31. August 2018

'Operation Love: Herzflimmern in London' von Lisa Torberg

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Trisha Latch, Agentin des MI5, Deckname Miss Smith, hat das Limit des Erträglichen erreicht. Sie ist das eingefärbte Vogelnest auf ihrem Kopf, die klebrige Mascara, den schwarzen Lippenstift, vor allem aber die Tonne Metall leid, die sie tagtäglich von den Ohrläppchen bis zu den Boots mit sich herumschleppt. Und ihren schmierigen Vermieter Schrägstrich Zielobjekt, der seine Griffel nicht bei sich behält. Sie explodiert, setzt die Undercover-Mission im East End in den Sand und landet unweit der Billionaire’s Ave bei dem Mann, dessen Bruder vor ihren Augen ermordet wurde – und der eine pelzige Matratze im Gesicht hat. Und sie hasst Vollbärte!

Troy Raven, Anwalt und Privatermittler, traut seinen Augen nicht. Blackshaw, der das MI5-Team leitet, das dem Killer seines Bruders auf den Fersen ist, schickt ihm dieses Gothic-Biest, um seine schwangere Assistentin zu ersetzen? Eine Frau, die er nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde – wenngleich sie fantastisch riecht, ein heißes Fahrgestell hat und ihm 100.000 Volt durch den Körper jagt, als sich ihre Finger berühren ...

Bree, Troys beste Freundin und Noch-Assistentin, fasst ihr Aufeinandertreffen in Worte: Das kann ja heiter werden.

"Operation Love: Herzflimmern in London" ist ein in sich abgeschlossene Liebesroman mit sinnlichen, prickelnden Liebesszenen, dramatischen Augenblicken und einer mit Humor gewürzten romantischen Handlung. Kein Cliffhanger. 240 Taschenbuchseiten.

Leseprobe:
Heute, irgendwo im Londoner East End
Fassungslos starrt Trish auf den Bildschirm, kneift die Augen zusammen und liest die Mail noch einmal. Als ob sich die paar Zeilen nicht schon in ihr Hirn eingeprägt hätten wie das Brandzeichen auf dem Hintern eines Zuchtbullen. Dieses verdammte Arschloch setzt sie tatsächlich vor die Tür! Klar, sie hat letzten Freitag, als er seine schweißnassen Griffel auf ihren Oberarmen platzierte, um sie an sich heranzuziehen, das Knie angehoben. Na ja, vielleicht hat sie es mit schlecht dosiertem Schwung in seine Weichteile gerammt. Seinem stöhnenden Laut nach zu schließen, der in ein eunuchenhaftes Quietschen überging, hat sie ihre Kraftreserven nicht richtig eingeschätzt. Aber welche Frau hätte an ihrer Stelle nicht so gehandelt, wo er ihr doch unbeirrt nachstellt, als ob sie der Hauptpreis in der beschissenen Weihnachtslotterie wäre.
Jeder andere hätte längst kapiert, wie der Hase läuft. Immerhin kennt er sie seit mehr als einem Jahr – um exakt zu sein, seit dreizehn Monaten. Und ebenso oft hat sie ihn abblitzen lassen – an jedem Monatsersten. Wie gesagt hätte jeder x-beliebige Mann bereits spätestens beim zweiten Mal kapiert, dass hier nicht nur kein Hase, sondern schlichtweg gar nichts laufen konnte. Er hätte den Schwanz – sofern vorhanden – eingezogen und wäre mir von da an aus dem Weg gegangen. Nicht Oliver Odd! Von allen – hinter seinem Rücken – nur Odd Ollie genannt, macht er seinem Namen alle Ehre: Er ist ein sonderbarer Typ. Dass seine schwarzen, pomadisierten Haare gefärbt sind, steht außer Zweifel, auch wenn nur selten jemand den Blick hebt, um sich davon zu überzeugen. Die meisten trauen sich ja nicht einmal, ihm ins Gesicht zu sehen, was nicht an der riesigen, dunklen Warze liegt, die einer Fleischfliege gleich unter seinem rechten Nasenloch knapp oberhalb der Oberlippe thront. Auch nicht an den Schweinsäuglein, die von einem Babyblau sind, das perfekt zu seiner Stimme und dem androgynen Körper passt. Nein, denn obschon Mr Odd nichts von einem echten Kerl hat, nehmen alle Habtachtstellung ein, sobald er den Mund öffnet und mit seinem Falsett nur wenige Worte von sich gibt. Spricht er länger, ähneln die Bewohner des Hauses, des Stadtviertels – höchstwahrscheinlich des gesamten metropolitanen Gebiets – der Terrakotta-Arme des ersten chinesischen Kaisers.
Der Mann mit der hohen Stimme erweckt nach außen hin den Eindruck einer Witzfigur. Tatsache ist, dass er Mr Bean aus der gleichnamigen Fernsehserie ähnelt und sich wie dieser im Normalfall auf Mimik und Gestik verlässt, um sich auszudrücken. Mit körperlichem Ausdruck stand Trisha ihm jedoch letzten Freitag um nichts nach, als sie ihm zuerst das Knie zwischen seine Beine rammte und anschließend reflexartig nach der Karaffe mit dem Eiswasser griff und sie an der Stelle entleerte, über die der Fiesling – immer noch quietschend – schützend seine Hände hielt. Ersteres tat sie aus Reflex, mit der zweiten Aktion wollte sie vermeiden, die Hausbewohner kurz vor sieben zu wecken.
Bald nachdem Mr Odd ihr nicht nur die Wohnung seiner Großtante, die wenige Wochen zuvor in eine Seniorenresidenz gezogen war, sondern auch den Laden im Erdgeschoss mitsamt Lizenz vermietete, wurde sie von allen mehr oder minder wohlwollend akzeptiert. Die anfängliche Skepsis aufgrund ihres Gothic-Looks legte sich rasch. Alle Mieter wissen, dass sie stets zur gleichen Uhrzeit nach unten in den Laden geht und eine halbe Stunde später der Duft von Kaffee das Treppenhaus erfüllt – und sonst nichts. Trisha Latch braucht keine laute Musik, um in die Gänge zu kommen. Im Gegenteil. Sie liebt es, in absoluter Ruhe den Tag zu beginnen, und bevor nicht die ersten Kunden eintreffen, hört man keinen Laut – und schon gar kein Stöhnen und Kreischen. Sie hatte am letzten Freitag also einen triftigen Grund, Odd Ollie, der durch den Hintereingang hereingeschlichen war – angeblich um die Miete zu kassieren –, zum Schweigen zu bringen. Dass er wieder einmal seine schmierigen Finger nach ihr ausstrecken würde, hätte sie absehen und ihre Reaktion wie immer unterdrücken müssen. Aber vor der ersten Ration ihrer pechschwarzen Droge laufen ihre geistigen Kapazitäten auf Sparmodus. Daher sah sie in dem Moment einfach nur rot und hat vergessen, dass der Typ ihr Vermieter ist und sie in diesem Haus ihre Einkommensquelle und das Dach über ihrem Kopf hat. Jetzt ist sie auf einen Schlag beide los, denn der verdammte Scheißkerl beruft sich auf einen der siebenundvierzig Paragrafen des zehnseitigen Mietvertrags, den Trisha nicht einmal nachlesen muss, um zu wissen, dass er dort ein Schlupfloch eingebaut hat.

Ihre Kehle wird eng und die Mail auf dem Bildschirm verschwimmt vor ihren Augen. Shit! Hier ist sie in Sicherheit und kann ihre Wunden lecken, die sie ihrer selbst verschuldeten Unachtsamkeit, derentwegen sie damals knapp am Tod vorbeigeschrammt ist, verdankt. Niemand vermutet sie im East End. Hinter der Theke des unverfänglichen Tante-Emma-Ladens kann sie den Ball flach halten und darüber sinnieren, wann sie ihren inneren Schweinehund überwinden und dem Drängen Blackshaws nachgeben wird. Falls überhaupt ... denn an und für sich ist sie der Sache ja hier auch nützlich. Immerhin observiert sie eine der Schlüsselfiguren aus unmittelbarer Nähe.
»Du hattest Glück im Unglück«, fasste es ihr Boss nach dem Zwischenfall in der Bar, bei dem sechs Schüsse aus einer einzigen Pistole abgefeuert wurden, zusammen. Danach verpasste er ihr eine neue Identität, und die alte Mrs Odd ist mit einer großzügigen Summe davon überzeugt worden, dass sie nie etwas anderes wollte, als ihren Lebensabend anstatt in Londons East End in einer luxuriösen Seniorenresidenz in Cheshire zu verbringen. Weit weg von ihrem unsäglichen Neffen, dessen Hände tief im Sumpf der Illegalität stecken. Oliver Odd, der seine kriminelle Intelligenz hervorragend hinter seinem eunuchenhaften Aspekt versteckt und dem Trisha seit dreizehn Monaten im Nacken sitzt. Eine lange Zeit, in der sie zwar so manches in Erfahrung bringen konnte, was uns bis dahin unbekannt war, aber noch nicht genug, um diesem Arschloch die entscheidende Querverbindung nachzuweisen, die ihm – und seinen Geschäftspartnern gleich mit – das Genick brechen wird. Sie war so nah dran, dass sie das sprichwörtliche Licht am Horizont bereits erahnen konnte – und jetzt ...
Ein Ruck geht durch ihren Körper.
Nein! Ich lasse mich nicht unterkriegen! Nicht von so einem Arsch wie Odd Ollie!

Im Kindle-Shop: Operation Love: Herzflimmern in London.
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20. August 2018

Sandra Hausser

Sandra Hausser wurde 1969 in Rüsselsheim geboren und schreibt seit ihrem 14. Lebensjahr mehr oder weniger regelmäßig. Aus ihrer Leidenschaft für Kurzgeschichten entwickelte sich im Laufe der letzten Jahre die Herausforderung ganze Romane zu schreiben.

Sandra Hausser über sich: "Seit 1985 arbeite ich als Arzthelferin, habe mich an Literaturwettbewerben beteiligt und dabei zwei Preise gewinnen können. Ab diesem Zeitpunkt war mein Ehrgeiz geweckt und ich begann ganze Romane zu schreiben."

Weblink: www.sandra-hausser.de


Bücher im eBook-Sonar:




17. August 2018

'Die Magie der Glanzlichter (Lichtertanz 1)' von Isabella Mey

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Wenn das Herz nicht will, wie es soll
und der Verstand von Gefühlen überrollt wird
dann wird es Zeit, in sich zu gehen, um das zu sehen, was wahr ist.


1912, Atlatica wird vom grausamen Lord Sorbat beherrscht. Abseits der großen Straßen, am Rande der Zone der Monster, kämpft sich Leanah als Tochter eines Schafbauern durch ihren harten Alltag. Sorbats Magier sind bei der einfachen Bevölkerung verhasst, nicht nur deshalb versucht Leanah, ihre magische Begabung, vor allen zu verbergen. Ihr Leben gerät jedoch vollkommen aus den Fugen, als sie auf die Burg des Lords gebracht wird, um dort zu dienen.

In Frankfurt am Main ahnt Silas, der Sohn eines Arztes, nichts von den Lords oder Atlatica. Erst nachdem seine Eltern entführt werden und er selbst ins Visier der Verfolger gerät, muss er sich nicht nur den Gefahren einer fremden Welt voller Magie stellen, sondern auch seinen Gefühlen für eine Frau, die nicht für ihn bestimmt ist. Wird das Schicksal die beiden letztendlich zusammenführen?

"Die Magie der Glanzlichter" ist der erste Teil der Lichtertanz-Trilogie. Die Geschichte spielt in der Welt des Flammentanzes, kann aber unabhängig davon gelesen werden.

Leseprobe:
Schweigen. Lediglich unsere Atemgeräusche durchdringen die Stille.
»Was muss ich tun?«, fragt er tonlos.
»Lass mich frei!«
»Wirst du mich lieben, wenn ich dich freilasse?«
»Nein, aber dann würdest du aus Liebe handeln und hättest meinen Respekt und meine Achtung. Liebe knüpft keine Bedingungen, sie ist oder sie ist nicht, ganz gleich, ob der andere sie erwidert.«
Abermals Schweigen.
»Ich kann nicht …«, sagt er.
Jetzt höre ich, wie er aufsteht. Zwei Schritte, dann folgt ein metallenes Geräusch, als ob ein Gitter geschlossen und ein Schlüssel umgedreht wird. Die Schritte verhallen, bis ich von absoluter Stille und Finsternis umgeben bin. Es ist kalt. Ich fröstele. Sowohl mein Geist als mein Körper fühlen sich taub an. Immerhin haben sich meine Fesseln mit der Zeit ein wenig gelockert. Vielleicht kann ich mich davon befreien ...

