmerzenden Stellen fuhr.
»Eobar, geh mit den Kindern!« Kaum hatte ich den Satz zu Ende gesprochen, nahm meine Schülerin Noreia an der Hand und bedeutete Fiom vorauszulaufen. Mary, unsere Wichtelin, erschien aus dem Nichts und schwebte hinterher.
Loglard rannte los, dicht gefolgt von Sigrith, Uth und Kharem. Mit einem komischen Gefühl im Bauch schloss ich mich Mira an. Welche Überraschung bescherte uns Amarach jetzt wieder?
Die Gward folgten einer für mich unsichtbaren Spur, eilten die Treppen hinab in den Eingangsbereich, dann zu einer Tür, die mir bisher nicht aufgefallen war. Das war kein Wunder, da eine lebensgroße Statue des nackten Weingottes sie verdeckte. Hinter der Tür erwartete uns ein schmaler Treppenabgang in den Keller. Falls auch dieser Gang zum Wehrturm führte, würden wir nicht weit kommen, denn der war verschüttet.
»Groß, verflucht groß!«, knurrte Sigrith.
Ich fragte mich, was genau er damit meinte. Es klang nicht gut.
»Bleib hinter mir, Esmé!«
Nur ungern kam ich Loglards Bitte nach, aber falls ein magisches Wesen im Keller sein Unwesen trieb, würde ich mit meiner Schwertkunst und Kampferfahrung nicht weit kommen.
Jetzt hörten wir ein Rumpeln, ein rhythmisches Stampfen – und schließlich einen sehr, sehr tiefen Ton, der die Wände zum Vibrieren brachte.
Von Stufe zu Stufe steigerte sich das seltsame Geräusch. Ein Ächzen mischte sich hinein, das auf keinen Fall von einem Elfen stammte. Dann knirschte es, als würde etwas sehr Schweres über Kieselsteine gezogen. Im Rhythmus eines imaginären Atemzuges bebten die Grundfesten des Hauses.
»Was bei allen beschissenen Dämonen der Anderswelt ist das?«
Einerseits freute es mich, wieder etwas von Mira zu hören. Andererseits klang ihre Stimme trotz der Flüche so gefühllos, dass mir bang wurde.
Stöhnend blieb Loglard stehen. Sogar durch den Stoff des Leinenhemdes sah ich, wie mehrere Krended glühten. Sigrith sog scharf die Luft ein, was mich davon überzeugte, dass er dieselben Schutzzeichen an sich hatte wie mein Gefährte. Kharem grunzte und fluchte lästerlich. Uth war kreidebleich und gab keinen Ton von sich.
»Bleib zurück, Esmé«, wiederholte Loglard. »Keine Ahnung, was dort vorne wütet. Auf jeden Fall verfügt es über mächtige Magie.«
»Von mir aus!« Schulterzuckend ließ ich die Gward vorbei.
Sogar in dieser Situation grinste mich Sigrith herausfordernd an, als er sich an mir vorbeidrückte. Kopfschüttelnd hielt ich Abstand.
Die Treppen mündeten in einen Gang. Ich fragte mich, wie das Haus der Lady du Lenn überhaupt stehen konnte, da der Untergrund so löchrig war wie Käse aus dem Süden. Lauernd gingen die Gward weiter, Loglard als Erster, dicht gefolgt von Kharem. Dabei hielten sie ihre Kampfstäbe in voller Länge nach vorne gerichtet. Erst gestern hatte mir Loglard die Funktionsweise der Stäbe erklärt. Der Einsatz der Lanzenspitze verlangte natürlich einiges an körperlicher Kraft. Noch komplizierter verhielt es sich mit der Erzeugung der Lichtsalven, denn der Stab holte sich die Energie von seinem Besitzer zurück.
Jetzt pulsierten die Griffe in ihren Händen. Für mich war es noch immer seltsam, meinen Gefährten als Kämpfer zu erleben. Wie die Dinge lagen, würde ich mich daran gewöhnen müssen. Jäh blieben sie stehen.
»Runter!«, schrie Loglard.

