27. November 2020

'El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde' von Brigitte Lamberts

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Brigitte Lamberts
Sven Ruge ist auf Mallorca endgültig angekommen. Es läuft gut bei ihm: Er macht sich als Gastrokritiker einen Namen und unterstützt seinen Freund Manuel bei der Führung von dessen Restaurants. Zufällig lernt er in den Markthallen von Santa Catalina die Schweizerin Sara Füssli kennen und verliebt sich in sie. Sven ist im Glück, denn sie erwidert seine Zuneigung. Gemeinsam erkunden sie die schönsten Orte der Insel und genießen die mallorquinische Küche.

Sara möchte mehr über die letzten Wochen ihrer jüdischen Urgroßeltern erfahren. Denn die haben sich 1940 auf der Insel das Leben genommen, um ihrer Deportation zu entgehen. Svens journalistische Neugierde ist geweckt. Doch in seine Verliebtheit mischt sich nach und nach Irritation. Irgendetwas stimmt mit Sara nicht. Sie ignoriert seine Unterstützung. Schließlich stößt Sven auf ein geheimnisvolles Gemälde und ihm wird klar, dass nichts so ist, wie es scheint. Doch die Zeit läuft ...

Für kurze Zeit zum E-Book-Aktionspreis von nur 2,99 € erhältlich.

Anleser:
Cala Illetes. Gemeinde Calvià.
Der Himmel zeigt sich in einem satten Blau, das durch vereinzelte weiße Quellwolken noch intensiver leuchtet. Die Luft riecht nach Meer. Sven Ruge steht am Strand und betrachtet die neue Tapasbar seines Freundes Manuel Muñoz. Ein großes Schild mit der Aufschrift ‚Lucía’s‘ prangt über dem flachen Satteldach aus rötlichen Schindeln. Manuel und ihm war es wichtig gewesen, das neu erbaute Strandhaus genauso zu gestalten wie das nur einige Meter entfernt stehende Restaurant von Manuel: ein Holzhaus mit großen Fenstern und einer gemütlichen Terrasse. Sie haben es geschafft! Sven ballt die Hand zur Faust und ruft laut »Yeah!«.
Er strahlt. Endlich ist die Strandbar fertig. Der Weg bis dahin war anstrengend und lang. Er hält sein Gesicht in den Wind und genießt die Wärme der Sonne, dabei erinnert er sich: Nachdem Manuel ihm die geschäftliche Partnerschaft angeboten und das Grundstück oberhalb des Strandes erworben hatte, das an sein Restaurant grenzt, war es Svens Aufgabe, die Arbeiten am Neubau zu überwachen. Kein einfaches Unterfangen.
In Deutschland braucht es schon Geduld und Nerven für ein solches Projekt, aber auf Mallorca hat so etwas eine ganz andere Dimension – es geht viel schleppender voran. Schon die Baugenehmigung einzuholen war ein Abenteuer für sich, die Bürokratie auf der Insel ist unschlagbar langsam und zugleich so kreativ, dass man aufpassen muss, später nicht die Grundsteuer für ein benachbartes Grundstück zu zahlen. Doch die Gefahr besteht in diesem Fall nicht: Die zwei Restaurants sind die einzigen auf der kleinen felsigen Erhöhung vor dem Strand. Dem Besitzer einer nahegelegenen Imbissbude, einer chiringuito, hatte Manuel ein Angebot unterbreitet, das dieser nicht ablehnen konnte. Nun haben sie die Bucht zumindest gastronomisch ganz für sich.
Auch die Bauarbeiten waren ein Erlebnis. Wie oft war er allein auf der Baustelle – weit und breit kein Arbeiter in Sicht. Doch jetzt ist alles fertig, er ist glücklich und stolz. Morgen Abend steigt die große Eröffnungsparty. Und so wie es aussieht, wird es richtig voll.

Sven nimmt die Sonnenbrille ab und wischt sich über die Augen. Für Manuel war es selbstverständlich, ihn zum Kompagnon zu machen, nach allem, was sie gemeinsam durchgestanden hatten. Sein Freund würde ohne ihn wahrscheinlich nicht mehr leben und das Restaurant wäre schon längst geschlossen, hätten nicht so viele Menschen ihm und seiner Familie in der schlimmen Zeit beigestanden. Besonders freut es ihn, dass Lucía weiterhin mit dabei ist. Während Manuel im Krankenhaus lag, hatte sie die Küche übernommen und sich als exzellente Köchin erwiesen.
Nun führt Manuel sein Restaurant weiter und die neue Tapasbar hat er in Lucías Obhut gegeben. Sie kocht und Sven ist für das Marketing und die Events in beiden Häusern zuständig. Sie haben schon einige kulinarische Themenabende im ‚Manuel’s‘ veranstaltet, bei denen Sven als Gastrokritiker und mittlerweile sehr guter Kenner der typisch mallorquinischen Küche die Gäste erfolgreich unterhalten hat.

Sven lässt die frische Meeresluft bis tief in seine Lungenflügel gleiten. Dann marschiert er über den weißen Sand zu den kleinen Steinstufen, die ihn zur Terrasse von Lucías Bar führen.
Lucía steht mit Manuel in der Küche. Die beiden debattieren heftig. »Eine Auswahl von zehn unterschiedlichen tapas, zwei verschiedene Salatteller, zwei größere Gerichte und drei Nachspeisen reichen vollkommen aus«, sagt Lucía mit funkelnden Augen. Manuel ist damit nicht einverstanden. »Meine Gäste sind eine umfangreichere Karte gewöhnt«, entgegnet er aufgebracht.
»Mag sein, aber zu unserem Eröffnungsfest braucht es nicht mehr, es sind doch alles geladene Gäste und die wissen, dass ich nur mittags geöffnet haben werde.« Lucía tritt einen Schritt auf Manuel zu und bohrt ihm den Zeigefinger in die Brust. Bevor Sven, der gerade eintritt, ein Wort an sie richten kann, schiebt Lucía nach: »Wir waren uns einig. Du verantwortest deine Küche, ich meine.« Sie holt Luft und ergänzt: »Außerdem müssen wir uns voneinander abgrenzen. Es macht keinen Sinn, wenn beide Restaurants das Gleiche anbieten.«
»Das meine ich doch gar nicht.« Manuel legt ihr besänftigend seine Hand auf die Schulter.
Lucía verdreht die Augen. »Manuel, das hatten wir schon besprochen. Ich biete eine Vielzahl unterschiedlicher tapas an und immer eine Auswahl an Salaten und bei dir bekommen die Gäste ein ganzes Menü.«
»Ja, natürlich, so ist es geplant, aber gerade bei der Eröffnung …«
Sie unterbricht ihn. »Eben. Da biete ich zusätzlich zwei größere Gerichte an und fertig.«
»Nun beruhigt euch mal«, mischt sich Sven ein. Sofort drehen sich Lucía und Manuel zu ihm um und posaunen im Gleichklang heraus: »Du hältst dich da raus.« Als sie Svens erschrockenen Gesichtsausdruck sehen, müssen beide lachen.
»Okay, kommt, setzen wir uns und dann überlegen wir gemeinsam«, schlägt Manuel vor und zeigt zur Terrasse. Lucía greift nach einer Flasche palo und einem Teller mit Zitronenschnitzen, Sven bringt eine Flasche Soda und drei Gläser zum Tisch. Nachdem Lucía den Kräuterlikör in die Gläser gefüllt hat, prosten sie sich zu. Das, was sie gemeinsam durchgestanden haben, kann ihnen niemand nehmen. Nicht die Zuneigung zueinander, nicht das Verständnis füreinander und schon gar nicht das Vertrauen ineinander.

Blick ins Buch (Leseprobe)

26. November 2020

'Wintertee ausverkauft' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Von wegen beschauliche Adventszeit!

Judith erhält das Angebot, die Leitung der umsatzstärksten Filiale des Konzerns in Hamburg zu übernehmen. Voraussetzung: Sofort!

Frisch in der Hansestadt angekommen, wartet schon das erste Problem auf sie, bevor sie überhaupt eine Nacht in ihrer neuen Wohnung verbracht hat. Aber Hausbewohner Marwin rettet sie und die beiden freunden sich an.

Im Geschäft läuft es auch nicht rund. Die Mitarbeiter untereinander sind sich nicht grün und es kommt zum Showdown. Unerwartet steht ihr gerade die Kollegin zur Seite, von der sie es am wenigsten erwartet hätte. Aber auch privat dreht sich das Karussell. Da ist der sympathische Marwin, sein anhänglicher Freund Frank, der elegante Immobilienmakler Bejo von Deckert und der attraktive Chauffeur des Konzernchefs.

Es sieht so aus, als verbringt sie das Weihnachtsfest allein. Tatsächlich?

Anleser:
Judith schlug das Herz bis in den Hals. Warum nur hatte der Konzernchef der Drogeriemarktkette sie in die Hauptverwaltung nach Hamburg beordert? Was war bloß schiefgelaufen? Hatte sie sich tatsächlich einen groben Schnitzer erlaubt, dessen sie sich nicht bewusst war?
Schon seit drei Tagen geisterten alle ungewöhnlichen Geschehnisse, die sich in den letzten Wochen im Geschäft zugetragen hatten, in ihrem Kopf herum und ließen sie nicht einschlafen. Aber da war doch nichts ... nichts, was groß anders gewesen wäre, verglichen mit den vergangenen vier Jahren. War sie etwa nur zu unsensibel, um das zu bemerken? Hatte sich eine ihrer Mitarbeiterinnen oder eine enttäuschte Kundin beschwert? Und wenn, warum nicht offen bei ihr?
Durch die nüchtern gestalteten Bürofenster mit den typischen Lamellenvorhängen zeigte sich der novembergraue Himmel von seiner trüben Seite. Dunkle Wolken bauschten sich auf, angetrieben von einem heftig pustenden, kalten Herbstwind.
Die Winterzeit schickte ihre Vorboten in den düsteren November und man schätzte wieder heiße Schokolade, Tee und Kaffee, kehrte man abends aus dem Geschäft nach Hause oder am Wochenende von einem Spaziergang zurück. Sie hätte jetzt gut einen warmen Schluck Kakao zur Beruhigung gebrauchen können, durch die kühle Sahnehaube genossen. Judith hatte nahezu den Duft in der Nase und den schokoladigen Geschmack auf der Zunge, als sie erste leise Stimmen auf dem Flur vernahm. Sie spitzte die Ohren.
Kam Herr Dr. Schiller nun hier in den Besucherraum? Ihr Herzschlag verdoppelte sich. Hoffentlich kippe ich nicht um, dachte sie, die nicht greifbare Angst herunterschluckend.
Die Tür öffnete sich und der Geschäftsführer trat ein.
Er ist schon eine beeindruckende Erscheinung, empfand Judith mit Respekt. Herr Dr. Schiller war ein großer, kräftiger Mann mittleren Alters und die Tatkraft leuchtete aus seinen wachsamen Augen. Sein sichtbar teurer Anzug und das blütenweiße Hemd in Kombination mit der Seidenkrawatte und passendem Einstecktuch untermauerte diesen Eindruck.
Er war bekannt als fairer Chef, allerdings war es auch besser für jeden der gut vierzigtausend Mitarbeiter, sein Bestes zu geben und seinen Anweisungen Folge zu leisten.
Mit drei schnellen Schritten war er bei Judith.
»Moin, Frau Jacobi, gehen wir in mein Büro.«
Judith wollte ein respektvolles »Moin« herausbringen, leider ähnelte es dann doch mehr einem kläglichen Piepsen.
»Na, wer wird denn da so aufgeregt sein?« Ein amüsierter Blick traf sie.
Oh Gott, jetzt hat er das auch noch gemerkt! Sie registrierte mit Schrecken, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
Er hielt ihr die Tür auf, ließ sie als Erste auf den Flur treten, um dann die Führung zu übernehmen.
Die Etage der Konzernspitze präsentierte sich eindrucksvoll. Hochwertige Drucke und Leinwandbilder schmückten den Gang bis zum Büro von Herrn Dr. Schiller. Im Vorzimmer saß seine Sekretärin, die Judith aufmunternd zuzwinkerte. Den angebotenen Kaffee lehnte sie ab.
Herr Dr. Schiller öffnete seine Bürotür, Judith trat ein und er schloss die Tür hinter ihnen. »Nehmen Sie Platz, Frau Jacobi.« Er deutete auf zwei schwarze Lederstühle vor seinem großen Schreibtisch, der mit allerlei Papierstapeln belegt war.
Judith sank fast ehrfürchtig in einen der mächtigen Stühle. Mit einem schnellen Blick hatte sie die exklusive Einrichtung gescannt, auch die Bilder an der Wand zeugten von teurem Geschmack. Es wirkte allerdings nicht kalt und unpersönlich, sondern durchaus einladend.
Noch bevor der Geschäftsführer sie ansprechen konnte, schellte sein Telefon. Mit einem knappen »Ja« meldete er sich, um dann ein »Jetzt nicht« anzufügen, aufzulegen – und Judith durchdringend anzusehen.
»Frau Jacobi, ich freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Sie leiten eine unserer Drogeriefilialen nun schon vier Jahre erfolgreich.«
Judith fiel automatisch ein Stein vom Herzen. Sein Tonfall war ruhig und sympathisch, da schien nichts allzu Negatives mehr zu kommen. Nur was wollte der Boss dann von ihr?
Das bekam sie sofort zu hören.
Herr Dr. Schiller faltete seine Hände und setzte die Ellenbogen auf den Schreibtisch auf. »Trotzdem werden wir die Filialleitung einer anderen Person übertragen.«
Judith musste aschfahl geworden sein, denn er beruhigte sie auf der Stelle. »Das hat natürlich einen triftigen Grund. In unserer umsatzstärksten Drogeriefiliale hier in Hamburg fällt Frau Küster aus. Sie war der gute Geist und die Seele des Geschäftes, die erfahrenste unserer Filialleiterinnen. Ihr Mann ist urplötzlich schwer erkrankt, sie wird uns verlassen und das bedauerlicherweise, allerdings durchaus verständlich, von heute auf morgen.«
»Das tut mir sehr leid«, stammelte Judith.
»Ihr Erbe ist nicht leicht auszufüllen, aber Ihr Ruf, Frau Jacobi, schallt Ihnen sozusagen voraus und da haben wir an Sie gedacht.«
»Äh ... ja ...«, Judith überlegte krampfhaft, wie sie antworten sollte, denn neue Aufregungen in ihrem Leben brauchte sie keinesfalls – und toughe Herausforderungen erst einmal auch nicht. Ihr fiel jedoch nichts Gescheites ein, ihr Kopf fühlte sich seltsam leer an.
»Ich verstehe«, fuhr Herr Dr. Schiller fort, »dass Sie sich ein bisschen überfallen fühlen, aber ich möchte Ihnen Folgendes vorschlagen ...«
Judith hörte den Ausführungen des Konzernchefs zu und es kam ihr zunehmend vor wie ein irrealer Traum. Fand sie das nun gut oder nicht? Und wieso wusste sie das jetzt nicht?

