28. September 2018

'(K)ein Herz für Buchhändler' von Brigitte Teufl-Heimhilcher

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Die ehemalige Stadträtin Jutta Hirschmann schreibt einen satirischen Roman, in dem sie den amtierenden Bürgermeister aufs Korn nimmt. Da trifft es sich gut, dass ihre beste Freundin vor Kurzem den Buchhändler Günther Brühl kennengelernt hat. Der sieht zwar gut aus, ist aber ein arroganter Schnösel und denkt nicht daran, das selbstverlegte Buch in sein Sortiment aufzunehmen. Mit List und Tücke versuchen die Damen ihr Ziel dennoch zu erreichen – was vorerst nur dazu führt, dass Brühl einen Literaturkritiker zu einem Verriss anstachelt. Doch das soll ihm bald leidtun, denn Jutta ist eine ebenso spitzzüngige wie attraktive Person …

Eine heitere Geschichte rund um Bücher und Lebensträume.

Leseprobe:
Jutta – Der ehrenwerte Herr Bürgermeister
„Er hat dich einfach fallen lassen?“
„Wie eine heiße Kartoffel“, antwortete Jutta.
„Kommt davon, wenn man sich mit seinem Chef einlässt“, murmelte ihr Vater. Das hatte ja kommen müssen. Er hatte mit seiner Meinung über ihre Liaison mit dem Bürgermeister noch nie hinter dem Berg gehalten. Außerdem war ihm die Partei, für die Jutta in den letzten Jahren in der Stadtregierung gesessen war, ebenso suspekt wie deren Chef, Albert Stein. Den mochte er schon gar nicht.
„Und jetzt? Du kannst doch wieder als Lehrerin arbeiten?“, wollte ihre Mutter wissen.
„Typisch Mutter“, dachte Jutta. „Hauptsache, ich kehre in mein sicheres Beamten-Dasein zurück.“ Dementsprechend lustlos entgegnete sie: „Ja, schon.“
Ihre Mutter sah sie forschend an. „Klingt aber nicht, als ob du das möchtest.“
„Da hast du allerdings recht. Vielleicht werde ich später wieder unterrichten, aber zuerst möchte ich ein Buch schreiben.“
„Du willst ein Buch schreiben?“ Ihr Vater schenkte sich Kaffee nach. „Komische Idee.“
Es war ein angenehm milder Tag, der Marillenbaum stand in voller Blüte. Sie saßen auf der kleinen Terrasse ihres Elternhauses und genossen einen der ersten Frühlingstage. Der Winter war lang und kalt gewesen, umso überraschender war es jetzt warm geworden.
„Ihr wisst doch, ich habe schon als Kind gerne gelesen, Geschichten erfunden und niedergeschrieben“, antwortete Jutta träge und hielt ihr Gesicht in die Sonne.
„Ich lese auch gerne, deshalb muss ich ja noch lange kein Buch schreiben“, warf ihre Mutter dazwischen. „Worüber willst du denn schreiben?“
Es war ihrer Mutter anzuhören, dass sie es ihr nicht zutraute. Auch das war für Jutta nichts Neues. Sie kreuzte mit ihrer Mutter die Klingen, seit sie begonnen hatte, selbstständig zu denken. Ihre Mutter war Kindergärtnerin gewesen, und sie führte ihre Familie so, wie sie seinerzeit ihren Kindergarten geleitet hatte. Autoritär, aber mit den besten Absichten. Juttas Vater hatte sich nur selten dagegen aufgelehnt, Jutta hingegen ständig. Auch jetzt antwortete sie kämpferisch: „Darüber würde ich mir an deiner Stelle weniger Sorgen machen. Ich habe in den Jahren als Stadträtin einiges erlebt, das reicht für mehrere Romane.“
„Hab‘ ich nicht gleich gesagt, Politik ist ein schmutziges Geschäft? Du hättest besser die Finger davon gelassen“, moserte ihr Vater.
Das Verhältnis zu ihrem Vater war immer entspannt gewesen. Sie standen ja auf der gleichen Seite, sie waren die „Zöglinge“. Auch jetzt lächelte sie nur und hielt die Augen geschlossen, während sie antwortete: „Das hast du gesagt, aber es war nur die halbe Wahrheit. Politik ist nämlich auch ein ungemein spannendes Geschäft.“
Jutta lehnte sich zurück. Langsam wurde ihr warm. Sie zog ihre Jacke aus und hängte sie sorgfältig über den leeren Sessel. Ihr eleganter Hosenanzug passte nicht so richtig hierher, aber sie war direkt vom Rathaus gekommen. Ihre Eltern hatten ihr politisches Engagement ohnehin nie gutgeheißen, da sollten sie von ihrem Rauswurf nicht aus dem Radio erfahren.
Eine Weile blieb es still, dann spürte Jutta ihr Handy vibrieren. Albert. Ihr erster Impuls war, das Gespräch einfach wegzudrücken. Doch das wäre keine besonders erwachsene Reaktion. Also nahm sie es an und fragte kurz angebunden: „Was willst du?“
„Wo bist du denn?“
„Bei meinen Eltern.“
„Kann ich kurz vorbeikommen?“
„Bloß nicht.“
„Ich muss dir doch erklären, was da heute Morgen gelaufen ist.“
Jutta stand auf und ging ein paar Schritte in den Garten, ehe sie ins Telefon zischte: „Das hättest du besser vorher getan. Jetzt ist alles gesagt.“
„Jutta, bitte, ich muss es dir erklären!“
„Du hast mich einfach fallen lassen. Was gibt es da zu erklären?“
„Das stimmt so nicht. Aber davon abgesehen, willst du denn gar nicht wissen, was da gelaufen ist?“
„Ich kann es mir zusammenreimen. Außerdem war dein geschätzter Stellvertreter, unser allseits unbeliebter Herr Vizebürgermeister, so nett, mich aufzuklären. Du warst ja leider nicht erreichbar – zumindest für mich.“ Der Zusatz musste sein. Sie kannte ihn und hatte oft genug miterlebt, wie er unangenehme Gespräche einfach ignorierte.
Diesen Vorwurf ignorierte er ebenfalls. Typisch. Stattdessen fragte er: „Er hat dir erzählt, dass die Sozialisten uns vor die Wahl gestellt haben, dich auszutauschen oder die Sache mit den Reisekosten auffliegen zu lassen - und das sechs Monate vor der Landtagswahl?“
Um unkorrekt abgerechnete Reisekosten ging es also auch. Interessant. Laut sagte sie: „Von Reisekosten hat er nichts gesagt, nur von einer dringend notwendigen Einigung im Bildungsbereich. Die werdet ihr mit diesem neuen Hampelmann sicher erzielen. Sag, ist dieser Niedermayer eigentlich je auf eine ordentliche Schule gegangen oder gleich vom Kindergarten in die Parteiakademie übergetreten?“
„Jedenfalls ist von ihm nicht zu erwarten, dass er die Partei vor eine Zerreißprobe stellt“, antwortete Albert hörbar eingeschnappt. Niedermayer war seine Entdeckung.
„Eine Zerreißprobe? Nur weil ich es ablehnte, die Gymnasien aufzugeben? Das ist doch lächerlich. Die Bundespartei ist übrigens auch dagegen.“
„Schon, aber andere Länder sind dafür, und der linke Flügel unserer Partei ebenfalls. Es ging auch nicht nur um die Gymnasien.“
„Worum sonst noch?“
„Es geht auch … also es ging auch … um … unser beider Vergangenheit.“
„Du meinst unser Verhältnis? Aber das haben wir doch schon vor mehr als einem Jahr beendet.“
„Ja, schon, aber unangenehm wäre so ein Outcome immer noch …“ Jutta lächelte unwillkürlich. Mit Fremdwörtern hatte er so sein Problem, der werte Herr Bürgermeister. „Du weißt ja selbst, unser lieber Vizebürgermeister ist nah am Ohr des Kanzlers – außerdem ist seine Frau mit meiner Frau befreundet.“
Deshalb hatte er sie fallen lassen? Aus Angst vor seiner Frau? Der Kanzler konnte ihm schließlich egal sein. „Für deine ach so unglückliche Ehe tust du wohl alles“, fauchte Jutta ins Telefon. Als er nicht gleich antwortete, beendete sie das Gespräch, atmete tief durch und ging langsam zur Terrasse zurück, wo ihre Mutter sich eben ein weiteres Stück Mohnkuchen auf den Teller legte.
„Magst du auch noch?“, fragte sie.
„Nein, danke. Dein neues Rezept ist zwar wirklich gut, aber auch ziemlich üppig. Du mit deinem Diabetes solltest es auch besser bei einem Stück belassen.“
„Ich streich nachher das Nachtmahl“, versprach ihre Mutter zwischen zwei Bissen, was Jutta bezweifelte, aber sie hatte im Moment keine Lust auf dieses Thema. Ihre Mutter würde sowieso nicht auf sie hören und Juttas Kopfschmerzen meldeten sich auch zurück. War ja zu erwarten nach einem Tag wie diesem. Sie würde besser nach Hause fahren. Die Gelegenheit, den Besuch zu beenden, war günstig. „Apropos Nachtmahl, da fällt mir ein, ich muss noch einkaufen gehen.“
„Apropos Einkaufen: Wovon willst du in Zukunft leben?“, antwortete ihre Mutter wie aus der Pistole geschossen.
„Nur keine Panik, ich werde euch bestimmt nicht auf der Tasche liegen. Ich habe ein wenig gespart, Zeit zum Geldausgeben hatte ich ja nicht. Außerdem könnte ich jederzeit Nachhilfestunden geben, und dann ist da ja immer noch Omas Häuschen.“
Das Gesicht ihrer Mutter verdüsterte sich. Dass Jutta das Haus ihrer Großmutter geerbt hatte und nicht ihr Vater, der einzige Sohn, war ihr offenbar immer noch ein Ärgernis. Dabei fehlte es den beiden doch wirklich an nichts.
„Das Haus verfällt zusehends, du solltest es entweder renovieren lassen oder verkaufen“, meldete sich ihr Vater wieder zu Wort.
„Genau das habe ich vor. Zumindest habe ich jetzt Zeit, mich darum zu kümmern“, sagte Jutta, schnappte ihre Tasche und verabschiedete sich.

Im Kindle-Shop: (K)ein Herz für Buchhändler.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Brigitte Teufl-Heimhilcher auf ihrer Website.



27. September 2018

Lola Victoria Abco

Lola Victoria Abco schreibt vornehmlich Krimis und Belletristik, gelegentlich Gedichte. Die Autorin kommt aus Deutschland und lebt in Schweden.

Am Schreibprozess besonders reizvoll empfindet sie die Möglichkeit, die Realität am Schopfe packen zu können, ihr den Mantel namens Fiktion überzustülpen und dessen Muster selber zu kreieren.

Lola Victoria Abco über sich: "Maler wie Autoren entwickeln und gestalten Figuren. Meine sind jedoch nicht auf eine Leinwand begrenzt. Sie dürfen und müssen sich bewegen, um die Situationen, mit denen ich sie konfrontiere, zu meistern. Am Ende meiner Geschichte haben sich meine Protagonisten entwickelt und verändert, während uns Mona Lisa hingegen mit dem selben Lächeln betrachtet."

Weblink: lola-victoria-abco.de


Bücher im Buch-Sonar:





'Der Wert der Wahrheit' von D.W. Crusius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Jean Delong arbeitet für die SRA in Amman. Sein Job - er beschafft Informationen aus dem Hexenkessel Nahost. Das Geschäftsmodell der SRA - Special Risk Analysis - ist simpel: Bei der aktuellen Inflationsrate ist Erpressung die einzige wertbeständige Valuta. Der Treibstoff des Geschäfts ist Korruption bis in höchste Regierungskreise.

Ihre wichtigste Quelle ist Sheikh Turki in Dschidda. Turki liefert wertvolle Informationen zu jedem Terroranschlag, jedem dreckigen Waffendeal. Ed Sullivan, CEO der SRA in New York, verkauft dann meistbietend an Regierungen und Rüstungsfirmen.

Jean Delong ist williger Akteur in diesem schmutzigen Spiel, bis er selbst nur knapp einem Anschlag entgeht, dem ein britischer Atomwissenschaftler zum Opfer fällt. Er taucht in Frankreich unter, aber seine Auftraggeber spüren ihn auf. Einen Deal soll er noch erledigen. Seine frustrierende Erkenntnis: Jobs dieser Art hängt man nicht einfach an den Nagel.