Im Kindle-Shop: Die Magie der Glanzlichter (Lichtertanz 1)

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16. August 2018

'Der Wert der Wahrheit' von D.W. Crusius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Jean Delong arbeitet für die SRA in Amman. Sein Job - er beschafft Informationen aus dem Hexenkessel Nahost. Das Geschäftsmodell der SRA - Special Risk Analysis - ist simpel: Bei der aktuellen Inflationsrate ist Erpressung die einzige wertbeständige Valuta. Der Treibstoff des Geschäfts ist Korruption bis in höchste Regierungskreise.

Ihre wichtigste Quelle ist Sheikh Turki in Dschidda. Turki liefert wertvolle Informationen zu jedem Terroranschlag, jedem dreckigen Waffendeal. Ed Sullivan, CEO der SRA in New York, verkauft dann meistbietend an Regierungen und Rüstungsfirmen.

Jean Delong ist williger Akteur in diesem schmutzigen Spiel, bis er selbst nur knapp einem Anschlag entgeht, dem ein britischer Atomwissenschaftler zum Opfer fällt. Er taucht in Frankreich unter, aber seine Auftraggeber spüren ihn auf. Einen Deal soll er noch erledigen. Seine frustrierende Erkenntnis: Jobs dieser Art hängt man nicht einfach an den Nagel.

Leseprobe:
Damaskus
Der Zwischenfall in Damaskus war ein unglückliches Zusammentreffen zweier Ereignisse, die einfach nicht zusammenpassten.
»Ein Kurier ist ausgefallen, liegt im Krankenhaus«, hatte Akke Salander gesagt, »ich muss dich um diesen Gefallen bitten. Liegt nicht auf deiner Linie, ich weiß. Ist eine äußerst dringende Angelegenheit.«
Jean Delong sträubte sich nicht groß, im Gegenteil. Mal eine Abwechselung, dachte er. Hinter ihm auf der Ladefläche lagen fünf Holzkisten, jede zwei Meter lang, 40 mal 60 Zentimeter im Durchmesser. Sehr stabile Behälter. Die großflächigen schwarzen Logos auf den Kisten erweckten den Anschein einer humanitären Hilfslieferung. Auf den Seiten des Lieferwagens prangte der Schriftzug MEDICO, eine NGO in Stockholm. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, der Fahrer wäre in einem humanitären Auftrag unterwegs.
Alles Bluff.
Die MEDICO in Stockholm hatte einen medizinischen Hintergrund, ähnlich wie Ärzte ohne Grenzen. Die SRA in Amman stand eher für das Gegenteil. Bei der MEDICO wusste man, dass die SRA ihren Namen als Deckmäntelchen benutzte und im Gegenzug revanchierte sich Ed Sullivan, der Boss der SRA in New York, mit großzügigen Spenden. Sollte jemand in Stockholm anrufen und fragen, ob der Fahrer des Wagens bei MEDICO auf der Gehaltsliste stand, dann wurde das bereitwillig bestätigt. Schon das Logo öffnete viele Türen, Grenzbäume schwenkten hoch, ohne genaue Pass- oder Fahrzeugkontrolle. Wie jetzt auch an der Grenze nach Syrien, als Jean dem Grenzbeamten seine Papiere zeigen wollte. Der winkte ab. Das Logo suggerierte, der Inhalt der Kisten habe etwas mit Medizin oder Pharmazie zu tun. Herzschrittmacher oder Abführpillen.
Jean wusste, was die Kisten enthielten. Wie Akke gesagt hatte, ein Sonderauftrag. Keine brisanten Informationen, Dokumente, Computerdateien auf CDs und USB-Sticks, wie sonst. Mal was anderes. Gut bezahlt wurde es auch. Außerdem – das kam als Anreiz noch oben drauf – war er schon lange nicht mehr in Damaskus, sicher fünf Jahre oder mehr. Eine wunderbare Stadt. Obwohl das, was einmal wunderbar an der Stadt war, was romantische Geister vielleicht noch immer an Tausendundeine Nacht erinnern mochte, im wahrsten Sinn des Wortes verraucht war. Inzwischen hörte man häufiger Explosionen, als Rufe des Muezzins von den Minaretts. Damals hatte nicht viel gefehlt, und er wäre geblieben. Die Frau, mit der er was hatte, wollte dann doch nicht dauerhaft mit ihm zusammenwohnen, ihm, einem Mann aus dem Abendland. Ihre Eltern waren erzkonservativ. Jetzt lebte er in Beirut, der Stadt, die man vor vielen Jahren Paris des Nahen Ostens genannt hatte. Auch nicht schlecht, obwohl vom Pariser Flair viel abgeblättert war.

Im Kindle-Shop: Der Wert der Wahrheit.
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'Dead Mountain' von Stefan Barth

Kindle (unlimited)
Du bist fünfzehn.
Doch statt Partys und erster Liebe kämpfst du ums Überleben.


Die Toten haben begonnen, die Lebenden zu fressen. Der einzige Mensch, den du noch hast, ist dein jüngerer Bruder.

Ihr habt den Winter in der Sicherheit der Alpen verbracht. Aber jetzt kommt der Frühling, und mit der Schneeschmelze erscheinen die Toten in den Bergen. Wie lange könnt ihr hier oben allein noch durchhalten?

Dann trefft ihr Ralf. Ein Mann. Einer, der wie ihr miterleben musste, wie die Welt in Blut und Eingeweiden versank. Endlich wieder ein Erwachsener in eurem Leben.

Jetzt wird alles besser.
Oder?


Leseprobe:
Sie hören ihn, bevor sie ihn sehen.
Oder riechen.
Henni bleibt stehen und blickt zu Fabio.
Die Hand des Jungen umklammert den mattschwarzen Sportbogen so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten. Seine braunen Augen sind weit aufgerissen.
Sie lauschen.
Der Wind rauscht in den Bäumen, an deren Ästen die Blätter erst vor wenigen Tagen in voller Pracht zu sprießen begonnen haben.
Da ist es wieder.
Das Klingeln.
Ein Glöckchen.
Fabio runzelt die Stirn und Henni sieht, dass er etwas sagen will. Sie hebt eine Hand und schüttelt den Kopf.
Er schluckt die unausgesprochenen Worte wieder runter.
Das Klingeln wird lauter.
Für einen kurzen Moment schlägt ihr Herz nicht nur aus Angst, sondern auch aus Hoffnung schneller. Doch dann hört sie die schweren, schlurfenden Schritte, die das klingelnde Glöckchen begleiten.
Das Fünkchen Hoffnung verglüht.
Sie überlegt, ob sie nicht einfach abhauen sollen, aber sie verwirft den Gedanken gleich wieder. Wenn sich einer von denen hier oben rumtreibt, nützt es nichts, dem Problem aus dem Weg zu gehen.
Henni zeigt nach rechts.
Zwischen den Bäumen, etwa zwanzig Meter weiter, ist der Wanderpfad zu erkennen.
Fabio nickt. Er zieht einen der zwölf Fiberglas-Pfeile aus dem Köcher auf seinem Rücken und legt ihn auf den Bogen. Er hat täglich mit dem Ding geübt, seit sie den Bogen, mitsamt Pfeilen, Köcher und einer Strohzielscheibe, vor einem halben Jahr in der Graudingerhütte gefunden haben.
Sieht aus, als wird sich gleich zeigen, ob sich das Üben gelohnt hat.
Henni umklammert den Griff der langstieligen Axt fester und blickt noch einmal zu Fabio.
Er nickt.
Henni setzt sich in Bewegung. Pirscht sich Schritt für Schritt durchs Unterholz, darauf bedacht, so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Aus den Augenwinkeln registriert sie Fabio, der sich, ein Stück versetzt, neben ihr bewegt.
Ein Ast bricht unter den Sohlen ihrer ausgelatschten Converse und das Geräusch kommt ihr vor wie eine Explosion. Sie bleibt abrupt stehen. Dreht den Kopf, sieht zu Fabio.
Er beißt sich auf die Lippen.
Weiter.
Das, was Henni durch die Bäume hindurch vom Wanderpfad erkennen kann, ist leer. Bis auf die Gräser und blühenden Wildblumen, die sich ihren Weg durch das Erdreich bahnen. So muss es jetzt überall sein. Die Natur holt sich zurück, was der Mensch ihr genommen hat. Noch ein oder zwei Jahre, dann wird der Pfad nicht mehr zu erkennen sein.
Das Klingeln des Glöckchens wird lauter.
Die schlurfenden Schritte auch.
Die Kinder bleiben wieder abrupt stehen.
Denn jetzt sehen sie den Wanderer.
Er kommt um eine Biegung, seine Schritte abgehackt und ungelenk, die Arme baumeln leblos hin und her. Er schlurft und wankt wie ein Betrunkener, aber das vollkommen geräuschlos, kein Atmen oder Schnaufen ist zu hören. Die Lederschuhe sind ausgelatscht und schmutzig, genau wie die fast schwarzen Socken und die verwesende, faulige Haut der Waden und Oberschenkel.
Das wettergegerbte Leder der Trachtenhose, an deren Brusttasche das kleine Glöckchen hängt, ist von hellen Rissen durchzogen. Das Hemd darunter war wohl mal weiß, jetzt ist es schmutzig grau. Vorne und oben am Kragen ist der Stoff noch dunkler: getrocknetes, schwarz verkrustetes Blut, das aus einem grässlichen Loch im Hals gelaufen ist.
Aber Blut kommt schon lange nicht mehr aus der Wunde, stattdessen scheint das faulige Fleisch des Loches in seiner Kehle in ständiger Bewegung. Doch das sind nur Fliegen und Maden, die sich darin tummeln. Leblose weiße Augen starren aus einem eingefallenen Gesicht, dessen Mund halb offen steht, drinnen die verrotteten Reste eines Gebisses.
Henni und Fabio starren den Wanderer an. Er ist nicht der erste seiner Art, den sie sehen, aber der letzte ist lange her und der Anblick fast genauso schockierend wie beim allerersten Mal.
Henni spürt ein kaltes Kribbeln, das in ihrem Nacken startet und sich dann über ihren ganzen Körper ausbreitet. Sie tauscht einen Blick mit Fabio und in diesem Moment verstummt das Glöckchen.

Im Kindle-Shop: Dead Mountain.
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15. August 2018

'Schicksalspfad des Tempelritters: Flammende Himmel' von Olivièr Declear

Kindle Edition | Tolino
Flammende Himmel, der dritte Band der Reihe »Schicksalspfad des Tempelritters« von Olivièr Declear.

Im Spätherbst 1290 verzehren lodernde Flammen das Marktviertel von Accon. Söldner verwüsten die Stadt. Erst das beherzte Eingreifen der Ritterorden beendet das Massaker unter der Bevölkerung.

Der Tempelritter Gernòd de Loen gerät mit seinen Freunden in Gefangenschaft. Auf einem Sklavenmarkt werden sie an den mächtigen Schriftgelehrten des Sultans, Abu I-Fada, verkauft und nur ihr unbeugsamer Wille, die Stadt Accon vor der erneut drohenden Gefahr zu warnen, lässt sie überleben. Als sie endlich die Mauern von Accon erreichen, bereiten sie sich mit den Bewohnern der Stadt auf den herannahenden Krieg vor.

