31. Oktober 2016

'Bluttempel' von Martina Schmid

In einem idyllischen, kleinen Ort an der Donau verschwindet eine junge Frau spurlos. Kurz darauf findet man ihren Slip und ihr Handy. Gleichzeitig werden bei einer nahe gelegenen Staustufe Leichenteile geborgen. Der Verdacht fällt zunächst auf den psychisch kranken Ehemann Martin Brenner. Eine plötzlich auftauchende Zwillingsschwester der vermissten Frau stiftet zusätzlich Verwirrung und löst eine Kette von verhängnisvollen Reaktionen bei ihm aus …

Während einer Rückführung bei einem Psychotherapeuten taucht Brenner in ein früheres Leben im Jahre 1830 ein. Dort offenbart sich ihm ein unglaubliches, mörderisches Geheimnis um einen alten Ruhmestempel.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen in seinem früheren Leben und dem Verschwinden seiner Frau im Jetzt?

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Leseprobe:
Majestätisch steht sie da. Mächtig und strahlend im Glanz des Sonnenlichts. Ganz hineingehörend und mit ihrer Umgebung verwachsen zu sein, scheint sie. Stolz überragt ihre Silhouette das Land. Prächtig aufragend, mit blendend weißen Säulen, ist sie fast schöner als ihr griechisches Vorbild. Oh du, meine Göttin! Gesegnet bist du mit immerwährender Schönheit. Wie massiv und doch durchscheinend dein Korpus ist! Niemals würdest du herabsteigen von deinem hohen Throne - und unter dir die weite Donauebene …

Ob König Ludwig sie auch so bestaunte, als 1842 sein Bauwerk fertig gestellt war? Die Walhalla, die drüben auf dem Bräuberg stand und auch heute noch dort steht? Es war ein kalter, nebliger Samstagnachmittag im Februar 2012. Der Blick nach draußen verursachte in ihm eine ungemütliche, beinahe bedrohliche Stimmung. Martin stand mit verschränkten Armen in seinem Arbeitszimmer und starrte durch das beschlagene Fenster. Von hier aus konnte er sie sehen. Fast protzig wirkte sie: Die Walhalla. Weit oben, eingebettet und geschützt in einem Meer von Bäumen. Ein nie gekanntes Gefühl der Ruhe durchströmte Martin und ergriff ihn in seiner ganzen Person, traf sein Innerstes mit voller Wucht. Sein Herzschlag wurde schneller. Es war ein Gefühl wie angekommen sein. Er schloss die Augen, atmete tief und langsam ein. Dann fiel sein Blick kurzzeitig auf das Bild, das auf der antiken Holzkommode neben dem Fenster stand. Es zeigte eine knapp dreißigjährige Frau mit ovalem Gesicht, aus dem ihn lebhafte meerblaue, schräg geschnittene Augen mit langen Wimpern anlächelten. Doch das Lächeln wirkte unecht, beinahe gequält. Ihr hellbraunes, gescheiteltes Haar fiel in weichen Locken über die Schultern.

Martin Brenners Haus stand auf der anderen Seite des Flusses. Nur die Donau und ein paar davorliegende Felder trennten ihn von dem monumentalen Bauwerk, das ihn in diesem Moment wieder anstarrte. Ja, es starrte ihn an! Gestern, heute, morgen. Immer, wenn er in diesem Zimmer im ersten Stock des vor knapp fünf Jahren mit seiner Frau Barbara gebauten Hauses stand und aus dem Fenster sah. Die Walhalla hatte von Anfang an eine eigenartige Faszination auf ihn ausgeübt … Die Luft im Zimmer war abgestanden. Er öffnete trotz der eindringenden Kälte das Fenster und hörte in der Ferne das Kreischen der Krähen. Manchmal landete eine abrupt auf den kahlen, schneebedeckten Feldern.
Die Frau auf dem Bild, die Martins Blicke wieder auf die Kommode lenkte, hieß Barbara. Oder Bärbel? Es gab Momente, in denen er sich nicht mehr sicher war. Momente, in denen er an seinem Verstand zweifelte. Das machte ihm Angst. Doch es machte ihm noch mehr Angst, dass diese Angst von Woche zu Woche wuchs. Sie hatte sich in seinem Kopf wie ein wucherndes Krebsgeschwür manifestiert.
„Barbara.“ - Gedehnt und fast tonlos glitt ihr Name über seine Lippen. Er nahm das Bild in die Hand und betrachtete es liebevoll. Barbara war eine Schönheit, zweifellos. Und sie war perfekt. Schlicht und ergreifend perfekt. Jeder andere Vergleich wäre fehl am Platz gewesen. Vom Haaransatz bis zu den Zehenspitzen war sie für ihn gemacht. Das tiefe, unergründliche Blau ihrer Augen, das sich nicht mit Worten beschreiben ließ, hatte ihn vom ersten Augenblick, da er ihr begegnet war, fasziniert. Sie war das Abbild menschgewordener Göttlichkeit. Mit zittrigen Fingern streichelte er sanft und fast unspürbar ihre Stirn. Sie sollte nur für ihn leben. Mit jeder Faser ihres Körpers. Sie war wie ein Geschenk des Himmels. Doch ebenso wie er fasziniert war von ihr, war er in ihr gefangen. Und er musste sie beschützen. Er war lange euphorisch geblieben. Doch zuviel Euphorie birgt Enttäuschung. Und Enttäuschung schmerzt. Immer mehr, bis er es nicht mehr würde ertragen können. Niemand sollte sie ihm wegnehmen können. Diesen Gedanken trug er seit einiger Zeit in sich …
Das Klingeln an der Haustür ließ Martin hochschrecken. Schnell stellte er das Bild auf die Kommode zurück. Er hörte, wie Barbara die Haustür öffnete und Jasmina begrüßte. Im Hintergrund vernahm er Olivers Stimme. Oliver Neuhaus war Martins langjähriger Freund und seit kurzem auch sein Arbeitskollege. Jasmina würde schon bald Olivers zukünftige Frau werden. Beide wollten noch in diesem Jahr heiraten. Oliver hatte Martin seinen Posten als Schichtführer in der Produktion im Kalkwerk Schwabelweis zu verdanken, denn dieser hatte sich für ihn eingesetzt, als die Stelle frei wurde. Martin war Betriebsschlosser und langjähriger Mitarbeiter der Firma. Oliver stammte, wie auch Martin, aus Sarching, einer kleinen Ortschaft östlich von Regensburg, die knapp neunhundert Einwohner zählte. Oliver war aus beruflichen Gründen für einige Jahre nach München gegangen, während Martin auf dem von seinem Vater geerbten Grundstück in der Pfarrgasse ein modernes Einfamilienhaus errichtet hatte.

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28. Oktober 2016

'Die Welt wartet' von Dana Winter

Eine junge Frau zieht hinaus in die Welt. Literarisch belesen, ausgestattet mit erstklassigen Zeugnissen und Vielsprachigkeit hat sie große Ambitionen, wie ihr Leben nach dem Studium aussehen soll: Sie will Karriere machen. Mit viel Ehrgeiz und Disziplin will sie den Idealen ihrer ostpreußischen Familie entsprechen.

Marie lebt mehr in den Geschichten ihrer Bücher, als in der Wirklichkeit, und so macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Leben. Mit der Blauäugigkeit eines Kindes stürzt sie sich in die weite Welt, in der Annahme, dass Fleiß, Talent und Kompetenz etwas zählen, doch sie wird bald mit der harten Realität konfrontiert. In der luxemburgischen Bankenszene vor dem großen Crash bekommt sie einen ernüchternden Einblick in die reale Arbeitswelt.

Auch die Künstlerszene entpuppt sich als weit weniger erhaben, als die Vorstellung der ungebrochenen Optimistin. Davor hatte sie, wie sie glaubt, keiner gewarnt. Doch sie bleibt entgegen aller Widernisse sie selbst und durchschreitet kopfschüttelnd ihr Leben, wie eine Romanfigur – so kommt sie schließlich da an, wo zwangsläufig alles hinführen musste …

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Leseprobe:
Die Kinderliebe zwischen Freundinnen war jäh vorbei, als die Freundin, die sie immer so geliebt hatte, sagte: »Du bist wie eine Blume, die das ganze Licht anzieht. Ich kann neben dir nicht wachsen.« Damit begann ein Abschnitt in ihrem Leben ohne beste Freundin. Aber vielleicht war das ja auch nicht mehr zeitgemäß.
Die große Liebe sagte später: »Ob es Liebe oder Freundschaft ist … ich wünsche dir, dass du den findest, der Haie von dir fernhält« – und heiratete Ute, die weder schön noch besonders begabt oder intelligent war, eher pummelig mit breitem saarländischen Akzent – »Wäääische?« Alexander, Fan von Milan Kundera, begeisterter Kunst- und Literaturliebhaber mit einer Schalterangestellten, das hatte Marie nie wirklich verstanden – im Nachhinein war es viel besser so (wie so oft, nur weiß man es im Moment selbst nicht). Sie hätte nie in St. Wendel leben können – von Ostpreußen nach St. Wendel: undenkbar. Saarbrücken war schon schwer genug.
Nun denn, nach Teneriffa, zweite Liebe, um die erste zu vergessen: großer Mann mit breiten Schultern, braun gebrannt mit schwarzen Haaren. Er ging elegant und aufrecht, das war unglaublich anziehend. Alexander lachte und sagte »Er geht schön?« als sie ihm erklärte, warum sie sich verliebt hatte. Er fand das unsinnig, aber seine Ute ging vermutlich nicht besonders schön.
»Yo no soy Marco Polo«, hatte Quique zu Marie gesagt und einen wunderschönen Brief geschrieben. Und er hatte recht, sie würde nicht nach Teneriffa ziehen und er nicht nach Saarbrücken.
Ihre Freundin Ilka war schwanger geworden von Pedro. »Dann haben wir was, was uns beiden gehört«, erzählte Ilka begeistert und wusste noch nicht, dass sie ihren Pedro nie wiedersehen würde, ihr Sohn auch nicht seinen Vater, denn der war schon verheiratet, mit Frau und Kind auf der Insel, auf der sie eigentlich nur Party machen wollte. Mit 19 sah Party machen aber noch bescheiden aus und somit wurde aus dieser Woche Teneriffa eine Liebesgeschichte, die ein zarter Übergang ins neue Leben war.
Alexander war sie von da an noch manchmal an der Uni begegnet, aber sie hatten sich ja versöhnlich als Freunde verabschiedet. Eigentlich hatten sie auch nur miteinander geredet, aber es war schön, im Garten und Schloss der Gedanken des anderen spazieren gehen zu dürfen. Er hatte dann noch ein anderes Mädchen getroffen – vor Ute – mit der er Mühe hatte, denn sie verstand seine Literaturanspielungen alle nicht, hatte nicht die ganzen englischen und spanischen Romane gelesen, die sie zusammen in allen Vorlesungen durchgesprochen hatten. In Phonetik hatten sie auch zusammen in einer Klasse gesessen, wo sie die schüsselförmigen Laute lernten. Was um alles in Welt sollte das sein? »Die drei Nasale im Französischen sind an, on und en«, betonte der Professor – er sprach alle drei gleich aus. Man lernt so viel Abstruses an der Uni, das man für das wahre Leben nie brauchen wird, aber was ist schon das wahre Leben?
Es war ja auch irgendwie beruhigend, absurde Sachen gemacht zu haben: die Ex-Freundin von Maries Ex hatte ihre Doktorarbeit tatsächlich über den Ursprung des Wortes Sonntag geschrieben. 150 Seiten Sonntag. Unglaublich. Wer schreibt den Montag?

***

Der Tag im Büro war fast vorbei – praktisch. Eins konnte man hier nicht: sich überarbeiten. Marie wartete auf 16:30 Uhr, um dann endlich zu Hause den Jogginganzug anzuziehen, aufzuräumen und den Montagskrimi zu gucken. Highlight des Tages: saure Stäbchen und Krimi – war das nun das wahre Leben?