'Diktatur des Kapitals' von Joachim Tritschler

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Joachim Tritschler
Seit Gründung der Bundesrepublik hat unser Land mit seinen Bürgerinnen und Bürgern zahlreiche Veränderungen durchgemacht. Anfangs war es wichtig das Land auf der einen Seite wieder aufzubauen und andererseits außenpolitisch aktiv zu werden, um mit ehemaligen Erzfeinden politisch stabile Beziehungen zu schaffen.

Das Buch beschreibt die Leistung der Trümmerfrauen, das Wirtschaftswunder, und die rasante Entwicklung des Landes genauso wie die gesellschaftlichen Veränderungen. Es gab da Zeiten, wo man jedes Haus unverschlossen verlassen konnte, ohne dass irgendetwas geklaut worden wäre. Aber auch die Politiker waren andere als heute. Es war Ihnen wichtig, wie es den Leuten ging, und Sie suchten den realen Kontakt zum Bürger um zu erfahren, wo Sorgen und Nöte am größten waren. Irgendwann kehrte sich das dann um und das Land wurde zu einem Selbstbedienungsladen für Politiker und ihre persönlichen Interessen. Und das bis heute.

Es wird geschrieben aus der Sicht eines Bürgers und Wählers, der heute zu nichts anderem mehr da ist, um Steuern zu bezahlen und bei Wahlen den Politiker, der nur noch an sich denkt, in seinem Amt zu halten.

Leseprobe:
Vertrauen in die Politik
Vertrauen? Oder auch Glaubwürdigkeit. Was ist das? Das gibt es in unserem Land schon sehr lange nicht mehr. Wie wir als Bürger, wahrgenommen werden, ist nicht mehr mit früheren Zeiten vergleichbar. Der gegenseitige Respekt, und das Vertrauen gibt es nicht mehr. Vergleichen wir die heutige Situation mit politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen Ende der achtziger Jahre kurz vor dem Mauerfall dann kommen wir zu erschreckenden Erkenntnissen. Auch wenn zu dieser Zeit schon schwierige wirtschaftliche Verhältnisse vorherrschten, so gab es dennoch ein gewisses Vertrauen in die Politik. Die Menschen im Land hatten noch den Eindruck als solche wahrgenommen und respektiert zu werden, auch wenn es nicht immer einfach war.
Die Worte von Politikern hatten noch Gewicht und es gab zumindest noch einige, auf deren Aussagen man sich als Wähler und Steuerzahler verlassen konnte. Wir müssen dabei aber auch berücksichtigen, dass der heutige Selbstbedienungsladen für Politiker noch nicht in dieser Form existierte.
Das Verhältnis zwischen Politik und Menschen im Land war verglichen mit heute noch im Gleichgewicht. Dies sollte sich aber demnächst ändern. Und geholfen hat der Politik hierbei ihre scheinbar uneingeschränkte Machtposition und das Fehlen eines unabhängigen Kontrollorgans. Das wäre soweit wir heute wissen aber dringend notwendig gewesen. Und diese Notwendigkeit besteht heute im Jahr 2019 immernoch.
Durch dieses Machtvakuum entstanden aber weitere Freiräume, die eine Ausbeutung der Bürger, wie wir Sie heutzutage kennen, erst ermöglichten. Dieser war Anfang der neunziger Jahre noch ein schleichender Prozess. Zu diesem Zeitpunkt kippte auch die Stimmung innerhalb der Gesellschaft, auch wenn dies nicht sofort stark auffiel. Das persönliche Ego trat ab sofort in den Vordergrund. Die Zeiten wo es allen Menschen gleich schlecht ging und man sich gegenseitig geholfen hat, waren damit vorbei. Bis auf wenige Ausnahmen war sich fortan jeder selbst der Nächste. Dieser Prozess sollte sich in Zukunft fortsetzen und in jeder Weise verschlimmern.

20. November 2019

'Das geheime Kapitel' von Mara Winter

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
pinguletta Verlag
Was wäre, wenn jemand versuchen würde, dir dein Leben zu stehlen?
Wenn eine Fremde es auf dein Zuhause und deinen Ehemann abgesehen hätte?
Und wenn du plötzlich Zugang zu einem verbotenen Buch mit Zaubersprüchen bekämst … würdest du sie einsetzen?

