28. Juni 2019

'Erbin der Zeit: Die Schlacht von Pyrinas' von Xenia Blake

Kindle Edition | Tolino | Taschenbuch
Xaenym Davine führt ein perfektes Leben. Aber an ihrem 16. Geburtstag erfährt sie, dass alles eine Lüge war. Denn Xaenym ist keine normale Sterbliche. Ihr Vater ist der Titan Chronos. Und an den Sagen aus der griechischen Antike ist mehr dran, als sie je gedacht hätte.

Bevor sie sich versieht, gerät sie in eine Welt voller Gefahren, wo Halbgötter gegen Monster kämpfen und schwierige Missionen antreten. Schon bald machen sie und ihre neuen Freunde sich auf den Weg zu einer sagenumwobenen Insel und müssen dabei zahlreichen Gefahren trotzen.

Erster Band der Trilogie "Erbin der Zeit".
Jugendfantasy für jedes Alter.


Weitere Bücher von Xenia Blake auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
Xaenym
Wenn ich im letzten Jahr etwas gelernt habe, dann, dass Gefühle einerseits Stärke bedeuten, andererseits aber auch der Schwachpunkt jedes Menschen sind.
Als mich eines Morgens ein schrilles Piepen aus dem Schlaf riss, schlug ich genervt mit meinem Kissen nach dem Wecker, der mit einem Knacken den Geist aufgab. Ich hievte mich aus dem Bett und ging in mein kleines Bad, um mir dort eiskaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Zwei grünbraune Augen blickten mich aus dem Spiegel an, umrahmt von rotbraunen, gewellten Haaren, die mir sanft auf die Schultern fielen. Ich lächelte. Mein Name war Xaenym Davine und mein Leben war perfekt. Mit meinen hübschen Haaren, außergewöhnlichen Augen und weichen Gesichtszügen galt ich in der Schule als das schönste Mädchen. Meine Mutter hatte viel Geld und ich hatte einen Freund, Zack, den Quarterback im Footballteam unserer Schule. 16 Jahre alt wurde ich heute, allerdings hielt sich meine Vorfreude in Grenzen. Genaugenommen gab es nur eine Sache, die ich an Geburtstagen mochte: den Teil der Geschenke, mit dem man etwas anfangen konnte. Bedauerlicher Weise war der nie besonders groß. Jedes Jahr hört man sich etliche Glückwünsche an und nimmt schreckliche Geschenke entgegen, nur um zu feiern, dass man Jahr für Jahr älter wurde.
Schnell zog ich mir ein gelbes T-Shirt sowie einen kurzen, schwarzen Rock an und schlich aus meinem Zimmer, doch ich wurde von einer heftigen Umarmung aufgehalten. „Happy Birthday!“, rief meine Mutter Annie aufgeregt. Sie war eine außergewöhnliche Schönheit. Schwarze Locken fielen ihr bis zum Kinn und leuchtend blaue Augen ließen ihre Züge geheimnisvoll aussehen. Ein knielanger Rock schmiegte sich um ihre Beine, der gut zu ihrer zierlichen Figur passte.
Ich wurde mit geschlossenen Augen in unsere Küche geführt, wo eine schiefe, leicht verbrannte Torte, umgeben von kleinen Geschenktüten, in denen ich hauptsächlich Schmuck vorfand, auf mich wartete. Dass meine Mutter gebacken hatte, war ein Wunder. Annie trug rund um die Uhr Hosenanzüge oder schicke Blusen und lief dauernd wegen irgendwelcher Unterlagen für ihre Arbeit als Anwältin durch die Wohnung. Ich konnte mich nicht erinnern, sie jemals kochen oder backen gesehen zu haben. Mit entschuldigendem Lächeln, sagte ich, dass ich spät dran sei, um der Torte zu entkommen und rannte, weil ich nicht ganz gelogen hatte, hastig zur Bushaltestelle. Gerade so erwischte ich den uralten Schulbus, in dessen Innerem ich mich erschöpft auf einen Sitz fallen ließ. Plötzlich tauchte neben mir meine beste Freundin Catherine auf und erschreckte mich zu Tode.
„Musst du dich immer so anschleichen?“, meckerte ich.
„Schlechte Laune? Kein Problem, das hier wird dich deutlich aufheitern“, verkündete sie strahlend und reichte mir ein zerknittertes Päckchen, das ich in meine Schultasche stopfte.
