22. Dezember 2019

Weihnachtsgruß

Das Buch-Sonar gönnt sich eine Feiertagspause und meldet sich zurück, wenn die Weihnachtsteller leer genascht und die neuen Kalender aufgeblättert sind.

Euch allen ein frohes Fest, erholsame Weihnachtstage und alles Gute für das neue Jahr. Bleibt gesund - und dem Buch-Sonar verbunden.

20. Dezember 2019

'EISIGE HÖLLE - Verschollen in Island' von Álexir Snjórsson

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autoren-Website
»Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.«

Was tust du, wenn während einer Islandreise deine Frau nach einem Streit mit dir spurlos verschwindet? Wenn du feststellst, dass dich der Polizist, der dich unter einem Vorwand festgenommen hat, betäuben will? Nutzt du die Gelegenheit zur Flucht und wendest dich in deiner Verzweiflung an deinen Schwiegervater in Deutschland, auch wenn dieser dich hasst und dir die isländische Polizei inzwischen den brutalen Mord an einer einheimischen Frau zur Last legt?

Oder wird dich das erst recht in den größten Albtraum deines Lebens stürzen …

Leseprobe:
Kapitel 1
Vor fünf Tagen, Rückblende
Mit eingezogenem Kopf kämpfte ich mich durch den knietiefen Schnee. Der Sturm stieß mich hin und her, gleichzeitig schienen sich die Krallen einer unsichtbaren Meute hungriger Raubkatzen in meine Kleidung zu schlagen. Sie zerrten und rissen an mir, als wollten sie mich zu Fall bringen, um mich zu zerfleischen.
Immer wieder sank ich mit einem Bein tiefer ein, als mit dem anderen, sackte seitlich in den Schnee und quälte mich wie ein weidwundes Tier erneut auf die Beine.
Als stünde ich unter Drogeneinfluss, begannen sich in meinem Verstand Einbildung und Realität zu vermischen. Ich hörte Stimmen. Erst weit entfernt, dann dicht neben und hinter mir. Ich blieb stehen, drehte mich im Kreis. Doch da war niemand. »Zeigt euch, ihre feigen Trolle!«, stieß ich heiser hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ein irres Kichern war die Antwort. Ich schüttelte den Kopf, stolperte weiter. Kein Zweifel, ich verlor den Verstand. Außer mir und meiner geflohenen Geisel war niemand in dieser menschenfeindlichen Einöde unterwegs. Der Unterschied war, dass sie sich hier oben zwischen den mächtigen Gletschern auskannte und wusste, wie sie dieser eisigen Hölle entrinnen konnte. Meine Chancen hingegen standen hierfür nahe bei null.
Noch war ich aber nicht bereit, mein drohendes Schicksal zu akzeptieren. Ich stapfte orientierungslos weiter, bis meine vor Kälte tauben Beine plötzlich nachgaben und ich in eine dichte Schneewolke gehüllt, in die Tiefe stürzte.
Ich prallte so hart auf den Rücken, dass es mir den Atem verschlug. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Panik erfasste mich. Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht aufrichten.
Kurz bevor ich zu ersticken glaubte, löste sich die Verkrampfung in meiner Brust. Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug auch ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.
Ich blinzelte in die Schneeflocken, die über den Felsvorsprung wirbelten, von dem ich gestürzt war – und fühlte mich auf einmal entsetzlich müde.
Du darfst nicht liegen bleiben, Cooper, sonst erfrierst du! Ich schloss die Augen, sammelte meine verbliebenen Kräfte. Winselnd wie ein angefahrener Straßenköter wälzte ich mich auf den Bauch. Meine tauben, vor Kälte zitternden Hände krallten sich in den eisigen Untergrund. Unter quälenden Schmerzen stemmte ich meinen Oberkörper in die Höhe, rammte einen Fuß in den Boden und kam schwankend auf die Beine. Du musst weiter, musst in Bewegung bleiben, trieb mich eine innere Stimme wie ein Drill Sergeant an.
Einem Betrunkenen gleich, torkelte ich weiter durch das dichte Schneetreiben. Mit jedem Schritt fühlten sich meine Beine tauber an, bis sie mein Gewicht nicht mehr tragen wollten. Ich stolperte, stürzte erneut in den Schnee. Auf allen vieren kroch ich weiter. Winde dich nicht wie ein Wurm auf dem Boden herum, auf die Beine mit dir! Mit einem Ruck stemmte ich mich hoch, um gleich wieder Gesicht voran in den Schnee zu fallen.
Es hatte keinen Zweck, ich konnte nicht mehr. Mit letzter Kraft rollte ich mich langsam auf den Rücken.
Wie lange würde es wohl dauern, bis mich das weiße Leichentuch zugedeckt hatte? Würde ich so enden, wie die berühmte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit? Wie hieß der Mann noch mal? Ach ja, Ötzi …
Erstaunlich, was für Gedanken einem durch den Kopf gingen, wenn das eigene Leben nur noch am seidenen Faden hing.
Hätte ich an eine höhere Macht geglaubt, dann hätte ich wohl das Bedürfnis verspürt, zu irgendeinem Gott zu beten. Doch zu welchem? Ich war nicht religiös. Und um es zu werden, war es jetzt definitiv zu spät.
Dass dieser trostlose und unwirtliche Ort die Bühne war, auf der ich meinen letzten Auftritt hatte, schmerzte mich erstaunlicherweise nicht. Auch nicht, dass ich nicht wusste, ob oder was nach dem Tod kam. Ich hatte gelebt, ich hatte geliebt und gekämpft. Eins bereute ich jedoch: so kurz vor dem Ziel versagt zu haben.
»Es … tut mir … leid, Cass«, keuchte ich. »Ich hätte mein Leben … für deins … gegeben.«
Angezogen wie von einem schwarzen Loch, schossen meine Gedanken zu dem verhängnisvollen Tag zurück, an dem das Schicksal die Weichen für diese eisige Endstation gestellt hatte …

18. Dezember 2019

'Blinder Hass' von Alex Winter

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Alex Winter
»Ich habe den schwarzen Schatten in seinen Augen gesehen«, flüsterte der Aborigine. Seine Stimme klang angsterfüllt. »Er ist ein Kedic, ein Teufel in Menschengestalt …«

Als der Zürcher Sicherheitsexperte Vince Foster von seinem in Australien lebenden Bruder Bryan die unvollständige Kopie eines alten Tagebuches erhält, ahnt er zunächst nicht, welches düstere Geheimnis dieses birgt.

Vince ist jedoch nicht der Einzige, der sich für das Tagebuch interessiert: Die rote Doktrin, eine weltweit operierende Geheimorganisation, die einen teuflischen Plan verfolgt, der die Welt an den Rand des Abgrundes führen könnte, versucht mit allen Mitteln in den Besitz des Originaltagebuches zu gelangen. Während Vince verzweifelt nach Antworten sucht, gerät er immer tiefer in einen Strudel aus Verschwörungen, Intrigen und Mord.

Auf sich allein gestellt, gejagt von mächtigen Feinden und von der Polizei für einen skrupellosen Mörder gehalten, flieht Vince nach Australien.

Leseprobe:
Vince blickte in das diabolisch lächelnde Gesicht des Mannes. Obwohl er weder besonders groß noch kräftig war, jagte sein Anblick ihm einen kalten Schauder über den Rücken. Es war, als umhüllte ihn die Aura des Todes. Mit vorgehaltener Waffe in der einen Hand und einem großen Aktenkoffer in der anderen, stieg er wie ein böser Dämon die Treppe hinunter. Ein paar Stufen über Vince blieb er stehen.
»Wie ich sehe, sind Sie schon wieder ganz munter«, sagte er. »Das freut mich. Allerdings enttäuscht es mich, dass Sie uns schon wieder verlassen wollen. Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, miteinander zu plaudern.«
»Von Ihrer Art, zu plaudern, habe ich schon gehört«, erwiderte Vince voller Abscheu.
Die Augen seines Gegenübers blitzten auf. »Ich sehe schon, mein Ruf eilt mir voraus.«
»Allerdings. Nur ist es ein äußerst zweifelhafter.«
Der Dämon schob scheinbar nachdenklich die Unterlippe vor, dann lächelte er wieder. »Nun, das kommt darauf an, auf welcher Seite man steht.«
Langsam begann sich Vince’ Verzweiflung in grenzenlose Wut zu verwandeln. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«
»Ich denke, Sie wissen, was ich will.«
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Mein lieber Foster, Sie amüsieren mich. Ich hoffe wirklich, ich kann mich mit Ihnen etwas länger beschäftigen als mit Ihrem Schwiegervater. Und jetzt seien Sie so gut und nehmen Sie die Hände hinter den Kopf, damit wir wieder nach unten gehen können.« Der Dämon befahl Vince, in der Mitte des Kellers stehen zu bleiben und warf einen Blick über die Schulter zu einem seiner Männer. Mit einem Kopfnicken gab er ihm zu verstehen, sich um die Verletzten zu kümmern.
»Ulrich hat einen gebrochenen Arm, aber sonst fehlt ihm wohl nichts. Er kommt schon wieder zu sich.«
»Was ist mit Beutler?«
»Den hat’s böse erwischt. Wir sollten ihn möglichst schnell zu einem Arzt bringen.«
»Nein. Bring ihn rein und leg ihn aufs Bett.«
»Aber er könnte sterben, wenn …«
»Und wenn schon!« Der Dämon trat zur Seite. »Du bist zu weich, Paul. Er hätte eben besser aufpassen müssen. Und nun mach, was ich gesagt habe.« Er wandte sich an Vince. »Und Sie legen sich auf den Metalltisch.«
»Das ist nicht Ihr Ernst.«
Der Dämon hob seine Waffe und schoss. Die Kugel jagte nur Zentimeter neben Vince’ Kopf in die Wand. »Ich scherze nicht! Also los!« Kalt lächelnd beobachtete er, wie Vince seiner Aufforderung nachkam, dann schnallte er seine Hände und Fußgelenke mit den Gummimanschetten am Tisch fest. Er warf einen Seitenblick zu Paul. »Bring Ulrich zu einem Arzt. Erzähl, er sei die Treppe runtergefallen oder sonst was in der Art. Dann kommt ihr so schnell wie möglich zurück. Ich muss heute Nachmittag nochmals weg, um einige Dinge zu erledigen. Morgen früh bin ich zurück. Bis dahin bleibt Foster angeschnallt.«
»Okay. Und was machen wir mit Beutler?«, fragte Paul.
»Ich habe euch gesagt, worum es hier geht. Verzögerungen können wir uns nicht leisten.«
»Dann wär’s wohl besser, die Sache jetzt gleich zu erledigen«, meldete sich nun der Langhaarige zu Wort, der mit den Hunden auf dem Treppenabsatz stehen geblieben war.
Der Dämon lächelte kalt. »Das hatte ich vor …«
Als seine Männer den Keller verlassen hatten, trat er neben Beutler. Einen Augenblick blieb er reglos vor ihm stehen, dann zog er das Kissen unter seinem Kopf hervor. Während er das Kopfkissen mit einer Hand auf Beutlers blutiges Gesicht drückte, fixierte er Vince mit kaltem Blick.
Vince wollte wegschauen, konnte es aber nicht. Fassungslos starrte er auf den erstickenden Mann. Seine Kehle wurde trocken wie Staub und sein Magen verkrampfte sich, bis er das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen.
Beutler wehrte sich nicht. Lediglich seine Füße zuckten zum Schluss ein wenig.
Als es vorbei war, trat der Dämon an den Metalltisch. »Sie sehen blass aus, Foster.«
»Sie skrupelloser Schweinehund!«
»Skrupellos?« Der Dämon schüttelte lächelnd den Kopf. »Dieser Mann war ein Berufsverbrecher. Er wusste, wenn es hart auf hart kommt, kann er keine Sonderbehandlung erwarten. Ihn in ein Krankenhaus zu bringen, wäre gefährlich gewesen. Sein Tod war somit eine Notwendigkeit, für die Sie durch Ihren unnötigen Fluchtversuch allein die Schuld tragen.«
»Aber sicher doch! So, wie für meine Entführung und das Blutbad in Neumanns Haus.«
Das Lächeln des Dämons gefror. »Die Sache mit Wenz und Ihrem Schwiegervater war ein bedauerlicher Fehler meinerseits, wie ich ungern zugebe. Ich habe die beiden unterschätzt. Sie werden sicher besser kooperieren.«
»Und wobei?«
»Bei der Beantwortung einiger offener Fragen. Beginnen wir doch gleich mit den Wichtigsten: Wer hat Ihnen die Kopien von Zieglers Tagebuch gegeben? Und wo befindet sich das Original?«
»Keine Ahnung, wovon Sie reden. Wer ist Ziegler?«
Der Dämon strich sich langsam über die Glatze. »Was Sie da versuchen, ist sinnlos, glauben Sie mir. Es gibt Methoden, Menschen zum Sprechen zu bringen, die würden selbst die Besitzer dieser – wie ich finde – ziemlich geschmacklosen Sexfolterkammer in Staunen versetzen. Sie haben die Wahl.«
»Ich habe es Ihnen doch eben gesagt: Ich weiß nichts!«
»Und was ist das?« Der Dämon zog den Briefumschlag mit den Tagebuchkopien aus der Manteltasche.
Nun verlor Vince die Fassung. Eine nie gekannte Verzweiflung brach über ihn herein, fraß sich in sekundenschnelle wie eine ätzende Säure durch ihn hindurch. »Wo haben Sie das her?«, stieß er mit halb erstickter Stimme hervor.
Das teuflische Lächeln kehrte auf das Gesicht des Dämons zurück. »Ihre Freundin war so nett, mir den Schlüssel zum Schließfach zu überlassen. Übrigens, ein ausnehmend hübsches Mädchen. Was mich angeht, vielleicht eine Spur zu vulgär. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.«
»Was haben Sie mit ihr gemacht?«, rief Vince. Er zerrte an seinen Fesseln. »Wenn Sie ihr auch nur ein Haar gekrümmt haben, bringe ich Sie um!«
Der Dämon warf den Kopf in den Nacken und lachte. Als er wieder auf Vince heruntersah, schienen seine Augen zu glühen. »In Ihrer Lage wirken Drohungen ziemlich lächerlich. Ich schlage vor, Sie beantworten jetzt meine Fragen – bevor ich die Geduld verliere und alles auf äußerst schmerzhafte Weise aus Ihnen heraushole.«
»Fahren Sie zur Hölle!«
»Wie Sie wollen, ich habe Sie gewarnt.« Er zog zwei Lederriemen hervor, die an der Seite des Tisches befestigt waren, und spannte sie quer über den Tisch. Der eine lief über Vince’ Stirn und presste seinen Kopf auf das ungepolsterte Metall, der andere über seine Kehle, sodass er sich nicht mehr bewegen und auch kaum noch atmen konnte.
Aus den Augenwinkeln sah Vince, wie der Dämon seinen Aktenkoffer aufhob und zum Bett ging. Als er zurückkehrte, hielt er eine Mini-Bohrmaschine in der Hand. »Sie müssen wissen«, sagte er, »Verhörmethoden sind mein Steckenpferd. Da gibt es Menschen, die haben eine panische Angst vor Schlangen. Hält man ihnen eine vor das Gesicht, plaudern sie wie ein altes Waschweib. Anderen jagt schon der bloße Anblick einer Waffe einen gewaltigen Schreck ein. Ich persönlich verabscheue solche Leute. Sie haben keinen Mumm in den Knochen. Harte Typen sind mir viel lieber. Man könnte sagen, sie inspirieren mich.« Er fuhr Vince mit der Spitze der Bohrmaschine langsam über die Wange. »Einmal habe ich einem Kerl mit dem Skalpell die Haut abgezogen. Erst den einen Unterarm, dann den anderen. Sie werden es nicht glauben, aber obwohl er entsetzliche Schmerzen erduldete, verriet er mir nicht, was ich wissen wollte. Erst als ich ihm ein Augenlid abschnitt, gab er auf. Es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich die menschliche Spezies in Ausnahmesituationen reagiert.«
»Sie … sind … pervers«, würgte Vince hervor.
»Vielleicht. Für Sie habe ich mir jedenfalls etwas ganz Besonderes ausgedacht ...«