Als Anna am Tiefpunkt ihres Lebens ein geheimnisvolles Buch mit Zaubersprüchen auf dem Dachboden findet, rechnet sie mit vielem, aber nicht mit einem Mord in ihrem eigenen Heim. Und damit fängt der Albtraum erst an ...

Leseprobe:
2008
Der alte Mann stöhnte.
»Martha! Wo ist Martha?«
»Ach, Vater. Hast du es schon wieder vergessen? Sie ist gestorben.«
»Nein!« Der Mann schrie auf und wimmerte. Sein erwachsenes Kind rückte ihm die Decke zurecht und sah ihn bedauernd an. »Nun beruhige dich doch. Es ist schon dreißig Jahre her.«
»Meine Martha ist tot?«
»Jeden Tag dasselbe. Es ist nicht mehr auszuhalten mit dir. Uns fehlt sie auch, hörst du? Uns auch. Ruh dich aus, ich gebe dir noch etwas von deinem Schlafmittel.«
Der Greis starrte an die Decke. »Ihr habt sie in den Tod getrieben.«
»Sei still, Vater. Sie hat sich selbst umgebracht, das weißt du genau. Wir ertragen all deine Launen seit Jahren! Lass mich jetzt in Ruhe! Es ist spät und ich will ins Bett.«
»Nein!«, heulte er auf. »Verlass mich jetzt nicht! Bleib bei mir, ich bin krank!«
»Du bist nicht krank, du bist nur alt und nutzlos. Ich ertrage dich nicht mehr. Du hast mir alle Kraft ausgesaugt! Du ruinierst mich! Ich hasse dich!«
Er wollte widersprechen, doch das Kissen lag plötzlich schwer auf seinem Gesicht. Er bäumte sich auf und wollte schreien, doch der kratzige Stoff wurde immer stärker auf seinen Kopf gepresst und verschloss ihm Mund und Nase. Hilflos fuchtelte er mit den Armen in der Luft und versuchte, seinen Angreifer zu packen, doch der war stärker.
»Gleich ist es vorbei«, sagte sein Kind, nun mit einer sanften, geduldigen Stimme. »Gleich ist alles vorbei.«

Kapitel Eins. Silke
Ich habe die Zeichen immer gesehen, aber niemand hat mir geglaubt. Am Abend, als Vater starb, saß ein Schwarm Krähen im Baum vor unserem Haus. Sie schlugen mit den Flügeln und krächzten in einer düsteren Sprache, die offensichtlich Unheil verkündete. Mein Bruder Heiner lachte, als ich ihn zum Fenster rief.
»Rabenbraten, zum Greifen nahe. Da hol ich gleich das Schrotgewehr!«
Ich war als einzige nicht überrascht, als der Anruf kam und wir ins Krankenhaus gerufen wurden. Vater starb in derselben Nacht und wir verloren das Haus innerhalb eines Monats. Seitdem mag ich keine Raben mehr leiden.
Heiner machte deutlich, dass ihn Vaters Tod kaltließ. »Er war ja nur mein Stiefvater!«, sagte er auf der Beerdigung, als Frau Izmelda ihm kondolierte. Anstatt Mama und mir zu helfen, nahm er sich eine eigene Wohnung und kam nur noch vorbei, um mich zu kritisieren und zu erziehen. Er zwang mich, meine Kristalle fortzuwerfen und mich ausschließlich auf die Schule zu konzentrieren. »Du brauchst einen guten Abschluss, sonst kommt ihr nie aus diesem Ghetto raus!« Es machte mich wütend, dass mein Halbbruder unsere Hochhaussiedlung als Ghetto bezeichnete, obwohl sie eng und düster war und ich sie hasste. Aber Heiner musste nicht hier leben, wo es blühende Gärten nur im Fernsehen zu sehen gab.
»Wenn ich die Ausbildung fertig habe und Makler bin, dann suche ich euch eine bessere Wohnung«, versprach er mir zum neunten Geburtstag, was er jedoch nie einhielt.