Leseprobe:
Damaskus
Der Zwischenfall in Damaskus war ein unglückliches Zusammentreffen zweier Ereignisse, die einfach nicht zusammenpassten.
»Ein Kurier ist ausgefallen, liegt im Krankenhaus«, hatte Akke Salander gesagt, »ich muss dich um diesen Gefallen bitten. Liegt nicht auf deiner Linie, ich weiß. Ist eine äußerst dringende Angelegenheit.«
Jean Delong sträubte sich nicht groß, im Gegenteil. Mal eine Abwechselung, dachte er. Hinter ihm auf der Ladefläche lagen fünf Holzkisten, jede zwei Meter lang, 40 mal 60 Zentimeter im Durchmesser. Sehr stabile Behälter. Die großflächigen schwarzen Logos auf den Kisten erweckten den Anschein einer humanitären Hilfslieferung. Auf den Seiten des Lieferwagens prangte der Schriftzug MEDICO, eine NGO in Stockholm. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, der Fahrer wäre in einem humanitären Auftrag unterwegs.
Alles Bluff.
Die MEDICO in Stockholm hatte einen medizinischen Hintergrund, ähnlich wie Ärzte ohne Grenzen. Die SRA in Amman stand eher für das Gegenteil. Bei der MEDICO wusste man, dass die SRA ihren Namen als Deckmäntelchen benutzte und im Gegenzug revanchierte sich Ed Sullivan, der Boss der SRA in New York, mit großzügigen Spenden. Sollte jemand in Stockholm anrufen und fragen, ob der Fahrer des Wagens bei MEDICO auf der Gehaltsliste stand, dann wurde das bereitwillig bestätigt. Schon das Logo öffnete viele Türen, Grenzbäume schwenkten hoch, ohne genaue Pass- oder Fahrzeugkontrolle. Wie jetzt auch an der Grenze nach Syrien, als Jean dem Grenzbeamten seine Papiere zeigen wollte. Der winkte ab. Das Logo suggerierte, der Inhalt der Kisten habe etwas mit Medizin oder Pharmazie zu tun. Herzschrittmacher oder Abführpillen.
Jean wusste, was die Kisten enthielten. Wie Akke gesagt hatte, ein Sonderauftrag. Keine brisanten Informationen, Dokumente, Computerdateien auf CDs und USB-Sticks, wie sonst. Mal was anderes. Gut bezahlt wurde es auch. Außerdem – das kam als Anreiz noch oben drauf – war er schon lange nicht mehr in Damaskus, sicher fünf Jahre oder mehr. Eine wunderbare Stadt. Obwohl das, was einmal wunderbar an der Stadt war, was romantische Geister vielleicht noch immer an Tausendundeine Nacht erinnern mochte, im wahrsten Sinn des Wortes verraucht war. Inzwischen hörte man häufiger Explosionen, als Rufe des Muezzins von den Minaretts. Damals hatte nicht viel gefehlt, und er wäre geblieben. Die Frau, mit der er was hatte, wollte dann doch nicht dauerhaft mit ihm zusammenwohnen, ihm, einem Mann aus dem Abendland. Ihre Eltern waren erzkonservativ. Jetzt lebte er in Beirut, der Stadt, die man vor vielen Jahren Paris des Nahen Ostens genannt hatte. Auch nicht schlecht, obwohl vom Pariser Flair viel abgeblättert war.

Im Kindle-Shop: Der Wert der Wahrheit.
Mehr über und von D.W. Crusius auf seiner Website.



'Götterfunken- Schatten der Ewigkeit' von Sabine Claudia

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Arammu Darisam (sumerisch) Liebe für immer

1768: Der junge Landadelige Dorian, ist wie viele Aristokraten seiner Zeit vom Leben gelangweilt. Als ein Zufall ihm eine schicksalhafte Begegnung beschert, erfährt er von der Einen, die er vor undenklichen Zeiten geliebt und verloren hat. Um seine große Liebe wiederzufinden trifft er eine folgenschwere Entscheidung, die ihm ewiges Leben bringt. Er wird ein Vampir. Dieser Entschluss reißt jedoch auch Jene mit ins Verderben, die ihm zur Seite stehen.

2010: Bei einer Ausgrabung am Harzhorn, machen Archäologen einen sensationellen Fund: Sie entdecken ein antikes Grab, das Symbole der sumerischen Kultur trägt und ein besonderes Geheimnis birgt. Diese Entdeckung lockt nicht nur führende Experten des Altertums an, sondern auch Vampire und übernatürliche Wesen, die ihre eigenen Ziele verfolgen.

Im Hintergrund brodelt der ewige Kampf der Götter, gegen die universellen Wächter, um die Vorherrschaft im Universum. Während sich das Rad des Schicksals für alle Beteiligten eifrig dreht, sind sie Alle mit den Abgründen ihrer eigenen Persönlichkeit und deren Versuchungen konfrontiert.

Leseprobe:
1768, Dorian
Die Schenke war gut besucht und voller Rauch. Es roch nach ranzigem Fett, ungewaschenen Körpern und säuerlichem Wein. Als Dorian eintrat, wurde er von den Anwesenden verstohlen gemustert, denn er trug feine Kleider, die ihn als Edlen kennzeichneten, während die übrigen Besucher eher einfache Leute waren. Es war kein Ort, an dem Dorian sich sonst aufhielt, er bevorzugte die feinen Salons seiner Freunde. Doch er war aus einem bestimmten Grund in diese Spelunke gekommen.
Die 24 Jahre seines Daseins, waren von Langeweile und Lebensüberdruss gekennzeichnet, wozu es absolut keinen Grund gab. Dorian sah blendend aus mit seinen dunklen Haaren und den hellen grünen Augen, war hochgewachsen, von schlanker Statur, gesund und stark. Er war privilegiert geboren, der einzige überlebende Sohn eines reichen Gutsbesitzers und somit sein Erbe. Doch sein Vater, der kalt und distanziert war, weigerte sich standhaft, ihn in die Geschäfte einzubeziehen, oder zu sterben, somit hatte Dorian nichts zu tun, als tagaus tagein sein Leben mit Sinnlosigkeit zu füllen.
Der einzige Mensch, an dem ihm etwas lag, seine Schwester Cordelia, hatte vor sechs Monaten ihre große Liebe geheiratet. Siegbert Swann, einen benachbarten Gutsbesitzer. So oft wie möglich, besuchte er die beiden, um der trostlosen Öde des großen Hauses und der Gesellschaft seines Vaters zu entgehen. Sein Schwager Siegbert, der eine Schwäche hatte für Zauberei und Übernatürliches, nahm ihn bei seinem letzten Besuch auf dessen Landgut, zur Seite und erzählte ihm von der Hexe, die in der Schenke Quartier bezogen hatte und den Leuten die Zukunft voraussagte.
Ungläubig lächelnd hatte er ihm zugehört und alles mit einem Kopfschütteln abgetan. Doch seine Frustration hatte ihn wieder eingeholt, als er alleine auf seinem Landsitz war und so entschied er sich doch dazu, die Hexe aufzusuchen.
Der Wirt kam katzbuckelnd auf ihn zu, pries ihm seine verschiedenen Gerichte an und versuchte ihn zu einem der Tische zu bugsieren.
Zwei Dirnen waren auf ihn aufmerksam geworden. Sie kamen mit tänzelnden Hüften und verführerischem Lächeln näher.
Dorian stoppte den eifrigen Gastwirt mit einer abwehrenden Handbewegung und fragte nach der weissagenden Hexe. Dieser verbarg seine Enttäuschung nur mangelhaft, doch er verbeugte sich ehrerbietig und geleitete ihn in ein stilles Hinterzimmer, in dem es stark nach Kräutern duftete.
Der schmale Raum war nur schwach von einigen Kerzen erleuchtet und Dorian sah vor sich einen kleinen runden Tisch mit zwei Stühlen.
Der Wirt bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, waren die Geräusche aus der Schenke nur noch gedämpft zu vernehmen.
Dorian setzte sich und maß mit gelangweiltem Blick, den spärlich eingerichteten Raum, während er wartete.
»Ihr seid gar nicht neugierig, mein Freund«, vernahm er eine dunkle Stimme, die aus dem hinteren Teil des Zimmers näher kam. Eine Frau mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, trat zu dem erleuchteten Tisch. Sie nahm ihm gegenüber Platz und musterte ihn.

Im Kindle-Shop: Götterfunken- Schatten der Ewigkeit.
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26. September 2018

'Schicksalspfad des Tempelritters: Dedericus' von Olivièr Declear

Kindle Edition | Tolino | Taschenbuch
Dedericus, der erste Band der Reihe »Schicksalspfad des Tempelritters« von Olivièr Declear.

Anno Domini 1225. Weite Gebiete Europas liegen in Schutt und Asche, bluten aus im gnadenlosen Krieg um Macht und Religion. Inmitten der Schlachten und Ränkespiele kämpft der junge Tempelritter Dedericus de Loen seinen eigenen Kampf, hin- und hergerissen zwischen Ordenspflicht, Liebe, Glaube und Zweifeln.

Sein treues Pferd Harraz begleitet ihn durch seine Abenteuer und ist exemplarisch für die Kriegspferde, der Tempelritter.

