15. Dezember 2017

'Pussycat Club: Entfesseltes Verlangen' von Monica Bellini

Cat Black führt ein Leben, das keine Wünsche offenlässt – doch sie hasst es. Seit drei Jahren flüchtet sie vor der Vergangenheit in eine Scheinwelt. Sie verbringt die Nächte in ihrem Club, in dem die Liebe nur ein Spiel ist und somit niemand verletzt werden kann.

Alles läuft perfekt, bis sie plötzlich von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Sie bereitet sich auf eine gewagte Nummer in der sinnlichen Show vor, in der Frosty, ein weltberühmter Star, die Hauptrolle hat. Zur gleichen Zeit erkranken einige ihrer engsten Mitarbeiter an einem Virus: dem der wahren Liebe. Ob sie dagegen immun ist?

Teil 3 der Pussycat Club-Trilogie.

Gleich lesen:
Für Kindle: Pussycat Club: Entfesseltes Verlangen
Für Tolino: Buch bei Hudendubel

Leseprobe:
Dunkelheit hüllt die Anwesenden wie eine samtene Decke ein. Weich, schwarz, zärtlich, sanft. Die Spannung steigt. Die Stille verstärkt die spürbare Erregung um ein Vielfaches, Atemlosigkeit regiert den Moment. Der Herzschlag aller scheint sich zu einem einzigen rhythmischen Pochen zu vereinen. Ich kann ihn fühlen. Auf meiner Haut, in meinem Bauch, zwischen meinen Beinen. Wie unsichtbare Ameisen breitet sich das Kribbeln in meinem Körper aus, das die letzten Sekunden dieses von mir herbeigesehnten Moments begleitet.
Und dann ... plötzlich ... erklingt eine Gitarre, zwei leise Trommelschläge folgen, Finger schnippen. Vier Mal. Die Abfolge wiederholt sich. Ich lehne mit dem Ellbogen am Tresen der Bar, seitlich und unweit der Bühne. Der hohe Absatz des goldenen Louboutin-Pumps bohrt sich in den Boden und meine rechte Fußspitze wippt im Takt auf und nieder. Die Sterne simulierenden Lichter oberhalb des Podiums gehen an, das blau gefärbte Wasser in der gläsernen, rechts außen stehenden runden Wanne beginnt zu leuchten, zieht meinen Blick an.
Doch dann ... Ein gleißender Lichtpunkt irrt suchend über die Bühne, springt hin und her, bis er auf die Mitte des schweren schwarzen Vorhangs trifft. Der Spalt des schweren Stoffes öffnet sich gerade so viel, dass ein Schuh, gefolgt von einer schlanken Fußfessel, der ein nicht enden wollendes Bein folgt, erscheint. Der schwarz glitzernde Strumpf wird oben, auf halbem Schenkel, von gleichfarbigen Fransen umspielt, die wiederum zu einem locker fallenden Kleid im Stil der Roaring Twenties gehören. Der nachtdunkle Stoff ist über und über mit gläsernen Pailletten bestickt, die im Lichtschein wie Hunderte von Glühwürmchen wirken.

Never know how much I love you
Never know how much I care.


Peggy Lees sinnliche Stimme begleitet die harmonische Bewegung des Körpers, der sich Stück für Stück auf das Podium schiebt. Lange, von schwarzer Seide bedeckte Finger schieben den Vorhang aufreizend langsam beiseite. Mein Atem wird flacher, mein Herz hämmert in der Brust. Wie gebannt starre ich auf das Licht, dessen Durchmesser stetig anwächst.

When you put your arms around me
I get a fever that’s so hard to bear


Die andere Hand erscheint. Sie hält eine schneeweiße Zigarette in einem schwarz-goldenen Zigarettenhalter, der wiederum zwischen blutroten Lippen steckt.
Ein Raunen geht durch den Saal.
Niemand der Anwesenden, Pussycats mit eingerechnet, hat auf das Privileg verzichtet, der Show im Pussycat Club beiwohnen zu dürfen. Ich limitiere nicht nur die Anzahl der eingeladenen Gäste, sondern auch die solcher Events bewusst auf höchstens sechs pro Jahr. Somit sind sie Highlights in unserem ohnehin spektakulären und von der Norm abweichenden Cluballtag – doch das heutige Ereignis ist eine absolute Rarität.

You give me fever when you kiss me
Fever when you hold me tight
Fever in the morning
A fever all through the night


Es ist das letzte Wort aus Peggy Lees Mund, bei dem sich der Vorhang endgültig teilt und den Zusehern bewundernde »Aaaahs« und erstaunte »Oooohs« entlockt­ – und meine Kehle schlagartig trocken werden lässt. Immer noch und immer wieder. Seit dem Tag, an dem wir uns kennenlernten.
Frosty ist eine Schönheit. Einer übernatürlichen Erscheinung gleich steht sie da, eine Hand auf der Hüfte, das Gesicht zur Seite gedreht. Das Publikum sieht ihr perfektes Profil. Sie zieht an der Zigarette und bläst kleine Rauchwölkchen in die Luft. Die Feder ihres goldenen Stirnbands bewegt sich durch den Hauch ihres Atems.
Peggy Lee singt Fever, und das Blut in meinem Körper erreicht den Siedepunkt, beginnt zu brodeln.
Ich habe Fieber – so wie alle hier.
Ungeachtet ihres Geschlechts können die Zuseher ihre Erregung kaum verbergen – ich kann sie riechen. Süßlich duftendes Eau de Femme vereint sich mit männlichem Moschusgeruch­. Ohne den Blick von dem real gewordenen Traumbild abzuwenden, atme ich tief ein, spüre die pochende Lust in mir wachsen und weiß, dass auch die meine in diesem Moment nur einer Person gilt.
Frosty.
Ich kann ihre dichten, langen, gebogenen Wimpern erkennen ... Und den Schönheitsfleck unweit des rechten Mundwinkels. Er ist nicht aufgemalt, sondern echt wie alles an ihr. Auf einem Meter zweiundachtzig – ohne Absatz – verteilt sich die absolute Perfektion. Ihre Brüste haben genau die Größe, um sich perfekt in umschließende Männerhände zu schmiegen. Ihre Lippen, die obere eine Spur großzügiger als die untere, laden zum Küssen ein. Die Farbe ihrer Augen erinnert an flüssiges Silber oder schmelzendes Blei, je nachdem, in welcher Stimmung sie ist.

Now you’ve listened to my story
Here’s the point that I have made
Chicks were born to give you fever
Be it Fahrenheit or Centigrade


Frauen sind dazu geboren, Männer zu reizen, die fiebrige Erregung in ihnen anzuheizen, singt sie.
Genau so ist es!
Der Song nähert sich dem Ende und die Temperatur steigt. Frosty wendet ihr Gesicht dem Publikum zu, setzt einen Fuß mittig vor ihren Körper, schwingt mit der Hüfte, zieht das zweite Bein nach vorn, geht mit dem ihr eigenen wiegenden Gang auf den Rand des Podiums zu.

They give you fever
When you kiss them
Fever if you live and learn
Fever! till you sizzle


Frosty zieht ein letztes Mal an der Zigarette, stößt den Rauch mit einem lasziven Augenaufschlag aus und krümmt den Zeigefinger ihrer freien Hand. Sie deutet zu keiner bestimmten Person, und so sind es drei Herren, die sich von ihren Plätzen erheben und auf sie zugehen. Besser gesagt springen sie auf und bewegen sich hastig zur Bühne. Bis sie nebeneinander zu stehen kommen und sich erstaunte Blicke zuwerfen.
Frosty lacht auf. Ihre tiefe, gutturale Stimme jagt nicht nur mir einen Schauer über den Rücken – ich weiß es. Und obwohl diese Szene ebenso einstudiert ist wie alles, was diesen Abend noch auf der Bühne geschehen wird, wirkt sie real.

What a lovely way to burn
What a lovely way to burn
What a lovely way to burn
What a lovely way to burn


Der letzte Ton von Fever verklingt. Die Hitze bleibt. Erwartungsvolle Erregung liegt in der Luft.

Im Kindle-Shop: Pussycat Club: Entfesseltes Verlangen
Für Tolino: Buch bei Hudendubel

Mehr über und von Monica Bellini auf ihrer Website.



14. Dezember 2017

'Wild auf Weihnachten' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Nach einer mittelschweren Beziehungskatastrophe im Vorjahr möchte Greta von Weihnachten wenig bis gar nichts wissen.

Ihre Schwester nimmt sie mit zu einem Junggesellinnen-Abschied. Der endet in einer Karaoke-Bar, wo Greta ausgerechnet zum Singen des Weihnachts-Pop-Klassikers „Last Christmas“ verdonnert wird. Dort lernt sie den forschen Henning kennen – und den schüchternen Mike, der Weihnachten sehr mag …

Eine kleine moderne Weihnachts-Romanze.

Gleich lesen: Wild auf Weihnachten

Leseprobe:
September
„Ätzend! Das geht mir so auf den Keks, das kannst du dir gar nicht vorstellen!“
Mit Wut im Bauch schob Greta den noch leeren Einkaufswagen am Stand mit den Weihnachtsleckereien vorbei.
Ihre Schwester Carolin holte tief Luft. Nun ging das wieder los! Und kaum hatte sie diesen Gedanken, schimpfte Greta weiter.
„Die spinnen doch! Es ist Mitte September, draußen brüllt die Sonne vom Himmel und wir müssen mit dem Wagen hier Dominosteine, Spekulatius, Zimtsterne und Lebkuchenherzen umschiffen. Einfach frech!“
„Mensch Greta, das ist jedes Jahr so! Ignorieren und ab zum Kühlregal, wir haben keinen Joghurt mehr.“
Noch während Greta weiter vor sich hin schimpfte, kam ihnen ein junger Mann im Kittel entgegen. Greta blitzte ihn böse an.
„Was denken Sie sich eigentlich? Bei der Wärme sollten Sie Eiswürfel verkaufen, kein Weihnachtszeugs!“
Der Verkäufer blieb irritiert stehen. Man sah ihm an, dass er nicht wusste, ob das Ernst oder Spaß war.
„Jaha, da können Sie nix drauf sagen, wie?“ Greta hatte den Einkaufswagen losgelassen und die Hände in die Hüften gestemmt.
„Oh doch, kann ich! Ich informiere Sie gerne. Das, was Sie hier sehen, ist Herbstgebäck und wird durchaus nachgefragt. Genau deshalb steht es hier.“
„Herbstgebäck! Was ist das denn für eine dämliche Bezeichnung? Und wo sind dann die Herbstmänner?“
Nun umspielte ein Lächeln das Gesicht des Verkäufers. „Falls Sie Weihnachtsmänner meinen, die kommen erst Mitte Oktober.
“ „Und warum stellen Sie den ganzen anderen Kram schon hierher?“
„Wie gesagt, das ist Herbstgebäck und wird traditionell zum meteorologischen Herbstbeginn ab dem 1. September verkauft.“
In diesem Augenblick wurde Gretas Aufmerksamkeit von einem älteren Herrn in Anspruch genommen, der ihr auf die Schulter tippte.
„Junge Frau, Sie blockieren die Spekulatius. Darf ich da mal ran?“
Greta trat entnervt zur Seite. Er griff eine Packung Mandelspekulatius und zudem Dominosteine.
Selbst das kommentierte Greta bissig. „Schmeckt das Zeugs überhaupt schon?“
„Grundsätzlich gönne ich mir Anfang September meine geliebten Spekulatius. Jetzt sind sie superfrisch – und mit einer Tasse Kaffee … hmm! Sie glauben gar nicht, wie lecker die auf dem Balkon schmecken!“ Dann schob er seinen Wagen weiter.
„Also ich hasse es, im kurzen Rock Weihnachtsprötteln zu kaufen.“
„Das ist schade“, warf nun der Verkäufer ironisch ein, „dafür, dass Sie so grantelig drauf sind, und ich eine fette Zornesfalte zwischen Ihren Augen sehe, haben Sie nämlich hübsche Beine.“
„Was fällt Ihnen ...“, brauste Greta auf, aber Carolin griff beherzt ein.
„Los, wir haben noch einiges einzukaufen!“ Mit einem leichten Schulterzucken entschuldigte sie sich quasi bei dem Angestellten und schob Greta samt Einkaufswagen Richtung Kühltheke.
„Bekommen wir hier Hausverbot, weil du andere Kunden am Einkauf von Printen und Baumkuchen hinderst, müssen wir demnächst hungern. Das ist nämlich, wie du weißt, der einzige Supermarkt, den wir von der Wohnung aus superbequem erreichen.“
„Warum musstest du auch in dieses strukturschwache Gebiet ziehen?“
„Du, jetzt reicht’s. Wenn dich hier alles stört samt mir, geh raus und warte im Auto!“
Carolin nahm ihr den Einkaufswagen weg und schob ihn zielstrebig Richtung Joghurt. In Windeseile hatte sie ein paar Becher hineingelegt, Quark und Milch dazu gepackt und lief am Kühlregal entlang, um verschiedene Käsesorten zu greifen.
Schmollend kam Greta hinterher. Ein Seitenblick rüber zum Lebkuchenstand bestätigte ihre Befürchtung. Der Supermarkt-Fuzzi beobachtete sie. Hua, wie unangenehm!
Greta wusste genau, dass ihr Auftritt peinlich gewesen war, aber sie konnte nicht anders, zu sehr erinnerte sie alles Weihnachtliche an ihre Beziehungskatastrophe des letzten Jahres.