Ich vermisste Papa glühend, der stets lustig und zuversichtlich gewesen war. Auch unser Haus fehlte mir und vor allem der Garten mit dem Flieder und den Himbeerbüschen. Ich hatte jedes Fleckchen gekannt, wusste, wann die Sträucher blühten und welche Pflanzen giftig waren. Mit Papas Tod hatte ich nicht nur meine einzige Bezugsperson, sondern auch mein Zuhause verloren. Ich wünschte mir eine Schwester oder wenigstens eine Freundin. Alles, was ich hatte, waren ein strenger, grausamer Bruder und eine weinerliche, leidende Mutter, die niemals selbst etwas in die Hand nahm, sondern jammernd vor sich hinwelkte. Bis dann Vera in meine Klasse kam, mager und blass, wohnhaft im Kinderheim. Genau wie ich fand sie keinen Anschluss, und in unserem Elend taten wir uns zusammen. Sie beschrieb mir das Heim als einen Ort mit regelmäßigen Mahlzeiten, frischer Wäsche und sogar einem Waldstück zum Spielen. Das klang besser als das Leben mit meiner Mutter, die sich aufgegeben hatte. Wahrscheinlich hätte sie einen Job finden und uns aus der modernden Sozialwohnung herausschaffen können, doch sie hatte resigniert, nahm Tabletten und schlief die Tage durch. Ob ich pünktlich zur Schule ging, war ihr gleichgültig.
Ohne unsere Nachbarin, Frau Izmelda, wäre ich verloren gewesen. In ihrem düsteren Wohnzimmer brachte sie mir bei, Tarotkarten zu legen. »Auf dich wartet etwas Großes, Mädchen. Sei zur rechten Zeit am rechten Ort und wachsam, dann kann es dir nicht entgehen. Sei vorsichtig, dass du nicht die falsche Abzweigung nimmst, sonst landest du im Verderben.«
Ich grübelte darüber nach, was das Große sein mochte, aber meinen größten Wunsch, Papa und mein Zuhause zurückzubekommen, konnte mir niemand erfüllen.
Täglich putzte Izmelda zehn Stunden, um die Schulden ihres Mannes zu bezahlen, der sie ohne Nachricht verlassen hatte. Außer für Tabak blieb ihr kein Cent für Vergnügliches. »Geld müsste man haben, Mädchen, mit Geld kannst du dir alles kaufen. Einen schönen Ausblick vom Balkon, Massagen für die müden Beine, Fußbodenheizung im Bad, frisches Obst und Glückspillen für den Kopf.« Ihre Durchblutung funktionierte nicht richtig, sie hatte Schmerzen in den Beinen und Lymphödeme. »Du bist jung und hübsch, versprich mir, dass du etwas aus dir machst! Wirf dich nicht irgendeinem Tölpel an den Hals, such dir einen Mann mit Geld. Die Liebe vergeht, dann ist die Hauptsache, dass die Kasse stimmt.«

Ich besaß ein einziges Märchenbuch, voller faszinierender Geschichten. Abends im Bett, wenn das Licht ausgeknipst war, spann ich die Geschichten im Kopf weiter. Dort trafen sich all meine Lieblingsgestalten im Garten des glücklichen Riesen und feierten gemeinsam ein Fest. Frau Izmelda saß in der Mitte, wurde von der Goldmarie bekocht und von Zwerg Nase bedient. Der Kronprinz sang lustige Lieder und spielte dazu auf der Laute, während die liebe Großmutter den feinsten Brotteig knetete.

19. November 2019

'Over The Rainbow: Die Traumwelt' von Uwe Tiedje

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Uwe Tiedje
Eine Fantasiegeschichte, für alle, die ihre Träume noch nicht verloren haben.

Seitdem die Träume der Menschen immer schwächer werden, sieht auch die Traumwelt ihrem Untergang entgegen. Um das zu verhindern, schicken die Bewahrer – Wesen, die für die Erhaltung verschiedener Bereiche dieser Welt zuständig sind – einen grauen Wolf und ein weißes Einhorn zu den Menschen. Sie sollen die beiden aufspüren, die in ihren Träumen der Fantasie noch freien Lauf lassen.