***

Sie hatte nicht alles, aber doch vieles probiert: Als sie in Sevilla Spanisch studierte, fehlte ihr schon der Gesang und die ersten Anmeldungen zum Vorsingen kamen per Post. Dann Loïc in Paris, der ihr den Koffer trug und nebenbei beim Kaffee erwähnte: »Oui, mon histoire amoureuse avec Jean-Luc.« Dabei wollte sie doch Tosca mit ihm singen. Je suis un homo comme ils disent – und Aznavour hatte recht, alle Klischees stimmten: die Wohnung perfekt gestylt und generell war alles gepflegt und schön – alle Männer in dieser Kneipe sahen aus wie Topmodels, aber Grazia meinte, sie würden sie eher nach Kosmetik fragen, als irgendein Interesse an ihnen zu zeigen.
Marie hatte Loïc für einen wahren Gentleman gehalten – er wollte nichts überstürzen und sich einer Frau nicht gleich am ersten Abend aufdrängen –, dass er aber Paul-François liebte und begehrte, das hatte sie nicht verstanden. Später war ihr das peinlich: Wie konnte sie übersehen haben, dass er schwul war? Breite Schultern, tiefe Stimme, ein sehr viriler Typ … woher sollte man das wissen? Keiner hatte sie gewarnt.
Magister Artium – war das heute wirklich noch jemand? Latein machte auch keiner mehr in der Schule und Klavier lernten nur die Kinder von Ballettschülerinnen wie Lenes Tochter. Lene achtete immer fanatisch auf ihr Gewicht, dabei war sie nie dick – aber was man ihr beim Ballett eingetrichtert hatte, ging nicht mehr aus dem Kopf und so sagte sie jedes Mal, wenn sie sich was gönnte: »Oh je, danach muss ich aber aufhören, sonst werde ich ganz fett.« Unter etwas gönnen verstand sie einen Cappuccino mit Sahne – höchstens einmal im Monat; Maach mol keen Stress fir Nix un widder Nix, würde der Saarländer sagen –, aber Nele war ja schließlich was Besseres, Saarlouis immerhin.
Was sollte man eigentlich mit einem MA machen, wenn man nicht Lehrer werden wollte und keine Pädagogikscheine gesammelt hatte? – »Warum machst du Lehramt?« – »Ferien und Halbtagsjob bei vollem Gehalt.« Das waren tatsächlich die Antworten der Kommilitonen. Marie aber war mit 20 noch motiviert: zu etwas Höherem ist der Mensch geboren.
Die Einkaufsleiter bei Dillinger Stahlbau und ZFGetriebe hatten ihr geraten BWL zu studieren, um nicht ein Leben lang Business-English für Mitarbeiter zu unterrichten, wo sie doch ihre Magisterarbeit über Modes of Self-Consciousness bei Ian McEwan geschrieben hatte. Was war das doch gleich?
Sie wollte ihren Vater so gerne stolz machen: Wirtschaft – endlich was Richtiges. Er hatte sich seinen Weg nach oben so hart erarbeitet und sie hatte das nie richtig gewürdigt – alle haben nie erkannt, was er geleistet hatte. Die Kinder der Kriegskinder hatten das auch nicht – wie auch?
Sie wusste selbst nicht genau, wie sie dieses Diplom geschafft hatte, nie eine Eins in Mathe oder Logik, Knock-out Kriterium bei McKinsey, wo sie direkt im ersten Test durchgefallen war – verdienterweise. Aber der Titel MBA machte sich irgendwie gut.
In den Genuss der neuen Wohnung – die erste Wohnung alleine, ohne Mama –, in der alles so ordentlich und sauber war wie bei Oma, kam sie nur kurz, denn dann folgte schon der Umzug nach Luxemburg. Neues Leben: Investmentbanking. Sven meinte nur: »Waaas? Gemüse-Fonds?«

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24. Oktober 2016

'Wenn Katzen eine Seele haben' von Kirsten Karneol

Haben Katzen eine Seele? Die Katzen, die uns in diesem Sammelband begegnen, besitzen ganz sicher eine. Sie zeigen uns aus der Katzenperspektive, wie sie neben uns Menschen klug, beherzt und manchmal auch sehr nachdenklich ihre vielen Lebensabenteuer mitten unter uns bewältigen. Dabei halten sie uns Menschen zuweilen sogar einen Spiegel vor.

Das Buch enthält die folgenden, inhaltlich miteinander verbundenen, Katzenerzählungen:

„Sofias Suche“ handelt von der kleinen Katze Sofia, die eines Tages von ihren Menschen im Stich gelassen wird und sich nun in der Katzenwelt zurechtfinden muss. Der kluge Kater Filo hilft ihr dabei. Und zwischen den beiden entwickelt sich bald eine ganz besondere und tiefe Freundschaft.

In „Kleopatra, das Friedenskätzchen“ soll die kleine schneeweiße Katze Kleopatra gegen ihren Willen in den Dienst der Menschen treten. Dabei hat sie schließlich eine ganz wichtige Mission zu erfüllen, die sie bis an ihre Grenzen und weit darüber hinaus bringt.

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Leseprobe:
„Fiiilooo! Fiiilooo!“
Ach was für ein ärgerliches Geräusch. Als würde ein rostiger Nagel am Boden eines Blechfutternapfes entlang kratzen ... Sofia versuchte, ihr rechtes und auch ihr linkes Ohr gleichzeitig auf den Boden zu pressen. Erfolglos. Ein Ohr blieb jeweils der lästigen Lärmquelle ausgesetzt.
„Fiiiloooooooooooo!“
Sofia kniff beide Augen ganz fest zusammen.
„Fiiiiiiiiloooooooooooooooooooooooo!“
Aber auch das Zusammenkneifen der Augen half kein bisschen. Sofia öffnete ihr linkes Auge einen winzigen Spalt breit und beobachtete aufmerksam das tanzende Schattenspiel an der weiß gestrichenen Haustür des ihr gegenüberstehenden Hauses. So ließ sich das schreckliche Geschrei wenigstens kurzzeitig ignorieren. Das Schattenbild zeigte die vom Wind bewegten Blätter des großen, alten Kastanienbaumes, welcher an der dem Haus gegenüber liegenden Seite des Gartens stand. Es erschien immer dann auf der Haustür, wenn die allabendlich sinkende Sonne genau auf die Blätter des Baumes fiel.
Nein, Sofia wusste nichts über das Zusammenspiel von Licht und Schatten. Aber ihre Erfahrung hatte sie gelehrt, dass immer, wenn auf der Tür dieses Bild sichtbar wurde, sich genau jene Tür umgehend öffnen würde. Einladend. Verlockend. Und allein ihr galt dann diese Einladung, der sie nur zu gern Folge leistete. Niemand musste sie rufen. Sie wusste schon von selbst, dass jetzt im Hause neben behaglicher Wärme oder Kühle - je nachdem, welche Temperaturen im Freien gerade herrschten - auch ein lecker duftender und reich gefüllter Futternapf auf sie wartete, den sie sorgfältig und bedächtig ausschlecken durfte, bis ihr Magen ausreichend gefüllt war.
Dafür wurde ihr stets die Anerkennung der Hausbewohner zuteil. Sofia verstand nicht, was diese sagten, aber sie spürte, dass es freundliche und lobende Worte waren. Damit kannte sie sich aus. Denn schließlich bewies jeder Tag aufs Neue, dass sie Recht hatte. Stünde denn sonst der randvolle Futternapf täglich wieder am gleichen Platz?
Heute aber war alles anders. So ausgiebig hatte Sofia noch nie das Schattenspiel auf der Haustür beobachten können und allmählich wurde ihr dabei langweilig. Außerdem fühlte sie in der Bauchgegend ein merkwürdig hohles Gefühl, das ihr völlig neu war und das ihr in den Leib hinein zwickte. Sicher hatte sie diesen Schmerz auch früher schon zuweilen gespürt. Doch er verging, sobald sie den ersten Bissen aus ihrem Napf verspeist hatte.
Heute jedoch wurde das missliche Gefühl stärker und stärker und bald protestierte ihr Bauch so laut, dass sie sich ängstlich umschaute. Klang das nicht wie das Knurren des unsympathischen Köters aus dem Nachbarhaus? Aber nein, weit und breit kein Hund in Sicht. Sofia war ganz allein.
Während von hinten ein beinahe frostiger Wind über Sofia hinweg fauchte und ihr das hellrote Fell durcheinander wirbelte, wurde es ihr auf einmal schmerzlich bewusst, dass heute eigentlich alles anders war als bisher. Darüber erschrak sie so sehr, dass sie augenblicklich hochsprang und sich ein-, zweimal im Kreis drehte. Die letzte Drehung machte sie nicht ganz vollständig und legte sich deshalb andersherum wieder auf den Boden, mit dem Rücken zur Tür. Vergessen war der unangenehme Gedanke. Zum Glück!
„Fiiilooooooo ….!“
Ach bitte, nicht schon wieder! Dieses entsetzliche Geräusch! Sofia war der Verzweiflung nahe. In Wirklichkeit handelte es nicht einfach um ein Geräusch, sondern um das Geschrei der Nachbarin, die nach ihrem Kater Filo rief. Das wusste Sofia. Sie war normalerweise geübt darin, Geräusche in gute und schlechte einzuteilen, zumindest wenn es sich um interessante Geräusche handelte. Um die anderen brauchte sie sich schließlich keine großen Gedanken zu machen.
Gut war zum Beispiel das leise Quietschen der Haustür. Es zeigte an, dass sie von draußen ins Warme schlüpfen konnte, sofern sie das wollte. Auch leises Mäusegetrappel war gut. Warum, das verstand sich von selbst. Schlecht war das Gebrumm herannahender Autos. Da musste man um sein Leben rennen. Rostige Nägel, die über Blech kratzten, waren auch schlimm, weil sie in den Ohren schmerzten. Und das laute Gebrüll der Frau von nebenan fand Sofia ganz besonders scheußlich, weil es sich erstens schmerzhaft in die Ohren bohrte und zweitens, weil es drohende Gefahr anzeigte. Noch dazu ließ sich diese Gefahr viel schlechter abschätzen, als die eines heranrasenden Autos. Mit jener Nachbarin war nämlich nicht gut Kirschen essen.
„Fiiiiiiiiiiiiiiiiiiiilooooooooooooooooooooooooooooooo!“
Sofia kam es so vor, als wollte ihr diese Furie von einer Nachbarin die Ohren abreißen. Gleichzeitig verspürte sie einen scharfen Luftzug. Irgendjemand musste soeben an ihr vorbei gerannt sein. Sofia hob ängstlich den Kopf und bemerkte gerade noch, dass das hohe Gras in der Nähe des Kastanienbaumes an einer Stelle viel stärker zitterte als darum herum. Außerdem bewegte sich dort etwas, was farblich nicht zu dem schon herbstlich vertrockneten Gras passte. Beim genaueren Hinsehen erkannte es Sofia ganz deutlich: Dort lugte ein dicker grauer Katzenschwanz hervor, der aufgeregt peitschend hin und her schlängelte.
Im selben Moment tauchten direkt vor Sofias Nase ein paar graubraune, klobige Holzpantoffeln auf. Sofia stieg der muffige Geruch alten Leders in der Nase. Sie erschrak, denn sie wusste natürlich, dass Schuhe nicht einfach ganz alleine umher laufen können. Es gehörte immer jemand dazu, der in diesen Schuhen unterwegs war. Sofia kannte die Person, die in diesen Pantoffeln steckte, nur zu gut. Die Pantoffeln gehörten zu eben jener Nachbarin, die vorhin mit ihrer unangenehmen Stimme nach Filo gerufen hatte.
Sofia machte sich ganz klein. Besser, diese unmögliche Frau bekam sie gar nicht zu Gesicht. Sofias Erlebnisse mit ihr waren nicht die besten. Zu oft schon war, wenn sich die Nachbarin gerade in der Nähe aufgehalten hatte, plötzlich ein Stein an Sofias Kopf oder Schwanz vorbeigezischt oder hatte sie gar am Fell gestreift. Wie schon gesagt: Mit der war ganz und gar nicht zu spaßen.
Doch schon hatte die Nachbarin Sofia am Boden entdeckt und brummte etwas Unfreundliches, Beleidigendes. Es klang so ähnlich wie: „Du dreckiges, hässliches Katzenvieh. Dir sollte man den Hals rumdrehen!“
Sofia erfasste nicht den Sinn der Worte. Der Tonfall allein verriet ihr, dass diese Frau nichts Gutes im Schilde führte. Sofia wünschte sich inständig, sie könne unsichtbar werden und presste die Augen ganz fest zusammen. Ein Glück, die grässliche Frau war verschwunden. Sofia fühlte sich in sich selbst geborgen.
Erst nach einer scheinbar endlosen Zeit wagte Sofia es, ein Auge sehr behutsam halb zu öffnen. Vorsichtig blinzelte sie ins Licht, öffnete dann auch das zweite Auge, schloss beide Augen wieder, öffnete sie erneut … und blickte geradewegs in zwei leuchtend grüne Katzenaugen. Diese Augen sahen fast ebenso grün aus wie ihre eigenen Augen, vielleicht ein wenig dunkler. Aber Sofia kannte die Farbe ihrer Augen nicht. Daher konnte sie solche Vergleiche auch nicht anstellen. Jedenfalls funkelten diese grünen Augen direkt aus dem Gesicht eines prächtigen, silbergrau getigerten Katers, der direkt vor ihr Platz genommen hatte und sie nun unverwandt und ernsthaft anschaute. Sofia wusste sofort, dass es sich dabei um den Kater aus dem Nachbarhaus handelte. Dass er Filo hieß, wusste sie erst seit vorhin. Die Nachbarin hatte schließlich laut genug nach ihm gerufen ...

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Mehr über und von Kirsten Karneol auf ihrer Website.

22. Oktober 2016

'Neun Monate' von Jaqueline Spexard

"Was ist nur los mit ihr? Ständig antwortet sie nur mit 'nichts'!" Chris merkt, dass Zoe, seine Freundin, sich nicht wohl fühlt. Doch Zoe verrät nicht ihr wahres Problem, stattdessen holt sie nur ihre attraktive Freundin Teresa in die gemeinsame Wohnung. Ein Spiel aus Lügen, Intrigen und Machenschaften beginnt. Jede Figur glaubt das Schicksal auf ihrer Seite zu haben ...

Eine Geschichte mit Wendungen und überraschendem Ausgang. Nichts ist wie es scheint ...

Die Kurzgeschichte spielt in Berlin und in den Köpfen der drei Figuren. Sie regt zum Nachdenken an und zeigt auf, wozu Menschen fähig sind. Lassen Sie sich entführen in die Welt dreier Liebender, die glauben alles richtig zu machen und dadurch nur alles verschlimmern.

Lesermeinung: "Wie in einem guten Krimi weiß man bis zum Schluss nicht, was wirklich passiert. Spannung pur!"

