19. Juni 2019

'Tom Tumbler und das Pendel der Zeit: Teil 1: Der Fluch' von Marcus Kaspar

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
»Tom Tumbler ist zurück – und dieses Mal geht es um seinen Freund.«

Nach der Schlacht der eisernen Monster sinnt General Necromar auf Rache. Mit Hilfe des Pendels der Zeit verflucht er Toms besten Freund Akimo, den unsterblichen Formwandler. Plötzlich beginnt dieser rasant zu altern und es ist nur eine Frage der Zeit, bevor er an dem Fluch sterben wird. Schnelles Handeln ist angesagt.

Doch diese Art von mächtigem Fluch kann nur durch die heiligen vier Saeclus Steine aufgehoben werden. Dummerweise sind diese seit Jahrhunderten verschollen. Ungeachtet aller Gefahren machen sich Tom, Akimo und Bee auf, die Steine zu finden. Doch nicht nur sie sind hinter ihnen her. Und General Necromars Plan stellt sich als weitaus perfider heraus, als zunächst angenommen.

Leseprobe:
König Graywagtail stand an einem kleinen Pult in seiner Privatbibliothek und studierte konzentriert ein Pergament. Direkt neben ihm und der Wendeltreppe, die sich meterhoch die Wand entlang schlängelte, drehte sich ein großes Planetenmodell, in dessen Zentrum sich Ardesia befand. Tausende Sterne und Sonnen in allen Farben flogen stoisch auf ihren wiederkehrenden Umlaufbahnen und verbreiteten dabei ein flirrendes Licht, das durch die frei im Raum schwebenden Gaslaternen gemildert wurde. Die prall gefüllten Regale der Bibliothek bargen das Wissen von Jahrhunderten und nur er hatte Zugang zu ihr. Während er in dem Pergament las, schob er mit einer Hand die Lesebrille über sein verbliebenes Auge, die aufgrund der Tatsache, dass sie nur ein Glas besaß, immer wieder über seine Nase rutschte. Das andere Auge benötigte keine Brille, da es von einer mächtigen Augenklappe verdeckt war. Mit der anderen Hand zwirbelte Graywagtail seinen meterlangen Bart, den er sich wie gewohnt wie einen Schal um den Hals geschlungen hatte.
»Mmh. Mmh. Puh. Mmh«, brummelte er in regelmäßigen Abständen, während er den Kopf hin und her wiegte. Eine innere Unruhe hatte ihn in aller Früh geweckt. Normalerweise hatte der König einen ausgezeichneten Schlaf, aber seit einiger Zeit quälte ihn etwas, ohne, dass er sagen konnte, worum es sich handelte. Es war wie eine Vorahnung. Ein schaler Geschmack im Mund, der immer tiefer rutschte und sich dann vehement in seinem Magen festsetzte. Und dort auch nicht mehr weg wollte. Ein ganz schlechtes Gefühl, so als hätte er etwas außerordentlich Wichtiges vergessen. Aber was?
Seine Schlaflosigkeit hatte ihn in die Bibliothek getrieben, wo er sich Antworten erhoffte. Immerhin gab es nirgendwo mehr versammeltes Wissen als hier. Und selbst wenn er keine Antwort fand, so machte ihn das Lesen in den alten Büchern so müde, dass er danach noch in aller Ruhe ein weiteres Stündchen schlafen konnte. Normalerweise.
»Was habe ich übersehen?«, murmelte er in seinen Bart und verstärkte den Vergrößerungseffekt der einäugigen Brille, um die winzige Handschrift auf dem Pergament besser lesen zu können. Es musste etwas mit den Geschehnissen der jüngeren Zeit zu tun haben. Seit der Schlacht um Ardesia hatte er dieses schale Gefühl im Magen. Genau genommen erst nach der Schlacht um Ardesia. Aber was war seitdem passiert? Hatte er ein Gesetz erlassen, dessen Folge böse Auswirkungen haben könnte? Nein, das war es nicht, dessen war er sich sicher.
Er setzte die Brille ab und legte sie zur Seite. Dann wanderte er unruhig in der Bibliothek auf und ab. Das Gehen half ihm nachzudenken. Während König Graywagtail seine Kreise zog und dabei seinen Bart immer schneller zwirbelte, ließ er den Blick über die Abertausenden Bücher schweifen. Bücher über Magie, über gute und böse Zauberer, bedeutende ardesische Erfindungen, über starre und bewegliche Architektur, Geschichte, Flüche und Prophezeiungen.
Tief in ihm regte sich etwas. Es war wie eine winzige Gestalt, die sich mühsam durch die schlechten Magensäfte kämpfte und einen mahnenden Zeigefinger hob. Du hast einen Fehler gemacht.
Graywagtail unterbrach seinen Gedankenspaziergang. Er starrte auf ein Buch, das in der Rubrik Ardesias dunkle Geschichte eingeordnet war.
Der Winzling in seinem Magen wurde größer, die Vorahnung konkreter. Behutsam zog er das schwere, in Drachenleder gebundene Buch aus dem Regal. Eine dicke Staubschicht hatte sich auf seiner Oberseite abgesetzt und zeugte davon, dass es lange nicht in die Hand genommen worden war. Graywagtail blies sie weg und hustete kurz. Von den dunklen Welten lautete der Titel des Buches. Der König runzelte seine buschigen Augenbrauen. Ein klammes Gefühl beschlich ihn. Mit langen Schritten ging er zu dem Lesepult zurück, legte das Buch ab und setzte seine Brille wieder auf. War hierin die Antwort zu finden?
Er öffnete das alte Buch und blätterte es konzentriert Seite für Seite durch. Er wusste nicht genau wonach er suchte. Er hoffte lediglich, dass er es wissen würde, wenn er darauf stieß. Die Schrift in dem Buch war von blassgrauer Farbe und mit Hand geschrieben. Ordensbrüder hatten es vor langer Zeit in dem Kloster Kesteran verfasst. Der Text befand sich jeweils auf der linken Seite des Buches und war in zwei Spalten angeordnet. Die gegenüberliegende Seite zierte eine dazu passende Illustration.
Graywagtail blätterte Seite für Seite um, justierte ab und an seine Brille und betrachtete intensiv jedes Bild. Einige zeigten die ersten ardesischen Kriege, andere die großen Drachenkämpfe um die schwebende Stadt Crishire. Plötzlich hielt der König inne. Der Winzling in ihm war zu einem Riesen mutiert und hämmerte mit den Fäusten gegen die Magenschleimwände. Das kunstvoll illustrierte Bild war erschreckend und faszinierend zugleich. Eine riesige dunkle Gestalt wandelte über die Erde und zermalmte unter ihren Füßen, was sich ihr in den Weg stellte. Umgestürzte Bäume und niedergerissene Gebäude zeugten von ihrem Pfad der Verwüstung. Vor ihr befand sich eine Armee, die sich dem Riesen in den Weg stellte, doch offensichtlich machtlos war. Leiber wirbelten durch die Luft, zertreten und abgeschüttelt wie Ameisen. Es war ein schrecklicher Anblick. Unter der Illustration war der Satz »Der Erste ist gekommen« zu lesen.
Unmerklich schüttelte Graywagtail den Kopf. Sicherlich, das Bild war erschreckend, aber es war etwas anderes, das ihn störte. Er wusste nur nicht, was es war. Erneut justierte er die Brille und erhöhte den Vergrößerungsfaktor. Der Riese in seinem Magen brüllte auf, als der König erschrocken sein Auge aufriss. Bei allen Göttern.
Der dunkle Zerstörer, dessen schwarze Gestalt nur schemenhaft dargestellt war, trug eine barbarische Rüstung und einen langen Umhang. Aus seinen Händen zuckten Blitze in den wolkenverhangenen Himmel, doch was Graywagtail viel mehr erschreckte, war ein winziges Detail in der Zeichnung. Um seinen Hals trug er eine Kette, an deren Ende ein kleiner Anhänger baumelte. Die Vergrößerung der Lesebrille machte die Verzierung darauf deutlich. Ein kompliziertes Muster aus Zahnrädern und kleinen Stäbchen formten die Gestalt eines brüllenden Löwen. Graywagtail erkannte es sofort. Das Wappen von Ardesia. Der Zerstörer trug das Amulett, das der König Tom Tumbler geschenkt hatte.
»Was habe ich getan?«, flüsterte er verzweifelt.

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18. Juni 2019

'Tödliche Passage: Ein Tom Dugan Thriller' von R.E. McDermott

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Gratisaktion: Für wenige Tage als E-Book kostenlos erhältlich.

Drei massive Terroranschläge!
Weltweite Zerstörung!
Ein Mann könnte das Blutvergießen verhindern, aber die Behörden ignorieren ihn.
Sie sind zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, ihn zu beseitigen.


Wir sind von Massenvernichtungswaffen umgeben. Sie sind überall, solange man nur weiß, wo man hinsehen muss. Als eine Verschwörung internationaler Terroristen nicht nur einen, sondern gleich drei Terroranschläge plant, ist Teilzeitagent Tom Dugan, den die CIA mittlerweile zum Sündenbock ausersehen hat, der Einzige, der die Zusammenhänge erkennt.

Eine ohne offizielle Genehmigung verfolgte Spur bringt Dugan den Ruf eines wandelnden Pulverfasses ein. Schon bald entwickelt er sich zur ,Person von besonderem polizeilichen Interesse‘ und danach in einen zur Fahndung ausgeschriebenen Flüchtling, nachdem es den Terroristen erfolgreich gelingt, ihm das erste Bombenattentat unterzuschieben.

Und so beginnt ein spannungsgeladenes Abenteuer, in dem Dugan in seinem verzweifelten Versuch, den nächsten Anschlag zu verhindern, um die ganze Welt jettet – seinen ehemaligen Kollegen immer nur einen knappen Schritt voraus.

Von den Straßen Londons bis hin zu den Docks von Singapur und auf die Decks der Tanker, die den Durst der Welt nach Öl löschen, ist Tödliche Passage – in den Worten eines Kritikers - „tempogeladen, vielschichtig und fesselnd“.

Anmerkung des Autors:
Als am 11. September die Türme fielen und sich unser aller Leben auf ewig veränderte, lebte ich in Singapur, eine halbe Welt entfernt. Wie die meisten Menschen passte ich mich nach dem ursprünglichen Schock den Gegebenheiten an. Für diejenigen von uns, die viel unterwegs waren, stellten die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen eine immerwährende Erinnerung an unsere Verwundbarkeit dar.

Die Verarbeitung solch konstanter Mahnungen führt in meinem Gehirn unausweichlich zu einer Geschichte. Alle Autoren bringen ein Teil ihrer selbst in ihre Arbeit ein. Ich war beruflich in der Marineindustrie tätig. Von daher war es nicht verwunderlich, dass ich bei meinen Reisen durch die Welt zu Schiffen und Hafenanlagen spekulierte, wie wohl ein Terrorattentat im maritimen Bereich aussehen würde.

Fest stand, dass der Plan plausibel und die Figuren realistisch sein mussten. Mein Held sollte kein Supermann sein, sondern ein normaler Mann, der in eine Situation manövriert wird, die seinen Horizont weit übersteigt. Es dauerte Jahre, bis ich das hinbekam, und als ich im Jahr 2006 mit dem Schreiben begann, hatte ich keine Idee, wie plausibel mein Plan sich tatsächlich herausstellen würde. Das wurde mir erst fünf Jahre später bewusst, als Seal Team 6 Osama Bin Laden seiner gerechten Strafe zuführte. Unter den Funden der Durchsuchungsaktion befanden sich Pläne zur Entführung von Tankschiffen, deren Explosion „zum Tod einer großen Anzahl Ungläubiger und zu ernsthaften ökonomischen Einbrüchen, Inschallah“ führen sollten. Osamas Pläne waren beinahe mit meinen in Tödliche Passage identisch.

Meine Leser erkundigen sich immer wieder, ob ich nicht befürchte, meine Bücher könnten einen Leitfaden für Terroristen darstellen. Tatsächlich tue ich das nicht, aus dem einfachen Grund, weil die Terroristen selbst eine allzu lebhafte Fantasie haben. Uns bleibt nur zu hoffen, dass die ,Guten‘ ihnen immer einen Schritt voraus sein werden.