So finden sich Nic und Nora in einer ihnen fremden Umgebung wieder, in der sie sich dem Kampf gegen Todesfeen und finstere Druiden stellen müssen. Bis Nora Gefahr läuft, sich in einem Traum zu verlieren …

Leseprobe:
Es beginnt …
Er war da, seit der Schöpfung, seit Anbeginn allen Lebens. So lange er denken konnte, kümmerte er sich um die Erde, die Lebewesen, die Pflanzen, die Gewässer, um alles, was war.
Früher existierten noch andere, wie er, vor Urzeiten, nach der Schöpfung. Doch nun gab es nur noch eine Handvoll von ihnen.
Er stand hoch oben, auf seinem Lieblingsplatz, nahe dem Ort, an dem er geboren wurde. Ein Geschöpf aus Erde, aus Wasser und Feuer, aus Luft und Sternenstaub. Dieser Berg war seine Ruhestatt. Hier wanderte er durch seine Gärten, hegte und pflegte sie.
Doch heute Nacht war er ruhelos hierhergekommen. Er spürte, wie sich etwas verschob. Ein Ungleichgewicht der Kräfte. Oben am Nachthimmel fand er sein Gefühl bestätigt. Ein neues Sternbild zeigte sich dort.
Schreck und Schmerz erfüllten sein Innerstes und wühlten ihn emotional auf. Er sah hinauf zu denen, die einmal waren, nahm ihr Leuchten in sich auf, linderte mit ihrem Strahlen sein Leid ein wenig.
Starker Wind kam auf, peitschte über das Land, beugte die mächtigen Wipfel seiner Bäume, so als spüre die Natur, dass sich etwas veränderte. Es begann zu regnen, erst wenige Tropfen, dann eine wahre Sturzflut. Sie nässte seine Erde. Der Wind fegte in Böen daher, jagte die Regenschauer vor sich her. Dunkle, drohende, schwarze Wolken wallten über den Berg.
Doch an der Stelle, an der er stand, war es vollkommen windstill. Kein Regen fiel, hier war es sternenklar. Über ihm, inmitten der brodelnden Wolkendecke, war ein Loch, durch das er die Sterne klar und deutlich sehen konnte. Wie ein strahlendes Auge inmitten pechschwarzer Finsternis.
Sein langes weißes Haar umrahmte ein altes, zerfurchtes Gesicht. Blaue, gütige Augen schauten unter dichten, weißen Augenbrauen hervor und ein langer, weißer Bart zierte sein Kinn. Eingehüllt in ein braunes Gewand, die Farbe der Erde, gestützt auf seinen Stab, stand er da und sah hinauf zu den Sternen.
Zuerst sah er nur einen winzigen, schwarzen Punkt, der sich vor den drei vollen Monden abhob. Der Punkt bewegte sich, kreiste, kam immer näher. Nur schemenhaft nahm er die Umrisse wahr. Doch er brauchte kein klares Bild, um zu wissen, wer da kam. Wie er selbst war sie schon immer da, hütete wie er, pflegte. Auch sie schien die Veränderung zu spüren.
Nahe bei ihm landete der schwarze Pegasus. Majestätisch schwebte er heran, die mächtigen Flügel schlugen und erzeugten Wind, der das lange, weiße Haar des Bewahrers wie eine Fahne wehen ließ. Sanft setzte er auf, so als landete er auf einer weichen Wolke und nicht auf harter Erde. Die Flügel hielten inne, der Kopf mit der langen schwarzen Mähne verneigte sich vor ihm und leises Schnauben begrüßte den Bewahrer.
Eine Gestalt in schwarzem Gewand, der Farbe der Nacht, und dunkler Kapuze stieg vom Rücken des Pegasus, setzte die Füße ins feuchte Gras und kam mit leichten Schritten, fast schwebend zu ihm herüber, in der Hand einen Stab, schwarz im Gegensatz zu seinem grünen.
Er deutete eine Verbeugung an und seine Lippen bewegten sich nicht, als er sie begrüßte.