„Danke. Ich öffne es später“, meinte ich, während ich einige Geschenke und Glückwünsche von ein paar Kids aus den hinteren Sitzreihen entgegennahm, die nun nach vorne schlurften und mir diese überbrachten. Natürlich hatte ich weder eine Ahnung, wer sie waren, noch wieso sie mir etwas schenkten, doch da ich ziemlich beliebt war, lief das jedes Jahr so ab. Fremde Kinder schenkten mir Nagellack, meine Freunde ebenfalls und Zack versuchte es mit Gutscheinen. Ich wusste nicht, ob er mich wirklich liebte. Unsere Beziehung beruhte eher auf der Tatsache, dass die beiden beliebtesten Leute der Schule einfach zusammen sein mussten. Aber ich mochte Zack. Ich mochte meine Freunde. Ich mochte mein Leben. Und gegen Gutscheine konnte man auch nichts einwenden.
Mit quietschenden Reifen hielt der Bus und alle Schüler drängten sich zum Ausgang. In der ersten Stunde hatte ich Mathe mit Catherine, also schlenderten wir gemeinsam zum Raum und setzten uns auf unsere Plätze. Die ganze Stunde starrte ich Löcher in die Luft und Mr. Bree, unser Lehrer, war tatsächlich so freundlich mich einfach in Ruhe zu lassen, statt mir irgendwelche Fragen zu stellen, auf die ich ohnehin keine Antwort gewusst hätte.
Bald wurde ich endlich durch die Pausenklingel erlöst und als ich aus dem Raum ging, griff jemand nach meinem Arm. Instinktiv holte ich aus und schlug nach demjenigen. Doch er duckte sich weg und lachte.
„Was ist denn los, Xae?“ Ich erkannte Zacks Stimme und beruhigte mich ein wenig. Als ich herumfuhr und ihn ansah, grinste er mich breit an.
„Du … du hast mich erschreckt“, erklärte ich knapp. Er schenkte mir ein Päckchen, das ich ebenfalls in meinen Rucksack stopfte, und küsste mich kurz. Verwirrt begab ich mich zum Englischunterricht. Warum war ich heute so schreckhaft? Kopfschüttelnd verließ ich den Raum.
Vielleicht lag es daran, das mir meine Mutter heute endlich von meinem Vater erzählen würde. Ich hatte ihn nie kennengelernt, doch meine Mom sagte mir immer, er hätte wegen eines Jobs wegziehen müssen. Allerdings glaubte ich, dass das einem Code für ‚Er ist im Gefängnis‘ entsprach und erhoffte mir somit nicht viel vom Namen, den Mom mir heute nennen wollte. Trotzdem war ich neugierig und konnte den Schulschluss kaum erwarten, der noch länger auf sich warten ließ als sonst, weil ich heute ausnahmsweise eine Stunde länger Unterricht hatte.
Als es endlich soweit war, stürmte ich aus dem Klassenzimmer und ging zu Fuß, statt mit dem Bus zu fahren, da ich niemandem mehr begegnen wollte. Ich fühlte mich schon seit einigen Stunden irgendwie schutzlos und beobachtet, mein Herz schlug wie wild und ich hatte mich durch so ziemlich alles erschrecken lassen: herunterfallende Stifte, sich öffnende Türen und andere vollkommen unerschreckende Dinge.
Vielleicht habe ich ja Fieber, dachte ich und berührte meine Stirn. Tatsächlich war sie brühend heiß, obwohl ein kühler Frühlingswind wehte und die Sonne nur vereinzelte Strahlen durch die dicke Wolkendecke sandte. Es würde wohl das Beste sein, wenn ich schnell nach Hause lief und mich dort ein wenig ausruhte.
Als ich ankam, rannte ich die Treppe hinauf und betrat die Wohnung, die seltsam leer wirkte. „Mom?“, rief ich, doch niemand antwortete. Alles befand sich noch genau da, wo es heute morgen gewesen war: die Tasse auf der Kommode im Flur, die Vase auf dem Kühlschrank, die ich kurz dort abgestellt und seit Tagen nicht weggeräumt hatte. Ein unbehagliches Gefühl beschlich mich. Mein Puls raste.
Leise schlich ich in mein Zimmer, wo ein kleines Kästchen auf meinem Bett lag. Mit zitternden Händen öffnete ich es und fand darin als erstes ein Foto. Es zeigte meine Mutter und einen etwa 25-jährigen jungen Mann mit hellbraunen Haaren und seltsamen Augen, die mich an flüssiges Gold erinnerten. Mom sah jünger und wesentlich glücklicher aus. Ihre Haare waren länger und sie trug eine schreckliche, grüne Strickmütze. Ich legte das Foto beiseite, nahm einen weißen Umschlag aus dem Kästchen und las den darin enthaltenen Brief:

