29. Juni 2021

'Erben wollen sie alle' von Tessa Hennig

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Tessa Hennig
Wer erben will, muss leiden

Bianca will es noch mal wissen: In ihrer Finca auf Mallorca auf den Tod warten? Kommt nicht in Frage! Zusammen mit dem liebenswerten Rentner Wolfgang will die rüstige 75-Jährige die Welt bereisen und dabei ihr Vermögen verjubeln. Doch Bianca hat die Rechnung ohne die bucklige Verwandtschaft gemacht. Sohn Steffen und Tochter Anja glauben, ihre Mutter sei auf einen Heiratsschwindler reingefallen und sehen ihr Erbe zerrinnen. Mit Kind und Kegel reisen sie nach Sóller, um ihre Mutter umzustimmen. Doch die denkt gar nicht daran, das Erbe einfach so den Nachkommen zu überlassen. Nur wer sie wirklich liebt, soll etwas bekommen, und sie weiß auch schon, wie sie die Familie auf die Probe stellen kann ...

Anleser:
Bianca klappte ihr Notebook entschlossen zu und trank den letzten Schluck ihrer zweiten Tasse Kaffee. Mit nur einer waren Albträume kaumzu vertreiben. Ein Hirnputzer, dieser spanische Lösliche. Und der Kreislauf kam dabei auch noch in Schwung. Biancas Blick fiel auf die Uhr über ihrem Sekretär. Schon halb neun, und sie saß immer noch im Schlabber-T-Shirt vor der Schlafzimmerkommode. An sich kein Problem, wennman allein lebte, doch solche Dinge durften gar nicht erst einreißen. Disziplin ist das halbe Leben! Bianca betrachtete sich bei diesem Gedanken im Spiegel und erschrak über ihren Gesichtsausdruck, die schmalen, zusammengekniffenen Lippen, aber auch über ihr Haar, das noch kreuz und quer abstand. Keine gute Idee, diese Kurzhaarfrisur. Gib’s zu! Haste dir doch nur so machen lassen, weil Wolfi die Beimer aus der Lindenstraße so toll findet. Der bloße Gedanke an ihn zauberte die erschreckende Strenge ihres Spiegelbilds sofort weg und belebte es mit einem Lächeln. Das verschwand aber, als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte. Teresa!
Bianca stand auf und huschte hinüber zum begehbaren Kleiderschrank, in dem nun, seitdem Ernsts Sachen entsorgt waren, alles viel übersichtlicher auf den Stangen hing. Obwohl Bianca sich eigentlich nur ihre bequemen Leggings herausholen wollte, schnappte sie sich gleich noch ihr blaues Kleid und legte es sich für später auf dem Bett zurecht. Wolfi liebte Blau, das gefiel ihm auch an ihren Augen so, und früher hatte die Farbe sowieso perfekt zu ihren naturblonden Haaren gepasst. Zu Friedhofsblond passte gottlob alles. Einer der Vorzüge des Alters. Hinein in die Hose. Das T-Shirt ließ sie gleich an. Für eine Zugehfrau musste man sich schließlich nicht schick machen.

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24. Juni 2021

'Nebelmönche' von Sabine Lettau

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Sabine Lettau auf Facebook
Legenden haben einen wahren Kern. Und der kann lebensgefährlich sein …

Luise hält es in ihrem Job nicht mehr aus. Da kommt das Erbe ihres Onkels gerade recht. Doch das ist an eine Bedingung geknüpft: Sie soll für die Stiftung auf seiner Burg arbeiten.

Einmal dort angekommen, verliebt sich Luise in das alte Gemäuer und die Landschaft. Es ist, als lebe sie in einem Märchen! Dann ist da noch der Technikchef Tilman.

Aber überall trifft sie auf Verbote: Nicht zum See, nicht zu den Klosterruinen! Was verbirgt sich hinter der Legende um die Nebelmönche? Ein Alter aus dem Dorf warnt sie eindringlich vor ihren Nachforschungen. Als sie dem Rätsel um den Tod ihrer Tante Estella auf die Spur kommt und die Verwaltungsleiterin tot aufgefunden wird, ahnt Luise, dass mehr dahinter steckt …

Anleser:
Luise starrte auf den See, der sanft vom Mond beleuchtet wurde. Eine dicke Nebelwolke schwebte darüber. Sie wirkte lebendig, kroch weiter auf das Ufer zu, griff nach der Wiese. Luise fühlte Druck in ihrer Brust. Sie legte die Hand auf ihren Brustkorb und atmete tief ein und aus, spähte zum Wald.
Über den Bäumen bewegte sich etwas. Oder bildete sie sich das ein? Es war schon dunkel. Der Rabe? Dafür war der Schatten zu groß. Irgendetwas an dem Wald zog sie magisch an und hielt sie gleichzeitig auf Distanz. Da, wieder der Schatten! Er stieg höher und senkte sich in einer wellenförmigen Bewegung zum Wald hinab. Sie lauschte. Die Stille war unheimlich.
Ein Luftzug streifte sie. Sie vernahm einen Flügelschlag in ihrer Nähe und wich vom Fenster zurück, als das Rabenpaar nur knapp an ihr vorbeiglitt. Die Vögel flogen über den Park Richtung Wald. Zu dem Schatten! ...
Alle ihre Sinne waren auf das da draußen fokussiert. Plötzlich ertönte ein tiefes „Krack, krack, krack“. Wie auf Befehl stieg der Schatten über dem Wald auf. Er bewegte sich auf die Wolke über dem See zu. Luise konnte nun erkennen, dass es ein Vogelschwarm war. Sie tanzten über dem Dunst, umkreisten sich, stürzten hinab, stiegen wieder empor. Dann flogen die Vögel mitten in den Nebel hinein.

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'Die letzte Prophezeiung des Isaac Newton' von Darius Quinn

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Darius Quinn | Band 1
»Wisst ihr, was das bedeutet?«, schoss Frank ein Gedanke durch den Kopf. Lena und Cooper blickten ihn fragend an. »Die Prophezeiung: Newton hatte recht!«

Vor mehr als 300 Jahren sagte Isaac Newton das Ende der Welt voraus. Jetzt berechnet die fortschrittlichste KI der Welt, dass am Freitag, den 13. April, der Asteroid Apophis die Erde treffen wird. Erneut sieht sich Frank Fischer mit einer ausweglosen Lage konfrontiert. Und er ahnt nicht einmal im Ansatz, mit welchen Mächten er es zu tun hat …

Fortsetzung des Bestsellers »Die letzte Prophezeiung des Nostradamus«. Für Fans von Michael Crichton, Dan Brown, M.C. Roberts, R.F. Maclay, Joshua Tree, Alex Lukeman und Ian Caldwell.

Anleser:
Bleierne Stille lag über dem gewaltigen Raum. Er spürte sie förmlich in der Magengrube. Sie übte eine physische Macht auf ihn aus, als wolle sie ihn lähmen und so von seinem frevelhaften Vorhaben abhalten. Eine falsche Bewegung, nur das geringste Geräusch – und seine Anwesenheit wäre so offenkundig wie das Silvesterfeuerwerk, mit dem ein neues Jahr eingeläutet wurde. Er durfte sich nicht den kleinsten Fehler erlauben.
Sakis schlich durch das Halbdunkel wie in Zeitlupe, als traue er sich kaum, den heiligen Boden mit seinen Füßen zu beflecken. Behutsam setzte er zuerst die Zehen auf und ließ dann den Ballen folgen, die Ferse aber behielt er in luftiger Höhe. Er war fit, gerade einmal 28 Jahre, athletisch gebaut und hätte kilometerweit auf Zehenspitzen laufen können. Trotzdem war er froh, dass sein Ziel lediglich 30 Meter entfernt lag. Je kürzer die Distanz, desto weniger konnte schiefgehen.
Schritt um Schritt glitt er lautlos von seinem Versteck in der Kreuzigungskapelle, deren Altar aus versilberter Bronze auf der Rückseite einen nur wenigen Eingeweihten bekannten Hohlraum besaß, in Richtung Hauptschiff. Tagsüber tummelten sich hier viele Tausende Gläubige. Denn für gleich drei Weltreligionen stellte das Bauwerk einen der heiligsten Orte auf Erden dar: für Christen, Juden und Muslime. Jetzt aber, mitten in der Nacht, war er allein in dem weitläufigen Gebäude. Allein mit sich und den Geistern einer zweitausendjährigen, ereignisreichen Geschichte.
Vorsichtig bewegte sich Sakis im schwachen Schein der vereinzelten Öllampen, die niemals verloschen und den allgegenwärtigen Odor von Weihrauch und Myrrhe verströmten, den selbst der Stein ringsum aufgesogen hatte. Geschwind nahm er die sechs Stufen zum Katholikon, wobei seine engstehenden, dunkelbraunen Augen von links nach rechts huschten. Sie verliehen ihm, zusammen mit der langen, stark gekrümmten Nase, das Aussehen eines Adlers. Seine langen, rabenschwarzen Haare hatte er wie immer am Hinterkopf zusammengebunden. Seine gesamte Erscheinung wirkte, als stamme er direkt aus dem antiken Olympia.
Jetzt lag die schwierigste Etappe vor ihm, eine gerade Linie ohne jegliche Deckung, mitten durch das Hauptschiff zur Rotunde. Noch gut 20 Meter bis zum Ziel, dem Zentrum von allem, über dem sich die 20 Meter breite und 50 Meter hohe Hauptkuppel der Basilika erhob. Durch das verglaste Opaion in der Mitte ergoss sich silbern schimmerndes Mondlicht auf das Ziel und markierte es, wie ein Schauspieler auf der Bühne von gleißenden Profilscheinwerfern hervorgehoben wurde.
Plötzlich hallte ein unheimliches Fauchen durch das Gebäude und ließ ihn aufschrecken. In einer geschmeidigen Bewegung drückte sich Sakis an die südliche Wand. Im sanften Licht erspähte er die Ursache des Lärms: Zwei Katzen trugen einen kurzen, aber heftigen Kampf aus. Nicht nur die Menschen mussten sich diese heilige Stätte teilen. Wie er wusste, waren die Mönche äußerst froh um die Vierbeiner, dämmten sie doch die Mäuse- und Rattenplage in dem uralten, verwinkelten Gemäuer im Herzen der Jerusalemer Altstadt auf ein halbwegs erträgliches Maß ein.
Sakis wartete eine Weile, bis das Echo der Streitigkeit verklungen war, und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Schon nach halb drei, er musste sich beeilen. Kurz vor drei würden die armenischen Mönche ihren nächsten Gottesdienst beginnen, und um vier öffneten sich schon wieder die Pforten der Grabeskirche für das Publikum. Ihm blieben nur die nächsten 18 Minuten. Maximal.
So schnell er es auf Zehenspitzen vermochte, setzte er seinen Weg fort.
Schließlich hatte er sein Ziel erreicht, den Eingang zur Grabkapelle. Nach einem letzten prüfenden Blick in die Runde schlüpfte er durch das Portal in die Engelskapelle. Er umrundete den so genannten Engelsstein, der die Mitte des lediglich drei Meter langen Vorraums einnahm. Der Überlieferung zufolge handelte es sich um ein Bruchstück desjenigen Felsens, der das Grab Jesu versiegelt hatte und am dritten Tag von einem Engel beiseitegeschoben worden war.
Doch Sakis ignorierte die Reliquie ebenso wie alle anderen. Er wollte in die nächste Kammer, die allein durch einen niedrigen schmalen Durchgang zu erreichen war.
Die Grabstelle von Jesus Christus.