13. Dezember 2019

'Samael Rising' von Nici Hope

Kindle | Taschenbuch
Blutwut-Verlag
Sie begegnen sich im Flur.
Sie begegnen einander im Traum.
Sie begegnen Satan.


Privatermittler Matteo Martin und Gothicgirl Luna Schmidt sind eigentlich nur Nachbarn, aber zwischen den beiden scheint es eine besondere Verbindung zu geben. Während Matteo bei einer Ermittlung zum Spielball wahnsinniger Okkultisten wird, spielt Luna unwissend mit ihren magischen Fähigkeiten und geht zu weit.

Moderner Satanismus, ein ordentlicher Schuss Urban-Fantasy sowie jede Menge Blut und Sex. Abgedreht und doch bloß ein Auftakt ...

Leseprobe:
Luna - Beten
Meine Mutter war streng katholisch, bestand vehement auf ihre Religion und wirkte stets verbittert. Ihr Leben war ein Zyklus aus Beten, Beichten und Biederkeit. Wegen jeder Kleinigkeit schleifte sie mich in die Kirche. Einmal hatte ich draußen beim Spielen mein Kleid zerrissen, sodass man meine Knie und Oberschenkel sehen konnte. Es war so ein toller Sommertag gewesen. Mit den Kindern in der Nachbarschaft war ich auf Bäume und Dächer geklettert. Ein Tag mit Lakritz vom Kiosk und kindlicher Leichtigkeit. Aber als ich nach Hause kam, beschimpfte meine Mutter mich als dreckiges Luder und schleifte mich in die kalte dunkle Kirche zur Beichtbank. Ihre Worte hallten zeternd durch das Kirchenschiff: »Wie eine Hure zeigst du deine Beine. Du solltest dich schämen! Wenn du so weitermachst, holt dich der Teufel in sein Höllenfeuer!« Wie ich sie für ihren Glauben verabscheute.

Es war Anfang der Neunziger und alle Eltern kamen mir hip und cool vor, nur meine Mutter nicht. Sie klammerte sich an die Bibel und an die Kutte des Gemeindepriesters.
Sie würde verrückt werden, wenn sie wüsste, dass ich mir gerade einen neuen Vibrator gekauft habe oder das Zucken meines Beckenbodens genieße, wenn ich meinen heißen Nachbarn sehe.
Als Teenager fing ich an, mich für andere Religionen und Weltanschauungen zu interessieren, weil sich der Glauben meiner Mutter einfach nicht richtig anfühlte. Buddhismus, Hinduismus, Wicca, Esoterik und New-Age-Philosophien. Ich las diverse Bücher über Götter und Pantheons, landete später aber beim Hexentum, bei Kräuterkunde und Energien. Da bin ich bis jetzt hängen geblieben. Ich bin eine Jägerin nach altem Wissen und alten Büchern. Heute ist wieder ein Antik- und Trödelmarkt in der Stadt. Noch zwei S-Bahn-Stationen, dann bin ich da. Zwischen Krimskrams und vergilbten Bücherstapeln suche ich jedes Mal das Gleiche: Informationen über Magie, Heilkunde und Übernatürliches.
Ketzerei und Teufelszeug, würde meine Mutter sagen. Sie hat eine regelrechte Phobie, was diese Themen angeht, so wie ich beim Klang von Kirchenglocken eine gewisse Übelkeit verspüre. Der Klang von Zwang. Damals versteckte ich die Bücher gut, las sie heimlich mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Heute ist das nicht mehr nötig. Zu meiner Mutter habe ich den Kontakt abgebrochen. Sie war einfach zu negativ und zog mich mit ihrem christlichen Geschwafel nur runter. Ich bin mit neunzehn zu meinem damaligen Freund gezogen und habe neben dem Studium viel gejobbt, um auf eigenen Beinen zu stehen. Es hat funktioniert. Ich verdiene mittlerweile ganz gut mit dem Job in der Werbeagentur. Aber um ehrlich zu sein, langweilt mich dieses alltägliche Leben. Es passiert nichts. Jeder Tag ist gleich. Und genau deswegen verliere ich mich gern in Büchern, in Musik und in meinem Kopfkino. Nur dort geht es richtig ab.
An der nächsten Station muss ich aussteigen, also stehe ich auf und stelle mich neben die Tür, greife widerwillig in die Schlaufe über mir, um bei dem Gerüttel der Bahn nicht zu stolpern. Ich finde diese Schlaufen ekelhaft. Und nicht nur die. Natürlich starren mich wieder Leute an. Ich trage eine Mütze, lange offene Haare darunter, knackig kurze Shorts mit Netzstrümpfen, Chucks und einen weiten Mantel mit riesiger Kapuze. Alles in schwarz. Helles Make-up, kohleschwarz umrandete Augen und sündhaft teuren Lippenstift von Lime Crime in einem dunklen Violett. Auch wenn ich mich in keine Schublade stecken will, so sagen die Leute, ich bin ein Gothicgirl. Der Begriff stört mich nicht, aber ich frage mich, wie lange die Bezeichnung ›Girl‹ noch passt? Ich bin neunundzwanzig.
Die Blicke ignoriere ich und schiebe meine Ohrstöpsel so weit wie möglich in den Gehörgang. Auf dem Handy öffne ich eine Musik-App mit meiner Lieblingsplaylist. Die Zufallswiedergabe spielt Magic Dance von David Bowie. Das Lied zum Film Das Labyrinth, auch so etwas, das ich dank meiner fanatischen Mutter heimlich gucken musste. Wie recht Bowie doch mit dem Songtext hat. Mit Tanzen kann man sich heilen und glücklich machen.
Ich meine damit nicht Party, Saufen, Menschen. Ich meine damit, mich allein in einen Underground Club zu begeben und die ganze Nacht durchzutanzen, zu schwitzen wie bei einem Workout. Alles vergessen. Nur Tanzen, um zu tanzen. Für mich. Kein Interesse an sozialen Kontakten und Gesprächen. Betäubung und Trance durch Musik und Bewegung.
Gabrielle Roth, so eine New-Age-Tante, die mit einer Tanzmeditation bekannt geworden ist, sagt, dass Schwitzen eine Opfergabe an dein inneres Selbst sei. Sie bezeichnet Schweiß als heiliges Wasser, als Gebetsperlen, als flüssige Perlen der Befreiung und behauptet, wenn man tanzt, würde man beten. Aber nicht das Beten im Sinne meiner Mutter, sondern beten zu sich selbst, zur Ekstase. Ihre Empfehlung ist so hart, so tief, so erfüllt vom Beat zu tanzen, bis da nichts mehr ist außer eben Schweiß und Hitze. Und genauso halte ich es.

'Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter' von Eva Joachimsen

Kindle (unlimited) | Tolino
Blog Eva Joachimsen
Liebesgeschichten zur Weihnachtszeit

Was gibt es Schöneres als ausgerechnet Weihnachten die große Liebe zu finden? Oder wenigstens davon zu träumen?

„Glühwein und Weihnachtsgans“, „Der Pralinenstand“ und zwölf weitere Kurzgeschichten laden dazu ein, sich die Weihnachtszeit mit Schmökern zu versüßen.