Leseprobe:
Büro der Phoenix-Schifffahrtsgesellschaft
London
10. Mai

Alex Kairouz wandte sich vom Bildschirm ab und schaffte es in seinem Stuhl gerade noch rechtzeitig zum Papierkorb. Mit steigender Übelkeit übergab er sich, dann fiel sein Kopf nach vorn und er schluchzte auf. Eine Hand erschien. Sie reichte ihm ein Papiertaschentuch.
„Wischen Sie sich Ihr verdammtes Gesicht ab, Kairouz”, wies ihn Braun an.
Alex tat, was ihm gesagt wurde.
Braun fuhr fort.
„Mr Farley, seien Sie so freundlich, unseren Schüler wieder auf die anstehende Aufgabe zu konzentrieren.”
Alex versteifte sich gegen die Schmerzen, als er an seinem dichten Haar hochgerissen und herumgewirbelt wurde, um erneut dem Computerbildschirm gegenüber zu sitzen. Er schloss die Augen, um den schrecklichen Anblick auszumerzen, und versuchte seine Ohren mit den Händen abzudecken, um den gequälten Schreien aus den Lautsprechern zu entkommen. Aber Farley war schneller. Von hinten griff er sich Kairouz’ Handgelenke und zwang sie nach unten.
„Machen Sie Ihre verdammten Augen auf und kooperieren Sie, Kairouz”, fuhr ihn Braun an. „Es sei denn, sie bevorzugen einen Sitz in der ersten Reihe einer Live-Aufführung.”
Statt dem Geschehen auf dem Bildschirm zu folgen, sah Alex Braun an.
„Warum tun Sie das? Was wollen Sie? Falls Sie Geld …”
Brauns Gesicht kam Alex’ auf Zentimeter nahe.
„Alles zu seiner Zeit, Kairouz, alles zu seiner Zeit.” Braun reduzierte seine Stimme auf ein Flüstern. „Aber jetzt werden Sie erst mal unsere kleine Lektion beenden. Ich versichere Ihnen, es wird noch amüsanter.”

M/T Western Star
Eastern Holding Ankerreede
Singapur
15. Mai

Dugan bewegte sich über Schlammlachen hinweg durch die feuchte Dunkelheit des Ballasttanks des Schiffes. An der Leiter fuhr er sich mit klammem Ärmel über das Gesicht und drehte sich dann in Richtung unterdrückter russischer Flüche um, seine Taschenlampe auf den korpulenten Ersten Offizier gerichtet, der sich durch ein Einstiegsloch hindurchkämpfte. Der Overall des Mannes war ebenso wie der von Dugan schweißdurchtränkt und von Roststreifen überzogen. Ächzend schaffte es der Russe durch das Mannloch und gesellte sich zu Dugan. Der Schweiß lief ihm die mit Bartstoppeln übersäten Wangen hinunter. Er fixierte Dugan mit einem hoffnungsvollen Blick.
„Nach oben?”, erkundigte er sich.
Dugan nickte, und der Russe begann die lange Leiter zu erklimmen, entschlossen, dem Tank zu entkommen, bevor Dugan seine Meinung ändern konnte. Ein letztes Mal ließ Dugan seine Taschenlampe über den ruinierten Stahl schwenken, eindeutig das Resultat mangelhafter Wartung, und folgte dann dem Russen nach oben.
Auf dem Hauptdeck angekommen, erwischte er gerade das Ende eines tropischen Gewitters, das in Singapur so alltäglich war. Seine schweißnassen Overalls klebten ihm auf der Haut, und der kühle Regen fühlte sich gut an. Aber die Linderung würde nicht lange vorhalten. Der Regen ließ bereits nach, und der Dampf auf dem Deck bewies den unwesentlichen Effekt, den der kurze Guss auf den heißen Stahl hatte. Zwei philippinische Matrosen standen in ihren gelben Regenjacken in der Nähe und sahen wie kleine Jungen aus, die in der Kleidung ihrer Väter steckten. Einer reichte Dugan ein Bündel alter Lappen, während der andere eine Mülltüte offenhielt. Dugan wischte sich seine Stiefel ab und warf die Lumpen in die Tüte, um sich danach achtern auf dem Weg ins Deckshaus zu begeben.
Dort duschte er und wechselte die Kleidung. Auf dem Weg zur Gangway versäumte er nicht, dem Steward einige Dollar für die Reinigung seiner Kabine zuzustecken. Der dankbare Filipino versuchte, ihm die Tasche zu tragen und rannte, als dies dankend abgelehnt wurde, vorweg, um ihm die Türen offenzuhalten, während ein verlegener Dugan sich zum Hauptdeck vorarbeitete. Schon wieder zu viel Trinkgeld gegeben, dachte Dugan, und kletterte die abgeschrägte Fallreeptreppe zur Barkasse hinunter.
In der Kajüte der Barkasse richtete er sich auf die Fahrt an Land ein. Drei Reinfälle in sechs Wochen. Er freute sich nicht darauf, Alex Kairouz berichten zu müssen, dass er auf seine Kosten eine weitere Rostlaube inspiziert hatte.

***

Eine Stunde später machte es sich Dugan auf einem Polstersessel in seinem Hotelzimmer bequem. Er öffnete ein überteuertes Bier aus der Minibar und sah auf die Uhr. Der Beginn des Geschäftstages in London. Eigentlich konnte er Alex auch noch ein wenig Zeit geben, seinen Tag zu starten, bevor er ihm die schlechten Neuigkeiten überbrachte. Dugan hob die Fernbedienung an und fand Sky News im Fernsehen. Der Bildschirm füllte sich mit den Bildern eines rasenden Raffineriefeuers in Bandar Abbas, Iran. Muss ein Großes sein, um in die internationalen Nachrichten zu gelangen, dachte er.

***

Alex Kairouz saß zitternd und mit geschlossenen Augen an seinem Schreibtisch, das Gesicht in den Händen vergraben. Er schauderte und schüttelte den Kopf, als ob er körperlich versuchen wollte, die Bilder, die sich in sein Gehirn gebrannt hatten, loszuwerden. Endlich öffnete er die Augen, um auf ein Fotos seines jüngeren Selbst zu starren — schwarze Haare und Augen in einem olivfarbenen Gesicht, weiße Zähne, und ein Lächeln reiner Freude auf ein rosa Bündel in den Armen einer wunderschönen Frau gerichtet. Beim Klang der Gegensprechanlage fuhr er zusammen und kämpfte darum, sich unter Kontrolle zu bekommen.
„Ja, Mrs Coutts?”, erkundigte er sich.
„Mr Dugan auf Leitung Eins, Sir.”
Thomas! Panik übermannte ihn. Thomas kannte ihn zu gut. Er könnte womöglich spüren, dass etwas nicht stimmte, und Braun hatte gesagt, falls jemand etwas davon erfahren sollte …
„Mr Kairouz, sind Sie noch da?”
„Ja, ja, Mrs Coutts. Danke.”
Alex wappnete sich und drückte auf die blinkende Taste.
„Thomas”, begrüßte er ihn mit erzwungener Aufgeräumtheit, „was hältst du von dem Schiff?”
„Müll.”
„Verdammt.”
„Was hast du erwartet, Alex? Gute Tonnage bringt Geld ein. Alles was im Moment zum Verkauf steht ist Mist. Du weißt, wie das läuft. Du hast deine eigene Flotte zu Mindestpreisen in rückläufigen Märkten aufgebaut.”
Alex seufzte. „Ich weiß, aber ich brauche mehr Schiffe und hoffe eben weiter. Na schön, schick mir einfach deine Rechnung.” Er hielt inne und sah jetzt mit größerer Konzentration auf einen Notizblock auf seinem Schreibtisch. „Und Thomas, könntest du mir wohl einen Gefallen tun?”
„Sag mir nur, welchen.”
„Die Asian Trader wird in zwei Tagen in der Werft in Singapur erwartet, und McGinty kam gestern mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus. Kannst du dich um das Schiff kümmern, bis ich einen anderen Technischen Inspektor einfliegen kann, um dich abzulösen?”
„Wie lang wird das dauern?”
„Zehn Tage, maximal zwei Wochen”, antwortete Alex.
Dugan seufzte. „Ja, ok. Aber gut möglich, dass ich mich für einen Tag absetzen muss. Heute Morgen rief mich das Militärische Seetransportkommando an. Ich soll in den nächsten Tagen ein kleines Küstenboot für sie inspizieren. Ich kann meine anderen Klienten nicht vernachlässigen, obwohl es manchmal scheint, als ob ich Vollzeit bei dir angestellt wäre.”
„Da wir schon bei diesem Thema sind …”
„Himmel, Alex. Nicht schon wieder.”
„Hör zu, Thomas, wir alle werden älter. Du bist, wie alt nun … Fünfzig?”
„Ich werde Siebenundvierzig.”
„Okay, siebenundvierzig. Aber du kannst nicht ewig durch Schiffsbäuche kriechen. Zudem ist es Talentverschwendung. Eine Menge Leute können Probleme identifizieren. Ich brauche jemanden hier, der sie lösen kann.”
„Okay, okay. Ich denke darüber nach. Wie klingt das?”
„Wie das, was du immer sagst, damit ich den Mund halte.”
„Funktioniert es?”
„Also gut, Thomas. Ich gebe auf. Für den Moment. Aber wir sprechen später weiter.”
Dugan wechselte das Thema.
„Wie geht’s Cassie?”
„Ähm … sie ist …”
„Stimmt was nicht?”, wollte Dugan wissen.
„Oh nein, tut mir leid, mir ging gerade etwas anderes durch den Sinn. Cassie geht’s gut, sehr gut. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter nimmt täglich zu. Und Mrs Farnsworth versichert mir, dass sie angesichts der Umstände erstaunliche Fortschritte macht.”
„Und was macht die Drachenlady?”
„Wirklich, Thomas, wenn du ihr nur eine Chance gibst, glaube ich, dass ihr Zwei gut zurechtkommen werdet.”
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich derjenige bin, der diesen Rat braucht, Alex.”
„Na ja, wenn du öfter hier wärst und Mrs Farnsworth dich näher kennenlernen würde, würde sie sich sicher für dich erwärmen”, warf Alex ein.
Dugan lachte. „Ja, als ob das je passieren würde.”
Alex seufzte. „Da hast du wohl Recht. Jedenfalls werde ich Mrs Coutts veranlassen, dir sofort per E-Mail die Reparaturvorgaben für die Asian Trader zu schicken. Kannst du morgen früh oben an der Werft in Sembawang sein, um mit den Vorbereitungen für ihre Ankunft zu beginnen?”
„Wird gemacht, Kumpel”, versprach Dugan. „Ich rufe dich an, nachdem sie eingetroffen ist und wir loslegen können.”
Alex dankte Dugan und legte auf. Er hatte vor Dugan, sowie auch vor allen anderen, eine gute Fassade aufrechterhalten. Aber es zehrte an ihm. Die täglichen Details seine Firma zu leiten, die er noch vor wenigen Tagen so genossen hatte, schienen jetzt unbedeutend — mit großer Wahrscheinlichkeit würde es gar keine Phoenix Schifffahrtsgesellschaft mehr geben, nachdem der Schweinehund Braun mit ihm fertig war. Aber darauf kam es nicht an. Allein Cassies Sicherheit war von Bedeutung. Seine Augen kehrten zum Foto seiner ehemals kompletten Familie zurück, und er erschauderte erneut, als die Bilder von Brauns Video wieder vor seinem geistigen Auge erschienen.

Im Kindle-Shop: Tödliche Passage: Ein Tom Dugan Thriller.
Mehr über und von R.E. McDermott auf der Website seiner Übersetzerin.



'Gefährlicher Hunger: Unerwartet verliebt' von Anna Kleve

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Ist Liebe stärker als ghulischer Hunger?

Seit einem blutigen Zwischenfall wissen die Menschen von der Existenz der Ghule und Dschinns. Und sie wissen, wovon Ghule sich vorzugsweise ernähren. Um Vertrauen und Frieden zwischen den Arten zu schaffen, wird entschieden, einige Ghule und Dschinns an menschliche Schulen zu schicken. Unter ihnen befinden sich die Brüder Zayn und Kaan. Zayn trifft an seiner Schule Matt, dessen ungewöhnlicher Geruch ihn reizt und zugleich verwirrt.

Als Matt zudem von einer gefährlichen Ghulfraktion verfolgt wird, beschließt Zayn, ihn zu beschützen. Zwischen ihnen entwickeln sich immer stärkere Gefühle, die nicht nur von äußeren Feinden bedroht werden. Zayns raubtierhafte Gier könnte zu einer noch viel größeren Gefahr für Matt werden.

Leseprobe:
Zayn – Eine magische Familie

Erschrocken landete ich an der Decke meines Zimmers, als ohrenbetäubender Lärm aus Kaans Zimmer zu mir herüberklang wie eine gewaltige Schallwelle.
Ärgerlich riss ich meine Klauen aus dem dicken Holz und ließ mich hinab aufs Bett fallen.
Grimmig sprang ich auf und warf einen erneuten Blick zur Decke. Die Riefen und Löcher im Holz konnte man kaum zählen. Meinem Geisterbruder sei Dank oder auch nicht.
„Kaan!“, schrie ich wütend, sobald ich auf den leeren Stuhl sah.
„Ja?“, fragte er unschuldig und wie immer aus dem Nichts heraus aufgetaucht.
„Wo sind meine Sachen?“, wollte ich wissen und funkelte ihn an.
„Weg.“
Er zuckte mit den Schultern und grinste, als könne nichts in der Welt an seiner Ruhe rütteln.
Okay, im Grund meines Herzens liebte ich diesen Kerl mit seinen magischen Kräften und frechen Tricks, aber in solchen Momenten riss sein Verhalten an meinen Nerven.
„Hol sie zurück“, verlangte ich knurrend.
„Nein.“
„Ich reiß dich in Stücke“, drohte ich ihm grollend.
„Kannst du nicht“, behauptete er mit einer Selbstsicherheit, die meinen Wutpegel hochschnellen ließ.
Ohne Vorwarnung sprang ich vor und knallte ihn so heftig gegen die Wand, dass eine tiefe Delle darin zurückblieb.
„Kann ich doch. Ich muss nur schnell genug sein“, fauchte ich mit glühenden Augen.
„Schön.“ Kaan schnipste mit den Fingern und es gab ein „Puff“. „Aber Mama wird das gar nicht gefallen.“
Schnaubend ließ ich ihn los.
„Kleide du dich ruhig in Regenbogenfarben, wenn du magst, aber lass mich in Ruhe“, murrte ich und war schon am Schreibtisch. „Ob ich Schwarz trage oder nicht, ist meine Sache. Mit Siebzehn bin ich wirklich alt genug, das selbst zu entscheiden.“
„Diskutiere du das aus“, merkte Kaan an und löste sich einfach in Luft auf.
Ich ballte die Hände mehrmals zu Fäusten, um die Steifheit der Klauen zu vertreiben.
Dann wechselte ich, so schnell ich konnte, die Kleidung, bevor noch ein Mitglied dieser verrückten Familie einfach in meinem Zimmer auftauchen würde.