Blick ins Buch (Leseprobe)

'Schneekugelliebe: Waterkant-Liebesroman' von Nati Gilbert

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Nati Gilbert
Ein Roman über Stalking und eine romantische Liebe.

Sie: Annabelle Wilson, 31 Jahre, dunkelbraune, lockige Haare, schokoladenbraune Augen, Übersetzerin, Journalistin, Radiomoderatorin. Familienstand: Single oder doch noch verheiratet? Sie muss unbedingt ihren Beziehungsstatus klären!
Ist der Mann auf Helgoland ihr Traummann?

Er: Magnus Johannsen, 35 Jahre, dunkelhaarig, braune Augen, ein kleines Bärtchen, Meeresbiologe, liebt Helgoland. Familienstand: Witwer, eine Tochter, wird von einer Stalkerin attackiert, muss sich selbst und seine Tochter schützen.
Ist Annabelle nach langer Zeit seine neue Traumfrau?

Wird die romantische Liebe, die auf Helgoland beginnt, eine Zukunft haben?

Anleser:
Annabelle Wilson, eine einunddreißigjährige Dolmetscherin und freie Mitarbeiterin von Radio Bremen und der Nordsee-Zeitung, schlenderte über den Weihnachtsmarkt in Cuxhaven. Weihnachtszauber am Schloss Ritzebüttel. Er war einzigartig und hatte eine außergewöhnliche Atmosphäre. Das Ambiente und der Glanz rund um das Ritzebüttler Schloss waren wirklich zauberhaft. Auch in diesem Jahr gab es wieder eine besondere Attraktion. Im vorderen Schlossparkbereich befand sich eine Lichtinszenierung, den ‚Park der Sterne‘.
Annabelle liebte diese weihnachtlich geschmückten Verkaufshütten und die Krippenlandschaft mit lebensgroßen Figuren. Hier gab es ganz gemütliche Sitzecken zum Verweilen mit Glühwein, Grog und Leckereien. Die Bratwurst und das Schmalzgebäck durften auch nie fehlen.
Dieser Lichterglanz und die romantischen Weihnachtsdekorationen erinnerten Annabelle immer an ihre Zeit als Kind. Ihr Vater war ebenso weihnachtsmarktverliebt wie sie selber. Sie und ihr Vater nahmen sich unendlich viel Zeit, jeden Marktstand genauestens zu betrachten. Heimisches Kunsthandwerk, Holz- und Wollarbeiten, Töpfer- und Bastelprodukte und so vieles mehr. Dann gab es noch die vielen musikalischen Darbietungen. Annabelle liebte es, wenn vor allem Kinder ihr Können zum Besten gaben. Auf Blockflöten und Blasinstrumenten, mit Akkordeon- und Gitarrenmusik. Auch Chöre mit Weihnachtsliedern waren stets zu hören. Leider gab es mittlerweile viel zu viel elektronische Musik.
Aber auch heute war es immer noch magisch, in die glänzenden Augen der Kinder zu schauen, wenn der Weihnachtsmann kam und kleine Überraschungen bereithielt. Doch was Annabelle außerdem noch liebte, das war der Duft, der über dem Weihnachtsmarkt schwebte. Früher so wie heute. Der Duft nach Zimt, Vanille, Zitrusfrüchten, Nelke und natürlich Tanne.
Wenn Annabelle auf einem Weihnachtsmarkt war, dann suchte sie immer nach einer ganz bestimmten Schneekugel. Nicht für sich selber, sondern für ihre Freundin Silke, die sie heute noch in einem italienischen Restaurant treffen wollte. Silke fehlte die Kugel mit dem Herbstbaum und den fallenden winzigen Blättern in ihrer Sammlung. Auf einer Abbildung hatte Annabelle diese schon gesehen. Leider gab es davon nur sehr wenige, die auch noch aus den sechziger Jahren stammen müssten. Nach einer Stunde suchte sie sich einen Platz in einer Sitzecke. Zwei Plätze waren schon besetzt.
„Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte sie die beiden Teenager. „Aber klar doch. Wir gehen eh gleich.“
„Aber bitte nicht meinetwegen.“
„Nee“, gnickerten die beiden Mädchen und wurden rot. „Wir sind noch verabredet.“
Annabelle setzte sich mit einer heißen Waffel und einem Kinderpunsch, da sie noch Auto fahren musste, auf einen freien Platz.

Blick ins Buch (Leseprobe)

25. November 2020

'Schicksalspfad des Tempelritters 1 - Dedericus' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autorenseite
Anno Domini 1225 liegen weite Gebiete Europas in Schutt und Asche, bluten aus im gnadenlosen Krieg um Macht und Religion. Inmitten der Schlachten und Ränkespiele kämpft der junge Tempelritter Dedericus de Loen seinen eigenen Kampf, hin- und hergerissen zwischen Ordenspflicht, Liebe, Glaube und Zweifeln ...

Lesermeinung: Je länger man liest, desto mehr Spannung kommt auf, ohne dass sie nochmal abreißt. Die begleitende Vermittlung historischer Informationen fand ich sehr gut.

Anleser:
Nichts wies an diesem Tage im Jahre des Herrn 1225 auf das drohende Unheil hin. Sicher, vom Isenberg kommt nur der Teufel, sagte das Volk. Schon in seiner Kindheit lauschte Dedericus mit Schaudern den Geschichten über derer von Isenberg, die sich die Mägde in der Küche erzählten.
Der Teufel tanze des Nachts im Mondenschein um deren Burg. Werwölfe und Hexen raubten den Dörfern um diesen Schreckensort die Kinder und Mägde.
Die Geister der verlorenen Seelen hörte man des Nachts in den Wäldern heulen und jammern.
Aber nicht der Teufel, nicht Hexen und Werwölfe kamen mit dem Isenberg, er kam mit Feuer und Schwert über ihre Burg.
Ramus de Loen eilte auf den Turm und rief die wenigen Männer zur Verteidigung. Sein Sohn, Dedericus, bekam die Aufgabe, die Frauen und Kinder im Turm zu sammeln und zur Ruhe zu bewegen.
In kurzer Zeit stand alles in Flammen, auch der Turm konnte nicht vor den geworfenen Fackeln und den Brandpfeilen der Isenberger Mannen behütet werden.
Der Rauch biss unerträglich in den Augen und die Hitze der brennenden Bodenbohlen auf den Etagen kam immer näher. Das Bersten der Tragbalken und die einstürzenden Böden stoben Kaskaden von Funken immer tiefer in den Turm hinein.
Die Männer bemühten sich vergeblich, die brennenden Etagen zu löschen und zogen sich in ihrem Kampf immer weiter in die Tiefe des Turmes zurück.
Ein Balken des letzten Bodens stürzte brennend auf Dedericus Schwester. Mit einem Aufschrei des Entsetzens stürzte die Gräfin De Loen durch den beißenden Rauch und Funkenregen in die Flammen des brennenden Balkens, um ihr Kind zu retten.
Sie spürte nicht, wie die heiße Asche ihre Kleidung und Haut umfing. Ignorierte den Schmerz der Glut unter ihren Knien.
Dedericus sah die Männer seines Vaters den Balken von dem zerschmetterten Körper zerren, während sein Vater die brennenden Kleider seiner Mutter mit seinem Umhang zu löschen suchte.
Dieses unglaubliche Inferno um ihn herum, das Schreien, Weinen, die Gluthitze der Flammen, umgeben von Rauch und Funkenflug, ließ ihn erstarren. Das Geschehen schien ihm wie ein schrecklicher Traum, nicht wahrnehmend, dass dieser Albtraum in den Tag entsprungen war.
Der harte Griff eines Mannes erfasste seinen rechten Arm und zog Dedericus durch das Inferno. Er folgte ohne Willen und Verstehen. Dem Schock des Entsetzens ergeben.
Der junge De Loen sah, wie er in den schmalen Einstieg des Fluchtganges des Turmes gezerrt wurde, wie Knechte an ihm vorbei stürmten, um die schweren Eichenflügel des Durchganges zu versperren.
Immer tiefer wurde er in die Finsternis des Ganges gezogen. Dedericus vernahm, wie sein Vater den Befehl gab, die Stützpfeiler vor dem Gang einzubrechen. Sah Männer in der Dunkelheit verschwinden und hörte die dumpfen Schläge von Hämmern auf das schwere Holz des Gebälks.
Das Bersten der Stützen und das Geräusch des einstürzenden Ganges ließen den Boden unter seinen Füßen erbeben.
Als die Flüchtenden von dem Staub des eingestürzten Erdreiches erreicht wurden, kam erneut Leben in den Körper des jungen Mannes.
Mit einem heftigen Ruck befreite sich Dedericus von dem schmerzenden, eisernen Griff des Mannes, der ihn durch den Tunnel zog.
Mit raschem Schritt folgte er dem kaum vorhandenen Schein einer fast erloschenen Fackel. Es erschien Dedericus wie eine Unendlichkeit, bis sie zum Ausgang des Fluchtweges gelangten.
Einige der Männer hoben in schier übermenschlicher Anstrengung die schweren Bretter über ihren Köpfen, welche von dickem Erdreich bedeckt waren, aus ihren Fugen.
Von außen war der Ausgang nicht vom restlichen Waldboden zu unterscheiden.
Als die Abdeckung aufgestoßen war, stiegen die Fliehenden über die rutschigen, unebenen Stufen hinauf in den Wald, nahe dem Hellweg.

Blick ins Buch (Leseprobe)

24. November 2020

'Rowan – Bewährung als Magier' von Aileen O'Grian

Kindle | Tolino
Website | Autorenseite
Rowan ist endlich im Sumpfland bei dem berühmten Magiermeister Zwandir, dem Freund seines Großvaters Obermagier Bunduar, angekommen, um seine Ausbildung zu vollenden. Er lernt die sumpfländischen Heilmethoden kennen und vervollständigt seine Fähigkeiten in der Gedankenübertragung und -beeinflussung. Nebenbei übt er sich in ritterlichen Kampftechniken wie dem Schwert- und Lanzenkampf sowie dem Bogenschießen. Den letzten Schliff erhält Rowan auf der heiligen Insel, auf der die Priester des Sumpflandes und des Magierreichs ausgebildet werden.