Leseprobe:
Aufruhr
Neugierig spähte Gernòd über die Dächer des Marktviertels der Stadt. Er betrachtete die Rauchsäulen, welche sich dunkel in den klaren Himmel erhoben. Die Glocken der Stadt sandten ihren mahnenden Klang bis zu ihm auf dem äußersten Winkel des Wehrwalls. Eine Gruppe Wachsoldaten eilte über das grobe Steinpflaster der Straße und warf ihm fragende Blicke zu. Gernòds Augen streiften sie, während sich sein linker Arm in Richtung Rauchsäulen erhob. »Im Marktviertel!«, rief er hinunter. Ohne ihn weiter zu beachten, hasteten sie durch die enge Gasse. Der Klang ihrer Schilde auf der schweren Rüstung, der bei jedem ihrer Schritte ertönte, verlor sich mit ihnen hinter der nächsten Wegbiegung. Sorgenvoll richteten sich seine Augen erneut auf die Rauchsäulen.
Das Marktviertel mit seinen zahlreichen Holzverschlägen bot einer Feuersbrunst ein fruchtbares Ziel. Erste Flammen stiegen bereits züngelnd an einem Dach empor, als dienten ihnen die Lehmziegel als Nahrung. Accon, die letzte befestigte Stadt des einstmals mächtigen Kreuzfahrerheeres, war in größter Gefahr. Gernòds Herz schlug heftig in seiner Brust. Nicht durch die Hand der verhassten Sarazenen, sondern durch die Unachtsamkeit eines Händlers, vermutete er, sei dieser Brand entstanden.
Erneut kam ein Trupp Männer in seine Sicht. Schon von weitem erkannte er die weißen und braunen Mäntel seiner Brüder mit dem blutroten Kreuz des Templerordens über den Herzen. Ihr Anführer, Bruder Durmonte, wies mit wenigen, herrischen Armbewegungen drei dienende Brüder auf den Wehrwall hinauf und Gernòd zu sich herab. »Aufruhr im Marktviertel!«, rief er ihm entgegen und eilte mit wehendem Mantel an der Spitze seiner Männer in Richtung des Marktes. Gernòd hastete über den schmalen Stieg des Walls hinunter und eilte seinen Brüdern nach. »Aufruhr«, dachte er. Vermutlich waren es wieder einmal Söldner, denen der hohe Preis der Händler nicht gefiel, oder die keinen weiteren Kredit erhielten.
Gernòd spürte das unebene Pflaster der Straße unter den dünnen Ledersohlen, während er seinem Trupp hinterherhetzte. Einige Türen der Häuser öffneten sich einen Spalt breit, um neugierigen Augenpaaren den Blick auf die lärmenden Brüder zu bieten. Kaum hatte Gernòd seine Kameraden eingeholt, bog der Trupp in einen der Hauptwege ein. Vor ihnen strömten Soldaten der anderen Wachen aus den Seitengassen. Hospitaliter, Deutschritter und Söldnertruppen stürmten auf die Straße. Die Glocken aller Kirchen und Wachen erhoben sich über dem Lärm, drangen von allen Seiten auf die Soldaten ein und mahnten sie zur Eile. Verständigende Blicke trafen sich auf ihrem Weg, ernste Gesichter nickten sich grüßend zu. In jedem Antlitz las man die Spannung auf die vor ihnen liegende Bedrohung.
Ohne den hastigen Schritt aufzugeben, löste Gernòd den Schildgurt und führte seine Faust durch die Armriemen. Mit der freien Hand tastete er sich am Waffengurt entlang, bis er den Kopf seiner Axt spürte. Er schob die Schlaufe über dem Axtkopf mit dem Daumen beiseite und zog die Waffe aus dem Gurt. Mit einer Aufwärtsbewegung ließ er den Griff in seine Hand gleiten. Er war für den Kampf bereit.
Vor ihnen erhob sich das Holztor des Marktviertels. Es stand weit geöffnet und die Wachen wiesen mit ausladenden Bewegungen den Weg. »Die Lombarden und Toskaner!«, scholl es ihnen entgegen. Brandgeruch lag in den engen Gassen und Rauchschwaden minderten die Sicht. Gellende Schreie und Kampfeslärm drang aus den Seitenwegen. Um sie herum lagen die Leichen einheimischer Händler auf dem Weg – zwischen ihnen ihre Frauen und Kinder. Gernòds Weg führte durch breite Blutlachen. Er war gezwungen über umherliegende Körper zu springen. Laut klagende Menschen hockten bei den reglosen Körpern und hoben ihre verzweifelten, tränenüberströmten Gesichter den herbeieilenden Truppen entgegen.
Eine Hand ergriff Gernòds Rock und hinderte seinen Lauf. Er blickte in das Gesicht einer Sarazennin, die ihn in gebrochenem Fränkisch anflehte, ihr Kind zu retten, das mit zertrümmertem Schädel in ihrem Arm lag. Er löste ihren Griff und eilte den Kameraden hinterher. Hier konnte er nichts mehr bewirken, aber vielleicht gab es noch Überlebende in den verwinkelten Gassen, die ihrer Hilfe harrten.
Lauter Kampfeslärm drang aus einer der Seitengassen. Bruder Durmonte zeigte seinen Leuten den Weg. Schweren Atems folgten sie der Weisung. Mit erhobenen Schilden und Waffen stürmten sie auf eine Gruppe genuesischer Söldner zu, welche raubschatzend durch die Gasse zog. Gernòd drängte einen der Angreifer mit seinem Schild von einer Frau, der dieser gerade das Gewand herabreißen wollte. »Was macht ihr hier?«, schleuderte er dem Genuesen mit blitzenden Augen seine Frage entgegen. »Scher dich um deinen Kram, Templer. Das Volk hat uns lange genug betrogen. Nun zahlen sie ihre Zeche«, erwiderte der Genuese mit wildem Zorn in den mordlustigen Augen. Sein Schwert erhob sich zum Schlag. Gernòd ließ seine Axt in die Höhe fahren, während er die Schneide nach hinten führte. Mit all dem Grauen der gesehenen Bilder traf sein Hieb den Schädel des Söldners. Der stämmige Mann starrte ihm ungläubig in die Augen, während er in sich zusammensank.
Die Frau zerrte an Gernòds Waffenrock und redete wild gestikulierend auf ihn ein. Er solle ihr in das Haus folgen. Dort bedürfe ihr Mann seiner Hilfe. Er sandte den Kameraden einen unsicheren Blick zu, ob sie eher der Hilfe bedurften, bevor er ihr zögernd in das Gebäude folgte.
Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dämmerung zu gewöhnen. Er sah sich in dem verwüsteten Raum um. An einer der Wände erblickte er einen Mann. Er stand dort mit eingeknickten Beinen, das Gewand blutüberströmt, und ausdruckslos starrenden Augen, die zu Boden gerichtet waren. Gernòd schritt etwas näher an ihn heran, bevor der Templer erkannte, was geschehen war. Aus dem Hals des Händlers ragte der prächtig verzierte Griff eines Dolches -das Messer eines Sarazenen. Seine suchenden Augen glitten an dem Mann hinunter und blieben an der leeren Messerscheide haften. Gernòd trat an den Mann heran und zog den Dolch mit einem kräftigen Ruck aus Mauerwerk und Hals des Unglücklichen. Sanft ließ er den toten Körper zu Boden gleiten, eine breite Blutspur auf der Wand hinterlassend. Unsicher wandte er sich der Frau zu. Ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung entrang sich ihrer Kehle, als sie die Wahrheit in den Augen des Tempelritters las. Weinend warf sie sich vor ihm zu Boden und erfasste erneut den Saum seines Waffenrocks. Mit tränenüberflutetem Antlitz flehte sie ihn an, ihrem Mann zu helfen, als hoffte sie, es wäre ihm möglich, ein Wunder zu bewirken. Mit traurigem Gesicht schüttelte Gernòd sein Haupt und löste ihren Griff. Seine Beine schienen schwer wie Blei, als sie ihren Weg zur Tür suchten. Längst hatte er sich an das Grauen der Schlacht gewöhnt. Aber dort traten sich Bewaffnete entgegen. Dieses Blutbad an Wehrlosen erfasste sein Herz mit glühender Hand und ließ das Feuer des Zorns in der Brust des Ritters toben. Der Genueser vor der Tür hatte sich halb aufgerichtet und hielt seinen blutenden Kopf mit beiden Händen. Im Vorübergehen drosch ihm Gernòd den Rücken der Axt ins Gesicht. Der Söldner schleuderte von der Wucht des Schlages getrieben nach hinten und stürzte mit erhobenen Armen zu Boden. Wenn er denn noch lebte, sollte ihm diese Lektion genügen, um ihm die Lust auf sinnloses Morden auszutreiben, dachte Gernòd grimmig. Die Grausamkeit dieser Söldner ließ jede Barmherzigkeit in seinem Herzen schwinden.
Vor ihm auf dem Pflaster der Gasse erblickte er Francois, ein Ritter des kaiserlichen Heeres. Die beiden verband schon viele Jahre eine herzliche Männerfreundschaft. Francois trug keine Rüstung. Offensichtlich hielt er sich bereits vor dem Tumult in dem Viertel auf. Mehrere Söldner bedrängten ihn. Im Laufschritt eilte ihm Gernòd zu Hilfe. Mit einem Schrei drängte er sich mit erhobenem Schild zwischen die Männer. Ohne zu zögern, schlug er mit der Rückseite seiner Axt auf die Köpfe, Arme und Schultern der Angreifer ein. Blutüberströmt sanken mehrere von ihnen zu Boden. Die letzten beiden Verbliebenden suchten ihr Heil in der Flucht. »Gut, dass Ihr da seid«, stieß Francois mit fliehendem Atem hervor. Obwohl er kein ängstlicher Mann war, sah man ihm den Schrecken an. Zerfetzt hing seine Kleidung an ihm herab und an dem rechten Oberarm klaffte eine tiefe Wunde. »Was ist hier eigentlich los?«, wollte Gernòd wissen. »Weiß auch nicht genau. Ich habe heute Morgen Yasemin und ihren Vater besucht. Da torkelten schon einige betrunkene Lombarden und Toskaner durch das Viertel. Sie pöbelten die Händler und Frauen an. Als einer der Kaufleute seine Tochter schützen wollte, begann der Tumult.«
Eine bildhübsche Frau, mit edlen Gesichtszügen und sinnlichen Lippen, erschien an der Seite eines alten Mannes im Türrahmen. Sie sandte dem Alten einen flehenden, glutäugigen Blick.
Als dieser schmunzelnd nickte, eilte sie zu Francois und untersuchte dessen Wunde sorgenvoll. Gernòd zog sein Schwert aus der Scheide und reichte es dem Freund. Francois wollte abwehren: »Wenn das der Orden erfährt, darfst du einen Monat Buße tun.« Gernòd betrachtete Yasemin: »Möchtest du mir lieber mit ihr an der Seite in den Kampf folgen oder sie zurücklassen?« Francois Faust schloss sich um den Griff des Schwertes. »Danke, mein Freund.« Die beiden Männer nickten sich zu und Gernòd setzte seinen Weg fort.

Im Kindle-Shop: Flammende Himmel: Schicksalspfad des Tempelritters.
Für Tolino: Buch bei Thalia
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'Amarylion: Zauber der Liebe' von Andrea Selina Hilken

Kindle | Twentysix | Taschenbuch
Im Amarylion, einem spirituellen Heilungszentrum ticken die Uhren anders. Emily Edwards und Stephanie Cunningham, zwei ungewöhnliche Frauen, gehen ihren ureigenen Weg von Leben, Lieben und Leidenschaft.

Emily Edwards, eine junge Frau aus Prairie Village, führt gemeinsam mit ihrer besten Freundin Stephanie Cunningham das Heilungszentrum Amarylion in der Vorstadt von Kansas City. Ihr Herz schlägt für alternative Heilweisen, Kartenlegen, Jenseitskontakte und die bedingungslose Freude daran, anderen Menschen helfen zu dürfen. Mit der Liebe in ihrem Leben hat Emily bisher kein Glück gehabt. Sie glaubt nicht mehr daran, den einzigen und wahren Mr. Right zu treffen. Unerwartet tritt der junge Herzchirurg Jayden Coleman in Emilys Leben und bring ihr den Glauben an die große Liebe zurück.

Die Amarylion Saga ist ein großes Lexikon der Spiritualität. Eingebunden in eine wundervolle Geschichte, erfährt man hier, was ein Geistführer ist, wie Jenseitskontakte funktionieren, was eine Seele ist, wie man Wünsche real werden lässt und noch einiges mehr an spirituellen Themen. Durch die Vorträge, die Emily in dem Buch hält, werden dem Leser Techniken an die Hand gegeben, um Ängste zu besiegen, das Selbstbewusstsein zu stärken und noch einiges mehr an Selbsthilfe-Tipps. Der Zauber dieses Buches offenbart sich jedem Leser, der mit offenen Herzen seine Botschaft empfängt.