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Leseprobe:
Was ist nur los mit ihr? In letzter Zeit hat sie diesen nachdenklichen Blick. Immer mal wieder. Ich hasst es, wenn Frauen das haben. Wenn ich sie dann frage was los ist, kommt das obligatorische "Nichts".
Machen wir doch einfach mal den Test. Ich frage vorsichtig: "Ist alles gut Zoe, Schatz?"
Sie schaut immer noch nachdenklich. Hat mich nicht gehört. Hm..., wir haben es hier wohl mit einem schwereren Fall als sonst zu tun. Ich frage noch mal: "Schatz?"
Endlich sagt sie: "Ja?!"
"Was hast du Schatz? Was ist los?", frage ich erneut.
Sie schaut aus ihren Gedanken erwachend auf. Irgendwie wirkt sie aufgewühlt, doch überdeckt sie es mit einem schiefen Lächeln. Endlich sagt sie: "Nichts. Es ist nichts."
Bingo! Da haben wir es. Als Mann habe ich jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder nehme ich ihr "Nichts" an und warte 5 bis maximal 24 Stunden. In dieser Zeit wird sie sich leise wie ein Luftballon im Chemieunterricht mit Wasserstoffgas füllen. Eine gefährliche Situation. Denn ohne es zu wissen, werde ich die kleine Flamme sein, die alles zur Explosion bringen wird, wenn ich nämlich ungewollt in dieser Zeit wieder etwas "Falsches" tue oder sage. Die Explosion wird dann immens. Gerade zu atombombengleich. Natürlich gelten auch hier die physikalischen Gesetze. Umso länger die Wartezeit, umso schlimmer dei Explosion.
Selbstverständlich habe ich noch die Option zwei. Diese verlangt eine gewisse Ausdauer und das Akzeptieren, dass die Wissenschaft viel Phänomene noch nicht erklären kann. Oder besser gesagt: das Denken einer Frau noch nicht erklären kann. Bei dieser Option entscheidet der Mann sich dafür bis um Umfallen nach dem Grund für das "Nichts" zu fragen. Diese Methode führt zu einem schnelleren Ergebnis, doch leider bleibt die Explosion nicht aus. Sie ist wie das Amen in der Kirche schon garantiert. Allerdings fallen diese Explosionen meist deutlich schwächer aus, denn die Auffüllzeit wird hier auf maximal 1-3 Stunden minimiert. Die Anstrengung des Fragens ist jedoch purer Stress für mich und daher nicht unbedingt angenehmer.
Bringen wir es also auf den Punkt: In maximal 24 Stunden werden wir uns streiten. Da aber in ziemlich genau 23 Stunden das Finalspiel der Champions-League auf dem Plan steht und ich dieses Spiel einfach nicht verpassen möchte, entscheide ich mich für Option zwei.
Los geht's... Ich hole tief Luft, um Zoe geduldig Löcher in den Bauch zu fragen. Doch plötzlich schaut sie mich an. Sie sieht aus, als hätte sie etwas entschieden. Kommt auf mich zu. Umarmt mich. Schaut mir sehr tief in die Augen und spricht:
"Chris, Lieblind, ich muss noch einige Sachen für Paris kaufen. Du weißt ja: aus so einer französischen Vernissage muss man auch französisch wirken, sonst wird man nicht ernst genommen.", sie lacht.
"Achso... bevor ich es vergesse, wenn ich aus Paris wiederkomme, holen wir gleich Teresa vom Bahnhof ab. Sie kommt uns besuchen und bleibt für 3 Monate. Ich werde ihr gleich mal das Bett im Gästezimmer einrichten. Ich hoffe, das ist ok für dich?"
Äh... wie jetzt? Mein Kopf muss diese Information erst einmal verarbeiten. Wie Teresa? Reden wir von der Teresa, der besten, braunhaarigen Freundin von Zoe? Die Teresa, die eine Figur hat, die einfach jeden Mann in Wallung bringt? Die Teresa, - halb Polin, halb Kubanerin - die kurz gesagt einfach nur rassig ist? Diese Information allein entfacht in mir eine Dynamit-Zündschnur. Gerade jetzt soll sie kommen. Jetzt, wo Zoe in letzter Zeit schlecht gelaunt ist und wir im Bett eine leichte Flaute haben?
Eines ist sicher. Ich liebe meine Freundin. Ich bin stolz sie vorzuzeigen, denn sie ist nicht nur hübsch. Sie ist auch eine starke und intelligente Frau. Eine Künstlerin, die sich in der Szene einen Namen gemacht hat. Oft in den Medien betitelt als: "Blonder Engel: Zoe Arden!" Das ist sie auch. Eine starke Persönlichkeit, die weiß was sie will und hinter ihrem Mann steht, also mir. Mit ihr kann ich lachen und einfach nur ich sein. Das Schicksal muss es gut mir mir meinen: Sie ist die Frau, die ich heiraten und mit der ich Kinder zeugen werde.
"Warum soll Teresa hier wohnen? Die ist doch Ärztin. Gibt es in Berlin keine Hotels mehr oder was?, frage ich schließlich.
"Es ist doch schöner, wenn sie bei Freunden wohnen kann."
"Aber was wird sie denn hier machen? Du weißt doch, dass ich jetzt die Projektphase vorbereite. Gerade für diesen Kunden wird die Unternehmensberatung stressig. Ich werde meine Ruhe brauchen.", erwidere ich, um hoffentlich doch noch die Gefahr abzuwenden.

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21. Oktober 2016

'Sterbenswort' von Siegfried Langer

Zum wiederholten Male dringt jemand in Kathrins Abwesenheit in ihre Wohnung ein. Panik klettert in der jungen Mutter hoch. Als dann noch ihre Tochter im Kindergarten von Kathrins totgeglaubtem Ex-Mitbewohner angesprochen wird, ahnt sie, dass etwas Schreckliches bevorsteht. Wird die tragische Entscheidung, die sie und ihre Freunde damals in der WG getroffen haben, sie nun einholen?

Getrieben von Schuld und Rache beginnt ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit, und zum ersten Mal in ihrem Leben muss sie die Kontrolle abgeben …

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Leseprobe:
Damals
Heinrich und Thomas stützten Erik. Zu beiden Seiten seines leblosen Körpers hatten sie sich untergehakt. So schien es, als liefe der tote Freund zwischen ihnen. Eriks Kopf baumelte kraftlos nach vorn, seine Füße schleiften leicht über den schneebedeckten Bürgersteig. Für einen zufällig Vorübergehenden mochte es aussehen, als führten zwei Männer einen Betrunkenen mit sich. Dunkelheit und dichtes Schneetreiben verhinderten, dass die merkwürdige Truppe, die sich die Warschauer Straße entlangbewegte, genauer hätte inspiziert werden können.
Kathrin führte die Gruppe an. Sie wusste, dass Amelie den Männern in der gleichen Langsamkeit folgte. Doch die Sicht war so schlecht, dass sie ihre Freundin nicht mehr erkennen konnte. Eriks beigefarbener Trenchcoat zog ihren Blick auf sich, dann wandte sie sich beschämt ab und blickte wieder nach vorn. Ihre Tränen unterdrückte sie. Sie musste stark bleiben.
Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
»Na, komm. Das wird schon wieder. Wir bringen dich nach Hause.«
Heinrich war es, der gesprochen hatte, und Kathrin entdeckte auch die Ursache dafür: Ein junger Mann ging an ihnen vorüber. Seine grasgrüne, mit Schnee bedeckte Sweatshirtkapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Er beachtete die fünf Freunde gar nicht.
Die Straße führte stetig bergauf. An der höchsten Stelle wartete der Zielpunkt auf die Freunde: die Warschauer Brücke.
Ein starker Windstoß versuchte, Einfluss zu nehmen auf das schändliche Tun. Mit kalter Schärfe drückte er gegen Kathrins Gesicht und presste die letzte Wärme aus ihm. Ihren Körper jedoch stemmte sie gegen den Widerstand; sie schritt unbeirrt weiter, so wie die Freunde hinter ihr.
»Vorsicht!«, warnte sie, als sich die Schemen vor ihr in Menschen verwandelten.
Sie stoppte, drehte sich erneut um.
Heinrich und Thomas wurden langsamer, gingen ein Stück nach links und hielten ebenfalls an. Amelie tauchte aus der Dunkelheit auf.
Schon hörte sie lautes Lachen. Mehrere Menschen näherten sich. Sie unterhielten sich, machten Scherze, kümmerten sich weder um das Schneetreiben noch um die Leute, die sie passierten.
Dann waren die Fremden vorüber.
Die stumme Prozession setzte ihren Weg fort.
Anstatt in Kürze anzuhalten, wäre Kathrin lieber weitergegangen. Denn an ihrem Ziel erwartete sie die Konsequenz aus der gemeinsamen Entscheidung. Immer weiterzugehen und die Konsequenz bis in alle Ewigkeit hinauszuschieben, erschien ihr erträglicher.
Doch die Umstände erforderten es, zu handeln.
Entschlossen ballte sie die rechte Hand, die in einem schwarzen Lederhandschuh steckte, zu einer Faust.
Es existierte keine Alternative, als die Sache nun zu Ende zu bringen.
Warschauer Brücke.
Endstation.
Kathrin legte ihre Hände aufs Brückengeländer. Sie stützte sich ab und sah nach unten.
Heinrich und Thomas hielten ebenfalls an. Kathrin hörte die beiden laut schnaufen, als sie Eriks Körper gegen das Geländer lehnten.
Schwitzten die beiden?
Trotz der Eiseskälte?
Ihre Wangen schienen gerötet. Kathrin sah zu Erik. Seine Gesichtsfarbe konnte sie nicht erkennen, da der Oberkörper über das Geländer hing. Hätten Heinrich und Thomas ihn nicht nach wie vor festgehalten, wäre er wohl ganz von selbst nach unten auf die Gleise gefallen.
Kreidebleich war es inzwischen sicherlich, Eriks Gesicht. Kathrin brauchte es nicht zu sehen.
»Okay. Da wären wir«, sagte Heinrich.
Keiner antwortete.
Kathrin hörte, wie eine S-Bahn unter ihnen anfuhr. Sie verließ den Bahnhof Warschauer Straße in Richtung des Bahnhofs, der seit Kurzem wieder Ostbahnhof hieß.
Kathrin sah der Reihe nach in die Gesichter ihrer Freunde. Während Heinrich ihrem Blick auswich, schien Thomas durch sie hindurchzusehen und wirkte wie in Trance.
Lediglich Amelie hielt ihrer Musterung stand. Über ihre vor Kälte geröteten Wangen rannen Tränen.
Sie litt am meisten, sie hatte ihre große Liebe verloren.
Amelie nickte Kathrin sachte zu. Die Kopfbewegung glich einer Bestätigung: Alles sei so in Ordnung, wie es ablief.
Doch Kathrin wusste, dass für Amelie nichts mehr in Ordnung war, gar nichts.
Sie nickte zurück.
Erneut ging jemand – gegen das Wetter kämpfend – vorüber. Ein älterer Herr, den Kragen seines edlen Mantels nach oben geschlagen.
Kathrin erschrak, denn er sah zu ihnen herüber.
Heinrich reagierte prompt und drehte sich zu Erik.
»Ja, einfach raus damit. Danach wird es dir sicher besser gehen.«
Welche Stiche mochte das in Amelies Herz verursachen?
Der ältere Herr wandte den Blick wieder ab und setzte seinen Weg fort.
Schon war er im Schneetreiben verschwunden.
»Ob er was gemerkt hat?«, fragte Thomas leise.
»Glaube nicht«, meinte Heinrich. »Sind wir überhaupt an der richtigen Stelle?«
Wie zur Bestätigung näherten sich aus der Ferne Lichter. Schnell war zu erkennen, dass diese zu einem Regionalexpress gehörten, nicht zu einer S-Bahn.
Kein Bremsen am Bahnhof Warschauer Straße, der Zug verlangsamte nur für seinen nächsten Halt am Ostbahnhof.
»Jetzt!«, sagte Kathrin, doch die beiden Freunde zögerten.
»Zu spät«, entgegnete Heinrich. »Wir warten auf den nächsten.«
Thomas zitterte.
»Stehst du das durch, Thomas?«, fragte Kathrin.
»Denke schon.«
Der Klang von Thomas’ Stimme signalisierte das Gegenteil.
»Wenigstens wissen wir nun, dass wir an der richtigen Stelle stehen. Wir werden es gemeinsam tun. Amelie, wir fassen mit an, sobald der nächste Zug kommt.«
Amelie schien sich wehren zu wollen, doch im Moment erforderte es weniger Kraft, einfach das zu tun, was man ihr sagte.
Wieder nickte sie.
Dankbar registrierte Kathrin, dass ihre eigenen Gefühle immer mehr abstumpften. Die Minusgrade schufen eine Taubheit, die von Trauer und Schuld ablenkten.
So standen sie da, die vier. Ihr Freund war tot.
Lange Minuten vergingen.
Einsame Nachtstreuner, feierndes Partyvolk und Betrunkene, die vorüberkamen. Niemand schöpfte Verdacht.
Lichter näherten sich aus der Ferne, sie wurden langsamer: ein Regionalexpress.
»Amelie, du packst ihn auch unten an der Hose.«
Kathrin bückte sich bereits, griff mit einer Hand nach Eriks Hosensaum, mit der anderen nach seiner Wade.
Amelie folgte ihrem Beispiel.
»Ich gebe das Kommando«, sagte Heinrich.
Kathrin schloss die Augen, wartete.
»Jetzt.«
Mit einem Ruck zog sie Eriks Bein nach oben.
Es war viel, viel einfacher, als sie befürchtet hatte. Kaum hatte sie angehoben, zog Eriks Eigengewicht ihn auch schon übers Geländer und nach unten.
Mit dem dumpfen Geräusch, das der Körper beim Auftreffen verursachte, begriff sie, dass Hinsehen besser für sie gewesen wäre.
Denn mit einem Mal tobten Bilder in ihr.
Erik, der in der Dunkelheit verschwand.
Erik, der vor dem Zug zu Boden ging und dann von den Rädern des Zugs zerhackt und zermalmt wurde.
Erik, der direkt auf die Frontscheibe knallte.
Erik, der zwischen Waggons geriet und mitgeschleift wurde.
Körperteile.
Blut.
Ein Gesicht, das nicht mehr als Eriks Gesicht erkennbar war.
Bilder, die nie mehr verschwinden sollten.

Im Kindle-Shop: Sterbenswort

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.



'Hoffnungsschimmer (Alles wird gut - 4) ' von Heidi Dahlsen

Kindle Edition | Taschenbuch
Der Alltag mit seinen Höhen und Tiefen hält für Oliver, Christine, Lydia und Jutta weiterhin einige Überraschungen bereit.

Ihre Wünsche gehen in Erfüllung, so manches Mal jedoch ganz anders als erwartet. Sie tragen es dennoch mit Humor und sind sich sicher: wenn man ab und zu über seinen eigenen Schatten springt, kann man Vieles erreichen. Immer noch handeln sie nach dem Motto: `Gemeinsam haut uns nichts so schnell um´ und stehen sich in allen Lebenslagen bei.