Leseprobe:
Die Wanderung
Nichts wies an diesem Tage im Jahre des Herrn 1225 auf das drohende Unheil hin. Sicher, vom Isenberg kommt nur der Teufel, sagte das Volk. Schon in seiner Kindheit lauschte Dedericus mit Schaudern den Geschichten über derer von Isenberg, die sich die Mägde in der Küche erzählten.
Der Teufel tanze des Nachts im Mondenschein um deren Burg. Werwölfe und Hexen raubten den Dörfern um diesen Schreckensort die Kinder und Mägde.
Die Geister der verlorenen Seelen hörte man des Nachts in den Wäldern heulen und jammern.
Aber nicht der Teufel, nicht Hexen und Werwölfe kamen mit dem Isenberg, er kam mit Feuer und Schwert über ihre Burg.
Ramus de Loen eilte auf den Turm und rief die wenigen Männer zur Verteidigung. Sein Sohn, Dedericus, bekam die Aufgabe, die Frauen und Kinder im Turm zu sammeln und zur Ruhe zu bewegen.
In kurzer Zeit stand alles in Flammen, auch der Turm konnte nicht vor den geworfenen Fackeln und den Brandpfeilen der Isenberger Mannen behütet werden.
Der Rauch biss unerträglich in den Augen und die Hitze der brennenden Bodenbohlen auf den Etagen kam immer näher. Das Bersten der Tragbalken und die einstürzenden Böden stoben Kaskaden von Funken immer tiefer in den Turm hinein.
Die Männer bemühten sich vergeblich, die brennenden Etagen zu löschen und zogen sich in ihrem Kampf immer weiter in die Tiefe des Turmes zurück.
Ein Balken des letzten Bodens stürzte brennend auf Dedericus Schwester. Mit einem Aufschrei des Entsetzens stürzte die Gräfin De Loen durch den beißenden Rauch und Funkenregen in die Flammen des brennenden Balkens, um ihr Kind zu retten.
Sie spürte nicht, wie die heiße Asche ihre Kleidung und Haut umfing. Ignorierte den Schmerz der Glut unter ihren Knien.
Dedericus sah die Männer seines Vaters den Balken von dem zerschmetterten Körper zerren, während sein Vater die brennenden Kleider seiner Mutter mit seinem Umhang zu löschen suchte.
Dieses unglaubliche Inferno um ihn herum, das Schreien, Weinen, die Gluthitze der Flammen, umgeben von Rauch und Funkenflug, ließ ihn erstarren. Das Geschehen schien ihm wie ein schrecklicher Traum, nicht wahrnehmend, dass dieser Albtraum in den Tag entsprungen war.
Der harte Griff eines Mannes erfasste seinen rechten Arm und zog Dedericus durch das Inferno. Er folgte ohne Willen und Verstehen. Dem Schock des Entsetzens ergeben.
Der junge De Loen sah, wie er in den schmalen Einstieg des Fluchtganges des Turmes gezerrt wurde, wie Knechte an ihm vorbei stürmten, um die schweren Eichenflügel des Durchganges zu versperren.
Immer tiefer wurde er in die Finsternis des Ganges gezogen. Dedericus vernahm, wie sein Vater den Befehl gab, die Stützpfeiler vor dem Gang einzubrechen. Sah Männer in der Dunkelheit verschwinden und hörte die dumpfen Schläge von Hämmern auf das schwere Holz des Gebälks.
Das Bersten der Stützen und das Geräusch des einstürzenden Ganges ließen den Boden unter seinen Füßen erbeben.
Als die Flüchtenden von dem Staub des eingestürzten Erdreiches erreicht wurden, kam erneut Leben in den Körper des jungen Mannes.
Mit einem heftigen Ruck befreite sich Dedericus von dem schmerzenden, eisernen Griff des Mannes, der ihn durch den Tunnel zog.
Mit raschem Schritt folgte er dem kaum vorhandenen Schein einer fast erloschenen Fackel. Es erschien Dedericus wie eine Unendlichkeit, bis sie zum Ausgang des Fluchtweges gelangten.
Einige der Männer hoben in schier übermenschlicher Anstrengung die schweren Bretter über ihren Köpfen, welche von dickem Erdreich bedeckt waren, aus ihren Fugen.
Von außen war der Ausgang nicht vom restlichen Waldboden zu unterscheiden.
Als die Abdeckung aufgestoßen war, stiegen die Fliehenden über die rutschigen, unebenen Stufen hinauf in den Wald, nahe dem Hellweg.
Ramus legte den Körper seines Weibes sanft in das Laub des Waldes und beugte sich mit tränenden Augen über die kaum noch Atmende. Erst jetzt sah Dedericus die schweren Verbrennungen an ihrem zarten Körper. Schluchzend warf auch er sich neben sie, küsste ihr vom Ruß verschmiertes Haar. Verzweiflung und Sorge umklammerten sein Herz. Klagend entrang seinem Mund: „Mutter!“
Die Tränen rannen ihm in Bächen über das Gesicht und die Welt, wie sie für ihn existierte, verschwand in einer Woge der unerträglichen Trauer.
Seine Mutter strich ihm zärtlich, mit der letzten Kraft ihres sterbenden Körpers, über seine Wange. Ihr Blick hatte trotz des Schmerzes noch so viel Liebe und Sorge für ihn.
Leise, fast unhörbar, bat sie darum, er solle nach Jerusalem ziehen um die Seele seiner Schwester vor dem ewigen Fegefeuer zu erretten.
„Mutter, …“, flüsterte er mit erstickter Stimme, „… du begleitest mich auf diesem Weg. Bitte verlasse uns nicht“.
Sein Blick wanderte zu dem rußgeschwärzten Gesicht seines Vaters, in dem sich ebenfalls Tränen ihren Weg bahnten.
Sanft faltete Ramus die Hände seiner geliebten Frau über ihrem toten Körper.
Laut schluchzend warf sich Dedericus auf die Schulter seiner Mutter, küsste ihre Wangen und wiederholte immer aufs Neue die Worte: „Mutter, bitte, lass uns nicht allein.“
Aber es kam kein Leben zurück in ihren Körper.
Eine Weile knieten Vater und Sohn an der Seite des toten Körpers der Gräfin. Unfähig in die Realität dieses grausamen Tages zurückzufinden, waren sie von überwältigendem Schmerz gelähmt.
Nach geraumer Zeit wagte einer der Knechte, ein grobschlächtiger, aber gutmütiger Mann, den die Jahre der harten Arbeit gebeugt hatten, ein vorsichtiges und leises: „Herr“, an Ramus de Loen zu richten: „Herr, was sollen wir tun? Die Isenberger Mannen suchen sicherlich nach uns.“
Der Blick des Grafen löste sich nicht vom Gesicht seiner Frau, als er mit gebrochener Stimme den Befehl gab, eine Trage zu richten.
Die Männer folgten seinem Befehl. Dann betteten die beiden De Loens den Körper der Toten sanft auf die Bahre.
Mit nunmehr festerer Stimme befahl Ramus den Männern, ihm mit der Bahre zu folgen.

Im Kindle-Shop: Schicksalspfad des Tempelritters: Dedericus.
Für Tolino: Buch bei Hugendubel
Mehr über und von Olivièr Declear auf seiner Amazon-Autorenseite.



'Bitterkeit und Süsse ... mit und ohne Happiness' von Rosa Rhoot

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Im Leben dreht ich fast alles um Liebe,
Träumerei, Wunschdenken,
Schicksale und Verlorenheit.
Menschen aller Couleur
begegnen sich oder treffen sich irgendwo.
Jeder erzählt irgendwas,
mal mit, mal ohne
Happy End.


Das tägliche Glück ist wahrlich unberechenbar, mitunter auch skurril und wie so oft ist das Seelenchaos vorprogrammiert. So auch in den Treffen der Mädels bei OTTO - oder auf einem skurrilen Heimweg mitten in der Nacht - in der stürmischen Liebe zweier Best Agers - abzusehen bei Lothar Lothersen - ebenfalls bei Hanna, die versucht, sich nach vielen Jahren aus mächtigen Fangarmen zu befreien - in einem Brief an die Freundin - sowie bei der einsamen Tina, die den Mann ihrer Träume im Internet sucht - und bei Walter, der einer unter Vielen ist.

Bildhaft und feinfühlig erzählt die Autorin von vielfältigen Gegebenheiten aus dem täglichen Leben. Sie ermöglicht dem Lesenden nah dran zu sein, hier und da, ein Spiegelbild zu sehen. Schauen Sie ins Buch und lesen mehr bunte Storys über das Kommen und Gehen unserer Mitmenschen.

Leseprobe:
Man sieht sich
Vier Jahrzehnte, mehr als die Hälfte ihres Lebens wohnt sie hier. Gerda kommt es wie eine Ewigkeit vor. Vierzig Jahre dieselbe Straße, dasselbe Haus, ein und dieselbe Wohnung, eine von vielen, die einst für Bergarbeiterfamilien gebaut wurde. Die gleich aussehenden grauen Koloniehäuser unterschieden sich lediglich durch individuelle Namensschilder sowie aufeinanderfolgenden Hausnummern. Einst kannte hier jeder jeden. Gerda und Jupp gehörten dazu. Ihre Liebe war standhaft, Sturm geprüft in guten und weniger guten Zeiten. Sie lebten für ihr Ziel, gemeinsam alt zu werden. Jupp war Hauer auf der Zeche, ein verlässlicher, arbeitswilliger Mann, schaffte später die Beförderung bis hin zum Steiger. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihnen. Jupp ließ Gerda viel zu früh allein und starb nach schwerer Krankheit.
Vor einigen Jahre bekamen die Siedlungshäuser eine Teilsanierung. Am Putz mussten Witterungsschäden beseitigt werden, zwecks Klima- und Einbruchschutz wurden alte Fenster und Haustüren gegen neue ausgetauscht. Das Gesamtbild der Bergarbeitersiedlung mit dem ursprünglichen Charakter blieb erhalten. Baulich hatte sich nur wenig verändert. Allerdings hatte sich die Zeit geändert. Der Generationswechsel mit seinen farbenfreudigen Akzenten war nicht aufzuhalten.
Gerda hat zu Hause einen Lieblingsplatz. In der Wohnstube vor dem Fenster stehen ein Tischchen, ein Sessel und eine Leselampe. Jeden Morgen lässt sie das Tageslicht ins Zimmer, zieht sie die Gardine mit dem besetzten Volant zurück und hat zugleich einen Sitzplatz in der ersten Reihe. Anschließend kann sie vom oberen Stockwerk links und rechts in die Gärten der Nachbarn schauen, darüber hinaus endet ihr Blick geradeaus vor den Fensterfassaden der anderen Wohnhäuser. Hoch droben sieht sie Wolkenfelder, Schleierwolken, Regen- und Gewitterwolken. Mittendrin sucht sie den gelblichen Sonnenstrahl. Vor Jahren noch vermischten sich die dicken rußigen Rauchwolken der Zechenanlagen mit den Himmelsgebilden, zeigten eine beachtliche Präsenz, bewirkten ein ungutes Gefühl, reflektierten den Arbeitstag, produzierten Dreck und beeinträchtigten merklich die Gesundheit.
Diese Zeit ist nicht mehr, alles ist nirgendwo gut.
Wie gewohnt sitzt Gerda in ihrem Sessel, blättert die Tageszeitung durch, überfliegt die Nachrichten, liest interessiert den Lokalteil mit Bekanntmachungen und Todesanzeigen, hat die Qual der Wahl ihre Lieblingssendungen im Fernsehblättchen zu entdecken.
Gerda hat alle Zeit der Welt. Oft verliert sie sich in Erinnerungen, denkt zurück, wie der Garten noch Hof genannt wurde. Früher gehörte zu jedem Haus ein Stück Gartenland und diente zur Selbstversorgung der Familien. Regelmäßig wurden Pflanzkartoffeln gesetzt und viel Gemüse angepflanzt. Vereinzelnd leuchteten bunte Blumen. Zwischen zwei Pfosten hing die Wäscheleine, stramm gespannt. Gewaschenes wurde nach Farbe und Größe sortiert und akkurat mit hölzernen Klammern aufgehängt. Zum Ärgernis aller Hausfrauen hinterließ die rußige Luft immer mal wieder feine Spuren auf der sauberen Wäsche.
In fast jedem Hof gab es einen Stall. In längst vergangener Zeit war das der Platz für die Ziege. Nach und nach entwickelte sich der Unterstand zum Refugium der Männer, mal mehr mal weniger gut zurecht gewerkelt. Werkzeugkisten, Gartengeräte, Fahrräder und noch vieles mehr wurden auf engstem Raum untergebracht. Nach der Schicht sowie am Wochenende standen Holzstühle im Hof. Irgendwann hatte irgendjemand sie ausrangiert und in die Ecke gestellt. Die alten Sitzgelegenheiten mit unzähligen Gebrauchsspuren wirkten spartanisch, trotz alledem erfüllten sie ihren Zweck, luden ein zum zwanglosen Treffen. Die Kumpels tranken Bier aus der Pulle, erzählten von der Arbeit unter Tage, diskutierten über das letzte Fußballspiel, hörten das Neuste vom Taubensport des Nachbarn. Manchmal nahmen die Frauen am Hofleben teil, meistens vom geöffneten Fenster aus. Das Sofakissen wurde zweckentfremdet, diente als weiche Unterlage auf der harten Fensterbank. Das Gesamtbild verkörperte eine charakteristische Lebensform mit selbstverständlicher Zugehörigkeit.
Diese Zeit ist nicht mehr, alles ist nirgendwo gut.
Eines Tages folgte der Generationenwechsel. Links und rechts zogen junge, bunte Menschen ein. Ein paar Alte blieben übrig. Nach und nach bekam der Hof ein neues Erscheinungsbild. Was einst der Gemüsegarten war, ist heute eine gepflegte Grünfläche, die straff gezogene Wäscheleine gehört längst der Vergangenheit an, den Stall gibt es nicht mehr. Ringsumher stehen hohe Ziersträucher, die Abgrenzung zum Nachbargrundstück. Zusätzlich bieten sie den mitunter notwendigen Sichtschutz. Es gibt für die Großen einen Platz zum Grillen, für die Kleinen einen Sandkasten. Einige Farbtupfer sind im Grunde genommen Spielzeug, herrenlos verstreut bis zur nächsten Spielattacke. Der Hof von gestern ist mittlerweile der Garten von heute. Zeit und Muße blieben Gerda. Das neuartige Treiben der Familien sieht sie vom Fenster aus, stets im Abseits, weit weg vom bunten Geschehen.
Kaum vergangen reiht sich schon der nächste Tag ins stille Leben. Gerda trinkt morgens Bohnenkaffee, schmiert sich zwei Butterbrote, deckt das Tischchen am Fenster. Es reicht für sie. Wehmutsvoll schaut sie sein Bild an, hat es im silbernen Rahmen verewigt. Sie schiebt die Gardine zurück, will sich soeben hinsetzen, stutzt, bleibt stehen. Ihr routiniertes Auge zielt direkt auf das gegenüberliegende Haus. Dort wird ein cremefarbenes Fensterrollo hochgezogen, was in der Tat ungewöhnlich ist. Ein unbekannter Mann mit schlohweißen Haaren, schiebt die Gardine zur Seite und öffnet das Fenster. Mit einer Morgenzigarette in der Hand schaut er in die Runde.
Gerda will mehr sehen, nimmt sofort das griffbereite Fernglas zur Hand. Jupp brachte es aus einem Trödlerladen mit nach Hause. Kommt Besuch versteckt sie das Glas im Schrank, immer im Zwiespalt zwischen Tun oder Lassen, uneinig mit sich und dem Rest der Welt. Ihre Neugier ist keinesfalls eine Primitive, sie will nicht indiskret sein, eher ist es eine Art inaktives Beisammensein, fernab von Gut und Böse. Demzufolge zielt der geübte Blick auf den Raucher am geöffneten Fenster. Gerda betrachtet ihn durchs Fernglas, holt ihn sich nah heran. Jetzt sieht sie seine Stirn, die Nase, den grauen bauschigen Lippenbart schaut auf die Gestik, wie er raucht. Tunlichst achtet sie darauf, dass sie dabei nicht von ihm entdeckt wird.
Zum ersten Mal ertappt sie sich bei dem Gedanken, ihr Tun sei beschämend. Spontan setzt sie den Gucker ab, legt ihn in den Schrank zurück. Von nun an will sie sich zeigen und ebenfalls gesehen werden.
Am darauffolgenden Morgen bemerkt er sie, drückt die Zigarette aus, und bevor der Mann das Fenster schließt, hebt er die Hand und winkt. Sie erwidert seinen Gruß, eher verhalten, mehr wäre beim ersten Mal zu viel geworden. Es entwickelt sich ein allmorgendliches Ritual. Aus dem zurückhaltenden Winken wird ein beherztes Zuwinken.
Wieder ist Wochenanfang, der Himmel zeigt sich grau in grau, prophezeit ungutes Wetter. Schon bald fallen dicke Regentropfen, die fortwährend an ihr Fenster pochen, verwischen ihre gewohnte Sicht nach draußen.
Gerda will wieder Sonnenschein, will raus, auftanken, nicht länger einsam in den vier Wänden hocken, will unter Menschen sein und sei es nur beim Einkaufen. Vorab schaut sie in den Spiegel, zupft hier und da, streicht mit der Hand durchs dünne Haar nimmt die Tasche, wählt den kurzen Weg ins Zentrum.
Augenblicklich verlangsamt sie das Schritttempo, denn überraschenderweise steht er da, ganz nah, der Mann von gegenüber. Ihr Herz schickt längst vergessene Impulse, verliert für Sekunden den gewohnten Takt.
Er lächelt sie an, kommt auf sie zu, streckt seine Hand zur Begrüßung aus, hält die ihrige einen Moment lang fest ...