Im Kindle-Shop: Wild auf Weihnachten

Mehr über und von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki auf ihrer Website.



13. Dezember 2017

'10 Tage Tarifa' von Elisabeth Mecklenburg

Reisetagebuch über Whale-Watching-Touren an der Costa de la Luz (Andalusien / Spanien)

Delfin- und Walfreunde kommen in der „Straße von Gibraltar“ ganz bestimmt auf Ihre Kosten! Pottwale, Finnwale, Grindwale und auch mehrere Delfinarten, wie z.B. die Orcas, können dort zu den unterschiedlichsten Jahreszeiten angetroffen werden. Manche der genannten Tiere leben das ganze Jahr dort, andere wiederum passieren zu bestimmten Jahreszeiten nur die Straße von Gibraltar, wie die Orcas und Pottwale.

In diesem kleinen Urlaubs-Reisebericht geht es in erster Linie um die Whale-Watching-Touren, welche die Autorin in Tarifa erlebt hat. Angereichert mit zahlreichen Farbfotos schildert Elisabeth Mecklenburg die Erlebnisse und Eindrücke ihres Abenteuers. Abgerundet wird der Bericht mit allgemeinen kurzen Informationen zu Land und Leuten.

An der Küste Andalusiens (Costa de la Luz) gibt es neben den faszinierenden Meeressäugern auch an Land einiges zu entdecken! Das Hinterland von Tarifa, wie auch dieser kleine, wunderschöne Ort selbst mit seiner verträumten Altstadt, warten nur darauf, entdeckt zu werden. Zudem ist Tarifa auch weltweit bekannt für seine tollen Surfer-Strände – starken Wind gibt es hier mehr als genug.

Die Autorin lädt Sie ein, an dieser erlebnisreichen Reise teilzuhaben – ein traumhaftes Stückchen Erde ein wenig kennen und vielleicht auch lieben zu lernen.

Gleich lesen: 10 Tage Tarifa: Orcas, Delfine und andere faszinierende Wale in der "Straße von Gibraltar"

Leseprobe:
Nach etwa 30 bis 35 Minuten erreichten wir die ersten marokkanischen Fischerboote. Soweit das Auge reichte, überall diese kleinen Fischerboote, verteilt auf dem Meer. Meistens waren die Fischer zu dritt oder viert in den Booten. Hin und wieder war auch mal ein etwas größeres Fischerboot dazwischen, aber überwiegend waren es kleine Boote. Unsere Fahrt ging aber immer noch weiter, wir waren noch nicht am Ziel.
In den letzten Tagen hatte ich mich so einige Male gefragt, woher firmm wusste, wann die Orcas da sind und vor allem, wo sie sind. Nun, des Rätsels Lösung steckte hier bei den marokkanischen Fischern. Katharina Heyer erzählte heute, dass einer der Fischer vor etlichen Jahren mal bei firmm gearbeitet hatte. Irgendwann sei er wieder in seine Heimat gegangen und habe von da an als Fischer sein Geld verdient. Dieser Fischer informiert nun firmm, wenn Orcas da sind und wo sie sich aufhalten. An diesem Tag lernten wir ihn auch kennen, er war auf einem der Fischerboote, als wir bei den Orcas eintrafen. Freundlich winkend wurden wir von ihm, aber auch von all den anderen Fischern, begrüßt und schon kurz danach begann das Spektakel.
Unglaublich: 16 Orcas waren in diesem Moment um unser Boot herum. Der gesamte Clan war da, auch Klein-Wilson war dabei, worüber ich mich sehr freute. Ebenso waren die beiden männlichen Orcas dieses Familienverbundes dabei. Es ist selten, dass man beide Männchen der Gruppe zusammen sieht. Man kann sie gut an der steilen, geraden Rückenflosse (Finne) erkennen. Bei den weiblichen Schwertwalen ist die Rückenflosse leicht nach vorne gekrümmt. Je älter die männlichen Tiere sind, umso höher ist auch ihre Rückenflosse.
Ein regelrechter Krimi nahm nun seinen Lauf, sowohl unter als auch über dem Wasser. Die Wale schwammen in kleinen Gruppen von einem Fischerboot zum anderen, um zu schauen, ob Thunfische an den Langleinen angebissen hatten. Dabei orientieren sie sich meistens an den roten Bojen im Wasser. Sie kommen mit dem Kopf aus dem Wasser, schauen nach den Bojen und wenn sie eine entdeckt haben, steuern sie direkt drauf zu.
Und tatsächlich, ein Thunfisch hatte angebissen! Der Wettlauf mit der Zeit begann. Die Fischer beeilten sich, die Leinen an Bord zu holen und wie wir selbst sehen konnten, ist das gar nicht so einfach, wenn ein zappelnder Thunfisch an der Leine hängt. Ein Knochenjob, wie man so schön sagt. Jetzt kam es nur noch darauf an, wer schneller war, die Fischer oder die Orcas.
In Worten kann man gar nicht so wiedergeben, was sich hier vor unseren Augen abspielte. Die Orcas waren inzwischen abgetaucht und lauerten in der Tiefe auf den richtigen Moment, oben im Boot die Fischer, die in einem rasanten Tempo mit vereinten Kräften die Langleine einholten, um den Thunfisch ins Boot zu bekommen, bevor die Orcas ihn von der Leine fraßen.
Orcas sind schlau, sehr schlau sogar. Sie fressen nicht den ganzen Thunfisch, der Kopf bleibt stets an der Leine, denn sie wissen genau, dass dort der Haken sitzt.
Plötzlich hatte ein weiteres Boot in der Nähe einen Thunfisch an der Leine und das ganze Spektakel begann von vorn.
Die Boote, die in der Nähe waren, steuerten sofort darauf zu, um den Männern an Bord zu helfen. Die Orcas waren ebenso bereits auf dem Weg zu diesem Boot und tauchten kurz vorher ab. Mit vereinten Kräften zogen die Fischer die Leine ein, aber es war zu spät, die Orcas waren diesmal schneller und hatten bereits den Thunfisch im Maul.

Im Kindle-Shop: 10 Tage Tarifa: Orcas, Delfine und andere faszinierende Wale in der "Straße von Gibraltar"

Mehr über und von Elisabeth Mecklenburg auf ihrer Website.



12. Dezember 2017

'Theaterblut' von Rita Hausen

Christopher Marlowe, ein erfolgreicher Theaterautor zur Zeit von Königin Elisabeth I., macht vor allem mit den Stücken „Tamerlan“ und „Faust“ Furore. Außerdem ist er Agent im weitreichenden Spionagenetz des Geheimdienstchefs Francis Walsingham.

1593 wird Marlowe vor das Krongericht zitiert. Ihm wird vorgeworfen, ein politisches Pamphlet verfasst zu haben und Häresien anzuhängen. Wider Erwarten bleibt er auf freiem Fuß. Er rettet sich mit Hilfe mächtiger Unterstützer vor der Verfolgung auf den Kontinent, während der Öffentlichkeit offiziell sein Tod mitgeteilt wird. Schon steigt ein neuer Stern am Theaterhimmel auf: William Shakespeare, dessen Name sich Marlowe ausborgt, um weiterhin für das Londoner Theater schreiben zu können. Er reist durch Frankreich, Italien und Spanien. Als Elisabeth I. 1603 stirbt, glaubt er, in London unter falschem Namen unbehelligt leben zu können.

In einem Gewebe von Einzel-Biographie, Dichtung und Weltpolitik wird ein Gemälde der Zeit um 1600 entworfen.

Gleich lesen:
Für Kindle: Theaterblut: Historischer Roman
Buch bei tredition

Leseprobe:
Die Sternkammer
In London herrschte der Schwarze Tod. Mit einem Schiff, das von Indien zurückkehrte, soll die Pest nach England gekommen sein. Es waren nur noch Sterbende und Tote an Bord, keiner mehr am Steuer. Das Schiff wurde von der Flut an die Küste getrieben und lief auf. Nur Ratten verließen das Wrack, huschten scharenweise an Land, schienen zugleich aus Kellern, Schuppen, Verliesen hervorzuquellen, Ratten mit Krusten an den Augen, Schorf an den Ohren, Blut an Nase und Maul, mit kahlen Stellen im stumpfen Fell. Sie brachten Tod und Verderben und gleich darauf lagen sie verendet im Dreck.
Bald vernahm man aus Häusern lautes Beten und Klagen. Wanderprediger erhoben ihre Stimmen und stellten die Pest als gerechte Strafe Gottes für die allgemeine Sündhaftigkeit dar. Quacksalber priesen wirkungslose Wundermittel an. Leichen wurden von Balkonen und Fenstern mit Seilen herabgelassen, um von Totenträgern des Nachts aufs Pestfeld gefahren zu werden.
Viele Londoner flohen aufs Land, in der Hoffnung, so der Ansteckung zu entgehen. Die ganze Stadt war ein Leichenhaus, es starben bis zum Ende des Jahres 1592 sechzehntausendfünfhundert Menschen.
Die Theater waren wegen der Pest geschlossen worden.
Der Dichter Christopher Marlowe führte auf dem Gut seines Freundes und Gönners Thomas Walsingham in Scadbury ein angenehmes Leben als Hauspoet. Sein Freund war großzügig und witzig, doch sein Blick erinnerte Marlowe manchmal an dessen Onkel, den Herrn des Geheimdienstes, der bis vor Kurzem die Spinne im Zentrum eines Netzes aus Intrigen und Spitzelei gewesen war. Er ahnte, dass sein Gönner zum Teil das Handwerk des alten Mannes geerbt hatte. Jedenfalls war sein Verhältnis zu Tom unbefangener und inniger gewesen, als Sir Francis noch lebte.
Als er in seinem Zimmer das Hufklappern auf dem Kopfsteinpflaster des Hofes hörte, hatte er böse Vorahnungen; und als er erfuhr, dass ein Kurier des Kronrates gekommen war, drehte sich ihm eine Faust im Magen um. Der Bote forderte ihn auf, unverzüglich nach London mitzukommen. Das Schriftstück, das er vorwies, kam direkt vom Kronrat, den mächtigsten Männern im Lande. Männern, die zu Tod oder Folter verurteilen konnten. Marlowe fragte den Boten, ob er den Grund für seine Festnahme kenne, er antwortete mit einem Achselzucken.
Er wurde vor die Sternkammer bestellt. Schlimmer konnte es nicht kommen. Dieses Gericht war für Anschläge auf die Verfassung von Staat und Kirche zuständig. Die Prozedur des Verfahrens wurde von Fall zu Fall ganz nach Belieben festgelegt oder geändert und, wie sich herumgesprochen hatte, immer zum Nachteil des Angeklagten. Verteidiger, Protokolle, Anklageschriften waren unbekannt.
„Ich bin so gut wie tot“, sagte er zu seinem Freund.
„Das glaube ich nicht“, antwortete Tom.
„Wie denn nicht?“
„Das erkläre ich dir, wenn du zurück bist.“
„Zurück?“, rief Marlowe, „du träumst ja wohl.“
Er umarmte Tom, stieg auf das bereitgestellte Pferd und machte sich mit dem Abgesandten auf den Weg. Ihm war schlecht vor Angst. Was würde auf ihn zukommen?
Lange bevor sie die Stadt erreichten, tauchte in der Ferne ein Gewirr aus roten Dächern auf, inmitten von hohen Kirchtürmen und rauchenden Schornsteinen. Im Licht der Sonne sah die Stadt frisch aus, überhaupt nicht wie ein Ort, an dem die Pest wütete. Sie passierten das Stadttor und Marlowe kam es so vor, als habe sich seit seinem Fortgang vor drei Wochen nichts geändert. Die Straßen waren an beiden Seiten von aufragenden Holzgebäuden gesäumt, die das Licht aussperrten. Hier lebten Arm und Reich dicht gedrängt beisammen. Markthändler priesen ihre Waren an – Milchmädchen, Quacksalber, Fischverkäufer. Hammerschläge von Zimmerleuten hallten durch die Gassen; Sänften, Fuhrwerke und Kutschen drängten sich durch das Gewimmel der Leute. Über allem hing der Gestank der Ausscheidungen von Mensch und Vieh, was Marlowe nach den Wochen auf dem Land besonders auffiel. Auch am Flussufer empfing sie fauliger Geruch. An einer Straßenecke stießen sie auf zwei Totenträger, die dabei waren, mehrere Pestleichen auf einen Karren zu heben. Marlowe wandte sich angewidert ab, hielt sich Mund und Nase mit der Hand zu und eilte schnell vorbei.
Wenig später stand er vor dem Kronrat, der in einem Raum tagte, der Sternkammer genannt wurde. Durch zwei Fenster schien die Maisonne herein und machte Streifen von gerade aufgewirbeltem Staub sichtbar. Dennoch kam Marlowe der Saal sehr düster vor. Er war rundum mit dunkler Eiche getäfelt, die Rückwand bedeckte ein Gobelin, der eine königliche Jagd zeigte. An der Decke befanden sich vergoldete Sterne auf kobaltblauem Grund.
Achtzehn Männer saßen hinter einem langen Tisch, elegant und nach spanischer Mode dunkel gekleidet mit einem dazu passenden Gesichtsausdruck. Ihre großen Halskrausen wirkten, als wären ihre Köpfe abgeschnitten und würden auf einem weißen Tablett präsentiert. Unter ihnen war Robert Cecil, der nach dem Tod von Francis Walsingham dessen Funktionen übernommen hatte und nun der Erste Staatssekretär war. Am anderen Ende saß der Erzbischof von Canterbury. Einer der Herren war Ferdinando Stanley, ihm gut bekannt als Lord Strange, ein weiterer war Robert Devereux, der Earl von Essex. Der Präsident der Sternkammer, Lord Puckering, saß in der Mitte. Er fragte Marlowe: „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“ Marlowe, um eine aufrechte Haltung bemüht, antwortete: „Vielleicht verlangt die Königin nach meinen Diensten.“ Diese Antwort schien kühn, doch nicht so weit hergeholt, denn er war schon mehrfach sowohl in Frankreich als auch in Schottland in geheimer Mission unterwegs gewesen. Lord Puckering warf einen Blick auf die vor ihm liegenden Papiere, richtete dann einen düsteren Blick auf Marlowe und entgegnete: „Ihre Loyalität der Königin gegenüber steht in Frage, Mr. Marlowe.“