»Bewahrerin.«
Sie lächelte und nickte. Auch sie deutete eine Verbeugung an und er hörte ihre Stimme in seinen Gedanken.
»Bewahrer.«
Nun lächelte auch er. Nur die wenigen, die noch waren, sprachen auf diese Weise miteinander. Ihre Gedanken berührten sich, wenn sie sich unterhielten, und diese Berührung löste ein Gefühl der Freude in ihm aus, dass er seit langem vermisste.
»Eine lange Zeit, Bewahrerin, seit wir uns zuletzt trafen.«
»Nur ein Moment, Bewahrer, ein Moment in der Ewigkeit. Was ist schon Zeit für solche wie uns?« Er hob seinen Stab und deutete zum Nachthimmel.
»Du hast es auch gesehen?«
Sie schaute hinauf, nickte und ihr Gesicht verzog sich schmerzhaft.
»Ja ich sehe es, konnte sie jedoch nicht daran hindern. Meine Aufgabe ist es, die Sterne zu bewahren, so wie du die Erde, und doch konnte ich gegen dieses neue Sternenbild nichts unternehmen.«
Er nickte und schaute sie besorgt an.
»Das Sternbild der Todesfeen. Niemand kann etwas dagegen tun. Sie sind dunkle Elfen, sind da seit Anbeginn der Zeiten. Nur sie selbst können etwas tun … «
Entschieden schüttelte die Bewahrerin der Sterne den Kopf. Tiefe Traurigkeit stieg in ihr auf.
»Sieh dir nur unsere Sterne an, ihr Leuchten verblasst. Die Träume der Menschen – sie gaben ihnen einst Kraft. Einst strahlten sie hell und leuchteten uns in der Nacht. Immer weniger Träume erreichen uns, die Menschen sind zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.
Doch um zu deinen Worten zurückzukehren, nicht nur sie selbst können uns helfen. Lass uns die finden, die in der Lage sind hinüberzugehen. Sie können dafür sorgen, dass dieses Sternbild verblasst, vergeht für lange, lange Zeit.«
Er schaute in ihre nachtschwarzen Augen, nicht überzeugt von ihren Worten. Doch sie war eine wie er, er vertraute ihrer Überzeugung.
»Auch ich spüre, dass die Träume weniger werden. Die Menschen verändern, verwüsten meine Welt, indem sie meine Elemente nutzen, sich selbst zu vernichten. Sie verbrauchen meine Kraft, die ich aufwenden muss, um zu regenerieren, was sie zerstören. Tod und Elend – so viele, die gehen müssen vor Ihrer Zeit. Schau hinauf, wie viele Sterne täglich hinzukommen. Aber dennoch, es gibt welche unter ihnen, die ihre Träume nicht verloren haben, sie tragen sie tief in sich verborgen. Wenn diese ihre Träume wiederfinden, können sie hinüber.«
Traurig blickte die Bewahrerin in sein altes, zerfurchtes Gesicht.
»Es kostet dich viel, schau dich an.«
In Gedanken sah sie ihn bei ihrer letzten Begegnung vor sich, sah das jungenhafte, wunderschöne Gesicht. Entschlossen trat sie zu einer Senke, rief ihn zu sich und nahm seine Hand.
»Lass uns hier den Zauber wirken. Er soll sie finden und ihnen helfen, zu ihren Träumen zurückzufinden, damit sie uns und allen anderen helfen können.«
Sie streckte den Stab vor und stieß ihn in die Erde. Schwarzes Licht färbte die Erde, bildete einen Kreis. Der Bewahrer der Erde lächelte, nahm seinen Stab, stieß ihn ebenfalls in die Mitte des Kreises, der sich mit strahlendem, grünem Licht füllte. Die beiden hielten sich an den Händen, hielten mit der anderen ihre Stäbe und stimmten einen uralten Gesang an, in einer Sprache, die längst von dieser Welt verschwunden war.