Leseprobe aus "Glühwein und Weihnachtsgans":
Cindy hetzte durch die Stadt. In beiden Händen trug sie volle Plastiktüten. Eine Woche vor Weihnachten und erst jetzt hatte sie Zeit, sich um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Es war zum Verzweifeln. Aber auf der Arbeit gab es so viel zu tun, dass sie jede Menge Überstunden schob. Und wenn sie dann endlich nach Hause ging, war sie viel zu müde, um sich noch durch die Geschäfte zu schieben oder in Ruhe im Internet zu stöbern. Letzten Samstag wollte sie einkaufen, aber nachdem sie ausgeschlafen hatte, stand ihre kleine Schwester vor der Tür.
„Hallo Cindy, ich dachte, du brauchst jemanden, der dich aus deinem Trübsinn reißt.“ Karo war eine spontane Studentin. Ein paar Semester mehr oder weniger regten sie nicht auf. Allerdings musste Cindy ehrlich zugeben, dass Karo ihrer Mutter nicht mehr auf der Tasche lag, sondern sich ihren Unterhalt selbst verdiente. Kein Job war ihr zu schlecht. Weder Babysitter, Kellner, Nachhilfelehrer, Hundesitter noch Verkäufer. Selbst bei der Obsternte hatte sie schon zwischen den Apfelbäumen gestanden. „Lohnt sich überhaupt nicht, davon kann ich ja gerade einmal die Semesterferien überstehen“, meinte sie hinterher.
„Du, ich muss heute unbedingt Weihnachtsgeschenke kaufen“, sagte Cindy und wollte sie schon hinauswerfen.
„Kein Problem. Ich liebe Weihnachtsmärkte.“
Sie hatte nicht übertrieben. Jede Kleinigkeit interessierte sie. Überall blieb sie stehen und spielte mit den ausgestellten Waren. Das Ende vom Lied war, dass Cindy am Abend völlig erledigt war, weil sie von Stand zu Stand geschoben wurden, zwischendurch Glühwein, Krapfen, Bratwurst und gebrannte Mandeln in sich hineingestopft hatten. Dafür hatte sie kein einziges Geschenk besorgt. Schließlich hatte Karo nicht zugelassen, dass sie früh ins Bett gingen, sondern hatte sie auch noch ins Kino und hinterher in die Disko gezerrt.
„Ich bin müde. Ich hatte eine anstrengende Woche.“ Vergeblich. Ihre Argumente hatten ihr nicht geholfen. Gegen ihre kleine Schwester war sie machtlos.
„Wenn ich schon einmal in der Großstadt bin, will ich auch etwas erleben.“ Und weil es in ihrer Universitätsstadt keine großen Kunstausstellungen gab, scheuchte sie Cindy auch noch am Sonntagvormittag aus dem Bett und schleppte sie zu den modernen Malern.
„Du bist überhaupt nicht mehr informiert. Meine Güte, es gibt doch auch ein Leben außerhalb deiner Firma“, klagte sie, während sie von Bild zu Bild schlenderten.
Cindy atmete am Abend auf, als Karo ihren Rucksack packte und wieder verschwand. Sie freute sich fast auf ihr Büro. Trotzdem ging sie die nächsten drei Tage so früh wie möglich ins Bett. Und jetzt hatte sie nur noch sechs Tage Zeit für alles, einschließlich des Gänsebratens, denn Karo und ihre Mutter hatten sich wie gewohnt bei ihr eingeladen. Sie seufzte. Warum fühlte sie sich bloß für die Familie verantwortlich? Sie hatte ihren Vater schließlich nicht mit ständigen Vorwürfen aus dem Haus getrieben. Andererseits hatte sie damals die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Eine viel zu große Verantwortung für eine Sechzehnjährige, aber ihre Mutter war dazu nicht in der Lage gewesen. Und sie hatte auch auf das erhoffte Studium verzichtet, um ihrer Mutter nicht länger zur Last zu fallen.
In Gedanken schob sie sich durch die Menschen, die vor den Weihnachtsbuden standen, ohne auf sie zu achten. Sie wollte in den Fotoladen, der sich ein paar Meter weiter die Straße hinab befand. Überall stieß sie mit ihren breiten Tüten an und kam kaum durch die schmalen Gassen, die die Leute widerwillig bildeten. Sie nahm den rechten Arm vor die Brust und trug jetzt die Taschen vor ihrem Körper, um schmaler zu sein. Plötzlich drehte sich ein Mann um und prallte gegen sie, als sie gerade vorbeiging.
„Aua, können Sie nicht aufpassen?“, fauchte sie. Ihre beige Wolljacke färbte sich dunkelrot vom Glühwein. Entsetzt betrachtete sie ihren Ärmel. Wochenlang hatte sie genau diese Jacke gesucht, und jetzt kippte so ein Depp seinen Wein über das kostbare Stück.
„Oh, entschuldigen Sie, das tut mir leid“, stammelte der Mann. Seine Wangen und seine Nase waren gerötet. Wer weiß, wie viel er schon intus hatte?
„Glühwein sollte man nicht auf der Straße trinken. Hier laufen doch viel zu viele Menschen vorbei.“ Cindy grollte noch immer. Sicher würde der Fleck nicht mehr aus der Jacke gehen. Aber er sollte die Reinigung wenigstens bezahlen.
„Ich komme für den Schaden auf“, sagte der Mann.
„Das will ich auch hoffen. Haben Sie eine Visitenkarte?“, fragte Cindy.
Der Mann griff an seine Brusttasche, doch er trug nur einen Troyer, dann fasste er an seine Gesäßtasche. Aber er zog seine Hand wieder zurück und machte ein bedauerndes Gesicht. „Leider nein, ich bin etwas vorsintflutlich. Haben Sie etwas zum Schreiben?“
Cindy schüttelte ihren Kopf.
„Dann gehen wir am besten in den Laden und ich schreibe es Ihnen auf.“ Er drehte sich weg und verschwand in der Menschenmenge.
Mist, jetzt macht er sich aus dem Staub und ich bleibe auf dem Schaden sitzen, fluchte Cindy. Doch der Mann sprach mit ein paar Bekannten und kam dann wieder auf sie zu.
„Ich musste mich nur noch abmelden, sonst werde ich vermisst“, sagte er und grinste sie kläglich an. „Es tut mir wirklich leid. Ihre schöne Jacke. Sie haben recht, ich werde nie wieder auf der Straße Glühwein trinken.“ Er zog ein großes Stofftaschentuch hervor und rieb heftig auf ihrem Arm herum.
„Aua, wollen Sie mich jetzt auch noch umbringen?“
Erschrocken zog er seine Hand zurück und reichte ihr das Tuch. Hoffentlich war es sauber. Cindy lehnte es ab und zog lieber eine Packung Papiertaschentücher aus der Handtasche.
„Die fusseln doch nur.“ Unbeholfen stand er daneben und sah zu, wie sie den Fleck bearbeitete. „Ich bin haftpflichtversichert“, erklärte er schließlich.
Endlich hörte sie mit dem Reiben auf. Es brachte sowieso nichts. Sie folgte ihm in den Fotoladen. Dort bat er um einen Zettel und einen Stift. Dann schrieb er ihr seinen Namen und die Adresse auf. Er wohnte in ihrem Stadtteil.
„Kann die Reinigung Ihnen die Rechnung schicken?“, fragte Cindy.
„Meinetwegen, aber ich zweifle, dass die eine Rechnung schreiben. Da müssen Sie doch gleich bezahlen. Kann ich Sie nach Hause bringen? Wo wohnen Sie?“
„Ich muss noch ein paar Einkäufe erledigen“, antwortete sie.
„Dabei sind Sie jetzt schon so bepackt.“ Doch nach einem Blick auf ihr Gesicht hielt er den Mund, entschuldigte sich ein weiteres Mal und verabschiedete sich.
Cindy kaufte die kleine Kamera für ihre Mutter und einen Radiowecker für Karo. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hatte sie alles besorgt. Mit einer weiteren Tüte in der Hand lief sie vorsichtig zum Bahnhof. Um jede größere Menschengruppe versuchte sie, einen Bogen zu machen.
Natürlich bekam sie in der S-Bahn keinen Sitzplatz mehr. Ihre Tüten waren ein wirkliches Hindernis. Sie stand im Gang und blockierte alles. Keiner konnte an ihr und ihren Tüten vorbei. Und in das Gepäcknetz passten sie auch nicht mehr, so dick, wie sie waren. Außerdem wäre bei dem Versuch der Inhalt wohl heruntergefallen. Warum gab es auch keine Gepäckabteile in der S-Bahn?
Endlich kam ihre Haltestelle und sie quetschte sich zum Ausgang. Auf der Treppe passierte es dann. Ein Griff riss und der Inhalt rutschte die Treppe zum Bahnsteig hinunter. Sie bückte sich und sammelte die Teile wieder ein. Hoffentlich war alles heil geblieben.

'Tod eines Bierdimpfls: ein Niederbayernkrimi' von Ruth M. Fuchs

Kindle | Taschenbuch
Website Ruth M. Fuchs | Autorenseite im Blog
Das Straubinger Gäubodenfest: Brauchtum, Gaudi, Spaß – und ein Toter mitten im Bierzelt. Hauptkommissar Quirin Kammermeier steht vor einem Rätsel. Wie konnte jemand unter all den anderen Leuten unbemerkt erstochen werden? Und warum ausgerechnet ein harmloser und scheinbar allseits beliebter Rentner?

Doch damit nicht genug! Quirin muss sich auch noch mit einer neuen Kollegin abplagen, die ihn nicht ausstehen kann und daraus kein Hehl macht. Aber liegt das wirklich nur an Quirin? Oder ist es vielleicht doch eher das abscheuliche Problem, das die Neue mit sich herumträgt und unbedingt vor aller Welt verbergen will?

Leseprobe:
Jeden Freitagabend traf sich der Stammtisch. Es waren immer dieselben sieben Männer am selben Tisch: Anderl, Poldi, Franz, Sepp, Hans, Wastl und Georg, genannt Schosl. Sie gehörten weder einem Verein an noch einer bestimmten Berufsgruppe. Gemeinsam hatten sie eigentlich nur ihre Liebe zum Bier und zum gelegentlichen Schafkopfen und die Tatsache, dass sie an den Freitagen nichts Besseres zu tun hatten.
Hin und wieder standen Hans und Sepp auf, um eine rauchen zu gehen. Leider durfte man das im Lokal ja nicht mehr. Ein Umstand, der jedes Mal entsprechend abfällig kommentiert wurde.
„Mit dem Raucherg'setz hat mir die CSU recht as Kraut ausg'schütt“, beschwerte sich der Wastl, als er mal wieder aufstand. Hans erhob sich ebenfalls.
„Richtig. Ich glaube, ich wähle das nächste mal die Grünen“, erklärte er. Eigentlich wählte er ohnehin die Grünen, aber das erwähnte er nie. Zurecht, denn er erntete heftigen Widerspruch bei seinen Stammtischbrüdern.
„Die CSU hat scho mein Vatern g'wählt. Und mein Großvatern!“
„Ja. Was soll ma aa sonst wähl'n?“
„Aber ausg'rechnet der Söder? Hätt'ns da net an andern nehma kenna?“
„Ja, der Söder ...“
„Den hob ich amol kennag'lernt“, verkündete Poldi. „In Nürnberg. Da war er no a junger Hupfer ...“
„Eahm schaug o!“, feixte der Sepp. „Den Söder kennt er aa.“
„War des vor oder nachdem der Keiler dich o'ganga hat?“, witzelte Anderl prompt.
„A geh. Die Wuidsau, des war doch beim Schwammerlbrock‘n im Bayrischen Wald!“, winkte Poldi ab. „Wart amoi, i hob da a Buidl vom Markus ...“ Er kramte seine Brieftasche heraus und öffnete sie. Darin befand sich ein ganzer Stapel von Bildern, die er gewissenhaft durchging.
„Kennt's ihr den: Treffen sich zwoa Jäger – beide tot.“
Verblüfftes Schweigen, dann brüllten alle vor Lachen los. Selbst Franz, der sonst nur höflich lächelte, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sepp, der Witzeerzähler, grinste zufrieden.
„Aber a Hund is' er fei scho, der Söder“, kam er dann wieder auf die Politik zurück. „Apropos: Wisst‘s ihr eigentlich, warum a Hund sich die Eier abschleckt? Weil er‘s ko ...“
„Ein Windhund, sonst nichts!“, winkte Hans aber nur ab, ohne auf Sepps Witz einzugehen. Er folgte Wastl nach draußen, um auch eine zu rauchen.
„Immer noch besser als der Aiwanger.“
„Der Opflsoft? Mit dem konnst mi jag'n! Der soll dahoam bleib'n. So viel Bier konn i gar net trink'n, dass i den ertrag'!“
„Dies Jahr kommt a Europaabgeordneter aus Niederbayern.“
„Net der Aiwanger? Des is recht.“
„So schlecht is der Aiwanger aa wieder net!“
Franz seufzte. Er hielt nicht viel von Politik. Eigentlich hielt er auch von den Stammtischbrüdern nicht allzu viel. Abgesehen von Hans gab es hier nur einen, wegen dem er jeden Freitag kam.
„Schreibst du bald mal wieder ein neues Buch?“, wandte er sich an Georg. „Ich hätte da eine Idee zu einem Mord mit einem Häcksler ...“
„Mein nächster Thriller, der hat noch Zeit“, winkte der Schosl aber nur ab. Das Thema Söder schien ihn viel mehr zu interessieren. „Kommt der Söder dieses Jahr auch wieder zum Anstich?“, fragte er nämlich in die Runde.
„Anstich? Was für ein Anstich?“ Poldi war klar, was Georg meinte, doch er gab sich ahnungslos.
„Oh mei, Schosl, man merkt halt gleich, dass du a Zuagroaster bist!“, erbarmte sich der Anderl und prostete Georg gutmütig zu. „Bist ja erst drei Jahr da. Aber so langsam soll'tst trotzdem scho wiss'n, dass es auf dem Gäubodenfest keinen Anstich net gibt. Mir sind da net auf der Wiesn.“
„Und mir hab‘n auch koan Trachteneinzug wie die Mingerer, sondern an Auszug“, fiel dem Sepp ein.
„Das hab ich auch noch nie verstanden“, gab Georg zu, der immerhin inzwischen wusste, dass mit ‚Mingerer‘ Münchner gemeint waren.
„Na, weil‘s aus der Stadt ausse geht – und nunter auf den Hag‘n!“
„Aber genaugenommen stimmt das doch schon lange nicht mehr ...“
„Des is uns wurscht. Des is Tradition.“
„Oh, ja, na klar.“ Georg wusste aus leidiger Erfahrung, dass es besser war, nichts mehr zu sagen, wenn die Tradition ins Spiel kam. Das berühmte ‚Schuhplatteln‘ war noch keine hundert Jahre alt, aber bereits festgemauerte Tradition. Ein Messer zur Lederhosen zu tragen – Tradition, host mi! Obwohl inzwischen viele in der Tasche für den ‚Hirschfänger‘, die so eine Lederhose meistens aufwies, lieber ihr Handy unterbrachten. Der historische Teil auf dem Gäubodenfest war auch Tradition, obwohl es den eigentlich erst seit ein paar Jahren gab. Das hatte Georg schnell lernen müssen, als er unvorsichtigerweise meinte, dass die Straubinger da wohl die Münchner mit ihrem Oktoberfest nachahmten. Er hatte zwei Runden Bier spendieren müssen, bis ihm die Stammtischbrüder diesen Ausrutscher verziehen.
Denn die Wiesn, also das Oktoberfest in München, wurde von allen sieben mit Verachtung gestraft. Zu groß, zu teuer, zu kommerziell und viel zu viele Ausländer, lautete die einhellige Meinung. Selbst Franz stimmte dem aus vollem Herzen zu. Da war das Straubinger Gäubodenfest schon etwas ganz anderes. Obwohl es das zweitgrößte Volksfest in Bayern war, hatte es dennoch den Ruf der bayerischen Gemütlichkeit behalten. So traf man dort in erster Linie einheimische Besucher auf dem Festplatz Am Hagen. Anfang des 19. Jahrhunderts als landwirtschaftliches Vereinsfest von König Maximilian I. Joseph ins Leben gerufen, standen ursprünglich Zuchtschauen und landwirtschaftliche Anbaumethoden im Vordergrund. Die spielten heutzutage, mit der Ostbayernschau, eher eine Nebenrolle, zumindest für die meisten der Besucher. Die interessierten sich mehr für die sieben Festzelte, die zahlreichen Essens- und Losbuden und die vielen Fahrbetriebe, bei denen vom Kinderkarussell über Achterbahn und Riesenrad bis hin zu den neuesten Fahrgeschäften alles vertreten war. Beliebt waren auch die Lampionfahrt mit Niederfeuerwerk auf der nahen Donau und natürlich das Großfeuerwerk am letzten Montag.
Das Gäubodenvolksfest begann immer am Freitag vor dem zweiten Samstag im August und dauerte elf Tage. Morgen sollte es nun mal wieder soweit sein – ein Pflichttermin für die Stammtischbrüder.
Da kamen Wastl und Hans wieder zurück und setzten sich auf ihre Stammplätze.
„Kennt's ihr den von dem Madl, das zum Tätowierer geht und möcht, dass er ihr eine Muschel innen auf den Oberschenkel tätowiert ...“, begann Sepp einen neuen Witz, wurde aber unterbrochen.