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22. Juni 2021

'Wellenglanz und Inselträume' von Christine Jaeggi

Kindle | Tolino | Ullstein (ePub)
Website | Autorenseite
Eine Liebe auf Mauritius

Die ehrgeizige Aurélie rechnet fest damit, zur Vizedirektorin ihres Traumhotels befördert zu werden. Stattdessen wird sie in das älteste und heruntergekommenste Hotel der Kette versetzt und bekommt den Auftrag, es wieder auf Vordermann zu bringen. Doch das ist alles andere als leicht.

Die Mitarbeiter sind faul, unmotiviert und nicht gewillt, Aurélie als neue Vorgesetzte zu akzeptieren. Allen voran der zynische Engländer und Golflehrer Jasper, der zwar attraktiv ist, aber Aurélie fast in den Wahnsinn treibt. Dann sorgt auch noch eine trächtige Riesenschildkröte für Aufregung. Bei ihren nächtlichen Besuchen der Schildkröte kommen sich Aurélie und Jasper näher. Auch im Hotel geht es langsam bergauf. Schließlich erhält Aurélie ein verlockendes Angebot. Doch um ihren Traum zu verwirklichen, muss sie sich zwischen Karriere und Liebe entscheiden …

Anleser:
Wie jeden Morgen bei Tagesanbruch ging Aurélie am Strand entlang und genoss es, ihn noch so unberührt und in seiner vollen Schönheit erleben zu können. Keine Sonnenanbeter, keine Schnorchler, keine Kite- oder Windsurfer. Nur ein Fischerboot am Horizont und Möwen, die ihre Runden drehten. Es war fast halb sieben, und allmählich ging die Sonne auf, färbte den Himmel in den unterschiedlichsten Orange- und Gelbtönen. Die Luft war erfüllt von Salz und Seetang, und Aurélie fühlte sich durch diesen Duftcocktail wie gestärkt, vergaß sogar für einen Moment das deprimierende Gespräch mit dem General Manager von gestern Abend. Sie ließ den gepflegten Hotelstrand mit seinen Strohschirmen und Liegestühlen hinter sich. Anstelle von Kokospalmen – die nur gepflanzt worden waren, weil sie der Idealvorstellung eines Paradieses entsprachen – säumten nun Filaos den Strand. Ihre benadelten Zweige wippten im Wind. Aurélie wusste, dass Touristen die Filaos, die auch Kasuarinenbäume genannt wurden, oft mit Pinien oder Lärchen verglichen.
Sie blieb stehen und atmete tief durch. Ein Gefühl tiefen Friedens breitete sich in ihr aus. Hier kam das wahre Mauritius zum Vorschein, sogar der Sand war rauer und wilder durch das vermehrte Schwemmholz und Korallengestein. Sie setzte sich in den Sand und betrachtete das Meer, dessen schäumendes Wasser über das Ufer und wieder zurück schwappte und unzählige Muscheln und Gestein zurückließ.
Plötzlich überfiel sie wieder eine bleierne Schwere, und auch wenn sie sich noch so sehr dagegen wehrte, kreisten ihre Gedanken erneut um das Gespräch von gestern Abend. Enttäuschung, aber auch Wut überkamen sie. Sie hätte diesen Posten als Vizedirektorin bekommen sollen, sie! Als sie erfahren hatte, dass Divash Gungaphul in Rente gehen würde, hatte sie sich gleich beworben und war zuversichtlich gewesen, als seine Nachfolgerin auserwählt zu werden. Tja, so konnte man sich täuschen.
Energisch ergriff sie etwas Sand und warf ihn weg. Dann sprang sie auf, zog ihre Tunika über den Kopf und rannte ins Meer hinein, tauchte ins Wasser und kraulte hinaus. Sie liebte dieses Gefühl der Schwerelosigkeit und Befreiung, wie wenn alles Negative von ihr abgewischt würde.
Als sie sich mit den sanften Wellen wieder ans Land spülen ließ wie eine gestrandete Meerjungfrau, sah sie drei Jeeps mit Surfbrettern auf den Dächern heranfahren, die hinter den Bäumen parkten und mehrere Leute in Neoprenanzügen ausspuckten. Aurélie seufzte. Die Windsurfer kamen auch immer früher. Aber kein Wunder, denn der Le Morne Public Beach gehörte zu den beliebtesten Surf Hotspots der Welt. Eigentlich umgab ein Korallengürtel die Insel – bis auf den Süden – und hielt Wellen und gefährliche Fische von den Stränden fern. Hinter dem Riff jedoch befand sich ein Surferparadies, welches sich von der Flachwasserlagune über das Little Reef entlang des Platin Rouge bis nach Manawa, Chameau und den berühmten Wellenspot »One Eye« erstreckte.
Aurélie hatte es auch schon versucht, aber leider war sie mehr im Wasser gewesen als auf dem Brett und musste irgendwann aufgeben. Bis auf das Schwimmen war sie leider vollkommen unsportlich.
Sie beobachtete, wie die Surfer mit erwartungsvollen Gesichtern auf das Meer schauten, und entschied sich zu gehen. Auf dem Weg zurück fiel ihr auf, dass über den Le Morne Brabant ein paar orange gefärbte Wölkchen zogen, die aussahen wie eine Schäfchenfamilie. Der 556 Meter hohe Berg, zu dessen Fuße die weißen Korallenstrände lagen und um den herum sich viele Hotels angesiedelt hatten, war das Wahrzeichen der Halbinsel Le Morne im Südwesten der Insel, wenn nicht sogar von ganz Mauritius. Seine Vergangenheit war jedoch überschattet von einem Drama, über das Aurélies Großvater oft sprach. Nach der Abschaffung der Sklaverei 1835 schickten die Briten eine Armee auf den Berg, um die versteckten Sklaven von ihrer neu gewonnenen Freiheit in Kenntnis zu setzen. Die Sklaven jedoch – überzeugt, man würde sie zurückholen – stürzten sich den Berg hinunter in den Tod, um einer erneuten Versklavung zu entgehen. Aurélies Großvater erzählte jeweils von einem Vorfahren namens Nouel, der den Tod gewählt hatte und seine schwangere Frau Gaelle zurückließ. Es existierte sogar eine Aufzeichnung von Gaelle, die Aurélies Großvater hütete wie einen Schatz. Trotz dieser Tragödie fühlte sich Aurélie durch Le Morne Brabant auf eine besondere Art beschützt, und für die Kreolen war er ein heiliger Berg.

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21. Juni 2021

'Summerlove: Als die Delfine Amor spielten' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Wenn Liebe das ist, woran du gar nicht denkst … und sie dich einer Welle gleich überrollt.

Stella verschlägt es den Atem, als nach Jahren plötzlich Romeo vor ihr steht – und sie nach ihrem Namen fragt. "Nicht interessiert", faucht sie und lässt ihn stehen. Und das meint sie so. Denn nichts ist ihr wichtiger, als endlich die beiden Meeresschildkröten ans Meer zu bringen, die sie aus dem Unilabor entführt hat.

Romeo ist Wissenschaftler mit Leib und Seele. Sein Denken und Tun gelten der marinen Forschung und seiner Zukunft im Miami Seaquarium an der Seite seines Großvaters Nino. Doch als ein geplantes Luxusresort die unberührte Natur in ihrer alten Heimat zu zerstören droht, überlegt er nicht lange und fliegt nach Sizilien. Nur erwarten ihn nicht kalte Fakten, sondern Delfine, die ihn in einer lauen Sommernacht ins Wasser locken – und eine Frau, die im silbrigen Schein des Vollmonds seine Gefühle anheizt.

Achtung, die Lektüre fördert Urlaubssehnsucht! Romantischer Liebesroman mit Kuschelfaktor und Happy-End-Garantie.

Anleser:
Die Beifahrertür wird aufgerissen und ich schrecke auf.
»Ist ja nur gut, dass du erst eingeschlafen bist, als du schon hier warst!« Meine Schwester Luna schüttelt den Kopf und ihre geglätteten Haare, die von himbeerfarbenen Strähnen durchzogen sind, fliegen wie Spaghetti hin und her. »Du hast den Abdruck des Lenkrads auf der Wange, pesciolino.«
»Nenn mich nicht pesciolino, nanerottolo.«
Wir grinsen uns an und beginnen zu lachen. Mio Dio, fühlt sich das gut an! Zwar bin ich kein Fischchen und sie ist längst kein Zwerglein mehr, obwohl sie größenmäßig die Kleinste von uns dreien ist, aber dieses geschwisterliche Foppen ist es, was mir fehlt, wenn ich fort bin. Denn dass ich mich vor dem Haus befinde, in dem ich aufgewachsen bin, erkenne ich nach einem Blick aus der Windschutzscheibe sofort.
»Weißt du zufällig, wann ich angekommen bin? Ich hab irgendwie einen Filmriss, Luna.«
»Vor fünf Minuten, hat Mamma gesagt. Ich hab dich nicht gehört, weil ich oben in meinem Zimmer war. Aber ich bin selbst erst vor zehn Minuten zurückgekommen und da stand dein Auto noch nicht da.«
»Eigenartig. Mir scheint, ich werde alt.«
»Red keinen Quatsch, du Küken. Was soll denn dann ich sagen? Ich bin eindeutig alt geworden. Mir tut nämlich das Kreuz weh, weil ich in dieser gebeugten Haltung stehen muss, um dir ins Gesicht zu schauen, während du gemütlich in deinem Auto sitzt.«
»Steig halt auch ein.«
»Steig du lieber aus, sorellina. Du hast ja das ganze Auto vollgestopft, da pass ich nicht mehr rein.« Sie deutet auf den Rücksitz und in den Fußraum vor dem Beifahrersitz. Plötzlich runzelt sie die Stirn und zeigt mit dem Zeigefinger auf die Styroporbox. »Hast du tatsächlich Eis aus Palermo mitgebracht? Wenn Papà das sieht und es sich nicht um eine absolut innovative Geschmacksrichtung handelt, bekommst du von ihm Hausverbot im Sunset.«
Ich verdrehe die Augen. Ich hasse diesen idiotischen Namen für unser Tramonto, das Lokal, das es als Trattoria bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab. Sole, die schon seit Jahren im Ausland lebt und in ihrem Job vorwiegend mit Millionären und arabischen Scheichs zu tun hat, die untereinander auf Englisch kommunizieren, hat unseren Vater davon überzeugt, den Namen des Lokals zu ändern. Sie ist nämlich der Meinung, dass wir uns hier anpassen müssen, wenn wir ein Stück vom Kuchen abbekommen wollen. Aber welcher normale Mensch will das? Wir brauchen diese Schickimicki-Urlauber nicht, die mit ihren übertriebenen Ansprüchen und nicht selten spleenigen Wünschen ihren Reisezielen die Natürlichkeit und Identität rauben, aber das ist ihr offenbar nicht bewusst.
»Hat Papà den Namen immer noch nicht zurückgeändert?« Meine Stimme klingt genauso traurig, wie ich mich fühle.
Luna verneint mit den Augen und legt sich den Zeigefinger senkrecht an die Lippen. Ich seufze auf. Das wird diesen Sommer eine meiner Missionen. Wäre doch gelacht, wenn ich unseren Vater nicht zur Vernunft bringen könnte, vor allem, da Sole in einem dieser schrecklichen Wolkenkratzerhotels in Dubai arbeitet und frühestens im Oktober eine Woche Urlaub nehmen kann.
Luna stupst meinen Oberarm an. »Steigst du jetzt endlich aus, Stella? Wäre vielleicht sinnvoll, bevor das Eis komplett geschmolzen ist.«
Irgendwie ist mein Gehirn heute überfordert, denn ich versuche zu begreifen, wovon sie spricht, als sie die Arme ausstreckt und nach der Styroporbox greift.
»Vorsicht!«, schreie ich laut.
Sie dreht ruckartig den Kopf in meine Richtung. »Sag, ist alles in Ordnung mit dir?«
»Mit mir schon. Aber mit den beiden nicht, wenn du sie durchschüttelst.«
Jetzt ist es Luna, die nicht begreift. Allerdings dauert der Zustand maximal zwei Sekunden. Kein Wunder. Sie ist ja meine Schwester und somit nicht dumm, denn sonst wäre ich es auch.
Prompt stellt sie also mit zwei Worten die einzig mögliche Frage: »Welche Tiere?«
»Caretta caretta.«
»Warum wundere ich mich nicht?« Murmelnd greift Luna nach der Box und stellt sie vorsichtig auf den Beifahrersitz. Dann hebt sie den Deckel ein wenig an und schaut hinein. Ein Lächeln zupft an ihren Mundwinkeln, bevor sie den behelfsmäßigen Transportbehälter wieder schließt und den Kopf anhebt.
»Hast du die aus Favignana mitgebracht?«
»Nein. Die habe ich gestern Abend aus dem Labor der Fakultät mitgenommen.«
Sie schaut mich stirnrunzelnd an. Wahrscheinlich überlegt sie, ob ich scherze. Das dauert aber nur den Bruchteil einer Sekunde.
»Du bist ja verrückt, Stella. Das ist Diebstahl!«
Na bitte. Sie hat die richtige Schlussfolgerung gezogen, was ja nicht anders zu erwarten war. Immerhin ist sie meine Schwester.
»Bin ich nicht!« Ich würde mit dem Fuß aufstampfen, geht aber nicht, da ich ja immer noch im Auto sitze. »Wenn man es genau nimmt, kann es sich nicht um Diebstahl handeln, da die beiden keine Inventarnummern aufweisen. Bestenfalls könnte man von Entführung sprechen. Da ich jedoch weder vorhabe, ein Lösegeld einzufordern, noch daran denke, sie wieder in das schrecklich kleine Aquarium zurückzubringen, gibt es keinen benennbaren Tatbestand.«
»Entweder hast du zu viel Sonne erwischt oder deine juristisch ausgebildeten WG-Mitbewohner haben dich mit irgendeinem Virus infiziert.« Luna schaut von mir zur Box und wieder zurück, bevor sie mich neugierig fragt: »Und was hast du mit den beiden jetzt vor?«
»Freilassen natürlich, was denkst du denn?«