Xaenym, es tut mir alles so schrecklich Leid. Dein ganzes Leben lang habe ich dir Informationen über deinen Vater vorenthalten. Auch jetzt bringe ich es nicht über mich, dir alles in diesem Brief zu erklären. Du wirst es bald verstehen. Ich weiß nicht, was heute geschehen wird, aber du musst unbedingt bevor du wirklich 16 Jahre alt wirst zu unserer Nachbarin Mrs. Neel und ihr diesen Brief geben. Du musst vor 15:17 Uhr dort eintreffen oder du gerätst in schreckliche Gefahr. Vertrau Sivah und halte sie nicht für verrückt, denn was sie sagt ist wahr.
Nun zu deinem Vater: Wie du sicher erraten hast, ist es der Mann auf dem Foto. Als ich in einem Café gearbeitet habe, lernte ich ihn kennen. Damals war ich gerade mal 20 Jahre alt. Er hat einen Espresso und ein Stück Kirschkuchen bestellt. Dann fragte er mich nach einem Date und es lief viele Wochen alles perfekt zwischen uns.


An dieser Stelle sah ich gewellte Flecken auf dem Papier; hier hatte meine Mutter weinen müssen.

Doch dann wurde ich schwanger und unser kleines Paradies drohte einzustürzen. Er erzählte mir das, was du bald auch erfahren wirst und wieso er weg musste; ich war geschockt. Ich wollte dich beschützen, schließlich warst du alles, was mir noch geblieben war. Ich konnte dich nicht auf ewig verstecken, aber ich wollte es versuchen, obwohl klar war, dass du spätestens mit 16 alles erfahren wirst. Sivah wird dir alles genauer erklären. Geh mit ihr nach Titansvillage und lass dich ausbilden. Sei tapfer, Xaenym. Du hast es im Blut.
Annie

Im Kindle-Shop: Erbin der Zeit: Die Schlacht von Pyrinas.
Für Tolino: Buch bei Thalia
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27. Juni 2019

'Schicksalsfäden' von Stephanie Pinkowsky

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Was ist Liebe, wenn sie Leid und Zorn hervorruft?

Marleen ist ein kreatives und hochbegabtes Mädchen. Sie wächst behütet auf, bis ein traumatisches Erlebnis alles verändert. Am tiefsten Punkt ihrer Verzweiflung trifft sie auf die Witwe Linda, welche ebenfalls harte Schicksalsschläge erleiden musste. Zwischen beiden knüpft sich ein seelisches Band.

Selbst, als Marleen erwachsen wird und glaubt, an der Seite eines besonderen Mannes ihr Glück gefunden zu haben, löst sich diese Verbindung nicht. Die seelischen Narben beider Frauen scheinen glatt, doch unter der Oberfläche schwelen alte Verletzungen. Was geschieht, wenn die Naht reißt? Und was, wenn die unsichtbaren Fäden, die Marleen und Linda aneinander binden, eine Bestimmung haben?

Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, Verlust und das große Glück.

Leseprobe:
[...]
Als Magnus schließlich mit seinem roten Cabrio vorfuhr, schnappte sie sich ihr Gepäck und lief ihm freudestrahlend entgegen. Hannah war mittlerweile eingeweiht und zutiefst besorgt, doch sie konnte ihrer erwachsenen Tochter nichts verbieten. Magnus lehnte lässig an seinem Auto und rauchte eine Zigarette – das Einzige, was Marleen nicht an ihm mochte. Sie selbst rauchte nämlich nicht und verabscheute den Geruch von Tabak.
Sie begrüßten sich mit einem langen Kuss, dann lud er ihr Gepäck ein. Da es ein warmer, frühsommerlicher Nachmittag war, fuhren sie mit offenem Verdeck. Marleen setzte eine Sonnenbrille auf, ihr braunes Haar wehte ihm Wind. Hatte sie sich jemals so leicht, unbeschwert und glücklich gefühlt? Daran konnte die junge Frau sich zumindest nicht erinnern. Schon auf der Fahrt konnten sie die Hände kaum voneinander lassen. Marleen trug eine Hotpants, Magnus berührte mit seiner freien Hand immer wieder ihren nackten Oberschenkel. Auch sie griff nach seiner Hand, Marleen und Magnus verschränkten die Finger ineinander. Alles in ihr wollte mit ihm verbunden sein. Sie fuhren aus der Stadt hinaus, über einsame Landstraßen. Der Raps stand bereits in voller Blüte, die Felder waren eine gelbe Pracht.
Im Hotel angekommen, nahm das ungleiche Paar erst einmal auf der Sommerterrasse Platz und genehmigte sich eine Erfrischung. Magnus trank ein kühles, frisch gezapftes Bier, Marleen bestellte einen Prosecco. Sie unterhielten sich lange. Marleen sprach von ihrer Ausbildung, die sie nicht sonderlich mochte, und von den vielen Prüfungen, die ihr noch bevorstanden. Magnus hörte geduldig zu. Dann erzählte sie ihm wieder vom Schreiben. Von ihrem Lebenstraum, der in so entsetzlich weite Ferne gerückt war, dass jeder Gedanke daran unendlich schmerzte. Sie hätte es schaffen können, wäre sie nicht so dumm gewesen, sich jeglichen Erfolg selbst zunichte zu machen. Vielleicht hätte Marleen das Ruder wenden und sich wieder auf ihr Ziel besinnen können, wenn man sie damals in der Klinik mit Einfühlsamkeit und Würde begleitet und auf den Weg der Gesundung geführt hätte. Stattdessen war sie als Zwölfjährige in die Fänge von Menschen geraten, die ihre Seele hatten brechen wollen, die sie körperlich und seelisch quälten. Ob es aus Sadismus oder Hilflosigkeit geschah, wusste Marleen nicht. Aber das war auch gleichgültig, es änderte schließlich nichts an der Vergangenheit. Nach diesem Erlebnis war kein Platz mehr für Träume und künstlerische Entwicklung gewesen, der einzige Fokus lag auf dem seelischen Überleben. Als junge Erwachsene, gefangen in aus ihrer Sicht unabänderlichen Umständen, flüchtete Marleen geradezu vor ihrem Talent. Sie wollte unabhängig sein und hatte dadurch laufende Kosten zu bedienen. Marleen konnte ihren Bürojob nicht aufgeben, um sich dem Schreiben zu widmen. Die Chance war versäumt.
„Darf ich mal etwas von deinen Werken lesen?“, fragte Magnus nun.
Marleen lächelte. Das war das schönste Kompliment, das man ihr machen konnte.
„Ja, natürlich!“
Das Strahlen kehrte in ihre Augen zurück. In dieser Hinsicht war sie niemals unsicher gewesen. Sie zweifelte nicht daran, dass ihre Werke gut genug waren, um sie zu präsentieren.
„Was inspiriert dich am meisten?“
Marleen musste nicht lange überlegen. Sie prostete ihm mit ihrem Prosecco zu.
„Das Leben.“