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11. Dezember 2017

'Ich schenke dir den Tod' von Ralf Gebhardt

Mit dem Fund der verbrannten Überreste einer weiblichen Leiche beginnt für den halleschen Kriminalhauptkommissar Richard Störmer ein Wettlauf mit einem Entführer und Serienmörder, an dem er zu zerbrechen droht. Nahezu zeitgleich mit dem Fund einer zweiten Leiche werden mehrere Frauen während eines Klassentreffens auf dem Mansfelder Jugendherbergs-Schloss entführt, gefoltert und verbrannt.

Störmer stellt eine Verbindung zwischen den Entführungen und den gefundenen Leichen her. Der Fall sorgt für Unruhe im Privatleben von Störmer. Er verliebt sich in seine neue Nachbarin, eine Krimiautorin. Zeitgleich taucht seine fast volljährige Tochter Verena auf und bittet ihn um Hilfe. Als der Psychopath dann einen Freund von Störmer ermordet, entwickelt sich der Fall zu einem persönlichen Albtraum …

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Gleich lesen:
Für Kindle: Ich schenke dir den Tod (Krimi 39)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
(Vor dreißig Jahren)
Er wollte nicht böse sein.
Im Moment konnte er kaum unterscheiden, was schlimmer war: das Zittern seiner Hände oder die Hungerkrämpfe. Vorsichtig öffnete er die massive Holztür mit der altdeutschen Aufschrift „Luftschutzkeller, geeignet für vier Personen“.
Gierig sog der Junge die Sommerhitze ein, würgte die Vorahnung herunter. Nasskalter Moder umfing ihn schon auf der obersten Treppenstufe, ein fürchterlicher Gestank in einer zähen Mischung aus Früher und Heute. Rasch zog er die Tür hinter sich zu, damit ihm die Fliegen nicht folgten. Sein Rucksack mit der gestern gekauften Desinfektionsmittelflasche war leicht. Für Lebensmittel hatte das Geld nicht mehr gereicht. Der Monatsscheck war noch nicht in der Post gewesen.

Er folgte den ausgetretenen Sandsteinstufen und genoss die Stille des Ortes. Im flackernden Halbdunkel einer fast verbrannten Kerze konnte er ihre Gestalt auf der Liege ausmachen. Bevor er herantrat, stellte er den Rucksack mit der Flasche auf ein Regal. Dann beugte er sich hinab, um zu prüfen, ob sie atmete. Erschrocken zuckte er zurück, als sie die Augen öffnete und ihn gleichzeitig ein Schwall grün-galliger Speichelmasse nur knapp verfehlte. Geduldig wartete er das Ende eines Hustenanfalls ab und rollte ihre fleckige Wolldecke zurück.
Es wird gleich wehtun, dachte er bei sich.
Er nahm seinen alten Walkman, stülpte die Kopfhörer über und schob die Lautstärke fast auf Anschlag. Schließlich drehte er die Flasche mit dem Desinfektionsmittel auf und tränkte ein Geschirrtuch. Dann löste er die Fessel an ihrer linken Hand. Routiniert wischte er in einer schnellen Bewegung unter dem Lederriemen durch. Die klapprige Frau schrie auf. Dank der Musik sah er nur ihr verzerrtes Gesicht. Anschließend befreite er die rechte Hand. Ein Wisch mit dem Geschirrtuch ließ sie erneut das Gesicht verzerren. Jetzt erst sah er, dass sie weinte.
Mit einer Ecke des Tuches tupfte er ihr die Schweißperlen von der Stirn. Zufrieden bemerkte er, dass ihr Fieber gesunken war. Er wischte weiter, schließlich unter der Kleidung, darauf bedacht, jederzeit ausweichen zu können. Einmal, erinnerte er sich, hatte sie ihn mit ihren zahnlosen Kiefern gepackt und mit der Kraft eines Schraubstockes zugebissen, sodass das Fleisch an seinem Arm fast bis zum Knochen zerquetscht wurde. Von da an war er vorsichtig.
Er sah nicht hin, als er ihren Unterleib entblößte. Für einen kurzen Moment hörte er auf zu atmen. Dann griff er mit beiden Händen in die eklige, breiige Masse, die aus aufgequollenen Papier- und Stofffetzen bestand. Hastig stopfte er alles in eine Mülltüte. Mit dem Geschirrtuch wischte er gründlich nach, auch an den Stellen, wo er Entzündungen vermutete. Sie wimmerte. Wenn er wieder Geld hätte, würde er vielleicht richtige Windeln kaufen. Jetzt musste genügen, was da war.

Die Musik wummerte weiter in seinen Ohren, als er die mageren Beine säuberte. Damit sie nicht von der Liege fiel, beließ er die Fesseln an den Fußgelenken, umwischte sie nur mit einem Schwall Desinfektionsmittel. Zum Schluss faltete er das Tuch zu einer provisorischen Windel. Den letzten Rest aus der Flasche brauchte er, um seine eigenen Hände zu reinigen. Manchmal träumte er davon, sich Handschuhe zu kaufen.
Zufrieden schob er den Walkman in den Rucksack zurück.
Körperpflege war wichtig. Außerdem musste sie bei Kräften bleiben. Deshalb griff er nach einem angebrochenen Glas Babynahrung. Er warf zwei Beruhigungstabletten hinein und bückte sich nach der Blechschüssel, mit der er das von den Wänden laufende Wasser aufgefangen hatte. Es war genug Wasser da, um die Babynahrung zu verdünnen.
Er schüttelte das Glas, bis sich eine lockere Masse gebildet hatte. Sie versuchte, ihren Mund geschlossen zu halten. Aber dazu war sie inzwischen zu schwach. Ein kurzer Druck auf ihr Kinn genügte. Schnell schüttete er den Brei hinein, presste seine Hand auf ihren Mund und rieb ihre Kehle so lange, bis sie schluckte.

Später hörte sie auf zu weinen und sah ihn an. Die graugelbe Haut bildete einen scharfen Kontrast zum irren Glanz ihrer Augen, der dem bläulichen Flügelschlag einer schillernden Schmeißfliege ähnelte. Ihm schauderte.
Der Arzt hatte vor einiger Zeit gemeint, dass sie sich in wenigen Tagen erholen würde. Irgendwann verging jeder Anfall, das wusste er. Er hatte Angst um sie und wünschte sich sehr, sie bald wieder mit nach oben zu nehmen. Dann würde er auch wieder für sie tanzen. Er würde ihre lachenden Augen sehen, wenn er die blanken Elektrodrähte zwischen die eigenen Zehen steckte, um sich zuckend im Strom zu bewegen. Dass er danach Turnschuhe statt Sandalen tragen musste, störte ihn nicht. Wichtiger war, dass die anderen Kinder die schwarzen Brandstellen an seinen Füßen nicht sahen.
Er legte seine Stirn an die ihre: Alles wird gut. Du musst gesund werden, ja? Und ich werde tanzen.
Vorsichtig schob er ihre Hände zurück unter die Lederfesseln, sie ließ es geschehen. Kurz strich ihre aufgequollene Zunge über die rissigen Lippen. Ihr Atem wurde gleichmäßiger, sie schlief.
Zuletzt legte er die Wolldecke wieder über den fiebrigen Körper, griff seinen Rucksack, erneuerte die Kerze und stieg nach oben. Auf der letzten Stufe bekreuzigte er sich. Dann betete er leise zur Mutter Gottes.

Im Kindle-Shop: Ich schenke dir den Tod (Krimi 39)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Ralf Gebhardt auf seiner Website.



'Kaltgestellt: der Mann aus Beirut' von D.W. Crusius

Das BKA hört mehrere Handygespräche zwischen Deutschland, Damaskus, Bagdad und Grosny ab. In den Gesprächen geht es um Terroranschläge in Westeuropa und um Drogen. In aller Eile installieren das BKA und der Verfassungsschutz in einem kleinen Ort am Niederrhein eine behelfsmäßige Kommandozentrale. Aus dieser Gegend kamen die Gespräche.

Der Nahost Experte Walther Sembach, strafversetzt von Damaskus nach Deutschland, bekommt die undankbare Aufgabe, die Urheber der Telefonate zu ermitteln. Als er der Wahrheit zu nahe kommt, steht er selbst auf der Abschussliste.