12. Dezember 2019

'EISIGE HÖLLE - Verschollen in Island' von Álexir Snjórsson

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autoren-Website
»Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.«

Was tust du, wenn während einer Islandreise deine Frau nach einem Streit mit dir spurlos verschwindet? Wenn du feststellst, dass dich der Polizist, der dich unter einem Vorwand festgenommen hat, betäuben will? Nutzt du die Gelegenheit zur Flucht und wendest dich in deiner Verzweiflung an deinen Schwiegervater in Deutschland, auch wenn dieser dich hasst und dir die isländische Polizei inzwischen den brutalen Mord an einer einheimischen Frau zur Last legt?

Oder wird dich das erst recht in den größten Albtraum deines Lebens stürzen …

Leseprobe:
Kapitel 1
Vor fünf Tagen, Rückblende
Mit eingezogenem Kopf kämpfte ich mich durch den knietiefen Schnee. Der Sturm stieß mich hin und her, gleichzeitig schienen sich die Krallen einer unsichtbaren Meute hungriger Raubkatzen in meine Kleidung zu schlagen. Sie zerrten und rissen an mir, als wollten sie mich zu Fall bringen, um mich zu zerfleischen.
Immer wieder sank ich mit einem Bein tiefer ein, als mit dem anderen, sackte seitlich in den Schnee und quälte mich wie ein weidwundes Tier erneut auf die Beine.
Als stünde ich unter Drogeneinfluss, begannen sich in meinem Verstand Einbildung und Realität zu vermischen. Ich hörte Stimmen. Erst weit entfernt, dann dicht neben und hinter mir. Ich blieb stehen, drehte mich im Kreis. Doch da war niemand. »Zeigt euch, ihre feigen Trolle!«, stieß ich heiser hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ein irres Kichern war die Antwort. Ich schüttelte den Kopf, stolperte weiter. Kein Zweifel, ich verlor den Verstand. Außer mir und meiner geflohenen Geisel war niemand in dieser menschenfeindlichen Einöde unterwegs. Der Unterschied war, dass sie sich hier oben zwischen den mächtigen Gletschern auskannte und wusste, wie sie dieser eisigen Hölle entrinnen konnte. Meine Chancen hingegen standen hierfür nahe bei null.
Noch war ich aber nicht bereit, mein drohendes Schicksal zu akzeptieren. Ich stapfte orientierungslos weiter, bis meine vor Kälte tauben Beine plötzlich nachgaben und ich in eine dichte Schneewolke gehüllt, in die Tiefe stürzte.
Ich prallte so hart auf den Rücken, dass es mir den Atem verschlug. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Panik erfasste mich. Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht aufrichten.
Kurz bevor ich zu ersticken glaubte, löste sich die Verkrampfung in meiner Brust. Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug auch ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.
Ich blinzelte in die Schneeflocken, die über den Felsvorsprung wirbelten, von dem ich gestürzt war – und fühlte mich auf einmal entsetzlich müde.
Du darfst nicht liegen bleiben, Cooper, sonst erfrierst du! Ich schloss die Augen, sammelte meine verbliebenen Kräfte. Winselnd wie ein angefahrener Straßenköter wälzte ich mich auf den Bauch. Meine tauben, vor Kälte zitternden Hände krallten sich in den eisigen Untergrund. Unter quälenden Schmerzen stemmte ich meinen Oberkörper in die Höhe, rammte einen Fuß in den Boden und kam schwankend auf die Beine. Du musst weiter, musst in Bewegung bleiben, trieb mich eine innere Stimme wie ein Drill Sergeant an.
Einem Betrunkenen gleich, torkelte ich weiter durch das dichte Schneetreiben. Mit jedem Schritt fühlten sich meine Beine tauber an, bis sie mein Gewicht nicht mehr tragen wollten. Ich stolperte, stürzte erneut in den Schnee. Auf allen vieren kroch ich weiter. Winde dich nicht wie ein Wurm auf dem Boden herum, auf die Beine mit dir! Mit einem Ruck stemmte ich mich hoch, um gleich wieder Gesicht voran in den Schnee zu fallen.
Es hatte keinen Zweck, ich konnte nicht mehr. Mit letzter Kraft rollte ich mich langsam auf den Rücken.
Wie lange würde es wohl dauern, bis mich das weiße Leichentuch zugedeckt hatte? Würde ich so enden, wie die berühmte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit? Wie hieß der Mann noch mal? Ach ja, Ötzi …
Erstaunlich, was für Gedanken einem durch den Kopf gingen, wenn das eigene Leben nur noch am seidenen Faden hing.
Hätte ich an eine höhere Macht geglaubt, dann hätte ich wohl das Bedürfnis verspürt, zu irgendeinem Gott zu beten. Doch zu welchem? Ich war nicht religiös. Und um es zu werden, war es jetzt definitiv zu spät.
Dass dieser trostlose und unwirtliche Ort die Bühne war, auf der ich meinen letzten Auftritt hatte, schmerzte mich erstaunlicherweise nicht. Auch nicht, dass ich nicht wusste, ob oder was nach dem Tod kam. Ich hatte gelebt, ich hatte geliebt und gekämpft. Eins bereute ich jedoch: so kurz vor dem Ziel versagt zu haben.
»Es … tut mir … leid, Cass«, keuchte ich. »Ich hätte mein Leben … für deins … gegeben.«
Angezogen wie von einem schwarzen Loch, schossen meine Gedanken zu dem verhängnisvollen Tag zurück, an dem das Schicksal die Weichen für diese eisige Endstation gestellt hatte …

'Mord & Nougat Crisp: Paula Anders' dritter Fall' von Klaudia Zotzmann-Koch

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Klaudia Zotzmann-Koch | Autorenseite im Blog
Im Museum soll es mehr Mumien geben. Paula Anders und ihre Nichte kreieren Schokoladen-Sarkophage für den Museumsshop. Bei der Anlieferung neuer Mumien für eine Sonderausstellung ereignen sich mysteriöse Todesfälle.

Doch statt eines Pharaonenfluchs sind tödliche Substanzen im Spiel, die ihren Weg ins beschauliche Hildesheim gefunden haben. Kriminalhauptkommissar Volker Müller gerät unter Zeitdruck, als sein Kollege mit den Substanzen in Berührung kommt.

Leseprobe:
»Und hepp!« Der Speditionsmitarbeiter in der weißen Arbeitshose wuchtete ein enormes Paket auf eine überdimensionale Sackkarre und Uwe Harms gab sich alle Mühe, die unhandliche Lieferung zu sichern. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte war, dass eines der Pakete Schaden nahm. Jedes einzelne davon war mehrere Millionen Euro wert. Wie beinahe jedes Mal. Der melierte Schnurrbart zuckte, als der Mann von der Spedition die Sackkarre ruckartig in Bewegung setzte. Die kleine Schwelle des breiten Liefereingangs verursachte ein beunruhigendes Scheppern im Innern des Pakets und Uwes Schnurrbart kräuselte sich gemeinsam mit seiner Oberlippe. Welcher Depp hatte bloß die Verpackung gemacht? Im Kopf ging er die Listen durch und kalkulierte, was wohl in diesem speziellen Paket sein mochte. Aber es war schwer zu sagen, sie waren alle in etwa gleich groß – es konnte jedes einzelne der bestellten Objekte sein. Uwe drückte auf den Knopf des Lastenaufzugs, während der Spediteur das nächste Paket auf die Sackkarre lehnte. Das Paket war nicht ganz bis nach hinten geschoben worden und schwankte bedenklich, als die Karre angekippt wurde. Uwe wurde schlecht. Er lief die wenigen Schritte zum geparkten Lkw und hielt schützend beide Hände gegen das obere Ende der Kiste. Er würde das nächste Mal darauf bestehen, dass sie ihm keinen Anfänger schickten. Ein Missgeschick konnte sich hier niemand leisten. Natürlich war die Spedition versichert, aber der lästige Papierkram …

Schließlich wuchteten sie das fünfte und schwerste Paket auf die Sackkarre, balancierten alles über die kleine Schwelle nach drinnen und schoben alle Kisten, die jeweils auf den kurzen Enden standen, mit kurzem Schwung über die nächste Schwelle in den Lastenaufzug. Für einen von beiden war noch Platz in der Kabine und der Spediteur blieb im Innern stehen, während Uwe in der Hälfte der Zeit den Weg über die Treppe nahm. Unten musste er auf den Aufzug warten. Sein Schnurrbart zuckte ungeduldig.

Endlich öffneten sich die Türen und Uwe sackte der Magen ein gutes Stockwerk tiefer.
»Was zur Hölle …«
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das Chaos, das sich im Lastenaufzug vor ihm präsentierte. Eine der Holzkisten stand noch, alle anderen waren umgekippt, zwei obendrein aufgebrochen und Füllmaterial quoll auf den grauen Linoleumboden. Der Spediteur lag zuunterst unter den schweren Kisten, Blut lief ihm über eine Seite des Gesichts, mischte sich in den Staub des Verpackungsmaterials.
»Scheiße.« Uwes Schnurrbart sprang auf und ab, als er die knappen Informationen ins Funkgerät rief:
»Hol’ einen Krankenwagen!«

Der Schnurrbart hüpfte, als Uwe fassungslos auf den Boden schaute. Wie lang war der Aufzug gefahren? Ein Stockwerk nur. Dreißig Sekunden? Fünfundvierzig? Er fuhr langsam, aber nicht langsam genug, um das hier zu erklären. Der Spediteur lag unter zwei der Kisten und alles sah aus, als hätte hier drinnen ein Kampf stattgefunden. Aber wie …? Und mit wem? Uwe war kurz davor, an den ‚Fluch des Pharao’ zu glauben – die Kisten sollten fünf neue Exponate für die Mumien-Ausstellung enthalten. Holzwolle sah er aus den aufgeplatzten Kisten quellen und etwas Sägemehl. Als Uwe merkte, dass er seinen Atem anhielt, atmete er aus und zweimal tief ein. Er stand da wie angewurzelt – aber er musste dem Mann doch helfen! Er schüttelte seinen Kopf, wie um sich aus einem tiefen Traum zu befreien. Dann beugte er sich hinunter und machte sich an den Kisten zu schaffen. Sie waren verdammt schwer. Wie war der Mann bloß darunter geraten? Er zerrte und schaffte es, eine der Kisten von dem Mann herunterzuwuchten. Sie knallte hart auf den Boden des Lastenaufzugs und eine Wolke von ausgerieseltem Sägemehl erhob sich. Die zweite Kiste lag quer über dem Brustkorb des Mannes und jetzt, da die obere Kiste entfernt war, sah Uwe, wie sich das weiße Polohemd des Mannes rot verfärbte.
»Scheiße«, fluchte Uwe und der Schnurrbart hüpfte unwillig auf und ab.
Wieder ging er in die Hocke, um die Kiste mit der Kraft seiner Beine hochzustemmen. Auch sie war schwer, aber zum Glück ein wenig leichter als die vorige und er schaffte es beim ersten Versuch. Sie schwankte bedenklich, als er sie auf das kurze Ende stellte. Aber endlich hatte er den Mann befreit. Aus einem Loch in seinem Polohemd ragte eine blutige Rippe hervor. Uwe schluckte und wandte den Kopf ab.