Leseprobe:
„Was ist nun schon wieder mit Jenny los?“, fragt Jutta kopfschüttelnd. „Wieso kommt sie nicht wie abgesprochen gleich nach der Schule nach Hause?“
„Sie hat einen neuen Freund“, antwortet Janek und ist augenblicklich sauer auf sich selbst, weil er wieder einmal den Mund nicht halten konnte.
„Was?!?“, ruft Jutta aus. „Das fehlt uns gerade noch. Wieso weiß ich wieder nichts davon? Weißt du schon Genaueres?“ Janek zuckt mit den Schultern. „Los, raus damit!“, fordert Jutta ihn auf weiterzusprechen.
Er schaut seinen Vater hilfesuchend an.
„Lass gut sein, Jutta“, antwortet Markus für seinen Sohn. „Vielleicht hat sich die Freundschaft mit diesem Jungen auch bald wieder erledigt. Also musst du dich gar nicht erst aufregen. Beruhige dich. Denk an das Baby.“
„An das denke ich unaufhörlich, weil es mich ständig mit kräftigen Fußtritten an seine Anwesenheit erinnert.“
„Ich würde dir die Schwangerschaft gern abnehmen“, bietet Markus lächelnd an und streichelt ihr sanft über den Bauch.
„Lenk nicht ab. Ich möchte endlich über meine Tochter und deren Umgang Bescheid wissen. Warum erfahre ich nie etwas?“ Erst jetzt bemerkt sie, dass Janek den Raum verlassen hat. Sie seufzt. „Warum kann meine Tochter nicht so vernünftig sein, wie dein Sohn? Immerhin sind sie gleichaltrig und beide in der Pubertät. Ich dachte, wenn wir zusammenwohnen, dann wirkt sich Janeks Vernunft wenigstens etwas auf Jenny aus. Aber Pusteblume.“
Bevor Markus etwas erwidern kann, wird die Haustür aufgerissen und Jenny kommt hereingestürmt. Im Schlepptau hat sie einen jungen Mann.
„Wir gehen in mein Zimmer.“ Sie hebt eine Hand und zeigt mit dem Daumen hinter sich. „Das ist Albert.“
Der Junge macht einen Schritt nach vorn, grinst Jutta und Markus verlegen an und nickt zur Begrüßung leicht mit dem Kopf. Da Jenny ihn unsanft zur Treppe zieht, kommt er etwas ins Straucheln und es bleibt ihm nichts weiter übrig, als hinter ihr her zu stolpern.
Jutta glaubt, ihren Augen nicht zu trauen. Bevor sie jedoch etwas äußern kann, sind die beiden verschwunden. Sie plustert ihre Wangen auf.
Markus grinst. „Schatz, reg dich bitte nicht auf. Gib ihm eine Chance. Das ist heute modern.“
„Hast du das gesehen? Er sieht aus, als wäre er eben einer Geisterbahn entsprungen. Was sollen die Leute sagen, wenn er öfter hier ein und aus geht?“
„Man sollte einen Menschen nie nach Äußerlichkeiten beurteilen“, sagt Markus.
„Das mache ich sonst nicht, aber hier ist es doch offensichtlich. Ein schwarzer Ledermantel, schwarze Stiefel mit Spinnennetzen darauf, eine Kopfseite geschoren, die andere zieren lange schwarze Haare, ganz abgesehen von dem vielen Metall im Gesicht und an den Ohren. Das färbt doch auf die Seele ab.“
„Gib ihm eine Chance.“
„Das wird mir schwer fallen.“
„Ich bin dann mal weg“, sagt Janek leise und hofft, dass ihn niemand hört, damit ihm weitere Fragen erspart bleiben.
„Janek!“, ruft Jutta. Sie geht zu ihm, damit er ihr nicht wieder entwischt. Er verdreht die Augen und schaut sie etwas genervt an. „Bitte erzähle mir, was mit diesem Albert los ist“, fordert sie ihn auf.
„Was soll denn mit ihm los sein?“, fragt er scheinheilig.
„Du weißt genau, was ich meine.“
Markus stellt sich hinter Jutta, legt sein Kinn auf ihre Schulter und beide Hände auf ihren Bauch, um das Baby darin zu beruhigen. Er zwinkert seinem Sohn aufmunternd zu.
„Warum kannst du nicht einmal etwas mit Jenny allein klären?“, fragt Janek. „Sie erzählt mir in letzter Zeit fast gar nichts mehr, nur weil sie weiß, dass ich deiner Neugier immer wieder nachgebe.“
„Das ist keine Neugier“, sagt Jutta empört. „Das ist … äh … hmmm“, sie überlegt angestrengt, bevor sie weiterspricht. „Ich bin schließlich ihre Mutter und für sie verantwortlich.“
„Ich muss jetzt los“, sagt Janek. „Sonst komme ich zu spät zum Training.“
Markus signalisiert ihm mit einem leichten Kopfnicken, dass er gehen kann. Janek schnappt sich seine Tasche und ist umgehend verschwunden.
„Komm, Jutta. Du legst dich jetzt hin. Denk daran, was der Arzt gesagt hat“, erinnert Markus sie. „Du sollst die Aufregung in Grenzen halten, egal wie schlimm es kommt. Ich koche dir einen Tee.“
Er kann es kaum erwarten, dass seine Eltern aus dem Urlaub zurückkommen und seine Mutter Jenny wieder unter ihre Fittiche nimmt. Sie ist die einzige, die an das junge Mädchen herankommt. Dass Pubertät so schlimme Auswirkungen haben kann, hätte er nie gedacht, denn sein gleichaltriger Sohn ist im Gegensatz zu Jenny regelrecht friedlich und umgänglich.
„Na, was nicht ist kann noch kommen“, denkt er und schickt ein Stoßgebet in Richtung Himmel. „Hoffentlich nicht." ...

Im Kindle-Shop: Hoffnungsschimmer (Alles wird gut - 4)

Mehr über und von Heidi Dahlsen auf ihrer Website.

17. Oktober 2016

'Brigida und der Clown' von Kirsten Karneol

Immer geht es im Leben um die Liebe … aber wohin führt sie uns?

Das Buch erzählt die Geschichte einer romantischen und ungewöhnlichen Liebe zwischen Brigida und dem Clown. Als sich die beiden in den späten Achtzigern in der ehemaligen DDR scheinbar zufällig begegnen, erlebt Brigida zum ersten Mal in ihrem bisher eher eintönigen Leben einen Hauch von Glück.

Brigida und der Clown scheinen wie füreinander geschaffen. Sie müssen jedoch so manche schmerzvolle oder sogar tragische Herausforderung bestehen, und am Ende offenbart sich den beiden ein wahrlich dramatisches Geheimnis, das alles auf den Kopf stellt. Auch regen sich Zweifel, ob wirklich alles, was geschehen ist, nur auf Zufällen beruhte …

Gleich lesen: Brigida und der Clown oder die Notwendigkeit der Liebe

Leseprobe:
»W-w-wer sind Sie und was machen Sie hier?«, stammelte Brigida.
Natürlich, sie erkannte sofort, dass es sich offensichtlich um den Clown handelte, den sie vorhin in der Manege gesehen hatte. Und der Clown trug auf dem Arm ein Tier, ein weißes Kaninchen. Der Clown machte, so wie er da stand, den Eindruck, als habe er ausschließlich auf Brigida gewartet, als stünde er alleine ihretwegen vor dem Zeltausgang, mit diesem weißen Kaninchen auf dem Arm.
Leichte Bangigkeit überkam Brigida. Der Clown hatte sie schon in der Probevorstellung fasziniert, hatte sie emotional sehr tief berührt. Und nun stand er hier und schwieg, sah sie nur an. Um seinen geschminkten Mund herum spielte ein feines Lächeln und auch seine dunklen Augen schimmerten sanft.
Spontan fasste Brigida den Entschluss, einfach an diesem Clown vorbeizugehen, davonzulaufen, sich nicht mehr umzuschauen. Aber der Mann legte ihr sacht die Hand auf den Arm, es fühlte sich beinahe zärtlich an. Brigida blieb stehen und sah geradewegs in das Gesicht des jungen Mannes mit dem großen, kirschroten Mund und den ausdrucksvoll geschminkten Augen. Und dann schaute ihr der Clown ganz tief in die Augen, so als gäbe es zwischen ihnen mehr als nur diese flüchtige Begegnung, als würden sie sich schon sehr lange kennen.
Brigida lächelte ebenfalls. Es war auf einmal ein ganz neues, ein warmes Gefühl in ihr, das ihr guttat und das in ihr eine ferne Erinnerung wachrief, die nichts mit der erbärmlich hässlichen Stadt, dem alten Fabrikgelände und dem windschiefen Verkaufshüttchen zu tun hatte: Eine sachte Ahnung von Glück, ein verzauberter Moment, und was es sonst noch für große Worte gibt, die die Dichter ihren Helden in den Mund legen, wenn sie das eine große Gefühl der Liebe ereilt.
Sanftheit und Zärtlichkeit legte sich wie ein hauchdünner Schleier über diese beiden jungen Menschen am Ausgang des Zirkuszeltes, schirmte sie ab gegen alles Banale und Belanglose dort draußen in der Welt. Doch, ach, so fein, so fragil war der Schleier, der sie beide umgab. Ein einziger unbedachter Wimpernschlag, und er würde entzweireißen.
Und wirklich, es war schnell vorbei. Der kostbare, zauberhafte Moment verstrich. Und plötzlich wussten sie beide, der Clown und das Mädchen, nicht mehr, was sie machen sollten. Sie erkannten, wie sie beide in ihrer bloßen Empfindsamkeit voreinander standen und es ergriff sie die Verlegenheit.
Keiner sprach ein Wort, so als fürchteten sie sich beide vor der Trivialität des Alltäglichen. Dann drehte sich der Clown einfach um und ging davon, mit dem weißen Kaninchen auf dem Arm. Und Brigida blieb verwirrt zurück.
Aber es war geschehen, eine Tür hatte sich einen winzigen Spalt breit geöffnet, nur eben so weit, dass ein einziger Sonnenstrahl hindurchpasste. Doch ein Anfang war gemacht.

Im Kindle-Shop: Brigida und der Clown oder die Notwendigkeit der Liebe

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15. Oktober 2016

'Verdammte Welt - Böse Geschichten' von Norbert Böseler

Sie legen ihr Schicksal in die Hand des Bösen und begeben sich in eine Welt, aus der es kein Entrinnen gibt.

Ein dunkles Wesen, ein teuflisches Navigationsgerät, ein hochprozentiges Getränk, eine blutrünstige Schreibfeder, eine zum Leben erwachte Tätowierung und ein magischer Hut verkörpern in sechs unheimlichen Geschichten das Böse.

Auch als Taschenbuch erhältlich.

Gleich lesen: Verdammte Welt - Böse Geschichten






Leseprobe:
Im Schatten der Feder

Er wollte eine Geschichte schreiben. Es sollte seine letzte, mit Blut geschriebene Geschichte werden. Gerold Weller, ein unscheinbarer Mann mittleren Alters, hatte lange darüber nachgedacht, ob er sie schreiben sollte oder nicht. Nun waren die Würfel gefallen und es gab kein Zurück mehr. Er glaubte, die Feder habe die Entscheidung für ihn getroffen. Sie wollte die Geschichte schreiben.
Argwöhnisch betrachtete er die Schreibfeder, die er vor über zehn Jahren erworben. Die Feder erstrahlte in einem jungfräulichen Weiß, als wäre sie der Gans am frühen Morgen aus dem Flügel gezogen worden. Dabei musste sie hunderte von Jahren alt sein. Der Kiel war fest in einem Holzröhrchen verankert. Der hölzerne Schaft diente als Federhalter und wies feine Schnitzereien in unterschiedlichster Form auf. Im Wechsel verliehen zackige und geschwungene Linien dem Federhalter eine griffige Struktur, sodass er gut zwischen den Fingern lag. Eine Kugelspitzfeder aus Metall steckte passgenau im unteren Ende des Halters. Die Schreibfeder lag auf einer kleinen Schale, die aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein schien wie das Röhrchen. Auch hier verteilten sich schwungvoll geformte Verzierungen. Am linken Rand der Schale war eine Mulde eingelassen, in der sich ein Tintenfass aus Speckstein befand. Farblich unterschied sich das kleine Fässchen kaum vom Holz der Schale. Beides ergab eine fließende Einheit.
In dem Tintenfass war keine Tinte, sondern Blut. Das Blut seiner geliebten Frau Nadine.
Weller hatte alle Vorkehrungen getroffen, die er für seine Geschichte benötigte. Der Laptop war geöffnet und die Übertragung vermittelte ein gutes Bild. Imprägniertes Papier lag zu seiner Rechten. Immer wenn er mit Blut schrieb, benutzte er dieses spezielle Papier. Die Trocknung dauerte zwar etwas länger, doch die Schrift verlief nicht so stark wie auf normalem Schreibpapier. Weller nahm ein Blatt und legte es vor sich ab. Er wollte zunächst überprüfen, ob das Blut die richtige Konsistenz hatte. Es durfte nicht zu dünn, aber auch nicht zu dickflüssig sein. Mit leicht zitternder Hand nahm er die Schreibfeder von der Schale und öffnete das Tintenfass indem er den mit Kork untersetzten Deckel abnahm. Er tauchte die Metallfeder vorsichtig ein und streifte die nun rote Spitze auf einem weichen Baumwolltuch ab. Ein roter Blutfleck zierte jetzt das helle Tuch.
Gerold Weller tauchte die Feder erneut ein und hielt sie anschließend über das leicht glänzende Blatt Papier. Er wollte die Feder gerade aufsetzen, als wieder der alte Mann mit dem hässlich entstellten Gesicht auf der noch leeren weißen Seite erschien.