Leseprobe:
Das Kerzenlicht flackert und taucht die Küche in ein warmes angenehmes Licht, es wirkt urgemütlich hier mit Steph zu sitzen und meine Neugierde wächst. Was mich wohl gleich erwartet, frage ich mich immer wieder. Doch Steph denkt gar nicht daran, sofort loszulegen, sondern nimmt sich erst einmal ein Brot und streicht voller Hingabe den Dip darauf, um dann genüsslich und mit einem herzhaften Seufzer hineinzubeißen.
»Ein Traum … ! Lecker! Ich könnte diesen Dip jeden Tag essen und bräuchte nichts anderes mehr dazu.«, als sie das sagt, beißt sie noch einmal demonstrativ in ihr Brot.
Gedankenverloren nehme ich eine Scheibe Baguette und streiche mir den Dip darauf.
Steph sieht mir dabei zu und lacht plötzlich herzhaft los.
»Was habe ich denn nun gemacht?«, frage ich sie: »Warum lachst du?«
Sie schaut mich an: »Ach nur so.«
»Wie … ? Ach nur so?«, ich sehe sie an und beiße dabei von meinem Brot ab.
»Wie hingebungsvoll du dein Brot gerade bestrichen hast, hat meine Fantasie etwas beflügelt. Das Brot stellt dich als weiblichen Teil dar und sobald du es mit dem Dip bestrichen hast, was den männlichen Teil darstellt, ergibt es eine Einheit. Ein wahrer Genuss für die Sinne, oder? Die Mischung von beiden führt zur Explosion der Geschmacksnerven«, sagt sie lachend und wischt sich ihre Tränen aus den Augenwinkeln, die ihr vor Lachen schon die Wangen herunterlaufen.
»Ich verstehe dich nicht! Was meinst du? Das ist doch schon wieder eines deiner Rätsel für mich, oder?«, dabei sehe ich sie vorwurfsvoll an.
Lachend wischt sie sich mit der Serviette die Tränen aus dem Gesicht: »Das Brot steht als Symbol für dich! Ohne Belag völlig neutral, oder? Der Dip steht für einen Mann, er bringt das Feuer in dir zum Glühen. Die Vereinigung Brot und Dip, du und Mr. Right, sorgen dann für eine Explosion deiner Sinne. Jetzt müssen wir nur noch einen Mann kreieren, der wie der Dip, die Würze in dein Leben bringt und dich gleichzeitig zum Glühen.«, während sie das sagt, sehe ich sie völlig entgeistert an.
»Du kannst doch nicht einen Mann mit einem Dip vergleichen!«, sage ich kopfschüttelnd und sehe mein Brot mit dem Dip darauf an, als könnte es mir eine Antwort geben.
Steph kann sich vor Lachen kaum auf dem Stuhl halten, die Tränen laufen ihr über das Gesicht als sie mich ansieht: »Warum nicht? Es geht hier um die Würze, die deinem Leben fehlt und nun werden wir gemeinsam die Zutaten dafür zusammenstellen.
Die Hexenküche ist eröffnet!«, während sie das sagt, sehe ich sie noch immer völlig entgeistert an.
»Ok! Wenn du es meinst, dann leg mal los und erzähle mir etwas über die Zutaten, die ich dafür brauche.« Ich sehe sie lachend an und beiße demonstrativ in mein Brot mit dem Dip darauf: »Aber vergiss nicht, dass ich seit ein paar Jahren keine Würze mehr gewohnt bin, also schön sinnig dosieren in deiner Hexenküche«, sage ich und zwinkere ihr zu.
Steph nimmt sich eine Peperoni, betrachtet sie ganz genau, ich schaue ihr dabei zu und frage mich, was jetzt wohl gleich über ihre Lippen kommt.
»Diese Peperoni zum Beispiel«, sagt sie und dreht die Peperoni dabei zwischen ihren Fingern: »Man sieht es ihr nicht an, dass sie innen feurig ist. Von außen wirkt sie völlig harmlos, aber von innen glüht sie!«
Ich verstehe immer weniger von dem, was Steph mir damit sagen will. »Nun mach das doch nicht so spannend!«, sage ich zu ihr und greife zu meinem Glas Wasser, während ich sie dabei nicht aus den Augen lasse.
»Du sollst verstehen worauf du achten sollst, also hör zu, was ich dir sage und unterbrich mich nicht immer!«, dabei zwinkert sie mir zu.
Ich verspreche ihr jetzt still zu sein.
»Wenn du einen Mann triffst, sinnbildlich die Peperoni, dann weißt du noch nicht, was in ihm drinnen schlummert. Es kann sogar sein, dass du diesen Menschen langweilig findest oder ihn gar nicht erst beachtest und somit an deinem Glück sogar vorbeiläufst. Wir Menschen haben verlernt, auf die inneren Werte eines Menschen unseren Blick auszurichten. Wir achten nur auf das, was wir mit den Augen wahrnehmen. Dabei müssen wir lernen mit unserem Herzen zu sehen, zu fühlen, ob dieser Mensch etwas in uns berührt. Denn, dass er plötzlich da ist, in unser Leben getreten ist, dafür haben wir selbst gesorgt. Wir haben uns diesen Menschen mit unseren Gedanken in unser Leben geholt. Jeden Tag erschaffen wir uns unsere Realität, nichts von allem was geschieht, ist Zufall. Alles kommt zur richtigen Zeit in unser Leben, auch der optimale Partner. Dass du erst auf Maik gestoßen bist, ist kein Zufall, er hat dir gezeigt, dass du an dir arbeiten musst, dass du noch unsicher bist, dass du noch gar keine genaue Vorstellung davon hast, was für einen Partner du möchtest. Durch ihn solltest du lernen nicht immer »Ja« zu sagen, sondern auch mal ein klares »Nein« auszusprechen, was du aber erst bei der Trennung getan hast. Du hast bis jetzt noch nicht mit diesen Energien abgeschlossen. Folglich wirst du wieder einen Partner in dein Leben ziehen, der dir gnadenlos aufzeigen wird, woran du noch an dir arbeiten solltest. Was dir hilft, ist eine klare Vorstellung von deinem Traummann, so als wäre er schon Realität. So holst du ihn dir in DEINE Realität.«, zufrieden schaut sie mich an.
»Was muss ich tun, um diesen Kreis zu durchbrechen? Noch so einen Mann, wie Maik, will ich nicht ein zweites Mal ertragen müssen!«, ich sehe Steph dabei hilflos an.
»Dann werden wir jetzt erst einmal daran arbeiten, Mr. Right zu basteln, um ihn dann später real werden zu lassen, einverstanden?«, sie sieht mich liebevoll an, während sie das sagt und spielt mit den Krümeln auf ihrem Teller herum.

Im Kindle-Shop: Amarylion: Zauber der Liebe (Amarylion Saga).
Mehr über und von Andrea Selina Hilken auf ihrer Website.



14. August 2018

'Hovokk' von Giuseppe Alfé

Kindle | Tolino | Taschenbuch
So lange Brent Carpico zurückdenken kann, plagt ihn eine undefinierbare Furcht, die tief in seinem Bewusstsein verankert ist. Selbst als kampferprobter Lieutenant der Astrotroops, der Bodenarmee der Streitkräfte des interstellaren Völkerbundes „Hexagon“, erschüttern ihn wiederkehrende Albträume, die aus seiner Jugend zu rühren scheinen.

Was der Grund hierfür sein könnte, schwant ihm erst, als er bei einer Mission zum ersten Mal paranormale Fertigkeiten entdeckt, über die er verfügt. Woher stammen die Kräfte, die das starke Interesse seiner Vorgesetzten wecken? Und was ist ihm als Waisenkind in den Wirren der Maschinenkriege widerfahren?

Von seinem Oberkommando in dieser Frage bedrängt, sieht Brent sich gezwungen, nach einem chaotisch ablaufenden Kampfeinsatz zu desertieren. Bei diesem Vorhaben unterstützt ihn die Truppenärztin Polianna Reed. Begleitet werden sie von dem Mädchen Rona, deren Eltern auf dem Planeten Markkis I, der Heimatwelt der kriegerischen „Markkya“, als Siedler lebten und bei dem Kampfeinsatz ums Leben kamen. Ihre gemeinsame Flucht verschlägt sie in die Wildnis von Markkis I, wo sie von den Einheimischen aufgenommen werden und eine völlig neue Welt kennenlernen. Die Idylle ihres neuen Zuhauses gerät in Gefahr, als Brents Vergangenheit ihn wieder einholt …

Leseprobe:
November im Jahr 2201, auf der Aidon–Markkis–Achse
7506 Tage ohne Zwischenfall. Diese Zeitspanne entsprach knapp 21 Standard-Jahren. Diese Information war den Randnotizen der Hyperflow-Meldung zu entnehmen, die vor wenigen Stunden an Bord der Eco eingetroffen war. Noch einen Tag zuvor, am 7505. Tag seit der letzten kriegerischen Handlung auf der Aidon-Markkis-Achse, war vieles einfacher für Major Felix Ilomavis gewesen. Er hatte lediglich die Aufgabe verantwortet, von seiner intrastellaren Militärbasis aus Patrouillen zu koordinieren, die Sektoren zwischen dem Planeten Tarvia und der Sternenbasis Nativia zu überwachen und die meiste Zeit bloß mit dankbar stimmender Routine auszufüllen. Dies war nun vorbei.
Lock 1701, der Stützpunkt von Ilomavis‘ Bataillon, lag auf halber Strecke zwischen Tarvia und der Basis Nativia. Auf eben jener Basis war ein Zwischenfall eingetreten, der die makellose Friedensbilanz dieses Gebiets mit einem Schlag wieder zunichte gemacht hatte. Nativia war von einem Aggressor überfallen worden. Die Kunde von dem Überfall auf die Sternenbasis verfehlte nicht ihre Wirkung und sorgte für großes Entsetzen im Territorium des Hexagons.
Die anwesenden Soldaten, denen Major Ilomavis in einer eilig einberufenen Einsatzbesprechung jene Kunde vortrug, waren hartgesottene Zeitgenossen. Entsprechend gefasst verarbeiteten sie das soeben Gehörte. Die Angreifer waren bei ihrem schnellen Angriff rücksichtslos und gewaltsam vorgegangen. Die Verteidigung des wichtigsten Außenpostens im Terranischen Gürtel hatte viele Opfer gefordert. Am Ende hatten sie nicht verhindern können, dass die Basis fiel.
Der Verdacht, dass Aufständische von Markkis I etwas mit dem Angriff zu tun hatten, hatte sich weiter erhärtet. Späher der Astroflotte und der Geheimdienste hatten in den Sektoren des Roten Gürtels drei Kriegsschiffe der markkisianischen Republik Temarkk gesichtet. Des Weiteren erreichte eine Notmeldung des Frachters Sibawan den Flottenstützpunkt der interplanetaren Raumstation Nova, die besagte, dass ein Schiff des Temarkk–Geschwaders das Feuer auf sie eröffnet hatte. Was dort weiter geschehen war, wusste man nicht. Von der Sibawan gingen seitdem weder weitere Meldungen ein, noch reagierte sie auf Funksprüche von Nova.
In der jüngsten Meldung aus Nova hieß es, dass die Botschaften von Temarkk auf den Planeten Tarvia und Markkis V geschlossen worden waren. Die Botschafter waren in der vorherigen Nacht nach Markkis I aufgebrochen. Offiziell hieß es, dass sie zwecks dringender Konsultationen in die Heimat bestellt worden waren. Doch inoffiziell galt dieses Vorgehen als eindeutiger Beleg für die schon länger gehegte Vermutung des Hexagon-Oberkommandos, dass die markkisianische Teilrepublik einen offenen Krieg zu führen gedachte. Ihre Bewohner waren eine radikale Gruppierung, die sich von den Bashkerr, der markkisianischen Kriegerkaste, abgespaltet hatte. Bereits vor Jahrzehnten hatte Temarkk endgültig mit seinem restlichen Volk gebrochen und im Nordosten des Südkontinents auf Markkis I eine eigene Republik gegründet. Seitdem war es immer wieder zu Konflikten zwischen Temarkk und der markkisianischen Republik gekommen. Seit jeher hatte sich Temarkk durch die Präsenz der Menschen auf ihrem Heimatplaneten bedroht und bevormundet gefühlt. Die von der traditionellen Kriegerkaste der Bashkerr losgelöste Gruppe erkannte die Menschen als Verbündete nicht an, vielmehr waren sie davon überzeugt, die einzigen, echten Krieger ihrer Spezies zu sein. Sie bezeichneten sich selbst als Kertekk. In die Sprache der Menschen übersetzt bedeutete das Wort „Todesverächter“. Allmählich wurde klar, dass die Kertekk das Hexagon und somit das Bündnis herauszufordern gedachten, dem eigentlich auch ganz Markkis I angehörte.

All das war den anwesenden Soldaten bekannt. Jeder Bürger der Sechs Welten kannte die Geschichten aus der goldenen Ära der Planetenbesiedlung durch das Menschengeschlecht. In jener Epoche waren die ersten Vertreter der Menschen auf die markkisianische Spezies und ihre Heimatwelt gestoßen.
In dem abgedunkelten Besprechungsraum trug Major Felix Ilomavis seinem Bataillon der Tarvia–Division weiteres Hintergrundwissen vor, das wichtig für den bevorstehenden Einsatz war: „Wie Sie alle wissen, geht der aktuelle Konflikt mit Temarkk auf das Ende der Maschinenkriege zurück. Damals äußerten die Kertekk erstmals ihren Herrschaftsanspruch über ganz Markkis I. Am Anfang waren sie zuversichtlich, dieses Ziel ohne große Hürden zu verwirklichen, da sie im Verlauf des Krieges enorm an Ansehen in der Bevölkerung gewonnen hatten. Aber es kam anders. Markkis I trat nach Kriegsende dem neugegründeten Hexagon bei und wollte die Kertekk-Bewegung nicht länger dulden. Und so kam es seitdem immer wieder zu politischen Debatten mit den Anführern der Kertekk. Dies sorgte für Unruhe im Grenzgebiet zu den übrigen Staaten der Markkisianer. Eines Tages erklärten die Kertekk ihr Herrschaftsgebiet zur freien Republik. Daraufhin kam es vermehrt zu Übergriffen auf die in den Bashkerr-Kolonien lebenden Menschen seitens von Anhängern der Kertekk-Bewegung. Ihrer Ansicht nach haben die Maschinen die Markkya nur wegen ihrer unglückseligen Verbindung zu den Menschen angegriffen. Eine Schulddebatte, die seit Ende dieses Krieges immer hitziger geführt wurde, eskalierte. Die meisten Bashkerr, die Seite an Seite mit den Menschen gekämpft haben, lehnen diese Haltung bis zum heutigen Tage ab. Die fanatischen Kertekk verleumden ihre Artgenossen seit diesen Tagen als Verräter.“
Major Ilomavis ließ seinen Blick durch die Reihen der anwesenden Soldaten schweifen. Im ernsten Ton fuhr er fort: „Die Zahl der Übergriffe auf menschliche Siedler nimmt auf Markkis I stetig zu. Ich muss Sie wohl nicht an die Lynchmorde erinnern, die dort an Menschen begangen wurden. Danach reagierte unsere Regierung endlich. Tarvia entsandte zwei Kriegsschiffe nach Markkis I; auch, um Druck auf die markkisianische Staatsmacht auszuüben. Die Initiatoren der aufständischen Bewegung wurden daraufhin verhaftet. Es kam zu Prozessen und Verurteilungen. Allein vierundzwanzig Kertekk-Führer verbüßen mittlerweile ihre Haftstrafen auf Douis. Die Lage hat sich seitdem schon etwas beruhigt. Doch im Untergrund hat der Schwelbrand offenkundig nie gänzlich aufgehört. Der vorübergehende Rückzug der Kertekk hat darüber hinweggetäuscht, dass die Bewegung allem Anschein nach heimlich wiedererstarkt ist. Aus der neuesten Meldung unserer Nachrichtendienste geht eindeutig hervor, dass die Kertekk den Angriff auf Nativia verantworten. Aus diesem Grund sind Sie hier, ehrenwerte Soldaten und Offiziere: Wir werden uns Nativia zurückholen.“