„Heute die Tür?“, fragte Mama grinsend, als ich ins Esszimmer trat.
„Ich muss üben“, erklärte ich schulterzuckend.
Kaan tauchte lachend aus dem Nichts auf.
„Das fällt dir früh ein“, stellte er belustigt fest.
„Ich springe lieber durchs Fenster“, kommentierte ich gelassen.
„Üben täte dir auch mal ganz gut, Kaan“, sagte Mama ernst. „So aufzutauchen erschreckt die Menschen nur.“
Mein Bruder gab ein missmutiges Grummeln von sich.
„Geisterhaft“, fiel mir spöttisch ein.
„Zieh die Klauen ein“, erwiderte Kaan finster.
Ich grinste.
„Willst du dir nicht etwas anderes anziehen, Zayn?“, fragte Mama einfach in den Raum hinein.
Meine Laune sackte sofort wieder ab.
Nun grinste mein Bruder.
Am liebsten hätte ich nach ihm geschlagen, verkniff es mir aber.
„Meine Entscheidung“, war alles, was ich zur Antwort gab.
„Willst du die Vorurteile unbedingt bestärken?“, bohrte Mama weiter. „Deine schwarzen Haare und Augen sind doch schon dunkel genug.“
„Ich ändere meinen Kleidungsstil und meine Vorlieben doch nicht, nur weil die Menschen bestimmte Vorstellungen haben“, konterte ich fest entschlossen.
Diese Diskussionen musste ich echt nicht haben. Da kam mir der leichte Dampf aus der Küche gerade recht.
Mit einem Satz war ich durch die Tür, am Ceranfeld und zog den Topf von der Herdplatte.
„Reicht nicht“, rief Kaan, der neben mir auftauchte.
„Für mich reicht körperwarm“, erwiderte ich kühl und füllte mir einen Becher mit der Milch.
Dann schob ich den Topf zurück auf die Platte und kehrte zu meinem Platz zurück.
„Und jetzt darf ich am Herd stehen?“, fragte mein Bruder.
Ich nahm erst einmal einen Schluck von meiner Milch, ehe ich etwas dazu sagte: „Wenn du die Milch unbedingt heiß haben willst, ist das nicht mein Problem.“
„Egoist.“
„Du hast zwei gesunde Hände.“
„Klar.“
Kaan gab ein Schnauben von sich.
Statt mich weiter mit ihm zu befassen, griff ich nach meiner Schale auf dem Tisch. Mein Essen würde ohnehin keiner in dieser Familie anrühren.
Grinsend griff ich mit den Fingern hinein und nahm mir ein Stück Fleisch heraus.
„Zayn, benutze die Gabel“, ermahnte mich Mama.
„Ja“, murrte ich.
Das Theater vom letzten Mal wollte ich mir echt nicht noch einmal antun. Einmal einer fliegenden Schüssel mit Fleisch hinterherzujagen hatte mir wirklich gereicht.
Ein wenig genervt griff ich nach einer Gabel und begann die Fleischstücke zu verzehren. Frisch und blutig, wie ich es mochte.
Schließlich erhob ich mich, als Kaan gerade aus der Küche zurückkehrte. Schnell lief ich in die Küche, um eine Dose zu holen, in der ich das restliche Fleisch mitnehmen würde.
Im Vorbeihuschen an meinem Bruder verzog ich das Gesicht. Kakao. Es schüttelte mich. Damit konnte ich so gar nichts anfangen.
„Kann ja nicht jeder auf blutig stehen“, raunte er mir ins Ohr.
Ich musste unbedingt meine Gesichtszüge unter Kontrolle kriegen, wenn man mir meinen Widerwillen so leicht ansah.

Im Kindle-Shop: Gefährlicher Hunger: Unerwartet verliebt.
Mehr über und von Anna Kleve auf ihrer Website.



17. Juni 2019

'Sonne, Strand und Federwolken' von Eva Joachimsen

Was gibt es Schöneres, als ein paar freie Tage an der See zu verbringen? Am Strand zu liegen und von der großen Liebe zu träumen. Bis man sie gefunden hat, lässt sich die Wartezeit herrlich mit Urlaubslektüre verkürzen.

Die Kurzgeschichtensammlung ist nicht nur für die Ferien geeignet. Vier der dreizehn Geschichten stammen aus dem Buch „Strandkorburlaub“.

Gleich lesen:
Für Kindle: Sonne, Strand und Federwolken
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Regen und Sturm statt Sonnenschein
Voller Vorfreude sprang Sophie aus dem Zug. Acht Tage Urlaub, Sonne und Strand. Herrlich. Auch wenn es für den Süden nicht gereicht hatte. Denn als Auszubildende hatte sie nicht sehr viel verdient und ihr Geld war für das Auto, mit dem sie zur Arbeit fuhr, draufgegangen. Aber eine Bude in der Stadt hätte erheblich mehr gekostet. Ihre Mutter konnte sie nicht unterstützen, sie hatte als Alleinerziehende nie richtig in einem Job Fuß fassen können, sondern sich immer nur mit Aushilfs- und Minijobs durchgeschlagen. Demnächst würde es besser werden. Vor Glück hüpfte Sophie singend am Zug entlang zum Bahnhofsausgang. In zwei Wochen fing sie ihre neue Stelle an. Ihr Chef hatte sie einem Bekannten empfohlen, der ihr tatsächlich einen Zweijahresvertrag gegeben hatte.
Sie würde dort genug Gehalt bekommen, sodass sie ihrer Mutter helfen konnte. Und sicher war zusätzlich eine kleine Wohnung oder wenigstens ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft drin. Fröhlich summend und tanzend lief sie die Hauptstraße Richtung Strand. Vor dem Fischrestaurant musste sie nach rechts abbiegen und weiter geradeaus laufen, bis sie die Neubausiedlung erreichte. Dann war die zweite Straße schon der Möwenweg.
Sie schaute sich die süßen alten Häuser der Bäderarchitektur an und achtete nicht auf den Weg. Mit Schmackes prallte sie gegen eine breite Männerbrust.
„Können Sie nicht aufpassen?“, knurrte der Mann. Sein XXL-Eis verteilte sich auf Sophies brünetten Haaren, ihrem Parka und seinem Polohemd. Natürlich ein Markenhemd, wie sie sofort erkannte.
„Oh, das tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen.“
Aus furchteinflößender Höhe funkelte er sie grimmig an. „Ich bin so winzig, dass man mich übersieht.“
Sophie schoss das Blut in den Kopf. „Entschuldigung. Ich kaufe Ihnen auch ein neues Eis“, stammelte sie.
„Das ist ja wohl das Mindeste“, brummte er.
„Wo haben Sie es her?“
Er zeigte auf die Eisdiele auf der anderen Straßenseite. Bevor Sophie losgehen konnte, hielt er sie fest und reinigte mit mehreren Papiertaschentüchern ihre Haare. Anschließend reichte er ihr die Packung und deutete auf ihre Brust. Sophie errötete noch stärker und wischte sich das Eis von der Bluse.
Sie musste stolze fünf Euro für eine Eistüte bezahlen. Ihr selbst war inzwischen der Appetit vergangen.
„Wollen Sie kein Eis essen?“, fragte er, schon etwas weniger grimmig.
„Nein, danke, ich mag es nicht“, log sie. „Kann ich Ihr Hemd waschen?“, bot sie an.
Entsetzt schüttelte er den Kopf. „Wer weiß, wie ich es zurückbekomme.“
Sophie entschuldigte sich erneut und flüchtete mit der Bemerkung, dass sie eine Verabredung hätte.
Ihre Hochstimmung war verschwunden. Hätte der Kerl nicht ein kleines Bisschen freundlicher reagieren können?
Sie bemühte sich, trotzdem den Tag zu genießen. Bewusst atmete sie ein und versuchte, die Seeluft wahrzunehmen. Doch das gelang ihr nicht. War der Strand noch zu weit entfernt? Die Strecke wurde immer länger und der Möwenweg tauchte nicht auf. Nach einer Ewigkeit hatte sie das Ende der Neubausiedlung erreicht. Es war gleichzeitig der Ortsausgang, dahinter lagen Felder. Erschöpft setzte Sophie die schwere Reisetasche ab.
[...]

Im Kindle-Shop: Sonne, Strand und Federwolken
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Eva Joachimsen auf ihrer Website.



'DIE SCHULD BLEIBT' von H.C. Scherf

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
»Die Qualen der Zelle liegen hinter ihr –
Doch die Hölle der Freiheit erwartet sie bereits«


Sieben Jahre teilte Daniela die Zelle mit Psychopathinnen. Totschlag war ihr Verbrechen, für das sie lange sühnte. Nun steht sie vor dem Tor der JVA und einer Freiheit gegenüber, die keine ist.

Unerbittlich begegnet ihr die Familie mit Ablehnung. Als sie in einen Strudel aus Gewalt gezogen wird, sehnt sie sich zurück in den Regelbetrieb des Strafvollzugs.

Ein perverser Serienmörder und ein brutaler Zuhälter reißen sie in den Vorhof zur Hölle. Ausgerechnet ein Ermittler steht ihr zur Seite, den die Vergangenheit mit den Taten des perfiden Mörders verbindet.

Weitere Bücher von H.C. Scherf auf seiner Autorenseite.

Leseprobe:
»Bis bald, du lesbische Dreckschlampe. Wir werden uns schon bald hier wiedersehen.«
Der Ruf hallte durch den Zellengang, obwohl sämtliche Türen geschlossen waren. Jede hier wusste, dass eine von ihnen die Hölle des Knasts heute verlassen würde. Dass sich nicht nur freundschaftliche Gefühle entluden, wunderte keinen. Sandra Coburg legte den Arm um die Zellengenossin und strich ihr über das Haar. Zwischen ihnen hatte sich in den letzten fünfzehn Monaten dennoch eine gewisse Freundschaft gebildet, sofern man hinter diesen Mauern von etwas derart Tiefgreifendem sprechen konnte.
»Die verrückten Weiber darfst du nicht ernst nehmen. Die Sprüche kennen wir doch schon lange, wenn jemand von uns entlassen wird. Nimm jetzt deine Plörren unter den Arm und verdufte für immer von hier. Vergiss nicht, was du mir versprochen hast. Hier drin will ich dich nie wiedersehen. Und schick mir deine neue Adresse. In vier Monaten bin ich hier auch raus, falls die dem Antrag stattgeben. Dann können wir zusammen alles erreichen ... alles, glaube mir. Denke an unsere Pläne, Schätzchen.«
Daniela Weigel nahm die Stirn von der kalten Stahltür, als sie die sich nahenden Schritte zweier Personen hörte. Sie erkannte die Justizvollzugsbeamten schon am Gang, so vertraut waren die Geräusche des Hauses für sie in den letzten sieben Jahren geworden. Als sich die Tür öffnete, legte Daniela ihre Arme um die Freundin und verkniff sich eine Träne. Wortlos, nur die Hand zum Gruß hebend, folgte sie den beiden Männern zur ersten Gittertür, wissend, dass nun ein erbärmlicher Lebensabschnitt sein vorläufiges Ende finden würde.