Er wartete einige Atemzüge, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er weitermachen konnte. Er ging wieder in die Hocke, stützte sich mit einer Hand auf dem Boden ab und tastete mit zwei Fingern der anderen nach der Halsschlagader. Seine Hand zuckte zurück – er spürte keinen Puls.
»Scheiße!«, fluchte Uwe erneut.
Benommen ließ er die Knie den kurzen Weg zum Boden des Aufzugs sinken. Wo blieb denn der Krankenwagen? Konnte der überhaupt noch helfen?
Er stockte. Ja, er erinnerte sich genau, über das Funkgerät einen Krankenwagen angefordert zu haben. Aber hatte Erika geantwortet? Er dachte kurz nach. Nein, die ältere Dame am Empfang hatte seinen Funkruf nicht erwidert. Oder doch? Nein. … Oder? Verwirrt schaute Uwe sich um, starrte an die Decke des Aufzugs und die üblicherweise rechtwinkligen Streben tanzten vor seinen Augen. Er atmete tief ein, versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Die Welt drehte sich um ihn, er bekam keine Luft. Er wollte aufstehen und hinaus an die frische Luft. Er musste hier raus. Sofort. Die Wände schienen näherzukommen und seine Kehle war wie zugeschnürt. Er rappelte sich in den Kniestand, stützte sich mit dem Ellenbogen an die Aufzugtür und rieb sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Das Sägemehl, das an seiner Handfläche geklebt hatte, brannte in seinem Auge und es begann, auf der Stelle zu tränen. Er brauchte seine gesamte Kraft, um sich an der glatten Tür hochzuziehen. Doch er schwankte, trat gegen den leblosen Körper und kippte seitlich gegen die mühsam aufgerichtete Box, die mit ohrenbetäubendem Krachen wieder der Schwerkraft erlag. Der Dominoeffekt tat das Seine dazu und Uwe wurde von der benachbarten Kiste umgerissen. Er fiel auf den Spediteur, merkte, wie dessen hervorstehende Rippe seine eigene Haut ankratzte und einen Wimpernschlag später, wie die niederrasende Kiste seinen linken Arm traf. Das Knacken seiner Knochen hörte sich gar nicht gut an, doch er bemerkte es nur am Rande. Uwe musste würgen und er bekam immer weniger Luft. Er verfiel in Schnappatmung. Die rechte Hand suchte zuckend nach dem Funkgerät.
‚Krankenwagen …‘, dachte er, als farbenfrohe Flecken sein Blickfeld erfüllten. Und dann war alles ruhig.

11. Dezember 2019

'Blinder Hass' von Alex Winter

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Alex Winter
»Ich habe den schwarzen Schatten in seinen Augen gesehen«, flüsterte der Aborigine. Seine Stimme klang angsterfüllt. »Er ist ein Kedic, ein Teufel in Menschengestalt …«

Als der Zürcher Sicherheitsexperte Vince Foster von seinem in Australien lebenden Bruder Bryan die unvollständige Kopie eines alten Tagebuches erhält, ahnt er zunächst nicht, welches düstere Geheimnis dieses birgt.

Vince ist jedoch nicht der Einzige, der sich für das Tagebuch interessiert: Die rote Doktrin, eine weltweit operierende Geheimorganisation, die einen teuflischen Plan verfolgt, der die Welt an den Rand des Abgrundes führen könnte, versucht mit allen Mitteln in den Besitz des Originaltagebuches zu gelangen. Während Vince verzweifelt nach Antworten sucht, gerät er immer tiefer in einen Strudel aus Verschwörungen, Intrigen und Mord.

Auf sich allein gestellt, gejagt von mächtigen Feinden und von der Polizei für einen skrupellosen Mörder gehalten, flieht Vince nach Australien.

Leseprobe:
Vince blickte in das diabolisch lächelnde Gesicht des Mannes. Obwohl er weder besonders groß noch kräftig war, jagte sein Anblick ihm einen kalten Schauder über den Rücken. Es war, als umhüllte ihn die Aura des Todes. Mit vorgehaltener Waffe in der einen Hand und einem großen Aktenkoffer in der anderen, stieg er wie ein böser Dämon die Treppe hinunter. Ein paar Stufen über Vince blieb er stehen.
»Wie ich sehe, sind Sie schon wieder ganz munter«, sagte er. »Das freut mich. Allerdings enttäuscht es mich, dass Sie uns schon wieder verlassen wollen. Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, miteinander zu plaudern.«
»Von Ihrer Art, zu plaudern, habe ich schon gehört«, erwiderte Vince voller Abscheu.
Die Augen seines Gegenübers blitzten auf. »Ich sehe schon, mein Ruf eilt mir voraus.«
»Allerdings. Nur ist es ein äußerst zweifelhafter.«
Der Dämon schob scheinbar nachdenklich die Unterlippe vor, dann lächelte er wieder. »Nun, das kommt darauf an, auf welcher Seite man steht.«
Langsam begann sich Vince’ Verzweiflung in grenzenlose Wut zu verwandeln. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«
»Ich denke, Sie wissen, was ich will.«
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Mein lieber Foster, Sie amüsieren mich. Ich hoffe wirklich, ich kann mich mit Ihnen etwas länger beschäftigen als mit Ihrem Schwiegervater. Und jetzt seien Sie so gut und nehmen Sie die Hände hinter den Kopf, damit wir wieder nach unten gehen können.« Der Dämon befahl Vince, in der Mitte des Kellers stehen zu bleiben und warf einen Blick über die Schulter zu einem seiner Männer. Mit einem Kopfnicken gab er ihm zu verstehen, sich um die Verletzten zu kümmern.
»Ulrich hat einen gebrochenen Arm, aber sonst fehlt ihm wohl nichts. Er kommt schon wieder zu sich.«
»Was ist mit Beutler?«
»Den hat’s böse erwischt. Wir sollten ihn möglichst schnell zu einem Arzt bringen.«
»Nein. Bring ihn rein und leg ihn aufs Bett.«
»Aber er könnte sterben, wenn …«
»Und wenn schon!« Der Dämon trat zur Seite. »Du bist zu weich, Paul. Er hätte eben besser aufpassen müssen. Und nun mach, was ich gesagt habe.« Er wandte sich an Vince. »Und Sie legen sich auf den Metalltisch.«
»Das ist nicht Ihr Ernst.«
Der Dämon hob seine Waffe und schoss. Die Kugel jagte nur Zentimeter neben Vince’ Kopf in die Wand. »Ich scherze nicht! Also los!« Kalt lächelnd beobachtete er, wie Vince seiner Aufforderung nachkam, dann schnallte er seine Hände und Fußgelenke mit den Gummimanschetten am Tisch fest. Er warf einen Seitenblick zu Paul. »Bring Ulrich zu einem Arzt. Erzähl, er sei die Treppe runtergefallen oder sonst was in der Art. Dann kommt ihr so schnell wie möglich zurück. Ich muss heute Nachmittag nochmals weg, um einige Dinge zu erledigen. Morgen früh bin ich zurück. Bis dahin bleibt Foster angeschnallt.«
»Okay. Und was machen wir mit Beutler?«, fragte Paul.
»Ich habe euch gesagt, worum es hier geht. Verzögerungen können wir uns nicht leisten.«
»Dann wär’s wohl besser, die Sache jetzt gleich zu erledigen«, meldete sich nun der Langhaarige zu Wort, der mit den Hunden auf dem Treppenabsatz stehen geblieben war.
Der Dämon lächelte kalt. »Das hatte ich vor …«
Als seine Männer den Keller verlassen hatten, trat er neben Beutler. Einen Augenblick blieb er reglos vor ihm stehen, dann zog er das Kissen unter seinem Kopf hervor. Während er das Kopfkissen mit einer Hand auf Beutlers blutiges Gesicht drückte, fixierte er Vince mit kaltem Blick.
Vince wollte wegschauen, konnte es aber nicht. Fassungslos starrte er auf den erstickenden Mann. Seine Kehle wurde trocken wie Staub und sein Magen verkrampfte sich, bis er das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen.
Beutler wehrte sich nicht. Lediglich seine Füße zuckten zum Schluss ein wenig.
Als es vorbei war, trat der Dämon an den Metalltisch. »Sie sehen blass aus, Foster.«
»Sie skrupelloser Schweinehund!«
»Skrupellos?« Der Dämon schüttelte lächelnd den Kopf. »Dieser Mann war ein Berufsverbrecher. Er wusste, wenn es hart auf hart kommt, kann er keine Sonderbehandlung erwarten. Ihn in ein Krankenhaus zu bringen, wäre gefährlich gewesen. Sein Tod war somit eine Notwendigkeit, für die Sie durch Ihren unnötigen Fluchtversuch allein die Schuld tragen.«
»Aber sicher doch! So, wie für meine Entführung und das Blutbad in Neumanns Haus.«
Das Lächeln des Dämons gefror. »Die Sache mit Wenz und Ihrem Schwiegervater war ein bedauerlicher Fehler meinerseits, wie ich ungern zugebe. Ich habe die beiden unterschätzt. Sie werden sicher besser kooperieren.«
»Und wobei?«
»Bei der Beantwortung einiger offener Fragen. Beginnen wir doch gleich mit den Wichtigsten: Wer hat Ihnen die Kopien von Zieglers Tagebuch gegeben? Und wo befindet sich das Original?«
»Keine Ahnung, wovon Sie reden. Wer ist Ziegler?«
Der Dämon strich sich langsam über die Glatze. »Was Sie da versuchen, ist sinnlos, glauben Sie mir. Es gibt Methoden, Menschen zum Sprechen zu bringen, die würden selbst die Besitzer dieser – wie ich finde – ziemlich geschmacklosen Sexfolterkammer in Staunen versetzen. Sie haben die Wahl.«
»Ich habe es Ihnen doch eben gesagt: Ich weiß nichts!«
»Und was ist das?« Der Dämon zog den Briefumschlag mit den Tagebuchkopien aus der Manteltasche.
Nun verlor Vince die Fassung. Eine nie gekannte Verzweiflung brach über ihn herein, fraß sich in sekundenschnelle wie eine ätzende Säure durch ihn hindurch. »Wo haben Sie das her?«, stieß er mit halb erstickter Stimme hervor.
Das teuflische Lächeln kehrte auf das Gesicht des Dämons zurück. »Ihre Freundin war so nett, mir den Schlüssel zum Schließfach zu überlassen. Übrigens, ein ausnehmend hübsches Mädchen. Was mich angeht, vielleicht eine Spur zu vulgär. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.«
»Was haben Sie mit ihr gemacht?«, rief Vince. Er zerrte an seinen Fesseln. »Wenn Sie ihr auch nur ein Haar gekrümmt haben, bringe ich Sie um!«
Der Dämon warf den Kopf in den Nacken und lachte. Als er wieder auf Vince heruntersah, schienen seine Augen zu glühen. »In Ihrer Lage wirken Drohungen ziemlich lächerlich. Ich schlage vor, Sie beantworten jetzt meine Fragen – bevor ich die Geduld verliere und alles auf äußerst schmerzhafte Weise aus Ihnen heraushole.«
»Fahren Sie zur Hölle!«
»Wie Sie wollen, ich habe Sie gewarnt.« Er zog zwei Lederriemen hervor, die an der Seite des Tisches befestigt waren, und spannte sie quer über den Tisch. Der eine lief über Vince’ Stirn und presste seinen Kopf auf das ungepolsterte Metall, der andere über seine Kehle, sodass er sich nicht mehr bewegen und auch kaum noch atmen konnte.
Aus den Augenwinkeln sah Vince, wie der Dämon seinen Aktenkoffer aufhob und zum Bett ging. Als er zurückkehrte, hielt er eine Mini-Bohrmaschine in der Hand. »Sie müssen wissen«, sagte er, »Verhörmethoden sind mein Steckenpferd. Da gibt es Menschen, die haben eine panische Angst vor Schlangen. Hält man ihnen eine vor das Gesicht, plaudern sie wie ein altes Waschweib. Anderen jagt schon der bloße Anblick einer Waffe einen gewaltigen Schreck ein. Ich persönlich verabscheue solche Leute. Sie haben keinen Mumm in den Knochen. Harte Typen sind mir viel lieber. Man könnte sagen, sie inspirieren mich.« Er fuhr Vince mit der Spitze der Bohrmaschine langsam über die Wange. »Einmal habe ich einem Kerl mit dem Skalpell die Haut abgezogen. Erst den einen Unterarm, dann den anderen. Sie werden es nicht glauben, aber obwohl er entsetzliche Schmerzen erduldete, verriet er mir nicht, was ich wissen wollte. Erst als ich ihm ein Augenlid abschnitt, gab er auf. Es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich die menschliche Spezies in Ausnahmesituationen reagiert.«
»Sie … sind … pervers«, würgte Vince hervor.
»Vielleicht. Für Sie habe ich mir jedenfalls etwas ganz Besonderes ausgedacht ...«