Auch in dem unwegsamen Sumpfland ist Rowan vor den Feinden nicht sicher, denn selbst hier greifen die Echsenkrieger gemeinsam mit den artverwandten Nordmännern die Menschen an. Doch geschickt verteidigen sich die magisch begabten Sumpfländer auf ihre Weise. Während es den Sumpfländern gelingt, die Gefahr abzuwenden und ihre Angreifer in die Flucht zu schlagen, droht dem Magierreich, Rowans Heimat, die völlige Vernichtung.

Band 5 der Reihe um den Magier Rowan.

Anleser:
Nach einer kleinen Erfrischung führte Zwandir Rowan zum nahen Palast. Es war ein buntes, reich verziertes Gebäude aus Holz, das auf einem kleinen Hügel stand. Am großen Tor mit geschnitzten Tierfiguren gab es keine Palastwache. Trotzdem fühlte sich Rowan beobachtet. Er ließ es auf sich beruhen, weil er nicht gleich am ersten Tag neugierig erscheinen wollte. Sicher würde er eines Tages dahinterkommen.
Sie stiegen eine breite Treppe in der Mitte der Eingangshalle hoch und liefen durch einen langen Gang. An dessen Ende befand sich eine doppelflügelige Tür, die mit bunten Ornamenten bemalt war. Hier klopfte Zwandir an, öffnete selbst und trat ein. Rowan folgte ihm. Der Magier verneigte sich tief vor einem Mann, der als Einziger auf einem gedrechselten Sessel saß, während die anderen Anwesenden vor ihm standen. Rowan folgte Zwandirs Beispiel. Empfing König Matrin seine Untergebenen immer auf dem Thron? König Wilhar in der Heimat besaß überhaupt keinen Königsstuhl. Fast jeder konnte ihn jederzeit ansprechen, während Matrin unnahbar wirkte und anscheinend Audienzen gewährte. Rowan fühlte sich beklommen bei diesem Machtschauspiel.
„Eure Majestät, ich möchte Euch meinen neuen Lehrling Rowan vorstellen“, erklärte Zwandir unterwürfig.
„Ich habe schon von seiner Ankunft erfahren“, nickte Matrin gnädig. „Ich wünsche ihm einen guten Aufenthalt bei uns.“ Dann blickte er Rowan direkt in die Augen. „Übe fleißig. Es ist eine hohe Auszeichnung, im Sumpfland zu lernen.“
Rowan verneigte sich. „Ich bin für diese Gunst sehr dankbar, Eure Majestät“, sprach er leise und schaute zu Boden. Trotzdem hatte er zwei Nordmänner in der Runde wahrgenommen. Er zwang sich, gelassen zu atmen und seinen Puls ruhig zu halten. Auch wenn der Geruch der Feinde ihm Übelkeit verursachte und ihre Anwesenheit ihn beunruhigte. Was wollten die Nordmänner im Sumpfland? War er hier wirklich sicher? Warum verhielt sich der König so kühl? Sein Großvater hatte ganz andere Dinge vom Sumpfland erzählt, von Offenheit und Herzlichkeit. Gab es erneut Spannungen zwischen den beiden Ländern? Er spürte eine beruhigende Hand auf seiner Schulter, obwohl er wusste, dass Zwandir ihn hier nicht körperlich berühren würde. Warte ab, beobachte und lerne, ermunterte ihn sein Meister durch seine Gedanken.
„König Matrin, darf denn jeder unbedeutende Untertan oder Fremde eine Unterredung mit wichtigen Gesandten unterbrechen?“, giftete der größere der beiden Fremden. Er trug einen mit vielen bunten Metallplättchen verzierter Umhang. Rowan schaute ihn unter fast geschlossenen Lidern an. Sein Gesicht besaß keine glatte Haut wie die der Sumpfländer oder der Magianer, sondern war von feinen hellen Schuppen überzogen und seine Pupillen waren senkrechte Schlitze. Der zweite Nordmann schien älter zu sein, aber einen niedrigeren Rang zu bekleiden, denn sein Gewand wies nur eiserne Verzierungen auf.
„Meine Untertanen dürfen mich am Vormittag und Nachmittag aufsuchen, das ist ein seit alters her verbürgtes Recht im Sumpfland. Aber jetzt habt Ihr Zeit, mir Euer Anliegen vorzubringen.“ König Matrin lächelte die Fremden verbindlich an.
„Wir möchten mit Euch Handelsbeziehungen aufbauen. Wir sind Fischer, außerdem besitzen wir erhebliche Erzvorkommen, mehr als wir selbst benötigen, und wünschen eine Handelsniederlassung in dieser Stadt aufzubauen.“
Rowan hatte das Gefühl, dass der Kerl vor Wichtigkeit bald platzen würde. Die Selbstsicherheit der erfolgreichen Eroberer, vermutete er.
„Was können wir Euch im Gegenzug verkaufen? Wir sind ein armes Volk und leben hauptsächlich vom Fischfang und von den Sumpfpflanzen, die in der Natur wachsen und die wir sammeln“, bedauerte Matrin, er hob dabei die Schultern mit nach oben geöffneten Händen.
„Ihr habt große Wissenschaftler, wir würden gern einige begabte junge Männer von uns an Eure Schulen schicken.“ Jetzt klang der Nordmann freundlicher, fast schmeichelnd.
König Matrin nickte. „Lernen ist immer gut. Ihr beherrscht unsere Sprache hervorragend, obwohl Ihr noch nie im Land wart.“
„Wir bemühen uns immer, die Sprache unserer Gastgeber zu lernen.“ Der Diplomat verbeugte sich geschmeidig.
„Wo habt Ihr sie gelernt? Gibt es bei Euch Schulen, in denen Fremdsprachen unterrichtet werden?“ König Matrin wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Gesandten zu.
„Ja, aber auch Knappen an fernen Höfen und Händler in fremden Häfen lernen sie, wenn sie Sumpfländern begegnen.“
„Euer Lerneifer ist achtenswert“, lobte König Matrin.
„Wir würden uns gern in der Stadt umschauen. Heute Morgen brachten Eure Palastwachen uns gleich zu Euch, als wir in der Stadt spazieren gingen.“ Es klang wie ein Vorwurf.
„Bei uns ist es üblich, die Gäste zuerst offiziell zu begrüßen“, erklärte Matrin freundlich. „Ich werde Euch einen Führer mitgeben, damit Ihr die Stadt kennenlernt und Euch nicht in einem Graben oder Sumpfloch in Gefahr bringt.“
„Euer Sohn wäre eine angemessene Begleitung. Wir sind schließlich Bruder und Cousin unseres Königs Wromlux.“ Sein Dünkel ließ Rowan einen Schauer über den Rücken laufen, trotzdem hatte er sich soweit in der Gewalt, dass seine Gesichtszüge unbeweglich blieben.
„König Wromlux schickt für eine erste Begegnung gleich seinen Bruder? Wir fühlen uns geehrt“, erklärte Matrin mit einem Lächeln.
„König Wromlux weiß, wie wichtig das Sumpfland ist, und ehrt Euch entsprechend. Wir wünschen, dass Ihr es ihm gleichtut.“
Erneut störte Rowan die Selbstherrlichkeit des Mannes. Er wirkte, als wäre er schon Herr des Sumpflands. Wahrscheinlich meinten diese Wesen, dass die Sumpfländer unerfahrene Hinterwäldler wären, die sie leicht überrumpeln konnten.
„Ich bedaure, meine Söhne weilen zur Ausbildung in der Ferne.“ König Matrin ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten, dann winkte er einen jungen Mann heran. „Roschur, mein weitgereister Neffe, wird Euch herumführen. Wenn es Euch recht ist, wird er gleichzeitig unseren neuen Freund mit der Stadt bekannt machen. Er ist nämlich erst seit kurzem bei uns und ich sehe ihn heute zum ersten Mal.“ Er nickte Rowan gnädig zu.
Rowan überlief es heiß und kalt. Mit diesen unheimlichen Fremden wollte er möglichst nichts zu tun haben. Aber der König verfolgte sicher einen klugen Plan, deshalb nickte er demütig und murmelte: „Ich wäre erfreut, wenn ich an der Stadtführung teilnehmen dürfte.“
„Nur wenn du deine Feinde gut kennst, kannst du sie besiegen“, hörte er in Gedanken Zwandir sagen. Rowan verzog keine Miene und ließ sich diese heimliche Mitteilung nicht anmerken.
Die Fremden musterten ihn herablassend. Dabei spürte er, dass sie genau wussten, wer er war. Sie wussten, dass er Bunduars Enkel und der Neffe des magianischen Königs war und dass die Drachen ihn mehrmals angegriffen hatten. Aber alle spielten ein Spiel, jeder mit einem anderen Hintergedanken. Hoffentlich war Roschur erfahren und konnte die Fremden in Schach halten. Doch dann fing er einen Blick von Zwandir auf. Der Magiermeister würde über sie wachen. Er senkte schnell seine Augenlider, um sich nicht zu verraten. Zwandir hatte recht, er musste wirklich noch viel lernen – vor allem seine Gefühle im Zaum halten.

Blick ins Buch (Leseprobe)

21. November 2020

'Wenn es Liebe schneit' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Sie waren jung, verliebt, das Traumpaar schlechthin – bis er spurlos verschwand. Dreizehn Jahre später ist er plötzlich wieder da … aber er ist nicht allein.

Liam Cranford ist zu allem bereit, um das Versprechen einzulösen, das er seinem Freund gegeben hat. Hals über Kopf verlässt er mit der kleinen Maisie Labrador City. Sein Weg durch das winterliche Kanada führt ihn auf die Insel Neufundland, die er vor vielen Jahren verlassen hat.

Scarlett Winter traut ihren Augen nicht, als sie den Mann erkennt, der mit einem verletzten Mädchen in ihre Praxis stürmt. Unter anderen Umständen würde sie Liam sofort wegschicken – aber sie lebt für ihren Beruf. Schon während sie Maisie verarztet, erobert die Kleine ihr Herz im Sturm. Oder rast es wegen Liam so aufgeregt in ihrer Brust, den sie trotz allem nie vergessen hat?

Ein bezaubernder Liebesroman mit Happy-End-Garantie aus dem verschneiten Kanada.