Gleich lesen: Kaltgestellt: der Mann aus Beirut

Leseprobe:
Er ist noch nicht lange hier, vier Wochen. Oder fünf? In der Enge einer Gefängniszelle verliert man die Zeit. Er darf mit niemandem reden. Beim Hofgang brüllen die anderen Gefangenen anzügliche Bemerkungen. Kinderficker ist noch harmlos. Unter den Augen von sechzig oder achtzig Männern wie auf dem Präsentierteller alleine um den Gefängnishof zu laufen, ist erniedrigend. Er setzt sich lieber auf eine Bank hinten an der Mauer. Oder verzichtet auf den Hofgang.
Jeden Freitag dröhnt der Ruf – Häftlinge antreten zum Duschen – durch das Hafthaus. Ein Beamter öffnet die Zellen und in Gruppen von acht bis zehn Gefangenen gehen sie duschen. Für ihn gilt das nicht, er duscht getrennt von den Anderen.
»Ist zu Ihrem Schutz«, sagt der Schließer mürrisch, als er wissen will, warum das so ist. Justizbeamte in einer JVA werden Schließer genannt, weil sie am Gürtel viele Schlüssel tragen.
Das vergitterte Fenster seiner Zelle ist klein, vierzig mal sechzig Zentimeter, wie eine Dachluke. Mitternacht ist vorbei, der Mond steht hoch am Himmel. Er weiß nicht, wie spät es ist, sie haben ihm bei der Festnahme die Uhr abgenommen.
In der Zelle herrscht Halbdunkel und ohne die Gitter zum Gang und am Fenster hätte er es als angenehm empfunden. Er liebt die Dunkelheit. Als er sieben oder acht Jahre alt war, ist er nachts oft von zu Hause ausgerissen und alleine durch den Wald gestromert. Da war kein Vater, nur die Nachttiere. Mäuse raschelten im Unterholz und gelegentlich hörte er eine Eule, die sich laut protestierend in die Luft schwang. Der Wald war von Gräben durchzogen, die im Frühling und Herbst voll Wasser standen. Wenn er spät nachmittags, nach den Schularbeiten, mit seinen Freunden durch den Wald stromerte, schreckten sie im dichten Unterholz Rehe auf.
Die Deckenbeleuchtung im Gang brennt nur schwach. Ungewöhnlich, sonst sind Gang und seine Zelle hell beleuchtet. Er blickt zur Kamera an der Zellendecke. Die Decke ist sehr hoch, vier Meter, keine Chance hinaufzuklettern und die Linse abzudecken. Warum auch, er hat nichts zu verbergen. Den Lebensabschnitt, in dem er brisante Geheimnisse mit sich herumtrug, hat er hinter sich.
Schlafen kann er nicht, er döst vor sich hin, denkt über sein Leben nach. Er hat nicht protestiert, als man ihn festnahm. Es war die logische Folge der Ereignisse. Wie die Nacht auf den Tag folgt.
Etwas ist anders. In dieser kurzen Zeit hat er sich an die Geräusche der Justizvollzugsanstalt gewöhnt, Änderungen fallen ihm sofort auf. Da ist ein Schleifen auf dem Zementboden. Er steht auf und tritt an das eiserne Gitter zum Gang, drückt den Kopf dagegen. Überrascht bemerkt er, dass die Gittertür nicht verschlossen ist. Einen Moment ist er in Versuchung, sie ganz aufzustoßen. Er unterlässt es, es bringt nichts. Bis zur Freiheit gibt es zu viele verschlossene Gitter. Auch die Tür der Nachbarzelle steht etwas auf.
Er legt sich wieder auf die schmale Pritsche und taucht in seine Erinnerungen. Zwei oder drei Uhr morgens muss es sein. Um diese Zeit kommt sein Vater zu ihm. Das ist Jahrzehnte her, es läuft ab wie ein Film in seinem Kopf.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, flüstert sein Vater. »Ich habe dir etwas mitgebracht, Zimtschokolade, die isst du doch so gerne. Kannst du essen, Mama weiß nichts davon, das ist unser Geheimnis.«
Sein Vater setzt sich auf die Bettkante und reißt die Verpackung auf, pult das Silberpapier ab.
»Möchtest du?«
Er bricht ein Stück Schokolade ab und schiebt es dem Jungen zwischen die widerstrebenden Lippen.
Ein ungewöhnliches Geräusch aus der Nachbarzelle reißt ihn aus seinen quälenden Gedanken und er ist dankbar dafür. Jemand geht hin und her. Nicht in Filzschuhen, wie die Gefangenen sie tragen müssen, sondern in Straßenschuhen mit harten Ledersohlen. Er horcht und plötzlich weiß er, weshalb ihn das irritiert. Zwei Personen sind es. Unverständliches Geflüster. Das Licht im Gang erlischt, nur schwaches Mondlicht erhellt die Zelle. Die Schritte verstummen.
Vor seiner Zellentür sieht er den Lichtkegel einer Taschenlampe, mehrere Schatten. Die Tür seiner Zelle schwingt knarrend auf und sie kommen herein, drücken ihn auf die Liege, pressen ein stinkendes Tuch auf seinen Mund. Er spürt einen harten Gegenstand am Hals, ein elektrischer Schlag durchzuckt ihn und er kann sich nicht bewegen. Sie reißen ihn von der Pritsche und schleifen ihn über den Boden. Er spürt, wie sich seine Blase entleert.

Im Kindle-Shop: Kaltgestellt: der Mann aus Beirut

Mehr über und von D.W. Crusius auf seiner Website.



8. Dezember 2017

'Pussycat Club: Verbotene Sehnsucht' von Monica Bellini

Cat Black, Besitzerin des exklusiven Pussycat Clubs, erlebt an ihrem Geburtstag einen wahr gewordenen sinnlichen Traum. Kurz darauf tritt ER wieder in ihr Leben – der Mann, der ihr fünf Jahre lang einen Rausch sexueller Erfüllung bescherte und sie zu der begehrenswerten, unnahbaren Frau gemacht hat, die sie heute ist. Doch warum ist er zurückgekommen? Es ist gegen die selbst auferlegten Regeln …

Auch in ihrem Club drohen plötzlich alle Tabus gebrochen zu werden ... Maude entflieht der Einsamkeit nur in ihren Träumen, die sie ihrem Tagebuch anvertraut. Bis ihre Freundinnen sie in den Pussycat Club einladen – und Maudes Leben eine unerwartete Wendung nimmt. Für wenige Stunden – denn der Hot Guy Bosky ist, wie alle Pussycats, nur Teil einer Illusion. Wahre Liebe ist in der Scheinwelt sinnlicher Perfektion nicht inklusive. Oder doch?

Teil 2 der Pussycat Club-Trilogie.

Gleich lesen:
Für Kindle: Pussycat Club: Verbotene Sehnsucht
Für Tolino: Buch bei Hugendubel

Leseprobe:
Fünfunddreißig. Es ist nur eine Zahl, bete ich mir vor wie ein Mantra. Eine bedeutungslose Zahl, die sich aus anderen ergibt, die in meiner Geburtsurkunde stehen. Und doch fühlt es sich an, als ob ein Lebensabschnitt zu Ende wäre und der neue bereits begonnen hätte. Klammheimlich, still und leise. Nur macht er mir trotzdem Angst. Dieser konturlose Anfang von etwas, das ich nicht greifen kann, präsentiert sich wie ein Blatt Papier, das mit einem einzigen großen Fragezeichen beschrieben ist.
Klare Vergangenheit und nebelverhangene Zukunft. Es ist das Prinzip des Negativen und Positiven, des Pessimismus und Optimismus, des halb leeren oder halb vollen Glases. Apropos. Ich hebe das aus hauchzartem Kristall an, in dem sich mein Lieblingschampagner befindet, und setze es an die Lippen. Mein Blick gleitet über den im diffusen Licht liegenden Club, das prickelnde Getränk kitzelt meine Zunge, rinnt durch die Kehle und nimmt von mir Besitz.
Die Liebesinseln liegen verwaist, die Raumteiler sind alle versenkt. Wie jede Nacht werde ich bei diesem Anblick ein wenig melancholisch. Der Pussycat Club ohne Gäste ist wie ein Aquarium ohne Fische. Sie sind das Element, das Farbe in die Monotonie bringt.
Sebastián scheint dasselbe zu denken, denn er prostet mir mit einem nachdenklich anmutenden Lächeln zu. Aber zum Glück sieht er mich nicht mehr so an wie vorhin, als ich aus meinem Büro kam. Trotz des frischen Make-ups, mit dem ich die Spuren der vergangenen Stunden verdeckt hatte, fühlte ich mich ihm gegenüber nackt. Das Gefühl der Intimität zwischen ihm und mir hat jedoch nichts mit unseren Körpern zu tun. Nicht, dass wir einander noch nie unbekleidet – die halterlosen Strümpfe, die ich nie ausziehe, außer Acht lassend – gesehen hätten, aber das Nacktsein gehört zu unserem Beruf wie zu einem Soldaten die Uniform oder zu einem Arzt der Kittel.
Nein, ich meine damit, dass er in mich hineinsehen kann, als ob ich aus Glas wäre. Ich bin davon überzeugt, dass er weiß, dass ich Sex hatte. Und wahrscheinlich fragt er sich – falsch: sicher tut er das – mit wem. Das Wann und Wo ergibt sich aus der Tatsache, dass ich zu Beginn des Abends, als wir miteinander hier an der Bar standen, noch die ganz normale Cat war. Und Sebastián weiß genau, dass ich, solange der Pussycat Club geöffnet ist, anwesend bin: entweder in dem Cat’s Room genannten Raum, in dem ich Gäste privat empfange, oder in meinem Büro, von dem ich das Geschehen im Club beobachten kann, manchmal an der Bar – und in seltenen Fällen, nur an besonderen Abenden, auf der Bühne.
Bei meiner Ankunft vor etwa sechs Stunden war ich Cat Black, so wie man sie kennt. Jetzt habe ich glänzende Augen und geschwollene Lippen, die ich zwar mit Lippenstift bedeckt habe, aber einen Experten wie Sebastián Còrdoba kann ich nicht hinters Licht führen. Hollywoods ehemaliger Pornostar erkennt eine Frau, die fantastischen, intensiven Sex hatte – noch dazu mit zwei Männern, die sie auf jede nur erdenkliche Art befriedigt haben – sofort.
Seine dunklen Augen blitzten auf, als ich mit etwas unsicheren Schritten durch die Tür kam. Nicht, weil ich es plötzlich verlernt hatte, mit High Heels zu gehen, sondern da mich meine Beine nicht so richtig tragen wollten. Der heimtückische Überfall der beiden Männer, ihre Hände auf und ihre Schwänze in mir, hatte meine sorgsam gehütete und intakte Schutzschicht angekratzt und mich mental und physisch an meine Grenzen gebracht.
Jetzt liegt meine linke Hand auf dem goldgemaserten Marmor des Tresens neben dem Teller mit einem Stück Geburtstagstorte. Im Gegensatz zu den Pussycats und den anderen Mitarbeitern, die sich mittlerweile fast alle verabschiedet haben, fehlt nur ein kleiner Bissen. Ich habe einfach keinen Hunger, sehne mich nur nach den schützenden vier Wänden meines Appartements und meinem Bett. Doch anstatt mich – wie sonst immer – auf den Weg zu machen, liegt meine Hand auf dem marmornen Tresen und ich rühre mich nicht vom Fleck. Nur ich weiß, dass dies keine beiläufige Geste ist, sondern die einzige Möglichkeit, mir Halt zu geben. Damit ich mich nicht einfach fallen lasse. Das leichte Beben meiner Schenkel, meine harte, wunde Klit, das Pulsieren zwischen meinen Beinen – ich fühle mich immer noch … erfüllt. Von den beiden Männern, die mich nahezu rücksichtlos genommen und befriedigt hatten. In SEINEM Namen.
»Komm, ich bringe dich zu deinem Wagen.« Sebastián nimmt mir das Glas aus der Hand und legt seinen Arm um meine Mitte. »Oder soll ich dich nach Hause fahren?«
Ich wende ihm mein Gesicht zu und sehe ihn irritiert an. Dann schüttle ich vehement mit dem Kopf.
»Keine privaten Kontakte außerhalb des Clubs«, beschwichtigt er mich. »Deine eiserne Regel, ich weiß. Ich wollte dich ja auch nur heimbringen, weil du so aussiehst, als ob du nicht mehr fahren solltest.«
Mein Kopf bewegt sich immer noch hin und her, langsamer nun, als ob er auspendeln müsste.
»Ich habe nichts getrunken«, sage ich müde, doch es klingt, als ob ich mich verteidigen wollte. »Nur das halbe Glas Champagner vorhin.«
»Aber du hattest Sex. Das erste Mal seit einer Ewigkeit. Und der wirkt wie eine Droge. Glaube mir, ich weiß, wovon ich rede!«

Im Kindle-Shop: Pussycat Club: Verbotene Sehnsucht
Für Tolino: Buch bei Hugendubel

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'Stockwerk Liebe' von Maria Resco

Es war nicht gerade Connys beste Idee, den Arzttermin ausgerechnet auf den 23. Dezember, einen Tag vor Weihnachten zu legen. Wie hätte sie auch ahnen können, was sie in der Praxis ihrer Hausärztin erwartet?