Im Kindle-Shop: Verdammte Welt - Böse Geschichten

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13. Oktober 2016

'Ein Hauch Zufriedenheit (Alles wird gut - 2)' von Heidi Dahlsen

Kindle | Taschenbuch
Christine, Oliver, Lydia und Jutta sind Mitte dreißig, als sie sich wiedertreffen. Als Schulfreunde waren sie einst unzertrennlich und hatten große Pläne für die Zukunft. Jetzt müssen sie jedoch feststellen, dass ihnen so manche Fehlentscheidung, die sie mit jugendlichem Leichtsinn selbstbewusst getroffen haben, das Leben ganz schön schwer macht.

Lydia hat es sich in ihrem Fernsehsessel gemütlich gemacht und liest im Manuskript ihres neusten Buches. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, kam jedoch noch während des Studiums zu dem Entschluss, sich diesen Stress nicht anzutun. Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und schreibt seit mehreren Jahren Frauenromane.

Ihre Gedanken schweifen immer wieder ab. Seit einiger Zeit kann sie sich auf ihre Arbeit nicht mehr richtig konzentrieren, denn die Geschehnisse der vergangenen Monate haben ihr ein verhängnisvolles Erlebnis, das sie im Alter von sechszehn Jahren hatte, wieder in Erinnerung gebracht. Das hat sie ziemlich aufgewühlt und ganz schön aus der Bahn geworfen. Sie seufzt und lässt auch die aktuellen Ereignisse, die das Leben ihrer Freunde Christine, Oliver und Jutta ziemlich auf den Kopf gestellt haben, Revue passieren.

Christines bis dahin ruhiges Leben bekam, dank einer genialen Idee ihres Schulfreundes Olli, dermaßen Auftrieb, sodass sich ihre berufliche Auftragslage enorm verbesserte und sie inzwischen sogar eine eigene kleine Firma gründen konnte.

Leseprobe:
Christine ist gerade mit den Vorbereitungen für den vierten Advent fertig geworden. Endlich hat sie es geschafft, auch im Vorgarten für ein bisschen weihnachtliche Atmosphäre zu sorgen. Ihre Nachbarn hatten bereits vor einigen Wochen geschmückt. Da es in den letzten Tagen sehr viel geschneit hat, ist von deren Dekoration jedoch kaum noch etwas zu sehen. Nach einem prüfenden Blick aus dem Flurfenster, stellt sie zufrieden fest, dass ihr Eingangsbereich nun auch einen festlichen Eindruck macht.
Tilly bringt ihr das Telefon.
„Jutta möchte dich sprechen“, sagt sie.
„Hallo, Jutta“, begrüßt Christine ihre Freundin. „Ich wünsche euch einen schönen vierten Advent.“
„Das wünsche ich euch auch“, antwortet Jutta. „Christine, entschuldige bitte, dass ich dich anrufe, aber ich weiß mir keinen anderen Rat mehr.“
Christine hört an der Stimme ihrer Freundin, dass diese sehr aufgeregt ist und versucht, sie zu beruhigen: „Du weißt doch, dass du mich jederzeit anrufen kannst. Was ist denn passiert?“
„Ich traue mich gar nicht es auszusprechen“, sagt Jutta verzweifelt. „Jenny wird entsetzt sein und meine Mutter erst.“
Christine wartet gespannt.
„Ich bin schwanger“, flüstert Jutta.
„Wow. Damit habe ich nicht gerechnet.“
„Siehst du. Damit habe ich auch nicht gerechnet“, sagt Jutta aufgebracht. „Alle werden erschüttert sein.“
„Was sagt denn Markus dazu?“
„Der weiß es noch gar nicht, weil er bereits am Freitag zu seinen Eltern gefahren ist. Er hatte gestern Klassentreffen und kommt nachher erst zurück. Außerdem bringt er seine Eltern mit. Sie wollen Jenny und mich endlich kennenlernen und das Weihnachtsfest mit uns feiern. Die werden aus allen Wolken fallen. Der erste Besuch und dann gleich so eine Hiobsbotschaft. Außerdem weiß ich nicht, wie ich das meiner Mutter beibringen soll. Ich höre sie jetzt schon zetern.“
„Wieso deiner Mutter?“, fragt Christine. „Markus sollte es als Erster erfahren. Warte ab, wie er auf diese freudige Nachricht reagiert.“
„Oh Gott. Wie kommst du auf freudig?“, fragt Jutta unter Tränen. „Das wird allen das Weihnachtsfest verderben.“
„Das glaube ich nicht. So wie ich Markus einschätze, ist er vielleicht überrascht, aber nicht entsetzt. Immerhin ist er auch daran beteiligt“, stellt Christine fest. Als Jutta sich dazu nicht äußert, fragt sie: „Oder etwa nicht?“
„Doch, doch“, erwidert Jutta schnell. „Was denkst du denn von mir?“
„Bei deiner Reaktion könnte man fast annehmen, dass Markus nicht der Vater ist.“
„Nein, äh, doch“, stammelt Jutta. „Ich habe es erst am Freitag erfahren. Seitdem grüble ich hin und her.“
„Warte einfach ab, was Markus dazu sagt“, rät ihr Christine. „Er sollte dein erster Ansprechpartner sein und niemand sonst. Es ist euer gemeinsames Kind. Lasst euch bloß von niemandem reinreden, sonst ärgert ihr euch für den Rest eures Lebens.“
„Du hast ja Recht. Aber am Telefon möchte ich es ihm nicht sagen. Er merkt doch sofort, dass mich etwas bedrückt, wenn er nur meine Stimme hört. Was soll ich nur machen? Ich kann doch seine Eltern nach der Begrüßung nicht einfach zur Seite schieben und mit Markus allein reden. Das macht nicht gerade einen guten ersten Eindruck.“
„Du wirst schon einen ruhigen Moment finden. Jutta, Markus ist ein ganz toller Mann. Du erlebst doch täglich, dass er Janek ein liebevoller Vater ist, und sogar um deine Tochter ist er sehr bemüht, obwohl das auf Dauer ziemlich schwer ist. Ihr seid beide im Umgang mit Teenagern geübt. Wer das aushält, ohne die Nerven zu verlieren, schafft es auch, ein Baby zu versorgen. Du solltest dir keine Sorgen machen.“
„Meinst du wirklich? … Hmm. Ja, ich weiß, aber ich kann einfach nicht mehr klar denken.“
„Das kann ich gut nachvollziehen. Mach dich nicht verrückt. Ich weiß, dass das leicht gesagt ist, weil es mich nicht betrifft.“
„Danke, Christine, dass du mich wenigstens etwas beruhigt hast.“
„Wenn du nicht allein sein möchtest, kannst du gern zu uns kommen. Du weißt doch, dass bei uns immer so ein Trubel ist, dass jeder von seinen Sorgen abgelenkt wird.“
Als Jutta an ihren letzten Besuch im Waldhaus und das lustige Durcheinander denkt, muss sie lächeln. Trotzdem lehnt sie Christines Angebot ab.
„Nein, danke. Ich störe euch bloß mit meinem Gejammer und verderbe allen die Stimmung. Ich muss noch einiges erledigen. Außerdem müsste Markus jeden Moment kommen, und Jenny und Janek sind nach der Generalprobe des Weihnachtsmärchens auch wieder hier. Eigentlich sollte für uns dieser Advent ein besonders schöner Familientag werden. Ich muss wieder alles verderben.“
„Nun warte es doch erst mal ab. Und sprich auf jeden Fall zuerst mit Markus“, sagt Christine eindringlich und verabschiedet sich.
Sie zumindest freut sich schon mal für Jutta und Markus.
Als sie ins Wohnzimmer kommt, schaltet Olli gerade den Plattenspieler an. Das leise Kratzen der Nadel lässt erkennen, dass die Schallplatte schon oft abgespielt wurde. Er lächelt Christine an.
„Es geht doch nichts über die alten Weihnachtslieder“, sagt er. „Da komme sogar ich in eine festliche Stimmung. Die Jungs haben mich vorhin gefragt, ob sie ein Märchen hören dürfen. Ich habe sie auf später vertröstet, damit wir uns nachher mit Lydia in Ruhe unterhalten können. Ich bin erstaunt, wie lange sie still sitzen und andächtig lauschen können, sowie eine Geschichte beginnt. Nur gut, dass deine Mutti die alten Märchenschallplatten aufgehoben hat. Solche Hörerlebnisse prägen auch ihre Kindheit, und sie werden sich hoffentlich später daran erinnern.“
„Das kann ich nur bestätigen“, sagt Christine. „So oft, wie ich die Platten als Kind gehört habe, kann ich die meisten Texte heute immer noch mitsprechen.“
Sie setzen sich auf die Couch und genießen die Musik.
Als Lydia bei ihnen ankommt, hat die Dämmerung bereits eingesetzt. Die Lichter der Außenbeleuchtungen lassen die tief verschneite Waldsiedlung in einem festlichen Glanz erstrahlen.

Im Amazon-Shop: Ein Hauch Zufriedenheit (Alles wird gut)

Mehr über und von Heidi Dahlsen auf ihrer Website.

11. Oktober 2016

'Schmitts Hölle - Countdown' von Joachim Widmann

Kindle | Tolino | Taschenbuch
FB-Seite zur Buchreihe | Autorenseite im Blog
Der Entführer ihrer Tochter lockt die Berliner Polizistin Sibel Schmitt nach Franken. Dort sind drei Journalisten ermordet worden, doch an der Aufklärung der Taten scheint niemand interessiert zu sein. Selbst die örtliche Zeitung, bei der alle Opfer arbeiten, behindert die Ermittlungen - obwohl schließlich noch ihr Chefredakteur entführt wird.

Der Mörder hat eine Botschaft, die um jeden Preis unterdrückt werden soll - wer ist es, den sogar die Staatsanwaltschaft vor Entdeckung schützt? Und was ist sein Geheimnis? Schmitt ermittelt auf eigene Faust und kämpft mit hohem persönlichen Einsatz um eine Frau, die unschuldig im Gefängnis sitzt.

Auf der Suche nach ihrer Tochter gerät Schmitt in einen Deal, den die Bundesregierung mit einem Gangster schließen möchte, um sich mit dem Terroristen Abu Nar auf einen Friedenspakt zu einigen. Vor mehreren Wahlen ist der Druck der Rechtspopulisten auf die Regierung extrem hoch, so nimmt sie dunkle Geschäfte eines rachsüchtigen Greises in Kauf. Es ist sein Countdown, und Schmitt muss schließlich entscheiden, ob sie das Leben ihrer Tochter rettet - oder den Weltfrieden.

"Schmitts Hölle - Countdown" ist der dritte abgeschlossene Thriller der Sibel Schmitt Reihe.

Leseprobe:
Berlin-Schöneberg

Schmitt parkt den Audi in der zweiten Reihe. Lehnt sich zurück, schließt die Augen. Die Stille dröhnt in ihren Ohren. Jemand öffnet die Beifahrertür. Schmitt schreckt hoch. „Verdammt“, sagt sie. „Was wollt ihr hier?“ Sie steigt aus.
„Wir sorgen uns um dich“, antwortet Carla.
Anselm wirft die Beifahrertür wieder ins Schloss „Du folgst deinem Aggressionsmuster“, sagt er. „Du ziehst in den Krieg, also brauchst du deinen Bo-Stick und die kugelsichere Weste. Mir wäre deutlich wohler, wenn du nicht hier aufgetaucht wärst. Wenn du den Bo holst, ist es ernst.“
Schmitt unterdrückt ein Lächeln, als sie mit langen Schritten zur Haustür geht.
„Was ist ein Bo-Stick?“, fragt Carla leise.
„Ein zwei Meter langer Hartholz-Stab, mit dem sie Schädel spalten kann“, brummt Anselm. „Hast du sie noch nie damit trainieren sehen?“

Thor, auf Ausguck im Haus gegenüber, kann es nicht fassen. Beide Frauen! Die Türkenzecke und die andere Zeugin in dem Prozess gegen die Kameraden.
Ein Glücksfall.
Ein Coup, über den alle reden werden.
Er schiebt den Vorhang beiseite. Sieht, wie Schmitt an den Treppenhausfenstern vorbei steigt, auf dem Weg zu ihrer Wohnung im dritten Stock. Als sie oben ist, zückt Thor sein Mobiltelefon. Streicht über die Nummerntasten.

An ihrer Wohnungstür dreht Schmitt sich zu Carla und Anselm um, die mit einigem Abstand folgen. „Ihr könnt gern reinkommen, aber ich gehe gleich wieder.“
„Du bist völlig am Ende, schau dich nur an“, sagt Carla hinter Atem. „Du siehst nicht so aus, als hättest du geschlafen. Und das Blut auf deinem T-Shirt …“
„Ich denke auch, wir sollten uns ein wenig Zeit zum Reden nehmen“, assistiert Anselm.
Schmitt schließt auf und schaltet das Licht ein.