Major Felix Ilomavis beendete seinen Vortrag. Im nur schwach beleuchteten Saal hatten alle Anwesenden seinen Ausführungen aufmerksam zugehört. Nun schwoll in der versammelten Menge das obligatorische Gemurmel an, das nach einer solch geballten Fülle an Informationen zu erwarten gewesen war. Der Major ließ sie geduldig gewähren. Nachdenklich betrachtete er sein Bataillon. Es bestand aus rund fünfhundert Mann. Hone-Krieger bildeten das Gros der einfachen Soldaten. Der Rang eines Sergeant war das Höchste, was man einem Hone zu gewähren bereit war. Sie ähnelten nur entfernt einem Menschen: Im Durchschnitt zwei Meter groß, bullig und mit ausgeprägter Muskulatur versehen. Die gänzlich haarlose Haut war schneeweiß und verstärkte die Andersartigkeit dieser künstlich erschaffenen Supersoldaten. Die blassblauen Augäpfel, stets ausdruckslos und unergründlich, schimmerten schwach im Zwielicht des dämmrigen Raums. Hones wurden zu einem einzigen Zweck gezüchtet: Um im Dienste der Menschen in den Krieg zu ziehen und selbstlos bis zum Tode zu kämpfen.

Wegen der Vorfälle auf Nativia war die Truppe des Majors von Lock 1701 abgezogen worden und an Bord des Troop Carriers Eco unterwegs zur überrannten Sternenbasis. Dieser Schiffstyp war wie geschaffen dafür. Wie der Begriff es schon andeutete, bestand der Hauptzweck der Troop Carrier im Transport großer Astrotroop–Verbände durch den Weltraum. Ihr Aufbau war daher vorrangig darauf ausgerichtet, möglichst viele Soldaten befördern zu können. Aus diesem Grund waren die Quartiere an Bord möglichst klein gehalten, das Interieur und sonstiger Komfort waren recht spartanisch. Scherzhaft bezeichneten Soldaten das Innenleben eines Carriers als „Bienenstock“. All die möglichen Vorzüge und Anlagen, die den Passagieren beispielsweise auf Kriegsschiffen zur Verfügung standen, ordneten sich auf einem Troop Carrier dem Ziel des Massentransports unter.

Im Kindle-Shop: Hovokk.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Giuseppe Alfé auf seiner Website.



13. August 2018

'Flammentanz I - Funken' von Isabella Mey

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Inea sieht Dinge, die andere nicht sehen können, und hält sich deshalb für verrückt. Alles ändert sich jedoch, als zwei rätselhafte Männer auftauchen und ihr bisheriges Leben damit komplett auf den Kopf stellen.

Gefühlvoller Fantasy-Liebesroman von Isabella Mey.

Leseprobe:
Starke Finger packen meine Handgelenke und ziehen mich mit übermenschlicher Kraft und einem solchen Schwung in die Höhe, dass ich regelrecht auf meinen Retter zu fliege. Er fängt mich auf, hält mich fest. Ich liege in seinen Armen, spüre seinen Körper dicht an meinem und sofort durchflutet mich eine Wärme, wie ich sie nie zuvor gefühlt habe. Meine Knie verwandeln sich in Wackelpudding, was mich unwillkürlich dazu bringt, mich an ihm festzuklammern, meine Arme um ihn zu schlingen. Verwirrt und benebelt von diesem unbekannten Gefühl, verharre ich in völliger Unfähigkeit, mich zu bewegen. Mein Herz hämmert gegen meine Brust, im Gleichklang zu seinem, dessen Wummern ich ebenfalls spüren kann.
Weshalb nur fühlt sich die Umarmung eines völlig Fremden dermaßen himmlisch an?
Im nächsten Augenblick jedoch löst sich der Mann von mir, hält mich an den Armen fest und mustert kritisch mein Gesicht. In seinen Pupillen lodert das dunkle Feuer eines schwarzen Turmalins.
Oh Gott, es ist der gruselige Typ, der mich vor dem Schiff angestarrt hatte!
Mir wird schwindelig.
«Wer bist du?», will er wissen.
Seine Stimme vibriert in meinem Inneren, der Ton seiner Worte bringt eine Melodie in mir zum Klingen.
Was ist das? Um Gottes Willen, wer ist dieser Mensch und was macht er mit mir?
Seine Erscheinung sollte mich ängstigen, aber da ist keinerlei Furcht, im Gegenteil, noch nie habe ich mich so geborgen gefühlt, wie in seiner Nähe. Völlig überwältigt von diesen Emotionen, versagt meine Stimme. Ich starre ihn nur an, wie einen Alien. Der Fremde mustert meinen Hals, schüttelt dann ungläubig den Kopf.
«Verdammt, wer bist du?»

Im Kindle-Shop: Flammentanz I - Funken

Mehr über und von Isabella Mey auf ihrer Autorenseite bei Amazon.

'Erbin der Zeit: Die Tochter des Himmels' von Xenia Blake

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Der Vasilias hat sein Gesicht gezeigt. Die Meeresgötter sind in den Krieg eingetreten. Die letzte Schlacht naht.

Xaenym und ihre Freunde stehen vor mehr Problemen als je zuvor: Aras scheint plötzlich gegen sie zu arbeiten, sie müssen die letzten beiden Königsblüter finden und eine Armee aufstellen. Titansvillage droht ein Zweifrontenkrieg gegen den Olymp und Tsagios, aus dem es nur einen Ausweg gibt: Die Tochter des Himmels zu finden, die als Retterin der Titanen prophezeit wurde. Eine Gruppe Goldblüter macht sich auf die Suche nach ihr, während die anderen in Titansvillage zurückbleiben, Krieger rekrutieren und versuchen, Aras' Geheimnis aufzudecken.

Dritter Teil der Fantasy-Trilogie "Erbin der Zeit".

Leseprobe:
Ramy
Wir hatten aus Versehen den Krieg losgetreten. Statt Tantalos aus dem Tartaros zu befreien, wie wir es dem Monster, das für Tsagios arbeitete, versprochen hatten, hatten wir es vergessen und waren einfach zurück nach Titansvillage gegangen. Und jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Tsagios‘ Truppen hier auftauchen würden.
Aus verschiedenen Gründen fand ich Tsagios viel schlimmer als den Olymp.
Erstens wussten wir kaum etwas über diese Stadt. Sie war einfach so plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht.
Zweitens hatten sie eine enorm große Armee.
Und drittens mussten sie nicht nach den Königsblütern suchen, weil sie niemanden erwecken wollten. Die Meeresgötter wollten lediglich alle umbringen. Sie brauchten nur das Skia, das in einer Truhe im Hauptgebäude aufbewahrt wurde. Noch ein Grund mehr, schnellstmöglich hier einzumarschieren.
Ich saß zusammen mit ein paar anderen an einem Tisch in der Mensa und gähnte. Mein Atem bildete weiße Wölkchen in der Luft und ich zitterte vor Kälte. Nae hatte uns morgens um vier aus unseren Hütten gezerrt. Warum auch immer hatte sie alle ihre großen Erkenntnisse mitten in der Nacht.
Müde blickte ich in die Runde.
Heige hatte die Beine auf den Tisch gelegt und rauchte, was Jannes neben ihr ziemlich zu stören schien. Aber jedes Mal, wenn Jannes die Nase rümpfte, blies Heige ihr nur absichtlich den Rauch ins Gesicht und lachte. Das Mädchen kostete wirklich aus, dass sie keine gesundheitlichen Probleme kriegen konnte.
Roove versuchte, Jannes zu beruhigen, was ihm kein bisschen gelang. Raphael starrte zu Boden und schlang eine dicke Wolldecke um sich. Ich hätte auch gern eine gehabt, es aber natürlich nie zugegeben. Auch wenn es eine eiskalte Oktobernacht war.
In den letzten zwei Wochen war Raph irgendwie Teil unserer Gruppe geworden. Durch seinen Streit mit Kaden und der Funkstille, die jetzt zwischen den beiden herrschte, wusste er nicht so genau, wo er hingehörte und Nae versuchte nun, ihn bei uns aufzunehmen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er mich nicht mochte, auch wenn ich nicht nachvollziehen konnte, wie man jemanden wie mich nicht fantastisch finden kann.
Nae brachte uns gerade eine Kanne Kaffee, damit wir nicht einschliefen, und schenkte sich eine extra große Tasse ein.
„Also, jetzt sind wir ja vollzählig.“
Für den Bruchteil einer Sekunde wunderte ich mich, doch dann fiel mir auf, dass sie Recht hatte. Xaenym, Lex und Jakir waren noch immer irgendwo in Georgia, um Kayth Haring zu suchen. Theoretisch hätte Heige sie im Handumdrehen per Portal hinbringen können, aber sie weigerte sich, ihre Kräfte zu benutzen. Sie sagte, die Hexenmagie hätte sie einfach zu viel gekostet.
Ich nahm es ihr nicht übel. Wir alle wussten, dass man sich nicht auf Heige verlassen konnte und hatten gelernt, nicht auf sie zu zählen. Aber trotzdem würde sie uns nicht verraten. Sie war zwar eigensinnig und egoistisch, doch es gab nichts, was der Vasilias ihr anbieten konnte. Und außerdem hasste sie ihn zu sehr.
Ich hätte gern gesagt, dass ich ihn auch hasste. Aber im Gegensatz zu den anderen hatte ich etwa einmal mit Paver Cane gesprochen. Ich fühlte mich nicht von ihm verraten. Der Vasilias war für mich immer noch ein Phantom, ein Mann ohne Gesicht.
„Rück endlich mit der Sprache raus, Nae“, stöhnte Jannes genervt und verdrehte die Augen.
„Ähm … Ich weiß, wer der Königsblüter von Athen ist.“
Sofort war ich hellwach. Alle sahen Nae fragend an, bis auf Heige, die zu beschäftigt damit war, sich eine Haarsträhne zu flechten.
„Denkt doch mal nach. Die Prophezeiung sagt, wir kennen den dritten Goldblüter schon. Also wer könnte es sein? Wir kennen niemanden aus dem Olymp oder Tsagios und es ist auch keiner aus Titansvillage. Und wir wissen nur von einen Goldblüter, der in der Welt der Sterblichen lebt.“
„Arabelle“, platze Roove hervor.
„Genau.“
Raphael hob eine Hand, als würde er sich im Unterricht melden. „Äh, wer ist Arabelle?“
„Ihre Mom, eine verdammt reiche Goldblüterin aus London, hat uns vor zwei Jahren kontaktiert, damit wir ihre Tochter ausbilden. Roove, Ayslynn und ich sind also nach London gefahren und haben das Anwesen leer vorgefunden. Niemand weiß, wo das Mädchen heute ist“, erklärte Nae.
„Warte mal, du hast gesagt, die Familie war stinkreich und kommt aus London. Habt ihr den vollen Namen für mich?“, fragte Raphael.
„Arabelle Chloe Kingsley, wieso?“ Roove runzelte die Stirn.
„Wenn ihr ‚verdammt reich‘ sagt, von wie viel Geld sprechen wir dann?“
„Ganz London hat den Kingsleys gehört. Sie waren Milliardäre, wenn nicht Billionäre.“
„Bringt mir einen Laptop“, forderte Raphael.
„Willst du Arabelle Kingsley googeln?“, fragte Heige. „Das hilft dir bestimmt weiter.“
Raphael seufzte. „Ich trage Star Wars T-Shirts und bin ein ziemlicher Nerd. Ich google nicht. Ich hacke mich ins britische Bankensystem, rufe die Top zehn Konten unter dem Namen Kingsley auf und schaue, wo sie zuletzt aktiv waren.“
„Ich hab keine Lust auf die Rotblüterpolizei“, meinte Nae.
„Wieso? Letztes Mal war’s verdammt lustig mit denen“, warf Heige ein.
„Ich kann durchaus meine Spuren verwischen. Und jetzt bringt mir einen Laptop“, wiederholte Raphael.
Roove zuckte mit den Achseln, stand auf und holte einen alten, nervtötend langsamen Rechner aus seiner Hütte.
„Du musst die IP-Adresse …“, setzte ich an, doch Raphael hob die Hand und brachte mich zum Verstummen. „Ich hab die IP-Adresse für das ganze Lager schon vor Jahren umgeleitet. Wir können ins Internet, ohne dass jemand erfährt, wo wir sind.“
„Na dann“, erwiderte ich und nahm einen kräftigen Schluck Kaffee.
Schon nach zwei Minuten ging mir das ständige Klicken der Tastatur auf die Nerven.
„Während Sanchez arbeitet, können wir ja auch weiter über den Krieg diskutieren“, schlug Jannes vor.
Heige seufzte. „Nicht schon wieder.“
Jannes funkelte sie wütend an.
„Hör zu, Prinzesschen von Troja: Wir stecken ziemlich tief in der Scheiße. Unser Lagerleiter ist ein unrasierter Typ im Unterhemd, die Göttin, die uns eigentlich helfen sollte, läuft in ihrer sterblichen Gestalt herum und hat nur Augen für ihn, die Titanen lassen sich nie blicken. Tsagios könnte jeden Moment mit einem Heer vor unserer Tür stehen und wir brauchen das Blut vom Vasilias, wenn wir eine Chance haben wollen. Wir müssen was tun. Kriegsvorbereitungen treffen. Ein Heer aufbauen. Pläne schmieden. Jetzt.“
„Jannes hat Recht. Und außerdem müssen wir die anderen Goldblüter hier trainieren. Aras hat damit aufgehört“, meinte Nae.
Roove seufzte. „Das sind definitiv zu viele Probleme auf einmal. Wie wäre es, wenn wir erst einmal Arabelle finden und warten, bis Kayth hier ist? Xae kann dann das Training leiten. Wir haben noch ein, vielleicht zwei Wochen Zeit. Es dauert eine Weile, bis Tsagios seine Truppen mobilisieren kann. Wenn wir drei Königsblüter haben, machen wir uns Gedanken um den letzten. Und währenddessen treiben wir dann irgendwie Truppen auf, ja?“
„Das klingt nach einem Plan“, sagte ich.
„Nach einem schlechten“, fügte Jannes zuckersüß hinzu.
„90 Prozent unserer Pläne sind schlecht, aber irgendwie funktionieren sie immer“, erwiderte ich.
Jannes seufzte.