Anleser:
Mit beiden Händen umfasst Scarlett Winter die Tasse, schließt die Augen und atmet tief ein. Der aromatische Duft nach schwarzem Tee, Honig und Zitrone verdrängt für einen Moment den Gedanken an das immer noch nicht leere Wartezimmer. Nicht jedoch den an Stephens Anruf, der weitere vier Hausbesuche zu erledigen hat, bevor er heimkommt. Sie arbeiten zu viel. Alle beide. Zum Glück hat July es schon immer vorgezogen, allein zu lernen, sonst hätten sie jetzt ein Problem. Aber zwölf ist nicht zwei, und die Zeiten, als sie ein Problemkind war, liegen lang zurück. Dennoch wünscht sich Scarlett seit Wochen immer öfter, am Rad der Zeit drehen zu können. Anfangs hat sie sich nur ein Jahr zurückgesehnt, an den Tag, an dem sie den Vertrag mit der Organisation Ärzte ohne Grenzen unterschreiben wollte – und es nicht getan hatte. Hätte sie nur! Dann wäre sie bei Ausbruch der weltweiten Pandemie in Uganda gewesen und nicht in Mount Pearl.
Ein Anflug von Wut erfasst sie. Sie reißt die Augen auf und schüttelt den Kopf. Was für ein idiotischer Gedanke!
Sie hebt die Tasse an, setzt sie vorsichtig an die Lippen und trinkt einen ersten Schluck. Das heiße Getränk erfüllt sie mit Wärme und vertreibt das Gefühl der Kälte, das sie bereits seit dem Aufstehen verspürt. Als ob sie nicht in ihrem wohltemperierten Zimmer unter der Daunendecke geschlafen hätte. Ein Schauer erfasst sie, dabei liegen die Temperaturen für Ende November im Durchschnitt, und es ist normal, dass sie nachts unter den Gefrierpunkt sinken. Neufundland ist nun einmal nicht am Äquator, sondern nicht weit vom nördlichen Polarkreis entfernt. Doch die Gänsehaut auf ihren Armen, die von dem dunkelblauen Wollpulli bedeckt ist, dessen Bündchen aus den Ärmeln des weißen Kittels hervorblitzen, hat nichts mit Kälte zu tun. Vielmehr ist es dieses Gefühl, für das sie immer nach wie vor keinen Namen gefunden hat.
Nostalgie nach Afrika kann es nicht sein, weil sie noch nie dort war, obwohl sie schon mit sechzehn ihren Lebensplan klar skizziert hatte. Highschoolabschluss mit siebzehn, College, Studium, Approbation, unmittelbar danach ein Jahr Afrika als frischgebackene Ärztin, um den Ärmsten der Armen zu helfen, gefolgt vom Eintritt in die Familienpraxis. Im Grunde genommen hat sie die ersten drei und den letzten Schritt durchgezogen. Das sind immerhin vier von fünf, sprich achtzig Prozent – und sie ist gerade erst dreißig geworden.
Ein Klopfen an der Verbindungstür zu Stephens Praxisraum, die zugleich aufschwingt, unterbricht ihre Grübelei.
»Hast du ausgetrunken?« Lizzie schiebt sich eine vorwitzige Haarsträhne hinters Ohr und schaut sie besorgt an.
Scarlett hebt die Tasse an die Lippen, leert sie, setzt sie ab und nickt mit einem erzwungenen Lächeln. »Jetzt schon.«
Ihre Stimme klingt so müde, wie sie sich fühlt.
»Du arbeitest zu viel, schläfst zu wenig, vor allem aber grübelst du zu viel. Hör auf damit, Scarlett. Du trägst nicht das Schicksal der ganzen Welt auf deinen Schultern.«
Nein, zum Glück nicht, sie hat mit ihrem eigenen schon genug zu tun. Nur braucht sie niemanden, der sie auch noch darauf hinweist, dass einfach nichts so läuft, wie es sollte. Oder wie sie es sich wünscht. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ihre beste Freundin einzustellen, als die langjährige Mitarbeiterin ihres Vaters in den Ruhestand gegangen war. Sie hätte sich damals gegen Stephen durchsetzen sollen.
»Überlegst du schon wieder, mich rauszuschmeißen?« Lizzie fixiert sie und legt dabei die Stirn in Falten. Nur das Zucken ihrer Mundwinkel verrät ihre Erheiterung.
»Aber nein, wie kommst du denn darauf?« Scarlett verdreht die Augen.
»Ich sehe es dir an.« Lizzie grinst, nähert sich ihrem Schreibtisch und greift nach der Tasse. Dann macht sie kehrt und geht ein paar Schritte, bevor sie im Türrahmen stehen bleibt und sich zu ihr umdreht. »Du solltest versuchen, endlich einmal durchzuschlafen.«
»Und wie soll das gehen?«
»Das fragst du mich, Frau Doktor? Du hast Medizin studiert und kennst all die Mittelchen gegen Schlaflosigkeit. Aber da du mich schon um Rat bittest ...«
Scarlett schüttelt seufzend den Kopf. Lizzie hat diese Art von Kommunikation, mit der sie ihr Gegenüber zwingt, sie zum Weitersprechen aufzufordern, bereits mit sechs beherrscht. Möglicherweise bereits, als sie noch im Kindergarten waren. So genau kann Scarlett sich nicht erinnern.
»Jetzt sag schon!« Genervt greift sie nach einem der Plastikkugelschreiber, die sie als Gadgets an ihre Patienten verschenken, und wirft ihn Richtung Tür. Er trifft zwar nicht Lizzie, da er einen halben Meter vor ihr zu Boden fällt, aber das improvisierte Wurfgeschoss erfüllt seinen Zweck.
»Sex soll helfen, habe ich gehört. Das solltest du vielleicht wieder einmal ausprobieren.«
»Raus!« Scarlett greift blitzschnell nach dem nächsten Kuli, holt aus – und trifft wieder nicht. »Und lass den Nächsten rein«, ruft sie ihrer Freundin nach, die lachend die Tür zu Stephens Praxisraum hinter sich zuzieht.
Kurz darauf öffnet Lizzie nach einem kurzen Klopfen die andere Tür, hinter der sich der Eingangsbereich mit dem Warteraum der Praxis befinden, und lässt Lorna Peddle eintreten. Die ist schon seit Jahrzehnten Patientin der Winters, früher bei Scarletts Großvater, später bei ihrem Vater, jetzt bei ihr und Stephen.
»Sie müssen bei dem Wetter doch nicht herkommen, Lorna.« Scarlett geht ihr entgegen und reicht ihr die Hand zum Gruß.
Die alte Frau, die in der Grundschule ihre erste Lehrerin gewesen ist, lächelt sie an. »Solange ich gehen kann, werde ich doch Stephen nicht zwingen, auch noch bei mir einen Hausbesuch zu machen. Der hat ohnehin genug mit all diesen Hypochondern zu tun.«
Scarlett verbeißt sich die Bemerkung, die ihr auf der Zunge liegt. Manche Menschen wollen einfach nicht begreifen, dass es den Coronavirus tatsächlich gibt und es sich dabei nicht um die fantasievolle Erfindung irgendwelcher Staatsfeinde handelt. Andererseits kann sie derartige Meinungen auch irgendwie verstehen, denn in der ganzen Provinz Neufundland und Labrador wurden seit Beginn der Pandemie insgesamt nur wenige Hundert Infektionen verzeichnet, und hier bei ihnen, auf der Insel Neufundland, gibt es schon seit vielen Wochen keinen einzigen neuen Fall mehr. Aber Lorna Peddle gehört nicht zu denjenigen, die diesen pandemischen Virus als Lappalie abtun. Sie kann nur nicht verstehen, weshalb manche ihrer Altersgenossen ihre Häuser so gut wie nie verlassen, ständig ihre Wehwehchen beklagen und ihren Hausarzt bei jeder Kleinigkeit anrufen, damit er bei ihnen vorbeischaut. Die bezeichnet Lorna als Hypochonder. Damit hat sie nicht unrecht. Stephen legt jeden Tag viele Kilometer für Hausbesuche zurück, die eigentlich nicht nötig sind. Zumindest nicht, um körperliche Schmerzen zu lindern. Doch sie beide sind Ärzte und unterschätzen die Einsamkeit mancher ihrer Patienten als psychosomatische Ursache von Krankheitssymptomen nicht. Das ist es, was Lorna Peddle nicht versteht – sie leidet ja wahrlich nicht unter dem Alleinsein, aber sie ist störrisch und vergisst gern, dass sie die siebzig bereits überschritten hat.
»Darum geht es nicht, Lorna, das wissen Sie doch. Bei diesen Temperaturen besteht die Gefahr, dass es schneit, und der Schnee bleibt liegen und wird zu Eis, auf dem man ausrutschen kann.«
Lorna legt den Kopf mit den silberfarbenen Löckchen schräg und schaut sie nachdenklich an. »Kindchen, seit wann bist du denn heute schon hier eingesperrt?«
Scarlett verkneift sich ein tiefes Aufseufzen. Je älter Menschen werden, umso mehr ähneln sie kleinen Kindern. Konzentrationsdefizit, plötzliche Themenwechsel, manche brauchen Windeln. Bis dato hat Lorna aufgrund ihres Diabetes nur an unkontrollierbarem nächtlichem Harndrang gelitten, jetzt kommen offenbar auch die anderen Symptome dazu.
»Ich bin freiwillig hier, Lorna, nicht eingesperrt«, erklärt sie geduldig.
»Was aber nichts daran ändert, dass du offenbar nicht einmal beim Fenster hinaussiehst, denn sonst hättest du bemerkt, dass es schon seit Mittag schneit.«
Entgeistert wendet Scarlett den Kopf zum Fenster. Zwar schützt die Halbgardine vor unliebsamen Blicken von draußen, dennoch sind die großen Schneeflocken darüber nicht zu übersehen, noch weniger der riesige feuerwehrrote Pick-up, der soeben mit quietschenden Bremsen unmittelbar vor dem Haus hält. Sie kann zwar nur noch einen Teil des Hecks sehen, aber sie ahnt, dass es sich um einen Notfall handelte, noch bevor sie schwere Schritte und lautes Weinen aus dem Wartezimmer hört.
»Lorna, macht es Ihnen etwas aus, noch ein wenig zu warten?«
Die alte Frau schüttelt den Kopf und steht eilig auf. »Die Zuckerwerte und den Blutdruck kann Lizzie doch auch messen.« Sie deutet auf die Tür zu Stephens Praxisraum und ist bereits hindurch, als Scarlett die Klinke der anderen umfasst und sie weit öffnet.
Unmittelbar vor sich sieht sie ein Kind, ein kleines Mädchen mit weizenblonden lockigen Haaren, das von zwei starken Armen gehalten wird. Ihre Augen sind geschlossen und große Tränen kullern über ihre Wangen. Sie hält sich eine Hand mit der anderen.
Zumindest kein Blut, denkt Scarlett dankbar, tritt einen Schritt zur Seite und sagt, ohne aufzusehen: »Legen Sie Ihre Tochter da drüben auf die Liege.«
Noch während sie spricht, geht der Mann an ihr vorbei und sie hält den Atem an. Keine Jacke. Breite Schultern, schmale Hüften, enge Jeans, Boots. Sie inhaliert seinen Anblick wie ein Junkie das erste Dope am Ende einer langen Dürreperiode. Im Hintergrund hört sie das leise Wimmern des Mädchens – und kommt wieder zu sich. Resolut schließt sie die Tür hinter sich und geht zur Liege, wo der heiße Kerl das Kind ablegt.
»Sagen Sie mir bitte, was passiert ist?«
Sie hat die Frage noch nicht beendet, als ein Ruck durch den Körper des Mannes geht. Er versteift sich, dann richtet er sich auf und wendet sich langsam um.
Scarlett hebt den Kopf – und erstarrt.
Der Wahnsinnstyp ist nicht irgendeiner, sondern Liam Cranford. Derjenige, der ihr vor dreizehn Jahren das Herz gebrochen hat, als er von einem Tag auf den anderen mit seiner Familie aus Mount Pearl verschwunden ist.

Blick ins Buch (Leseprobe)

20. November 2020

'DER TOD KENNT DEIN GEHEIMNIS: Gordon Rabes vierter Fall' von H.C. Scherf

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Die Würde des Menschen ist unantastbar

Dieser wichtigste Artikel des Grundgesetzes wird in abstoßender Art und Weise von Menschenhändlern missachtet, als sie junge Frauen in Containern ins Land schmuggeln.

Das Team um Gordon Rabe muss nicht nur um das Leben von unschuldigen Frauen bangen, die von brutalen Händlern zur Prostitution gezwungen werden.

Ein scheinbarer Suizid wirft viele Fragen auf, deren Antworten ungeahnte Familiengeheimnisse preisgeben. Die Lösung scheint so einfach, bis eine unerwartete Wendung alle schockt.

Der vierte Band der Thriller-Reihe um den Ermittler Gordon Rabe.