Der kräftige Wind peitschte den feinen Regen fast waagerecht über das Pflaster. Daniela griff zum Hals, zog an den Schnüren, die ihre Kapuze fest am Kopf hielten. Sekunden später schon spürte sie die Nässe, die sich durch die wollene Joggingjacke zur Haut durchkämpfte. Ihre Augen presste sie zu schmalen Schlitzen, sodass sie nur schemenhaft die Fahrzeuge wahrnahm, die eine graue Wasserwand hinter sich herzogen und an ihr vorbeirauschten. Niemand der Fahrzeuginsassen verschwendete auch nur einen Blick an die einsam dastehende Frau, die sich gegen den Sturm stemmte und schützend ihre Sporttasche vor die Brust presste. Diese enthielt die wenigen Habseligkeiten, die sie besaß, als sie vor über sieben Jahren ihre Strafe in der Haftanstalt antrat. Sieben Jahre ihres Lebens, die ihr dieser verdammte Dreckskerl damals genommen hatte. In der tiefsten Hölle sollte er dafür schmoren. Nur dieser Gedanke half ihr über diese lange Zeit hinter Gittern, gepaart mit der Hoffnung, schon etwas früher wieder entlassen zu werden. Ein Wunsch, der sich nicht erfüllen sollte. Daniela hatte schon sehr früh erkannt: Sie hatte eine Rechnung ohne die Mithäftlinge gemacht.
Sie spürte die Blicke in ihrem Rücken. Blicke von Männern aus dem Vollzug, die ihr noch vor wenigen Momenten Glück gewünscht und ihr mit auf den Weg gegeben hatten, dass man sie nie wieder hier sehen wollte. Sie standen hinter den Panzerglasscheiben und beobachteten sie noch eine Weile, während sich das stählerne Rolltor schloss, das kurz zuvor einen Gefangenentransport durchließ. Dem Fahrzeug entstiegen drei Männer, die jetzt eine möglicherweise lange Haftzeit, Entbehrungen und Qualen vor sich hatten.
Daniela wusste, die Worte der mittlerweile vertrauten Vollzugsbeamten waren ehrlich gemeint. Gleichzeitig schwang jedoch offen der Zweifel darin mit, ob sich dieser Wunsch erfüllen würde. Auch sie selbst hatte in den zurückliegenden Jahren viel zu oft erleben müssen, dass Mithäftlinge in Freiheit schon nach kurzer Zeit wieder einrückten. Das sollte ihr nicht passieren, auch wenn die Perspektiven ungünstig waren. Zu diesem Zeitpunkt wusste Daniela Weigel noch nicht, dass sie lediglich die Hölle des Strafvollzugs gegen eine schlimmere hier draußen eintauschte. Sie beeilte sich, den Schutz der Bushaltestelle zu erreichen. Dort war sie zwar vor dem Regen geschützt, doch der kalte Wind ließ sie in ihren durchnässten Sachen erschauern.

Im Kindle-Shop: DIE SCHULD BLEIBT.
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15. Juni 2019

'Mea Culpa: Im Herzen der Dunkelheit' von Silvia Maria de Jong

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Was tust du, wenn du mit deinem kleinen Sohn auf der Flucht bist und es deine einzige Chance ist, dich in die Obhut eines fremden Mannes zu begeben, um deinen Verfolgern zu entkommen? Lässt du dich auf das Wagnis ein, mit ihm durch das ganze Land zu reisen, ohne auch nur zu ahnen, wohin diese Reise dich letztlich führen wird?

Jona Engel war neun Jahre alt, als ihre Mutter Zuflucht in einer extrem religiösen Lebensgemeinschaft suchte. Für Jona bedeute dies ein Leben in Angst, Gefangenschaft und Gewalt. Schon früh fasst sie den Entschluss auszubrechen und dieser Gemeinde zu entfliehen. Doch es vergehen Jahre bis es tatsächlich soweit ist. An einer Raststätte schließt sie sich dem mysteriösen Kjell Anderson an, dessen Weg hinauf in den Norden, auf die Insel Sylt führt.

Kjell Anderson, ehemaliger verdeckter Ermittler, spürt schnell, dass es tiefe Geheimnisse gibt, die seine Begleitung umgeben. Geheimnisse, die sie sorgsam vor ihrem Umfeld zu wahren sucht. Sein Ziel ist es, die beiden kurz vor der Insel abzusetzen und allein weiterzureisen. Doch Joshua, Jona´s kleiner Sohn, leidet unter hohem Fieber. Die Erkrankung des Kindes zwingt Kjell dazu, umzudenken und so bietet er der fremden Frau vorübergehend eine Unterkunft in seinem Haus an. Doch aus Tagen werden Wochen und Jona beginnt Kjell zunehmend zu vertrauen. In seinen Augen erahnt sie einen Schmerz, der dem ihren sehr ähnlich ist. Auch ihm scheint das Leben tiefste Wunden zugefügt zu haben. Seine selbstlose Hilfe bringt in ihr Saiten zum klingen, die ihr völlig fremd sind. Während die beiden sich mit äußerster Behutsamkeit einander annähern, ahnen sie nicht, mit welcher Gewalt ihrer beider Vergangenheit auf sie zurast ...

Leseprobe:
Seit geschlagenen zwanzig Minuten beobachtete er die junge Frau, die sich von einem Tisch zum nächsten vorarbeitete und sich dem seinen unaufhaltsam näherte. Gerade sprach sie zu einem älteren Ehepaar, zwei Nischen weiter vorn, welches jedoch mit einem bedauernden Lächeln den Kopf schüttelte und sich wieder den Speisen widmete.
Kjell ließ seinen Blick durch die große Räumlichkeit der Raststätte schweifen. Das Restaurant war gut gefüllt und dementsprechend laut war die Geräuschkulisse. Das Geklapper des Geschirrs vermischte sich mit dem Rattern des Kassencomputers und dem ausgelassenen Geplauder der Menschen, welche sich in den frühen Abendstunden in dem Rasthaus an der A7 eine Mahlzeit gönnten, bevor sie ihre Reise fortsetzten. Leider verschluckte sie auch jegliche Silben, so dass es unmöglich war, einzelne Wortfetzen vom Nachbartisch aufzufangen, an den die junge Frau sich soeben begeben hatte. Dem Anschein nach handelte es sich bei dem leicht verwahrlost anmutenden Mann im mittleren Alter am Nebentisch um einen Lastkraftfahrer, der sein Wochenende erzwungenermaßen auf der Raststätte verbrachte. Er schien darauf zu warten, dass ab Zweiundzwanzig Uhr die Autobahnen wieder für den Lasttransport freigegeben wurden. Beim Nähertreten der Frau beugte der übergewichtige Mann sich regelrecht hungrig vor und lauschte andächtig ihrem Vortrag. Es war nicht schwer zu erraten, was dieser Kerl im Schilde führte und sich erhoffte.
Wenngleich die Aufmachung der schlanken Frau in dem Rollkragenpulli und dem Karo- Rock, der kaum die Oberschenkel bedeckte, welche wiederum in löcherigen Leggins steckten, etwas seltsam anmutete, so strahlte sie doch eine gewisse Attraktivität aus. Das blauschwarze Haar zu einem perfekten Bob geschnitten, erinnerte sie ihn an Uma Thurman, in der Rolle der Mia Wallace, in dem Kinostreifen Pulp Fiction. Einzig der exakte Pony fehlte. Sie trug kaum Make-up, nur die großen, dunklen Augen wurden durch den schwarzen Kajalstrich hervorgehoben und unterstrichen deren Intensität.
Der einzige sichtbare Schmuck bestand aus einem breiten Silberreif am Ringfinger der rechten Hand. Ein Ehering oder schlicht Modeschmuck. Wer wusste das heute schon. Kjell schätzte sie auf Mitte zwanzig. Ein, zwei Jahre älter, nicht mehr. Sie bemühte sich zwanghaft, Ruhe auszustrahlen, wenngleich ihr Innerstes regelrecht zu flattern schien. Er bemerkte es daran, wie schwer es ihr fiel, die Position beizubehalten. Immer wieder trat sie von einem Bein auf das andere, schob mit den Fingern das Haar zurecht, während ihr erzwungenes Lächeln davon erzählte, wie elend sie sich in dieser Situation fühlte. Der schmierige Kerl in dem durchgeschwitzten, fleckigen Shirt beugte sich weiter vor und umfasste ihr Handgelenk, unterdessen er bedauernd den Kopf schüttelte, ihr aber zeitgleich einen neuen Vorschlag zu unterbreiten schien.
Kjell sah, wie unangenehm ihr diese dreiste Berührung war. Bemüht, ihre Hand aus dem festen Griff des Fremden zu befreien, richtete sie sich auf und riss sich ruckartig los.
»… jetzt zierst du dich auf ein Mal? Erst die Männer anheizen und dann kneifen. Solche Weiber mag ich …«
Die dröhnende Stimme des Kerls übertönte den Lärm rund um sie herum. Nicht nur Kjell, auch die zahlreichen Gäste an den umliegenden Tischen schnappten die derben Worte auf und betrachteten die junge Frau entweder demonstrativ von oben bis unten, oder aber sie sahen beschämt zur Seite. Es verwunderte ihn, dass sie einen Mann dieser Type überhaupt angesprochen hatte. In seinem Blick offenbarten sich deutlich die Absichten. Ihm schien es egal, wer ihm in der Nacht den Körper wärmte, umso besser, sollte sich die schöne Brünette direkt vor ihm zur Verfügung stellen. Kjell schloss daraus, dass ihre Verzweiflung größer war als die Angst.
Verstohlen sah sie sich um. Eine feine Röte bedeckte die hohen Wangenknochen bei den beschämenden Worten des rüden Kerles. In dem Moment, da ihr Blick ihn selbst traf, erkannte er die schwere Verletzung in ihren Augen. Eine Verletzung, die weniger von den Beleidigungen des abgehalfterten Mannes in der Nische vor ihm zeugte, als vielmehr eine Tiefe in sich barg, die von langem Leid sprach.
So sehr sie sich mühte, diesen Schmerz hinter einem aparten Lächeln zu verbergen, Kjells Spürsinn war zu geschult, um so etwas Augenfälliges zu übersehen. Mit weniger Selbstbewusstsein als zuvor, trat sie an den Tisch und nickte leicht.
»Verzeihung, wenn ich störe … Nur eine kurze Frage.« Verlegen strich sie das dunkle Haar zurück, indes sie seinem wachsamen Blick geduldig begegnete.
»Der blaue VW Bulli dort draußen, mit dem nordfriesischen Kennzeichen gehört nicht zufällig Ihnen, oder?« Trotz der Mutlosigkeit in ihrer erstaunlich rauchigen Stimme strahlte sie eine Entschlossenheit aus, die ihn beeindruckte. Er faltete die Zeitung, welche er bis dahin in den Händen gehalten hatte, zusammen und schob sie über den Tisch.
»Kurze Gegenfrage, warum interessiert Sie das?«
Die Antwort sprach aus der Verzweiflung in ihren Zügen, dennoch war er nicht bereit, ob ihrer Verletzlichkeit, sofort auf sie einzugehen. Jetzt, wo sie so dicht vor ihm stand, ließ sich deutlich die Müdigkeit in ihren Gesichtszügen erkennen. Wie lange harrte sie schon hier aus, nur um die passende Mitfahrgelegenheit zu finden?

Im Kindle-Shop: Mea Culpa: Im Herzen der Dunkelheit.
Mehr über und von Silvia Maria de Jong auf ihrer Website.



'Hanzing: Nur tote Mädchen weinen nicht' von Martina Schmid

Kindle (unlimited)
Die Schriftstellerin Sarah Wenders zieht nach ihrer Scheidung in ein altes Bauernhaus in Hanzing, einem abgelegenen Ort im Bayerischen Wald.

Bald aber wird sie von furchtbaren Albträumen geplagt, hört Schritte auf dem Dachboden und vernimmt Klopfgeräusche aus einem Schrank. Als dann eine von Sarahs Katzen tot vor der Haustür liegt, beginnt sie zu recherchieren und gerät immer tiefer in einen Sumpf von perfiden Machenschaften, die sie an den Rand ihrer Belastbarkeit und darüber hinaus in größte Lebensgefahr bringen. Es drängt sich ihr der Verdacht auf, dass hier ein Verbrechen vertuscht werden soll. Der Kreis derer, die offensichtlich davon wissen, schweigt hartnäckig.

Sarah versucht, auf eigene Faust zu ermitteln. Mit Hilfe der Wahrsagerin Loretta Garibaldi kommt sie den unglaublichen Dingen, die neun Jahre zuvor passiert sind, allmählich auf die Spur. Besteht ein Zusammenhang mit dem Verschwinden der kleinen Melissa vor ebenfalls neun Jahren, das ihr auf seltsame Weise so nahe geht und welche Bedeutung hat darüber hinaus das Wiedersehen mit ihrer Jugendliebe Christian für Sarah?

Für kurze Zeit zum Einführungspreis von nur 99 Cent.

Weitere Bücher von Martina Schmid auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
Ich muss mir irgendetwas einfallen lassen, sonst...! Mühsam und mit enormem Kraftaufwand schaffe ich es, in die Nähe des Eingangs zu robben. Als ich sie mit den Füßen berühren kann, drücke ich gegen die Tür. Wie ich schon vermutet hatte, ist sie abgesperrt. Doch hier ist es wenigstens ein wenig heller und falls wirklich jemand in der Nähe ist, kann er meine Rufe vielleicht hören. Mein Magen knurrt schmerzhaft. Schon seit Stunden und der Hunger verbeißt sich immer tiefer in meinen Magen. Was ist schlimmer, Angst oder Hunger? Eigenartig, welche Gedanken einem durch den Kopf gehen, wenn man nur noch einen Wunsch hat … Sofort kann ich mir aber meine Frage beantworten: Durst ist viel schlimmer als Hunger! Jetzt kann ich es aus eigener Erfahrung beurteilen. Mein Mund fühlt sich völlig trocken an und ich spüre eine bleierne Müdigkeit, die auf mir lastet. Wie lange werde ich es ohne Wasser aushalten? Werde ich hier grauenvoll verdursten? Hoffentlich kommt Lanz zurück! Er muss! Er kann mich doch hier nicht meinem Schicksal überlassen! Verdammt, ich will hier raus!!!