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15. Juni 2021

'Truckerglück' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Dreams and Love 2

Amy arbeitet nun bereits seit einiger Zeit im Old Roadhouse. Nur mit den Gefühlen ist das so eine Sache. Immer, wenn sie glaubt, Joes Liebe gewonnen zu haben, flutscht er ihr wie ein Stück Seife durch die Hände – und sie fühlt sich wieder auf den Anfang zurückkatapultiert. Sie setzt sich eine Deadline, nicht wissend, dass Oma Lina im Geheimen zu ihren Gunsten taktiert.

Tessa hingegen hat ihr Ziel unerschütterlich im Auge. Mit Bravour meistert sie den Lkw-Führerschein und ergattert glücklich ihren ersten Job als Truckerin. Außerdem genießt sie ihre junge Liebe zu Liam. Leider türmen sich leise und unerkannt dunkle Wolken am siebten Himmel auf.

Toto wird im Roadhouse als lästiges Übel angesehen und niemand hat auch nur die leiseste Ahnung von seinem perfiden Plan. So kommt es zu einem schrecklichen Vorfall.

Anleser:
»Mmh, es duftet so was von gut!« Erwartungsfroh und mit glänzenden Augen bückte sich Amy, um in Oma Linas Ofen zu linsen.
»Ja, frische Hefe, soeben geerntete Johannisbeeren und süße Butterstreusel sind eine unschlagbare Kombination.« Oma Lina sah prüfend auf die digitale Anzeige des Backofens, die im gleichen Moment mit einem lauten Piepen das Ende der Backzeit signalisierte.
Mit zwei Topflappen bewaffnet, holte Amy andächtig den süß duftenden Blechkuchen aus der Backröhre. Wie schön er aussah! Der Hefeboden war wunderbar fluffig aufgegangen und es schien, als gäben die leuchtend roten Johannisbeeren alles, um mit den feinen Vanille-Butterstreuseln um die Wette zu punkten.
»Gönnen wir ihm ein paar Minuten zum Abkühlen, dann können wir ihn warm essen.« Oma Lina kramte ihren Mixer aus der Schublade. »Ich schlage in der Zwischenzeit Sahne und wenn du möchtest, deck bitte den Tisch auf der Terrasse.«
Und ob Amy wollte!
Mittlerweile kannte sie sich in Linas Haus so gut aus, als wäre es ihr eigenes. Sie lief zu dem alten Eichenholz-Buffetschrank und holte das weiße Service mit den kleinen blauen Streublümchen heraus. Es war so herrlich antiquiert, aber sie hatte inzwischen schon so manche schöne Kaffeestunde damit verbracht. Das Geschirr passte einfach zu Oma Lina, zur Blümchencouch, zu diesem Haus im Allgemeinen, zum blühenden Bauerngarten. Und es war Wochenende, also Mußezeit. Joes Old Roadhouse war geschlossen, erst Montag würde es arbeitstechnisch weitergehen.

»Wenn das kein Glück ist! Ofenfrischer Kuchen macht einfach happy«, schwärmte Amy, wenig später in dem bequemen Stuhl auf der Terrasse sitzend und sich ein Stückchen von dem warmen Johannisbeerkuchen mit der kühlen Sahne genussvoll in den Mund schiebend.
»Finde ich auch«, stimmte Oma Lina zu. »Es ist herrlich, bei Sommersonnenschein die Seele baumeln zu lassen. Und in Gesellschaft sowieso.« Sie lächelte und schaute zu Buddy hinüber, der es sich mit einem Leckerchen auf der angrenzenden Obstwiese bequem gemacht hatte.
»Es tut mir echt leid, dass es mit einer Wohnung für mich noch nicht geklappt hat«, schämte sich Amy.
»Das braucht es überhaupt nicht«, winkte Oma Lina beiläufig ab. »Lieber ein bisschen länger warten, dafür eine schöne Wohnung, anstelle einer inakzeptablen Notlösung. Dann würdest du dir auf kurz oder lang wieder was Neues suchen müssen. Und wir beide haben es hier doch ganz angenehm, oder?«
»Oh ja! Ich fühle mich total wohl.«
»Ich denke, Buddy freut sich auch, dass du bei uns bist.«
Der Labrador hob bei der Erwähnung seines Namens aufmerksam den Kopf, widmete sich dann aber wieder ausführlich seinem Leckerchen.
Das Telefon im Haus schellte laut und Oma Lina entschuldigte sich daraufhin für einen Augenblick.

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'Der Unbefugte' von Lynn J. Moran

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Alles, was Sie schon immer über die moderne Job-Welt wissen wollten!

Rufus LeBlanc ist ein Nichtsnutz, wie er im Buche steht. Ausgestattet mit dem IQ eines Hochbegabten und gleichzeitig zu zerstreut, um sich die Schuhe zu binden, erntet er im Leben nichts als Kopfschütteln. Schon in jungen Jahren setzt er sich ein ehrgeiziges Ziel: Jeden Beruf der Welt wenigstens einen Tag lang auszuprobieren. Seine Ausflüge in die moderne Arbeitswelt enden stets in einem Fiasko. Ob vor Lachen oder vor Weinen: Rufus LeBlanc lässt kein Auge trocken.

Wer sich schon immer gefragt hat, welchen skurrilen Problemen die Generation Y, die Millenials in der modernen Jobwelt ins Auge sehen müssen, für den ist dieses kleine, schonungslose und absolut (rotz-)freche Buch ein Must-have!

Anleser:
An einem Wochenende irgendwann zu der Zeit, als ich meine neu auserkorene Ausbildungsstelle noch nicht angetreten hatte, lud mich einer meiner Ex-Studienkollegen namens Peer zu sich in sein kleines Bausparer-Paradies ein. Wir saßen mit seiner Familie in einem etwa kaninchenstallgroßen Gärtchen hinter einer minzgrün gestrichenen Doppelhaushälfte, seine Frau servierte sündhaft teuren Bio-Kombucha und Peer grillte bei Bestlaune 99-Cent-Steaks auf einem 4000-Euro-Elektrogrill, der den halben Rasen ausfüllte.
Seine zwei Kinder (5 und 7) bewarfen sich gegenseitig mit ihren neuen iPads und rannten kreischend um uns herum, während Peer und ich uns über alte Zeiten unterhielten.
Es war für mich ein höllisch gemütlicher Abend. Ich war froh über die warme Mahlzeit und es tat mir gut, Peers Stimme zu hören. Es war die Stimme eines Mannes, der einen gut überschaubaren Weg eingeschlagen hatte und gewillt war, diesen stolz und munter bis zum Ende seiner Tage zu gehen. Auf dem Campus hatte Peer gern Retro-Sportschuhe und zerschlissene Hoodie-Pullover getragen. Jetzt steckte sein etwas unförmiger Torso in einem petrolfarbenen Pollunder und an seiner rechten Hand schnürte sich ein eng gewordener Ehering in seinen Finger. Er erzählte viel von seiner Arbeit als Human-Resource-Manager und er war drauf und dran, mich nach ein paar Drinks noch einmal durch sein Haus zu führen, um mir alles zu zeigen. Er hatte schlichtweg vergessen, dass er die Besichtigungstour mit mir schon gleich zu Beginn zweimal durchexerziert hatte und ich erinnere mich, dass ich mir zwischendurch auch immer wieder kilometerlange Bilderstrecken von Peers neuem Auto auf seinem Smartphone ansehen musste, obwohl es ja gleich nebenan in der Garage stand.
Ganz nebenbei: Peers Auto war ein leistungsstarker Kombi in einer Farbe namens Braun-Metallic. Eine perfekte und zugleich zutiefst kastrierte Mischung, ein gequälter Kompromiss aus Sportwagen und Familienkutsche. Es machte mir nichts aus, mir mit ihm die Bilder rauf und runter anzusehen. Ich war fröhlich, weil ihn die ganze Nummer absolut selig machte.
Peer war wie ein kleiner Junge, der einem zeigte, was er alles zu Weihnachten bekommen hatte. Der Unterschied bestand darin, dass um seine molligen Mundwinkel zusätzlich noch das Siegerlächeln eines arrivierten Ausgewachsenen, eines Büro-Alphamännchens spielte. Für alle die nicht wissen, was ein HR-Manager tut: Früher nannte man Peers Beruf einfach Mitarbeiter der Personalabteilung. Seit das zweckmäßige Denglisch in allen Branchen Einzug gehalten hatte, wurden aus dem Personal schließlich Human Resources, was soviel wie menschliche Rohstoffe, Menschenmaterial bedeutet. Just for your Information. FYI.
Irgendwann zu späterer Stunde, als das schwere Essen und Peers anfänglich funkensprühender Elan ihren Tribut forderten, legte sich eine ernste Nachdenklichkeit auf sein erhitztes Gesicht. Wir hatten uns nach drinnen begeben und saßen träge in der Sitzgruppe vor dem Flatscreen-Fernseher, der größer war, als das Bett, in dem ich für gewöhnlich schlief.
»Was man so hört, bist du noch nicht wirklich sesshaft geworden«, sagte er und ächzte in den Designer-Sackleinen-Polstern.
»Stimmt«, sagte ich gähnend. »Man probiert sich so aus.«
Peer lehnte sich zurück und sah mit seinen müden und leicht geröteten Schweinsäuglein seiner Frau nach, die gerade zwei Schüsseln mit Tapas-Resten abtrug. »Ein Mann in einem gewissen Alter, Rufus, ohne Familie und ohne etwas, das ihm gehört. Ohne etwas, auf das er bauen kann. Klingt für mich alles ziemlich gewagt.«
Ich war beschwipst von dem Sangria-Verschnitt, den wir uns seit geraumer Zeit hinter die Binde gossen und verstand nicht so recht, worauf er hinaus wollte. Meine Laune war ungetrübt. Ich war zwar müde, aber auch überdreht und fühlte mich dazu aufgelegt, blödes Zeug zu reden. Ich hatte das irgendwie missverstanden. Ich dachte, dass genau darin das Spiel bestand, das wir zu unserer Belustigung als nächstes spielen würden und dass auch Peer in einer albernen Laune war. »Wie meinst du das, gewagt?«, fragte ich näselnd.
»Du fährst volles Risiko, mein Freund«, sagte er. »Du hast kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt und das alles. Es gibt viele, die dich dafür bewundern, hast du das gewusst? Bei den Jahrgangstreffen, bei denen du nie auftauchst, bist du praktisch Dauergespräch.«
»War mir nicht bewusst.«
Er nickte vielsagend. »Kannst du ruhig glauben. Die reden mit Hochachtung von dir, als wärst du ein Outlaw, der letzte Renegade. Rufus, unser König der Freigeister. Ich hab denen gesagt, dass das alles Quatsch ist. Dass du deine wahre Berufung einfach noch nicht gefunden hast und dass du deinen Weg bestimmt bald irgendwie machen wirst. Manche brauchen einfach bisschen länger, hab ich recht?«
»Ich fürchte, ich weiß nicht so gaaanz genau, was du meinst, Partner«, kicherte ich naiv und dämlich vor mich hin und musste aufstoßen. Im Hintergrund ging irgendwo ein iPad zu Bruch und ein Kind schrie wütend auf das andere ein.
»Ich will damit sagen, wir alle hatten mal ’ne wilde Phase. Manche bleiben ’ne Zeit lang drauf hängen, glauben, dass sie ewig jung sind und dass das Leben eine Party ist, oder was weiß ich. Aber früher oder später rücken alle in den Hafen ein. Darauf kannst du einen lassen.«
»Hafen?«
»Du sagst es. Es ist nichts Verwerfliches daran, wenn man am Anfang ’n bisschen rudert. Quasi ohne Orientierung. Das is uns allen so gegangen. Sieh mal, ich hatte ’nen Kumpel, der unbedingt Künstler, Bildhauer oder irgend so ’n Lulli-Kram werden wollte. Hat immer davon gefaselt, dass das seine Bestimmung ist und dass er nur das machen kann. Nur das! Ganz einfach weil es das einzige ist, wobei er wirklich Leidenschaft entwickeln kann. Ich hab ihm gesagt, dass das Bockmist ist. Jetzt hat er Kinder und verdient vernünftiges Geld. Zwar nur in Teilzeit, aber immerhin. Ich hab ihm gesagt, siehst du, man muss nur wollen, Kollege. Wenn man nur das machen kann, wofür man Passion, Spaß und Trallalla entwickelt, wo würden wir dann hinkommen, mein Alter? Genau. Ins Chaos, mein Freund. Reine Anarchie. Es gibt einfach Leute, die das nicht kapieren. Die können nicht bis drei zählen.« Er klopfte mir ein bisschen zu fest auf die Schulter und rieb sich über die verschwitzte Stirn.