Thor sieht das Licht. Aktiviert den einzigen Kontakt, der auf dieser SIM gespeichert ist. Es klingelt dreimal. Dann ist ein Rauschen zu hören. Thor startet die Stoppuhr-App. Sie ist auf einen Countdown von drei Minuten programmiert.
00:02:57

Schmitt lässt die Jacke fallen, greift T-Shirt und Unterhemd in einem, zieht sie im Gehen aus.
„Mein Gott“, sagt Carla, die Schmitts Rücken im Licht der Halogenspots sieht, die entlang der Wand an einer Schiene hängen. „Was ist mit deinem Rücken?“
Schmitt wirft einen Blick auf die fleckigen Oberteile in ihrer Hand, in den Spiegel neben der Badezimmertür. Dreht sich. Die entzündeten Wunden nässen, es sieht aus wie schwere Akne. Einen Moment lang spürt sie das Brennen, die pochende Hitze.
„Lange Geschichte.“
„Du musst behandelt werden.“
„Kann warten.“
„Mensch, Schmitt.“ Carla legt ihre Hand sanft auf den Oberarm der anderen.
Schmitt entzieht sich, schlägt die Badezimmertür zu und schließt ab. Dreht das Wasser auf, nimmt eine Handvoll Seife aus dem Spender, seift sich Brust, Hals, Gesicht und Achselhöhlen ein, hält ihr Handtuch unter den Wasserstrahl, wischt mit dem feuchten Stoff den Schaum ab.
Kommt aus dem Bad, schiebt Carla beiseite. Öffnet den Wandschrank.
Anselm: „Sei nicht so verflucht unerbittlich. Du wirst doch ein paar Minuten haben. Es gibt sicher vernünftige Alternativen zu … zu dem, was du vorhast.“
„Ich sehe nichts, was zu besprechen wäre, Lieber.“
Sie wendet sich ab, nimmt ein T-Shirt vom Stapel.
Rotes Licht. Sie sieht den Widerschein oben im Schrankfach.
Schmitt zieht das T-Shirt an und nimmt den Stapel ganz aus dem Schrank.
Das Display zeigt 00:00:43.
00:00:42
00:00:41
Sie stellt fest: „Ihr müsst gehen.“
Anselms Stimme verliert die antrainierte Psychologen-Ruhe. „Scheiße, Sibel, du musst deine Fixierung lösen, wenigstens einen Moment lang einen Perspektivenwechsel zulassen.“
Das Paket ist sehr schwer. Schmitt hebt es aus dem Schrank. Präsentiert es Anselm. „Hier. Perspektivenwechsel. Ihr müsst gehen. Gleich fliegt alles in die Luft.“
00:00:36
Carla und Anselm stehen wie gebannt, starren Schmitt an, das Paket mit dem Display.
00:00:35
00:00:34
Schmitt kalkuliert: Alle Wohnungen sind gleich geschnitten. Das Bad. Um diese Zeit sitzen die Nachbarn noch vor der Glotze oder liegen schon im Bett.
„Was machst du?“, fragt Anselm.
00:00:32
Schmitt schreit: „Verpisst euch, verdammte Scheiße! Ich komme nach. Raus jetzt!“
Die beiden kommen in Bewegung.
Schmitt nimmt das Paket. Legt es in die Wanne. Nicht bombensicher. Stahlblech, emailliert: besser als nichts.
00:00:25
Schmitt lässt die Tür zum Bad offen. Eilt zur Wohnungstür. Greift die Jacke vom Boden, nimmt Bo und Weste aus der Garderobenecke.
Zieht die Wohnungstür zu.
Runter. Vier Stufen jeder Schritt.

Blick ins Buch (Leseprobe)

8. Oktober 2016

'Wolkenblüte 2: Ein Engel zum Dessert' von Alisha April

Annabelle, eine ehrgeizige und erfolgreiche junge Journalistin hat alles, was sie sich wünscht. Noch dazu vergöttert ihr wunderbarer Freund Ralph sie. Doch ihr Beruf erfordert vollen Einsatz und ihre Beziehung wird auf eine harte Probe gestellt: Er beichtet ihr einen One-Night-Stand mit ihrer Schwester. Als herauskommt, dass dieser nicht ohne Folgen geblieben ist, zerbricht Annabelles bisher heile Welt und sie verlässt überstürzt ihre Heimat, um sich in New York ein neues Leben aufzubauen. Doch was sie dort erwartet, stellt alles bisher da gewesene auf den Kopf …

Diese himmlisch-romantische Liebesgeschichte mit Happy End ist der zweite Teil der Angellovestory-Reihe. Jedes Buch ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen gelesen werden, aber es gibt natürlich ein Wiedersehen mit einigen Protagonisten aus dem ersten Teil!

Auch in diesem Teil der Serie gibt es für euch am Schluss wieder ein paar leckere Rezepte zum Nachbacken.

Gleich lesen: Wolkenblüte 2: Ein Engel zum Dessert

Leseprobe:
Die Enttäuschung stand Ralph ins Gesicht geschrieben. „Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, dich am Samstagabend ins California Kitchen auszuführen und anschließend mit dir zur Baseball-Meisterschaftsfeier zu gehen. Ich weiß ja, wie sehr du die amerikanische und kalifornische Küche liebst, und da dachte ich …“ Er runzelte die Stirn. „Aber, … dann kann man ja wohl nichts machen. Dein Job geht vor!“ Er versuchte, seiner Stimme einen gleichgültigen Klang zu verleihen. Annabelle aber konnte seinen unterdrückten Ärger sehr wohl heraushören.
Sie versuchte sich zu rechtfertigen.
„Sei nicht unfair, Ralph, du weißt, ich kann schließlich nichts dafür, dass Elli krank ist und ich deshalb nach Frankfurt fahren muss!“
Ralph schmollte eine Weile, dann meinte er: „Kann denn niemand anderer fahren als du?“ Annabelle verzog den Mund zu einem süßsauren Lächeln.
„Es ist ein Frauensymposium, mein Lieber. Wie sollen sie da einen Mann hinschicken? Außerdem entspricht das … genau meinem Themenbereich.“ Ralph seufzte und sah an ihr vorbei.
„Mit einer Journalistin liiert zu sein, ist nicht gerade das Einfachste der Welt.“ Annabelle zog eine Grimasse.
„Dafür ist es ein abwechslungsreicher Job!“, verteidigte sie ihre in der letzten Zeit häufigen Termine außerhalb der Bürozeiten. „Wir holen es nach, wenn ich zurück bin. Es muss ja nicht unbedingt die Baseballfeier sein.“ Sie sah ihn mit glänzenden Augen an.
„Naja, es wäre diesmal etwas Besonderes. Auf der Einladung stand, dass eine bekannte, österreichische Band auftreten würde“, konstatierte Ralph.
„Tut mir leid, dann musst du alleine hingehen. Es hört sich ja gerade so an, als würde dein ganzes Glück davon abhängen.“ Annabelle blieb hart.
„Annabelle, es ist nicht das erste Mal, dass wir beide wegen deines Berufs zurückstecken müssen!“, erwiderte er gereizt. „Da dir das aber nicht besonders viel auszumachen scheint, liegt dir wohl nicht mehr viel an mir und allmählich habe ich es auch satt, überall alleine hinzugehen. Außerdem …“
„Du verdrehst die Tatsachen, Ralph“, unterbrach sie ihn heftig. „Aber bitte, wenn du es so hinstellen willst …“
„Sag einfach, dass du nicht magst!“ Auf Ralphs Stirn bildete sich eine Zornesfalte.
„Nun ist es aber genug! Mir ist die Lust vergangen, mit dir den heutigen Abend zu verbringen!“ Annabelle ließ ihn auf dem Gehweg stehen und marschierte mit hoch erhobenem Kopf davon.
Ralph schüttelte den Kopf. Er war erst geneigt, ihr nachzulaufen, doch dann würde sich in diesem Punkt nie etwas ändern. Störrische Annabelle!, dachte er und sah ihr eine Weile hinterher.

* * *

Auch Annabelle stellte sich die Frage, ob sie hätte nachgeben sollen. Doch andernfalls würde Ralph sie und ihren Job nie ernst zu nehmen lernen. Seit knapp zwei Jahren war sie nun mit ihm zusammen und es hatte sofort gefunkt, als sie ihn zum ersten Mal im Baseball-Stadion gesehen hatte. Er war groß, hatte kastanienbraunes, leicht gewelltes Haar und eine durchtrainierte Figur. Und er hatte die aufregendsten ozeanblauen Augen der Welt, die sie aus einem markanten Gesicht mit kräftigem Kinn anlächelten. Annabelle war vom ersten Augenblick an von seiner weltmännischen, korrekten Art gefesselt, mit der er ihr gegenüber auftrat. Ralph hatte erst wenige Wochen zuvor seine Arbeit in einem Architekturbüro im Westen der Stadt angetreten. Er war von München nach Regensburg gezogen, da er bei Schwarzfischer & Co. eine lukrative Stelle angeboten bekommen hatte. Auch er fand schnell Gefallen an ihr. Es war für beide eine Art Liebe auf den ersten Blick. Sie trafen sich einige Male und stellten fest, dass sie viele gleiche Interessen hatten. Ralph war ein aufmerksamer Zuhörer. Er zwang ihr nicht seine Meinung auf und ließ ihr alle Freiheiten. Für beide stand bald fest, dass sie zusammen bleiben wollten. Auch Ralph wünschte sich, wie Annabelle, eine Familie und Kinder. Anfangs hatte es ihm sehr imponiert, dass Annabelle Journalistin bei einer großen Tageszeitung in Regensburg war und las mit Begeisterung abgedruckte Artikel, die sie verfasst hatte. Er bewunderte immer wieder ihr Schreibtalent aufs Neue. Doch seit einiger Zeit ärgerte es ihn zunehmend, wenn sie abends noch in der Redaktion vor dem Computer saß und letzte Korrekturen vornahm, damit ein Artikel noch in den Druck konnte und war immer weniger bereit, dies zu akzeptieren. Heute war dieses Thema eskaliert und noch nie hatten sie sich im Streit voneinander getrennt. Annabelle seufzte leise, doch sie war überzeugt, dass es richtig war, nicht nachgegeben zu haben.
Ihre Schritte wurden langsamer. Sie war fast zuhause. Annabelle war ein paar Monate, bevor sie Ralph kennenlernte, wieder nach Hause zu ihren Eltern gezogen. Zuvor hatte sie ein knappes halbes Jahr mit Tom in der Studenten-WG gelebt. Tom studierte Lehramt für Geschichte und Deutsch im sechsten Semester. Er war ein netter Kerl, manchmal etwas verträumt, doch zu jedem Spaß aufgelegt. Bis sie ihn an einem Samstagabend mit Sam, einer seiner Kommilitoninnen, in flagranti erwischte. Das war dann kein Spaß mehr, doch er schien dem Vorfall nicht allzu viel Bedeutung beizumessen, geschweige denn ein übermäßig schlechtes Gewissen zu haben. Annabelle setzte noch in der gleichen Nacht einen Schlussstrich unter diese Beziehung und kehrte, um eine Erfahrung reicher, in ihr Elternhaus zurück.
Dann war da noch Melissa, Annabelles drei Jahre jüngere Schwester, die darüber nicht sonderlich begeistert war und auch kein Geheimnis daraus machte. Annabelles Vater hingegen freute sich über die Rückkehr seiner großen Tochter. Zu ihm hatte sie eine besondere Beziehung. Er konnte ihr schon als kleines Mädchen kaum einen Wunsch abschlagen. Sie war Daddys Liebling. Annabelles Eltern waren betuchte Leute und bewohnten ein elegantes Haus aus der Jahrhundertwende in einem älteren Villenviertel am Stadtrand. Annabelles Vater war Professor für Psychologie an der Universitätsklinik in Regensburg, ihre Mutter Maklerin bei einer renommierten Immobiliengesellschaft.
Annabelle betrat das Haus durch den Vorgarten, der mit üppig wachsenden Rosensträuchern bepflanzt war. Tief atmete sie den betörenden Duft ein, während sie die Haustür aufschloss.
Im Treppenhaus traf sie auf Melissa, die mit High Heels, langem Zopf und Minirock bekleidet, auf halber Höhe stand und die Stufen hinunter stakste. Eine aufdringliche Parfumwolke umgab sie.
„Schon da heute?“, vermerkte Melissa grinsend, doch scheinbar ohne weiteres Interesse.
„Hm.“ Annabelle nickte nur und versuchte, sich an ihrer Schwester vorbei zu zwängen. Im Moment stand ihr absolut nicht der Sinn nach detaillierten Erklärungen oder Gesprächen in Bezug auf Ralph. Und schon gar nicht wollte sie mit Melissa darüber reden. Melissa war ein völlig anderer Typ als Annabelle. Sie war eine schwarzhaarige, im Gegensatz zu Annabelle, etwas stämmige Frohnatur mit dunklem Teint und nahm alles mit einer Portion Gelassenheit oder Raffinesse. Meistens lief sie gutgelaunt und pfeifend durchs Haus. Auch Melissa wohnte noch zuhause. Sie dachte auch nicht daran auszuziehen. Melissa studierte Ernährungswissenschaften im sechsten Semester. Sie beneidete jedoch ihre Schwester um deren Reife und Überlegenheit und manchmal überkam sie auch ein Gefühl von Eifersucht gegenüber dem Vater, der in ihren Augen Annabelle bevorzugte. Außerdem konnte Annabelle essen, was sie wollte und nahm nicht zu, während sich bei Melissa schon das kleinste Stückchen Schokolade als unliebsames Hüftgold zeigte.
„Ist was?“, fragte Melissa, die bereits auf der untersten Stufe stand, ungewöhnlich sensibel, als Annabelle ihr Zimmer im Obergeschoss betreten wollte.
„Nein, nichts. Ich bin nur ein wenig angeschlagen. Hatte einen anstrengenden Tag.“ Sie drehte ihren Kopf mit einem müden Lächeln in Richtung Melissa.
„Ach so. Ich dachte, du wolltest dich heute Abend mit Ralph treffen?“
Annabelle verschwand ohne eine Antwort zugeben, schnell in ihrem Zimmer. Melissa zuckte verständnislos mit den Schultern und stakste mit ihren hohen Absätzen in den großzügigen Dielenbereich. Sie griff nach ihrer Handtasche, dem Autoschlüssel und nahm ihre Lederjacke vom Haken.
„Ciao, Mum!“, rief sie schnell und etwas gehetzt, dann drückte sie von außen die Haustür zu.

Im Kindle-Shop: Wolkenblüte 2: Ein Engel zum Dessert

Mehr über und von Alisha April (Martina Schmid) auf ihrer Website.



7. Oktober 2016

'Der Duft von Büchern und Kaffee' von J. Vellguth

Amys Traum: Ein eigener Buchladen in New York. Und das Beste? Er scheint sogar erreichbar. Zumindest, bis der attraktive Teilzeit-Rocker Ryan auftaucht und ihre Pläne gründlich durcheinanderbringt.

Denn er ist der Enkel ihrer Chefin und die hat sich gerade einen ziemlich verrückten Wettbewerb für ihre Erbschaft ausgedacht. Amy bleibt nichts anderes übrig, als sich darauf einzulassen und ihr Bestes zu geben, um ihren Traum doch noch zu verwirklichen.