Im Kindle-Shop: Hanzing: Nur tote Mädchen weinen nicht - Psychothriller.
Mehr über und von Martina Schmid auf ihrer Website.



14. Juni 2019

'Home Sweet Home' von J. Vellguth

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Für die hübsche Mary Simmons, Designerin in ihrem eigenen kleinen Modegeschäft in New York City mit einer Vorliebe für extravagante Kleider, läuft es gerade gar nicht gut: Erst verliert sie einen wichtigen Auftrag und dann bricht sie auch noch auf der Straße zusammen. Im Regen.

Eins ist klar: Mary bräuchte dringend Unterstützung, aber was, wenn sie die unmöglich annehmen kann? Dann ist da auch noch Luke: Frauenheld, Lebenskünstler und Organisationstalent, der mit Schirm und Charme viel zu schnell ihr Herz erobert. Doch was steckt wirklich hinter seinen zweideutigen Sprüchen und dem verschmitzten Lächeln?

Eine romantisch-moderne Liebesgeschichte über alte Erinnerungen, neue Wahrheiten und die Bedeutung von Familie - witzig, spannend und wunderschön gefühlvoll.

Für kurze Zeit zum Einführungspreis von nur 99 Cent.
Weitere Bücher von J. Vellguth auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
When It Rains It Pours – Luke Combs

Links eine Tüte, rechts eine Tüte und auf dem Gesicht ein erschöpftes, aber glückliches Lächeln, so trat Mary aus dem kleinen Geschäft, in den nicht mehr ganz so sonnigen Nachmittag.
Sie beachtete die aufziehenden Wolken nicht und auch nicht den Wind, der an ihrer dünnen, türkisfarbenen Strickjacke zerrte. Während sie über den breiten Bürgersteig schlenderte, zwischen hohen Häusern hindurch und an einem pastellfarbenen Flickenmuster aus Backsteinfassaden und Sandsteinwänden vorbei, waren ihre Gedanken ganz in ihrem eigenen kleinen Laden und bei dem pompösen Rokokokleid, das sie erst vor etwa einer Stunde fertiggestellt hatte.
Es sah atemberaubend aus. Ein wahrer Traum.
Das vordere Mittelstück des Rockes war aus drei schneeweißen Lagen mit feinster Spitze gearbeitet. An der Hüfte war der glänzende, altrosafarbene Stoff des Oberrocks so weit ausgestellt, dass fünf Kleinkinder bequem darunter Platz finden konnten. Über der Brust hatte sie das Korsett mit einer silbernen Kordel kreuzgeschnürt, und da wo der Stoff des Oberkleides auf das Weiß des Mittelteils traf, hatte sie den Rand mit siebenhundertsechsundachtzig schimmernden Perlen per Hand verziert. Trichterförmige Ärmel und eine Schleppe vervollständigten das wahrhaft königliche Bild.
Und ja, sie hatte sich von Die Schöne und das Biest inspirieren lassen, und nein, es war historisch nicht korrekt.
Aber darum ging es schließlich nicht.
Es ging um die Kundin, die gleich nach der Fertigstellung ein Foto bekommen, doch natürlich noch nicht geantwortet hatte.
In den letzten Wochen war Miss Fisher sowieso sehr still geworden – wahrscheinlich hatte sie genug mit ihren Vorbereitungen zu tun.
Es musste ihr einfach gefallen. Sie würde auf ihrem Maskenball umwerfend darin aussehen und sicher ihren Freundinnen erzählen, wer es für sie gemacht hatte.
Ob das Marys Durchbruch wurde?
Dann war sie endlich nicht mehr auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen – allein bei dem Gedanken fühlte sie sich schon um zehn Kilo leichter – vor allem, weil ihr Dad bald in Rente ging und das Geld dann knapp wurde. Wenn ihr Traum von der anerkannten Modedesignerin Flügel bekam, könnte sie ganz auf eigene Kosten ihre Wohnung in Manhattan bestreiten.
Das kleine Stadthaus mit dem etwas anderen Mietvertrag war in den letzten Jahren zu ihrer zweiten Heimat geworden. Sie durfte das unter keinen Umständen verlieren.
An der nächsten Ampel war die Kreuzung mit Autos vollgestopft und sie zwängte sich mit den anderen Fußgängern an Stoßstangen und Auspuffen vorbei.
Mary arbeitete schon so lange, so hart für ihren kleinen Laden und damit ihren großen Traum. Besonders in den letzten zwei Monaten, wegen dieses ganz besonderen Auftrags. Und in den vergangenen zwei Nächten hatte sie so gut wie gar nicht mehr geschlafen, um die Frist einzuhalten.
Kopf: Es muss ihr einfach gefallen.
Bauch: Was, wenn sie allen erzählt, dass es ein Desaster ist?
Kopf: Beruhig dich.

Sie spürte, wie der Henkel der rechten Tüte ihr in die Finger schnitt.
Das komische Gefühl kam sicher nur durch den Benzingestank der Autos und durch die Müdigkeit.
Sie wäre schon längst im Bett, wenn sie Natty nicht zugesagt hätte, ihr noch ein paar Medikamente zu besorgen. Und, wenn sie sich selbst nicht versprochen hätte, zur Feier des Tages einen ganzen Becher Eiscreme zu kaufen – Sea Salt Caramel, auch bekannt als Zum-Niederknien-Lecker.
Mary war ein wenig schummrig, als sie die nächste Straße überquerte, doch das würde sich wieder geben, sobald sie im Bett lag. Sie ignorierte das seltsame Bauchgefühl, genau wie die dunklen Wolken, die aufzogen.
Heute konnte ihr niemand etwas.
Das Schicksal hatte sich zum Besseren gewendet – endlich.
Genau da gab es einen kleinen Ruck und einen Knall, und schon hatte die rechte Tüte ihren Inhalt auf dem Bürgersteig entleert. Mary seufzte. Sie wollte doch einfach nur in die weichen, sonnengelben Laken ihres Bettes fallen und ins süße Land der Träume driften.
Aber sie würde sich ihre gute Stimmung nicht verderben lassen. Weder von dummen Zufällen noch von Wolkenbergen, die mittlerweile den Tag zur Nacht machten und scharfen Wind durch die Straßenschluchten pfeifen ließen. Sie sammelte den Eiscreme-Becher und die Medikamentenschachteln vom Boden auf, wickelte sie in die Plastiküberreste, um die zweite Tüte nicht auch noch zu riskieren, und eilte weiter. Da traf der erste Regentropfen ihr Gesicht.
Super!
Die Finsternis griff mit langen Fingern in die Straßen, Scheinwerfer von Autos huschten vorbei und zu dem ständigen Rauschen gesellte sich ein lang gezogenes Donnergrollen, das bis tief in ihren Magen hinein rumpelte – der sich ja sowieso nicht sonderlich wohlfühlte.
Hastig stopfte sie ihren Einkauf unter die Jacke, auch auf die Gefahr hin, dass die Eiscreme schmolz – halb flüssig schmeckte die sowieso am besten. Doch weil ein ordentlicher New Yorker Schauer in wenigen Minuten ganze Kleiderschichten durchweichen kann, ganz zu schweigen von Medikamenten-Verpackungen, tat Mary etwas, das sonst nur Touristen machten oder Menschen, die glaubten, unverwundbar zu sein. Sie kaufte sich für fünf Dollar einen Regenschirm am Straßenrand.
Zur Sicherheit.
Bis zu Hause musste der reichen.
Es war schließlich nicht mehr weit.
Da brachen auch schon die Wolken auf und eine nasse, graue Wand aus dicken Tropfen sog sich sofort in ihre Jacke. Mary beschleunigte ihren Schritt, ihr Herz erhöhte den Takt und sie schaffte es irgendwie, den Schirm aufzuspannen, der zumindest ihren Kopf und ihre Brust vor den Wassermassen schützte. Sie ignorierte ihre weichen Knie, das Schwimmen in ihrem Bauch und konzentrierte all ihre Gedanken auf ihr Bett, das nur wenige hundert Meter entfernt auf sie wartete.
Mittlerweile war es dunkel wie die Nacht. Feuchtigkeit klebte ihr die weißblonden Locken ins Gesicht und die schwergewordenen Jackenärmel an die Haut.
Da summte das Handy in ihrer Hosentasche und sie machte einen kleinen Satz.
Natürlich wäre es schlau zu warten, bis sie zu Hause war.
Schlau, weil dann das Handy nicht komplett nass wurde und weil sie sich im Trockenen immer noch über die Antwort ihrer Kundin freuen konnte.
Aber Mary hielt es nicht aus. Sie war so neugierig und musste einfach sofort wissen, was Miss Fisher über das Kleid dachte. Ob es ihr gefiel, ob es so geworden war, wie sie es sich vorstellte, und ob sie genauso hingerissen war wie Mary.
Die Ampel an der nächsten Kreuzung sprang auf Rot. Noch mehr Regen sog sich in ihre Kleider, klebte die Jeans an ihren Oberschenkeln fest und lief in dicken Rinnsalen ihren Rücken hinunter. Aber die Verzögerung kam ihr trotzdem mehr als gelegen. Mit zitternden Fingern zog Mary ihr Telefon heraus und tippte auf die Nachricht.

Miss Fisher: Danke für die Mühe. Aber die Feier findet nicht statt. Ich habe keine Verwendung mehr für das Kleid.

Eine unsichtbare Blase breitete sich in atemberaubender Geschwindigkeit um Mary herum aus und verschluckte die Wirklichkeit. Das Rauschen der Autos wurde dumpf, den Regen hörte sie kaum noch, nur ihr Puls hämmerte wie Donnerschläge bis in ihren Hals hinauf.
Sie konnte sich nicht rühren.
Selbst dann nicht, als die Ampel umsprang.
Es ist vorbei.
Endgültig vorbei.

Ganz Manhattan schien langsam unter ihr aufzubrechen, schwarz bröckelte der Beton, kalter Felsen barst in tiefen Spalten und dann grinste ihr aus dem Höllenschlund das rote Glühen des Erdkerns entgegen, das sie im Nu zu Asche verbrennen würde.
Ein Auto rauschte an ihr vorbei, spritzte das Wasser einer tiefen Pfütze gegen ihre Beine, nasser Fahrtwind griff in ihren Schirm, riss ihn in die Höhe und zerstörte das klapprige Gestell. Die erbärmlichen Überreste ihrer neuesten Errungenschaft flatterten wie ein verzweifeltes Fähnchen über ihrem Kopf – schwarze Fetzen, ein klägliches Symbol ihrer endgültigen Niederlage.
Vorbei.
Nasse Locken schlangen sich um ihr Gesicht, klebten an ihrem Hals und Pfützenwasser schwappte in ihre Schuhe.
Ihr Geschäft war dahin. Wenn sie endlich aufhören wollte, ihren Eltern auf der Tasche zu liegen, musste sie nach Kansas zu ihrer Tante ziehen und für den Rest ihres Lebens Hosen kürzen. Das schummrige Gefühl in ihrem Bauch breitete sich in einer Übelkeit erregenden Welle aus und ließ ihre Knie noch weicher werden.
Es ist vorbei.
Immer wieder kreisten diese drei Worte sinnlos durch ihren Kopf.
Und dann … hörte der Regen plötzlich auf, ganz abrupt und nur über ihrem Kopf.
Seltsam.
Sie hob den Blick, alles drehte sich, ihr war so schlecht. Die kalte Eiscreme an ihrer Brust machte das absurd entrückte Gefühl nur schlimmer, die nasse Jacke schlang sich fest um ihren Körper und sie erblickte ein Sternenzelt über sich. Goldgelbe Punkte auf dunkelblauem Himmel, der sich dicht über ihr aufspannte.
Verrückt.
Sie schwankte.
»Hi.« Sie drehte den Kopf. Leuchtend grüne Augen im Scheinwerferlicht, sandblonde Locken, die samtig in seine Stirn hingen, und ein verschmitztes Lächeln.
Dann sackte sie in sich zusammen und alles wurde schwarz.

Im Kindle-Shop: Home Sweet Home: Liebesroman.
Mehr über und von J. Vellguth auf ihrer Website.



13. Juni 2019

'Roter Ozean: Im Fahrwasser der Macht' von Ute Bareiss

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Ein Feuerball erhellt das Tyrrhenische Meer. Aus den Trümmern der explodierten Motorjacht rettet der Meeresbiologe Alex einen Verletzten. Damit beginnt ein Kampf ums Überleben. Denn der Gerettete Sergio ist Journalist und besitzt brisantes Recherchematerial zu einem Mord in den höchsten Politkreisen Italiens. Alex gerät in einen Sumpf aus Macht und Intrigen – bis er selbst von Polizei und skrupellosen Verbrechern verfolgt wird.
Es bleibt nur ein Ausweg: Der Gejagte muss selbst zum Jäger werden.

»Ein extrem spannender Wettlauf um Leben und Tod.« (Kölner Rundschau)

Achtung: Am 16. Juni (Sonntag) im Kindle Deal des Tages.

Weitere Thriller von Ute Bareiss auf ihrer Autorenseite.