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14. Juni 2021

'Pomeranzensommer (Die Windsbräute 3)' von Nora Gold

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Turbulent geht es weiter bei den Windsbräuten
… mit einer Geschichte über ein lange gehütetes Familiengeheimnis und über den Mut, sich seine Träume zu erfüllen.


In der Charlottenburger Schloßstraße spukt es. Eine junge Frau, gekleidet wie ein Dienstmädchen aus dem Jahr 1900, sorgt für Aufregung bei Nele und ihren Freundinnen. Was steckt hinter ihrem unheimlichen Erscheinen? Alte Briefe, die wie zufällig auftauchen, beleuchten das Leben von Johanna, die einst im Haus der Windsbräute in Stellung war. Die junge Frau ist in armen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen und sucht ihr Glück in der Großstadt. Schon bald muss sie erkennen, dass das Leben in Berlin ebenso hart ist wie in ihrem Heimatort, nur ganz anders. Eine schicksalhafte Fügung bringt ihre Begabung für die Malerei ans Licht, die von ihrer Herrschaft gefördert wird. Mit dem Schreinerlehrling Johann begegnet ihr die große Liebe. Doch diese steht unter keinem guten Stern. Als Johanna ungewollt schwanger wird, trifft sie eine schwerwiegende Entscheidung. Ein außergewöhnliches Frauenschicksal im wilhelminischen Zeitalter wird offenbar. Doch was verbindet Johanna mit den Menschen, die heute in diesem Haus leben?

Derweil erleben Daria, Jenny, Nele und die übrigen Windsbräute zwischenmenschliche Verwicklungen, die sie vor ungeahnte Herausforderungen stellen, während Mathilde auf Sylt eine überraschende Entdeckung macht. Und wieder einmal ist es Linde, die im Hintergrund mit gewohnt rauem Charme die Fäden zieht, damit ein über hundert Jahre gehütetes Geheimnis endlich gelüftet wird.

Anleser:
Charlottenburg 1899
Früher hieß ich Johanna. Als ich noch bei meiner Familie in Skotschau an der Weichsel lebte. Nur mein Vater hat mich immer Hannele genannt. Aber seit ich in Berlin bin, ist sogar mein Name anders. Das hat die Gnädige entschieden, nachdem sie mich im Stellenvermittlungsbüro in der Jägerstraße von oben bis unten gemustert, mit hochgezogenen Brauen mein Gesindebuch gelesen und mir anschließend viele Fragen gestellt hat. Bei welcher Herrschaft ich zuvor gewesen, ob ich gesund, ordentlich und sauber sei, einen Bräutigam habe, kochen, waschen und mit Parkett umgehen könne. Und ob ich nur ja nicht zum Tanzen gehe.
„Ich werde dich Cleo nennen“, hat sie schließlich bestimmt, nachdem alle Fragen zu ihrer Zufriedenheit beantwortet waren. „So hat das frühere Mädchen geheißen, dann brauche ich mir keinen neuen Namen zu merken.“
In diesem Punkt hatte die Gnädige recht. Es ist wirklich nicht einfach, sich an einen neuen Namen zu gewöhnen. Mit ‚Cleo' ist mir das in all der Zeit nicht gelungen, die ich in der Villa Finkenheim in Stellung war. Einmal habe ich die Sache angesprochen. Natürlich nicht bei der Gnädigen. Die hätte sich nur kurz von ihrem Buch abgewandt und ihre kostbar verzierte Lorgnette - wie man die Stielbrillen in ihren Kreisen nennt - heruntergenommen und mich so missbilligend angeschaut, dass mir sogleich jedes Wort im Halse stecken geblieben wäre.
Nein, es war bei Louise, der Tochter des Hauses. Baronesse von Finkenheim hat nämlich von Anfang an das Wort an mich gerichtet. Einfach so, ohne, dass ich ihr etwas holen oder sonst eine Arbeit für sie verrichten sollte. Meist saß sie dann an ihrem Sekretär im gelben Salon und zeichnete. Oder sie stand an der Staffelei im Wintergarten und malte, immer schon zu früher Morgenstunde. Mit dem farbgesprenkelten weiß-grauen Mantel und den unordentlich hochgesteckten blonden Haaren sah sie nicht aus wie ein Fräulein aus herrschaftlichem Hause. Doch in ihren schönen blauen Augen lag dann immer ein besonderer Glanz. Ich hätte ihr unentwegt zuschauen können, wie sie ländliche Idyllen auf die Leinwand bannte. Es war streng untersagt, die Räume zu putzen oder darin andere Hausarbeiten zu erledigen, wenn Mitglieder der Familie anwesend waren. Und so musste ich mir etwas einfallen lassen, um dennoch öfter mal hineinzugehen und das Entstehen eines Bildes zu verfolgen.
„Du musst nicht immerzu die Fenster öffnen oder schließen, Cleo, wenn du eigentlich meine Malerei betrachten willst“, sagte Louise von Finkenheim bei so einer Gelegenheit und ich wurde rot bis unter die Haarwurzeln.
„Komm her und sieh mir ein wenig bei der Arbeit zu!“
„Aber wenn die gnädige Frau mich erwischt“, gab ich zu bedenken.
„Meine Mutter steht niemals vor zehn Uhr auf. Du kannst also unbesorgt sein.“
Und schon begann sie mir zu erklären, wie sie die Farben auf der Palette mischte, sie gekonnt auf die Leinwand auftrug und so ihre zauberhaften Landschaften schuf.
„Das erinnert mich an zu Hause“, rutschte es mir dabei heraus.
Louise von Finkenheim unterbrach ihre Arbeit und blickte mich erstaunt an. Hatte ich etwas Falsches gesagt?
„Erzähl mir von deinem Zuhause, Cleo!“
Ich erwiderte ihre Frage mit einem verdutzten Blick. Was wollte sie von mir hören? Dass meine Geschwister und ich uns ein Bett geteilt hatten und wir im Sommer barfuß in die kleine Schule meines Heimatortes gegangen waren?
„Beschreib mir, wie die Sonne die Wiesen bei euch beleuchtet, wenn sie abends untergeht. Oder wie es klingt, wenn der Wind über die Felder streicht.“
Augenblicklich entstanden Bilder in meinem Kopf und ich begann zu erzählen. Dass die Weichsel herrlich kühl war, wenn man an heißen Sommertagen darin badete, und der Wald je nach Tages- und Jahreszeit unterschiedlich roch. Nach diesem Gespräch war ich wie beflügelt, während Louise von Finkenheim nun immer öfter auch an den Nachmittagen malte. Sie zeigte wenig Interesse an den gesellschaftlichen Ereignissen, die für eine junge Dame ihrer Stellung so wichtig waren. Bälle und andere Zerstreuungen, die dazu dienten, eine standesgemäße Partie zu machen, schienen für sie nur eine lästige Pflicht zu sein. Doch ihre Mutter sorgte dafür, dass die Baronesse immer hinreißend aussah in ihren teuren und nach dem neuesten Chic geschneiderten Ballkleidern. Und es dauerte auch nicht lange, bis etliche Herren ihr die Aufwartung machten. Louise von Finkenheim absolvierte diese Besuche mit derselben steifen Höflichkeit, die sie gewiss auch auf den Abendgesellschaften zur Schau trug.
Leidenschaft drückte sie nur in der Malerei aus. Zu meiner Freude rief sie mich fast täglich in den frühen Morgenstunden zu sich und bat mich, ihr immer wieder von meinem Zuhause zu erzählen. Das war für mich die schönste Stunde des Tages und dafür stand ich gern um halb fünf Uhr morgens auf, um schon das Speise- und das Herrenzimmer geordnet, den Salon abgestaubt, den Korridor gesäubert und die Schuhe und Stiefel der Herrschaft geputzt zu haben, wenn die Baronesse nach mir rief. Damit es nachher keinen Ärger gäbe.
„Du bist jetzt meine Muse, Cleo“, sagte sie einmal. „Weißt du, was eine Muse ist?“

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12. Juni 2021

'Weißer Ritter rotes Herz: Dean Reed in der DDR' von Tanja Stern

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Tanja Stern
Dean Reed (1938 - 1986), amerikanischer Schauspieler und Sänger, zog in den 1970-er Jahren freiwillig aus dem Westen in den Osten, aus der großen weiten Welt in die kleine DDR – der Liebe wegen, aber auch aus Idealismus: Als überzeugter Kommunist sah er in der Gesellschaftsform des Sozialismus sein Lebensideal verwirklicht. Er wurde Honeckers Propagandasänger, der rote Vorzeige-Amerikaner, der die Faust zum „Venceremos!“ hob, und er wurde ein beliebter Unterhaltungsstar. Doch irgendwann mochten die DDR-Bürger seine Lieder und vor allem seine Sprüche nicht mehr hören ...