Anleser:
Schon längst hatte die Nacht ihre Schleier über den Essener Stadthafen am Rhein-Herne-Kanal gedeckt, als am Anlegebereich Hektik aufkam. Container, die mit einem Kahn aus den Niederlanden transportiert worden waren, warteten darauf, gelöscht zu werden. Zwei der vier Brücken- und Portalkrane waren besetzt und griffen wie gewaltige Geisterfinger nach den schweren Behältern, die sofort auf wartende LKWs verladen wurden. Was in dieser Nacht für geübte Betrachter ungewöhnlich hätte erscheinen können, waren die beiden dunklen Limousinen, die in einiger Entfernung warteten. Ihre Insassen beobachteten genau, welchen Weg die einzelnen Container nahmen. Schließlich hängten sie sich an zwei bestimmte LKWs auf den Weg durch den Essener Norden.
Boris Bogdanow, was so viel bedeutete, wie Gottesgeschenk, verließ den großräumigen Mercedes und eilte auf den Fahrer des ersten Lastwagens zu, der schwerfällig vom Führerhaus auf den Schotter des Ladehofes stieg. Er rechnete nicht mit der Reaktion des heraneilenden Boris und musste die volle Wucht des Schlages gegen die rechte Niere hinnehmen. Er knickte in den Knien ein und konnte nur mit Mühe verhindern, dass seine Stirn gegen die Metallstufen des Wagens stieß. Als er sich am Boden wand, erwischte ihn abschließend die Fußspitze seines Auftraggebers in die Rippen. Während er sich schützend zusammenkrümmte, schrie er neben dem Schmerz die Frage heraus: »Was soll die Scheiße? Es hat doch alles hervorragend geklappt. Du bringst mich ja um.«
Mit in die Seiten gestemmten Fäusten stand Boris breitbeinig über dem Fahrer, wobei seine Augen zu schmalen Schlitzen geschlossen waren.
»Da liegst du nicht einmal falsch. Alles in Ordnung, sagst du? Nichts als Scheiße hast du im Hirn. Was glaubst du, hier zu transportieren, du Wahnsinniger? Du kannst diese Container nicht befördern, als wären da Stofftiere drin. Die Ware ist nur dann wertvoll und wirft hohe Gewinne ab, wenn sie gut erhalten ist. Geht das in deinen Schädel rein? Du heizt damit über die Straßen, als würdest du nach Zeit bezahlt. Ich sollte dir für diesen miesen Job keinen Rubel zahlen. Hörst du? Nicht einen Rubel. Wenn darin irgendwas beschädigt wurde, werfe ich dich ins Hafenbecken.«
Boris nahm den Stiefelabsatz wieder vom Ohr des Fahrers, den er dorthin gesetzt hatte. Als er schon mehrere Meter entfernt war, drehte er sich noch einmal um.
»Fahr die Kiste in die Halle und setz den Container vorsichtig auf dem Boden ab. Höre ich auch nur ein falsches Geräusch, bist du tot.«
Jewgeni, der Fahrer wusste genau, dass Boris meinte, was er sagte. Man hörte hier und da von den drakonischen Strafen bei Verrat oder Versagen. Der Boss hatte schon für weit weniger als das hier Leute beseitigen lassen. Er stieg wieder fluchend ins Führerhaus und rangierte rückwärts in die riesige Halle, wo eine Schar von Männern wartete. Betont vorsichtig senkte er den Behälter auf den Boden und beeilte sich damit, das Fahrzeug wieder nach draußen zu bewegen. Boris wirkte zufrieden und fasste mit an, als die Plomben entfernt und die Verschlüsse geöffnet wurden. Etliche Handlampen blitzten auf und beleuchteten den Innenraum des ersten Containers. Über dreißig Augenpaare richteten sich ängstlich auf die Männer, die neugierig die Ware betrachteten, die man ihnen angekündigt und nun mit Verzögerung endlich geliefert hatte.
Der Transport hatte sich durch unvorhersehbare Umstände um zwei Tage weiter hinausgezogen. So wunderte sich keiner darüber, dass die LED-Leuchten längst ihre Akkus aufgebraucht hatten und im Innenraum schon lange absolute Dunkelheit geherrscht haben musste. Sofort erkannte Boris, dass sämtliche Behälter, in denen man bei Transportbeginn Wasser bereitgestellt hatte, bis auf den letzten Tropfen geleert worden waren. Einige der Frauen hockten auf dem Boden und zeigten Wunden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Kampf um das lebensnotwendige Nass entstanden waren. Nur mühsam erhoben sie sich in der Hoffnung, nun endlich in die versprochene Freiheit entlassen zu werden. Schützend hielten sie die Hände vor die Augen. Besondere Aufmerksamkeit brachte Boris Bogdanow einer Frau entgegen, um die sich zwei andere fürsorglich kümmerten. Um nach dem Rechten zu sehen, näherte er sich. Er stockte, als sich ihm eine fast gleichgroße dralle Frau mit wilden Augen in den Weg stellte.
»Fass sie bloß nicht an. Sie ist tot. Ihr habt sie umgebracht, ihr verfluchten Menschenschinder. Sie ist schon gestern gestorben. Niemand hat uns darauf vorbereitet, dass diese Teufelsfahrt so lange dauern würde. Habt ihr uns über Australien verschifft? Von der Ukraine bis Deutschland ist es doch nur ein Katzensprung.«
Die harte Faust traf Daria direkt hinter dem Ohr und ließ sie wortlos zusammensinken. Boris wusste, wo Schläge kaum Spuren hinterließen, aber dennoch wirksam waren. Er drehte sich um und winkte den erstbesten Helfer herbei.
»Ich brauche den Namen der Toten. Ruf in Odessa an und sage denen, dass ich für das Weib meine Kohle zurückhaben will. Für Kollateralschäden komme ich nicht auf. Dann ab mit ihr, lasst den Kadaver verschwinden. Ihr wisst, was zu tun ist. Die anderen Frauen in kleine Gruppen aufteilen und zur Erstversorgung in das Quartier. Sorgt dafür, dass sie sauber und satt sind, wenn die Kunden sie abholen. Gebt ihnen ordentliche Klamotten. Hier stinkt es wie in einem Ziegenstall. Und jetzt will ich den zweiten Container sehen.«
»Was soll das heißen – wenn die Kunden sie abholen? Wir wollen endlich wissen, wofür wir so viel Geld bezahlen mussten. Ist das mit den Arbeitspapieren geregelt?«
Diesmal war es der herbeigerufene Schläger, der die vorwitzige Natalya zur Ordnung rief, indem er ihr in die Mähne griff und den Kopf nach hinten riss. Boris wandte sich ihr zu.
»Ich mag das, wenn Frauen selbstbewusst sind. Ihr müsst die Natur einer Raubkatze besitzen. Das ist gut fürs Geschäft. Hör mir zu, du kleine Wildkatze – und das gilt auch für alle anderen – ihr werdet sehr schnell Arbeit und bulgarische Papiere dazu bekommen. Nicht jedem von euch wird das gefallen, aber das ändert sich mit der Zeit. Nun zu dem Geld, das ihr bezahlt habt. Die dreißigtausend Hrywnja, die ihr gelöhnt habt, reichen gerade einmal dazu, Leute zu schmieren, um euch über die Grenze zu kriegen. Transport und Unterbringung kosten hier ein Vermögen. Wir sind nicht mehr in der Ukraine. Eure paar Flöhe sind lediglich etwas mehr als neunhundertdreißig Euro wert. Ich habe viel Geld, sehr viel Geld investiert, um euch bis hierher zu transportieren. Das will ich zurück. Habt ihr mich verstanden? Jeden einzelnen Cent will ich zurück. Ich will an euch nichts verdienen. Nein, ich bringe euch legal in Lohn und Brot. Papiere müssen zusätzlich angeschafft werden. Wie ihr seht, geht es momentan noch darum, schnell das Geld wieder reinzuholen, das ich investiert habe, denn auch ich bin nicht auf Rosen gebettet.«
Boris drehte sich und blickte jeder Frau tief in die Augen. Kaum eine Frau war dabei, die den Blick nicht senkte – außer Natalya. Sie stellte trotzig eine weitere Frage.
»Wo bringt ihr uns hin und was müssen wir tun, um das Geld zu verdienen? Keine von uns wird auf den Strich gehen, damit das von vorneherein klar ist. Das haben wir schon vorher untereinander abgesprochen. Also, was geschieht mit uns?«
»Das wird erst entschieden, wenn die Kunden euch gesehen haben. Sie werden euch sagen, wo ihr arbeiten werdet. Ich bin nur für den Transport zuständig. Einen kleinen Obolus werde ich aufschlagen, da ich das größte Risiko trage. Wir werden euch jetzt in kleine Gruppen aufteilen und gut versorgen. Duschen, Essen, Trinken und ein bequemes Bett. Neue Klamotten bekommt ihr auch. Mit diesen Fetzen am Leib wird euch keiner haben wollen. Schlaft euch aus. Morgen sieht die Welt wieder besser aus. Das mit der Verzögerung tut mir leid, aber es war nicht unsere Schuld.«
Natalya schüttelte ihr Haar und half Daria auf die Beine, die langsam wieder zu sich fand und Boris mit hasserfüllten Augen verfolgte. Der nahm einen Mann zur Seite und flüsterte mit ihm.
»Nimm dir die beiden Drecksweiber in einer Sonderbehandlung vor. Die versauen uns die anderen und wiegeln sie gegen uns auf. Die gehen in Kostjas Puff. Der kriegt die schon zahm mit seinen Einreitern.«

Blick ins Buch (Leseprobe)

19. November 2020

'Schicksalspfad des Tempelritters 3 - Flammende Himmel' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autorenseite
Im Spätherbst 1290 verzehren lodernde Flammen das Marktviertel von Accon. Söldner verwüsten die Stadt. Erst das beherzte Eingreifen der Ritterorden beendet das Massaker unter der Bevölkerung.

Der Tempelritter Gernòd de Loen gerät mit seinen Freunden in Gefangenschaft. Auf einem Sklavenmarkt werden sie an den mächtigen Schriftgelehrten des Sultans, Abu I-Fada, verkauft und nur ihr unbeugsamer Wille, die Stadt Accon vor der erneut drohenden Gefahr zu warnen, lässt sie überleben. Als sie endlich die Mauern von Accon erreichen, bereiten sie sich mit den Bewohnern der Stadt auf den herannahenden Krieg vor.

Lesermeinung: "Ein sehr gelungenes Buch. Es ist nicht nur spannend geschrieben sondern so realitätsnah wie das nun mal aus heutiger Sicht eben noch möglich ist. Der Autor lässt einen an der Gefühlswelt der Menschen jener Zeit, ihrer Lebensweise, Gebräuche, Urteile und Vorurteile teilhaben."

Anleser:
Aufruhr
Neugierig spähte Gernòd über die Dächer des Marktviertels der Stadt. Er betrachtete die Rauchsäulen, welche sich dunkel in den klaren Himmel erhoben. Die Glocken der Stadt sandten ihren mahnenden Klang bis zu ihm auf dem äußersten Winkel des Wehrwalls. Eine Gruppe Wachsoldaten eilte über das grobe Steinpflaster der Straße und warf ihm fragende Blicke zu. Gernòds Augen streiften sie, während sich sein linker Arm in Richtung Rauchsäulen erhob. »Im Marktviertel!«, rief er hinunter. Ohne ihn weiter zu beachten, hasteten sie durch die enge Gasse. Der Klang ihrer Schilde auf der schweren Rüstung, der bei jedem ihrer Schritte ertönte, verlor sich mit ihnen hinter der nächsten Wegbiegung. Sorgenvoll richteten sich seine Augen erneut auf die Rauchsäulen.
Das Marktviertel mit seinen zahlreichen Holzverschlägen bot einer Feuersbrunst ein fruchtbares Ziel. Erste Flammen stiegen bereits züngelnd an einem Dach empor, als dienten ihnen die Lehmziegel als Nahrung. Accon, die letzte befestigte Stadt des einstmals mächtigen Kreuzfahrerheeres, war in größter Gefahr. Gernòds Herz schlug heftig in seiner Brust. Nicht durch die Hand der verhassten Sarazenen, sondern durch die Unachtsamkeit eines Händlers, vermutete er, sei dieser Brand entstanden.
Erneut kam ein Trupp Männer in seine Sicht. Schon von weitem erkannte er die weißen und braunen Mäntel seiner Brüder mit dem blutroten Kreuz des Templerordens über den Herzen. Ihr Anführer, Bruder Durmonte, wies mit wenigen, herrischen Armbewegungen drei dienende Brüder auf den Wehrwall hinauf und Gernòd zu sich herab. »Aufruhr im Marktviertel!«, rief er ihm entgegen und eilte mit wehendem Mantel an der Spitze seiner Männer in Richtung des Marktes. Gernòd hastete über den schmalen Stieg des Walls hinunter und eilte seinen Brüdern nach. »Aufruhr«, dachte er. Vermutlich waren es wieder einmal Söldner, denen der hohe Preis der Händler nicht gefiel, oder die keinen weiteren Kredit erhielten.
Gernòd spürte das unebene Pflaster der Straße unter den dünnen Ledersohlen, während er seinem Trupp hinterherhetzte. Einige Türen der Häuser öffneten sich einen Spalt breit, um neugierigen Augenpaaren den Blick auf die lärmenden Brüder zu bieten. Kaum hatte Gernòd seine Kameraden eingeholt, bog der Trupp in einen der Hauptwege ein. Vor ihnen strömten Soldaten der anderen Wachen aus den Seitengassen. Hospitaliter, Deutschritter und Söldnertruppen stürmten auf die Straße. Die Glocken aller Kirchen und Wachen erhoben sich über dem Lärm, drangen von allen Seiten auf die Soldaten ein und mahnten sie zur Eile. Verständigende Blicke trafen sich auf ihrem Weg, ernste Gesichter nickten sich grüßend zu. In jedem Antlitz las man die Spannung auf die vor ihnen liegende Bedrohung.
Ohne den hastigen Schritt aufzugeben, löste Gernòd den Schildgurt und führte seine Faust durch die Armriemen. Mit der freien Hand tastete er sich am Waffengurt entlang, bis er den Kopf seiner Axt spürte. Er schob die Schlaufe über dem Axtkopf mit dem Daumen beiseite und zog die Waffe aus dem Gurt. Mit einer Aufwärtsbewegung ließ er den Griff in seine Hand gleiten. Er war für den Kampf bereit.
Vor ihnen erhob sich das Holztor des Marktviertels. Es stand weit geöffnet und die Wachen wiesen mit ausladenden Bewegungen den Weg. »Die Lombarden und Toskaner!«, scholl es ihnen entgegen. Brandgeruch lag in den engen Gassen und Rauchschwaden minderten die Sicht. Gellende Schreie und Kampfeslärm drang aus den Seitenwegen. Um sie herum lagen die Leichen einheimischer Händler auf dem Weg – zwischen ihnen ihre Frauen und Kinder. Gernòds Weg führte durch breite Blutlachen. Er war gezwungen über umherliegende Körper zu springen. Laut klagende Menschen hockten bei den reglosen Körpern und hoben ihre verzweifelten, tränenüberströmten Gesichter den herbeieilenden Truppen entgegen.