Leseprobe:
Prolog
Etwas stimmte nicht.
Die Köchin richtete sich in ihren Kissen auf. Der Geruch nach verbranntem Fleisch hing in der Luft. Madre Mia! Die Reste des Saltimbocca alla Romana vom Vorabend standen abgedeckt auf dem Herd. Hatte sie etwa vergessen, das Gas abzuschalten? So etwas passierte ihr in letzter Zeit öfter.
Sie schüttelte den Kopf, strich sich die grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht und stand auf. Ein Stechen fuhr durch ihre Glieder – die vermaledeite Arthritis. Zum Anziehen blieb keine Zeit, eine Wollstola musste ausreichen.
Der Flur lag ausgestorben da, nur in den Nischen lauerten schwarze Schatten.
Im Haus herrschte Stille.
Sie eilte in Richtung Küche, nur das Klappern ihrer Pantoffeln auf den Terrakotta-Fliesen übertönte das heftige Klopfen ihres Herzens. Ein ungutes Gefühl beschlich sie und verursachte ein Prickeln, das sich zwischen ihren Schulterblättern bis in den Nacken ausbreitete. Sie hielt inne. Mochte vieles nicht mehr so funktionieren wie früher, ihr Geruchs- und Geschmackssinn arbeiteten noch einwandfrei. Es roch eindeutig verbrannt.
In der Küche war kein Glimmen unter dem gusseisernen Topf auf dem Gasherd zu sehen, der wie eine Insel in Küchenmitte thronte. Was für ein Glück, sie hatte nichts vergessen!
Doch durch die Gardine fiel ein Flackern, das die Konturen beinahe gespenstisch erhellte. Sie hastete zum Fenster und spähte hinaus. Auf die Entfernung konnte sie nur vage tanzendes Licht ausmachen. Hatte etwa einer der Olivenbäume Feuer gefangen? Der Sommer war bislang viel zu trocken gewesen. Kleine Schweißperlen traten auf ihre Oberlippe. Sollte sie Hilfe rufen?
Warum brachte Daniele ausgerechnet heute die Signora mit den beiden Bambini für die Sommerferien zu den Großeltern nach Terracina? Schließlich war er für die Bäume zuständig. Sollte sie den Signore wecken? Nein, sie würde selbst nachsehen, bevor sie falschen Alarm schlug.
Beim Öffnen der Hintertür schlug ihr der penetrante Geruch mit voller Wucht entgegen. Sie drückte sich ein Ende der Wollstola vor die Nase und zog sie enger um ihre Schultern. Trotz der lauen Nachtluft fröstelte sie. Sie musste sich zwingen, einen Fuß vor den anderen über die unebene Wiese in Richtung des Lichtscheins zu setzen. Eine Windböe blies ihr warme Luft zu. Warme, nach verbranntem Fleisch riechende Luft. Beißender Qualm trieb ihr Tränen in die Augen. Sie blinzelte. Blinzelte nochmals.
Dio mio!
Sie schrie, laut und gellend. Als ihre Kehle den Ton versagte, schrie sie stumm weiter. Der Anblick des Menschenkörpers, der an einem Holzkreuz hing, eingehüllt in einen Mantel aus Flammen, die ihm das Fleisch von den Knochen leckten, brannte sich in ihr Gedächtnis.

1
Ein Schweißtropfen bahnte sich seinen Weg von der Schläfe über die Wange und tropfte auf den Neoprenanzug. Alex schloss widerwillig den Reißverschluss. Es wurde Zeit, ins Wasser zu kommen. Selbst für Anfang August war es noch ungewöhnlich warm. Kein Windhauch bewegte die blank polierte See des Golfe de Porto Vecchio, die Lichter der Häuser am Ufer spiegelten sich darin.
Alex gab Jean-Luc das Zeichen zum Abtauchen. Langsam ließen sie sich in die Tiefe sinken. Die Konturen der Pecorella schälten sich aus der Schwärze des Meeres. Ein angenehmes Kribbeln lief Alex den Rücken hinauf, als das gesunkene Schiff immer größer wurde, fast bedrohlich auf ihn zukam. Gespenstisch huschte der Strahl ihrer Tauchlampen über das Wrack, das aufrecht auf dem Grund stand. Wie Rubine leuchteten die Augen zweier Langusten auf dem Kabinendach auf, bevor sie rückwärts flüchteten.
Das Äußere des Wracks war mit leuchtend gelben Krustenanemonen übersät, die ihre Knospen in der Nacht allesamt zu eindrucksvollen Blütenkelchen geöffnet hatten, und das Steuerhaus wie ein sonnenblumenfarbiger Teppich überzogen, nur unterbrochen von Tupfen orange- und lilafarbener Schwämme.
Ein Barrakuda schoss aus dem Dunkel, um die vom Lampenschein angezogenen kleinen Fische und Krebse zu jagen. Alex erschrak und musste grinsen. Hatte er dem Fisch ein Abendessen spendiert? Der pfeilförmige Körper des Tieres funkelte wie mit Silberglitter überzogen, dennoch konnte dies nicht von den messerscharfen Zähnen ablenken, die hervorstachen, als der Barrakuda nach einer Sardine schnappte.
Durch Handzeichen verständigte sich Alex mit Jean-Luc, ins Wrackinnere zu tauchen. Ihre Atemgeräusche wirkten zugleich beruhigend und unheimlich in der Düsternis des engen Wracks. Vor ihnen teilte sich ein Schwarm Sardinen wie ein Vorhang, als sie hindurchtauchten. Alex’ Lampenstrahl huschte über den Grund, kreuzte sich manchmal mit dem von Jean-Luc. In der Ecke funkelte etwas. Er ließ sich absinken, es war ein herzförmiger Strass-Anhänger, wie sie oftmals an Badekleidung angenäht waren. Achtlos steckte er ihn in die Tasche seines Tauchjackets und deutete fragend zum Ausgang.
Jean-Luc bestätigte.
Die Laderaumluke wurde fast vollständig von einem Meeraal blockiert, der sie neugierig anstarrte. Seine bei Tag dunkelgrau erscheinende Haut schimmerte bläulich irisierend, als er sich davonschlängelte und ihnen den Weg freimachte.
Plötzlich hallte ein lauter Knall durch die Tiefe. Alex zuckte zusammen. Was war das?
Die Schallwellen drückten gegen seinen Brustkorb und pressten sich schmerzhaft auf sein Trommelfell. In Jean- Lucs weit aufgerissenen Augen spiegelte sich sein eigener Schreck wider. Gleichzeitig zeigten ihre Daumen zur Wasseroberfläche. So schnell es möglich war, schossen sie nach oben. Ein mächtiger Feuerball erleuchtete unweit nördlich von ihnen in der Cala Rossa den Horizont, Funken stoben in die klare, schwarze Luft.
„Sieht aus, als wäre ein Boot explodiert!“ Alex hustete.
„Merde! Lass uns bloß hoffen, dass es unbewohnt war“, sagte Jean-Luc und traf damit genau Alex’ Gedanken.

Im Kindle-Shop: Roter Ozean: Im Fahrwasser der Macht (Ein Alex-Martin-Thriller 1)

Mehr über und von Ute Bareiss auf ihrer Website.



'Gourmetkiller' von Elsa Bergh

Kindle (unlimited) | BookRix | Taschenbuch
Frauen sind unberechenbar. Sie zu unterschätzen, bedeutet den Tod.

In einem Sternerestaurant in Pisa fällt ein Mann während des Abendessens mit dem Gesicht voran in die Balsamico-Soße seines Hauptgangs. Er verstirbt im Krankenhaus, und seine Begleiterin verschwindet spurlos. Tags darauf verliert ein Restaurantgast fünfzig Kilometer entfernt das Bewusstsein. Die Frau an seiner Seite löst sich ebenfalls in Luft auf. Das Einzige, was die beiden Vorfälle verbindet, ist die Anwesenheit eines berühmten Restaurantkritikers, der seit einiger Zeit anonyme Nachrichten erhält.

Die scheinbar natürlichen Todesfälle sind nur die Oberfläche des Sumpfes aus Intrigen, Geld und Macht, den die Adeligen und Reichen als ihre Spielwiese auserkoren haben. Allen voran eine Frau, deren Identität niemand kennt und die wie eine Puppenspielerin die Fäden zieht.

Das Netz ist bereits so dicht verwoben, dass es für den florentinischen Colonello Lorenzo Valleverde und seinen Partner Tommaso Lo Bianco unmöglich scheint, durch die Maschen zu blicken ...

Leseprobe:
Prolog
Bleistiftabsätze klapperten über den Steinboden des Flurs des historischen Palazzo und kündigten ihr Kommen an, bevor sie die Tür aufstieß, die gegen die Wand krachte. Die Frau trug einen dieser kleinen Hüte mit Schleier, die man heutzutage fast nur noch in Filmen sah. Oder auf Begräbnissen. Mit dem schwarzen Mantel und den gleichfarbigen Accessoires sah sie ohnehin so aus, als ob sie von einem solchen käme.
»Das hier ist ein privates Meeting«, sagte der Mann an der Stirnseite des riesigen Besprechungstisches, der alle anderen selbst sitzend überragte.
»Eines, zu dem ich eingeladen bin.« Ihre Stimme war heiser, der Ton schnippisch.
»Das ist mir nicht bekannt. Wir sind vollzählig«, konterte er.
»Stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind.« Sie hüstelte.
Um seine Mundwinkel zuckte es. Die anderen vier Männer, je zwei an den Längsseiten, vermieden es, ihn oder die Frau anzusehen.
»Was wollen Sie?«, knurrte er unwirsch.
Sie machte ein paar Schritte in den Raum hinein und blieb am Rand des Aubusson stehen, der unter dem ausladenden Tisch und den Stühlen lag. Immer noch verblieben etliche Meter zwischen ihr und den Männern.
»Das, was mir zusteht. Ich bin seine Universalerbin, sein Anteil ist nun meiner.«
Als ob sie ihre Worte damit unterstreichen könnte, rückte sie mit einer resoluten Geste den Trageriemen ihrer eleganten Handtasche, eine golden gefärbte Kette, zurecht.
Unruhe machte sich breit. Ein angestupster Kugelschreiber rollte von der Tischplatte und fiel zu Boden. Einer der Männer flüsterte etwas Unverständliches. Ein anderer griff nach einem Trinkglas und schubste es zwischen seinen Händen auf der glatt polierten Platte hin und her.
Derjenige, der bisher gesprochen hatte, schob seinen Stuhl ein Stück zurück, umfasste die Armlehnen und fragte: »Wovon?«
Dieses eine emotionslos ausgesprochene Wort brachte die Frau sichtlich in Rage. Sie hielt die Luft an, japste, zog die Schlaufe des Gürtels, mit dem ihr Mantel gehalten wurde, enger.
»Das ist ja wohl klar, immerhin war er euer Freund und Partner!«
»Er war ein Bekannter, kein Freund«, konterte der große Mann. »Aber wie Sie richtig sagen«, er machte eine bedeutungsvolle Pause und dehnte das nächste Wort in die Länge, »war er unser Geschäftspartner. Mit Betonung auf war, denn jetzt ist er tot.«
Die Frau atmete hörbar aus und das feine Netz des Schleiers vor ihrem Gesicht bewegte sich. Allerdings nicht genug, um ihre Nase oder gar ihre Augen freizugeben. Nur ihre karmesinrot geschminkten Lippen blitzten darunter hervor.
»Er hatte die Idee«, stieß sie aus.
»Gemeinsam mit uns.«
Die Frau hielt kurz inne und schien zu überlegen.
»Er hat seinen Anteil auf das Projektkonto eingezahlt.« Der Triumph in ihrer Stimme war unüberhörbar.
»Der am Tag nach seinem Tod zurücküberwiesen wurde.«
Sie taumelte leicht und flüsterte: »Das kann nicht sein!«
»Sie wissen es nicht?« Der Mann lachte auf. »Eigenartig, wo Sie angeblich die Universalerbin sind.«
»Natürlich bin ich das, ich war doch seine Frau«, keifte sie heiser zurück.
Er setzte sich kerzengerade auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Nein, seine Frau waren Sie nicht. Sie waren nur die letzte seiner Gespielinnen, diejenige, die zum Zeitpunkt seines Todes an seiner Seite war. Das ist alles. Und jetzt gehen Sie bitte, das Gespräch ist beendet.«
Sie wankte. Einen Moment lang sah es so aus, als ob die Bleistiftabsätze unter ihrem Körpergewicht einknicken wollten, doch dann fing sie sich. Die goldene Kette rutschte von ihrer Schulter. Sie zog die flache Handtasche an ihre Brust und hielt sie mit beiden Händen fest.
»Dafür werdet ihr bezahlen! Glaubt nicht, dass ihr damit so einfach davonkommt!«, spie sie mit heiserer kippender Stimme aus.
Der Mann zeigte mit dem ausgestreckten Arm zur immer noch offen stehenden Tür.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, machte sie kehrt und stöckelte aus dem Raum. Erst als das Geklapper ihrer Absätze am Ende des Flurs verklang und kurz darauf die schwere Eingangstür ins Schloss fiel, wandte einer der Anwesenden sich den anderen zu.
»Ich frage mich, was er an dieser Schlange gefunden hat. So eine würde ich nicht einmal mit der Kneifzange anfassen.«
»Kanntest du sie schon?«, fragte sein Gegenüber.
»Nie zuvor gesehen. Und ihr?«
Einstimmiges Kopfschütteln war die Antwort.
»Eben. Sie ist niemand, und sie hat auch keine Anteile von etwas, was es noch gar nicht gibt.« Der Mann, der als Einziger mit der Frau gesprochen hatte, rückte mit dem Stuhl näher an den Tisch und schlug die Mappe auf, die vor ihm lag. »Wir halten uns weiterhin bedeckt und gründen die Gesellschaft zum geplanten Datum. Bis dahin läuft alles wie bisher. Irgendwelche Einwände?«
Einer räusperte sich. »Wir sind also nur noch fünf?«
Der, der neben ihm saß, schlug ihm auf die Schulter. »Das ist doch perfekt. Dann hat jeder von uns anstatt eines Sechstels ein Fünftel der Gewinne!«
Alle stimmten in sein Lachen ein.