10. Dezember 2019

'Knisterndes Feuer' von Sabine Buxbaum

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Als Jana eine neue Stelle als Immobilienmaklerin annimmt, ahnt sie nicht, dass bald eine alte Liebe und die Schrecken der Hexenverfolgung sie beschäftigen werden. Es beginnt mit dem Fund eines Gemäldes aus dem 17. Jahrhundert auf dem Dachboden eines Fachwerkhauses, das sie verkaufen soll. Darauf ist eine junge Frau zu sehen, die ihr ähnelt wie eine Zwillingsschwester.

Nach diesem Fund gerät ihr Leben aus den Fugen. Sie kann das Fachwerkhaus nicht verkaufen, verstrickt sich aus Angst vor einem Jobverlust in Lügen und rutscht schließlich unerwartet in eine Liebesbeziehung mit ihrem Chef, den sie eigentlich nicht mag. Sie spürt, dass all das auch etwas mit der Frau auf dem Gemälde zu tun hat, und lässt sich schließlich widerstrebend auf Rückführungen ein. Eigentlich glaubt sie nicht an „solche Sachen“.

Damit beginnt das Abenteuer ihres Lebens und einfach alles scheint schiefzugehen, sie droht Job und Liebe zu verlieren. Als sie sich dann noch in einem vergangenen Leben fast schon auf dem Scheiterhaufen wähnt, kommt es zu einer schicksalshaften Wendung ...

Leseprobe:
Kapitel 1
Jana stand auf dem Gehweg und wartete auf ihren Kunden. Es war ein sonniger, aber kühler Sommertag in Blankenheim. Sie ließ den Blick über die Villen auf beiden Seiten der Straße wandern. Alle wirkten gepflegt und teuer. Schnell überprüfte sie noch einmal ihre Kleidung. Sie zupfte den roten Rock zurecht, der ihr in letzter Zeit etwas zu eng geworden war. Ihr Chef Markus Oberreiter hatte ihr schon im Vorstellungsgespräch deutlich gemacht, dass er auf ein ausgezeichnetes äußeres Erscheinungsbild und höfliche Umgangsformen Wert lege. Das alles schien ihm wesentlich wichtiger als ihre Kompetenzen.
Sich als Maklerin zu bewerben, war für Jana nur eine Notlösung, nachdem sie sich vergeblich bemüht hatte, als Innenarchitektin in Köln Fuß zu fassen. Für eine Selbstständigkeit fehlten ihr sowohl der Mut als auch die finanziellen Mittel. In München hatte sie eine gut bezahlte Anstellung, die sie ungern aufgegeben hatte. Nachdem ihr Vater verstarb, hatte Jana gehofft, ihre Mutter würde zu ihr nach München ziehen. Doch sie weigerte sich, da sie Janas Großmutter nicht zurücklassen wollte, die in Köln in einem Altersheim untergebracht war. Anfangs pendelte Jana an den freien Wochenenden zwischen München und Köln, aber als ihre Mutter einen Herzinfarkt erlitt, beschloss sie endgültig, in ihre Heimat zurückzukehren. Nach zwei Monaten vergeblicher Jobsuche entschied sie dann, sich auf eine Maklerstelle zu bewerben. Immerhin kannte sie sich mit Häusern und Wohnungen und im Umgang mit Kunden aus. Sie bekam den Job und es war von Anfang an klar, dass es sich um eine zeitlich befristete Stelle handelte. Jana war als kurzfristiger Ersatz für einen Kollegen eingestellt worden, der nach einem Unfall länger im Krankenstand sein würde.
Markus Oberreiter leitete das Maklerbüro seit der Pensionierung seines Vaters und baute es weiter aus. Dabei war einer seiner Schwerpunkte die Vermittlung besonders teurer und luxuriöser Immobilien. Dementsprechend anspruchsvoll waren die Klienten und eine Innenarchitektin war für ihn eine interessante Jobwerberin. Das Grundgehalt war niedrig, aber jede Vermittlung ging mit einer saftigen Provision einher. Mit Fleiß konnte sie also ihr Gehalt deutlich aufbessern.
Jana hatte vom ersten Tag an das Gefühl, dass Markus Oberreiter sie nicht sonderlich leiden konnte. Er gab sich ihr gegenüber verhalten und kühl. Bei jeder Besprechung blieb er sachlich und konzentrierte sich auf das anstehende Projekt. Er stellte nie Fragen über ihr Privatleben oder erkundigte sich nach ihrem Befinden. Seltsamerweise verhielt er sich nicht bei Janas Kollegen so. Sie führte es darauf zurück, dass Peter und Michael schon einige Jahre für ihren Chef arbeiteten.
Bislang hatte Jana nur zwei Wohnungen vermittelt. Trotz großer Bemühungen war sie noch nicht so richtig in die Arbeit reingekommen. Nun hatte man ihr eine sehr teure Immobilie anvertraut. In Blankenheim gab es ein altes Fachwerkhaus zu verkaufen. Scheinbar hatte ein junger Mann das Haus geerbt, aber kein Bedürfnis, es zu bewohnen. Er fand das alte Gemäuer nicht mehr zeitgemäß und hatte keine Lust, die notwendigen Renovierungsarbeiten zu finanzieren.
Jana wandte sich dem Haus zu, das sie verkaufen sollte. Sie bewunderte den Skelettbau aus Holz, der es über die Zeit hinweg gegen alle Stürme stabil gehalten hatte. An manchen Stellen fehlte der Putz und sie bemerkte, dass die Zwischenräume mit einem lehmverputzten Holzgeflecht ausgefüllt waren.
Da ihr Kunde noch immer nicht vor Ort war, betrat sie schon mal den kleinen Vorgarten. Sie ließ erneut den Blick schweifen und fröstelte, weil ein frischer Wind aufgekommen war. Die relativ kleine Gartenfläche und die nahen Nachbarbauten würden es erschweren, das Haus zu verkaufen. Viele wünschten sich einen großen Garten. Sie musste also auf einen Käufer mit Liebe zu historischen Gebäuden hoffen. Deswegen war sie neugierig, etwas über die Geschichte des Hauses zu erfahren.
Sie sah kurz zur Straße. Es wurde langsam Zeit, dass der Verkäufer eintraf. Er war schon eine halbe Stunde verspätet. Endlich kam ein kleines Auto angefahren. Ein junger Bursche stieg aus. Er trug ein weißes T-Shirt und zerrissene Jeans. Sein Haar war ungekämmt und die Arme waren voller Tätowierungen. Jana konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er der Besitzer des Hauses war. Sie griff instinktiv nach ihrem Handy, um die Polizei rufen zu können, falls er Ärger machen würde.
„Hi“, grüßte der Bursche, als er Jana im Vorgarten stehen sah. Sie schätzte ihn gerade mal als volljährig ein. „Sind Sie die Maklerin?“
Jana nickte und ließ ihr Handy zurück in die Tasche gleiten. „Jana Winter. Sind Sie Herr Zwirn?“, fragte sie überrascht.
Er trat durch die Gartenpforte und kam zu ihr. Zwei Schritte vor ihr blieb er stehen. „Nennen Sie mich Paul. Haben Sie sich die Bude schon angesehen? Was meinen Sie? Kann man dieses hässliche Gebäude noch jemanden andrehen?“ Er grinste breit.
Jana spannte sich unbewusst an – mit diesem Kunden wird sie vermutlich wenig Freude haben. Wie konnte er dieses wunderschöne Gebäude so bezeichnen? Sie war entsetzt. „Ich kann das Haus erst beurteilen, wenn ich es von innen gesehen habe“, gab sie zur Antwort.
„Dann folgen Sie mir, aber erschrecken Sie nicht bei dem Geruch, der Ihnen entgegenschlägt, wenn Sie eintreten. Ich habe das Gefühl, dass es fault.“ Er ging voraus.
Jana folgte ihm widerwillig. Sie betrat als Erste das Haus und atmete tief ein. Es hatte den charakteristischen Geruch nach altem Holz und Stoffen. Sie empfand ihn jedoch weit weniger unangenehm als der junge Mann.
„Sie können sich in Ruhe umsehen. Gehen Sie durchs ganze Haus, wohin Sie wollen. Ich warte hier draußen und rauche eine Zigarette“, sagte Paul Zwirn. Er stand noch auf der Türschwelle im Gegenlicht und nickte ihr kurz zu.
„Darf ich die Wohnräume fotografieren?“, fragte Jana. „Dann können sich die Kunden das Haus besser vorstellen. Außerdem würde ich gern etwas über seine Geschichte erfahren.“
Der junge Mann zuckte mit den Achseln. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe das Haus von meinem Großvater geerbt.“
Jana ließ nicht locker. „Hat Ihr Großvater das Haus bewohnt? Wann starb er? Wie alt ist es?“
„Mann, sind Sie neugierig“, murrte der Bursche offensichtlich genervt.
Sie bemühte sich um Fassung. „Oft wollen Kunden etwas über die Geschichte eines Hauses erfahren“, erklärte sie sachlich.
Er seufzte. „Da müssen Sie meine Mutter fragen, ich gebe Ihnen die Nummer.“
„Okay, danke“, sagte sie und gab es auf, ihm weitere Fragen zu stellen. Sie beschloss, erst einmal alle Räume zu besichtigen.
Hinter der Eingangstür lag ein langer, breiter Flur, in dessen Mitte eine Treppe in die oberen Geschosse führte. Sie waren mit dunklem Holz verkleidet und da offenbar niemand die Rechnung für den Strom zahlte, konnte Jana kein Licht einschalten. Sie behalf sich mit der Lichtquelle ihres Handys und machte ein Foto mit Blitz. Rechts und links des Flures waren Türen, die in Wohnräume führten. Überall standen Möbel. Sie waren kaum älter als fünfzig Jahre. Hier gab es etwas mehr Licht, sodass auch ein Foto ohne Blitz möglich war. Die Küche war hell und wirkte neuwertiger. Das war für Jana ein Indiz, dass das Haus innen wohl mehrfach umgebaut worden war. Am modernsten erschien das Bad. Den Armaturen nach durfte es kaum älter als zehn Jahre sein. Sie hoffte inständig, dass man im Zuge des Badumbaus auch die Leitungen des Hauses erneuert hatte. Sie fotografierte alles akribisch und suchte dabei nach schönen Details.
Sie wollte sich gerade ins Obergeschoss begeben, als sie den jungen Mann rufen hörte: „Brauchen Sie noch lange? Ich habe heute noch etwas vor. Ich will noch mit meinen Freunden rumhängen.“
Sie verdrehte genervt die Augen und beschloss, die oberen zwei Stockwerke schneller zu besichtigen. „Ein paar Minuten brauche ich schon noch“, rief sie ihm halbwegs freundlich zu.
Auch oben gab es alte Möbel. Sie waren mit weißen Leintüchern abgedeckt. Das machte sich auf den Fotos nicht so schön, aber es ging nun mal gerade nicht anders. Jana blickte aus dem Fenster und sah den jungen Mann unten im Vorgarten telefonieren, die Zigarette in der linken Hand. Da er beschäftigt schien, beschloss sie, sich auch noch den Speicher anzuschauen. Als sie diesen betrat, bemerkte sie, dass die Bretter unter ihren Füßen nachgaben und ehe sie sich versah, brach sie mit einem Fuß ein. „Mist“, fluchte sie, nicht nur weil ihre Seidenstrumpfhose hinüber war, sondern auch, weil es richtig wehtat. Langsam zog sie ihren Fuß zurück. Da bemerkte sie plötzlich im Loch einen Gegenstand, den sie zuerst nicht einordnen konnte. Sie hob das lose Brett an und erkannte das Gemälde einer Frau. Sie zog es heraus, betrachtete es und ließ es erschrocken fallen. Ihre Hände begannen zu zittern. Es war das Porträt einer jungen Frau mit geflochtenem, braunem Haar und melancholischem Blick. Sie trug eine Bluse, die hoch geschlossen war und die zarte weiße Haut des Halses fast vollständig bedeckte. So weit war alles normal. Was Jana so erschrecken ließ, war die Tatsache, dass diese Frau ihr zum Verwechseln ähnelte.
Sie hob das Bild wieder auf und betrachtete es erneut. Vielleicht redete sie sich die Ähnlichkeit nur ein. Es war schließlich nur ein zweidimensionales Bild einer dreidimensionalen Person. Im Grunde ähnelten sich viele gemalten Porträts. Wieso sollte auch gerade in diesem Haus ein Bild von ihr unter der Fußbodenleiste auf einem Dachboden liegen? Außerdem würde sie niemals eine so schreckliche Bluse tragen. Sie atmete aus. Der Speicher war außerdem dunkel und das Licht ihrer Handytaschenlampe war spärlich. Das konnte den Eindruck schon verfälschen.
Trotz dieser Erklärungen, die innerhalb von Sekunden durch ihren Kopf ratterten, wuchs in ihr eine seltsame Unruhe. Sie kniete sich nieder, legte das Bild zur Seite und kramte noch einmal im Loch herum. So fand sie eine kleine Mappe mit losen Blättern und Texten in altdeutscher Schrift. Sie starrte auf die Papiere, konnte die Texte aber nicht entziffern. Sie beschloss, das Bild und die Niederschriften mitzunehmen.
Als sie wieder ins Freie trat, wartete dort schon ungeduldig der junge Mann. „Na, was glauben Sie? Können Sie etwas Geld herausholen?“, fragte er neugierig, ließ den Rest seiner Zigarette achtlos fallen und zertrat ihn auf der Erde.
„Man wird einiges in Sanierung und Renovierung investieren müssen. Aber es gibt für jedes Haus einen Käufer“, sagte Jana knapp.
Diese Antwort schien Paul Zwirn zu befriedigen. „Haben Sie Fotos gemacht? Können wir jetzt gehen?“, fuhr er ungeduldig fort.
Sie nickte. „Ja, können wir“, antwortete sie. „Ich habe Bilder gemacht und außerdem ein altes Gemälde gefunden, ein Porträt. Ich würde es gerne mitnehmen und schätzen lassen. Vielleicht können Sie es auch noch gut verkaufen.“ Dabei behielt sie für sich, dass sie mehr über die Frau auf dem Porträt herausfinden wollte. Es musste einen Grund haben, dass es unter Brettern auf dem Dachboden versteckt worden war. Jana wollte dieses Geheimnis unbedingt lüften.
„Von mir aus“, sagte der junge Mann, „ich mache mir sowieso nichts aus diesem Kram.“ Er würdigte das Porträt keines Blickes.
Sie gingen zum Gartentor und verabschiedeten sich an der Straße. Jana ließ sich zuvor noch die Telefonnummer seiner Mutter geben. Vielleicht wusste sie etwas mehr über das Haus.
Während der Autofahrt machte sie sich viele Gedanken über das Haus und das Porträt. Sie beschloss, ihrem Chef nichts von ihrem seltsamen Fund zu erzählen.