Im Kindle-Shop: Erbin der Zeit: Die Tochter des Himmels.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Xenia Blake auf ihrer Website.



12. August 2018

'Hör mir auf mit Glück' von Helena Baum

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Portland/Oregon
Dr. David Tenner, 58, renommierter Psychotherapeut, ist auf allen Ebenen über dem Zenit. Beruflich, privat, energetisch. Die Luft ist raus. Sein Frau Kathy sieht er nur noch selten im gemeinsamen Leben. Wenn sie zu Hause ist, senden ihm ihre weißen Kopfhörer die unmissverständliche Botschaft: Lass mich in Ruhe!

Emily und Cooper dagegen sind jung, voller Lebenslust und strotzen vor Energie. Der Zenit ist noch nicht mal in Sicht. Alles ist möglich. Alles ist lösbar. Zwischen Surfen, VW Bus, Job und ihrer Liebe findet das Leben statt. Emilys ungewollte Schwangerschaft stellt alles auf den Kopf. Sie will das Kind auf keinen Fall, Cooper will es unbedingt. Sie stecken fest. Drehen sich im Kreis und kommen keinen Millimeter weiter.

Cooper besteht auf einer gemeinsamen Beratung. Sie landen in der Praxis von Dr. David Tenner, der ihnen einen unkonventionellen Vorschlag unterbreitet. Danach ist nichts mehr, wie es war. Weder bei den Tenners, noch bei Cooper und Emily.

Leseprobe:
David lüftete den Praxisraum in seinem Haus. Es müffelte. Zu viele Alltagsdramen, Ängste und Frustrationen stanken hier zum Himmel. Um seinen Lungenflügeln eine Prise Frischluft zu gönnen, floh er in den Garten, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Batman, sein schwarzer Mischlingshund, folgte ihm freudig. Manchmal rief David ihn Batty und hoffte, dass der Rüde ihm das Weibliche im Namen nicht übel nahm.
Er verbrachte den ganzen Vormittag mit Einzelsitzungen in seiner Praxis und empfing ein paar Klienten, die ihn inzwischen mehr langweilten, als er zugab.
Zuerst kam Mrs. Dullington, neunundfünfzig Jahre alt. Sie litt seit Ewigkeiten an wiederkehrenden depressiven Schüben und sah auch in den Phasen dazwischen todtraurig aus. Danach war die zweiundsechzigjährige Mrs. Bramidge dran. Sie versuchte seit Jahren, ihre totgelaufene Ehe zu retten, und schleppte dann und wann ihren völlig desinteressierten Ehemann mit in die Therapie. Wie zwei graue Nilpferde, die nicht mehr im selben Sumpf spielen wollten, saßen sie in den für ihr Volumen zu engen Sesseln und schmollten sich an. Keiner wollte zuerst den stinkenden Sumpf verlassen. Zuletzt kam Ken Brandon, ein dünner Mittvierziger, der zwar jünger war als der Durchschnitt von Davids Klienten, jedoch aussah wie Anfang sechzig. Er saß stets nur mit einer halben Arschbacke auf der Vorderkante des bequemen Sessels, als müsse er jederzeit fliehen. Die ausgefransten Lippen, abgekauten Fingernägel und nervös hin und her huschenden Augen sprachen Bände über das Drama seiner Hypernervosität. David machte drei Kreuze, als er endlich dieTür hinter ihm schließen konnte. Kens Angespanntheit war in der letzten Stunde auf David übergegangen und er spürte, wie er die Hände zu Fäusten ballte, was er sonst nie tat. Er schüttelte sich, ging schnurstracks zum Fenster und riss es erneut auf.
»Zu viele Dramen«, murmelte er, »zu viele Dramen.«
Im Garten rannte Batman direkt zum Zaun, wedelte hektisch mit seinem Schwanz und bellte den Nachbarsjungen herbei. Der Kleine rannte flugs Richtung Batman, stellte sich auf die andere Seite des Zaunes und bellte in seiner Kindersprache zurück. Hörte der eine auf, fing der andere an. Sofort lugte auch das kleine Mädchen um die Ecke und wollte ebenfalls bellen. Sam, der Vater der beiden Knirpse, hatte alle Hände voll zu tun, sie in Richtung Auto zu bugsieren.
»Batty, komm! Fuß! Komm hierher!« Der Hund hörte kein bisschen. Erst beim fünften Rufen, als David seine Stimme bedrohlich senkte, trottete er provokant langsam heran und setzte sich neben sein Herrchen.
»Hi, Sam. Wie geht‛s?« Er winkte dem freundlichen Nachbarn zu. »Ich bring den Hund mal lieber rein, sonst kommt ihr nicht weg.«
»Danke, David. Sie lieben Batman und würden wahrscheinlich ewig hier stehen und sich gegenseitig anbellen. Bis später.«
»Bis später.«
Die junge Familie wohnte erst ein paar Monate im Nachbar- haus und David freute sich, dass das Haus nicht mehr leer stand.
»Komm, Mittagspause, Batty.« Batman ließ sich ohne das übliche Gerangel an die Leine nehmen. Bevor sie loszogen, warf David einen Blick in den Nachbargarten. Jetzt saß Klara, die Mutter der beiden Kleinen, mit einem Kaffee am Tisch und hielt ihr jugendliches Gesicht in die Sonne. Ihre Augen waren geschlossen und die langen Haare noch nass vom Duschen. Sicher lag eine Nachtschicht im Krankenhaus hinter ihr. Er wollte sie nicht stören und ging leise vorüber.
Ganz gemütlich spazierte er zur Division Street und legte, wie jeden Mittag, einen Stopp bei den Foodtrucks ein. Er liebte den Platz voller junger Leute, die in ihren bunten Wagen Essen verkauften. Jeder Wagen war ein kleines individuelles Meisterwerk. Bemalt, besprüht oder mit selbst gebastelten Vordächern und kleinen Sitzgelegenheiten versehen.
An manchen Tagen hatte David das Gefühl, das sein Leben aus diesen zwei Welten bestand. Parallelwelten. Die eine sein stilles Haus, die dumpfen, passiven, manchmal schon halbtoten Klienten, die kaum Schritte in die Veränderung wagten, jeden Vorschlag Davids negierten und sich von ihren Ängsten leiten ließen. Dazu seine mehr abwesende als anwesende Frau Kathy. Die andere der Food Market an der Division Street, nur fünfzehn Gehminuten von seinem Haus entfernt: Ein Ort voller Musik und Geräusche, dem Duft von frisch zubereiteten Mahlzeiten, gesunden Drinks in allen Farben und Menschen, die lebendig waren. Sie lachten, redeten, gestikulierten, stritten oder saßen einfach so in der Sonne. Ein dynamischer Platz.
Schon von Weitem lächelte ihn die junge Frau mit den langen braunen Haaren an. Sie hatte sich heute ein knallgelbes Tuch in ihre wilden Locken gebunden, sodass ihr Gesicht frei lag. Dadurch wirkte sie noch frischer als sonst. Noch jünger. Ihre braunen Augen strahlten ihn an. »Hi, Mister David. Hi, Bat- man. Mittagspause?«
»Ja, wohlverdiente Mittagspause.« Um sein Hungergefühl zu untermalen, rieb sich David den Bauch. Batman zog an der Lei- ne. Er wusste genau, dass es für ihn hier ein Leckerchen gab. David gab sich endlich einen Ruck und fragte: »Darf ich nach deinem Namen fragen? Du kennst meinen und die Vornamen fast all deiner Kunden und ich würde dich auch gern irgendwie ansprechen. Immerhin komme ich seit Monaten täglich an deinen Stand.«
»Klar, Mister David. Ich heiße Emily. Meine Freunde sagen auch Emmi zu mir. Einen Bangkok-Crêpe, wie immer?« Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, unterhielt sie sich mit ihm.
Geschäftstüchtig, notierte David in Gedanken. Kundenbindung mittels Ansprache per Vornamen. Sie wird es mal zu was bringen.
»Wie bitte?«, fragte Emily.
Oh, hatte er die Gedanken ausgesprochen? »Einen Bangkok, süßsauer, wie immer«, schob er schnell hinterher.
»Also, wie immer«, wiederholte sie. »Alles klar.«
Er setzte sich auf die kleine Holzbank gegenüber von Emilys Wagen und wartete, bis er aufgerufen wurde. So schief, wie die Bank zusammengezimmert war, hoffte er, dass sie sein nicht allzu großes Übergewicht mit Fassung tragen würde. Batman hatte sich bereits gemütlich zu seinen Füßen niedergelassen und den Kopf mit den zu großen Ohren auf die Pfoten gelegt.
»Mister David, Ihr Bangkok, bitte. Guten Appetit.« »Sag ruhig David zu mir, ohne Mister.« »Ich mag dich gerne Mister David nennen. Das passt zu dir.« »Wie du magst, gerne auch Mister David.« Etwas umständlich stand er auf, verfing sich in der Leine, sodass Batman sichtlich glaubte, es gehe los, und seinem Herrchen vor die Füße sprang. Mit einem galanten Hopser hüpfte David unfreiwillig komisch zum Wagen. Emily amüsierte sich und war mit ihrer Aufmerksamkeit schon bei der nächsten Kundin.
Zurück in seiner Praxis lüftete er zum wiederholten Male an diesem Tag und ärgerte sich, dass er den Gestank nicht vertreiben konnte. Manchmal dachte er, er selbst würde zu riechen anfangen. Kurz entschlossen nahm er eine Dusche und sparte nicht mit Duschgel, Shampoo, Rasierwasser und Deodorant. Als er aus der Dusche kam, stand ihm plötzlich Kathy gegenüber. Keck wanderten ihre Augen über seinen Körper.
»Hi Schatz, das ist ja mal eine nackte Überraschung. Lange nicht gesehen.«
Ihre Zweideutigkeit brachte ihn kurz aus dem Konzept. Wen meinte sie mit ›lange nicht gesehen‹? Ihn oder seinen kleinen Freund unterhalb des Bauches? Er musste sogar kurz überlegen, ob sie es zweideutig meinte oder ob sein Wunsch der Vater des Gedankens war.
Kathy küsste ihn flüchtig und schlug mit der flachen Hand auf seinen Hintern. »Guck an. Er federt noch zurück«, sagte seine Frau frech und kam ihm so nahe, als würde sie ihn küssen wollen. Ihr Atem roch nach Zigarette, was er verabscheute. »Das wollte ich schon lange mal wieder machen!« Kathy lachte und der Moment der greifbar möglichen Nähe war vorbei.
Überrascht und etwas beschämt hielt David sein großes Badehandtuch vor den Bauch. Das sehr große Badehandtuch, das sie ihm letztes Weihnachten geschenkt hatte. Er wunderte sich, dass sie so gut gelaunt war. Kathy war oft neutral, falls es das gab. Weder gut noch schlecht gelaunt. Neutral gelaunt. Ein ewig vor sich hin plätscherndes Klavierstück, was die Höhen und Tiefen konsequent negierte.
»Kathy ... äh, du bist ja schon zurück? Ich hatte erst morgen mit dir gerechnet.« Er rubbelte sich vor ihren Augen trocken, ließ das übergroße Badehandtuch fallen und drehte sich von ihr weg zum Waschbecken, um die Zähne zu putzen. Nackt. Wennschon, denn schon. Sein Hintern war in Ordnung, sein Rücken sowieso.
»Ja, Schatz. Ich bin zurück.«
Er sah sie im Spiegel, seine schöne Frau mit der Ausstrahlung eines Eiswürfels. Kühl, schön, glatt. Er schaffte es schon länger nicht mehr, sie zum Schmelzen zu bringen. Sie lehnte gelassen, mit verschränkten Armen an der Tür und machte keine Anstalten wegzugehen. Irgendetwas war anders. Er kam nicht drauf.
»David, verheimlichst du mir etwas? Duschen, Zähne putzen und Nacktheit mitten am Tag. Welche Klientin hat dich verführt. Die Sechzigjährige oder die Siebzigjährige?«
»Mach dich nur lustig. Manch Sechzigjährige hat noch Feuer im Hintern! Und vergiss nicht, in zwei Jahren bin ich auch sechzig und du in fünf Jahren! Wer im Glashaus sitzt ... du weißt ja. Keine Steine schmeißen.« Er grinste.
»Schon gut, schon gut. Es riecht übrigens lecker im ganzen Haus. Oder warte ... du, du bist das. Du riechst lecker. So männlich-herb. Frisch. Hast du ein neues Duschgel?« Sie folgte ihrem Mann ins Schlafzimmer. Ihre Präsenz irritierte ihn, dennoch erfreute ihn Kathys Lob.
»Schatz, ich dufte immer so. Du bist nur viel zu oft weg, um es riechen zu können. Dich zieht es offensichtlich mehr zu deiner Schwester aufs Land oder sonst wohin. Aber hier ist unser Leben. Hier bin ich.« Nackt, wie er war, wendete er sich mit geöffneten Armen zu ihr um. Erinnerte sich, dass er diese Geste noch nie gemocht hatte, und nahm die Arme wieder runter.
Kathy verdrehte die Augen und verschwand schnurstracks in ihrem Zimmer. Er hätte es besser wissen müssen. Der Vorwurf, Gesprächskiller Nummer eins, er hatte ihn aus Versehen punktgenau eingesetzt. David ärgerte sich.