Im Kindle-Shop: Bitterkeit und Süsse ... mit und ohne Happiness.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Rosa Rhoot auf ihrer Website.



25. September 2018

'Kein Ring, kein Kuss: Die Geschichte von Daliah und Berenod' von Mark Hollberg

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Die Geschichte von zwei jungen Menschen, die sich in Israel zufällig über den Weg laufen und deren Liebe über eine große Entfernung und einem unseligen Abschied anhält, auch wenn sich Daliah und Berenod jahrelang nicht gesehen haben.

Eigentlich hatte sich Daliah, die Neueinwanderin aus dem Iran, einen Mann aus ihrem Kulturkreis gewünscht. In einem israelischen Kibbuz trifft sie auf den kühlen Norddeutschen, dessen Hebräisch ebenso schlecht ist wie ihr Englisch. Verwunderungen auf beiden Seiten sind an der Tagesordnung und so langsam und auf leisen Sohlen kommt die Liebe zu Daliah und Berenod, wie sie den jungen Mann nennt.

Der Leser erkundet zusammen mit Berenod das alltägliche Kibbuzleben, lernt Irachmiel, Hannah und die alte Miriam aus Berlin kennen, lächelt über die täglichen Missverständnisse zwischen den beiden Helden dieser Geschichte und begleitet Berenod und Daliah nach Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Und so ganz nebenbei erfährt man eine Menge über das kleine Land am Mittelmeer und seine Bewohner.


Leseprobe:
Daliah als Kind des Orients bevorzugte Reisen mit dem Bus oder mit dem Scherut, die Eisenbahn wäre ja wohl viel zu langsam und gefährlich. Ich wusste wirklich nicht, warum die Fahrt mit einer israelischen Eisenbahn gefährlich sein sollte und machte folgenden Kompromissvorschlag: Hin nach Tel Aviv mit der Bahn, zurück mit dem Egged Bus. Daliah lächelte tatsächlich und war einverstanden. Wir marschierten also zum Bahnhof, lösten zwei einfache Hinfahrten am Schalter und warteten am Bahnsteig auf den Zug aus Naharija, der auch pünktlich in den Bahnhof einfuhr. Israel ist ein unkompliziertes und zeitweise lässiges Land, aber Busse und Bahnen fahren gewissenhaft nach den ausgehängten Fahrplänen. Und siehe da: Die Fahrt mit der gemütlichen Eisenbahn mit gelegentlichem Ausblick auf das Meer gefiel Daliah ganz gut; sie guckte ständig aus dem Fenster, wie die Landschaft gemächlich an ihr vorbeirauschte, stemmte ihre Ellenbogen auf die schmale Fensterbank und drückte auch mal aus Scherz an der Scheibe ihre Nase platt. Der Zug war überhaupt nicht voll, nur hin und wieder sahen wir ein paar vereinzelte Fahrgäste, die es sich in den Abteilen bequem machten. Dafür sind die Busse immer gerammelt voll und hin und her gehen kann man auch nicht.
Nach anderthalb Stunden erreichten wir die Großstadt Tel Aviv und mussten uns erst mal orientieren. Überall Menschen, hupende Autos, weiße Häuser, mehrspurige Straßen und herrliche Boulevards mit Modeboutiquen, Supermärkten, brechend vollen Straßencafés und gewaltigen Verwaltungsgebäuden. Ich kannte Tel Aviv nur von meiner Ankunft und war seither nicht mehr hier gewesen. Jerusalem ist zwar die Hauptstadt Israels, aber Tel Aviv ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum. Daliah zeigte auf ein imposantes Gebäude, in das Hunderte Menschen rein und raus liefen.
»Histadrut«, sagte sie.
Die Histradut ist der Dachverband israelischer Gewerkschaften, hat eine eigene Bank, Unmengen von Immobilien, eine eigene Krankenkasse und ist untrennbar mit dem Staat Israel verbunden und verflochten. Noch in den 60er Jahren waren etwa 30% aller israelischen Arbeitnehmer im Wirkungsbereich der Histadrut beschäftigt. Ein Gigant, der 1994 komplett umgebaut wurde und dadurch viel an Einfluss einbüßte. »Da müssen wir hin?«, fragte ich und schaute gleichzeitig auf Irmis Zettel, auf dem die Adresse unserer Dachorganisation stand.
»Lo«, antwortete Daliah. Nein, wir müssen da lang.
So schlenderten wir die berühmte Dizengoff Street entlang, passierten den Dizengoff Square, kreuzten die Frishman Street und erfreuten uns an der Vielfältigkeit des Stadtlebens. Wir Landeier hatten nicht allzu oft die Gelegenheit, eine pulsierende Metropole zu besuchen und machten sogar einen Abstecher zum Strand, wo Daliah vor Freude in die Hände klatschte, als sie das Mittelmeer sah. Das war auch das einzige Mal, dass sie meine Hand losließ, ansonsten ging sie immer ganz dicht neben mir und zeigte immer unauffällig auf Paare, die so ähnlich aussahen wie wir. Also europäisch-orientalisch. Dabei umklammerte sie mit der freien Hand meinen Arm und drückte sich fest an mich.

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24. September 2018

'Restsüße' von Claudia Meimberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
„Und ich? Werde ich dir fehlen?“

Während ihrer Reise durch Neuseeland lernt die Kölnerin Sarah den Winzer Josh kennen. Aus ihrer unerwarteten Romanze wird schnell mehr - obwohl sie wissen, dass Sarah in wenigen Wochen zurück nach Deutschland muss.

Dann trennen sie Kontinente, Zeitzonen und das ganz normale Leben. Aber wenn guter Wein Zeit braucht, um zu reifen - wie viele Jahre braucht dann die Liebe?

Leseprobe:
Das Tropenhaus dampfte. Es war stickig, die Luft machte das Atmen schwer und legte sich feucht auf die sattgrün glänzenden Blätter und den hölzernen Steg, der durch die Anlage führte. Sarah blieb stehen und wischte sich über die Stirn. Die Hitze in diesem Bereich des Zoos machte sie träge. Ihre Augen wanderten über die exotischen Pflanzen, die sich dem gläsernen Dach entgegenstreckten. Sie entdeckten bunte Vögel, die laut rufend durch die Halle flogen und erstaunlich große Schmetterlinge, die an einer Schale mit Nektar tranken und dabei langsam ihre pudrigen Flügel schlugen. Unter ihr, am Ufer eines trüben Wassertümpels, lagen Kaimane. Sarah betrachtete die Tiere, die mit halb geöffneten Mäulern am Ufer auf Beute lauerten. Völlig regungslos, nur der Glanz ihrer Augen zeugte von ihrer Echtheit.
»Pass auf!«, rief die Stimme, als sie plötzlich nach vorn gestoßen wurde und stolperte. Sie versuchte noch, sich am Geländer festzuhalten, als im gleichen Moment zwei starke Hände sie festhielten. Ihr Herz raste, aber sie riss sich zusammen, während sie sich zu ihm umdrehte.
»Dennis! Du hast mich erschreckt!« Sie schlug ihm mit der Hand auf die Brust, und er grinste.
»Tut mir leid.« Dann zog er sie an sich und küsste sie auf die Nasenspitze. »Na, komm. Da vorne ist das Nachthaus.«
Hand in Hand ließen sie die Hitze hinter sich und traten in das rötliche Dämmerlicht der künstlichen Nacht. Die Wände waren einem Felsen nachempfunden und die Gehege der Bewohner darin hinter Glas eingelassen. Sarah und Dennis schlenderten von einem zum nächsten, nur gerade so leise flüsternd, wie es von den Besuchern erwartet wurde. Manche Tiere entdeckten sie erst auf den zweiten oder dritten Blick, bei anderen überraschte sie deren Giftigkeit. Schließlich erreichten sie ein recht großes Tiergehege und blieben vor der Trennscheibe aus Plexiglas stehen.
Dennis beugte sich zum Informationsschild und las mit zusammengekniffenen Augen vor: »Das ist ein …«
»Possum«, unterbrach Sarah ihn lächelnd. Sie konnte den Blick kaum von dem kleinen Fellknäuel abwenden, das vorsichtig auf allen vieren einen Ast hinab balancierte. Die rosa Nase schnuppernd in die Luft haltend, folgte es einer Duftspur, bis es unter einem Stein ein verstecktes Bananenstück fand und es gierig in sein Maul stopfte. Trotz der Dunkelheit erkannte Sarah die Zähne des Tieres, sein kleines, kräftiges Raubtiergebiss. Unvermittelt strich sie mit ihrem Daumen über die Narbe an ihrer Hand.
Es war jetzt fast fünf Jahre her, seit ein deutlich wilderes Possum sie dort gebissen hatte. Seit diesem Wochenende. Dem letzten Wochenende mit ihm, Josh. Bilder flackerten in ihr auf, sie sah das Zelt vor sich, ihr Kanu auf dem smaragdgrünen Wasser, sein Gesicht. Eine längst verdrängte Wehmut schlich sich in ihre Gedanken, als Dennis’ Stimme sie aus ihren Erinnerungen riss.
»Hier steht aber, dass es ein Fuchskusu ist. Das heißt, warte, du hast recht …«, er las nuschelnd weiter, »… bezeichnet als Possum, gilt in Neuseeland als Plage und wird bejagt.« Er lachte amüsiert auf und trommelte mit den Fingerspitzen an die Scheibe. »Na, da hast du ja Glück gehabt, dass du hier wohnen darfst, nicht wahr?«
Das Tier reagierte nicht auf ihn und suchte unbeeindruckt weiter nach Essbarem. Dennis klopfte etwas lauter. »Die Neuseeländer schießen Viecher wie dich über den Haufen, hörst du?« Er hielt Daumen und Zeigefinger wie einen Revolver auf das Possum gerichtet und kicherte. »Peng, peng, peng!«
»Nicht alle Neuseeländer«, murmelte sie leise.
»Was hast du gesagt, Liebes?« Er sah sie so aufrichtig interessiert an, dass sie einen Moment lang versucht war, ihm die Geschichte hinter ihrem Kommentar zu erklären.
Ihm diesen Abend zu schildern, der am anderen Ende der Welt, irgendwo auf einer neuseeländischen Küstenstraße eine abenteuerliche Wendung genommen und ihr im Nachhinein so viel bedeutet hatte. Damals, an diesem Abend, war ihr plötzlich alles so klar geworden. Aber etwas in ihr wehrte sich dagegen, Dennis davon zu erzählen. Sie mochte dieses Erlebnis nicht als lustige Anekdote darbieten. Dafür war es zu wichtig gewesen, zumindest für sie selbst. Nein, sie würde jetzt nicht darüber reden. Außerdem kannte sie Dennis ja kaum. Heute war eines ihrer ersten Dates, wer hörte da schon gerne Geschichten von vergangenen Liebschaften?
»Ach, nichts. Das erzähle ich dir ein anderes Mal.«
Sein prüfender Blick wurde schnell weich, dann lächelte er sie liebevoll an.
»Okay.« Er legte den Arm um sie und zog sie mit sich. »Lass uns weitergehen. Es gibt hier noch viel zu entdecken.