18. November 2019

'Das Antumnos (Die Wiedergeburt des Brixta 1)' von Shannon J. Briwen

Kindle (unlimited)
Website Shannon J. Briwen
Shaila ist 10 Jahre alt und kommt aus den Alpen. Eines nachts geschieht etwas Unglaubliches, sie findet sich mit einem Monster in einer neuen Welt wieder! Zuerst ist diese Welt wunderschön und aufregend. Sie scheint ungefährlich und lieblich und voll von neuen magischen Dingen und sprechenden Tiere, sowie interessante Wesen, wie die Thé, Trolle und Drachen zu sein.

Doch diese scheinbare Idylle entpuppt sich dann als eine Welt voller Welten, die alles anderer als ungefährlich und einfach ist. Shaila stirbt beinahe, wird verfolgt und erfährt lauter Geheimnisse. Sie entdeckt zu dem einen seltsamen, roten Drachen und betritt das berüchtigte Totenreich, das riesige Gwotirmar Aneru!

Kommt sie dort wieder lebend heraus?

Komm und entdecke die vielen Göttinnen und Götter, die vielen Anbisoi, Wesen des Multiversums und begleite Shaila und ihre Freundinnen und Freunde auf ihrer unglaublichen Reise zum Brixta, zur Magie.

Dies ist der erste Teil einer Geschichte von Freundinnen und Freunden, die neue Tirs entdecken und ein neues Schicksal schaffen und ihre Träume verwirklichen wollen. Es ist die Geschichte der Wiedergeburt der Magie. Diese Kameradinnen und Kameraden erfahren über das Multiversum und die Welt der Menschen. Sie lernen das Brixta kennen und lernen das Brixen. Sie begreifen, dass die Menschen nicht alleine im Multiversum sind, sondern in Wirklichkeit nur eine Spezies unter vielen. Sie entdecken das Gesicht des Tir Doni, der Welt der Menschen und wie feindselig das Multiversum sein kann!

Bei dem Versuch ihr Schicksal zu schmieden, stellt sich ein unbekannter Feind, der unglaublich mächtig zu sein scheint, ihnen in den Weg! Doch die Zyklen im Multiversum haben schon begonnen, die Räder der Zeiten und Welten drehen sich, die Erde hat sich in Bewegung gesetzt, so auch viele andere Shi im Multiversum, welches Schicksal ereilt dabei die Menschen in dieser Zeit des Umbruches, in der Wiedergeburt der Magie? Bleiben sie auf dem Weg der Selbstzerstörung oder erkennen sie die Zeichen der Zeit? Welche Rolle nehmen dabei diese FreundInnen ein, wenn der Atem des Gottes Kianos über die Tirs zieht?

Finde es heraus und begleite die Bande auf dem Weg zu ihren Träumen und zum Letzten großen Kampf der Menschen, der letzte Kampf vor dem neuen Zeitalter!

Magst du heidnische Mythologie, vor allem keltische? Magst du Drachen, allerlei Fabelwesen und Übernatürliches, dann erkunde das Multiversum mit Shaila und ihren Verbündeten, entdecke lauter neue Tirs, also Welten und Fabelwesen!