Eins
Pisa, an einem Mittwochabend einige Wochen später

Genießerisch atmete der Mann den Geruch ein. Seine Augen waren halb geschlossen. Es schien, als wartete er auf einen zärtlichen, glückseligen Kuss. Seine rechte Hand näherte den Dessertlöffel dem Mund, vorsichtig öffnete er die Lippen. Die Zunge stieß hervor, um von dem weißlichen Schaum zu kosten. Sobald das Zitronenparfait seine Geschmackspapillen erreichte, verzauberte ein zufriedenes, fast ekstatisches Lächeln sein Gesicht. Gleichzeitig verdoppelten sich die kleinen Schweißtropfen auf seiner Stirn. Mit einer lästigen Bewegung wischte er sie mit dem Einstecktuch, das sich scheinbar nur deshalb in der Tasche der Weste befand, weg. Dann machte er sich daran, die cremige Süßspeise in sich hineinzulöffeln.
Die Jacke des eleganten Maßanzugs aus dunkelgrauem Glencheck hatte er schon kurz nach den Antipasti über die Sessellehne gehängt, die beiden oberen Knöpfe des weißen Hemdes waren geöffnet. Die Krawatte war sorgfältig aufgerollt in einer Hosentasche verschwunden. Eine locker geschnittene schwarze Weste kaschierte meisterhaft den Bauch des Mannes, der sich nun zufrieden zurücklehnte. Er nahm die Stoffserviette von seinen Knien und legte sie neben den Teller auf den Tisch.
Durch das einseitig verspiegelte Bullaugenfenster der Pantry beobachtete der Maître Enrico Gallo die Mimik des Gastes. Dann stieg er mit dem Absatz des eleganten, schwarzen Schuhs auf den Druckknopf im Boden, der die automatische Tür zum Gastraum öffnete. Er bewegte sich lautlos zum Tisch des Mannes, der ohne Begleitung an einem Fenstertisch saß. Mit einem leichten Nicken signalisierte er dem Mitarbeiter, der soeben das Dessertgeschirr abräumte, dass der Gast nun von ihm betreut würde.
»Alles in Ordnung, Signore?«, fragte er mit höflichem Lächeln. »Darf ich Ihnen noch etwas bringen?«
Enrico kannte den Gastrokritiker seit vielen Jahren und wusste, dass man von seinem Gesichtsausdruck nichts ablesen konnte. Von den Artikeln und Bewertungen des Journalisten hing das Schicksal der Restaurants ab, die heute ganz oben waren und morgen in Vergessenheit gerieten. Nando Natuzzi arbeitete unter anderem für einen weltweit berühmten Restaurantführer, der seit Jahrzehnten Sterne vergeben und ebenso schnell wieder aberkennen konnte. Seine unangekündigten Besuche versetzten Restaurantbesitzer und deren Mitarbeiter immer in Aufregung – vor allem, weil sie ihn gut kannten. Jetzt hob Natuzzi das Kinn leicht an und antwortete, den Blick der wasserblauen Augen auf den Maître gerichtet.
»Einen Caffè Ristretto und einen Grappa Tocai.« Dann drehte er den Kopf zur Seite und starrte gedankenverloren aus dem Fenster.
Enrico bereitete persönlich das kleine Tablett vor, auf dem die Auswahl verschiedener Zucker und der kurze, starke Espresso serviert wurden, und übergab es dem jungen Kellner. Dann näherte er sich mit dem eleganten Servierwagen, auf dem neben einigen tulpenförmigen Grappagläsern eine Flasche mit goldfarbenem Grappa aus Tokajer-Trauben stand, dem Tisch des Kritikers. Der Journalist warf einen Kennerblick auf den im Barrique gealterten Likör und nickte diskret. Als der Maître den Flaschenhals über dem Glas neigte, erklang ein schriller Schrei.
Beide Männer drehten ruckartig die Köpfe dorthin, wo jetzt weinerliche Jammerlaute zu hören waren. Eine schlanke Frau stand neben dem Stuhl ihres Begleiters, dessen Stirn in der Balsamico-Soße auf dem Teller seines Hauptgangs, eines Rinderfilets, lag. Seine Arme hingen beiderseits der Beine reglos nach unten.
»Ein Arzt, ein Arzt«, rief die rot gekleidete Frau hysterisch mit hoher Stimme, auch noch, als der Maître bereits neben dem Tisch stand. Er versuchte, den Kopf des Gastes vorsichtig anzuheben, doch der hatte offensichtlich das Bewusstsein verloren. Geistesgegenwärtig deutete er dem herbeigeeilten Mitarbeiter, einen Wandschirm näher zu rücken, um den Mann vor neugierigen Blicken zu schützen. Mittlerweile erklärte er auf seinem Handy dem Notruf kurz und bündig den Vorfall.
Dann legte er der Frau beschwichtigend einen Arm um die Schulter und drückte sie behutsam auf den Sessel, während sie unaufhörlich mit weinerlicher Stimme »Amore mio, non capisco« murmelte.
Nun, auch Enrico Gallo verstand nicht und hätte gern gewusst, was los war. Hatte die Bewusstlosigkeit des Gastes mit dem Abendessen zu tun? Sofort verwarf er den Gedanken. Nein, niemals. Mimmo Santagati, der Besitzer und Sternekoch des Restaurants, verwendete nur erstklassige, frische Zutaten.
Knappe zehn Minuten später beugte sich der Notarzt über den Mann, der sich noch immer nicht bewegte, und fühlte dessen Puls an der Halsschlagader. Dann nickte er dem Sanitäter zu, der den Bewusstlosen aus dem Jackett schälte und den Hemdsärmel aufrollte, und legte ihm die Blutdruckmanschette an. Währenddessen stellte er der Frau einige knappe Fragen über den Begleiter, der ihren Angaben nach achtundvierzig Jahre alt und bei allerbester Gesundheit war. Er lief jeden Tag fünf Kilometer und spielte zweimal wöchentlich Tennis und nahm, soweit sie wusste, keine Medikamente. Der Arzt zog vorsichtig den Kopf des Mannes hoch, griff ihm unter die Schultern und hob ihn an. Dann legte er ihn mit seinem Kollegen auf die aufgeklappte Rettungsliege. Die Frau war aufgesprungen und wischte dem Bewusstlosen mit einer Serviette die Balsamico-Soße von der Stirn, wurde jedoch unsanft vom Sanitäter zurückgedrängt.
Erneut kontrollierte der Arzt den Blutdruck. Wahrscheinlich hatte er gehofft, dass die liegende Position eine Änderung herbeiführte, dem war aber offensichtlich nicht so. Mit einem irritierten Kopfschütteln zog er eine Spritze mit Adrenalin auf und injizierte es. Der Mann reagierte nicht. »Gehen Sie vor«, sagte der Notarzt an den Maître gewandt, der zur Tür eilte und diese aufhielt. Die beiden Notfallhelfer schoben die Liege aus dem Gastraum und dem Restaurant.
Die rot gekleidete Frau nahm ihre Tasche und die Jacke des Mannes und lief mit trippelnden Schritten auf ihren schwarz-roten High Heels hinterher. Nando Natuzzi war nicht der Einzige, dessen Blick den sich wiegenden Hüften und den schlanken Beinen, die oberhalb der Kniekehlen vom fließenden Stoff des roten Kleides umspielt wurden, folgte.

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10. Juni 2019

'Kolumbianische Scheidung: In Sumpf der Pharmaindustrie' von Philipp Aeby

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Der erfolgreiche Schweizer Jungunternehmer Henry geht nach Kolumbien, um die Heimat seines Vaters kennen zu lernen. Dort gerät er an einen unangenehmen, zwielichtigen Auftraggeber. Zur gleichen Zeit verschwinden immer wieder Menschen aus dem benachbarten Slum. Wie hängt dies alles zusammen? Hat ein bedeutender, ortsansässiger Pharmakonzern damit zu tun? Henry stellt Nachforschungen an und gerät dabei selbst in tödliche Gefahr.

"Außerordentlich spannend: Der Schweizer Autor Philipp Aeby schildert in 'Kolumbianische Scheidung' die rücksichtslosen Bereicherungs-Deals globaler Unternehmen. Die Handlung dieses Thrillers hat Aeby in einer Chronologie atemraubender Spannung aufgebaut. Das Buch erzählt nicht nur eine verrückte Geschichte, sondern gewährt auch den Blick in die Welt hinter den Kulissen der Pharmaindustrie. Zugleich ist es eine schöne Liebesgeschichte, als Leser kommt man von der Lektüre nicht mehr los". — Nürnberger Nachrichten

Leseprobe:
Die Hütte war auf Pfählen an den steilen Hang gebaut und hatte keine Fenster. Im Innern war es dunkel und stickig. Das wenige Licht kam durch die Fugen zwischen den grob gezimmerten Holzplanken und durch ein kleines Gitter im Blechdach.
Henry saß an einem niedrigen Tisch neben dem Eingang und beobachtete, wie der alte Mann Häute und Knochen in einem metallenen Topf über dem offenen Feuer auskochte. Die Herstellung von Gelatine war eine langwierige Arbeit und wegen des beißenden Gestanks, der manchmal von der Hütte ausging, hatte sich der Alte mit allen Nachbarn zerstritten.
„Hören Sie, Abelardo“, begann Henry von neuem. „Ich wurde von niemandem geschickt. Ich bin hier, weil ich mich für das Viertel interessiere. Was die Leute denken und wie sie hier leben. Sie sind vor über zwanzig Jahren zugezogen und haben vieles gesehen und gehört.“
Abelardo schüttelte den Kopf. Er kauerte neben der Feuerstelle und rührte hin und wieder mit einer Art hölzernen Schöpfkelle in der brodelnden Brühe. Für alle Süßigkeiten, die im Viertel hergestellt und frühmorgens von den Straßenverkäufern ins Stadtzentrum getragen wurden, lieferte er das Geliermittel. Doch er schien seine Hütte nie zu verlassen und niemand wusste, wo er die vielen Schlachtabfälle her hatte.
Henry blickte nervös auf die Uhr. Der Tag neigte sich dem Ende zu. Alto Aguacatal war eines der ärmsten Viertel in der Stadt Cali und es war bestimmt keine gute Idee, bei Einbruch der Dunkelheit noch hier zu sein. „Ich bin Schweizer“, sagte er mehr zu sich selbst. „Ich habe mit den hiesigen Querelen nichts zu tun, gehöre keiner Seite an …“
„Du bist Kolumbianer“, fuhr ihm der alte Mann über den Mund. Er sprach langsam und war beinahe zahnlos. „Dein Vater ist Kolumbianer. Schwarzer Kolumbianer. Denkst du, ich weiß nicht über dich Bescheid? Wie du dich in unserem Viertel herumtreibst und die Leute ausspionierst? Du bist ein Komplize von Hermann, dem Deutschen. Aber mich jagt ihr nicht davon. Vor vielen Jahren wurde ich aus meinem Dorf vertrieben, doch in diesem Haus werde ich sterben.“
„Nein, Abelardo, Sie täuschen sich in uns“, antwortete Henry heftig. „Hermann ist hier im Viertel um zu helfen. Er hat eine Bäckerei aufgebaut und organisiert Weiterbildungen. Das sind doch gute Sachen. Und ich bin bei meiner Mutter in der Schweiz aufgewachsen. Hermann kenne ich nur, weil ich in der Zeitung über ihn gelesen habe.“
„Frustriert guckte er durch die Ritzen im Fußboden. Es ist sinnlos, dachte er, dieser Greis ist starrköpfig und verdächtigt die ganze Welt. Auf einmal bemerkte er, dass Abelardo aufgehört hatte, im großen Topf zu rühren. Ein leiser Luftzug wehte die Hitze und den Geruch nach feuchter Holzkohle von der Feuerstelle herüber. Dann plötzlich ertönte ein Schuss. Henry duckte sich und bewegte sich unwillkürlich vom Eingang weg. Etwas schlug auf der steilen Treppe vor der Hütte auf. Kurz darauf vernahm er von draußen ein undeutliches Röcheln. Der alte Mann verzog keine Miene. Er lehnte die Schöpfkelle behutsam an den Topfrand, versuchte den Schein des Feuers mit einem Holzbrett nach außen abzudecken und zog aus einer verborgenen Nische ein langes Messer hervor. Bange Momente vergingen, bis ein lautes Stöhnen die Stille durchbrach. Henry bekam Angst. Seine Gedanken rasten und sein erster Impuls war hier wegzukommen. Als er die Tür vorsichtig einen Spalt öffnete und nach draußen spähte, sah er direkt vor sich einen völlig verwahrlosten Mann zusammengekrümmt auf den Betonstufen liegen. Der Mann hatte lange schwarze Haare und ein von Schmerzen verzerrtes Gesicht. Henry konnte niemanden sonst entdecken. Er sprang aus der Hütte und kniete neben dem Verletzten nieder, der ihn mit weit aufgerissenen Augen panisch anstarrte. Sein Atem ging stoßweise und Blut strömte unter seiner Hand hervor, die er mit aller Kraft gegen den linken Oberarm presste. Das Blut durchtränkte sein verwaschenes T-Shirt und färbte die Treppenstufe tiefrot. Henry wurde übel. Er brauchte dringend einen Verband, um die Blutung zu stoppen. Die umliegenden Hütten schienen verlassen zu sein, obwohl er Dutzende Blicke auf sich spürte. Henry eilte in Abelardos Hütte zurück. Als er durch die Tür trat, war der alte Mann verschwunden.