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'BLUT FORDERT BLUT' von H.C. Scherf

Kindle (unlimited)
„Der Frieden ist nur Schein - hinter ihm lauert der Tod“

Eine ganze Region zittert vor ihr, obwohl sie Schutz versprach. Eine schöne Frau regiert nach dem Tod des Don unnachgiebig eine italienische Region. Nur einer durchschaut ihr Intrigenspiel, kennt ihr Geheimnis, das sie angreifbar macht. Geduldig wartet er auf den Tag der Abrechnung.

Ein grausamer Mafiakrieg, in den die Gerichtsmedizinerin Karin Hollmann, Hauptkommissar Spelzer und ein Serienkiller unaufhaltsam hineingezogen werden. Sie versuchen, Unschuldige zu schützen.

Obwohl die Handlungsabläufe in sich abgeschlossen sind, empfiehlt es sich, die Bücher der Spelzer/Hollmann-Reihe in der Reihenfolge zu lesen:
KALENDERMORD - Band 1
DER SERBE - Band 2
MORDTIEFE - Band 3
BRANDZEICHEN - Band 4
BLUT FORDERT BLUT - Band 5

Leseprobe:
Wieder traf ihn die breite Faust mit voller Wucht auf den Wangenknochen.
»Ich kenne die Männer nicht. Ihr müsst mir glauben – bitte. Ich würde es euch doch sagen.«
Die letzten Worte waren kaum noch zu verstehen, da sich ein weiterer Schwall frischen Blutes aus Lucas Mundwinkel ergoss. Ausdruckslose Augen der umstehenden Männer waren auf sein zerschlagenes Gesicht gerichtet, warteten auf etwas Bestimmtes. Schließlich trat eine schlanke, großgewachsene Frau in den Vordergrund, die sich bisher schweigend zurückgehalten hatte und die Folterungen der Schläger mit einem genießerischen Lächeln verfolgte. Still saß sie zuvor in einem Korbstuhl, die Beine leger übereinandergeschlagen. Ihr schwarzes Haar bändigte ein großer, strenger Knoten am Hinterkopf. Die Kleidung wirkte elegant und teuer. Vor ihr hatten die Männer eine Gasse freigelassen, damit sie das Schauspiel genießen konnte. Sie berührte mit der Fingerspitze eine der wenigen Stellen am Kopf des Gequälten, die nicht mit Blut besudelt war und drückte das Gesicht so zurecht, dass sie genau in die geschwollenen Augen blicken konnte. Was sie zu sehen bekam, war pure, nackte Angst. Das Beben des Körpers war selbst bei leichter Berührung feststellbar. Unter dem Stuhl des Mannes verströmte eine breite Pfütze den Geruch warmen Urins. Unbeeindruckt von den Qualen des Mannes starrte sie mit kalten Augen auf ihr Opfer.
»Deine Eltern haben dir einen sehr schönen Namen gegeben. Luca gefällt mir. Er hat übrigens mehrfache Bedeutung. Wusstest du, dass er zum Beispiel Morgendämmerung oder der aus Lucania Stammende bedeutet? Darüber hinaus findet man seine Bedeutung auch in der Lichte, der Glänzende, aber auch der bei Tagesanbruch Geborene. Bei dem zuletzt genannten Vergleich habe ich allerdings meine Zweifel, ob du kleiner Straßenköter den Nächsten noch erleben wirst. Es sei denn, du verrätst uns innerhalb der kommenden fünf Minuten, wer dich bezahlt hat für deinen Verrat. Die Zeit läuft!«
Sie trat einen Schritt zurück, um den Blutspritzern zu entgehen, die der Mund des Opfers versprühte, als dieser zu schreien begann.
»Ich habe niemals einen Namen erfahren. Die haben mich angerufen und mir das Geld in einem Umschlag in den Briefkasten gesteckt. Selbst die Telefonnummer war unterdrückt. Glaubt mir das doch. Bitte habt Gnade mit ...«
Der Faustschlag, der Luca unterhalb des rechten Auges traf, ließ ihn gequält aufschreien. Alle Umstehenden konnten das Geräusch des brechenden Jochbeins hören. Unbeeindruckt davon wartete die Frau auf eine Antwort. Demonstrativ tippte sie im Sekundentakt auf ihre mit Brillanten besetzte Armbanduhr. Lucas Schreien wechselte mittlerweile in ein jämmerliches Wimmern. Die Hände zerrten immer wieder an den Fesseln, die ihn unerbittlich am Stuhl festhielten. Als einer der Männer gegen die Rückenlehne trat, prallte Luca mit dem Gesicht auf den schmutzigen, rauen Betonboden und riss sich die Haut von der Wange. Ein schmieriger Blutstreifen zeichnete den Weg, den Lucas Gesicht nahm, als ihn dieser Schläger über den Boden zog, hin zu einer Werkbank. Ein weiterer, auch mit einem schwarzen Anzug bekleideter Mann, zerschnitt die Fesseln, die den armen Kerl auf dem Stuhl fixiert hatten. Er fasste mit an, um das wehrlose Opfer auf die breite Holzfläche zu hieven.
Obwohl Lucas Augen fast komplett von den stundenlangen Faustschlägen zugeschwollen waren, weiteten sie sich in dem Augenblick, als er das über ihm schwebende Sägeblatt erblickte. Sein Körper vibrierte, als hätte man ihn an Starkstrom angeschlossen. Obwohl er es panisch versuchte, verließ kein Ton seine Kehle. Die Angst schnürte ihm die Luft ab. Er wusste, was auf ihn zukam, da er diese Prozedur des Öfteren selbst an anderen Opfern angewendet hatte. Wie schmerzhaft es war, bei lebendigem Leib stückchenweise zerschnitten zu werden, würde er nun zu spüren bekommen. Gnade konnte er nicht erwarten, das ließen die Gesetze der Familie nicht zu.
Wieder blickte er in das Gesicht dieser Frau, das sich für einen Moment über seines schob. Die Kälte in diesen Augen kannte das Wort Mitleid nicht. Schnell realisierte sie, dass dieser Mann nichts mehr mitzuteilen hatte. Mit einer abfälligen Handbewegung setzte sie eine Folterung in Gang, wie sie grausamer kaum sein konnte. Ein grelles, ohrenbetäubendes Kreischen erfüllte den Raum, als sich das Blatt der riesigen Kreissäge in Bewegung setzte und sich den Füßen des Opfers näherte.
Begleitet von vier Bodyguards verließ Lea Mantonelli, genervt von der Erfolglosigkeit des Unternehmens, das Lagerhaus und bestieg den silbergrauen Maserati, der im Hof wartete.

Im Kindle-Shop: BLUT FORDERT BLUT (Spelzer/Hollmann 5).
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21. September 2018

'Hungersacker: Gustl Bayers erster Fall' von Martina Schmid

Kindle (unlimited)
Die Welt ist nirgends in Ordnung!
Auch nicht in Hungersacker! – Aber er musste dorthin zurückkehren. Noch einmal, ein letztes Mal. Auf den „Mordhof“. Um zu tun, was zu tun war. Dann sollte endlich Ruhe in seinem Leben einkehren. Einem Leben, das seit jenem Tag keines mehr war und nur noch daraus bestand, an den Tag der Rache zu denken. Und der würde kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche war …

Unter merkwürdigen Umständen verschwindet in den Sechziger Jahren der Holzer-Bauer aus Hungersacker nach einem Streit von seinem Hof. Er wird nie gefunden. Jahre später: Ein vermeintlicher Zeuge macht eine Aussage und tritt dadurch eine Lawine von Ereignissen los, deren weitreichenden Folgen er sich nicht bewusst ist.

Ein heikler und sehr persönlicher Fall für Hauptkommissar Gustl Bayer! Wird er den ungeklärten Mord auf dem abseits gelegenen Anwesen im Vorderen Bayerischen Wald, der nach knapp zwanzig Jahren wieder aufgerollt wird, lösen?

Leseprobe:
Juni 1985
Nebelschwaden waberten wie eine dicke Suppe über den Tälern. Kurz zuvor hatte es auf die heißen, trockenen Wiesen und Wälder über Hungersacker ausgiebig geregnet. Hungersacker – ein kleiner, unscheinbarer Ort inmitten des Wörther Forstes im Vorderen Bayerischen Wald, umgeben von Weilern und Einödhöfen.
Wenn er nicht so abgebrüht gewesen wäre, hätte er sich bei dem Anblick, den die Natur ihm hier bot, gegruselt. Er beobachtete aus seinem Versteck heraus ein bestimmtes Objekt in der Nähe. Sein Magen knurrte. Er ignorierte es. Er hatte in den letzten Jahren viel ignorieren müssen – zu viel, um nach seiner Entlassung ein normales Leben führen zu können.
Auf einer Anhöhe erkannte er unweit hinter einer Baumgruppe den Holzer-Hof. Aus dieser Entfernung betrachtet, schien sich nicht viel verändert zu haben in den vergangenen, knapp zwanzig Jahren. Um das Anwesen herum war nichts als Natur. Eine Natur, die sich unschuldig um alles, was sie umgab, schmiegte. Das von ihm anvisierte Gehöft wirkte heruntergekommen. In dem kleinen Heustadel aber, in dem er kauerte, war es inzwischen unerträglich heiß und stickig geworden. An seiner Vorderseite lagerten etwa fünf bis sechs Ster Holz. Nur einen Steinwurf von dem Stadel entfernt standen ein größerer Schuppen und ein Wohnhaus. Nur ein schmaler, unbefestigter Fahrweg führte hierher. Aber er hatte es geschafft. Er hatte alles hinter sich. Endlich!

Im Kindle-Shop: Hungersacker: Gustl Bayers erster Fall (Ostbayernkrimi 2).
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20. September 2018

'Embargo: Krieg im Schatten' von D.W. Crusius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
1997 - Charles Dixon ist Chef einer geheimen Einheit innerhalb der CIA, von deren Existenz nicht mal der CIA-Direktor weiß. Nach dem Muster eines Anschlages der CIA 1982 auf die sowjetischen Gasfelder in Sibirien, entwickelt Dixon einen Plan, die libyschen Ölquellen mit manipulierter Elektronik zu vernichten. Wenn die Wirtschaft zusammengebrochen ist, werden die Libyer Gaddafi stürzen. So die Überlegung.

Kurt Hoffmann vom BND soll den in Untersuchungshaft in Köln einsitzenden Harald Jasper mit besten Verbindungen zur libyschen Obrigkeit anwerben und nach Tripolis schicken. Dafür verspricht man Jasper die Freiheit. Für Jasper ein verlockendes Angebot, denn ihm drohen 15 Jahre Gefängnis wegen Bruchs des gegen Libyen verhängten UN-Embargos.