6. Dezember 2019

'EISIGE HÖLLE - Verschollen in Island' von Álexir Snjórsson

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autoren-Website
»Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.«

Was tust du, wenn während einer Islandreise deine Frau nach einem Streit mit dir spurlos verschwindet? Wenn du feststellst, dass dich der Polizist, der dich unter einem Vorwand festgenommen hat, betäuben will? Nutzt du die Gelegenheit zur Flucht und wendest dich in deiner Verzweiflung an deinen Schwiegervater in Deutschland, auch wenn dieser dich hasst und dir die isländische Polizei inzwischen den brutalen Mord an einer einheimischen Frau zur Last legt?

Oder wird dich das erst recht in den größten Albtraum deines Lebens stürzen …

Leseprobe:
Kapitel 1
Vor fünf Tagen, Rückblende
Mit eingezogenem Kopf kämpfte ich mich durch den knietiefen Schnee. Der Sturm stieß mich hin und her, gleichzeitig schienen sich die Krallen einer unsichtbaren Meute hungriger Raubkatzen in meine Kleidung zu schlagen. Sie zerrten und rissen an mir, als wollten sie mich zu Fall bringen, um mich zu zerfleischen.
Immer wieder sank ich mit einem Bein tiefer ein, als mit dem anderen, sackte seitlich in den Schnee und quälte mich wie ein weidwundes Tier erneut auf die Beine.
Als stünde ich unter Drogeneinfluss, begannen sich in meinem Verstand Einbildung und Realität zu vermischen. Ich hörte Stimmen. Erst weit entfernt, dann dicht neben und hinter mir. Ich blieb stehen, drehte mich im Kreis. Doch da war niemand. »Zeigt euch, ihre feigen Trolle!«, stieß ich heiser hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ein irres Kichern war die Antwort. Ich schüttelte den Kopf, stolperte weiter. Kein Zweifel, ich verlor den Verstand. Außer mir und meiner geflohenen Geisel war niemand in dieser menschenfeindlichen Einöde unterwegs. Der Unterschied war, dass sie sich hier oben zwischen den mächtigen Gletschern auskannte und wusste, wie sie dieser eisigen Hölle entrinnen konnte. Meine Chancen hingegen standen hierfür nahe bei null.
Noch war ich aber nicht bereit, mein drohendes Schicksal zu akzeptieren. Ich stapfte orientierungslos weiter, bis meine vor Kälte tauben Beine plötzlich nachgaben und ich in eine dichte Schneewolke gehüllt, in die Tiefe stürzte.
Ich prallte so hart auf den Rücken, dass es mir den Atem verschlug. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Panik erfasste mich. Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht aufrichten.
Kurz bevor ich zu ersticken glaubte, löste sich die Verkrampfung in meiner Brust. Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug auch ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.
Ich blinzelte in die Schneeflocken, die über den Felsvorsprung wirbelten, von dem ich gestürzt war – und fühlte mich auf einmal entsetzlich müde.
Du darfst nicht liegen bleiben, Cooper, sonst erfrierst du! Ich schloss die Augen, sammelte meine verbliebenen Kräfte. Winselnd wie ein angefahrener Straßenköter wälzte ich mich auf den Bauch. Meine tauben, vor Kälte zitternden Hände krallten sich in den eisigen Untergrund. Unter quälenden Schmerzen stemmte ich meinen Oberkörper in die Höhe, rammte einen Fuß in den Boden und kam schwankend auf die Beine. Du musst weiter, musst in Bewegung bleiben, trieb mich eine innere Stimme wie ein Drill Sergeant an.
Einem Betrunkenen gleich, torkelte ich weiter durch das dichte Schneetreiben. Mit jedem Schritt fühlten sich meine Beine tauber an, bis sie mein Gewicht nicht mehr tragen wollten. Ich stolperte, stürzte erneut in den Schnee. Auf allen vieren kroch ich weiter. Winde dich nicht wie ein Wurm auf dem Boden herum, auf die Beine mit dir! Mit einem Ruck stemmte ich mich hoch, um gleich wieder Gesicht voran in den Schnee zu fallen.
Es hatte keinen Zweck, ich konnte nicht mehr. Mit letzter Kraft rollte ich mich langsam auf den Rücken.
Wie lange würde es wohl dauern, bis mich das weiße Leichentuch zugedeckt hatte? Würde ich so enden, wie die berühmte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit? Wie hieß der Mann noch mal? Ach ja, Ötzi …
Erstaunlich, was für Gedanken einem durch den Kopf gingen, wenn das eigene Leben nur noch am seidenen Faden hing.
Hätte ich an eine höhere Macht geglaubt, dann hätte ich wohl das Bedürfnis verspürt, zu irgendeinem Gott zu beten. Doch zu welchem? Ich war nicht religiös. Und um es zu werden, war es jetzt definitiv zu spät.
Dass dieser trostlose und unwirtliche Ort die Bühne war, auf der ich meinen letzten Auftritt hatte, schmerzte mich erstaunlicherweise nicht. Auch nicht, dass ich nicht wusste, ob oder was nach dem Tod kam. Ich hatte gelebt, ich hatte geliebt und gekämpft. Eins bereute ich jedoch: so kurz vor dem Ziel versagt zu haben.
»Es … tut mir … leid, Cass«, keuchte ich. »Ich hätte mein Leben … für deins … gegeben.«
Angezogen wie von einem schwarzen Loch, schossen meine Gedanken zu dem verhängnisvollen Tag zurück, an dem das Schicksal die Weichen für diese eisige Endstation gestellt hatte …

'Der ganz normale Weihnachtswahnsinn' von Annette Paul

Kindle | Tolino
Website Annette Paul
Ob durch Stress, Streit oder Einsamkeit, Weihnachten ist selten so, wie man es sich erhofft. Die Seligkeit der Kindheit wird bei Erwachsenen fast nie erreicht. Oder täuscht nur die Erinnerung? Aber vielleicht hilft es, wenn wir unsere überspannten Ansprüche reduzieren. Nicht erwarten, dass ausgerechnet zum Christfest alles besser ist als im restlichen Jahr.

32 Geschichten erzählen von den weihnachtlichen Freuden und Nöten. Zum Glück gibt es ab und zu Freunde und Nachbarn, die einem zur Seite stehen.