Eine Biographie zwischen Komik und Tragik, zwischen Glanz und Elend, zwischen Show und zertrümmerten Show-Kulissen.

Anleser:
Er war eine Lachnummer meiner Jugend. Wir zogen den Namen in die Länge: Diiiiiiiiiin Riiiiiiiiiid! Das klang dann wie Igittigitt. Nie hätten wir uns einen Film wie „Sing, Cowboy, sing“ angesehen – igitt, allein schon dieser Titel! – und nie hätten wir uns, verwöhnt, wie wir waren, vom musikalischen Reichtum der Beatles-Ära, die tumben Folksongs angehört, die dieser Cowboy zu singen pflegte. Doch was eigentlich unser Naserümpfen hervorrief, war nicht die Plattheit seiner künstlerischen Produktion. Es war die Staatsnähe, die er verströmte, das ständig penetrant zur Schau getragene Image des eifrigen Klassenkämpfers gegen den Kapitalismus. Der Mann schien aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit zu kommen. Wer die DDR kritisch sah, empfand ihn als groteske Figur, als wandelnde Primitivpropaganda.

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11. Juni 2021

'Wir werden einander viel, sehr viel zu vergeben haben' von Detlef M. Plaisier (Herausgeber)

edition Kronzeugen | Erstausgabe | Juni 2021
ISBN 978-3-9821953-3-9
Erhältlich bei Detlef M. Plaisier
und überall im Buchhandel
Ungehörte Corona-Biografien von Ostfriesland bis Neuseeland.

70 Beiträge auf 370 Seiten, davon zehn Texte aus dem Ausland mit englischer und russischer Übersetzung sowie zehn Texte auf Plattdeutsch, beschreiben persönliches Erleben in der Zeit der Corona-Pandemie. Die Gefühle der Verfasser reichen von Wut und Verzweiflung über Trotz bis zu festem Gottvertrauen. Die Fragen lauten: Werde ich mich in der neuen Realität noch zurechtfinden? Will ich in dieser Gesellschaft noch leben? Werden meine Werte noch Bestand haben? Und ist Corona nur eine Episode oder ein Epochenbruch?

Die Zeugnisse wurden über den Zeitraum eines Jahres gesammelt. Es sind subjektive Moment-aufnahmen, es gibt keine endgültigen Antworten, und doch gehören alle Schilderungen als „oral history“ zur Erbschaft unserer Kulturgeschichte. Besondere Akzente setzen die Beiträge von Street Art-Künstlern und Texte junger Leute aus Indien, Peru und Ruanda.

Den Texten vorangestellt ist ein Schreibdialog zwischen Herausgeber Detlef M. Plaisier und Pastor Dreesch-Rosendahl aus Westrhauderfehn zu dem Begriff der Vergebung.

Der Verkaufspreis des Buches beträgt 20,00 Euro. Es kann direkt bei Detlef M. Plaisier (gerne mit Widmung, versandkostenfrei gegen Rechnung) bestellt werden.

Anleser:
Ich habe gelernt,
dass mir nach drei Tagen Arbeit ein Tag Ruhe guttut. Das bleibt.
Ich lese jetzt jeden Abend, bevor ich das Licht lösche. Das bleibt.
Ich bin dünnhäutiger geworden.
Ich bin sensibler geworden auf Lärm und Gerüche.
Ich träume intensiver, sehe Farben und Gesichter.
Ich erinnere vieles beim Erwachen.
Ich habe Lust auf Leben und Liebe.
Ungebrochen.

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'Space Jobs - Buch 1 » Odyssey' von Leonard Lionstrong

Kindle (unlimited)
Website Space Opera
Vom Hüllenputzer zum Millionär.

Im Weltraum arbeiten, in Raumschiffen zwischen den Sternen tätig sein? Das klingt toll, oder? Wenn da nicht die miesen Arbeitsbedingungen und die fiesen Arbeitgeber wären.

Der Weltraum ist ein schmutziger Ort, das weiß niemand besser als der naive Hüllenreiniger Immik. Er versucht alles, heuert an als Handelsreisender, klaut Satelliten, lässt sich als Feldarbeiter ausbeuten und geht mit einem Weltraumzirkus auf die Reise. Und dann kommt alles ganz anders ...

Space Jobs zeigt eine Version des totalen Kapitalismus. Jeder kämpft für sich. Völker und Rassen sind kaum noch entscheidend. Es zählt die Gruppe – oder die Notgemeinschaft. Menschlich geht es nur bei denen zu, die selbst Ausgestoßene sind. Erlebe eine fantasievolle und abenteuerliche Reise durch einen überraschenden Kosmos.

Anleser:
Lagermonde und -asteroiden sind ein Geschäftsmodell, das sich an Fernraumfahrer, Unternehmer und Abenteurer richtet. Auch wer häufig umzieht oder in den Vollzug wandert, weiß einen trockenen, verschwiegenen und sicheren Platz für seine Habseligkeiten zu schätzen. Für den Großbedarf lässt sich ein kompletter Mond mieten. Solche Mietmonde sind allerdings nicht eben günstig, da ihre Zahl pro Sternensystem begrenzt ist. Sie sind auch deshalb so beliebt, weil eine lückenlose Überwachung inbegriffen ist. Weniger anspruchsvolle Kunden setzen auf Lagerasteroiden, die massenhaft zu kriegen sind. Viele davon sind in Freizeitarbeit ausgehöhlt worden und gelten nach offiziellen Maßstäben als sicherheitstechnisch bedenklich. Pech, wer mit mühsam angehäuften Schätzen von einstürzenden Stollen begraben wurde, nur weil er ein bisschen hatte sparen wollen.
Der von Stenjo gemietete Raum befand sich in den Katakomben eines riesenhaften, weitestgehend schwarzen Asteroiden, der vorwiegend aus Ureilit bestand. Die kilometerlangen schlauchförmigen Gänge in dem Brummer konnten problemlos von kleineren Raumschiffen durchflogen werden. Die Schiffsbeleuchtung sorgte für ein fortlaufendes Glitzern der Wände. Es wurde von unzähligen Nanodiamanten verursacht.
»Willkommen in meiner Schatzkammer!«, rief Stenjo.

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10. Juni 2021

'Rügenträume und Strandgeflüster' von Evelyn Kühne

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Evelyn Kühne
Emmas gewohntes Leben gerät völlig aus den Fugen – doch Rügen wäre nicht Rügen, könnten hier nicht die kühnsten Träume in Erfüllung gehen.

Mit vielen verrückten Ideen und einer Portion Glück hat es Emma geschafft, der Pension Strandkieker den dringend notwendigen Aufwind zu verschaffen – nicht zuletzt dank ihres neuen Standcafés, in dem sie ihre Gäste mit leckeren Cheesecakes verzaubert.

Als sie zu einem Backwettbewerb eingeladen wird, könnte es nicht besser laufen. Tatkräftig greifen Schwester Hanna und Kollegin Fine Emma unter die Arme. Auch der charmante Segler Arne hilft Emma, und zwischen den beiden knistert es gewaltig. Als kurz darauf Emmas Ex David bei ihr auftaucht, stehen Emmas Gefühle endgültig Kopf.

Doch Emmas Erfolg ruft auch Neider auf den Plan, die ihr einen Sieg um jeden Preis streitig machen wollen.

Zwischen Kuchenchaos und Herzenswirrungen bemerkt Emma eines Morgens eine Übelkeit, die nur auf eines hindeuten kann, und sie muss herausfinden, für wen ihr Herz wirklich schlägt.

Anleser:
Mit forschendem Blick durchstöberte Emma die Erdbeerschüssel vor sich und pickte schließlich ein besonders schön anzusehendes Exemplar heraus. Sorgfältig und mit ruhiger Hand platzierte sie die Frucht neben den beiden bereits arrangierten. Dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete aus der Ferne ihr Werk. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Dieser Erdbeercheesecake war ihr wirklich hervorragend gelungen. Die weiße Vollmilchganache auf seiner Oberfläche schimmerte wie frisch gefallener Schnee. Und die Kombination mit den roten Beeren erinnerte sie einen winzigen Moment an die Einleitung aus Schneewittchen: ›Weiß wie Schnee und rot wie Blut.‹ Das Farbspiel war wieder einmal perfekt geraten und der Geschmack sowieso. Das wusste sie schon jetzt.
Emma wischte ihre Hände an der Schürze ab, nahm ihr Handy vom Fensterbrett und schoss einige Bilder. Diese würde sie später auf ihrer Instagram-Seite platzieren. Sie wusste, ihre Fanschar wurde immer größer, und die Menschen warteten jeden Tag auf neue Fotos.
Bevor die Torte morgen ihren Weg Richtung Café antreten würde, wanderte sie zunächst einmal in den großen neuen Kühlschrank in ihrer Speisekammer und zu den dort bereits wartenden Kameraden. Auf dem Holzbrett gleich daneben standen noch zwei weitere Kuchen. Emmas berühmter Quarkkuchen nach dem Rezept ihrer Urgroßmutter Hanni und ein einfacher Pflaumenkuchen, der es in sich hatte. Genauer gesagt eine reichliche Menge Alkohol, die für den perfekten Geschmack sorgte. Für morgen war genug getan, diese Kuchen mussten reichen.
Als Emma vor anderthalb Jahren, aus einer dringenden finanziellen Notlage heraus, ihrer Schwester Hanna den Vorschlag gemacht hatte, ein Café als zusätzliche Einnahmequelle zur Pension Strandkieker zu eröffnen, hätte sie niemals mit diesem durchschlagenden Erfolg gerechnet. Die Leute rannten ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Bude ein. Was aus einer Laune begonnen hatte, war inzwischen eine feste Institution in Glowe geworden. Das hatte anfangs nicht allen gefallen, und mancher fürchtete die Konkurrenz der Hobbybäckerin mit ihren verrückten Kreationen, doch inzwischen hatten sich die Gemüter weitestgehend beruhigt.
Die Idee war gewesen, den tagsüber leerstehenden Frühstücksraum ihrer Pension zu nutzen. Die war das Kerngeschäft des alten Hauses am Meer. Doch etwas in die Jahre gekommen und unmodern geworden, waren irgendwann die Buchungen ausgeblieben. Jahrelang hatte ihre Schwester Hanna sich mit vielen Sorgen allein herumschlagen müssen. Denn Emma war beruflich, als Gästemanagerin einer großen Hotelkette, in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Erst als Vater Wilhelm einen Schlaganfall erlitten hatte, war sie zurückgekommen und auf Rügen geblieben. Zu groß waren die Sorgen gewesen, die auf ihrer Schwester gelastet hatten. Nach anfänglichen Problemen hatten sich die beiden ungleichen Zwillinge zusammengerauft und gemeinsam die Wende im Strandkieker eingeleitet.
Doch dann hatte Hanna endlich die Liebe ihres Lebens gefunden, und Emma war es gewesen, die sie beschworen hatte, ihrem Glück zu folgen. Seitdem hatte sie das Ruder hier fest in der Hand. Dank kleinerer, aber wirkungsvoller Modernisierungen, einem knallharten Sparkurs und steigender Einnahmen ging es allmählich aufwärts im Strandkieker. Und das stimmte nicht nur die beiden Schwestern froh, sondern auch deren Eltern.
Dieses Stück Land am Meer, bebaut mit der Pension und ihrem Elternhaus, war schon seit langen Zeiten in Familienbesitz. Ihr Urgroßvater hatte den Strandkieker damals neben dem Hauptgebäude errichtet, als Gästehaus für reichere Städter, die eine Auszeit am Meer brauchten. Seitdem standen die beiden Reetdachhäuser wie Geschwister nebeneinander, und jede Generation hatte ihnen ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Und auch sie hatte das getan und eine weitere Wendung Richtung Moderne vollzogen.