Leseprobe:
Langley 2002, Hauptquartier der CIA
Charles Dixon betrachtete fasziniert die Satellitenaufnahmen. Wenn es stimmte, was er hinter den Aufnahmen vermutete, dann hatte er die Lösung für sein Problem gefunden. Die Aufnahmen zeigten eine gewaltige Explosion und er verstand, weshalb nicht eingeweihte Kreise innerhalb der CIA und in Washington anfangs vermuteten, die Sowjets hätten in Sibirien eine neuartige Waffe getestet. Im Sommer 1982 blähte sich der Kalte Krieg wie zu einer bevorstehenden Apokalypse auf. Eine neuartige Waffe, das war glaubwürdig. Nur die ambossförmige Form fehlte, und es wäre die perfekte Explosion einer 3kt TNT Atombombe gewesen, fotografiert von einem Satelliten aus dem Weltraum. Auf den Bildern sah man die parallel angeordneten Pipelines direkt vor der Explosion, auf weiteren Bildern, wie sie von der Wucht einer Explosion zerrissen und empor geschleudert wurden. Es folgten Aufnahmen der Trümmerfelder Stunden später. Wie umgeknickte halb abgebrannte Streichhölzer ragten die deformierten Gasleitungen in die Luft. Die Zerstörungen erstreckten sich über mehrere Quadratkilometer. Die Satellitenaufnahmen der folgenden Monate zeigten, dass die Fördereinrichtungen über lange Zeit nicht in Betrieb genommen werden konnten. Nicht einmal Reparaturtrupps waren auszumachen. Es schien, als hätten die Sowjets die Gasfelder in Sibirien aufgegeben. Charlie Dixon blätterte in den Unterlagen und fand die Kostenaufstellung der damaligen Operation. Die Beträge waren lächerlich gering, und er vermutete hinter den Zahlen anfangs die Spesenabrechnungen der Agenten.
Die westlichen Medien berichteten vom Einschlag eines Objektes aus dem Weltraum. Von Aliens aus einer fernen Galaxie war die Rede und ein Vorfall vom Beginn des Jahrhunderts wurde zitiert. Man musste den Journalisten zugutehalten, dass sie es nicht besser wissen konnten. Der Vergleich drängte sich auf, die Augenzeugenberichte von 1908 ähnelten auf frappierende Weise der Explosion 1982. Damals hatte die Explosion allerdings erwiesenermaßen eine natürliche Ursache – einen Asteroiden-Einschlag in der Gegend von Tunguska. Man sprach auch vom Tunguska-Asteroiden. Die Experten konnten sich lediglich nicht einigen, ob ein oder mehrere Himmelskörper in Sibirien eingeschlagen waren. Es könnte ein Komet gewesen sein, hieß es, von einem Feuerschweif berichtete man. Hinzu kam, dass Wissenschaftler bei Tiefbohrungen keine Fragmente des Himmelskörpers gefunden hatte. Es konnte sich nur um eine Explosion wenige Meter über dem Erdboden gehandelt haben und die enorme Hitze hatte das Material zerstrahlt – was auf einen Kometen hindeutete. Stoff für Verschwörungstheoretiker. Augenzeugen berichteten von bis zu vierzehn Explosionen. Fest stand nur Zeitpunkt und Ort. Der unheimliche Himmelskörper aus dem Weltraum schlug am 30. Juni 1908 gegen 7:15 Uhr im sibirischen Gouvernement Jenisseisk ein, der heutigen Region Krasnojarsk in der Nähe des Flusses Podkamennaja Tunguska. Das war das Siedlungsgebiet der Ewenken, eine Volksgruppe aus dem nördlichen Sibirien. Bei dem Einschlag und der folgenden Druckwelle wurden Bäume im Umkreis von etwa 30 Kilometer entwurzelt oder umgeknickt, Fenster und Türen in der 65 Kilometer entfernten Handelssiedlung Wanawara zerbarsten. Fachleute schätzten, dass auf einem Gebiet von über 2000 Quadratkilometern 60 Millionen Bäume umgeknickt wurden. Den hellen Feuerschein hatte man in über 500 Kilometern Entfernung wahrgenommen, Reisende der Transsibirischen Eisenbahn hatten die Druckwelle gespürt.
Charlie Dixon nahm ein Blatt Papier und schrieb ein paar Zahlen auf, eine grobe Kostenaufstellung. Manpower, Material, Verbindungsleute zu Partnerdiensten, NN – Nützliche Nebenabgaben, besser gesagt Schmiergelder.
Er addierte die Beträge. Unmöglich. Dafür würde er niemals eine Genehmigung bekommen. Nicht, weil der Betrag zu hoch war, im Gegenteil. Das kaufte ihm die obere Etage niemals als ernst zunehmende CIA-Geheimoperation ab, das waren die Kosten für den Wochenendausflug einer Pfadfindergruppe. Zumindest, wenn man die Kosten der üblichen CIA-Operationen zum Vergleich heranzog. Er malte sorgfältig hinter jede Position eine Null, addierte erneut, wusste es vorher. Faktor zehn – immer noch viel zu wenig. Er malte hinter jede Position eine weitere Null.
Sollte es wirklich so einfach sein? Unruhe erfasste ihn. Mit so einer Operation legten sie die Öl und Gasförderung eines ganzen Landes innerhalb von Minuten lahm, und das so gründlich, dass über Monate, vielleicht Jahre, nicht mehr gefördert werden konnte.
Mit leisem Schmunzeln dachte er an den Mann, der 1982 im Weißen Haus die Operation im fernen Sibirien abgesegnet hatte. Als er ins Amt kam, sprach man herablassend von einem zweitklassigen Schauspieler und einem liebenswerten Hohlkopf, der sich auf den Präsidentenstuhl verirrt hätte. Als er aus dem Amt schied, waren sich alle einig, selbst seine schärfsten Kritiker, dass der Mann zehnmal schneller dachte, als seine engsten Berater. Auf ihn ist die Methode zurückzuführen, der man den Code-Namen gab – Reagan-Methode.
Drei A4-Seiten. Er las es wieder und wieder, aber es war so, damit war alles gesagt. Wenn er dafür das OK von oben bekam, dann war das der krönende Abschluss seiner Laufbahn. Eher Rutschpartie, nicht Laufbahn. Das würde ihn auf die Ahnentafel der CIA befördern.

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'Sheliese Savior's Ghostwar: und das Vermächtnis von Ewig-Eis' von Jessylynn Sidney Winter

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Wäller Land 1971: Völlig ahnungslos und isoliert wächst Sheliese bei ihrer Tante in Wildseelenstein auf. Erst, als ihr Onkel sie besucht und ihr offenbart, dass sie magische Kräfte hat, eröffnet sich ihr eine völlig neue Welt. Noch weiß sie nicht, welche Macht in ihr ruht und wo ihre Wurzeln zu finden sind. So tritt sie schüchtern und doch neugierig ihre Ausbildung an der Zauberschule Ghostwar an.

Wem kann sie vertrauen? Was verheimlicht ihr Onkel? Wer waren ihre Eltern?

Leseprobe:
Eines Nachts, im Hohen Wällerwald ...
»Wenn die Diamanten vom Himmel fallen, wird sie erwachen und der, der da Schmerz und Schrecken sät, sei gewarnt und halte sich bereit zu ernten seine verdorbene Frucht«, hauchte Alwana überwältigt und zitierte damit die letzte Passage einer sehr alten und verheißungsvollen Prophezeiung. Währenddessen fuchtelte sie hektisch mit ihrem Zauberstab über das Pergamentpapier, das mittels eines Schwebezaubers vor ihr in der Luft ruhte, um die seltene Sternenkonstellation, die sich in dieser Nacht am Firmament abzeichnete, im Auftrag des Magisch Konus' zu katalogisieren.
»Und das hier, in Wildseelenstein! Im Wällerwald! Ich hätte es nicht für möglich gehalten!«, rief sie aufgeregt.
Der Kometenschwarm, der gerade an der Erde vorbei zog, war in seiner Größe einzigartig, und aus dem Vorgarten des kleinen Hauses, in dem Alwana – etwas abseits des Örtchens Wildseelenstein – lebte, war er besonders gut zu sehen. Kein Wunder: Schließlich befand sich ihr Heim relativ zentral auf dem basaltigen Höhenschwerpunkt des Mittelgebirges, das ansonsten mehr eine mit Wäldern versehene und wellige Hochfläche war.
»Deshalb haben sie dich wohl auch damit beauftragt ...«, schlussfolgerte Alwana etwas wehmütig, ließ ihren Zauberstab dabei aber keine Sekunde ruhen. »Wer sonst außer dir lebt hier schon so völlig allein und abgeschieden ... ohne Familie.« Ihre Gedanken schweiften für einen kurzen Moment ab, aber schon kurz darauf rief sie voller Enthusiasmus:
»Es ist wahr ... als würden Diamanten vom Himmel fallen!«
Sie arbeitete mit Hochdruck weiter, bis ihr plötzlich auffiel: Etwas am Himmelszelt stimmte nicht ... In dem Meer aus Sternschnuppen wurde eine Unregelmäßigkeit sichtbar …
»Was ist das ...«, hauchte Alwana und kniff die Augen zusammen. Es dauert einen Moment, bis sie erkannte und verstand, was sie am Himmel sah: Eine ungewöhnlich große Sternschnuppe kam auf die Erde zu und diese war ganz deutlich nicht so blitzartig unterwegs wie die anderen, sonst wäre sie ihr kaum besonders aufgefallen. Sie kam näher ... wurde größer und größer …
»Die ist ja riesig ...«, flüsterte Alwana und schrie sogleich: »Sie verglüht ja überhaupt nicht! Sie wird einschlagen! Was? Hier?!«
Alwana stand wie angewurzelt vor ihrem Pergament und ließ völlig erschrocken ihren Zauberstab fallen. Die Sternschnuppe näherte sich Wildseelenstein, doch seltsamerweise verspürte Alwana keinen Drang zur Flucht. Sie sah dem Schauspiel einfach nur noch zu.
Dann ein gleißender Lichtblitz ... der Einschlag – völlig geräuschlos – und nicht weit entfernt von Alwanas Position leuchtete am Horizont ein helles Licht.
»Unglaublich ... Das ist ... Ich ... ich muss sofort nachsehen, ich ... Oder nein, ich sollte lieber hier verschwinden ... Aber was, wenn ...« Alwana war völlig durcheinander, sie versuchte, klar zu denken, und letztendlich siegten ihr Pflichtgefühl und ihre Neugier über die aufkeimende Furcht.
»Meine Aufzeichnungen habe ich ja ohnehin schon unterbrochen ...«, stellte sie nüchtern fest. »Der Auftrag, eine lückenlose Dokumentation durchzuführen, ist gescheitert ... vielleicht kann ich den Schaden begrenzen ...«, dachte sie und machte sich umgehend auf den Weg, um nachzusehen, ob noch etwas von dem Gesteinsbrocken übriggeblieben war, der auf so seltsame Weise vom Himmel gefallen war.
Das Licht wurde zwar schwächer, je näher Alwana kam, aber es führte sie direkt zu der vermeintlichen Einschlagstelle, die sich mitten in einem Stoppelfeld befand. Alwana hatte dort einen riesigen Krater erwartet, aber es gab nur eine verkohlte Fläche von beachtlicher Größe zu sehen, von der leichter Rauch aufstieg ... Und etwas lag dort, inmitten des Zentrums.
»Merten ... Ich muss Merten Didericus informieren, sofort«, stammelte Alwana verstört.

1971; Ein Morgen in Wildseelenstein
Das warme, weiße Licht hatte sie komplett umschlossen. Sie spürte eine Geborgenheit, die vollkommener nicht sein konnte. Wärme, die ihr Herz erfüllte, als die Hand sanft ihre Wange berührte. Liebe, bedingungslose Liebe. So musste sie sich anfühlen und auf ewig wollte sie diesen Moment festhalten. Wieder waren die zwei Gestalten nur schemenhaft zu erkennen, doch sie wusste tief in ihrem Inneren, dass es ihre Eltern waren.
»Sheliese ... «, eine Stimme flüsterte ihren Namen. »... Sei nicht traurig ... Du bist nicht alleine. In deinem Herzen werden wir immer bei dir sein. Du musst tapfer sein und vergiss bitte nie ...«, ein kalter Hauch ließ sie erschauern. Ein zunehmendes Grollen vermischte sich mit der Stimme.
»Was ist es? Was soll ich nie vergessen?« Die Stimme klang immer verzerrter ... Sie konnte nur noch Bruchstücke verstehen. Eine schwarze Wolke, durchzuckt von grünen Blitzen, verdrängte die Wärme und die Geborgenheit mit zunehmender Kraft. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und ein unerträglicher Schmerz durchzuckte es mächtig. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Sagt es mir, bitte!«, rief sie den verblassenden Gestalten zu.
»Glaube, Liebe, Hoffnung«, dann ertönten Schreie … »Aber die LIEBE ist die Größte unter ihnen«, es war nur noch ein leises Echo. Tränen liefen ihr über die Wangen, auf denen sie eben noch die zarte Berührung gespürt hatte, dann herrschte Dunkelheit. Ihr fehlte die Luft zum Atmen, ihre Schultern schmerzten und es schüttelte sie am ganzen Körper.
»Sheliese! Bitte, wach auf! Wach doch bitte auf!« Sie riss die Augen auf und starrte in das beunruhigte Gesicht ihrer Tante Alwana, die neben ihr auf dem Bettrand saß und sie fest an den Schultern gepackt hatte, um sie endlich in die Realität zurückzuholen.