Während sie in einem Nebenraum auf die Weiterbehandlung wartet, feiert das Praxisteam vorn im Empfang den letzten Arbeitstag des Jahres und lässt die Korken knallen. Plötzlich verstummt der Lärm, eine Tür fällt dumpf ins Schloss, dann ist es still. Bedrückend still.

Conny hält den Atem an, als sich ihr Verdacht bestätigt: Alle sind gegangen, sie wurde eingesperrt, man hat sie dort vergessen! Zu allem Übel sorgt noch ein technischer Defekt dafür, dass weder Telefon noch Internet funktionieren. Hoch oben im siebten Stock und von der Außenwelt abgeschnitten sieht sie sich bereits das Weihnachtsfest in Einsamkeit verbringen. Bis sie merkt, dass sie nicht allein ist.

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Leseprobe:
Freitag, 23. Dezember 2016

Conny zögerte. Was, wenn er steckenblieb, ausgerechnet heute, einen Tag vor Heiligabend? Das wäre die Krönung ihrer Pechsträhne. Sie sah es genau vor sich: Sie betritt den Fahrstuhl, drückt auf die Sieben, er setzt sich in Bewegung, dann ein Ruck – und er steht still. Nichts geht mehr. Rien ne va plus. Sie hängt fest. Irgendwo zwischen Erdgeschoss und siebtem Stock hängt sie fest.
Wie angewurzelt stand sie davor und starrte in den engen Käfig. Mit einem leisen Ratschen schob sich die Metalltür langsam zu. Impulsiv setzte sie ihren Fuß dazwischen. Sieben Stockwerke zu Fuß? Jederzeit. Nur heute nicht. Ihre Zeit war knapp bemessen und sie hatte noch kein einziges Weihnachtsgeschenk. Außerdem kam Unvorhergesehenes immer überraschend, also würde sie nicht steckenbleiben, schließlich sah sie es vorher. Diese Logik wischte ihre letzten Zweifel fort. Entschlossen betrat sie den Fahrstuhl und drückte auf die Sieben. Doch als die Tür sich wieder schloss, wich die Gewissheit einem unbehaglichen, einem bedrohlichen, einem erstickenden Gefühl. Kurzerhand quetschte sie sich durch den letzten noch offenen Spalt hinaus ins Freie und nahm die Treppe. Glück gehabt.
Abgekämpft, aber wenigstens in Freiheit, erreichte sie die Praxis von Doktor Sandra Fröhlich. Sie öffnete die schwere Stahltür und steuerte auf den Empfang zu.
»Constanze Bischoff. Ich habe einen Termin um zehn.«
»Ach so?« Patrizia, die junge MTA hinter dem Empfangstresen, zog die Augenbrauen hoch und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand.
»Ich weiß, ich bin etwas spät, aber …«
»Lassen Sie mich raten: Sie standen im Stau.«
»Ja, das auch …«
»Willkommen im Club«, flötete jemand von irgendwo hinter oder unter dem Tresen.
Patrizia lächelte verschmitzt nach unten. Ein junger Mann kniete zu ihren Füßen und streckte jetzt seinen Kopf in die Höhe. »An einem Tag wie heute …«, grinste er breit und verschwand mit seinem Schraubenzieher wieder in der Versenkung.
»Tja, sind heut etwas out of order«, erklärte Patrizia schulterzuckend. »Ich komme nicht ins System. Theoretisch kann also jeder behaupten, einen Termin zu haben.« Sie kicherte, als hätte sie einen guten Witz gemacht und blickte wieder neckisch hinunter zu dem Techniker.
Conny fand das nicht witzig. Ausgerechnet heute! Wenn sie eines nicht leiden konnte, war das Improvisation!
»Und was heißt das jetzt? Muss ich etwa wieder gehen?«
»Ach was«, rief Britta, eine weitere Arzthelferin, die gerade aus dem hinteren Bereich nach vorn marschierte. »Out of order ist heute nur unsere liebe Patrizia, wie mir scheint.«
Patrizias Grinsen verschwand augenblicklich und machte einer verlegenen Röte Platz. Britta steuerte den Aktenschrank an und öffnete die Schublade.
»Wie war der Name?«
»Bischoff«, sagte Conny.
»Das kannst du dir sparen«, sagte Patrizia. »Wir sind schon bei F.«
»Ach! B ist schon im Keller?«
Patrizia nickte.
»Und das bedeutet?« fragte Conny ungehalten.
»Nichts weiter. Nehmen Sie doch bitte im Wartezimmer Platz, Sie werden dann aufgerufen. Es ging doch früher auch ohne Computer.«
Schon, dachte Conny, aber da gab es wenigstens Patientenakten. Sie sah hinüber in den Wartebereich, der zum Empfang hin offen war. Fünf Patienten saßen dort. Was das bedeutete, war nicht schwer zu errechnen. Fünfmal eine viertel Stunde – mindestens! Sie sollte die provisorische Situation für sich nutzen.
»Es geht ja bei mir nur um die Besprechung des Routinechecks«, säuselte sie Britta zu. »Dauert nur ein paar Minuten, wenn überhaupt. Vielleicht können Sie mich ja ...«
»Vorschieben?«, fragte Britta lauter als nötig und warf Conny einen strafenden Blick zu. Aus dem Warteraum klang unwilliges Murren.
Na klar! Das hätte Conny sich ja denken können. Improvisation ohne Flexibilität! Jeder Erstsemester-Betriebswirt weiß, dass das nur in die Hose gehen kann.
»Und wie lange wird es in etwa dauern? Regulär, meine ich?«
Über ihre Brillenränder hinweg spähte Britta hinüber in den Wartebereich. »Dreißig, sagen wir, vierzig Minuten, mit etwas Glück geht’s schneller, kann aber auch länger dauern, gute Stunde vielleicht, allerhöchstens aber bis zwölf. Dann ist hier nämlich Feierabend.«
Nichts Genaues weiß man nicht, kam es Conny in den Sinn, ein flacher Spruch, den Joe gern vom Stapel gelassen hatte, und zwar immer dann, wenn die Zeit für eine konkrete Antwort reif war. Damit hatte er sie so manches Mal zur Verzweiflung gebracht. Nichts Genaues weiß man nicht! Nur eines hatte er genau gewusst: Dass er fortgehen würde. Aber das war lange her. Wie kam sie jetzt ausgerechnet auf Joe? Der war doch gar nicht ihr Problem.
Sie beugte sich den unabänderlichen Tatsachen, hängte Mantel und Schal an die Garderobe und wählte den freien Platz direkt am Fenster.

Im Kindle-Shop: Stockwerk Liebe

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7. Dezember 2017

'Wintergefühle' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Die erfolgreiche Antiquitätenhändlerin Marie lernt an einem schneereichen Abend, schon in Gedanken beim jährlichen Weihnachtsurlaub mit ihrem Lebensgefährten in der Schweiz, den neunjährigen Finn und seine Großmutter kennen. Die beiden wirbeln ihr Leben mächtig durcheinander. Für Verwirrung sorgt zudem Streifenpolizist Marvin.

Marie besinnt sich wieder auf die traditionellen Werte des Weihnachtsfestes, und so trifft sie eine folgenreiche Entscheidung ...

Ein Winterroman mit viel Herz.

Gleich lesen: Wintergefühle

Leseprobe:
Kurz danach klingelte es und die Pizzen wurden gebracht. Marie deckte schnell Teller und Besteck.
„Essen wir die nicht mit der Hand?“ Finn sah unglücklich auf das Besteck. „Wenn wir mal Pizza haben, teilt Oma die immer in so Stücke.“ Er deutete Dreiecke an.
Marie stutzte. Aber warum eigentlich nicht.
„Dann machen wir das jetzt auch so.“
Und so futterten sie die Pizza aus der Hand. Marie relaxte immer mehr, während die Mini-Katzen mittlerweile neugierig jede Ecke ihres Wohnzimmers inspizierten. Leider hing eine der beiden dann in ihren Vorhängen. Vor Schreck ließ Marie ihr Pizzastück fallen und hechtete hinzu. Aber der Schaden war schon da. Kleine Löcher waren in dem zarten Stoff entstanden. Wie nun schnell dieses Tier da weg bekommen?
„Finn! Helf doch mal!“ Leicht panisch und unsicher, wie man so eine Katze anfasste, stand sie davor.
Finn lachte, kam völlig unaufgeregt hinzu, packte das Baby im Nacken, und das Miezchen ließ bereitwillig los.
„Kleiner Tipp“, meinte Finn neunmalklug, „immer im Nacken greifen! Das kennen sie normalerweise von ihrer Mama und dann sind sie ganz sanft. Weißt du, so trägt sie nämlich die Katzenmami durch die Gegend.“
„Aha.“
Marie hatte sich noch nie wirklich mit Katzen beschäftigt. Haustiere waren kein Thema für sie gewesen. Gut, beruhigte sie sich. Wenn man die Falten des Vorhanges geschickt drapierte, würde man die winzigen Löcher nicht sehen, und morgen war das Ganze vorbei.
Finn nahm die kleine Katze mit, die interessiert an der Pizza schnüffelte, sich aber dann doch dafür entschied, ihre Schwester anzugreifen, indem sie auf sie draufsprang. Und schon kullerten die beiden über den Boden. Huch!
„Was tun die denn jetzt? Oh nein!“ Marie starrte entsetzt auf das lebendige fauchende Knäuel.
„Guck nicht so“, Finn biss herzhaft in seine Pizza, „das machen Katzen immer. Die spielen.“
„Ah ja ...“ Mit Argusaugen betrachtete Marie die kleinen quirligen Katzenkinder, die – so schnell wie sie sich zofften – wieder ein Herz und eine Seele waren und sich nun intensiv gegenseitig die Köpfchen schleckten.
„Siehste, nichts passiert.“
Immer noch schockiert, nickte Marie.
„Du hast alles alte Sachen hier“, stellte Finn mit einem Rundumblick fest.
„Ich bin Antiquitätenhändlerin.“
„Ah, das kenne ich aus dem Fernsehen. Da gucke ich auch manchmal den Trödeltrupp.“

Im Kindle-Shop: Wintergefühle

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'Auch für dich scheint die Sonne!' von Elisabeth Mecklenburg

Kleine Hilfe zur Selbsthilfe

Manchmal gibt es Situationen im Leben, in denen man „fest“ steckt – Umstände, in denen der Lebensmut fehlt, in denen man verzweifelt ist, vor lauter Verpflichtungen umkommt und an einem Punkt angelangt ist, wo einem alles über den Kopf wächst.

Dieser kleine Ratgeber liefert Ihnen Tipps, um wieder mehr Zeit für sich selbst zu haben, wieder mehr Freude am Leben zu bekommen, vor allem aber auch, um Ihr Leben wieder genießen zu können.

„Auch für dich scheint die Sonne!“ soll Ihnen ein bisschen Mut machen, aus aussichtslosen und festgefahrenen Lebenslagen selbst wieder heraus zu kommen, wieder „Land zu sehen“ wie man das so schön sagt, egal in welcher Lebenssituation Sie sich gerade auch befinden.

Gleich lesen: Auch für dich scheint die Sonne!: Sorgen, Depressionen und Ängste besiegen

Zum Inhalt:
In diesem Buch geht es um alltägliche Ängste, Sorgen, Nöte, finanzielle Sorgen, Krankheiten und Depressionen, aber auch um den täglichen Stress, dem heutzutage viele Menschen ausgesetzt sind. Zu diesen Bereichen finden Sie recht einfache, alltags-taugliche Tipps, mit denen Sie auch in schwierigen Lebenslagen eine Verbesserung erreichen können. - Neue Kraft schöpfen, die letztendlich die allgemeine Lebenslage auch wieder etwas verbessert.

Für wen ist dieses Buch geeignet?
Für jeden, der seine augenblickliche Situation verbessern möchte, der offen dafür ist, sich auf neue Wege einzulassen und auch die Bereitschaft hat, Veränderungen in seinem Leben zuzulassen.

An seinem eigenen Leben positiv etwas zu verändern geschieht nicht von heute auf morgen, sondern dies ist ein langer Prozess, der vor allem auch eine Portion Durchhaltevermögen benötigt. Nutzen Sie diesen kleinen Ratgeber als Motivations-Hilfe – hier finden Sie Unterstützung für Ihren Weg in eine erfreulichere Zukunft.