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9. Juni 2021

'Glut im Herz' von Esther Grünig-Schöni

Kindle | Tolino
Website | Autorenseite
Die Geschichte um Florent, der sein Leben meistert. Wie aus Schlechtem Gutes werden kann? Einfache Formel? Nein. Vielleicht Konstruktives versus Destruktives? Alles, was gesagt werden kann, trifft es nicht annähernd. Aber es ist.

Florents Leben wirbelt Fragen auf. Nicht immer können schlüssige Antworten gefunden werden. Sein Leben erschüttert und führt in eine Welt, die vielleicht lieber nicht betreten wird. Die Welt eines Opfers. Und doch lohnt es sich, dies kennen zu lernen.

Flo - Weggeworfenes Kind - Schönes Kind - im Heim missbraucht, gequält Objekt - Straßenjunge - Kleinkrimineller - Rocker - Biker - Lernender - Unternehmer - Mensch - Schöner Mann - Freund und Geliebter - bewegtes und bewegendes Leben. Muss er seine Kindheit töten, um seine Traumata überwinden zu können, um leben zu können. Wohin geht er?

Es kann in der Stadt, in der Gegend, im Land geschehen, wo wir uns aufhalten. Überall hautnah und bewegend eine Geschichte über die Ursachen, Hintergründe und die Folgen des Missbrauchs von Kindern und der Gewalt an Kindern. Die Folgen einer verlorenen Kindheit. Und doch ein Blick auf Hoffnung und Licht.

Anleser:
Florent schloss die Türe hinter sich, auch wenn es nicht nötig gewesen wäre. Er hörte das Einschnappen des Schlosses. Es klang übermäßig laut. Es dröhnte in seinen Ohren. Das konnte auch von seiner jetzt empfindlichen Wahrnehmung her stammen. Es war wie das Zuschlagen einer Gefängnistüre. Oder das endgültige brutale ‚Zu‘ einer dicken Kellertüre. Brutal wie das, was er gehört hatte. Das was auf ihn zukam hatte er nicht in der Hand. Das umklammerte ihn. Er nahm in seine Hände, was ihm möglich war. War es ein Tumor oder nicht? War es ein bösartiger, konnte es zu Ende sein oder er behindert weiterleben müssen. Gehindert am Leben. Verhindert zu handeln. Wenn er gutartig war, bestanden bei der Operation ebenfalls Risiken. Es konnte einiges zerstört werden, er auch da behindert hervor gehen. Aber auch das Weitergehen auf der Straße barg Risiken. Wenn ihm ein Gerüst auf den Kopf donnerte, er hinfiel oder er auf die Straße gestoßen wurde. Er lachte freudlos. Er machte sich bereits zu viele Gedanken.
Es verfolgte ihn. Er musste Lösungen finden für sein Leben und den Umgang mit der Vergangenheit. Wucherte das, was ihn seit seiner Kindheit begleitete? Es hatte ihn nicht los gelassen. Er hatte es nur eine Weile auf die Seite gelegt. Nun drängte es erneut nach oben. Er wusste, er musste es aktiv und lebendig angehen. Noch konnte er das.
Er streckte sich. Er wollte den Kopf jetzt nicht hängen lassen. Das war noch nie seine Art gewesen. Noch war das, was er gehört hatte, kein Todesurteil. Es war noch nicht einmal klar, was in ihm vor sich ging. Sie wussten noch nicht, was wuchernd um sich griff. Also wusste auch er es nicht. Und er war ein Kämpfer. Früher und heute.
Er sah den Neurologen vor sich. Sein Hausarzt hatte ihn nach einigen für ihn verdächtigen Vorfällen zu diesem Spezialisten geschickt. Zu einem Mann mit leichtem Bauchansatz und lebendigen Augen. In seinem Mund blinkte ein Goldzahn. Er trug eine Brille auf der geraden, schmalen Nase. Diese Brille gab ihm etwas Gewichtiges. Auch wenn das im Ganzen eine Nebensächlichkeit war. Es war ihm aufgefallen. Kleinigkeiten fielen ihm oft auf. Aber wozu? Er zuckte die Schultern. Er hasste Ärzte. Ein Überbleibsel aus einer früheren Zeit.

***
Weißkittel mit kalten Augen an seinem Bett, die ihn ausschimpften, wenn er weinte. Weißkittel, die lachten, wenn er um den Freund im Bett neben sich weinte. Ärzte, die ihn quälten, nicht ihm halfen. Ärzte, die Ungeheuer waren.
***

Nein! Er schüttelte es ab. Er hatte ihn aufsuchen müssen, so wie er zu seinem Hausarzt gegangen war, als ihn diese Vorfälle gebremst hatten. Manchmal diese starken Schmerzen, manchmal Ausfälle und manchmal Ausraster, die er nicht verstand. Oh, er war durchaus temperamentvoll, aber das ging darüber hinaus. Aber vor allem die Schmerzen, die Gleichgewichtsstörungen, das Flimmern vor den Augen und die schneller auftauchende Müdigkeit. Er war noch nicht alt. Sein Körper war nicht verbraucht. Der war im Gegenteil in einem fitten Zustand. Überarbeitet konnte er nicht sein. Obwohl … er arbeitete viel. Er hielt allerdings etwas aus. Das konnte es nicht sein. Er wusste noch nicht, was mit ihm los war. Aber er sah diesen Neurologen vor sich, aus dessen Praxis er gerade kam.
"Es sind weitere Untersuchungen nötig, bevor wir Klarheit haben." Er saß vor dem Arzt. Es dröhnte in seinem Kopf. Aus den Worten wurden Schläge. Sie trafen ihn am ganzen Körper, brannten, schnitten ihn, zerfleischten ihn. Da war Druck. Im Kopf. Überall. Angst. Wie früher, große Angst. Er musste es sich eingestehen. Er hatte Angst. Und er hasste dieses Gefühl ganz besonders. Und da! Wieder ein Blitzlicht. Ein Wetterleuchten aus seinem Innersten.

***
"Nein, ich will nicht. Er soll das nicht tun. Nein. Es tut weh. Es ist nicht schön. Es ist hässlich. Ich mag das nicht. Es stinkt. Ich ersticke, wenn er das tut, ich will das nicht. Es ist scheußlich. Nein, ich mag das nicht." "Du musst ein lieber Junge sein. Lächeln. Lächle in die Kamera. Schau doch, der kleine Vogel. Da. Da wird er zu sehen sein."
"Nein. Da ist keiner. Das ist gelogen." „Sieh doch. Da ist er.“ „In Kameras sind keine Vögel. Das weiß ich schon lange.“ „Wie kann man so klein nur schon so farblos sein. Sieh es dir an, stell es dir vor.“ „Ich bin nicht dumm.“ "Gut. Das ist gut. Aber... Hast du mich denn nicht lieb?" "Nein!"
"Das ist nicht schön. Da bin ich traurig. Komm, wir haben einander wieder lieb. Du bist so ein hübscher kleiner Junge. Wenn du weinst, ist dein Gesicht nicht hübsch. Es ist rot gefleckt und hat Runzeln. Komm lächle, sei lieb." "Nein!" Lippen zusammenpressen. Augen zumachen. Ganz steif. Hässlich sein. Ich will nicht. In Ruhe lassen soll er mich. Ein ärgerliches Gesicht machen, dann geht er vielleicht wieder.
"Dann muss ich es ihnen sagen." Ich reiße erschrocken meine Augen auf. "Nein! Bitte nicht. Tu das nicht." "Dann sei lieb und lach mich an. Fass mich an. Streichle. Nimm es in den Mund." Es ist grässlich. Groß. Dick. So groß. Ich mag es nicht. Es ekelt mich. Besonders das klebrige Zeug und der Geruch. Es stinkt. Es schüttelt mich. Aber sie dürfen keine Tränen sehen.
Niemand darf Tränen sehen. "Nein! Bitte nicht. Es tut weh. Nicht schlagen. Nicht das. Nein. Ich will mich nicht umdrehen …"

***

Es zerplatzte wie eine Seifenblase, aber laut und nicht sanft und weich. Nicht so wie es bunt glitzernde Seifenblasen der Clowns, der Poeten und der Kinder in der Regel tun. Nein, nicht so. Es war keine solche. Er verscheuchte es. Es dröhnte. Er kam zurück. Diese Bilder wollte er nicht zurück haben, also vertrieb er sie. Sie zerstörten sein Leben. Oder war es anders? Konnte es sein, dass sie vielmehr an die Oberfläche aufsteigen mussten, damit er weiter leben konnte? Aufsteigen - Bis alles rot war wie ein See aus Blut und Dreck, damit er ihn reinigen konnte. Das konnte sein. Die Wut kam wieder. War es nicht das … auch das ein Geschwür wie das, welches vielleicht in ihm wucherte. Geschwüre überall. Auf der Straße, in Fenstern, in Heften, in Büchern, in der ganzen Gesellschaft, in den Kirchen, im sogenannten Guten, in den Braven, den... Er schüttelte wieder den Kopf, legte es ab, wie man altes Zeug abzulegen pflegte.
Die Praxis des Neurologen stand in einer Gegend, in der er sich sonst nicht aufhielt. Er sah sich um. Es war morgens. Er mochte weder herumfahren, noch an seine Arbeit gehen. Er musste Luft holen. Aber die Landschaft bot ihm dafür zu viel an Luft. Heute fand er dort nicht, was er brauchte. Er wollte allein sein und doch inmitten der Leute. Dazu eignete sich ein Lokal, in dem er sonst nicht verkehrte.
Es gab Bereiche in seinem Leben, die klarer werden mussten. Vorsichtig nach und nach. So wollte er es. Er stand neben seiner Maschine, löste den Helm vom Haken, hielt ihn in seinen Händen, hielt inne. Warum nicht hier bleiben? Er sah das Lokal auf der anderen Straßenseite und entschloss sich dort zu frühstücken. Er fuhr sich durch seinen Haarschopf, hielt inne, als er seinen Schädel bewusst spürte. Doch er vertrieb die erneut aufkommenden Gedanken. Zum Henker noch mal. Er war jung. Vor ihm lag das Leben. Alle Türen standen offen. Er hatte Möglichkeiten wie nie zuvor. Viel hatte sich geändert. Ja vor ihm lag das Leben. Um ihn her genauso. Kein Trübsal blasen, Flo. Leben. Jetzt erst recht. Seine Augen begannen zu glitzern. Er sprintete in einer Verkehrslücke über die Straße, mit seinem Helm am Arm und betrat das Restaurant.