Eine Liebeserklärung an einzigartige Bücher, den Duft von frisch gebrühtem Kaffee und die Macht der Veränderung.

Gleich lesen: Der Duft von Büchern und Kaffee: Liebesroman

Leseprobe:
Wie fast jeden Morgen in den vergangenen sechs Jahren schob Amy den Schlüssel in das Schloss der feuerroten Türe. Sie legte die Finger auf das kühle Metall der Klinke und öffnete den Laden.
Ein schwacher Luftzug trug ihr den Geruch von Büchern entgegen. Das staubige Rauchgrau von alten Seiten, die schon von vielen hundert Händen umgeblättert worden waren. Das frische Schneeweiß von gerade ausgepackten Neuerscheinungen. Das würzige Erdschwarz der Tinte von aus dem Druck gegangenen Exemplaren. All diese Aromen mischten sich zu dem heimelig, samtigen Duft eines gerade aufgeschlossenen Buchladens und wurden begleitet von dem sanften Bimmeln der kleinen Türglocke.
Wie jedes Mal durchlief sie ein leiser Schauer, der auf ihrer Kopfhaut begann, ihre Arme hinunterkitzelte und erst in ihren Zehenspitzen endete.
Otis Stummelschwanz wedelte in der Höhe ihrer Wade, er wollte schnell hinein. Sie hockte sich neben der kleinen Dogge hin und kraulte ihm den Nacken.
Auch nach all der Zeit konnte sie noch nicht fassen, dass sie tatsächlich so viel Glück hatte, hier arbeiten zu dürfen. »Guten Morgen!«, rief sie, aber es kam keine Antwort.
Vielleicht war Beatrice zum Markt gegangen oder noch auf ihrer morgendlichen Runde. Trotz ihrer 72 Jahre war sie gut zu Fuß und täglich in Greenwich unterwegs.
Amy löste Otis’ Leine. Mit einem fröhlichen Wuff sprang die schwarze, französische Dogge in den Raum, an dem Tresen mit der uralten Registrierkasse vorbei und zu ihrem Wassernapf direkt neben dem alten Klavier an der Seitenwand. Nach der morgendlichen Bahnfahrt vom anderen Flussufer und dem langen Spaziergang am Hudson entlang hatte ihr bester Freund immer riesigen Durst.
Amy drehte lächelnd das Schild an der Eingangstür auf geöffnet und wartete, bis Otis es sich in seinem rot gepolsterten Körbchen gemütlich gemacht hatte. Dann hockte sie sich neben ihn, um ihn ausgiebig hinter den Ohren zu kraulen. Er drückte seinen Kopf in die Liebkosung hinein. »Sieht so aus, als wären wir heute allein. Wenn wir Glück haben, bringt Beatrice dir ein Würstchen mit, was meinst du?«
Sie hatte ihrer Chefin viel zu verdanken. Und zwar nicht nur, dass sie Amy damals überhaupt einen Job gegeben hatte. Welcher rational denkende Mensch hätte sie schon ohne vernünftige Ausbildung eingestellt? Sondern vor allem, weil Otis das Ladenmaskottchen spielen durfte. Der arme Kerl würde vor Kummer eingehen, wenn er den ganzen Tag alleine zu Hause sitzen müsste.
Ja, in vielerlei Hinsicht war Beatrice eher Amys gutmeinende Tante als ihre Chefin und mit ein bisschen Glück würde Amy sogar irgendwann den Laden übernehmen dürfen. Das war ihr Traum: Ein eigener Buchladen.
Aber bis dahin begnügte sie sich gerne mit ihrem momentanen Job, denn Beatrice’ Ruhestand lag hoffentlich noch in sehr, sehr weiter Ferne.
Für den Moment war Amy einfach nur glücklich wie es war und hoffte, dass sich einfach niemals etwas ändern würde.
Sie ließ einen prüfenden Blick durch den Laden schweifen. Das Klavier müsste dringend abgestaubt werden, der Leseclub für den Nachmittag wollte vorbereitet sein und hinter dem Tresen wartete noch eine Bücherkiste von gestern darauf, dass Amy sie auspackte. Im Lagerraum war dafür wohl kein Platz mehr, aber darum würde sie sich gleich Gedanken machen.
Jetzt brauchte sie erst einmal einen Kaffee, um sich für den Tag zu stärken und natürlich Frühstück für Otis. Sie zog die Dose mit dem Futter aus dem Rucksack, füllte den Napf und nahm seine Wasserschüssel mit ins Badezimmer.
Dafür ging sie zwischen den hohen Regalen hindurch, auf denen sich die Buchrücken in bunten Streifenmustern aneinanderreihten, und trat durch die unscheinbare Tür in der Rückwand in den kurzen, dunklen Flur. Gleich rechts war das Bad, gerade groß genug für eine Toilette mit kleinem Waschbecken, das so klein war, dass sie eine Tasse benutzen musste, um den Wasserkocher zu befüllen.
Sie stellte ihren Rucksack hinter den Tresen und brachte Otis seinen Napf, während das Wasser kochte.
Ein Instant‐Kaffeetütchen, ein Tütchen Stevia und zwei Tütchen Kaffeeweißer später war ihr Kaffee fertig. Keine Ambrosia, aber wenigstens machte er munter. Während Amy an ihrer roten Lieblingstasse nippte und zurück zum Tresen ging, checkte sie ihr Handy. Beatrice hatte eine Nachricht hinterlassen.
Ich bin bei meiner Schwester in Pennsylvania. Sie ist gestürzt.Melde mich, sobald ich Näheres weiß.
Amy blieb stehen und sah Otis überrascht an. »Seit wann hat sie denn eine Schwester?« Die kleine Dogge legte den Kopf zur Seite und drehte ihre Ohren aufmerksam in ihre Richtung. Da klingelte die Glocke über der Tür.
Ein junger Mann trat in den Laden und er entsprach so gar nicht dem Klientel, das für gewöhnlich hier vorbeikam.

Im Kindle-Shop: Der Duft von Büchern und Kaffee: Liebesroman

Mehr über und von J. Vellguth auf ihrer Website.



5. Oktober 2016

'Alles wird gut ...' von Heidi Dahlsen

Kindle | Taschenbuch
Wenn man nur vorher wüsste, welche Entscheidung die richtige oder wenigstens die günstigere wäre. Aber – wer weiß das schon? Christine, Oliver, Lydia und Jutta sind Mitte dreißig, als sie sich wiedertreffen. Als Schulfreunde waren sie einst unzertrennlich und hatten große Pläne für die Zukunft. Jetzt müssen sie jedoch feststellen, dass so manche Fehlentscheidung, die sie mit jugendlichem Leichtsinn selbstbewusst getroffen haben, ihnen das Leben ganz schön schwer macht.

Jutta, die nach der überstürzten Trennung von ihrem Mann eigentlich erst einmal zur Ruhe kommen wollte, erlebt ein Gefühlschaos nach dem anderen. Olivers Eheglück wird nicht nur von seinem Schwiegervater bedroht – auch beruflich bahnt sich eine Katastrophe an. Lydia wird der Albtraum, den sie als junges Mädchen erlebte, wieder bewusst. Nur Christine führt ein harmonisches Leben – doch auch dieser Schein trügt.

Unter dem Motto „Gemeinsam haut uns nichts so schnell um“ stehen sie sich wieder bei, um den Alltag leichter ertragen zu können. Ein Trost bleibt, denn – alles wird gut ... irgendwann. Man muss nur geduldig warten können.

Leseprobe:
Allmählich wird Jutta bewusst, dass sie es wirklich getan hat. Irgendwie überstürzt war ihr Aufbruch schon, aber wenn sie ihren Mann erst um sein Einverständnis gebeten hätte, wäre sie nie von ihm weggekommen. Sie kann sich nicht erinnern, was der Auslöser war. Plötzlich hatte sie dieses überwältigende Gefühl – bloß weg hier. Nur gut, dass sie nicht weiter darüber nachgedacht hat. Sie schmiedete auf einmal neue Pläne für ihr weiteres Leben. Rüdiger kam darin nicht mehr vor. Sie musste leider feststellen, dass die Entscheidung, Rüdiger zu heiraten, falsch war. Das entschuldigt sie mit jugendlichem Leichtsinn. In den letzten Jahren hatte sie jedoch schwer daran zu knabbern. Ob der Umzug in ihre Heimatstadt wirklich richtig war, wird die Zukunft zeigen.
Sie ist gerade mit dem Einräumen des Wohnzimmers fertig, setzt sich in einen Sessel, lässt ihren Blick über die spärliche Einrichtung schweifen und denkt: "Na ja, etwas kahl ist mein neues Zuhause schon und das Echo, das meine Schritte auslösen, ist auch beträchtlich. Ich werde einen großen Teppich und viele Grünpflanzen besorgen, dann wird es sicher etwas wohnlicher. Obwohl – wenn ich die freien Flächen alle mit Blumen ausfülle, sieht es hier aus wie im Botanischen Garten. Das hat aber den Vorteil, dass ich Eintritt nehmen kann, wenn Besuch kommt."
Eigentlich sieht man nach einer Trennung leidend aus und nimmt ab. Bei ihr ist das absolut nicht der Fall. Ihr Appetit ist mit so einer Wucht zurückgekehrt, dass sie sich über das Ausmaß bald Sorgen machen muss.
"Leider", denkt sie jedes Mal, wenn sie feststellt, dass die meisten ihrer Blusen und Shirts bereits eine leichte Spannung aufweisen und ihre Lieblingshose die Elastizität des Materials ziemlich ausschöpft.
Sie schaut in den großen Spiegel im Flur, betrachtet sich skeptisch und spielt das Problem herunter: "Wenn ich meinen Bauch noch ein kleines Stück einziehen könnte, würde die Hose auch nicht kneifen. Vielleicht sollte ich versuchen, mehr aus- als einzuatmen. Eigentlich sollen schwarze Klamotten und Längsstreifen schlank machen. Pah! Das halte ich für ein Gerücht."
Ihr ist sehr wohl klar, dass es absolut keine Lösung wäre, einfach nichts mehr zu essen, denn dann fällt sie bald vor Schwäche um. Stark sein muss sie jetzt – vor allem für ihre Tochter Jenny.
In ihrem Kühlschrank findet sie fast nichts mehr, um ein Abendessen zuzubereiten, deshalb macht sie sich auf den Weg zum Supermarkt.
Völlig in Gedanken geht sie durch die Regalreihen und überlegt, was sie noch alles benötigt. Als sie gegen einen Einkaufswagen stößt, sieht sie erschrocken hoch und sagt: "Oh, Entschuldigung."
"Macht nichts. Es ist nichts passiert", erhält sie freundlich zur Antwort.
Jutta betrachtet die junge Frau genauer und staunt nicht schlecht, als sie in ihr eine alte Schulfreundin erkennt.
"Lydia", sagt sie erfreut.
"Ja", sagt Lydia etwas verwundert, denn die Stimme ist ihr nicht vertraut.
Als sie in Juttas freudestrahlendes Gesicht sieht, ist sie ebenfalls überrascht.
"Jutta, was machst du denn hier?"
"Ich bin vergangenes Wochenende umgezogen", antwortet diese und betrachtet Lydia neugierig.
"Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Das müssen ungefähr achtzehn Jahre sein", stellt Lydia fest, "und wenn ich dich so anschaue, muss ich sagen, dass es eine viel zu lange Zeit war. Du bist erwachsen geworden und siehst einfach super aus. Das Leuchten deines kastanienbraunen Haares habe ich früher schon bewundert. Dass du es jetzt bis zur Hüfte hast wachsen lassen, kaschiert etwas deine Größe und zeigt, wie wundervoll es ist. Ich bin beeindruckt. Ich fand es immer schade, dass deine Eltern von dir verlangt haben, mit einem Bubikopf rumzulaufen."
"Dafür hast du jetzt einen Bubikopf", stellt Jutta amüsiert fest.
"Ja. Aber freiwillig. Das ist für mich praktischer", antwortet Lydia. "Christine wird sich auch freuen, dass du wieder da bist. Sie hat letztens erst gesagt, dass sie gern wissen möchte, wie es dir wohl geht."
"Du hast noch Kontakt zu Christine?", fragt Jutta.
"Ja", antwortet Lydia. "Sie wohnt immer noch in ihrem Elternhaus in der Waldsiedlung, in dem wir uns früher alle so wohl gefühlt haben. Hättest du Lust, mit zu mir zu kommen? Dann können wir uns in Ruhe unterhalten."
"Ich bin zwar noch im Umzugsstress, aber es drängt mich niemand. Die vollen Kartons warten sicher auf mich. Es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Seit Tagen bin ich allein in der neuen Wohnung. Meine Stimme ist schon fast eingerostet", lacht Jutta. "Wenn du Zeit hast, komme ich gern mit."
"Das ist kein Problem. Ich arbeite zu Hause und kann mir den Tag einteilen."
Jutta ist erstaunt und fragt: "Wolltest du nicht Lehrerin werden?"
"Wolltest? Du meinst wohl – solltest. Das konnte ich gerade noch verhindern. Aber das ist eine Geschichte für sich."
Als die beiden jungen Frauen in Lydias Wohnung angekommen sind, sieht Jutta sich um und sagt begeistert: "Ich bin immer davon ausgegangen, dass man in einem Dachgeschoss kaum Möglichkeiten hat, sich gemütlich einzurichten. Aber hier werde ich eines Besseren belehrt."
"Die Wohnfläche ist etwas klein, aber für mich reicht es", sagt Lydia. "Die Einbaumöbel konnte ich von meinem Vormieter übernehmen, und die Dachterrasse hat eine Firma gestaltet. Du siehst also, dass ich selbst nicht viel dazu beigetragen habe."
Jutta schaut durch die große Glasschiebetür und hat den Eindruck, einen Garten vor sich zu haben. Sie öffnet die Tür und betritt die Terrasse.
"Wow. So viele Pflanzen mit herrlichen Blüten", sagt sie bewundernd. "Einige dieser Büsche und Bäumchen könnte ich gut in meiner kahlen Wohnung gebrauchen."
"Wir können uns gern nach draußen setzen und die Nachmittagssonne genießen", schlägt Lydia vor. "Der Sonnenuntergang ist auch fantastisch."
Jutta lässt sich das nicht zweimal sagen. Sie kommt aus dem Staunen nicht heraus und bleibt am Geländer stehen, um die Aussicht über die Stadt bis zum Horizont zu genießen. Ungläubig schüttelt sie den Kopf und ist fasziniert von dem Panorama.
Lydia bringt eine Flasche Wein und fragt: "Möchtest du? Auf unser Wiedersehen müssen wir doch anstoßen."
"Ja, gern", antwortet Jutta und setzt sich an den Tisch. Lydia füllt zwei Gläser und stößt mit ihrer Freundin an.
"Ich freue mich so, dass ich dich getroffen habe", sagt Jutta und fragt neugierig: "Was macht Christine eigentlich? Und weißt du das Neuste von Olli?"
"Na klar. Mit Christine bin ich oft zusammen. Sie macht auch Heimarbeit, sodass wir uns spontan treffen können. Olli ist nach dem Studium zurückgekommen. Er hat in die höhere Gesellschaft eingeheiratet und sich ausgerechnet Sybille von Schönbeck geangelt. Er kommt zu Hause nicht so oft weg, wie er gern möchte", sagt Lydia bedeutungsvoll.
Jutta zieht ihre Augenbrauen nach oben. "Ach, die Sybille. Wie ist er denn zu der gekommen?"
"Kennst du sie?"
"Ja. Sie hat neben uns gewohnt, bis ihr Vater die große Erbschaft gemacht hat. Dann war unsere Wohngegend nicht mehr fein genug. Sie wurde mir ständig aufs Auge gedrückt, weil ich zwei Jahre älter und schon so vernünftig war", meint Jutta schmunzelnd und verdreht die Augen.
"Das habe ich nicht gewusst", sagt Lydia. "Olli weiß selbst nicht, welcher Teufel ihn geritten hat, und warum er sich zu der Hochzeit hat hinreißen lassen. Ihm bleibt aber nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, schon wegen seiner kleinen Söhne. Sein Schwiegervater Karl-Otto bestimmt voll über das junge Glück. Die Namen der Enkel soll er sich regelrecht erzwungen oder sogar erkauft haben. Richard und Bertram heißen doch nur alte Männer. Sybilles Vater nennt das stolz Familientradition, als ob das heute noch jemanden interessieren würde. Und außerdem durfte Sybille Ollis Nachnamen nicht annehmen, damit das von Schönbeck weitervererbt wird. Ich glaube eher, Olli hat Sybille nur geheiratet, weil Christine ihn nicht wollte. Er hat ja schon als Kind für sie geschwärmt."
"Das weiß ich noch. Er hat ganz schön gelitten. Aber wir hatten davon alle unseren Nutzen. Christine musste nie lange betteln, damit er uns die Hausaufgaben abschreiben lässt. Wir hätten manches Mal alt ausgesehen", erinnert sich Jutta. "Olli hatte aber auch sein Gutes von uns. Welcher pubertierende Junge kann mit drei Freundinnen gleichzeitig angeben? Und wenn ihm mal ein Mädchen auf die Nerven ging, waren wir ja auch zur Stelle und haben es mehr oder weniger vergrault."
"Das hat uns allen Freude bereitet", ergänzt Lydia. "Und vergiss nicht, wie oft wir ihn mit Essen versorgt haben, als er im Wachstum und ständig auf Nahrungssuche war. Seine Eltern wären arm geworden, wenn sie ihn hätten allein ernähren müssen. Weißt du noch, als er einmal einen halben Kuchen verdrückt hat? Ich frage mich heute noch, wo das alles bei ihm geblieben ist. Er hatte nie Probleme mit seiner Figur. Beneidenswert."
Sie betrachten sich, und es wird ihnen erst jetzt richtig bewusst, dass sie sich zufällig getroffen haben und wirklich gegenübersitzen. Sie lächeln sich an, genießen die Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit und das unverhoffte Wiedersehen.