Im Kindle-Shop: Auch für dich scheint die Sonne!: Sorgen, Depressionen und Ängste besiegen

Mehr über und von Elisabeth Mecklenburg auf ihrer Website.



6. Dezember 2017

'Catch the Millionaire - Kyle MacLeary' von Lisa Torberg

„Catch the Millionaire“ des Londoner Chronicle stellt die Medienwelt auf den Kopf – und nicht nur die! Die heiratswillligen Bewerberinnen stürzen sich auf den Highland-Millionär Kyle MacLeary wie die Maden auf den Speck. Von der Londoner City in die Schottischen Highlands und wieder zurück: Eine rasante Achterbahnfahrt in die Liebe, bei der ein fehlerhaftes Computerprogramm, Schafe und ein Schloss in den Schottischen Highlands eine Rolle spielen.

Ausgerechnet Gillian, 24, etwas zu klein, etwas zu rund, wird mit der Leitung des Projekts "Catch the Millionaire" betraut. Freudig stürzt sie sich in die Aufgabe, doch schon ihr erster „Fall“ bringt sie mit seinem Wunsch nach einem „intelligenten Topmodel“ und seiner unausstehlichen Art zur Weißglut. Und auch sonst läuft nichts wie es soll. Ihr Nachbar ist der heiße Bad Boy Jayson, der ihre Sinne verwirrt. Als Gillian dann auch noch ein neuer Chef vor die Nase gesetzt wird, kann sie ihren Augen nicht trauen …

Dieser Roman ist der erste der Reihe "Catch the Millionaire".

Gleich lesen: Catch the Millionaire - Kyle MacLeary: Highland-Millionär sucht intelligentes Topmodel. Heirat nicht ausgeschlossen.

Leseprobe:
Mein Blick gleitet nach oben. Piccadilly Circus ist zwar nicht Times Square, aber die riesigen Werbetafeln sind hier ebenso unübersehbar wie in New York. Ein Mann rammt mir seinen Ellenbogen in die Seite, ein anderer drängt sich mit lautstarkem Gemurmel an mir vorbei. Montag ist tendenziell für die meisten Menschen ein schwarzer Tag, wie man an den mürrisch und unausgeschlafen wirkenden Gesichtern erkennen kann. In den Stationen der Underground sieht keiner den anderen an, alle drängen wie Roboter in die Züge und wieder hinaus. Und je näher der Arbeitsbeginn rückt, umso unsympathischer werden sie. Von der sprichwörtlichen Coolness und Gelassenheit der Londoner ist so gut wie nichts zu spüren. Ich ramme meine Heels in den Boden, um nicht wie ein Punchingball hin und her geschubst zu werden, während ich auf den übergroßen Highlander starre, der mich von der gegenüberliegenden Fassade überheblich angrinst. Catch the Millionaire blinkt es über seinem Kopf mit den vom Wind zerzausten rotblonden Haaren, die bis auf Kinnlänge sein markantes Gesicht umrahmen. Highland-Millionär sucht intelligentes Topmodel. Heirat nicht ausgeschlossen, steht quer über seinem Kilt geschrieben. Und zwar genau dort, wo ein Mann sein bestes Stück hat. Und seines entspricht dem Ausdruck in jeder Hinsicht.
Ich kann die Röte spüren, die mir bei diesem Gedanken in die Wangen schießt. Natürlich habe ich es nicht gesehen, aber als Kyle MacLeary in seinen engen Jeans auf einem der Stühle Platz genommen hatte, die in unserem VIP-Meetingroom stehen, hatte ich einen perfekten Blick auf das, was der schwarze Denim bedeckte. Und das nur, weil der Innenarchitekt, der die Büros des London Chronicle eingerichtet hat, auf Glasplatten steht. Kein Tisch im gesamten Gebäude schirmt das, was darunter ist, vor indiskreten Blicken ab. So konnte ich bei den hochsommerlichen Temperaturen der letzten Wochen, wenn die Füße gegen Ende eines langen Arbeitstages anschwollen, niemals die Schuhe abstreifen, um ihnen ein wenig frische Luft­ – und Schmerzlinderung – zukommen zu lassen. Und ich musste in den Endlosmeetings stets darauf achten, meine Knie ladylike zusammenzupressen, so wie die Männer ihre Hände bestenfalls auf ihren Oberschenkeln ablegen, und sie nicht – in vertrauter Geste – auf ihr bestes Stück zu legen. Womit ich wieder bei Kyle MacLeary angelangt war, der von der Hauswand süffisant auf mich herunter grinst.
Und nein. Er hatte sich nicht ein einziges Mal während des Treffens, bei denen ich für meine Chefin Mallory Evans das Profil des heiratswilligen Millionärs erstellte, ebendort berührt. Dafür hatte er mich ständig auf eine unergründliche Art angelächelt, Bemerkungen über graue Katzen und blinde Fledermäuse eingeworfen und mit einem »Tz, tz, tz« den Kopf geschüttelt, als ich nach einem Cookie gegriffen hatte, da der Lunch ausgefallen war. Seine verwaschenen blauen Augen, die weder die Farbe des Himmels noch die des Meeres hatten, waren durch die verdammte Glasplatte des Tisches hindurch auf der sanften Wölbung unter meinem Rockbund gelandet. Keine Rede, dass ich den Keks wie ein brennendes Holzscheit zurück auf den Teller hatte fallen lassen.
Mit einem Seufzer ziehe ich das Handy aus meiner Clutch, hebe es hoch, aktiviere die Kamerafunktion und mache das, wozu ich hierhergekommen bin: Ich fotografiere das Werbeplakat, auf dem in riesengroßen Lettern, zwischen den behaarten Schienbeinen des Schotten aus den Highlands, der mit nur neunundzwanzig Jahren mit Schafwolle und Whisky bereits ein riesiges Vermögen angehäuft hat, der Hashtag #CatchMillionaire und der Weblink des Projekts zu lesen sind.
»Meinst du wirklich, dass ein solcher Mann eine wie dich auch nur ansieht?« Ich höre die hohe, näselnde Stimme, noch bevor sich eine Tussi mit blauschwarzem Kurzhaarschnitt und blutrot bemalten, aufgeblasenen Lippen vor die Kameralinse schiebt. Ich senke das Handy und sehe sie entgeistert an. Mir fehlen die Worte! Mein Mund klappt auf und zu, doch nichts entweicht. Auch keine Luft, wie ich bemerkte, als sie mir zum Atmen fehlt und ich danach schnappe. Die Tussi zielt mittlerweile mit ihrem eigenen Handy auf das überlebensgroße Abbild, schießt ein Foto und stolziert auf ihren ellenlangen Storchenbeinen, die in hautengen schwarzen Leggings in Kindergröße stecken, davon. »Der gehört mir!«, ruft sie mir über die Schulter zu und deutet mit ausgestrecktem Arm auf Kyle. Ihre spitz zugefeilten rot lackierten Fingernägel wirken dabei wie die Krallen eines gefährlichen Raubtiers und die weiten Ärmel ihres durchscheinenden Kurzarmshirts wehen wie Fledermausflügel an ihrem schmalen Oberkörper.
Niemals! MacLeary ist zwar ein überheblicher Kerl, der mit seiner süffisanten Art und seinem Aussehen die Derbheit seiner Heimat widerspiegelt, aber so eine künstlich aufgemotzte Barbie an seiner Seite ist undenkbar. Obwohl ... Ein leises Lächeln umspielt meine Mundwinkel. Sollte sie sich melden – und ich gehe davon aus, dass sie es tun wird –, werde ich sie in den Kreis der drei Erlesenen hineinschmuggeln, die alle gemeinsam einen Tag mit ihm verbringen werden. Und dann werde ich mich im Hintergrund amüsieren, wenn sie und die anderen um die Gunst von Kyle buhlen und ihm dabei gehörig einheizen werden. Besser noch: Sie sollen ihn zur Weißglut bringen!
Aber zuvor muss ich den ersten Tag mit meinem neuen Chef überstehen, dem ich seit unserem zufälligen – erregenden, heißen, verwirrenden ... – Zusammentreffen erfolgreich ausgewichen war. Auch heute, als ich mit einem Aufatmen feststellte, dass seine Wohnungstür bereits ins Schloss fiel, als ich noch an meinem Kaffee nippte.

Im Kindle-Shop: Catch the Millionaire - Kyle MacLeary: Highland-Millionär sucht intelligentes Topmodel. Heirat nicht ausgeschlossen.

Mehr über und von Lisa Torberg auf ihrer Website.



'Ich war noch niemals in New York' von Heidrun Böhm

Lieben Sie Autobiographien, liebe Leserinnen und Leser? Dann bietet Ihnen dieses Buch etwas ganz Besonderes. Nicht ein B oder C Promi hat es geschrieben oder besser gesagt, schreiben lassen, sondern eine alleinerziehende Mutter, die ihr Leben immer wieder ‚in den Griff‘ bekommen musste.

Sie erzählt in einem einfühlsam geschriebenen Stil ihr Leben auf der schwäbischen Alb von der Kindheit bis heute. Sie erzählt, wie sie immer wieder die falschen Männer getroffen hat, wie sie manchmal verzweifelt war und sich doch immer wieder ‚am eigenen Schopf‘ aus allen Tiefen des Lebens gezogen hat. Sie beschreibt auch die glücklichen Stunden, Tage und Monate ihres Lebens.

Das Buch richtet sich vornehmlich an alle alleinerziehenden Frauen und Männer aber auch an alle Freunde von Biographien, die genug haben von den erfundenen Geschichten, die Ghostwriter unseren mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen angedichtet haben. Dieses Buch hat das Leben geschrieben und die Autorin hat es auf wunderbare Weise zu Papier gebracht.

Gleich lesen: Ich war noch niemals in New York: Autobiographie

Leseprobe:
Ich glaube nicht, dass ich wieder gesund werde. Bitte verzeiht mir, dass ich gehen möchte, in eine andere, bessere Welt. Dort werden wir uns wiedersehen. Ohne Schmerzen, ohne Ängste, und vor allen Dingen, ohne dass ich jemandem zur Last fallen muss. Ich habe getan, was ich für euch tun konnte. Gott, an den ich fest glaube, wird mich aufnehmen. Ich umarme euch. Denkt an mich, betet für mich. Eure Mutter und Oma, die euch sehr liebt.

Meine Mutter war eine Frau, die niemals klagte. Aufgewachsen in den Wirren des zweiten Weltkrieges, Flakhelferin war sie gewesen am Ende des Krieges. Danach heimgekommen, um nach einem Fliegerangriff auf ihre Heimatstadt die Trümmer ihres Elternhauses zu beseitigen. Gesehen, wie ihre eigene Mutter an Krebs starb, und erlebt, wie ihr Vater sich danach an sie klammerte, sie nicht loslassen wollte. Einen Mann geheiratet, der wegen einiger Diebstähle ins Gefängnis kam und sie vergewaltigte. Drei Kinder hatte sie ihm geboren, eines davon war geistig behindert.