Im Kindle-Shop: Sheliese Savior's Ghostwar: und das Vermächtnis von Ewig-Eis / Teil 1.
Für Tolino: Buch bei Thalia
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19. September 2018

'Schicksalspfad des Tempelritters: Flammende Himmel' von Olivièr Declear

Kindle Edition | Tolino
Flammende Himmel, der dritte Band der Reihe »Schicksalspfad des Tempelritters« von Olivièr Declear.

Im Spätherbst 1290 verzehren lodernde Flammen das Marktviertel von Accon. Söldner verwüsten die Stadt. Erst das beherzte Eingreifen der Ritterorden beendet das Massaker unter der Bevölkerung.

Der Tempelritter Gernòd de Loen gerät mit seinen Freunden in Gefangenschaft. Auf einem Sklavenmarkt werden sie an den mächtigen Schriftgelehrten des Sultans, Abu I-Fada, verkauft und nur ihr unbeugsamer Wille, die Stadt Accon vor der erneut drohenden Gefahr zu warnen, lässt sie überleben. Als sie endlich die Mauern von Accon erreichen, bereiten sie sich mit den Bewohnern der Stadt auf den herannahenden Krieg vor.

Leseprobe:
Aufruhr
Neugierig spähte Gernòd über die Dächer des Marktviertels der Stadt. Er betrachtete die Rauchsäulen, welche sich dunkel in den klaren Himmel erhoben. Die Glocken der Stadt sandten ihren mahnenden Klang bis zu ihm auf dem äußersten Winkel des Wehrwalls. Eine Gruppe Wachsoldaten eilte über das grobe Steinpflaster der Straße und warf ihm fragende Blicke zu. Gernòds Augen streiften sie, während sich sein linker Arm in Richtung Rauchsäulen erhob. »Im Marktviertel!«, rief er hinunter. Ohne ihn weiter zu beachten, hasteten sie durch die enge Gasse. Der Klang ihrer Schilde auf der schweren Rüstung, der bei jedem ihrer Schritte ertönte, verlor sich mit ihnen hinter der nächsten Wegbiegung. Sorgenvoll richteten sich seine Augen erneut auf die Rauchsäulen.
Das Marktviertel mit seinen zahlreichen Holzverschlägen bot einer Feuersbrunst ein fruchtbares Ziel. Erste Flammen stiegen bereits züngelnd an einem Dach empor, als dienten ihnen die Lehmziegel als Nahrung. Accon, die letzte befestigte Stadt des einstmals mächtigen Kreuzfahrerheeres, war in größter Gefahr. Gernòds Herz schlug heftig in seiner Brust. Nicht durch die Hand der verhassten Sarazenen, sondern durch die Unachtsamkeit eines Händlers, vermutete er, sei dieser Brand entstanden.
Erneut kam ein Trupp Männer in seine Sicht. Schon von weitem erkannte er die weißen und braunen Mäntel seiner Brüder mit dem blutroten Kreuz des Templerordens über den Herzen. Ihr Anführer, Bruder Durmonte, wies mit wenigen, herrischen Armbewegungen drei dienende Brüder auf den Wehrwall hinauf und Gernòd zu sich herab. »Aufruhr im Marktviertel!«, rief er ihm entgegen und eilte mit wehendem Mantel an der Spitze seiner Männer in Richtung des Marktes. Gernòd hastete über den schmalen Stieg des Walls hinunter und eilte seinen Brüdern nach. »Aufruhr«, dachte er. Vermutlich waren es wieder einmal Söldner, denen der hohe Preis der Händler nicht gefiel, oder die keinen weiteren Kredit erhielten.
Gernòd spürte das unebene Pflaster der Straße unter den dünnen Ledersohlen, während er seinem Trupp hinterherhetzte. Einige Türen der Häuser öffneten sich einen Spalt breit, um neugierigen Augenpaaren den Blick auf die lärmenden Brüder zu bieten. Kaum hatte Gernòd seine Kameraden eingeholt, bog der Trupp in einen der Hauptwege ein. Vor ihnen strömten Soldaten der anderen Wachen aus den Seitengassen. Hospitaliter, Deutschritter und Söldnertruppen stürmten auf die Straße. Die Glocken aller Kirchen und Wachen erhoben sich über dem Lärm, drangen von allen Seiten auf die Soldaten ein und mahnten sie zur Eile. Verständigende Blicke trafen sich auf ihrem Weg, ernste Gesichter nickten sich grüßend zu. In jedem Antlitz las man die Spannung auf die vor ihnen liegende Bedrohung.
Ohne den hastigen Schritt aufzugeben, löste Gernòd den Schildgurt und führte seine Faust durch die Armriemen. Mit der freien Hand tastete er sich am Waffengurt entlang, bis er den Kopf seiner Axt spürte. Er schob die Schlaufe über dem Axtkopf mit dem Daumen beiseite und zog die Waffe aus dem Gurt. Mit einer Aufwärtsbewegung ließ er den Griff in seine Hand gleiten. Er war für den Kampf bereit.
Vor ihnen erhob sich das Holztor des Marktviertels. Es stand weit geöffnet und die Wachen wiesen mit ausladenden Bewegungen den Weg. »Die Lombarden und Toskaner!«, scholl es ihnen entgegen. Brandgeruch lag in den engen Gassen und Rauchschwaden minderten die Sicht. Gellende Schreie und Kampfeslärm drang aus den Seitenwegen. Um sie herum lagen die Leichen einheimischer Händler auf dem Weg – zwischen ihnen ihre Frauen und Kinder. Gernòds Weg führte durch breite Blutlachen. Er war gezwungen über umherliegende Körper zu springen. Laut klagende Menschen hockten bei den reglosen Körpern und hoben ihre verzweifelten, tränenüberströmten Gesichter den herbeieilenden Truppen entgegen.
Eine Hand ergriff Gernòds Rock und hinderte seinen Lauf. Er blickte in das Gesicht einer Sarazennin, die ihn in gebrochenem Fränkisch anflehte, ihr Kind zu retten, das mit zertrümmertem Schädel in ihrem Arm lag. Er löste ihren Griff und eilte den Kameraden hinterher. Hier konnte er nichts mehr bewirken, aber vielleicht gab es noch Überlebende in den verwinkelten Gassen, die ihrer Hilfe harrten.
Lauter Kampfeslärm drang aus einer der Seitengassen. Bruder Durmonte zeigte seinen Leuten den Weg. Schweren Atems folgten sie der Weisung. Mit erhobenen Schilden und Waffen stürmten sie auf eine Gruppe genuesischer Söldner zu, welche raubschatzend durch die Gasse zog. Gernòd drängte einen der Angreifer mit seinem Schild von einer Frau, der dieser gerade das Gewand herabreißen wollte. »Was macht ihr hier?«, schleuderte er dem Genuesen mit blitzenden Augen seine Frage entgegen. »Scher dich um deinen Kram, Templer. Das Volk hat uns lange genug betrogen. Nun zahlen sie ihre Zeche«, erwiderte der Genuese mit wildem Zorn in den mordlustigen Augen. Sein Schwert erhob sich zum Schlag. Gernòd ließ seine Axt in die Höhe fahren, während er die Schneide nach hinten führte. Mit all dem Grauen der gesehenen Bilder traf sein Hieb den Schädel des Söldners. Der stämmige Mann starrte ihm ungläubig in die Augen, während er in sich zusammensank.
Die Frau zerrte an Gernòds Waffenrock und redete wild gestikulierend auf ihn ein. Er solle ihr in das Haus folgen. Dort bedürfe ihr Mann seiner Hilfe. Er sandte den Kameraden einen unsicheren Blick zu, ob sie eher der Hilfe bedurften, bevor er ihr zögernd in das Gebäude folgte.
Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dämmerung zu gewöhnen. Er sah sich in dem verwüsteten Raum um. An einer der Wände erblickte er einen Mann. Er stand dort mit eingeknickten Beinen, das Gewand blutüberströmt, und ausdruckslos starrenden Augen, die zu Boden gerichtet waren. Gernòd schritt etwas näher an ihn heran, bevor der Templer erkannte, was geschehen war. Aus dem Hals des Händlers ragte der prächtig verzierte Griff eines Dolches -das Messer eines Sarazenen. Seine suchenden Augen glitten an dem Mann hinunter und blieben an der leeren Messerscheide haften. Gernòd trat an den Mann heran und zog den Dolch mit einem kräftigen Ruck aus Mauerwerk und Hals des Unglücklichen. Sanft ließ er den toten Körper zu Boden gleiten, eine breite Blutspur auf der Wand hinterlassend. Unsicher wandte er sich der Frau zu. Ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung entrang sich ihrer Kehle, als sie die Wahrheit in den Augen des Tempelritters las. Weinend warf sie sich vor ihm zu Boden und erfasste erneut den Saum seines Waffenrocks. Mit tränenüberflutetem Antlitz flehte sie ihn an, ihrem Mann zu helfen, als hoffte sie, es wäre ihm möglich, ein Wunder zu bewirken. Mit traurigem Gesicht schüttelte Gernòd sein Haupt und löste ihren Griff. Seine Beine schienen schwer wie Blei, als sie ihren Weg zur Tür suchten. Längst hatte er sich an das Grauen der Schlacht gewöhnt. Aber dort traten sich Bewaffnete entgegen. Dieses Blutbad an Wehrlosen erfasste sein Herz mit glühender Hand und ließ das Feuer des Zorns in der Brust des Ritters toben. Der Genueser vor der Tür hatte sich halb aufgerichtet und hielt seinen blutenden Kopf mit beiden Händen. Im Vorübergehen drosch ihm Gernòd den Rücken der Axt ins Gesicht. Der Söldner schleuderte von der Wucht des Schlages getrieben nach hinten und stürzte mit erhobenen Armen zu Boden. Wenn er denn noch lebte, sollte ihm diese Lektion genügen, um ihm die Lust auf sinnloses Morden auszutreiben, dachte Gernòd grimmig. Die Grausamkeit dieser Söldner ließ jede Barmherzigkeit in seinem Herzen schwinden.
Vor ihm auf dem Pflaster der Gasse erblickte er Francois, ein Ritter des kaiserlichen Heeres. Die beiden verband schon viele Jahre eine herzliche Männerfreundschaft. Francois trug keine Rüstung. Offensichtlich hielt er sich bereits vor dem Tumult in dem Viertel auf. Mehrere Söldner bedrängten ihn. Im Laufschritt eilte ihm Gernòd zu Hilfe. Mit einem Schrei drängte er sich mit erhobenem Schild zwischen die Männer. Ohne zu zögern, schlug er mit der Rückseite seiner Axt auf die Köpfe, Arme und Schultern der Angreifer ein. Blutüberströmt sanken mehrere von ihnen zu Boden. Die letzten beiden Verbliebenden suchten ihr Heil in der Flucht. »Gut, dass Ihr da seid«, stieß Francois mit fliehendem Atem hervor. Obwohl er kein ängstlicher Mann war, sah man ihm den Schrecken an. Zerfetzt hing seine Kleidung an ihm herab und an dem rechten Oberarm klaffte eine tiefe Wunde. »Was ist hier eigentlich los?«, wollte Gernòd wissen. »Weiß auch nicht genau. Ich habe heute Morgen Yasemin und ihren Vater besucht. Da torkelten schon einige betrunkene Lombarden und Toskaner durch das Viertel. Sie pöbelten die Händler und Frauen an. Als einer der Kaufleute seine Tochter schützen wollte, begann der Tumult.«
Eine bildhübsche Frau, mit edlen Gesichtszügen und sinnlichen Lippen, erschien an der Seite eines alten Mannes im Türrahmen. Sie sandte dem Alten einen flehenden, glutäugigen Blick.
Als dieser schmunzelnd nickte, eilte sie zu Francois und untersuchte dessen Wunde sorgenvoll. Gernòd zog sein Schwert aus der Scheide und reichte es dem Freund. Francois wollte abwehren: »Wenn das der Orden erfährt, darfst du einen Monat Buße tun.« Gernòd betrachtete Yasemin: »Möchtest du mir lieber mit ihr an der Seite in den Kampf folgen oder sie zurücklassen?« Francois Faust schloss sich um den Griff des Schwertes. »Danke, mein Freund.« Die beiden Männer nickten sich zu und Gernòd setzte seinen Weg fort.