Leseprobe:
Das Trolldorf
Shaila blickte herum und genoss den Anblick, sie konnte es kaum glauben: so viele Häuser und Trolle auf einem Haufen! Die Häuschen waren alle ungefähr gleich groß: Die Wände weiß durchzogen von dunklen Holzbalken, die Dächer waren bunt. Teilweise waren sie grün, blau, rot oder in einer anderen Farbe gestrichen. Hin und wieder ragten Schornsteine aus roten Ziegeln empor. Die Schornsteine produzierten auch den vielen Rauch, der in die Luft stieg.
Der Weg, den sie gekommen waren, mündete in eine breite Fläche, die wie eine Art Marktplatz aussah. Diese Fläche schien die Hauptader des Dorfes zu sein, links und rechts von ihr, beziehungsweise von der breiten Straße, waren Marktstände. Der Marktplatz schien eine endlose, breite, sandige Straße, gefüllt mit Ständen und Trollen, zu sein. Überall spielte das Leben, es lag eine wilde, lebendige Atmosphäre in der Luft. Überwältigt und begeistert vom Anblick zog Shaila an Fiachs Fell und meinte: „Lasst uns auf den Markt gehen, dort werden wir ihn sicher finden!“
„Mmmhh!“, antwortete Fiach ein wenig skeptisch und folgte dann aber Shailas Wunsch.
Sogleich standen sie dann inmitten des lebendigen Getümmels und konnten die Marktverkäufer und -verkäuferinnen glühend und laut schreien hören: „Wir haben das beste Essen! Bei uns gibt es den besten Fisch! Die schönsten Stoffe! Schmuck, Elvenstaub!“, tönte es von allen Seiten. Da wurde Shaila hellhörig. Was hatte sie da gehört? Schmuck und Elvenstaub?! „Gehen wir dorthin!“, sagte sie begeistert, während sie eifrig den Rufen folgte. Was war wohl Elvenstaub?
Neugierig schlängelte sie sich durch die Menge an Trollen, bis sie schließlich den Stand ausmachen konnte, wo eine ältere Trolldame lauthals schrie: „Elvenstaub, Elvenschmuck!“ Als Shaila direkt vor dem Stand innehielt, konnte sie jedoch nichts auf der Auslage erkennen. Es war leer, keinerlei Schmuck oder Elvenstaub war zu sehen! Verblüfft, enttäuscht und ein wenig traurig blickte sie fragend zur Trolldame. Da kam ihr ein Gedanke, vielleicht war er ausverkauft, oder sie hatte ihn versteckt, weil er so wertvoll war? Da wurde die Trolldame auf Shailas fragende Blicke aufmerksam und hörte auf zu schreien und schaute stattdessen in Shailas Richtung. „O was für ein liebes, süßes Mädchen, was kann ich für dich tun?“, fragte die Trolldame mit einem gutmütigen Ton. Da verschwand Shailas Trauer und ihre Augen begannen zu funkeln.
„Den Elvenschmuck und den Elvenstaub, darf ich ihn kurz sehen?“, antwortete sie freudig. Da begann die alte Dame zu lachen: „Hahahahah“, und griff in ihren Bulga, zog ihre Hand wieder heraus und streckte eine Faust in Richtung Shaila. „Du darfst es sehen, aber umsonst kann ich das nicht machen! Ich hoffe, du verstehst, dass alles seinen Preis hat“, sagte die Dame. geheimnisvoll. Obwohl Shaila das nicht ganz verstand und verwirrt darüber war, weil sie es ja nur sehen wollte, antwortete sie ein wenig wehmütig: „Aber ich habe doch kein Geld!“
„Du wirst doch sicher etwas Anderes haben?“, antwortete die Trolldame daraufhin in Erwartung. Da erinnerte sie sich an ihren Rubin und antwortete freudig: „Ich habe da diesen Rubin, den kann ich dir zeigen!“ Shaila holte den Rubin heraus und zeigte ihn der Dame.
„Ja das reicht mir!“, antwortete die Dame befriedigt und streckte langsam ihre Arme in Shailas Richtung, wobei ihre Hand immer noch zu einer Faust geballt war.
Gebannt starrte Shaila auf die Faust der Trolldame. Wie der Elvenschmuck wohl aussah? Was Elvenstaub wohl war? Fiach hingegen schien wenig beeindruckt, er lag desinteressiert im Hintergrund. „Hier!“, sagte die Dame laut und leidenschaftlich, als ob sie zaubern würde und öffnete ihre Faust zugleich.
Doch in ihrer Hand befand sich gar nichts! „Da ist ja nichts!“, schrie Shaila aufgeregt.
Da begann die Dame zu lachen: „Hahahahah, trololololololo!“, und lachte weiter und ignorierte Shailas Einwände.
„Wo ist der Schmuck, ich habe dir auch meinen Rubin gezeigt!“, schrie Shaila schmollend.
Doch die Trolldame reagierte nicht und lachte nur. Als sie fertig mit dem Lachen war, begann sie wieder zu schreien: „ Elvenschmuck, Elvenschmuck, Schmuck, Elvenstaub!“
Genervt und mürrisch wandte sich Shaila dann von der Trolldame ab und knuddelte Fiach, um sich zu trösten. Sie war ziemlich beleidigt, da sie nicht bekam was sie wollte.
„Keine Sorge, wir finden den Troll!“, sagte Fiach tröstend mit liebevoller Stimme. Daraufhin beruhigte sich Shaila wieder und lies ihre mürrische Laune gleich hinter sich: „Ja, lass uns weiter schauen“, und grinste dabei angespornt. Die seltsame Trolldame rückte gedanklich dabei wieder in den Hintergrund.
Sie gingen dann weiter durch das rege Getümmel an der Marktstraße und hielten dabei frohen Mutes nach dem Troll Ausschau. Doch weit und breit war er nicht aufzufinden. „Stadtkarten, Stadtkarten, soweit das Auge reicht“, hörte Shaila jemanden eifrig schreien. „Da gibt es Stadtkarten!“, freute sich Shaila, vielleicht kämen sie ja mit einer Karte weiter, dachte sie sich. Schnell folgte sie den Rufen des Marktschreiers, und bekam dabei wieder ein leicht mulmiges Gefühl, wegen der seltsamen Trolldame von vorhin.