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4. Oktober 2016

'Das Attentat: Die Akte Perm' von Detlev Crusius

Am 14. September 2008, dem Geburtstag des russischen Präsidenten Medwedew, stürzt in unmittelbarer Nähe der Stadt Perm am Ural ein Flugzeug der Aeroflot-Nord ab. Bereits am Tag nach dem Absturz ranken sich wilde Gerüchte um das Unglück. Hat die Technik versagt, waren die Piloten betrunken und übermüdet? Hatten tschetschenische Terroristen die Boeing entführt und der Absturz war in Wahrheit ein gezielter Abschuss der russischen Luftwaffe?

Nach einer wahren Begebenheit ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Das Attentat: Die Akte Perm
Für Tolino: Buch bei Thalia




Leseprobe:
Die Stadt
Perm hat knapp eine Million Einwohner. Die Stadt, ihre Bewohner bezeichnen sie gerne als die östlichste Großstadt Europas, hat fünf Vororte. Sakamsk mit etwa zweihundertfünfzigtausend Einwohnern ist der größte davon und eine kleine Stadt. Sakamsk liegt direkt an der Kama und am gegenüber liegenden Ufer sieht man den Flughafen Bolschoje Sawino. Die Kama ist an dieser Stelle je nach Jahreszeit zweieinhalb Kilometer breit und mündet in die fünfhundert Kilometer entfernte Wolga. Geht man den Fluss abwärts, erkennt man durch den Dunst die Schornsteine, Öfen und Rohrleitungen der Nizhny Refinery, eine Raffinerie gigantischen Ausmaßes. Der Baubeginn war 1958 und seitdem wird ständig erweitert. 1991, dem Jahr des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Geburtsstunde der russischen Oligarchie, ging sie in Privatbesitz über und wurde in Luk Oil AG umbenannt.
Das beim Produktionsprozess anfallende Gas fackelte man früher ab und die lodernden Flammen waren für die Bewohner das weithin sichtbare Zeichen, dass es dem Oblast Perm und der Stadt wirtschaftlich gut ging. Heute wird das Gas zur Erzeugung von Fernwärme verwendet. Gut ging es der Region auch immer deshalb, weil Moskau weit weg war. Die von Moskau entfernter liegenden Regionen Russlands haben sich traditionell ein hohes Maß an Eigenständigkeit bewahrt. Während der Zarenzeit sagten die Sibirier - der Himmel ist hoch und der Zar ist weit. Das sagen sie heute noch, obwohl der Zar inzwischen anders genannt wird.
Das Denkmal auf dem Oktober-Platz mitten in Perm zeigt auch einen Zaren der Vergangenheit - Lenin.
Zur Sowjetzeit wurden im Oblast viele Rüstungsbetriebe errichtet, die auch heute noch Vollbeschäftigung garantieren. Munition und Raketentreibstoff werden produziert, Raketen für Baikonur und die Armee, eine Panzerfabrik gibt es und das, was unter einigen mächtigen Erdhügeln geschieht, kommentieren die Bewohner Perms nur hinter vorgehaltener Hand. Man munkelt von chemischen und bakteriologischen Waffen. Nicht ohne Grund war Perm und die Region um Perm zur Zeit des Kalten Krieges verbotene Zone. Eine beliebte Legende sagt, man habe zu Sowjetzeiten die Existenz der Stadt zwar nicht verleugnet. Auf sämtlichen Landkarten soll Perm aber weit abseits seiner tatsächlichen geografischen Lage verzeichnet gewesen sein.

Der Absturz
Der Name des Chefpiloten auf dem Flug der Boeing 737-500 von Moskau nach Perm war Rodion Medwedew. Seine Freunde zogen ihn manchmal mit seinem Namen auf, sagten Herr Präsident zu ihm. Sein Kopilot hing zusammengesackt in den Sitzgurten. Daneben, eingeklemmt zwischen Pilotensitz und Fenster, hing mit dem Kopf nach unten Paulina, eine Stewardess. Auf ihrer rotblauen Bluse hatte sich ein Blutfleck gebildet, der immer größer wurde. Ihr Herz pumpte noch und Blut quoll rhythmisch mit jedem der immer langsamer werdenden Herzschläge aus dem Einschussloch.
Es war ein ungewöhnlich ruhiger Flug gewesen. Es hatte keine Betrunkenen gegeben und auch mit dem Essen schienen alle zufrieden zu sein. Alkohol ist an Bord oft ein Problem, denn auf Reiseflughöhe herrscht in der Kabine ein Druck, der etwa einer Höhe von zweitausend Metern entspricht. Viele Fluggäste wissen nicht, dass Alkohol in dieser Höhe viel schneller wirkt, als am Boden.
Vor einer halben Stunde hatten Terroristen das Kommando übernommen, und während der ersten Minuten den Chefsteward erschossen. Das geschah im hinteren Teil der Kabine, in der Pilotenkanzel hatte man das nicht bemerkt. Dann hatten zwei der Terroristen die Kanzel gestürmt. Der Mann hinter Rodion hatte mit ruhiger Stimme gesagt: »Wir haben gerade den Steward erschossen. Und jetzt ganz ruhig bleiben, Brüderchen.«
Es war eine demonstrative Hinrichtung.
Sofort danach hatten sie die wie gelähmt in ihren Gurten hängenden Passagiere mit Kabelbindern gefesselt und die Reisepässe eingesammelt. Der Mann, der Rodion die kalte Mündung seiner Pistole ins Genick drückte, sagte das alles in einer sehr ruhigen Art, so als lese er die Wetteraussichten der nächsten Tage vor.
Er war in der Pilotenkanzel geblieben und hatte Rodion, den Co-Piloten und Paulina weiter mit vorgehaltener Waffe bedroht. Etwa zehn Minuten nachdem sie den Steward erschossen hatten, kam einer der Entführer in die Kanzel und sie flüsterten in einer fremden Sprache. Daraufhin drückte der Mann dem Co-Piloten die Pistole ins Genick und drückte ab. Eine Wolke feiner Blutblasen spritzte aus seinem Mund über die Instrumente. Die Stewardess drehte sich zur Wand, presste die Fäuste vor die Augen und schrie hysterisch. Der Mann schoss ihr in den Rücken, und sie stürzte zwischen Bordwand und Sitz des Co-Piloten und blieb dort eingeklemmt hängen.
Alles ging ganz selbstverständlich vor sich, ohne jede Hektik. Der Mann hinter Rodion handelte, als sei er in seinem Leben nie einer anderen Tätigkeit nachgegangen, als Flugzeuge zu entführen und Menschen aus nächster Nähe in den Kopf zu schießen.
Die Entführer verwendeten offenbar Spezialmunition mit geringer Durchschlagskraft. Diese Projektile töten, durchschlagen aber nicht den Körper und beschädigen womöglich die Bordwand.
Einige Male kam einer der Entführer aus der Kabine und flüsterte mit dem Mann hinter Rodion, der offenbar das Kommando hatte. Die Männer trugen keine Masken, machten keinen Versuch, ihre Gesichter zu verbergen und Rodion wusste, was das zu bedeuten hatte.
Als sie sich dem Kontrollbereich des Flughafens von Perm näherten, sagte er: »Brüderchen, wir ändern gleich den Kurs. Tue einfach, was ich dir sage.«
Einige Minuten später nannte er Rodion den neuen Kurs und folgsam drehte der das Rad der Steuerung und die Maschine kippte leicht zur Seite. »So ist es gut, Brüderchen. Jetzt weiter mit dem neuen Kurs.«
Nur wenige Minuten später tauchten rechts und links direkt neben der Pilotenkanzel zwei Abfangjäger der russischen Luftwaffe auf. Sie flogen so dicht neben der Boeing, dass Rodion die Gesichter der Piloten erkennen konnte. Der Terrorist hatte das Funkgerät abschalten lassen, und Rodion hatte weder zum Tower noch zu den beiden Kampfpiloten Funkverbindung. Der Pilot der MiG auf der Steuerbordseite winkte und gab ihm Zeichen mit der Hand, deutete mit dem Daumen nach unten. Rodion sollte zurück zum Flughafen fliegen und dort landen, signalisierte er damit.
Rodion nahm die rechte Hand vom Steuerrad, machte eine Handbewegung zu ihm, wollte nur sein Bedauern ausdrücken, dass er der Anweisung nicht folgen konnte. Der Terrorist hieb ihm den Pistolenlauf seitlich auf das Ohr, nicht so stark, dass er die Kontrolle über die Maschine verloren hätte, nur schmerzhaft.
»Brüderchen, lass den Blödsinn. Kurs halten«, sagte er. Er sprach mit südrussischem Akzent.
Rechts sah Rodion die näher kommenden Hochhäuser von Perm. Der neue Kurs führte in Richtung des Industriegebietes, sehr dicht an den Häusern vorbei.
Die beiden MiGs drehten ab. Nur Sekunden später flog wieder eine MiG schräg hinter ihnen und Rodion sah einen Feuerstrahl, dann einen zweiten. Auch die zweite MiG war jetzt wieder links von ihnen, und Rodion sah mehrere Raketen.
Das Licht im Cockpit erlosch. Rodion spürte einen heftigen Schlag und die Boeing schüttelte sich. Ergeben ließ er den Steuerknüppel los und lehnte sich zurück. Die Instrumente vor ihm flackerten einen Moment wild und erloschen dann. Schwerfällig kippte die Maschine zur Seite und Rodion sah Hochhäuser, Felder und Bäume auf sich zustürzen. Er dachte an seine Tochter, die gerade zwei Wochen alt war. Er war bei der Geburt dabei gewesen und hatte sie eine Stunde nach der Geburt mit seinem Handy fotografiert. Wie gerne hätte er das Handy hervorgezogen und das Bild betrachtet. Dann war nur noch eine grelle Warnsirene, die Kabinentür flog auf und eine Wand aus Flammen fegte durch die Kanzel.

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Mehr über und von Detlev Crusius auf seiner Website.