Nach der Scheidung von meinem Vater hatte sie als Alleinerziehende ihr Leben gemeistert, war immer arbeiten gegangen. Das vierte Kind, das sie gebar, war ein Kuckuckskind. Sein Vater verstarb bei einem Autounfall.
Auch dieses Kind war ihr willkommen.
Später musste sie den frühen Tod ihres Sohnes akzeptieren. Lange Zeit war mir nur sein Leiden in Erinnerung.
Ich weinte, weil mein Bruder seine Begabung vergeudet hatte, weil ein vielversprechender Mann sich selbst zerstört hatte. Ich weinte um den Bruder, den ich einmal geliebt hatte. Mutter war monatelang zutiefst verzweifelt. Sie fand ihr geistiges Gleichgewicht wieder. Verarbeiten konnte sie diesen Verlust nicht. Sie genoss nun ihren Ruhestand und war gewöhnlich sehr aktiv.
Ich wohnte mit meinem Freund Karl-Heinz hundert Kilometer von ihrem Heimatort entfernt, hatte hier meine Arbeitsstelle.
Mutter und ich hatten eine Vereinbarung getroffen: Einmal wöchentlich telefonieren wir. Seit zwei Wochen hatte sie sich nicht gemeldet. „Mir geht es gut, du brauchst nicht zu kommen“, sagte sie, als ich sie erreichte. Ihre Stimme verlor den Halt, sie nuschelte.
Vor einiger Zeit war ich bei ihr gewesen, ich sah, dass es ihr nicht gut ging. Sie war aufgrund ihrer Arthrose in Behandlung und lehnte es ab, sich ein neues Kniegelenk einsetzen zu lassen. Ihr Körper war zusammengeschrumpft. Das Gehen fiel ihr schwer. Ihr, der Frau, für die es nichts Schöneres gab, als lange Wanderungen zu machen.
„Der Arzt hat alles unter Kontrolle, mach dir keine Sorgen“, sagte sie knapp. „Ich komme morgen“, entgegnete ich kurzentschlossen und legte den Hörer auf. Einige Zeit später rief mein Sohn an. Er wohnte im selben Ort wie seine Oma und hatte den Auftrag, ab und zu nach ihr zu sehen. „Die Oma macht mir die Tür nicht auf“, sagte er bestürzt.
Ich versuchte, ihn zu beruhigen, antwortete ihm, ich käme am nächsten Tag. Dann dachte ich an meine Schwester Gabi, das Kuckuckskind, die nur hundert Meter von meiner Mutter entfernt wohnte.
Sie und Mutter waren seit Jahren zerstritten, was meine Schwester auch auf mich bezog, obwohl ich mit diesem Streit nichts zu tun hatte. Ich hatte ihr einen Brief geschrieben, ihr geschildert, dass es Mutter schlecht ging, sie gebeten, nach ihr zu sehen. Eine Antwort bekam ich nicht. In all den Jahren, in denen sie verheiratet war, kam nie eine Antwort von ihr, wenn ich ihr geschrieben hatte. Es ist verdammt einfach, sich nicht zu melden, dachte ich. Die Telefonnummer meiner Schwester hatte ich, sollte ich sie anrufen? Ich entschied mich dafür, es nicht zu tun. Es machte keinen Sinn. Sie würde das Gespräch nicht annehmen, wenn sie bemerkte, dass ihre Stiefschwester am Telefon war. Karl-Heinz kam von der Arbeit nach Hause. Ich erklärte ihm, was passiert war. „Ich würde dich heute Abend noch zu deiner Mutter bringen, aber ich muss morgen wieder zeitig aufstehen“, sagte er. Das wollte ich ihm nicht zumuten. Ein Zug fuhr heute nicht mehr, und ich hatte keinen Führerschein. Sicher würde es reichen, wenn ich am nächsten Tag zu ihr ging.

Am nächsten Tag machte ich mich früh auf den Weg zum Bahnhof, fuhr mit der ersten Bahn. Während der Zug über die Schienen ratterte und ich ruhelos in einer Zeitschrift blätterte, dachte ich: Mutter wird mir die Tür aufmachen und fragen: „Warum kommst du?“ Und ich würde antworten: „Du machst mir Sorgen, warum gehst du nicht ans Telefon, wenn dein Enkel anruft? „Mutter würde lachen, mich einen Angsthasen nennen und erklären, sie sei bestimmt außer Haus gewesen, als ich angerufen habe. Sie würde mich umarmen und sagen: „Komm herein, ich mache uns Kaffee.“ Ich würde ins Wohnzimmer gehen, mich in den alten braunen Sessel am Kamin setzen und mit Mutter über Gott und die Welt diskutieren, so wie wir es immer getan hatten.
Am Ziel angekommen, nahm ich mir ein Taxi. Wenig später stand ich vor der Haustür und drückte auf den Klingelknopf. Niemand kam, keiner öffnete mir. Ich starrte durch die gläserne Tür, die zum Schutz vor Einbrechern in einen hölzernen Rahmen eingefasst war. Wieder klingelte ich. Bei meinem letzten Besuch dauerte es länger, bis Mutter öffnete, bis sie sich aufgerafft hatte und zur Tür gekommen war.
Die Minuten dehnten sich zu Stunden. Ich hatte keinen Schlüssel. Die
Nachbarin müsste einen Schlüssel haben. Die Nachbarin, diese kleine, agile Frau mit dem grauen Haarschopf und dem großen Mundwerk, die bei meiner Mutter putzte und ihr im Haushalt zur Hand ging. Mutter kam gut mit ihr zurecht. Infolgedessen machte ich mich auf den Weg zu ihr.
„Ihre Mutter öffnet mir die Tür nicht, sie reagiert auch nicht auf meine Anrufe, deshalb dachte ich, sie ist vielleicht verreist oder gar im Krankenhaus, da es ihr in letzter Zeit nicht gut ging“, sagte sie. Ich bedankte mich und versprach ihr, sie zu benachrichtigen. Meine Hand zitterte, als ich die Haustür aufschloss. Mein Herz klopfte laut. Im Haus war es totenstill. Keine Musik aus dem Radio, kein: „Hallo, wer ist denn da?“ Kein Lebenszeichen. Ich ging ins Wohnzimmer, sah dort unter dem Tisch meine Mutter liegen, bückte mich, ging in die Knie, strich ihr über das Gesicht, redete mit ihr. Sie reagierte mit einem leichten Lächeln, konnte aber nicht mehr sprechen, schien in einer anderen Welt zu sein, in die ich ihr nicht folgen konnte. „Ich hole Hilfe“, sagte ich, stand auf, und rief im Krankenhaus an.

Im Kindle-Shop: Ich war noch niemals in New York: Autobiographie

Mehr über und von Heidrun Böhm auf ihrer Website.



5. Dezember 2017

'Alter Falter' von Barbara Zimmermann

Ein Roman für die Freiheit. Eine Liebeskomödie.

Fünf Hamburger Rentner, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, erhalten einen Einberufungsbefehl für einen Grenzeinsatz in den Pyrenäen und sind vollkommen aus dem Häuschen. Raus aus den Pantoffeln und rein ins echte Leben. Auch für ihre Partnerinnen und Emils Möchtegernfreundin Mia beginnt ein neuer Lebensabschnitt mit unerwarteten Wendungen.

Allen, auch den hier unerwähnt gebliebenen Helden gemeinsam ist, dass sie keinen Gedanken mehr an ein Leben in Belanglosigkeiten und Leerlauf verschwenden. Nach dem fragwürdigen Einsatz in einem entlegenen Bergdorf beschließen Emil, Robert und Henry für einige Wochen ihre Männerwohngemeinschaft im glamourösen Nizza fortzusetzen Hier trifft Robert auf die freizügige Französin Jacqueline, die ihn nicht nur in sinnlicher Hinsicht an den Rand des Wahnsinns treibt.

Und dann kam Mitzi!

AM ENDE WIRD ALLES GUT
UND WENN ES NICHT GUT IST,
IST ES AUCH NICHT DAS ENDE.

Gleich lesen: Alter Falter

Leseprobe:
Emil traut seinen Augen nicht. Er hält die Einberufung zu einem Einsatz in den Pyrenäen in den Händen, beiliegend eine Liste, auf der steht, was er an persönlichen Sachen mitnehmen darf, und den Abholtermin der Bundeswehrsachen. Emil plant immer alles sehr organisiert, angefangen vom Kompass bis zum Blasenpflaster wird es ihm an nichts fehlen.
Da er Witwer ist, lässt er niemanden zurück. Sex kennt er nur noch aus dem Fernsehen. Seine Frau Puschel, rothaarig und auch im Alter noch begehrenswert für ihn, verließ abrupt diese Welt: schneller Herztod.
Mitten im Supermarkt verdrehte sie die Augen, ging in die Knie und segnete in seinem Beisein das Zeitliche. Er ließ sie in ihrem Sarg engelhaft ausstatten und arrangierte eine Beerdigung, die ihm einiges an Geld kostete.
In tiefer Trauer um Puschel redet er oft mit ihrem Foto, als könnte sie ihn hören, und bewahrt einen Schal auf, der immer noch Puschels Geruch an sich trägt. Er kann sich eine andere Frau an seiner Seite nicht vorstellen. Nachbarin Mia, die sich andauernd selbst auf einen Kaffee bei ihm einlädt, bekommt keine Chance. Puschel ist nicht zu ersetzen. Emil ist nicht nach einer neuen Partnerin. Dem Einsatz in den Pyrenäen sieht er gelassen entgegen und freut sich über den Tapetenwechsel.
Emil hat streichholzkurzes graues Haar und ist außer seinem Bauchansatz äußerst attraktiv für sein Alter. Seine Augen sind auffällig blau und er legt Wert auf gute Kleidung. Seine Nachbarin Mia findet ihn sensationell.
Mia geht als seine Putzfrau bei ihm ein und aus. Sie ist zuverlässig, fleißig und außerdem diskret. Ein wenig mollig ist sie, so ohne Taille, und hat mit Mode wenig im Sinn. Ihr kurzes Haar sieht immer leicht gewuschelt aus, sie trägt eine unmodische Brille und riecht meist nach Lavendel, was bei Emil jedes Mal ein Halsjucken auslöst.
Es klingelt und Mia steht mit einem Teller voller Pfannkuchen vor der Tür. Emil zögert, sie eintreten zu lassen, empfindet es aber als unhöflich, sie an der Tür abzuwimmeln, und sagt eine wenig unterkühlt: »Komm rein, Mia.«
Mia marschiert in die Küche, stellt ihren mitgebrachten Teller ab und meint, sie sei auf dem Friedhof gewesen und habe auf Puschels Grab die Blumen gegossen. Obwohl Emil findet, dass es nicht Mias Aufgabe ist, sich um Puschels Grab zu kümmern, da er es selbst jeden zweiten Tag pflegt, sagt er nichts. Stattdessen fragt er, ganz der perfekte Gastgeber: »Möchtest du Cappuccino, Latte Macchiato oder einen Café Crema?«
Dabei zeigt er mit Stolz auf seinen, erst am Vortag erstandenen, ultramodernen Kaffeeautomat und die entsprechenden Kartons mit den Kapseln.
»Gerne einen Café Crema«, antwortet Mia und klettert ein wenig ungelenk auf einen Hocker an der Essbar. Emil ist hochmodern und teuer eingerichtet. Da er und seine verstorbene Frau keine Kinder hatten, waren sie in der Lage, sich einen gewissen gediegenen Wohlstand zu erschaffen. Mia schlürft an ihrem etwas zu heißen Café.
Emil sagt: »Ich habe eine witzige Partnerseite im Internet gefunden, so nach dem Motto: Ich schnapp mir einen. Es sind dort Männer im Angebot, sortiert nach Höhe ihrer Rente. Die mit dem gehobenen Einkommen haben natürlich dementsprechend mehr Klicks als die schlechter gestellten Rentner. Es gibt nur ein Angebot mit einer Rente unter eintausend Euro – Hubert. Hubert hat keinen Klick.«
Mia rutscht beleidigt und ein wenig umständlich von ihrem Hocker und verabschiedet sich, ohne wie sonst ihre Kaffeetasse in die Spülmaschine zu stellen.
Emil findet die Partnerseite wirklich amüsant. Im Übrigen gibt es die Internetseite auch mit Rentnerinnen, die auf Partnersuche sind. Nicht nur sortiert nach Rentenhöhe, auch nach Haarfarbe und Größe. Emil klickt alle Rothaarigen an. Letztendlich ist er aber noch nicht dazu bereit und unterlässt es, einen Kontakt herzustellen.
Mia findet es unter aller Kanone, dass Emil ihr unterstellt, auf Partnersuche zu sein. Überhaupt lebten sie und ihr inzwischen verstorbener Egon seit zwanzig Jahren zusammen in dem Mietshaus und Puschel, die eigentlich Rita hieß, verhielt sich immer ein wenig von oben herab Mia gegenüber. Wäre Emil ihr nicht so sympathisch, hätte sie ihren Putz Job bei ihm schon lange geschmissen.
Im Flur trifft sie auf Lisbeth Müller, die Tratsch Tante des Mietshauses. Sie ist ein Mensch, der sich am Leid anderer ergötzt und ihnen Sachen andichtet, die einfach so nicht stimmen. Mia war zu Ohren gekommen, dass Lisbeth im Haus erzählte, sie habe schon seit Langem ein Verhältnis mit Emil und benutze den Putz Job nur als Tarnung, um in seiner Nähe zu sein. Nach Puschels Tod sei sie von nun auf gleich jeden Tag bei ihm gewesen. Pfui, Teufel!
Sie scheut sich auch nicht, ihr Ohr an eine Tür zu legen, hinter der es lauter zugeht. Aus den Bruchstücken, die sie versteht, spinnt sie neue Lügengeschichten. Jedem, dem sie im Hausflur begegnet, berichtet sie zwanghaft das nach ihrer Meinung Neuste aus dem Haus. Jeder, der ihr begegnet, sieht zu, dass er schnell weiterkommt, und will gar nichts hören. Mia ist ein gutmütiger Mensch, aber auch ihr ist das Gerede einfach mal zu viel. Sie geht schnell an Lisbeth Müller mit den Worten, sie habe eine Suppe auf dem Herd, vorbei. Denn sie findet, Notlügen sind erlaubt.
Zurück in ihrer Wohnung, pflanzt sie sich in Egons abgewetzten Ohrensessel, nicht jedoch ohne sich vorher eine Schokolade aus ihrer Naschschublade geholt zu haben, und beißt von dieser ab wie von einem Laib Brot. Denn so kann sie am besten nachdenken. Sie greift zur Fernbedienung und zappt sich durchs Mittagsprogramm. Im Mittagsmagazin verkündete der Sprecher, Rentner seien als Soldatenersatz an der Grenze in den Pyrenäen vorgesehen. Die Einwanderung habe überhandgenommen und die Politiker seien fest dazu entschlossen, dies durch Grenzeinsätze einzudämmen.
Die Europäische Union besteht nur noch aus fünf Ländern. Die bedeutendsten sind vor langer Zeit bereits ausgetreten und haben jedes für sich die jeweils alte nationale Währung wieder eingeführt. Sie hatten es satt, den finanziellen Rettungsschirm über die armen Länder zu halten und dabei selbst vor die Hunde zu gehen.
Eigentlich interessiert Mia sich nicht für Politik. Sie findet, es werde viel versprochen und wenig gehalten. Wieder zappt sie weiter und landet diesmal bei ihrer Lieblings-Soap Rosen haben Dornen.
Sie findet überhaupt nicht, dass sie Emil jemals zu nahe getreten ist. Wieder muss sie an die verstorbene Rita denken. Eines Vormittags entkalkte sie jede einzelne Kachel samt umliegenden Fugen. Doch was war der Dank? Statt eines lobenden Wortes an sie meinte Emils Verblichene, die Fenster im Wohnzimmer seien auch mal wieder an der Reihe.
Mia knüllt ihr Schokoladenpapier zu einer Kugel, schaltet den Fernseher aus und schmeißt ihren uralten Computer an. Dieser stottert sich mit lautem Summen langsam ins Internet. Dort angekommen, sucht sie die von Emil genannte Partnerseite und klickt auf Rentner zweitausend Euro.
Es tut sich ein Bildchen nach dem anderen auf. Tatsächlich mailt sie zwei Herren und sendet ihnen nur wenige belanglose Zeilen. Fünf Minuten später erhält sie von Arthur eine Antwort, die eigentlich eine Frage ist: Wieviel wiegst du?
Mia reicht es. Wütend löscht sie die Mail, schnappt sich ihr altes Hollandrad und fährt so schnell sie kann an der Alster entlang.