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8. Juni 2021

'Truckerglück (Dreams and Love 2)' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

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Amy arbeitet nun bereits seit einiger Zeit im Old Roadhouse. Nur mit den Gefühlen ist das so eine Sache. Immer, wenn sie glaubt, Joes Liebe gewonnen zu haben, flutscht er ihr wie ein Stück Seife durch die Hände – und sie fühlt sich wieder auf den Anfang zurückkatapultiert. Sie setzt sich eine Deadline, nicht wissend, dass Oma Lina im Geheimen zu ihren Gunsten taktiert.

Tessa hingegen hat ihr Ziel unerschütterlich im Auge. Mit Bravour meistert sie den Lkw-Führerschein und ergattert glücklich ihren ersten Job als Truckerin. Außerdem genießt sie ihre junge Liebe zu Liam. Leider türmen sich leise und unerkannt dunkle Wolken am siebten Himmel auf.

Toto wird im Roadhouse als lästiges Übel angesehen und niemand hat auch nur die leiseste Ahnung von seinem perfiden Plan. So kommt es zu einem schrecklichen Vorfall.

Anleser:
»Mmh, es duftet so was von gut!« Erwartungsfroh und mit glänzenden Augen bückte sich Amy, um in Oma Linas Ofen zu linsen.
»Ja, frische Hefe, soeben geerntete Johannisbeeren und süße Butterstreusel sind eine unschlagbare Kombination.« Oma Lina sah prüfend auf die digitale Anzeige des Backofens, die im gleichen Moment mit einem lauten Piepen das Ende der Backzeit signalisierte.
Mit zwei Topflappen bewaffnet, holte Amy andächtig den süß duftenden Blechkuchen aus der Backröhre. Wie schön er aussah! Der Hefeboden war wunderbar fluffig aufgegangen und es schien, als gäben die leuchtend roten Johannisbeeren alles, um mit den feinen Vanille-Butterstreuseln um die Wette zu punkten.
»Gönnen wir ihm ein paar Minuten zum Abkühlen, dann können wir ihn warm essen.« Oma Lina kramte ihren Mixer aus der Schublade. »Ich schlage in der Zwischenzeit Sahne und wenn du möchtest, deck bitte den Tisch auf der Terrasse.«
Und ob Amy wollte!
Mittlerweile kannte sie sich in Linas Haus so gut aus, als wäre es ihr eigenes. Sie lief zu dem alten Eichenholz-Buffetschrank und holte das weiße Service mit den kleinen blauen Streublümchen heraus. Es war so herrlich antiquiert, aber sie hatte inzwischen schon so manche schöne Kaffeestunde damit verbracht. Das Geschirr passte einfach zu Oma Lina, zur Blümchencouch, zu diesem Haus im Allgemeinen, zum blühenden Bauerngarten. Und es war Wochenende, also Mußezeit. Joes Old Roadhouse war geschlossen, erst Montag würde es arbeitstechnisch weitergehen.

»Wenn das kein Glück ist! Ofenfrischer Kuchen macht einfach happy«, schwärmte Amy, wenig später in dem bequemen Stuhl auf der Terrasse sitzend und sich ein Stückchen von dem warmen Johannisbeerkuchen mit der kühlen Sahne genussvoll in den Mund schiebend.
»Finde ich auch«, stimmte Oma Lina zu. »Es ist herrlich, bei Sommersonnenschein die Seele baumeln zu lassen. Und in Gesellschaft sowieso.« Sie lächelte und schaute zu Buddy hinüber, der es sich mit einem Leckerchen auf der angrenzenden Obstwiese bequem gemacht hatte.
»Es tut mir echt leid, dass es mit einer Wohnung für mich noch nicht geklappt hat«, schämte sich Amy.
»Das braucht es überhaupt nicht«, winkte Oma Lina beiläufig ab. »Lieber ein bisschen länger warten, dafür eine schöne Wohnung, anstelle einer inakzeptablen Notlösung. Dann würdest du dir auf kurz oder lang wieder was Neues suchen müssen. Und wir beide haben es hier doch ganz angenehm, oder?«
»Oh ja! Ich fühle mich total wohl.«
»Ich denke, Buddy freut sich auch, dass du bei uns bist.«
Der Labrador hob bei der Erwähnung seines Namens aufmerksam den Kopf, widmete sich dann aber wieder ausführlich seinem Leckerchen.
Das Telefon im Haus schellte laut und Oma Lina entschuldigte sich daraufhin für einen Augenblick.

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4. Juni 2021

'Humboldt und der kalte See' von Jana Thiem

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Als der Postbote tot im Straßengraben sitzt, ahnt Humboldt noch nicht, dass die Sache viel verzwickter ist. Denn erst kurz darauf erfährt er, dass die im Vorjahr aus dem Olbersdorfer See geborgene Leiche ein ehemaliger Schulfreund des Postboten war. Und dass die beiden zu einer unzertrennlichen Viererclique in den Achtzigern gehörten. Hat es der Mörder auf dieses Kleeblatt abgesehen? Aber warum verleugnen die beiden verbliebenen Mitglieder die Freundschaft von damals?

Zu allem Übel gefährdet die neue Kollegin, Fallanalytikerin Ziska Engel, die beschauliche Zusammenarbeit in Humboldts Team. Und dann quälen den Hauptkommissar schreckliche Gewissensbisse. Hat er sich doch nach einer gemeinsamen Nacht mit der Journalistin Christin Weißenburg nicht wieder bei ihr gemeldet.

Leseprobe:
Mittwoch, 20. Februar 2019

Als er den mächtigen Felsen sah, musste er unweigerlich an die Theaterschauspielerin denken, die vor etwa zwei Jahren unfreiwillig am Jungfernsprung des Oybin herabgesegelt und später auf seinem Tisch gelandet war. Das war wieder einer der Fälle gewesen, die ihn besonders herausgefordert hatten und bei denen er mit Humboldt Hand in Hand arbeiten musste, um dem Täter das Handwerk zu legen.
Rechtsmediziner Dr. Lorenz Richter bremste den Wagen ab und rollte langsam durch den Ort. Dabei schob er seinen Kopf weit bis an die Frontscheibe heran, um den imposanten Berg näher betrachten zu können. Im Winter sah es hier völlig anders, aber nicht weniger interessant aus. Waren bis eben noch auf dem Gipfel die Ruinen des Klosters und der Burg zu sehen gewesen, erkannte Richter jetzt die bienenkorbähnliche Gestalt des Felsens. Fast hätte er es verpasst, seinem Navi zu folgen und rechts in die Hauptstraße einzubiegen. Kurz darauf kam er an einem der Aufstiege auf den Oybin vorbei, der auch zur kleinen Bergkirche führte, die sich eng an den Felsen schmiegte. Wäre er in Stimmung gewesen, hätte er sicherlich nach seiner Arbeit noch einen kleinen Spaziergang unternommen. Aber im Moment war er einfach zu gespannt, was ihn hier erwarten würde. Und vor allem, ob es wirklich notwendig war, dass er sich von Dresden aus die eineinhalb Stunden auf den Weg gemacht hatte.
Schon von Weitem sah er das Einsatzfahrzeug stehen. Ein Beamter sprach mit einer wild gestikulierenden Person, die in einem blauen BMW saß und anscheinend in die gesperrte Straße einfahren wollte. Ein anderer kam auf ihn zu. Richter ließ die Scheibe herunter und sofort drang die eisige Kälte hinein.
„Hier können Sie gerade nicht durch“, sagte der Beamte und legte grüßend den Zeigefinger einer Hand an seine Dienstmütze. Sein Atem wirbelte weiße Wolken auf.
„Ich denke doch“, sagte Richter. „Dr. Lorenz Richter, Rechtsmediziner. Ich werde erwartet.“ Er zeigte seinen Ausweis.
„Na dann, ab in die Hölle“, antwortete der Beamte schief grinsend. Wieder hob er grüßend die Hand und winkte Richter durch.
Die Gesten des BMW-Fahrers wurden noch wilder, als Richter auch den zweiten Beamten passierte und schräg rechts abbog.
Aus den Augenwinkeln nahm er ein Straßenschild mit der Aufschrift Hölleweg wahr. Daher also der schräge Kommentar des Beamten.
Als die Straße immer schmaler wurde, ließ Richter das Auto an einer Gabelung stehen. Er war sich nicht sicher, ob er am Ende des Weges wenden musste oder doch durchfahren konnte.
Er schnappte sich seine Tasche und wählte den rechten Weg, der noch weiter in den Wald hineinführte. Die kleinen Umgebindehäuser wechselten sich hier mit modernen Holzhäusern ab. Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf, der sich noch lange im Blau des Himmels abzeichnete. Eine zarte Schneedecke schien sich schützend über alles gelegt zu haben und glitzerte in der Sonne. Zu seiner Linken ragte im Hintergrund ein hoher Berg mit einem Turm auf. Das ist alles viel zu idyllisch, um hier jemanden umzubringen, dachte Richter. Mit Sicherheit war der Mann gestürzt und hatte sich dann ausruhen wollen. Solche Szenarien kannte er schon aus vergangenen Jahren. Die meisten der verletzten Opfer waren mit Erfrierungen davongekommen. Aber diesen hier schien es schlimmer erwischt zu haben. Das hatte ihm Kriminalhauptkommissarin Mahler schon am Telefon mitgeteilt.
Als er einen kleinen Felsen umrundet hatte, stand er direkt vor der Kommissarin, die wild auf ihrem Handy herumtippte.
„Frau Mahler, wie schön, Sie mal wieder zu sehen“, sagte Richter ohne wirkliche Freude in der Stimme.
Linde Mahler, Kriminalhauptkommissarin der Polizeiinspektion Görlitz, nickte kurz. Auch ihre Begeisterung über das Wiedersehen schien sich in Grenzen zu halten. „Ja, schön, dass Sie es einrichten konnten!“, sagte sie und zeigte mit dem Kopf Richtung Wald.
Der Mann, den der Rechtsmediziner Dr. Lorenz Richter im Schnee sitzen sah, trug die typische blau-gelbe Jacke eines Zustellers der Deutschen Post. Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass er sich nur ein wenig hatte ausruhen wollen, um sich dann wieder auf den weiteren Weg zu machen. Das gelbe Fahrrad mit den großen Taschen stand ordnungsgemäß auf dem Ständer aufgebockt neben ihm. Nur der Schmutz an seiner Kleidung und die blutverschmierte Wunde an seinem Kopf deuteten darauf hin, dass er nicht nur friedlich eingeschlafen war.
„Können Sie direkt irgendetwas zu unserem Toten sagen? Falls er nur erfroren ist, würde ich mich verabschieden. Ein dringender Fall wartet“, begann Linde Mahler ohne Umschweife.
Richters Miene verschloss sich schlagartig. Er nahm die eckige schwarze Brille vom Kopf und schob sie sich auf die Nase. „Ich muss ihn mir erst anschauen, bevor ich dazu etwas sagen kann. So viel sollten Sie in Ihrer beruflichen Karriere schon mitbekommen haben.“
Linde Mahler zuckte missmutig mit den Schultern und schaute demonstrativ auf die Uhr.
Leise murmelnd beugte sich Richter zu dem Toten hinunter. Er hatte ein Diktiergerät aus der Jacke gezogen und hielt es nahe vor seinen Mund.
„Hämatom im rechten oberen Stirnbereich, könnte von einem Sturz herrühren, da auch die Kleidung verschmutzt ist.“
Er richtete sich auf und sah sich um, entdeckte aber nichts Auffälliges.
„Ist er hier irgendwo gestürzt? Oder gibt es am Fahrrad Spuren, die darauf hindeuten, dass er sich zum Beispiel am Lenker verletzt haben könnte?“, fragte er in Linde Mahlers Richtung, ohne sie dabei direkt anzuschauen.
„Nichts dergleichen. Das haben die Kollegen der KTU natürlich direkt untersucht, nachdem wir den Fundort gesichert hatten.“
Die Ungeduld in ihrer Stimme ließ Richter schmunzeln. Natürlich hatte sie das veranlasst. Schließlich war sie keine Anfängerin.