Im Kindle-Shop: Hör mir auf mit Glück.
Mehr über und von Helena Baum auf ihrer Website.



11. August 2018

Xenia Blake

Xenia Blake wurde im Jahr 2000 geboren und lebt in einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz. Sie liebt Bücher und Kaffee über alles und kann sich kaum an eine Zeit erinnern, in der sie nicht geschrieben hätte. Schon sehr früh begann sie, an ihrem Debütroman „Erbin der Zeit: Die Schlacht von Pyrinas“ zu schreiben.

Inzwischen ist auch der dritte Band ihrer Fantasy-Trilogie „Erbin der Zeit“ erschienen. Das nächste Projekt ist bereits in Arbeit.

Weblink: xeniablake.com


Bücher im eBook-Sonar:




'Kinky Ways: Liebe auf Umwegen' von Monica Bellini

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Ein One-Night-Stand ändert zwar nichts daran, dass ihre große Liebe wie eine Seifenblase zerplatzt ist, aber er lenkt vom Schmerz ab. Und da der Straßenmusiker Patrizio zu ihr so gut passt, wie Louboutins zu vergammelten Jeans, läuft sie keine Gefahr, sich in ihn zu verlieben. Denkt sie.

Dorotea lebt einen wahrgewordenen Traum. Die Modebranche von Florenz liegt ihr zu Füßen, und Fabio, der sich anderen gegenüber als Macho gibt, vergöttert sie. Glaubt sie, bis sie eines Abends unerwartet nach Hause kommt und ihr Vertrauen in seine Liebe und Treue mit einem Mal zerbricht. Kopflos flüchtet sie – und landet in den Armen des attraktiven Gitarristen Patrizio. Ein One-Night-Stand ist zwar nicht die Lösung, aber er lenkt ab. Denkt sie, denn der rätselhafte Musiker geht ihr unter die Haut.

Patrizio ist froh, dass er seinem alten Leben den Rücken gekehrt hat, tingelt durchs Land, und will von nichts und niemandem mehr wissen. Schon gar nicht von Frauen. Na ja, nicht ganz. Hin und wieder mit einer auf Tuchfühlung zu gehen, tut seinem Ego gut. Immerhin ist er ein Mann, und sein Körper nicht aus Stein. Sicher ist, dass sein Kopf dabei keine Rolle spielt. Doch nach der flüchtigen Begegnung mit Dorotea ist er da nicht mehr so sicher …

Sie ziehen einander an wie Magnete. Aber kann Leidenschaft alle Probleme überwinden? Auch die Lügen, die zwischen ihnen stehen?

"Kinky Ways: Liebe auf Umwegen" ist ein sinnlicher Liebesroman, der dort beginnt, womit manche große Liebe endet. Mit expliziten Szenen, so manchem Knalleffekt und einer Dosis musikalischer Romantik. Kein Cliffhanger. 268 Taschenbuchseiten.

Dieser Roman ist eine überarbeitete Neuauflage des Romans "Dorotea … amore mio!", der 2016 veröffentlicht wurde.

Leseprobe:
Aus der Nähe betrachtet, mit den geröteten Wangen und dem herzförmigen Mund, war sie von einer irritierenden Schönheit. Keine unnötigen Farbflecken beschwerten ihre Augenlider und ihre ungeschminkten Lippen waren von einem Rot, das in ihm den Wunsch auslöste, sich vorzubeugen, und von ihnen zu kosten. Wie von einem Magneten angezogen näherte er sein Gesicht dem ihren – aber statt ihrer Lippen auf den seinen spürte er prompt den Abdruck ihrer Hand auf seiner Wange. Er zuckte zurück, richtete sich zu seiner vollen Körpergröße auf und murmelte »mi scusi«, während er nach seinem Glas griff und damit den Rückzug antrat. Ohne sich noch einmal umzusehen, drängte er sich eilig zum Ausgang durch, ohne auf die Menschen zu achten, die ihn ansprachen.
Dorotea starrte ihm nach. Dieser ungehobelte Flegel ... dieser ungemein attraktive Flegel … sie konnte das Spiel seiner Muskeln unter dem engen schwarzen Shirt sehen, als er mit dem über den Kopf gehobenem Bierglas dem Ausgang zustrebte. Noch immer spürte sie seinen warmen Arm um ihren Körper, dieses unwahrscheinlich angenehme Prickeln, das seine Berührung in ihr ausgelöst und das sich um ein Vielfaches verstärkt hatte, als er sie angesehen und zu ihr gebeugt hatte. So eine Unverschämtheit! Zuerst hatte er sie beinahe mitsamt dem Hocker umgestoßen und dann auch noch küssen wollen!
»Was für eine miese Anmache«, murmelte sie und wandte sich wieder dem Tresen zu, nur um in das grinsende Gesicht Marilenas zu schauen.
»Da sieh einmal an! Du scheinst das Flirten nach sieben Jahren Ehe doch noch nicht verlernt zu haben.«
Dorotea schnaubte. »Quatsch! Dieser Idiot hat mich mit einem seiner Groupies verwechselt!«
Marilena zog die Augenbrauen hoch.
»Und warum ist er dann nicht dort, mit den anderen Bandmitgliedern?« Sie deutete dorthin, wo eine Gruppe von aufgeregt schnatternden Frauen an den Musikern klebte wie Briefmarken auf Kuverts.
»Woher soll ich das wissen! Außerdem, cara mia, wieso steckst du deine Nase in meine Angelegenheiten? Kümmere dich doch um deine eigenen!«
»Welche?«
»Dein heutiges Opfer.« Dorotea sah sich suchend um. »Wo ist er eigentlich?«
»Wer?«
»Stell dich nicht dümmer als du bist. Der Wuschelkopf!«
»Er hat sich kurz entschuldigt, muss telefonieren. Und er heißt Carlo.«
»Unnötige Information. Morgen erinnerst nicht einmal du dich mehr an seinen Namen«, erwiderte Dorotea prompt, ohne nachzudenken.
Marilena presste die Lippen zusammen, griff nach ihrem Glas und nippte daran. Sie wich ihrem Blick aus. Dorotea ballte eine Hand zur Faust, verfluchte ihre scharfe Zunge, und dachte einen Moment lang, sich bei ihrer Freundin zu entschuldigen. Sie brauchte Harmonie. Fabios Verhalten hatte ihr schon den größten Teil davon geraubt, Marilena war jetzt ihr ruhender Pol. Diejenige, die sie aufgenommen und ihr zugehört hatte – ohne irgendwelche dummen Sprüche zu klopfen. Und obwohl ihre Freundin die Freitagabende grundsätzlich nie in weiblicher Begleitung verbrachte, hatte sie Dorotea hierher geschleppt, damit sie sich ablenkte. Und was tat sie? Anstatt Marilena zu sagen, was sie ihr bedeutete, beleidigte sie sie auch noch! Na ja, an sich hatte sie nur die Wahrheit gesagt, aber vielleicht sollte sie diese Aussage mit irgendeinem lustigen Spruch aus der Welt schaffen. Sie trank einen Schluck und öffnete den Mund, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und sie in ihrem Vorhaben unterbrach.
Dorotea drehte sich um, und plötzlich war ihr Kopf ganz leer. Sie spürte ein Prickeln in ihrem Bauchraum, das sie seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte. Es war, als ob sie sich im freien Fall befände und in einen tiefen Abgrund stürzte. Einen, der sie anzog, ihr die Luft nahm, immer näherkam ... der warme Hauch seines Atems streifte ihr Gesicht, als er sich vorbeugte. Sie konnte das feine Netz der Fältchen an seinen Augenwinkeln sehen, die markanten Gesichtszüge, seinen Mund – und plötzlich wurde der Gedanke daran, dass er ein unverschämter Flegel war, von einem anderen ersetzt. Sie öffnete ihre Lippen, strich mit der Zungenspitze darüber, senkte die Augenlider, wartete auf die Berührung ... und wartete ... und wartete ...
Und dann vernahm sie seine leise, dunkle Stimme.
»Meinen Sie, dass ich riskiere, noch eine Ohrfeige zu bekommen?«
Langsam öffnete sie die Augen, und erkannte seinen spöttisch verzogenen Mund, noch bevor sie seine Hand spürte, die nach ihrer griff und sie so weit anhob, dass seine Lippen sie beinahe berührten. Er zwinkerte ihr zu.
»Lassen Sie uns Ihren Ausrutscher von vorhin vergessen. Ich bin Patrizio De André. Und Sie?«
Ihren Ausrutscher? Seinen! Doroteas Augen schossen Blitze in seine Richtung ab, nur wollten sich einfach nicht die richtigen Synapsen verbinden, um eine schlagkräftige Antwort zu finden, als er seine Lippen auf ihren Handrücken senkte. Diese Berührung jagte einen Stromstoß durch ihren Körper und ließ ihn zurückzucken. Der Moment war ebenso rasch vorbei, wie er begonnen hatte. Er neigt den Kopf ein wenig zur Seite und sah sie an, als ob sie ein Sahnebaiser wäre. Eine tiefe Männerstimme dröhnte durchs Lokal »Die Pause ist zu Ende, Musiker auf die Bühne bitte!«
Er sah sie einen Moment lang abwartend an, doch sie sagte nichts. Seine Mundwinkel bebten, als ob er zum Sprechen ansetzen wollte, aber er tat es nicht. Dorotea saß wie erstarrt auf dem Barhocker, mühsam bemüht nicht herunterzurutschen, als die Bandmitglieder erneut gerufen wurden. Er versenkte die Hände in den Taschen seiner Jeans, schüttelte leicht den Kopf, zuckte mit den Achseln und drehte sich um. Er machte einen Schritt Richtung Bühne, einen zweiten, als ihn ihre Stimme erreichte.
»Dorotea, ich heiße Dorotea!«
Patrizio hielt inne, wandte sich um und lächelte sie auf eine Art an, die ihr einen Schauer durch den Körper jagte. Einen Moment lang stand er einfach nur da, bis ihn Rob, der Schlagzeuger, am Arm packte und mit sich zog. Doroteas Blick haftete auf seinem Rücken, dem Oberkörper, der von dem schwarzen, anliegenden Shirt betont wurde. Ihre Kehle wurde eng. Ihre Augen glitten nach unten, über die schmale Körpermitte, die in krassem Gegensatz zu seinen breiten Schultern stand – als er verschwand. Die Menschen, die eine Gasse gebildet hatten, um ihn und seinen Kollegen durchzulassen, formten wieder eine undurchdringliche Mauer.
»Dorotea, ich denke, wir sollten gehen!« Marilena sprach dicht an ihrem Ohr.
»Nein!« Dorotea hielt den Blick weiterhin auf die Stelle geheftet, wo Patrizio verschwunden war.
»Doch! Glaube mir, es ist besser!« Eine Hand legte sich fest um ihren Oberarm. Dorotea schüttelte sie ab, als das Licht im Lokal gedimmt wurde und die Spots auf der Bühne angingen. Ihre Augen folgten dem Scheinwerfer. Sie atmete tief ein, stieß die Luft hörbar aus. Patrizios dunkelblonde Haare kringelten sich im Nacken, das Shirt spannte um seine Brust. Ihre Halsschlagader pochte. Er hatte einen Fuß auf dem Boden, den anderen auf der Querstange des Hochstuhls. Seine linke Hand griff einen Akkord, die rechte lag noch ruhig auf den Saiten, und sie verspürte unbändige Lust, ihren Platz mit der Gitarre zu tauschen. Sie legte ihre Finger auf die linke Brust, spürte den Schlag ihres Herzens.
»Wir müssen gehen!« Marilena zerrte sie vom Hocker, als der erste Akkord erklang.