Blick ins Buch (Leseprobe)

'Alluran' von Jutta Schönberg

Kindle (unlimited)
Website | Autorenseite
Mona ist eine erfahrene Raumfahrerin. Sie hat schon viele Missionen auf fremden Planeten erfolgreich abgeschlossen. Auf Alluran soll sie Milith suchen, ein begehrtes Mineral, dessen Fund sie reich machen wird. Zur Vorbereitung hat sie eine speziell abgestimmte Ausbildung absolviert und ihren Körper und Geist den Verhältnissen des Planeten anpassen lassen. Sie freut sich auf das Abenteuer.

Aber auf Alluran angelangt, ist nichts so wie Mona es gelernt hat. Sie kommt weder mit dem Planeten noch mit dessen Bewohnern zurecht. Der riesige rote Mond bereitet ihr Albträume. Wasser und Nahrung ekeln sie an. Der Oberpriester Malik jagt ihr Schrecken ein. Zudem gibt es von Milith keine Spur. Doch Mona kämpft – um ihre körperliche und geistige Gesundheit sowie den Erfolg der Mission.

Die Anthologie enthält sechs Science-fiction-Kurzgeschichten von Jutta Schönberg, darunter der preisgekrönte Text »Zwei Spaziergänger«. Das übergreifende Thema aller Texte ist der Umgang mit dem Fremdartigen – mal spannend mal witzig ausgeführt.
Alluran – Sternenvolk – Die Mondanbeter – Die Außenseiterin – Zwei Spaziergänger – Frösche und Menschen

Anleser:
Sie erwachte aus dem Albtraum, nur um festzustellen, dass dieser Albtraum Wirklichkeit war. Der Mond hing rot und schwer über ihrem Kopf, füllte gut dreiviertel des Fensters. Gierig schien er, als wolle er sie in ihrer Kleinheit und Zerbrechlichkeit zerdrücken und ihren zu Brei gestampften Körper in sich aufsaugen.
Mühsam erhob sie sich von ihrem Bett, ließ sich einen Becher voll Wasser einlaufen und löste eine Tablette darin auf, um die Säure zu neutralisieren. Doch schon nach dem ersten Schluck musste sie ihren Widerwillen bekämpfen. Obwohl sie wusste, dass die Säure in dem Wasser ihr nun nicht mehr schadete, sondern darin ganz im Gegensatz zum irdischen Wasser eine Fülle weiterer Nährstoffe enthalten waren, schauderte sie zurück. Dieses Wasser war eigentümlich zähflüssig, machte die Zungenspitze pelzig und rann nur schwerfällig die Kehle hinab. Sie fühlte keine Erfrischung, nicht einmal die Minderung ihres Durstes.

Blick ins Buch (Leseprobe)

18. November 2020

'Wintertee ausverkauft' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Von wegen beschauliche Adventszeit!

Judith erhält das Angebot, die Leitung der umsatzstärksten Filiale des Konzerns in Hamburg zu übernehmen. Voraussetzung: Sofort!

Frisch in der Hansestadt angekommen, wartet schon das erste Problem auf sie, bevor sie überhaupt eine Nacht in ihrer neuen Wohnung verbracht hat. Aber Hausbewohner Marwin rettet sie und die beiden freunden sich an.

Im Geschäft läuft es auch nicht rund. Die Mitarbeiter untereinander sind sich nicht grün und es kommt zum Showdown. Unerwartet steht ihr gerade die Kollegin zur Seite, von der sie es am wenigsten erwartet hätte. Aber auch privat dreht sich das Karussell. Da ist der sympathische Marwin, sein anhänglicher Freund Frank, der elegante Immobilienmakler Bejo von Deckert und der attraktive Chauffeur des Konzernchefs.

Es sieht so aus, als verbringt sie das Weihnachtsfest allein. Tatsächlich?

Anleser:
Judith schlug das Herz bis in den Hals. Warum nur hatte der Konzernchef der Drogeriemarktkette sie in die Hauptverwaltung nach Hamburg beordert? Was war bloß schiefgelaufen? Hatte sie sich tatsächlich einen groben Schnitzer erlaubt, dessen sie sich nicht bewusst war?
Schon seit drei Tagen geisterten alle ungewöhnlichen Geschehnisse, die sich in den letzten Wochen im Geschäft zugetragen hatten, in ihrem Kopf herum und ließen sie nicht einschlafen. Aber da war doch nichts ... nichts, was groß anders gewesen wäre, verglichen mit den vergangenen vier Jahren. War sie etwa nur zu unsensibel, um das zu bemerken? Hatte sich eine ihrer Mitarbeiterinnen oder eine enttäuschte Kundin beschwert? Und wenn, warum nicht offen bei ihr?
Durch die nüchtern gestalteten Bürofenster mit den typischen Lamellenvorhängen zeigte sich der novembergraue Himmel von seiner trüben Seite. Dunkle Wolken bauschten sich auf, angetrieben von einem heftig pustenden, kalten Herbstwind.
Die Winterzeit schickte ihre Vorboten in den düsteren November und man schätzte wieder heiße Schokolade, Tee und Kaffee, kehrte man abends aus dem Geschäft nach Hause oder am Wochenende von einem Spaziergang zurück. Sie hätte jetzt gut einen warmen Schluck Kakao zur Beruhigung gebrauchen können, durch die kühle Sahnehaube genossen. Judith hatte nahezu den Duft in der Nase und den schokoladigen Geschmack auf der Zunge, als sie erste leise Stimmen auf dem Flur vernahm. Sie spitzte die Ohren.
Kam Herr Dr. Schiller nun hier in den Besucherraum? Ihr Herzschlag verdoppelte sich. Hoffentlich kippe ich nicht um, dachte sie, die nicht greifbare Angst herunterschluckend.
Die Tür öffnete sich und der Geschäftsführer trat ein.
Er ist schon eine beeindruckende Erscheinung, empfand Judith mit Respekt. Herr Dr. Schiller war ein großer, kräftiger Mann mittleren Alters und die Tatkraft leuchtete aus seinen wachsamen Augen. Sein sichtbar teurer Anzug und das blütenweiße Hemd in Kombination mit der Seidenkrawatte und passendem Einstecktuch untermauerte diesen Eindruck.
Er war bekannt als fairer Chef, allerdings war es auch besser für jeden der gut vierzigtausend Mitarbeiter, sein Bestes zu geben und seinen Anweisungen Folge zu leisten.
Mit drei schnellen Schritten war er bei Judith.
»Moin, Frau Jacobi, gehen wir in mein Büro.«
Judith wollte ein respektvolles »Moin« herausbringen, leider ähnelte es dann doch mehr einem kläglichen Piepsen.
»Na, wer wird denn da so aufgeregt sein?« Ein amüsierter Blick traf sie.
Oh Gott, jetzt hat er das auch noch gemerkt! Sie registrierte mit Schrecken, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
Er hielt ihr die Tür auf, ließ sie als Erste auf den Flur treten, um dann die Führung zu übernehmen.
Die Etage der Konzernspitze präsentierte sich eindrucksvoll. Hochwertige Drucke und Leinwandbilder schmückten den Gang bis zum Büro von Herrn Dr. Schiller. Im Vorzimmer saß seine Sekretärin, die Judith aufmunternd zuzwinkerte. Den angebotenen Kaffee lehnte sie ab.
Herr Dr. Schiller öffnete seine Bürotür, Judith trat ein und er schloss die Tür hinter ihnen. »Nehmen Sie Platz, Frau Jacobi.« Er deutete auf zwei schwarze Lederstühle vor seinem großen Schreibtisch, der mit allerlei Papierstapeln belegt war.
Judith sank fast ehrfürchtig in einen der mächtigen Stühle. Mit einem schnellen Blick hatte sie die exklusive Einrichtung gescannt, auch die Bilder an der Wand zeugten von teurem Geschmack. Es wirkte allerdings nicht kalt und unpersönlich, sondern durchaus einladend.
Noch bevor der Geschäftsführer sie ansprechen konnte, schellte sein Telefon. Mit einem knappen »Ja« meldete er sich, um dann ein »Jetzt nicht« anzufügen, aufzulegen – und Judith durchdringend anzusehen.
»Frau Jacobi, ich freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Sie leiten eine unserer Drogeriefilialen nun schon vier Jahre erfolgreich.«
Judith fiel automatisch ein Stein vom Herzen. Sein Tonfall war ruhig und sympathisch, da schien nichts allzu Negatives mehr zu kommen. Nur was wollte der Boss dann von ihr?
Das bekam sie sofort zu hören.
Herr Dr. Schiller faltete seine Hände und setzte die Ellenbogen auf den Schreibtisch auf. »Trotzdem werden wir die Filialleitung einer anderen Person übertragen.«
Judith musste aschfahl geworden sein, denn er beruhigte sie auf der Stelle. »Das hat natürlich einen triftigen Grund. In unserer umsatzstärksten Drogeriefiliale hier in Hamburg fällt Frau Küster aus. Sie war der gute Geist und die Seele des Geschäftes, die erfahrenste unserer Filialleiterinnen. Ihr Mann ist urplötzlich schwer erkrankt, sie wird uns verlassen und das bedauerlicherweise, allerdings durchaus verständlich, von heute auf morgen.«
»Das tut mir sehr leid«, stammelte Judith.
»Ihr Erbe ist nicht leicht auszufüllen, aber Ihr Ruf, Frau Jacobi, schallt Ihnen sozusagen voraus und da haben wir an Sie gedacht.«
»Äh ... ja ...«, Judith überlegte krampfhaft, wie sie antworten sollte, denn neue Aufregungen in ihrem Leben brauchte sie keinesfalls – und toughe Herausforderungen erst einmal auch nicht. Ihr fiel jedoch nichts Gescheites ein, ihr Kopf fühlte sich seltsam leer an.
»Ich verstehe«, fuhr Herr Dr. Schiller fort, »dass Sie sich ein bisschen überfallen fühlen, aber ich möchte Ihnen Folgendes vorschlagen ...«
Judith hörte den Ausführungen des Konzernchefs zu und es kam ihr zunehmend vor wie ein irrealer Traum. Fand sie das nun gut oder nicht? Und wieso wusste sie das jetzt nicht?

Blick ins Buch (Leseprobe)

'Deborahs Garten' von Kaja Linnegart

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Kaja Linnegart
Das Verderben entreisst ihm alles.
Deborah. Den Garten. Sein ganzes Leben ...


Eine Tote. Das Abbild einer griechischen Gottheit und ein gelbes Band.
Ein Mord erschüttert den Rhein-Sieg-Kreis.

Als die Ermittler Isolde Bachmann und Roman Pfaff zum Maibaum-See gerufen werden, stehen sie vor dem Rätsel einer vermeintlichen Botschaft. Während der fieberhaften Suche nach Antworten und dem Täter, wird Isolde das Gefühl nicht los, in die Sache verstrickt zu sein. Und der Mörder ist noch nicht fertig. Ein zweites Opfer macht aus dem Fall den Rachefeldzug eines Psychopathen, der die Kriminalhauptkommissarin in einen persönlichen Konflikt stürzt.

Als sie plötzlich verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit ...