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3. Juni 2021

'Strandläuferzeit (Die Windsbräute 2)' von Nora Gold

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Sylt. Es ist ein perfekter Sommerabend. Eine junge Frau starrt ausdruckslos auf die Nordsee. Sie bemerkt nicht einmal, dass die heranrollende Flut ihr Brautkleid bereits bis zu den Knöcheln durchnässt hat.

Inken Jasters Leben könnte eigentlich nicht besser sein. Ihr mobiler Pflegedienst läuft gut und die Arbeit mit den Patienten erfüllt sie. Auch in der Liebe hat sie Glück, in einem Monat wird die allein erziehende Mutter Hauke Findeisen, Sylter Chefarzt mit eigener Klinik, heiraten. Wären da nur nicht die Geister der Vergangenheit, die alles daran setzen, dieses Glück gründlich zu erschüttern.

Auch bei den Windsbräuten in Berlin kündigen sich Turbulenzen an: Die Nachfrage nach Neles Mode ist dank Mathildes Werbeaktionen so groß, dass die junge Designerin kaum noch mit der Arbeit hinterher kommt und regelmäßig Nachtschichten einlegen muss. Für noch mehr Stress und Verwirrung sorgt eine Einladung Ihres Vaters nach Sylt, in der er überraschend seine Hochzeit ankündigt. Doch dafür muss er zunächst seine erste Frau für tot erklären lassen. Nele und ihr Bruder Sven beschließen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und reisen gemeinsam mit ihren Freunden Emanuel, Mathilde und Daria an die Nordsee. Mit einer feierlichen Zeremonie wollen sie sich am Strand von Hörnum endgültig von ihrer Mutter verabschieden. Sie ahnen nicht, was sie damit auslösen ...

Diese und alle folgenden Windsbraut-Geschichten enthalten eine in sich abgeschlossene Liebesgeschichte, die im Mittelpunkt des jeweiligen Bandes steht. Darum können die einzelnen Windsbraut-Teile auch unabhängig voneinander gelesen werden. Was die Rahmenhandlung betrifft, so ergibt sich von Teil zu Teil - wie häufig bei Serien - ein chronologischer Handlungsablauf. Wer das bevorzugt, findet hier den 1. Band der Reihe.

Anleser:
Küste vor Hörnum, Sylt
Noch immer hallten die Schreie in meinen Ohren nach. Und das Bersten und Krachen von Holz. Nach dem Fockmast folgte der Großmast. Ein Rahsegel wurde Tom zum Verhängnis. Seit Kindertagen waren wir befreundet gewesen, in diesen Sekunden wurde ich Zeuge seines Sterbens. Wir waren mit unserer Brigg in das schlimmste Unwetter geraten, das ich bislang erlebt hatte. Alles schien sich gegen uns verschworen zu haben. Der Käpt’n hatte uns auf neuen Kurs gebracht, als er sah, dass ein schweres Gewitter aufzog. Doch es hatte nichts genutzt. Nun trieben wir vor der friesischen Küste, unfähig, das Schiff aus dieser Hölle wieder hinauszusteuern. Die Fluten brachen mit solcher Gewalt über uns herein, dass wir nirgendwo auf dem Schiff mehr Schutz vor den Wassermassen fanden. Von dem Sturm, der über unseren Köpfen tobte und an den verbliebenen Segeln riss, ganz zu schweigen. Immer wieder drohten heftige Böen uns über Bord zu schleudern. Verzweifelt versuchten wir uns mit letzter Kraft irgendwo an Deck festzukrallen. Niemand sorgte sich in diesen fürchterlichen Augenblicken um die kostbare Ladung im Rumpf des Schiffes. Jeder dachte nur an das eigene Überleben. Und an die Liebsten daheim. Was sollte aus ihnen werden, wenn der Ehemann und Vater nicht mehr nach Hause zurückkehrte? Wer würde sich um Nahrung und Kleidung für die Kinder kümmern? Blitzen gleich, die immer wieder gespenstisch den pechschwarzen Nachthimmel erhellten, schossen diese Gedanken jedem an Bord durch den Kopf.
Auch ich dachte an daheim. An meine geliebte Natty. Wie sie am Kai gestanden und uns nachgewinkt hatte, als wir den englischen Hafen mit Kurs auf Hamburg verließen. Wunderschön hatte sie ausgesehen und das Herz war mir schwer gewesen, weil ich fort musste von ihr. Die Nacht zuvor hatten wir eng umschlungen verbracht und ich hatte das Leben unseres ungeborenen Kindes gespürt. Immer wieder hatte es gegen Nattys Leib getreten. Als wollte es seinen Eltern zeigen, dass es höchst lebendig war. Und bei jeder Bewegung des kleinen Lebens hatte ich Natty versprochen, bald zurück zu sein. Sie machte sich Sorgen wegen der Jahreszeit. Die Herbststürme seien gefährlich, sagte sie ein ums andere Mal. Und ich beruhigte sie. Schließlich war ich schon oft in schweres Wetter geraten, hatte manchen Sturm überstanden, bei dem sich der Rest der Mannschaft betend an den Masten festgeklammert hatte.
Vielleicht hätte auch ich beten sollen in dieser Nacht des 23. Novembers 1772. Dann wäre ich wahrscheinlich bei den anderen, hätte mit ihnen gehen können. Doch das war mir nicht vergönnt.
Wie sehr wünschte ich mir, jetzt bei Natty zu sein und sie in meine Arme zu schließen. So sehr, dass mir heiße Tränen die Wangen hinabliefen. Sie mischten sich mit dem eiskalten Salzwasser. Ob unser Kind gesund auf die Welt gekommen war? Ich würde es niemals erfahren. Wie der Hüter eines alten Schatzes war ich der vergessene und gefangene Wächter einer längst vergangenen Zeit.

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2. Juni 2021

'Schicksalspfad des Tempelritters - Band 3: Flammende Himmel' von Olivièr Declear

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Im Spätherbst 1290 verzehren lodernde Flammen das Marktviertel von Accon. Unzufriedene Söldner verwüsten die Stadt. Brände bedrohen das Marktviertel. Erst das beherzte Eingreifen der Ritterorden beendet das Massaker unter der Bevölkerung.

Der Tempelritter Gernòd de Loen gerät mit seinen Freunden in Gefangenschaft. Auf einem Sklavenmarkt werden sie an den mächtigen Schriftgelehrten des Sultans, Abu I-Fada, verkauft und nur ihr unbeugsamer Wille, die Stadt Accon vor der erneut drohenden Gefahr zu warnen, lässt sie überleben. Als sie endlich die Mauern von Accon erreichen, bereiten sie sich mit den Bewohnern der Stadt auf den herannahenden Krieg vor.

Lesermeinung: "Ein sehr gelungenes Buch. Der Autor lässt einen an der Gefühlswelt der Menschen jener Zeit, ihrer Lebensweise, Gebräuche, Urteile und Vorurteile teilhaben."

Anleser:
Neugierig spähte Gernòd über die Dächer des Marktviertels der Stadt. Er betrachtete die Rauchsäulen, welche sich dunkel in den klaren Himmel erhoben. Die Glocken der Stadt sandten ihren mahnenden Klang bis zu ihm auf dem äußersten Winkel des Wehrwalls. Eine Gruppe Wachsoldaten eilte über das grobe Steinpflaster der Straße und warf ihm fragende Blicke zu. Gernòds Augen streiften sie, während sich sein linker Arm in Richtung Rauchsäulen erhob. »Im Marktviertel!«, rief er hinunter. Ohne ihn weiter zu beachten, hasteten sie durch die enge Gasse. Der Klang ihrer Schilde auf der schweren Rüstung, der bei jedem ihrer Schritte ertönte, verlor sich mit ihnen hinter der nächsten Wegbiegung. Sorgenvoll richteten sich seine Augen erneut auf die Rauchsäulen.
Das Marktviertel mit seinen zahlreichen Holzverschlägen bot einer Feuersbrunst ein fruchtbares Ziel. Erste Flammen stiegen bereits züngelnd an einem Dach empor, als dienten ihnen die Lehmziegel als Nahrung. Accon, die letzte befestigte Stadt des einstmals mächtigen Kreuzfahrerheeres, war in größter Gefahr. Gernòds Herz schlug heftig in seiner Brust. Nicht durch die Hand der verhassten Sarazenen, sondern durch die Unachtsamkeit eines Händlers, vermutete er, sei dieser Brand entstanden.
Erneut kam ein Trupp Männer in seine Sicht. Schon von weitem erkannte er die weißen und braunen Mäntel seiner Brüder mit dem blutroten Kreuz des Templerordens über den Herzen. Ihr Anführer, Bruder Durmonte, wies mit wenigen, herrischen Armbewegungen drei dienende Brüder auf den Wehrwall hinauf und Gernòd zu sich herab. »Aufruhr im Marktviertel!«, rief er ihm entgegen und eilte mit wehendem Mantel an der Spitze seiner Männer in Richtung des Marktes. Gernòd hastete über den schmalen Stieg des Walls hinunter und eilte seinen Brüdern nach. »Aufruhr«, dachte er. Vermutlich waren es wieder einmal Söldner, denen der hohe Preis der Händler nicht gefiel, oder die keinen weiteren Kredit erhielten.
Gernòd spürte das unebene Pflaster der Straße unter den dünnen Ledersohlen, während er seinem Trupp hinterherhetzte. Einige Türen der Häuser öffneten sich einen Spalt breit, um neugierigen Augenpaaren den Blick auf die lärmenden Brüder zu bieten. Kaum hatte Gernòd seine Kameraden eingeholt, bog der Trupp in einen der Hauptwege ein. Vor ihnen strömten Soldaten der anderen Wachen aus den Seitengassen. Hospitaliter, Deutschritter und Söldnertruppen stürmten auf die Straße. Die Glocken aller Kirchen und Wachen erhoben sich über dem Lärm, drangen von allen Seiten auf die Soldaten ein und mahnten sie zur Eile. Verständigende Blicke trafen sich auf ihrem Weg, ernste Gesichter nickten sich grüßend zu. In jedem Antlitz las man die Spannung auf die vor ihnen liegende Bedrohung.
Ohne den hastigen Schritt aufzugeben, löste Gernòd den Schildgurt und führte seine Faust durch die Armriemen. Mit der freien Hand tastete er sich am Waffengurt entlang, bis er den Kopf seiner Axt spürte. Er schob die Schlaufe über dem Axtkopf mit dem Daumen beiseite und zog die Waffe aus dem Gurt. Mit einer Aufwärtsbewegung ließ er den Griff in seine Hand gleiten. Er war für den Kampf bereit.
Vor ihnen erhob sich das Holztor des Marktviertels. Es stand weit geöffnet und die Wachen wiesen mit ausladenden Bewegungen den Weg. »Die Lombarden und Toskaner!«, scholl es ihnen entgegen. Brandgeruch lag in den engen Gassen und Rauchschwaden minderten die Sicht. Gellende Schreie und Kampfeslärm drang aus den Seitenwegen. Um sie herum lagen die Leichen einheimischer Händler auf dem Weg – zwischen ihnen ihre Frauen und Kinder. Gernòds Weg führte durch breite Blutlachen. Er war gezwungen über umherliegende Körper zu springen. Laut klagende Menschen hockten bei den reglosen Körpern und hoben ihre verzweifelten, tränenüberströmten Gesichter den herbeieilenden Truppen entgegen.

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