Im Kindle-Shop: Kinky Ways: Liebe auf Umwegen.
Mehr über und von Monica Bellini auf ihrer Website.



10. August 2018

'Dickhäuter' von Oliver Koch

Kindle Edition | Tolino
Markus ist Anfang 30, hat einen Job - doch etwas stimmt in seinem Leben nicht: Seine künstlerischen Ambitionen als Maler lassen sich nicht mit seinem Berufsleben und den Vortellungen eines gemeinhin "normalen" Lebens vereinbaren.

Hin- und hergerissen zwischen Enthusiasmus, Verzweiflung und Trotz lernt er mit Patrick seine große Liebe kennen. Von Patrick fühlt er sich erstmals verstanden und begibt sich auf Spurensuche: Was stimmt in seinem Leben nicht - oder ist die Welt um ihn herum falsch?

Markus geht durch eine ihm fremde Welt der Oberflächlichkeiten und Kaufimpulse, der Parolen sowie der Fremdbestimmung und zieht daraus seine eigenen Schlüsse. Er wird nach und nach zu einem Dickhäuter, wie er sich später selbst nennt: Ein Mensch, dem so oft gesagt wurde, er müsse sich "ein dickes Fell" aneignen, um bestehen zu können, bis er kaum noch etwas spürt.

Markus findet einen besonderen, ganz eigenen Weg, sich zu behaupten und seinen Weg zu finden, um selbstbestimmt und frei zu sein ...

Leseprobe:
Im Meer des Lebens sind die Menschen Inseln – irgendwann steigen Sie aus den Fluten empor, geben so auf ihre Weise der Welt eine Zeitlang Gesicht und gehen eines Tages unter. Das ist immer so.
Auf einigen scheint meist die Sonne, sie bergen brodelndes Leben, Fülle und Reichtum; während auf anderen kein Gras, kein Moos und keine Flechte gedeihen möchte, weil sie in der Sonne verdorren.
Manche liegen platt da, geschleift und geschliffen von Wind und Legionen Gieriger, andere bergen Täler und Gräben, Falten und Furchen.
Viele dieser Inseln werden entdeckt, andere harren abseits bekannter Routen und Zweckmäßigkeiten lang oder gar ewig auf ihre Entdeckung.
Während auf den einen Leben tobt, schmiegen sich auf den anderen die Geschwister Schweigen und Stille in die Schatten.
Sie sind verschieden groß, manche sind hübsch, manche hässlich. Was die Menschen von den Inseln unterscheidet, ist die Hoffnung und die Trauer. Die Trauer deswegen, weil man noch nicht entdeckt und erkannt worden ist. Die Hoffnung darauf, dass alles besser werden möge als es ist, oder dass es immer so schön bleiben möge, wie es jetzt ist.
Im Strom der Menschen ist der Einzelne ganz klein, ein Partikel nur. Man rempelt aneinander, man rauscht vorbei, man kommt manchmal aus dem Tritt, der Gang wird hin und wieder unterbrochen, doch dann, nach kurzer Zeit schon, geht es weiter.
Umströmt von den vielen, unterschiedlichen Menschenpartikeln, lärmend, schwatzend, telefonierend, ging Markus seines Weges. Niemand nahm Notiz von ihm, man wich ihm automatisch aus, ohne ihn anzusehen. Er war eher Hindernis. Markus wusste nicht, ob er traurig war, die anderen wussten es auch nicht. Ziellos ging er umher. Sein Smartphone klingelte nicht, vibrierte nicht, wohingegen um ihn herum jeder stumm Nachrichten eingab, chattete, eincheckte, Posts in soziale Netze eintrug, kommentiere, Likes verteile, Statusnachrichten teilte, ein Foto machte oder gleich ein Video, als gäbe es Geld für jedes Zeichen. Wie fremd kam ihm das vor!
Er war neu in der Stadt. Er hatte eine Wohnung, einen Job, ja gar das, was man Bekannte nannte. Es waren diese Bekannten, mit denen man sich nach der Arbeit in einer Kneipe auf ein Bier traf, eine Kollegin knusperte an ihrem Salat, er sprach in einer Weise über sich, als hörte er jemandem, der aussah wie er, dabei zu, wie er über jemanden sprach, der zufällig er war.
Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte auch sein Smartohone stets vibriert und bei neu eingegangenen Nachrichten gepiept. Wessen Smartphone stumm ist, ist ausgespien. Oder gar nicht erst verschluckt.
Markus zog von Kaufhaus zu Kaufhaus, von Geschäft zu Geschäft, die Wohnung, die er hübsch eingerichtet hatte, ist ihm an diesem Tag zu eng vorgekommen, und so er mied das Einkehren in ihre hübschen Kerkerwände. Deren Fußfesseln waren Fernseher und Internet.
Neu zu sein in einer Stadt bedeutet anfangs Einsamkeit. Man arbeitet, man spricht mit Menschen und wartet auf Einladungen, kehrt jedoch heim und liest ein Buch. Viele Bücher hatte Markus schon gelesen, nun mochte er nicht mehr. Auch auf Kino hatte er nun keine Lust. Die Kassiererin dort, zumindest eine von denen, kannte ihn mittlerweile und hatte kürzlich gelächelt und gefragt: „Na, auch wieder hier?“ Schließlich hatte sie von dem Film abgeraten, was ihn nicht hinderte, und als er wieder herauskam, war sie schon fort. Dabei hatte er ihr sagen wollen, wie recht sie gehabt hatte.
Heute Abend würde er an Freunde mailen. Sie trieben sich noch dort herum, wo man ihn kannte, in vertrauten Straßen, bekannten Kneipen. Sein Smartphone war stumm.
Dass an diesem Abend etwas geschehen sollte, womit er nicht gerechnet hatte, war noch nicht abzusehen. Sein Konzept sah vor, konzeptlos umherzugehen, eine Zeitschrift zu kaufen und dann irgendwann, wenn die Geschäfte schlossen, wenn nur noch vereinzelte Menschen durch die Innenstadt träufelten, nach Hause zu fahren. Nicht, um fernzusehen. Das hatte er schon oft genug getan. Er wollte Hörspiele hören. Die von früher, die er immer noch besaß.
Der Lärm um ihn war beispiellos. Er, der kein Ziel hatte, wunderte sich über die ihn umgebende Hektik. War die wirklich nötig? Nun, da sein Smartphone meistens stumm blieb, musste er über all die anderen, die telefonierenden oder mailenden Hundertschaften um ihn herum lächeln. Was gab es denn immer so Wichtiges, das es wert war, permanent und ohne Unterlass vermittelt zu werden?
Er fand sich vor einem Plakat wieder. Ein Mann, ein traumhafter Mann warb für einen Duft. Er war fast nackt. Die Figur war makellos, Markus beneidete ihn. Das Fremde an diesem Model, die fetischistische Lackhose und die merkwürdigen Stiefel, beeindruckten ihn. Dieser Mensch war nicht von dieser Welt. Und so lautete auch der Slogan: „Welcome in a new world!“
Markus wendete sich ab. Wohin hetzten diese Menschen nur? Der einzige Ruhepol war ein Bettler, der seinen Hut vor sich auf den Boden gelegt hatte und auf Almosen wartete. Ein Plakat neben ihm warb für innere Erneuerung durch eine Schule der Ganzheitlichkeit.
Verloren im Strom spielte ein Straßenmusikant Violine. Er konnte es gut. Warum, fragte sich Markus instinktiv, musste jemand mit so viel Talent in der Fußgängerzone spielen?
Langsam wurde er melancholisch. Er ging an Schaufenstern vorbei, in denen bunte und aufdringliche Ware lag. Alles, um das Ich zu fördern, alles, um Individualität auszudrücken, erzeugt, verpackt, genormt warteten die sogenannten eigenen Wünsche darauf, gekauft zu werden, um dann wenig später lediglich praktisch oder nutzlos zu werden. Keine Spur von Erträumtem, keinen Deut von Erwünschtem.
Er ging langsam. Man schoss an ihm vorbei. Das Licht des frühen Abends spiegelte sich in unzähligen Einkaufstüten. Er war eine langsame Insel, und er erkannte noch andere. Verträumt, regelrecht ausgeschaltet schritten sie durch die Brandung des bunten, jagenden, redenden Konsums.
Er fühlte sich unwohl. Niemand nahm ihn wahr, und er hatte Durst. In einer Buchhandlung nahm er sich Prospekte und Kataloge mit und beschloss, in einem Café eine Kleinigkeit zu trinken und vielleicht auch etwas zu essen.
Im Café schenkte die Bedienung ihm höfliche Beachtung. Kaum war sie verschwunden, da geschah etwas Seltsames: Sein Smartphone vibrierte. Er bekam mittlerweile so wenig Anrufe, dass er es nicht für nötig befunden hatte, es überhaupt auszustellen. Verstört nahm er es zur Hand und meldete sich.
„Markus?“ fragte da eine weibliche Stimme, „ich verstehe dich schlecht. Hier ist Karin.“
Karin war eine Arbeitskollegin. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden, und sie war auch die erste gewesen, die mit ihm eine Verabredung hatte. Ihr unbeschwertes Wesen war erfrischend für ihn, er benötigte so etwas wie die Luft zum Atmen. Und Karin fand seinen Schwermut interessant.
Sie sagte ihm, dass sie sich mit ihm treffen wolle, sie sei ohnehin schon auf dem Weg. Sie habe eine Verabredung mit einem Freund namens „Patrick, er wird dir gefallen. Er ist dir ähnlich.“
„Ach ja? Wie kommst du darauf?“
„Das wirst du sehen. Er ist künstlerisch veranlagt, weißt du. Außerdem ist er solo.“
„Na und?“
„Du doch auch! Vielleicht passt ihr ja gut zueinander.“
„Bitte, keine Verkupplungen!“
„Hör mal, ich treffe ihn ja auch nicht wegen dir. Ich dachte ja nur, dass es gut für dich wäre, jemanden von deiner Fraktion kennenzulernen. Dein Leben ist doch eindeutig zu hetero.“
Das stimmte allerdings. Er sagte ihr, er würde auf sie warten.
Unmerklich begann sein Herz, schneller zu schlagen.
Als Karin das Lokal betrat, hatte er schon sein zweites Getränk getrunken, schneller als sonst. Er winkte ihr, als sie ihn nicht sofort fand. Lächelnd kam sie und setzte sich. „Hallo.“ Sie hatte sich umgezogen. Im Büro trug sie meist Bequemes, auch die Haare waren anders. Mit Make-up hielt sie sich zurück. Wenn es um die Arbeit ging, war sie praktisch orientiert. Sie wollte keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Sie sah an ihm ab. „Bist du direkt nach der Firma in die Stadt gefahren?“
„Ja.“
„Schon wieder!? Wird dir das nicht langweilig?“
Anstelle einer Antwort lächelte er. Zuhause gab es außer Ruhe nichts.
Sie merkte es. „Vielleicht wird ja alles anders.“

Im Kindle-Shop: Dickhäuter.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Oliver Koch auf seiner Website.