Anleser:
Der Alte war schon von Weitem zu hören, wenn er das Schlüsselloch wieder nicht traf. Schab, schab ...
Sein Geduldsfaden wurde immer kürzer, auch wenn das kaum mehr möglich schien. Andreas musste nicht lange warten, bis das gewohnte Poltern einsetzte, mit dem sein Vater um Einlass von innen verlangte. Er brauchte nicht aufzustehen, seine Mutter würde ohnehin schneller sein.
Einmal war sie aus der Waschküche gerannt und über einen Eimer Putzwasser gestolpert. Alles, damit sich der Alte nicht noch mehr aufregte.
Die Hoffnung, dass er hereinwankte und sich schimpfend in sein Bett fallen lassen würde, erfüllte sich damals nicht. Andreas’ Vater war über das ausgeschüttete Wasser derart in Raserei geraten, dass er seine Frau an den langen stumpfen Haaren packte und gegen die Wand schlug.
Das Geräusch konnten sie nie mehr vergessen, er und seine beiden Geschwister. Ein Knacken, welches den dumpfen Aufprall übertönte. Es war viel schlimmer gewesen als das dick aus dem braunen Gestrüpp auf Mutters Kopf hervorquellende Blut.
Sie schrie schon lange nicht mehr. Andreas machte das wütend, obgleich er wusste, warum sie still blieb.
Einmal hatte ein vorübergehender Passant wegen des Lärms die Polizei gerufen.
Die beiden Männer sagten, der Vater sollte das nicht wieder tun, die Mutter antwortete, der Vater sei das nicht gewesen mit dem Veilchen, und als die Bullen fort waren, schlug der Alte ihr noch ein zweites blaues Auge.
Natürlich waren Andreas und sein Bruder schon dazwischen gegangen, wenn ihr Vater nach seiner Frau langte. Das war zu Beginn, bevor es immer schlimmer wurde und irgendwann zur Tagesordnung gehörte.

Inzwischen lag sein Bruder seit einiger Zeit in einer Art Dämmerschlaf in der Klinik. Andreas wusste nicht, weshalb.
Zu Hause wurde nicht darüber gesprochen und es war besser, nicht danach zu fragen. Seine kleine Schwester fing an, wieder ins Bett zu machen, das erforderte viel mehr Aufmerksamkeit von seiner Mutter und ihm. Niemand musste es erwähnen, aber alle wussten, wenn der Alte das herausbekam, würde vielleicht jemand mit dem Leben bezahlen.
Seine Kinder machten nicht ins Bett! Überhaupt taten seine Kinder nichts, das nach Schwäche roch. Er mochte ein Trinker und Schläger sein, aber nach außen ließ er nichts auf seine Familie kommen. Familie ...
Andreas zählte zwar erst zehn Lenze, aber er glaubte nicht, dass der Alte sie alle als solche sah.
Dreck bedeuteten sie für ihn, eine Last und eine Schande!
Dabei war er nur nicht Manns genug, sich einzugestehen, welch Wicht er darstellte! Tagein, tagaus saß er morgens auf seinem Holzstuhl in der Küche und klagte über seinen eigenen Vater. Die Zeche, die Kohle ... Er fand fortwährend Gründe. Keine Kumpels mehr, die Lichter für immer aus ...
An manchen Tagen, wenn sein Vater weniger trank, was allerdings kaum noch vorkam, wirkten sie fast wie eine normale Familie. Dann kämmte seine Mutter sich die Haare und versuchte, freundlich zu sein. Eigentlich sah sie ganz hübsch aus.
Zumindest glaubte man das. So ausgezehrt und trostlos, wie sie immer wirkte, konnte man das nicht so genau erkennen. Manchmal gab sein Alter ihr einen Klaps auf den Po und neckte sie, nannte sie ‚meine Schöne‘ oder ‚scheues Reh‘. Andreas war das fast noch unangenehmer als die Raserei und die Schläge.
Die Anwandlungen der kurzweiligen Harmonie gaben nichts Verlässliches her. Er dachte dabei an eine leckere Mahlzeit, die man ihm kurz hinschob, damit er daran riechen konnte. Selbst wenn er sich trauen würde, von dem Essen zu probieren, so bliebe es ihm doch nur im Halse stecken.

Blick ins Buch (Leseprobe)

17. November 2020

'Mombel der Mutmacher: Der verflixte Kasten' von Beate Geng

Kindle | Hardcover | Taschenbuch
Autorenseite Beate Geng
Paule hasst den Sportunterricht. Nie schafft er es, über die blöden braunen Kästen zu springen. Jedes Mal blamiert er sich vor der ganzen Klasse. Alle lachen - immer! Das macht unseren Paule natürlich traurig. Eines Tages passiert etwas Unglaubliches. Ihm erscheint, schwuppdiwupp, ein kleines Gespenst. Das ist Mombel und der spricht in Reimen!

Zuerst ist Paule nicht begeistert. Aber dann bemerkt er etwas. Mombel taucht immer dann auf, wenn Paule sich nicht traut oder Angst hat. Das kleine Gespenst lacht nicht, sondern redet Paule gut zu. Und siehe da …

Ein Mutmachbuch zum Vorlesen für Kinder ab 4 Jahren und zum selbständigen Lesen für Kinder ab 8 Jahren. Mit Illustrationen von Ines Gölß, lektoriert von Carolin Olivares Canas.

Anleser:
Der kleine Paule wohnte mit seinen Eltern und seinem großen Bruder in einem kleinen Dorf namens Trötenheim. Das ist in der Nähe von Dingenshausen. Er besuchte die zweite Klasse der Grundschule Büffeltal. Eigentlich war Paule ein sehr aufgewecktes, frohes Kind und er ging gerne zur Schule – wäre da nur nicht der blöde Sportunterricht gewesen. Paule hasste Sport. Und deshalb war er natürlich auch nicht besonders gut. Da lief immer alles schief.
Und das war noch nicht alles! Nee, da gab es noch seine gemeinen Klassenkameraden. Die machten sich immer lustig über Paule und zogen ihn ständig auf. Martin sagte zum Beispiel: „Paule, Paule stolpere nicht, sonst hast du wieder Schrammen im Gesicht.“ Schon brach die ganze Klasse in Gelächter aus.
Deshalb wünschte sich Paule nichts sehnlicher, als es ihnen allen einmal so richtig zu zeigen. Martin und den anderen sollte die Spucke im Hals steckenbleiben.

An einem Montag aß Paule mit seiner Familie zu Abend. Eigentlich hätte er superglücklich sein müssen, denn seine Mama hatte extra Pfannkuchen für ihn gebacken. Die liebte er normalerweise über alles. Aber Paule saß mit einem mürrischen Gesicht am Tisch und stocherte im Essen herum.
„Was ist denn los mit dir, mein Schatz?“, fragte seine Mama.
„Nix“, brummelte Paule.
Aber seine Mama ließ nicht locker.
„Na gut“, stöhnte Paule, „morgen ist mal wieder dieser voll bescheuerte Sportunterricht. Wir sollen über diese dämlichen, blöden braunen Kisten – oder wie die Dinger heißen – springen. Aber meistens knalle ich gegen die Teile und haue mir die Haxen auf.“
Seine Mama schaute ihn mitfühlend an und sagte: „Diese dämlichen Dinger sind Kästen. Wenn du immer sagst, dass du es nicht kannst, wird es auch nie klappen. Man kann alles schaffen, wenn man nur will.“
Da brüllte sein großer Bruder Micha: „Morgen können wir den kleinen Dummkopf dann vom Holzkasten kratzen. Haha.“
Da stiegen Paule die Tränen in die Augen. Erstens aus Traurigkeit, weil Micha ihn auslachte, und zweitens vor Wut. Die Tränen bemerkte Micha natürlich und rief ganz fröhlich: „Pauli ist `ne Heulsuse, Pauli ist ein Mädchen!“
Die Mama ermahnte Micha, er solle aufhören, nun auch noch zu stänkern. Dann ging sie in die Küche.
Micha rannte, dumm grinsend, in den Garten und spielte mit Charly, dem Familienhund.
Nun saß Paule alleine und traurig am Tisch. Auf einmal spürte er einen leichten Luftzug neben sich und in der Luft, nanu, da schwirrte etwas.
Mit offenem Mund, ganz starr vor Schreck saß Paule auf seinem Stuhl. Er traute seinen Augen kaum.
Neben seinem Kopf schwebte so ein kleines Gespenst.



Blick ins Buch (Leseprobe)

'Das schwarze Gold des Südens' von Tara Haigh

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Tara Haigh
Die bewegende Geschichte zweier Schwestern eines Lakritzimperiums und das spannende Porträt einer faszinierenden Zeit.

Bamberg 1887: Das Süßholzimperium Imhoff ist in Schwierigkeiten. Nur eine Vernunftehe mit einem Bankier könnte das Familienunternehmen noch retten. Doch die freiheitsliebende jüngere Tochter Elise flieht mit ihrem Geliebten nach Paris. Um jeden Preis will sie ihren Traum von einer eigenen Confiserie verwirklichen – auch wenn sie damit das Verhältnis zu ihrer Schwester Amalie schwer belastet.

Die pflichtbewusste Amalie muss sich fortan in der heißen Ödnis Kalabriens um den Anbau von Süßholz kümmern, aus dem Lakritz gefertigt wird – das schwarze Gold. Bis auch sie sich in den falschen Mann verliebt und diese Liebe ihr ganzes bisheriges Leben infrage stellt …



Anleser:
Bamberg, Juni 1887
Amalie wusste, dass man ihrer Kundschaft nur die allerbeste Ware verkaufen konnte, um den guten Ruf der Firma zu wahren. Gerade in schwierigen Zeiten war das unabdingbar. Die Wurzelschneider scherten sich ja nicht darum, die Ernte sorgsam auszusortieren. Früher, als sie es sich noch hatten leisten können, ganzjährig eigene Arbeiter zu beschäftigen, war es nicht notwendig gewesen, die Ware vor der Auslieferung persönlich in Augenschein zu nehmen. Drei randvoll mit den schwarzen Pfahlwurzeln gefüllte Kisten standen neben dem Fabriktor. In einer Stunde würde sie Franz, ein Kurier, der regelmäßig für sie die Tabakfabriken, Brauereien und Gewürzhändler belieferte, abholen.
Amalie griff tief in eine der Kisten hinein und zog eine etwa fingerdicke Wurzel der kürzlich eingebrachten Frühjahrsernte heraus. Sie fühlte sich verkorkt an. Ihre Rinde ließ sich kaum noch abschälen. Auf den ersten Blick ein sicheres Anzeichen dafür, dass das Süßholz hochwertig war. Dann brach sie es am Wurzelende entzwei. Die Bruchstelle wies nur wenige dunkelgelbe Stellen auf. Das Innenleben war überwiegend schwarz wie Amalies Haar - Vaters treffender, wenngleich augenzwinkernder Vergleich, um festzustellen, ob es sich um beste Qualität handelte. Seiner Ansicht nach gab es aber schlussendlich nur eine Möglichkeit, um sich vom Süßegehalt zu überzeugen. Obwohl Amalie ihre traditionellen Imhoff-Lakritztaler seit Kindesbeinen an mochte und sogar Schokolade oder anderen Süßigkeiten vorzog, scheute sie sich vor dem Biss in das Holz, um dann die Süße mit dem Speichel zu lösen und sie herauszusaugen. Die Rinde mit den Zähnen abzuschaben, verursachte ihr Unbehagen, doch dafür wurde der Gaumen belohnt. Die Süße übertraf bei Weitem die von Zucker, was wiederum auf reichhaltige Inhaltsstoffe schließen ließ. Für die Apotheken war Letzteres naturgemäß am wichtigsten, weil sie kein Naschwerk aus Lakritz daraus fertigten, sondern der Kundschaft aus dem Rohlakritz gefertigte Pastillen insbesondere bei Magenverstimmung und Erkrankungen der Atemwege verabreichten. Eine zweite Lieferung für eine Apotheke lag ebenfalls zur Abholung bereit. Amalie überzeugte sich davon, dass die Lakritzblöcke fein säuberlich in Lorbeerblätter eingewickelt waren, um sie während des Transports vor Feuchtigkeit zu schützen.
War die Wurzel einmal von der Rinde befreit, konnte man gar nicht genug vom Saft der Glycyrrhiza bekommen. Amalie saugte erneut daran, um sich zu stärken. Die zähe Flüssigkeit vertrieb sogar das Hungergefühl eines knurrenden Magens, der noch auf das Frühstück wartete. Lebenssaft nannte Vater ihn. Immerhin hielt er ihre Firma seit Generationen am Leben. So gesehen hatte er recht. Die Vorräte an getrocknetem Süßholz im Lagerraum, der fast ein Drittel ihrer Manufaktur in Anspruch nahm, gingen allerdings wegen der dem Frost geschuldeten mageren letzten Ernte im Frühjahr langsam zur Neige. Die Felder mussten nun ruhen, die Sträucher neue Blätter austreiben, die abgeschnittenen Stalonen wieder nachwachsen. Vom Spätherbst bis zum Frühjahr, wenn die Wurzeln nach und nach aufs Neue schnittreif wurden, zöge hier wieder Leben ein. Dann würden die Wurzelschneider die Fabrik bis zur Decke mit dem schwarzen Gold füllen.
Um die momentan eher düsteren Aussichten gedanklich zu vertreiben, stellte Amalie sich vor, wie die Arbeiter die Wurzeln an den Trögen vor dem Haus wuschen, sie zum Trocknen in die Sonne legten, schnitten und die Mühlsteine sie zerkleinerten. Ein Teil der Wurzeln, der für die Weiterverarbeitung gedacht war, wurde dann in ihren holzbefeuerten Öfen ausgekocht, damit der wertvolle Sud zu Lakritz verdickte und in Formen gegossen werden konnte. Jetzt herrschte hier Totenstille. Sah man von wenigen Hilfsarbeitern, meist Tagelöhner, die ihre Ware zum Bahnhof brachten, ab, war die Zeit nach der Ernte eher besinnlich.
Amalie vernahm Schritte auf dem Kiesweg, der vom Haus zur Manufaktur führte. Sie warf das abgekaute Stück der Süßholzwurzel in einen Bottich neben der Tür und trat hinaus. Elise kam wie ein blonder Rauschgoldengel daher. Sie brachte es doch glatt fertig, im Morgenrock das Haus zu verlassen. Das geziemte sich nicht für eine junge Dame.
»Guten Morgen, Amalie. Kann Franz mich heute zum Seminar fahren? Mutter meinte, er müsse sowieso in die Stadt, zur Apotheke«, rief sie ihr vom Vorgarten aus zu. Es überraschte Amalie nicht, dass sie dank ihrer Schwester wieder einmal alle Pläne über den Haufen werfen durfte. Und das würde in Zukunft vermutlich öfters passieren, denn von nun an war Elise ja jeden Tag hier. Mit der Besinnlichkeit war es dann wohl vorbei.
»Er nimmt dich sicher mit.«
Elise wirkte erleichtert.
Wenigstens ein Gutes hatte es. Sie würden sich fortan die täglichen und nicht gerade kostengünstigen Kutschfahrten zum und vom Stephansberg zurück nach Hause sparen.
»Kann ich mir deine goldene Haarnadel ausleihen?«, wollte Elise dann noch wissen.
»Ist in der zweiten Schublade im Spind«, rief sie ihrer Schwester zu.
Gold? Nun ja, das würde wohl dem Anlass Rechnung tragen. Ob es an Elise, die sich nichts aus feiner Robe machte, auch glänzte, stand auf einem anderen Blatt.
»Danke, Schwesterherz«, antwortete Elise fröhlich, machte auf dem Absatz kehrt und huschte zurück ins Haus.
Amalie inhalierte die kühle Morgenluft und seufzte. Ja, Besinnlichkeit und Ruhe, zumindest tagsüber, das war einmal.