Im Kindle-Shop: Alter Falter

Mehr über und von Barbara Zimmermann auf ihrer Website.



'Philipp - Pakt der Piraten' von Dirk Schaary

In der Nacht durchpflügt ein Sturm das Meer. Grelle Blitze, Donnergrollen und meterhohe Wellen. Mittendrin ein wimmernder Säugling: Philipp. Er strandet auf einer Insel, die kein Mensch kennt, umgeben von einzigartiger Natur. Ein Paradies. Behütet von Laea und ihrer Sippe. Alles scheint perfekt.

John Fisk, gefesselt und gefoltert, taumelnd am Großmast der Black-Hellfire, einer Galeone - einem Piratenschiff. Geführt von seinem Rivalen Kapitän Husky und dessen Crew.

Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – Was, wenn sie aufeinandertreffen?

„Philipp – Pakt der Piraten“ ist ein abenteuerpraller Seeroman für Leser ab 10 Jahre. Er beschreibt die bewegende Geschichte eines Jungen auf der Suche nach Herkunft und Heimat (was nicht zwangsläufig das Gleiche sein muss). Das Buch ist stilistisch eine ausgewogene Mischung aus Piraten-History und Fantasy-Abenteuer. Zum einen wird die raue Welt der Seeräuberei, in der John Fisk und Kapitän Husky ihre Schlachten austragen geschildert. Zum anderen erzählt sie von einem paradiesischen Eiland, auf dem wundersame Wesen mit der Natur im Einklang leben. Irgendwo dazwischen hofft Philipp Antworten auf seine Fragen zu finden.

Gleich lesen:
Buch bei Amazon: Philipp - Pakt der Piraten: Teil 1
Buch bei Thalia: Gebundene Ausgabe

Leseprobe:
Black Hellfire

Die kräftigen Seile, welche die Hände am Großmast fixierten, sorgten für ein taubes Gefühl in den Fingern. Das raue Geflecht scheuerte an den Gelenken. Schmerzhafte Wunden traten hervor. Das weiße Rüschenhemd: Stets hatte John Fisk darauf geachtet, dass es ebenso korrekt anmutete wie der Rest seiner Erscheinung. Nun klebte es in Fetzen am geschundenen Körper. Unzählige Peitschenhiebe hatten es verschlissen. John schien am Ende ‒ dem Tode näher als dem Leben. Die Bodenbretter vor ihm knarrten, ein Schatten schob sich über ihn. Ein kühler Schwall Meerwasser platschte in sein Gesicht. Das Salz brannte in den frischen Striemen und kribbelte auf der sonnenverbrannten Haut. Er krümmte sich, prustete, gurgelte und hustete.

»Los, du erbärmliche Ratte ‒ rede endlich!«, brüllte der ehemalige Bootsmann, einen tropfenden Holzbottich in den Händen haltend. Die Worte des blonden Riesen dröhnten vom Mitteldeck der Black-Hellfire, bis weit aufs Meer hinaus.

John zog es vor, zu schweigen. Er hielt den Kopf gesenkt und wartete ab. »Ich sagte, du sollst dein elendes Maul aufmachen!«, versuchte der Mann, den alle bis dato nur Husky riefen, es erneut. Der lederne Mantel spannte unter dem Druck der massigen Muskeln. »Verrate mir, was ich wissen will, im Gegenzug verspreche ich dir einen schnellen Tod.«

Es gab nur einen Grund, warum John noch nicht zu den Haien geschickt worden war: Er besaß wichtige Informationen. Informationen zum Enneagon ‒ der Schatzkammer der Krone. Ein neuneckiges Bauwerk, hinter dessen Mauern unschätzbare Reichtümer verborgen lagen. Bewacht von einer Armee, befehligt von einem Mann, dessen Seele nicht weniger finster schien wie die von Husky.


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4. Dezember 2017

'Tod von oben' von Jürgen Ehlers

In einer Sommernacht des Jahres 1941 beobachtet die 19-jährige Sofieke, wie ein Fallschirmagent in den besetzten Niederlanden landet. Der Student Gerhard soll für die Engländer spionieren. Er wird jedoch sofort festgenommen. Gerhard entgeht der Hinrichtung nur, indem er sich zum Schein bereiterklärt, als Doppelagent für die deutsche Spionageabwehr zu arbeiten.

Arthur Seyß-Inquart, der mächtigste Nazi in den Niederlanden, ist Gerhards Nennonkel. Seine fröhlich-naive Tochter Dorli zeigt ihm den Palast, in dem sie jetzt wohnt. In dem hauseigenen Kino führt sie ihm die Wochenschau-Aufnahmen von der wunderbar versöhnlichen Rede vor, die ihr Vater bei der Amtseinführung vor einem Jahr gehalten hat. Sie ist stolz auf ihren Vater. Weder Gerhard noch sie ahnen, dass der Reichskommissar auch eine ganz andere, dunkle Seite hat.

Durch Zufall treffen Gerhard und Sofieke wieder aufeinander. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Aber die beiden sind in größter Gefahr. Ihre Gegenspieler in der SS schrecken vor nichts zurück.

Gleich lesen:
Für Kindle: Tod von oben: Liebe und Verrat in den besetzten Niederlanden, 1941-42
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Als Gerhard am Morgen in die Dienststelle kam, lag auf seinem Schreibtisch eine Ausgabe der Het Parool vom 17. Juni 1942. Christmann verfügte über seine V-Leute über Beziehungen zum Untergrund, und er schaffte es fast immer, die illegalen Zeitungen zu besorgen. Aufgeschlagen hatte er die Seite 5, auf der er einen kleinen Artikel rot umrandet hatte:
Der größte Bluthund aus Himmlers SS-Bande, sein Unterbefehlshaber Heydrich, wurde auf das tschechische Volk losgelassen und hat dort als ein tierisches Ungeheuer gewütet. Mit einigen Revolverschüssen haben ihm zwei tschechische Patrioten ein Ende bereitet. (...) Heydrich hat jetzt das Schicksal ereilt, das auch auf all die anderen Tyrannen wartet. Auch sie werden so fallen ...
Von dem Anschlag auf Heydrich hatte Gerhard natürlich schon gehört.
»Auch die anderen werden so fallen«, sagte jemand hinter ihm. Gerhard fuhr herum. Er hatte nicht gehört, wie Christmann hereingekommen war. »Dein Freund Seyß-Inquart könnte der Nächste sein!«
»Er ist kein Bluthund«, widersprach Gerhard.
»Bist du dir da so sicher?«
Gerhard hielt es nicht für nötig, auf diese Frage zu antworten.
»Ich habe noch etwas anderes für dich«, sagte Christmann. Er legte ein Foto auf den Tisch.
Das Bild zeigte einen Toten, dessen Gesicht vollkommen zerschmettert war. Nur die Kleidung ließ darauf schließen, dass es sich überhaupt um einen Menschen handelte.
»Das ist ja grauenvoll! Warum zeigst du mir das?«
»Damit du weißt, wie das Spiel läuft, Gerhard. Dies ist Hauptmann Hueting ...«
Gerhard erschrak.
»Er war Mitglied vom Ordedienst. Du hast vom Ordedienst gehört?«
»Eine Widerstandsgruppe.«
»Eine ehemalige Widerstandsgruppe. 72 Mitglieder sind am 3. Mai im KZ Sachsenhausen getötet worden. Man hat ihnen nicht den Schädel eingeschlagen, wie du nach dem Foto vielleicht denken könntest, sondern man hat sie durch Genickschuss erledigt, einen nach dem anderen. Lauter Idealisten, genau wie du. Nicht durch unsere glorreiche Polizei zur Strecke gebracht übrigens, sondern durch Verrat. Es waren zwei Niederländer, die ihre eigenen Landsleute ans Messer geliefert haben. Du wirst sie noch kennenlernen. Schreieder arbeitet gern mit den beiden zusammen.«
»Warum muss ich das sehen?«
»Damit du weißt, auf was du dich eingelassen hast. – Ach ja, selbstredend hätte dein Onkel Arthur dieses Massaker verhindern können. Er hat es nicht getan. Er hat auch nicht eingegriffen, als am 11. Mai vierundzwanzig weitere OD-Mitglieder auf dieselbe Weise getötet worden sind. – Wirklich kein Bluthund?«
Gerhard schwieg.
»Du bist ein Idealist, Gerhard. Aber Idealisten sind in diesem Geschäft fehl am Platze.«
»Ich glaube an die Moral. Ich glaube daran, dass es ein Gewissen gibt. Und was das Gewissen einem diktiert, das muss man tun.«
Christmann schüttelte den Kopf. »Es gibt keine Moral, Gerhard. Nicht in unserem Beruf. Und was du als Gewissen bezeichnest, das kannst du vergessen. Seit dem Augenblick, in dem du dich als Agent hast anwerben lassen, warst du verloren. Ich könnte sagen, in dem Augenblick hast du deine Seele dem Teufel übergeben – wenn es denn einen Teufel geben würde. Und eine Seele.«

Im Kindle-Shop: Tod von oben: Liebe und Verrat in den besetzten Niederlanden, 1941-42
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Jürgen Ehlers auf seiner Website.