Leseprobe:
Ein Lächeln
Rike war genervt. Gleich am Morgen war alles schiefgelaufen. Der Wecker hatte nicht geklingelt, dabei war sie sich sicher, ihn gestellt zu haben. Hektisch hatte sie ihre Sachen übergestreift, zum Schminken war genauso wenig Zeit wie zum Frühstücken gewesen. Beim Bäcker reichte die Schlange bis auf die Straße, sodass sie sofort weiterhetzte. Dann fiel auch noch die S-Bahn aus. Betriebsstörung. Wie lange es dauern würde, wusste niemand. Ihre Chefin würde toben. Hoffentlich entließ sie Rike nicht vor Wut. Sie hatte ihrer Mitarbeiterin neulich eine Standpauke gehalten, weil sie Mitte November zwei Wochen mit einer Nierenbeckenentzündung krankgeschrieben war. Ausgerechnet im Weihnachtsverkauf. Die Firma stand kurz vor der Pleite. Rike hatte mit dem Arzt verhandelt, doch der ließ nicht mit sich reden. Und eine dauerhafte Schädigung ihrer Nieren wollte sie nicht riskieren, daher hielt sie sich strikt an die ärztlichen Anweisungen. Selbst danach hätte sie sich schonen müssen, aber das ging wirklich nicht. Wer sollte denn sonst die Waren packen und aufräumen?
Als die Bahn nach einer Ewigkeit wieder fuhr, der versprochene Schienenersatzverkehr war noch immer nicht eingetroffen, war der Zug überfüllt und nahm nicht alle Wartenden mit. Mit drei Stunden Verspätung erreichte Rike endlich den Hauptbahnhof, dort besorgte sie sich vorsichtshalber gleich eine Bescheinigung beim Servicecenter, obwohl sie dadurch weitere zwanzig Minuten verlor. Schließlich benötigten sehr viele den Zettel. Dabei hätten die Arbeitgeber sich leicht im Internet über die Zugausfälle informieren können.
Natürlich tobte die Chefin. Peinlich, mehrere Kunden standen im Geschäft und schauten irritiert zu den beiden Frauen. Eine Mutter mit zwei Kindern verließ fluchtartig den Laden. Ein junger Mann warf sich ritterlich in die Schlacht und erklärte der Chefin, dass am Morgen wirklich auf sämtlichen Bahnstrecken der Wahnsinn getobt hatte. Selbst die Einfallstraßen in die Stadt waren total verstopft gewesen.
Leider bewirkte sein Heldenmut das Gegenteil. Statt besänftigt zu sein, rastete Frau Hansen nun völlig aus. Rike konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Sie fühlte sich sowieso schon schlapp. Ihr Arzt würde ihr ohne Weiteres die Krankschreibung verlängern. Anstatt dankbar zu sein, dass Rikes Pflichtbewusstsein sie trotz nicht vollständig ausgeheilter Krankheit zur Arbeit trieb, machte diese Hexe ihr das Leben zur Hölle. Am liebsten hätte Rike sofort alles hingeworfen und wäre gegangen. Aber sie brauchte den Job doch. Sie war single und musste ihre Miete, die im Januar erneut anstieg, allein bezahlen. Zu allem Unglück war ihre Mutti nach einem schweren Autounfall vor kurzem ins Pflegeheim gekommen und Rike musste die Wohnung auflösen. Natürlich kam immer alles zusammen. Letzte Woche hatte sie sich dazu mit ihrer besten Freundin zerstritten. Sie war so unvorsichtig gewesen und hatte Nora vor ihrem neuen Freund gewarnt. Dabei ließ sie nur ganz vorsichtig einige Andeutungen durchscheinen. Ihr zu sagen, dass der schmierige Typ gleich aufdringlich geworden war, als Nora auf Toilette ging, traute sie sich gar nicht. Und Nike, die Dritte im Bund, äußerte sogar den Verdacht, dass der Kerl ihr Schmuck und Geld geklaut hätte.
Langsam wuchs ihr alles über den Kopf, dabei war doch schon in drei Tagen Heiligabend. Die schönste Zeit im Jahr. Zeit der Einkehr, der Besinnung, des Friedens.
Als ihr edler Ritter merkte, dass es schlimmer wurde und ihre Kollegin Ilona ihn zur Seite zog und ihm etwas zuflüsterte, nickte er und zog sich zurück.
Frau Hansen zeigte den ganzen Tag ihr verkniffenes Gesicht. Seit ihr Mann sich wegen einer Jüngeren von ihr getrennt hatte, traten solche Phasen öfter auf. Dann versuchten die Mitarbeiter, ihr so gut es ging, aus dem Weg zu gehen.
Irgendwie überstand Rike den Tag. Niedergeschlagen schlurfte sie heim. Sie beachtete die Weihnachtsstände und die Weihnachtsdekorationen, die sie sonst so liebte, überhaupt nicht. Sie würde auch nicht im Pflegeheim vorbeischauen. Die Kraft dazu hatte sie nicht mehr. Sie besorgte sich eine Tüte Schmalzgebäck, dabei hatte sie sich vorgenommen, weniger zu naschen. Aber damit musste sie an einem besseren Tag beginnen.
Langsam stieg sie die Stufen zum Gleis hinunter. Zum Glück fuhren die Züge wieder. Die Menschenmassen hatten sich längst verlaufen. Eine ältere Dame kam ihr, auf einen Stock gestützt, entgegen. Ihre Blicke fanden sich. Sie lächelte Rike aufmunternd an. Ihr Lächeln war so strahlend, dass Rike warm ums Herz wurde. Sie fühlte sich sogleich wohler und lächelte zurück.
Merkwürdig. Eine einzelne wildfremde Frau konnte einen miesen Tag aufhellen. Nein, die Dame war nicht der einzige Lichtblick gewesen. Der fremde Mann, der sich so vehement für sie eingesetzt hatte, war ebenfalls erfreulich gewesen, auch wenn er leider das Gegenteil von dem, was er wollte, bewirkt hatte.
Noch bevor Rike in die S-Bahn stieg, hatte sie den Entschluss gefasst, sich demnächst woanders zu bewerben.

5. Dezember 2019

'Bittersweet Vibes: Jason & Sophie' von Monica Bellini

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Monica Bellini | Autorenseite im Blog
Bittersüß fühlt es sich an, denn nicht alles im Leben ist schwarz oder weiß.

Mit vierundzwanzig heiratet Sophie ihre große Liebe. Drei Jahre später ist sie Witwe und hat nur noch eine Sicherheit: Ihr Herz gehört Markus – für immer.

Jason „Toffifee“ Hart ist nicht nur verboten attraktiv. Der erfolgreiche Unternehmer setzt sich für Obdachlose und verfolgte Frauen ein – und ist der Liebling der Wiener Presse. Heute beneiden ihn diejenigen, die ihn früher als Bastard beschimpften und verprügelten. Doch ändert das nichts daran, dass seine Mutter die Tochter eines Schwarzen ist und sein Vater eine berühmte Dragqueen. Bekommt man einen Stempel aufgedrückt, wird man ihn nicht mehr los. Daher ist es das einzig Richtige, sich mit einem Eispanzer zu umgeben, Mitmenschen auf Distanz zu halten und Frauen ausschließlich als kurzfristige Ablenkung anzusehen.

Als ausgerechnet Sophie und Jason aufeinandertreffen, ist das emotionale Chaos vorprogrammiert ...

Abgeschlossener Liebesroman mit heißen Szenen und Happy End.
„Bittersweet Vibes: Jason & Sophie“ ist der zweite Roman der „LoveVibes“-Reihe. Alle Bände können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.


Leseprobe:
SOPHIE
Die Sekretärin legt den Hörer auf und schenkt mir ein einnehmendes Lächeln. »Es dauert nur noch ein paar Minuten, Frau Schönfeld«, teilt sie mir mit. »Bei Herrn Hart verzögert sich heute alles ein bisschen.«
Ein bisschen?
Ich warte bereits seit einer halben Stunde und kenne mittlerweile jedes Bild, das die Wände des stylish eingerichteten Wartezimmers des Chefbüros schmückt, bis ins kleinste Detail. Außerdem habe ich nahezu alle der ausgelegten Frauenzeitschriften von vorn bis hinten durchgeblättert und die Überschriften der Artikel verinnerlicht. Wollen Frauen wirklich wissen, mit welchen Tricks sie die Aufmerksamkeit eines Mannes erregen können, selbst wenn dieser nichts von ihnen will?
Eigenartig, was für Unfug Journalisten zu Papier bringen, um Seiten zu füllen. Oder bin ich es, die nicht versteht? In Anbetracht meines absolut nicht aufregenden – um nicht zu sagen nicht existierenden – Liebeslebens müsste ich wohl dieser Art von Zeitschriften mehr Beachtung schenken. Aber will ich das? Es ist ja nicht so, dass sich nie jemand für mich interessiert hat.
Markus hat sich auf den ersten Blick in mich verliebt – und ich mich in ihn. Damals, als ich ihm am Tag der Immatrikulation auf der Treppe der Akademie der bildenden Künste in die Arme stolperte, war es um uns geschehen. Dieser eine Augenblick hatte unser beider Leben verändert, es zu einem gemacht. Wir waren verschmolzen, zu einer Einheit geworden. Gemeinsam haben wir jede einzelne Hürde des Studiums genommen, uns gegenseitig zu Höchstleistungen angetrieben, ausnahmslos sämtliche Prüfungen in Rekordzeit und mit Bestnoten abgelegt. Wir waren das Dreamteam, diejenigen, die alle anderen um ihr Glück beneideten. Selbst unsere Eltern, die meinten, dass wir als frischgebackene Architekten mit vierundzwanzig noch viel zu jung waren, um zu heiraten, hatten einsehen müssen, dass das Alter unbedeutend war. Die große Liebe gibt es nur einmal im Leben. Wenn man Glück hat, denn manche finden sie nie. Warum also hätten wir warten sollen, wo wir doch genau wussten, dass wir einander nie wieder gehen lassen würden? Bis dass der Tod euch scheidet, hatte der Dompfarrer bei der Trauung im Stephansdom gesagt. Und er hatte recht behalten. Auf entsetzliche Art und Weise. Nur drei wundervolle, erfüllende Jahre hatten wir miteinander gehabt – und jeden einzelnen Tag davon damit verbracht, unser Fachwissen in den Dienst derjenigen zu stellen, für die ein Brunnen oder ein mit einfachen Mitteln erbautes Krankenhaus in Zentralafrika den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachte. Doch unsere Liebe für den schwarzen Kontinent war uns zum Verhängnis geworden.
Mittlerweile sind ebenso viele Jahre vergangen, wie unsere Ehe gedauert hat. Die Hälfte der Zeit nach dem Studium war ich rundum glücklich gewesen und seither ... Der entsetzliche Schmerz hat nachgelassen. Die Erinnerungen an Markus sind es, die mir die Kraft gegeben haben, mein Leben neu zu ordnen. Es gibt so vieles, was einem Menschen Zufriedenheit schenkt, und manchmal spüre ich auch einen kleinen Funken Glück. Ich habe ein wundervolles Haus inmitten der Weinberge und wache morgens vom Gezwitscher der Vögel auf. Lange Zeit reichte das und heilte meine verwundete Seele. Aber seitdem ich wieder freier atmen kann und nicht mehr Tränen über meine Wangen laufen, sobald mein Blick auf das Foto auf dem Kaminsims fällt, dem letzten, das uns gemeinsam zeigt, bin ich unruhig.
Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb ich den Artikel, wie man seine Orgasmusfähigkeit verbessert, gelesen habe und auch dem über die Wirksamkeit hervorblitzender Dessous mehr als nur einen raschen Blick gewidmet habe. Gab es diese sexy Teile, die eigentlich nur aus Stofffitzelchen bestehen, immer schon? Und welchen Sinn hat ein Slip, der im Schritt der Länge nach geteilt ist? Wie unpraktisch wäre es gewesen, im Kongo bei schwüler Hitze da unten nichts zu spüren als das unablässige Reiben der Naht der Cargohose oder Jeans ... »Oh«, stoße ich leise aus, als ich weiterblättere und sich mir der Sinn dieses Höschens aufgrund ziemlich eindeutiger Skizzen erschließt.
»Frau Schönfeld? Herr Hart ist nun bereit, Sie zu empfangen«, unterbricht die Sekretärin meine Gedanken, die mir die Röte ins Gesicht schießen lassen. Was bei meiner hellen Haut, die mit dem Blond meiner Haare einhergeht, absolut nicht zu übersehen ist. Und das ausgerechnet jetzt!
Ich greife nach der Handtasche, die neben mir auf dem Sofa liegt, und stehe auf. Wahrscheinlich bin ich zu lässig und nicht dem Zweck entsprechend gekleidet, aber zumindest sind die engen Jeans, die weißen Sneakers und die himmelblaue Bluse bequem und haben mir die Wartezeit erträglicher gemacht.
Dankend nicke ich der Frau zu, die mir die riesige Doppeltür öffnet und sie hinter mir schließt.
Mit raschen Schritten durchquere ich den Raum und lasse mich auf einem der beiden Stühle vor Jason Harts Schreibtisch nieder, bevor ich zu dem Mann aufsehe, auf dessen Anblick ich vierzig Minuten habe warten müssen. Plötzliche Unruhe erfasst mich. Ich ziehe die Unterlippe zwischen die Zähne und starre ihn an. Keine Ahnung, wie oft ich ihn schon im Fernsehen oder auf Titelseiten einschlägiger Magazine, die über Mode und Lifestyle berichten, gesehen habe.
Er ist ... Mir fehlen die Worte.
Bisher habe ich ihn immer nur als innovativen und ausgesprochen erfolgreichen Unternehmer wahrgenommen, der aus dem Vibes im Wiener Bermudadreieck, das ihm seine Eltern vor acht Jahren übergeben haben, das Szenelokal schlechthin gemacht hat.
Einen Mann, der diesen Erfolg genutzt und die Agentur Vibes Events aufgebaut hat, die von Promihochzeiten und Sportevents bis hin zu Modeschauen und Vernissagen, also allem bis auf Musikevents, organisiert.
Jemand, der, auf einer schlichten Idee aufbauend, das Modelabel Vibes Fashion gegründet hat – ungefähr vor drei Jahren, in etwa, als ich aus dem Kongo zurückkam. Ein Label, das für Casual-Chic steht und für die Produktion ausschließlich natürliche Rohstoffe nachgewiesener Herkunft verwendet. Innerhalb kurzer Zeit hat er unmittelbar nach dem österreichischen den gesamten europäischen Markt erobert, und laut Presseberichten ist Jason Hart nun mit seinen tragbaren und erschwinglichen Kollektionen auf dem besten Weg, auch in Übersee Fuß zu fassen – von den Vereinigten Staaten bis Asien.
Und ausgerechnet er ist irgendwie auf mich aufmerksam geworden. Seine Sekretärin hat mich in seinem Namen kontaktiert und zu einem persönlichen Gespräch eingeladen.
Um mich dann eine knappe Dreiviertelstunde warten zu lassen, meldet sich mein Unterbewusstsein gehässig. Obwohl ich ohnehin schon einen halben Tag opfere, um nach Wien zu fahren, mich durch den Verkehr der Metropole zu quälen, eine Tiefgarage anzusteuern und später wieder im Schneckentempo aus der Stadt zu kommen.
Um dem schweigenden Mann nicht ins Gesicht sehen zu müssen, mustere ich die locker sitzende senfbraun und marineblau gemusterte Krawatte über dem weißen Hemd sowie das geöffnete dunkelgraue Jackett des Anzugs, das seine breiten Schultern perfekt ausfüllen.
»Danke, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, Frau Schönfeld.«