Blick ins Buch (Leseprobe)

12. November 2020

'Operation Love: Herzflimmern in London' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited)
Website | Autorenseite
Trisha Latch, Agentin des MI5, Deckname Miss Smith, hat das Limit des Erträglichen erreicht. Sie ist das eingefärbte Vogelnest auf ihrem Kopf, die klebrige Mascara, den schwarzen Lippenstift, vor allem aber die Tonne Metall leid, die sie tagtäglich von den Ohrläppchen bis zu den Boots mit sich herumschleppt. Und ihren schmierigen Vermieter Schrägstrich Zielobjekt, der seine Griffel nicht bei sich behält. Sie explodiert, setzt die Undercover-Mission im East End in den Sand und landet unweit der Billionaire’s Ave bei dem Mann, dessen Bruder vor ihren Augen ermordet wurde – und der eine pelzige Matratze im Gesicht hat. Und sie hasst Vollbärte!

Troy Raven, Anwalt und Privatermittler, traut seinen Augen nicht. Blackshaw, der das MI5-Team leitet, das dem Killer seines Bruders auf den Fersen ist, schickt ihm dieses Gothic-Biest, um seine schwangere Assistentin zu ersetzen? Eine Frau, die er nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde – wenngleich sie fantastisch riecht, ein heißes Fahrgestell hat und ihm 100.000 Volt durch den Körper jagt, als sich ihre Finger berühren ...

Bree, Troys beste Freundin und Noch-Assistentin, fasst ihr Aufeinandertreffen in Worte: Das kann ja heiter werden.

Anleser:
»Heißer Feger!« Toms nach Whiskey riechender Atem streift Troys Ohr.
»Nicht mein Typ«, antwortet er, ohne aufzusehen, und sein Bruder rammt ihm spielerisch den Ellenbogen in die Seite.
»Hey, was soll das?« Jetzt hebt er den Blick und schüttelt missbilligend den Kopf.
»Wem willst du das weismachen?« Grinsend tippt sich Tom mit dem Zeigefinger an seine Brust. »Mir?« Er entblößt die schneeweißen Zahnreihen, die er dem regelmäßigen Bleaching verdankt. »Die passt doch genau in dein Beuteschema! Großer Busen, schmale Taille, elegante Kleidung ...« Er legt eine bedeutungsschwere Pause ein, bevor er raunend weiterspricht. »... vor allem aber sind ihre Haare lang genug, um sie daran zu packen, die seidigen Locken um das Handgelenk zu schlingen und ihre vollen Lippen dorthin zu dirigieren, wo ...«
»Hör auf!« Unwirsch unterbricht Troy ihn und schiebt das halb volle Glas von sich. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappt über den Rand auf den Tisch aus edlem Teakholz. Irritiert starrt er auf den Tropfen des teuren Whiskeys, mit dem sie beide in der Bar des exklusiven Hotels das Ende des Prozesses feiern. Ihres ersten wirklich großen Falls. Nicht mit einem Vergleich, auf den es nach Meinung aller Lobbyisten und Journalisten hinauslief, haben sie ihn beendet. Nein, nach einem knappen Jahr harter Arbeit waren sie auf der ganzen Linie erfolgreich. Die Vertretung des kleinen Pharmaunternehmens zu übernehmen, das sich gegen FutureMed, einen Riesen der Branche, stellte, hat sich trotz des enormen Risikos rentiert. Allein mit der – für den Fall des Sieges – vertraglich vereinbarten Prämie, zu deren Zahlung nun der Verlierer verdonnert war, könnte eine vierköpfige Familie locker mehrere Jahre lang leben. Troy sollte demnach zufrieden sein, sich leicht fühlen und auf die vor ihm liegende Woche Urlaub auf Grenada freuen – seine erste Auszeit seit einer gefühlten Ewigkeit. Stattdessen kämpft er gegen diese innere Unruhe an, die ihn seit dem Beginn des nervenaufreibenden Prozesses immer öfter aus dem Nichts überfällt. In diesem spezifischen Fall geschieht es genau in dem Moment, in dem sie die Bar betritt und an ihnen vorbei zum Tresen geht.
Tom stößt ihn an und er hebt den Blick. Der knielange Bleistiftrock umschließt ihren Körper hauteng von der Taille bis zu den Knien. Selbst von hier kann er die Bordüre ihrer halterlosen Strümpfe unter dem Stoff erahnen. Die geschmeidige Bewegung, mit der sich die dunkelblonde Frau auf den Barhocker zieht, legt einen Schalter in seinem Kopf um. Jetzt läuft darin ein Film ab, egal, ob er in ihre Richtung sieht oder in sein Glas starrt. Kino, absolut nicht jugendfrei. Ihr perfekt geformter Po schmiegt sich an das weiche Leder des Sitzpolsters und lässt ihn an einen Apfel denken. Einen, den er mit beiden Händen umfassen will. Sein Hemdkragen wird eng. Während er die Krawatte lockert, kann er den Blick nicht von ihren perfekten Kurven lösen. Sie hebt eine Hand und streicht sich die in einem dunklen Honigton glänzenden Haare über eine Schulter nach vorn. Ihre nun freie Rückenansicht zieht ihn magnetisch an.
Er drückt sich an den Armlehnen aus dem Stuhl. Lautlos und mit den geschmeidigen Bewegungen eines Raubtiers nähert er sich ihr und erkennt unter dem seidigen, durchscheinenden Stoff der Bluse den Streifen ihres BHs. Seine Fingerkuppen kribbeln. Er will den Verschluss ertasten, ihn öffnen, ohne sie zu entkleiden, und seine Arme unter den ihren hindurchschieben, um ihre Brüste zu umfassen. Stattdessen legt er seine Hände an ihre Hüften und genießt das Beben ihres Körpers, als er sie berührt. Den Bruchteil einer Sekunde lang erstarrt sie und hält den Atem an – ohne den Kopf zu drehen, um ihn anzusehen. Troy erwartet ihre Abweisung, rechnet damit, dass sie sich ihm entzieht – doch nichts geschieht. Nahezu unmerklich schiebt er sein Becken vor und presst sich an ihren Po. Der Laut, der ihr entkommt, als sie seine Härte spürt, ist eine Mischung aus Schnurren und Stöhnen. Die Anspannung fällt von ihm ab und beschert ihm das zustimmende Zucken seines Schwanzes und eine Vision: In fünf Minuten ziehe ich sie von dem Hocker hinter mir her, in zehn liegt sie vor mir auf dem Bett in der Hotelsuite. Mit hochgeschobenem Rock, offener Bluse, erwartungsvollem Blick und leicht geöffneten Lippen. Mit einem leisen Lächeln beugt er sich vor, streift mit dem Mund ihr Ohrläppchen und ...
»Tausend Dollar, wenn du deine schmutzigen Gedanken mit mir teilst. Dann erspar ich mir den Drink für eine von denen.«
Am Rande seines Gesichtsfelds nimmt Troy eine Geste wahr und fokussiert seinen Blick. Keine Spur von seidiger Haut und vereinzelten Haarsträhnen, die sich aus dem Chignon gelöst haben und seine Nase kitzeln. Stattdessen sieht er das spöttische Grinsen Toms, dessen amüsiert zuckende Mundwinkel und den dunklen Bartschatten über dem geöffneten Hemdkragen. Er folgt dem Fingerzeig seines Bruders. Von der eleganten Dunkelblonden, die seine Fantasie beflügelt hat, ist nichts zu sehen. Hingegen sitzen, einander zugewandt, zwei billig aussehende Frauen am Tresen. Die eine nuckelt an einem Strohhalm aus einem Glas mit Zuckerrand und Schirmchen, die andere bewegt kaugummikauend den Kiefer. Irritiert runzelt er die Stirn und dreht suchend den Kopf nach rechts, dann nach links.
Ein Lächeln zupft an seinen Mundwinkeln, als er den Bleistiftrock und die hohen Absätze wiedererkennt. Sie geht an einem Mann vorbei, der das Handy an sein Ohr presst. Ihr Hüftschwung ist phänomenal, denkt er, als ihr Körper ruckartig bebt und sich an ihrem Schulterblatt ein dunkler Fleck bildet. Zugleich knickt sie in ihren Knien ein und fällt wie eine Stoffpuppe in sich zusammen.
Dort, wo soeben noch sie war, materialisiert sich eine dunkle Silhouette. Ein Mann, komplett in Schwarz, vermummt. Sein Umriss verwischt sich. Troy sieht nur die Waffe in seiner Hand. Eine Pistole mit langem Lauf. Auf ihn gerichtet. Nein – nicht ganz. Der Typ zielt knapp an ihm vorbei. Er braucht den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen. Der Bewaffnete scheint im selben Moment abzudrücken, in dem er sich zur Seite wirft, um Tom vom Stuhl zu reißen.
Sie fallen beide. Er kommt auf seinem Bruder zu liegen, spürt den Einschlag in seinem Oberschenkel, hört jedoch nicht mehr als ein Ploppen – gefolgt von einem schrillen Schrei. Schalldämpfer, denkt er, als er sich schützend um Tom windet und ihn ein zweites Projektil in den Rücken trifft. Hart stößt er die Luft aus und alles um ihn herum verschwimmt. Egal. Er liegt unter mir. Es darf ihm nichts passieren, denn ohne ihn bin ich nur halb, ist Troys letzter Gedanke, bevor eine dritte Kugel sein Ohr streift und er das Bewusstsein verliert.

Blick ins Buch (Leseprobe)