Im Kindle-Shop: Flammende Himmel: Schicksalspfad des Tempelritters.
Für Tolino: Buch bei Thalia
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'5 Damen spielen falsch' von Lola Victoria Abco

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Sie will ein anderes Leben.
Sie hat kein Geld.
Bis sie plötzlich in einen Überfall gerät …
Ein Traum wird wahr und ein Alptraum beginnt.


Dagmar Molder träumt von einem Leben ohne ihren schnarchenden Ehemann, den nervigen Hausputz und die ewigen Geldsorgen. Unvermittelt gerät sie in einen Überfall. Die millionenschwere Beute fällt ihr in die Hände. Die Hausfrau versteckt das Geld. Ihr Traum von einem besseren Leben scheint wahr zu werden. Dagmars Romméschwestern sind ebenfalls unzufrieden und wüssten einiges mit einem plötzlichen Geldsegen anzufangen. Die fünf Damen legen die Karten zur Seite und bessern ihre Haushaltskassen heimlich auf.

Sanft rollen die Wellen an den Ostseestrand, während das verschlafene Middeldorf von weiteren Überfällen und Einbrüchen aufgerüttelt wird. Als ein Dorfbewohner ermordet wird, ist es endgültig mit der Ruhe vorbei.

Zu spät erkennt Dagmar, dass sie nicht die Einzige ist, die ein falsches Spiel treibt, in dem auch ihre eigene Tochter eifrig mitmischt. Dagmars Traum verwandelt sich immer mehr in einen Alptraum. Mit ihrer besten Freundin versucht sie die Polizei auf eine falsche Fährte zu lotsen. Gelingt es ihr, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen?

„5 Damen spielen falsch“ ist eine spannende und schwarzhumorige Dorfgeschichte. Die Krimikomödie mit ihren „kultigen Figuren“ sei sehr unterhaltsam, meinte eine Leserin, sie würde sie an „Neues aus Büttenwarder“ und „Mord mit Aussicht“ erinnern.

Leseprobe:
Auszug aus dem Tagebuch von Mareike Molder:
Middelofnichts, heute in einem Jahr minus zwölf Monate
Mama hat mich auf dem Weg zu Lisas Musikschule bei Swantje abgesetzt. Sind zusammen durchs Dorf gezogen. Maja und Miriam, die beiden Äms, haben auf dem Marktplatz rumgelungert und sich Schaufenster angeschaut. Als wenn es da was zu sehen gibt! Vielleicht hat eine ihrer Omas bald Geburtstag. Swantje hatte Ziggis mit. Haben uns auf die Bank gesetzt und gepafft. Die beiden Äms fahren am Wochenende zu Julia nach Hamburg. Mich hat die olle Kröte nicht eingeladen. Hätte eh kein Geld für die Fahrt gehabt. Trotzdem schade.
Swantje darf im Sommer mit auf die Oberstufenfahrt nach Spanien. Muss zu Hause bleiben und in die Penne gehen. Kein Geld. Als Mama es mir sagte, hatte sie Tränen in den Augen. Ich auch!


Von Norden kommend fegten Böen über die Ostsee. Regentropfen prasselten laut gegen das Panoramafenster von Biancas Wohnzimmer. Ihre Zweizimmerwohnung war eine von acht und lag im obersten Stockwerk eines Terrassenhauses direkt an der Ostsee. In der Dunkelheit waren in der Ferne die Lichter von drei Frachtern, die Kurs auf die Kieler Förde nahmen, zu sehen. »Vierhunderttausend Euro, wow!« Dagmar beugte sich vor, um sich eine Zigarette an der Kerze anzuzünden. »Damit könnte man schon eine Menge anfangen.«
Sie blies den Rauch in kleinen Kringeln aus. Ihr Blick schweifte versonnen durch das Zimmer und verweilte bei einer Fotografie. Zwei Katzen lagen verschlafen in einem geöffneten Fenster. Davor saß auf einer Gartenbank eine alte, runzelige Griechin, ganz in schwarz gekleidet. Das Foto hatte ihre Freundin während ihres Urlaubs auf Kreta aufgenommen.
»Im Grunde sind vierhunderttausend im Vergleich zum Risiko viel zu wenig.« Bianca streckte ihre langen Beine auf ihrem Sofa aus.
»Hm?«
»Vierhunderttausend sind für das, was man dabei riskiert, zu … hey, Katzenmensch, du hörst mir gar nicht zu!«
Dagmars Blick blieb am Spiegel mit dem Goldrahmen hängen. Sie liebte die gemütlich eingerichtete Wohnung. Verschiedene alte Möbelstücke waren kunterbunt zusammengemischt. Wann immer es ging, schaute Bianca bei Antiquitätenläden rein und stöberte über Flohmärkte. Von ihren Urlaubsreisen brachte sie gerne Andenken wie diesen Spiegel aus Florenz mit. Dagmar seufzte sehnsüchtig. Bei ihr gab es höchstens Sticker von irgendeinem Freizeitpark, sofern sie sie gratis zur Eintrittskarte bekam. Sie hatte die Gewohnheit, sie an die Kühlschranktür zu kleben. Mehr als einen Tagesausflug mit den Kindern dann und wann ließ ihre Familienkasse nicht zu.
»Erde an Träummine! Sofort zurückkommen, deine Meinung ist gefragt.«
Dagmar fuhr erschrocken zusammen. »Welche Meinung?«
»Wie viel müsste für dich rausspringen, dass du es riskierst, eventuell ins Kittchen zu gehen?«
»Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte schon morden, wenn ich dafür die nächsten zehn Wochen nicht Klo putzen muss!«
»Ach komm, nicht diese Mitleidstour, Daggi.« Grazil schwang Bianca ihre Beine vom Sofa und setzte sich aufrecht hin. »Sagen wir vierhunderttausend. Würdest du dafür alles in die Waagschale werfen? Du landest vielleicht im Gefängnis. Kannst du dir das vorstellen: Andi allein mit den Kindern, völlig verwahrlost in eurem Haus dahinvegetierend. Er wird wahrscheinlich Alkoholiker.«
Dagmar kicherte. »Gib es zu, Bianca! Du liest die Zeitung mit den bunten Bildern und den Schlagzeilen, die so groß sind, dass sie auch ein Blinder entziffern kann!« »Die Kinder kommen in ein Heim, nehmen Drogen und gehen auf den Strich«, malte Bianca das Bild weiter aus.
»Nein, ich weiß.« Dagmar zeigte mit dem Finger auf ihre Freundin. »Du guckst dir heimlich diese Soaps an. Daher dein tolles Wissen um die traute deutsche Familienidylle.«
»Keiner wird dich sonntags im Gefängnis besuchen kommen.«
»Doch, du schon. Du hättest bestimmt keine Probleme damit, dich mit einem Knasti abzugeben!«
»Dankeschön, aber ich kann nicht vorbeikommen. Denk nach, Daggi, wenn du geschnappt wirst, weshalb sollte ich dann nicht auch eingebuchtet werden?«
»Du? Wieso du? Würdest du denn mitmachen?«, fragte Dagmar ehrlich erstaunt.
»Na klar! Was denkst du, hey?«
»Aber du hast doch alles!«
»Was habe ich denn schon? Einen Job, der mich auffrisst. Sicherlich, das Gehalt ist nicht schlecht. Aber ich habe es satt, den ganzen Tag die taffe Karrierefrau spielen zu müssen. Immer muss ich aufpassen, dass mir niemand die Butter vom Brot nimmt! Ich habe das alles satt, so satt, Daggi.«
»Puh! Ich denke immer, wenn ich so erfolgreich wäre wie du, dann würde ich mich wie auf Rosen gebettet fühlen.«
»Ach was, es gibt keine Rose ohne Dornen, Daggi!« Bianca trank einen Schluck Sekt und versuchte die aufkeimende Erinnerung an die heftigen Auseinandersetzungen bei ihrem letzten Projektreview zu verdrängen. »Wenn ich jetzt tot umfallen würde, was würde ich hinterlassen? Keine große Lücke, das ist schon mal klar. Die paar Spuren von mir wären in zwei Wochen verwischt. Ich möchte einfach Zeit haben und das tun, was mir wirklich wichtig ist. Dafür brauche ich aber Geld.«
»Wer möchte das nicht? Dann sind aber vierhunderttausend für uns beide zusammen wirklich zu wenig.«
»Eben.« Bianca steckte sich eine Olive in den Mund. »Vielleicht gewinne ich doch noch im Lotto. Ich warte ja erst seit neunzehn Jahren! Ich hätte das eingezahlte Geld besser auf ein Sparkonto überweisen sollen.«
Mit angespannter Miene starrte nun Bianca auf das Katzenfoto. Ohne, dass sie es bemerkte, betrachtete ihre Freundin wohlwollend ihr schlichtes schwarzes Sweatshirt, die dunkle, ausgewaschene Jeans und die dicken roten Wollsocken. »Wenn ich so etwas anziehe, wirke ich wie ein Ringer im Freizeitlook. Bei Bianca sieht es einfach gut aus«, dachte Dagmar. Sie schenkte sich noch ein Glas Sekt ein, obwohl sie ihr Limit bereits erreicht hatte, sofern sie ihren Führerschein nicht riskieren wollte.
»Egal, oder ich lasse den Bus stehen. Bewegung täte mir sowieso gut. Ich könnte ja auch hier übernachten«, ging es ihr durch den Kopf. »Ob es Andi überhaupt auffällt, wenn meine Seite vom Bett heute leer bleibt? Wo würde er mich vermuten? Bei einem anderen Mann? Wäre er eifersüchtig? Welche Chancen habe ich nach drei Kindern und fast zwanzig Jahren Ehe überhaupt noch bei anderen Männern?«
Dagmar schüttelte leicht mit dem Kopf. »Alles lächerlich. Andi würde wie ein Murmeltier schlafen und überhaupt nicht merken, dass ich nicht nach Hause gekommen bin. Verschlafen würde er, wenn ihn nicht eines der Kinder am Morgen wecken würde.«
»Die Banken haben immer nur einen begrenzten Betrag an Bargeld in den Filialen zur Verfügung«, ließ ihre Freundin verlauten. »Eine Million Euro bei einem Überfall auf eine Filiale zu erbeuten, ist nicht möglich. Eine Hauptstelle zu überfallen, ist aber viel zu riskant.«
»Weißt du, Bianca. Man müsste den Zeitpunkt abpassen, wenn der Geldtransporter gerade die Filiale mit Barem versorgt hat. Die Landbank im Ort bekommt ihr Geld zweimal am Tag. Einmal morgens kurz vor neun und einmal in der Mittagszeit.«
»Woher weißt du das so genau?«, fragte Bianca verblüfft.
»Wenn ich zur Tankstelle fahre, komme ich doch dort vorbei. Da habe ich schon mal angehalten und geschaut, nur mal so. Der Fahrer bleibt im Auto sitzen, während der Beifahrer immer zwei Taschen in die Geschäftsstelle bringt. Nachdem er zweimal gegen die Glastür geklopft hat, wird ihm von Herrn Schmitt geöffnet.«
»Schmitt?«
»Das ist der Kassierer.«
»Mann, du bist aber gut informiert, alle Achtung. Und du hast nur mal so geguckt?«
Die beiden Freundinnen schauten sich verschmitzt lachend an.
»Ich würde mir das Ganze auch gerne einmal anschauen, nur so aus Jux«, meinte Bianca nach einer Weile. »Hey, am Freitag habe ich meinen Gleittag genommen. Mit den Kindern wollen wir ja erst am Nachmittag zum Schwimmen gehen. Den Vormittag haben wir für uns. Sag, wie wär’s, Daggi? Lass uns schauen und träumen, nur mal so!«
(…)

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