***

Patrick Bock blickte durch das Eckfenster auf die Brooklyn Bridge und die Zwillingstürme des World Trade Centers. Es war schon dunkel. Überall leuchteten weiße und rote Lichter. Tausende von Autos bewegten sich lautlos in den Straßenschluchten und auf der Stadtautobahn, nur einzelne Sirenen durchbrachen die Stille. Er saß auf seinem Hotelbett im 44. Stock des Millenium Hilton und war froh, wieder in New York zu sein. Vor zehn Minuten hatte ihn die Limousine nach einer Fahrt von New Haven, die wegen des vielen Verkehrs fast drei Stunden gedauert hatte, vor dem Hotel abgesetzt. New Haven war zwar Sitz bedeutender Institutionen wie der Yale-Universität, aber gleichzeitig verströmte die Stadt einen provinziellen Mief, vor dem es Patrick in den USA immer grauste. Überhaupt war er unzufrieden. Wieso machte er diese Arbeit eigentlich immer noch? Er beschloss, sich etwas zu gönnen, sobald er in London war. Aber zuerst wollte er versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen. Musste er die Operation Sierra abbrechen, weil alles zu riskant geworden war?
Er erhob sich vom Bett und begann im Zimmer auf und ab zu laufen. Er war groß und hatte einen federnden Gang, wie jemand, der schon seit früher Kindheit Sport gemacht hatte. Der kurze Schnitt seiner dunkelblonden Haare und die schmalrandige Hornbrille unterstrichen die hohe Stirn. Er trug ein hellblaues Hemd aus teurem Stoff und eine dunkle Anzugshose. Vor der Minibar hielt er inne und lockerte den Krawattenknopf. Dabei betrachtete er ein großes Glas mit Cashewnüssen, unschlüssig, ob er nicht lieber essen gehen wollte. Schließlich nahm er aus dem Kühlschrank ein Bier, das wohl recht fade schmecken würde, und goss es in ein schmales Wasserglas. Es war kurz nach neun Uhr abends. Nur vier Stunden vorher hatte er Bob Gabriel gegenübergesessen. Bob hatte Neuigkeiten, von denen sie beide nicht wussten, ob sie gut oder schlecht waren. Auf jeden Fall kamen sie überraschend.
„Du weißt, Patrick, es ist streng vertraulich und eigentlich darf ich mit niemandem darüber sprechen!“
Patrick versuchte, Bob in die Augen zu blicken, doch dieser starrte auf die Ledermappe, die vor ihm auf dem Tisch lag.
„Ich vertraue dir; schließlich haben wir lange genug zusammengearbeitet“, fuhr Bob fort, „doch diese Sache ist heikel. Selbst ich wurde nur aufgrund besonderer Notwendigkeiten eingeweiht. Ich vermute, dass weltweit nur ein Dutzend Personen davon wissen.“
Bob genoss diesen Moment. Er lehnte sich im Drehstuhl zurück, faltete theatralisch seine Hände und ließ seinen Blick zur Decke wandern. Patrick versuchte gleichgültig zu wirken. Du Fettsack, dachte er, komm schon raus damit!
„Nun, es ist der Konkurrenz nicht entgangen, dass unsere außerordentlich starke Performance von der Börse noch wenig honoriert wurde. Oder anders ausgedrückt, dass wir eine der letzten mittelgroßen Pharmafirmen sind, die Teil eines grenzüberschreitenden Deals sein könnten. Und haben wir nicht deshalb deine Dienste in Anspruch genommen, weil wir fest an das Potential von Verkusen glauben?“ Bob schaute Patrick fest in die Augen.
„Mit wem laufen die Verhandlungen?“ wollte Patrick wissen.
Bob kippte seinen Drehstuhl etwas nach hinten, um wieder die Decke studieren zu können.
„Das kann ich natürlich nicht sagen, aber ich gebe dir einen Tipp: Die Interessenten haben ihren Hauptsitz nicht weit von deinem Büro entfernt.“
„Senta also!“ schoss es Patrick durch den Kopf. Das war nicht völlig abwegig. Schon lange wollten die Investmentbanken Verhandlungen zwischen Verkusen Pharmaceuticals in New Haven und der Senta & Cie AG in Basel anstoßen. Letztere machte fast doppelt so viel Umsatz wie Verkusen, galt aber in der Pharmaindustrie nach den Fusionen der großen Konkurrenten inzwischen selbst als Übernahmekandidat. Zudem ergänzten sich die Produktpaletten der beiden Firmen hervorragend. Eine fusionierte Firma hätte eine besonders starke Stellung bei Medikamenten gegen Herz-Kreislauf- und Infektionserkrankungen.
„Und was bedeutet das für unser Projekt?“ fragte Patrick.
Bob lächelte gütig. „Mein lieber Patrick, ihr von Scots seid unsere bevorzugten Strategieberater. Egal ob im Alleingang oder mit einem neuen Partner, es gibt einige Bereiche in Marketing und Vertrieb, in denen wir uns verbessern müssen.“
Bob Gabriel war der Vizepräsident für Marketing & Sales Operations von Verkusen in den USA. Er hatte sich sehr stark dafür eingesetzt, dass Patrick und sein Team von Scots & Partner das lukrative Beratungsmandat bekamen.
Doch Patrick schüttelte den Kopf. „Was mir Sorgen macht, ist eher die Operation Sierra. Wer weiß, was ein neuer Vorstand dazu sagen würde.“
Aus dem Gesicht von Bob verschwand jegliche Spur von Jovialität. „Das ist deine Sache, Patrick, damit habe ich nichts zu tun.“

Im Kindle-Shop: Kolumbianische Scheidung: In Sumpf der Pharmaindustrie.
Mehr über und von Philipp Aeby auf seiner Website.



6. Juni 2019

'Den Brautstrauß kriegst DU nicht' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
HAPPY DAYS
»Ich möchte doch einfach nur heiraten.« Fenja wird vor ihrer Hochzeit mit Valentin mächtig gebeutelt. Statt Freude und Zustimmung macht Fenja die Erfahrung, dass die Probleme von völlig unerwarteter Seite heranrauschen.

Ihre Mutter und auch die angehende Schwiegermutter wollen heftig bei der Organisation des Hochzeitsfestes mitmischen. Wie erleichternd, dass ihre Brautjungfern Yasmin, Paula und Melly immer wieder für glückliche Stunden sorgen. Sie helfen bei der Suche nach ihrem Traum-Brautkleid, sprühen vor guten Ideen und organisieren eine prächtige Bridal Shower. Allerdings sind die drei Mädels noch Single und jede von ihnen möchte natürlich den heiß begehrten Brautstrauß schnappen.

Weitere Bücher von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
»Ihr dürft mir gratulieren«, Fenja strahlte ihre beiden langjährigen Freundinnen begeistert an und hob ihr Glas Prosecco. »Valentin und ...«
Aber ehe sie den Grund nennen konnte, platzte Paula bereits vor Neugier mitten in ihr Statement.
»Ui, was ist passiert? Hast du eine Gehaltserhöhung bekommen oder ein neues Auto gekauft oder im Lotto gewonnen?«
»Mensch, Paula! Du gibst ihr ja gar keine Gelegenheit, etwas zu sagen!« Yasmin bedachte sie mit einem bösen Blick.
Fenja räusperte sich. »Valentin und ich ... also, wir werden heiraten.«
Für den Bruchteil einer Sekunde war es still am Tisch, dann schnatterten die Freundinnen zeitgleich los.
»Hey«, rief Fenja lachend, »lasst uns darauf anstoßen!«
Die Gläser erklangen hell, als wollten auch sie die Braut in spe beglückwünschen.
Kaum war der erste Schluck getrunken, musste Paula alles lückenlos wissen. »Berichte, wie hat er dir den Heiratsantrag gemacht?«
»So lange seid ihr doch noch gar nicht zusammen!« Der Einwand kam von der stets zur Vorsicht neigenden Yasmin. Ihre schönen dunklen Augen waren kugelrund geworden.
Fenja sah sich gleich zur Rechtfertigung veranlasst. »Ich kenne ihn schon fünf Jahre, elf Monate sind wir jetzt ein Paar und seit vier Monaten haben wir unsere gemeinsame Wohnung.«
Paula zuckte mit den Schultern. »Als wenn das von Bedeutung wäre! Valentin ist schließlich eine blendende Partie! Da würde keine Nein sagen.«
Fenjas Lächeln erlosch. Hatte sie das richtig verstanden? »Warum sagst du das? Das hört sich an, als klebten an jedem seiner Finger zehn Freundinnen und ich hätte im Lostopf gehangen wie beim Bachelor. Und er hat mich genommen, nachdem er alle anderen ausgetestet hat oder einige davon freiwillig aufgegeben haben.« Sie strich sich energisch eine blonde Haarsträhne hinters Ohr.
»Quatsch! Ich meinte nur, er sei ein Schnäppchen«, eierte Paula rum.
»Wie bist du denn drauf? Er hat sich mir nicht wie Sauerbier angeboten und ich mich ihm auch nicht!« Fenja stellte entrüstet das Glas auf den Tisch. Ein bisschen zu heftig, sodass etwas Prosecco überschwappte. »Oh ...«
»So hab ich das doch gar nicht gemeint!« Paula blickte ein wenig ratlos. »Ich, also ...«
Yasmin beendete die unglückseligen Äußerungen ihrer Freundin. »Paula wollte sagen, er ist total nett und sieht obendrein noch toll aus. Und jetzt schieß los, wir sind super neugierig! Du bist die Erste von uns, die es geschafft hat.«

Tatsächlich war Fenja die Allererste der langjährigen Freundinnen, die einen Antrag bekommen hatte – und das ausgerechnet von einem Mann mit bestens gefülltem Konto. Valentin von Sellbach gehörte einer bekannten Unternehmerfamilie an, die mit einer Hotelkette ein Vermögen erwirtschaftet hatte.
Er selbst hatte nach dem Studium in verschiedenen Hotels gearbeitet, um dort fremde Geschäftsluft zu schnuppern und Erfahrungen zu sammeln. Nun führte er mit seiner Mutter gemeinsam die Geschäfte, denn sein Vater hatte sich nach zwei Herzinfarkten vom operativen Geschäft zurückgezogen.
Tatsache jedoch war, dass Mama intern das Regiment mit einem Zwölf-Stunden-Tag fest in den Händen hielt. Das tat sie nicht nur im Beruflichen, auch im Privaten war Carlotta von Sellbach Dreh- und Angelpunkt der Hotelier-Familie. Das hatte Fenja gleich bei der Verkündigung ihrer Verlobung erfahren.
»Mein Kind, sei herzlich willkommen in unserer Familie.« Sie hatte die Braut ihres Sohnes in die Arme genommen, jedoch so, dass ihre kostbare Seidenbluse sowie ihre Frisur nicht gequetscht wurden, ihr Küsschen rechts und links auf die Wangen gehaucht und hinzugesetzt: »Es erwarten dich in Zukunft vielfältige Aufgaben. Wir schauen, welche Funktionen einer Juniorchefin, die fünf Sprachen fließend spricht, würdig sind.«
»Aber ich bin sehr zufrieden mit meinem Job als Empfangsmitarbeiterin.«
»Fenja, es ist kein Job! Ein Job ist, wenn du irgendwo Kisten ausräumst. Front Office Agent heißt, du bist die erste Person, mit denen Gäste Kontakt aufnehmen und somit das Aushängeschild unseres Hotels. Der allererste Eindruck ist der entscheidende und durch nichts zu ersetzen. Das machst du bereits hervorragend. Es ist trotzdem notwendig, die Dinge ein wenig zu modifizieren.«
Damit war für ihre Schwiegermutter in spe die Angelegenheit erst einmal erledigt.

Im Kindle-Shop: Den Brautstrauß kriegst DU nicht (Happy Days 1).
Mehr über und von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki auf ihrer Website.