Endlich waren sie allein im Hotelzimmer. Anfangs fühlte Marleen sich ein wenig angespannt. Sie drehte sich vor dem Badezimmerspiegel, der ihr erstmals ein annähernd realistisches Bild zeigte. Sie hatte eine schöne, schlanke Figur und ein wunderhübsches Gesicht. Es war alles in Ordnung, auch ihre kleinen, aber straffen Brüste. Es gab nichts an ihr auszusetzen. Sie schämte sich nicht, nackt zu sein.
Ob sie ihm genügen würde? Sie wusste doch so wenig von der Liebe! Wenn sie seine Erwartungen nun enttäuschte? Marleen hatte deutlich übertrieben, als Magnus sie nach ihren bisherigen Erfahrungen fragte. Als er sich nach ihren sexuellen Vorlieben erkundigte, war die Einundzwanzigjährige knallrot angelaufen und hatte gestottert. Woher sollte sie das denn bitte wissen? Dafür kannte sie sich noch gar nicht gut genug aus!
Auf dem Bett waren Rosenblätter verstreut, schließlich handelte es sich um ein Romantikwochenende. Magnus trug noch seine Shorts, Marleen legte sich nackt neben ihn. Sie zitterte vor Aufregung und Vorfreude. Er streichelte ihr zärtlich durchs Haar, ehe er sie leidenschaftlich küsste. Ihr Atem beschleunigte sich vor Erregung.
„Du bist wunderschön“, hauchte ihr Geliebter Marleen ins Ohr. Sie lag auf dem Rücken, während seine Hände über ihren Körper wanderten. Er streichelte ihr Gesicht und ließ sie an seinen Fingerkuppen saugen, dann berührte er ihre Brüste. Sie füllten seine Hand komplett aus, wie Marleen zufrieden feststellte. So klein waren sie also gar nicht.
Sie genoss die Massage und stellte fest, wie unglaublich erregend es war, seine Hände dort zu spüren. Marleen seufzte entspannt, während ein wohliges Prickeln durch ihren Körper strömte.
[...]

Im Kindle-Shop: Schicksalsfäden.
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'Liebe braucht keine Rute: Meine Jugend zwischen Missbrauch und tiefer Liebe' von Claus Cant

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
»Puh...... Was für ein Buch...... Diese Story ist spannend, berührend, aber auch schockierend.«

Hinter einer heilen Fassade: gefangen, geschlagen, missbraucht.

Der fünfzehnjährige Lukas wächst in einer streng religiösen Familie auf, die von Krieg und Vertreibung schwer gekennzeichnet ist.

Unfassbar, wie er von seinen Eltern missbraucht und misshandelt wird. Und das alles im Namen Gottes. Seine Erziehung ist von bizarren Glaubensregeln, strenger Moral und Entbehrungen geprägt. Als er sich in die todkranke, aber weltoffene Marie verliebt, kommt es zum Eklat. Lukas steht vor der schwersten Entscheidung seines jungen Lebens.

Lesermeinungen:
»Selten hat mich ein Roman so sehr berührt«
»Der mitreißende Schreib- und Erzählstil von Claus Cant hat es mir sehr schwer gemacht, das Buch aus der Hand zu legen.«

Bei Amazon bisher mit 8 x 5 Sternen bewertet.

Leseprobe:
Mein sechzehnter Geburtstag
»Papa, die Anstecknadel an deinem Anzug, hast du die zum achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen?«
»Wieso?«
»Weil da eine 18 draufsteht.«
Vor Schreck wäre er fast vom Stuhl gefallen. Er sprang auf, fummelte hektisch an seinem Revers herum, bis er die Nadel gelöst hatte. Er ging zur Kommode und ließ sie in einer Schublade verschwinden.
»Was bedeutet die 18?«
»Das ist ein Andenken an früher.«
»Warum hast du sie jetzt abgenommen?«
Papa wurde bleich. Auf meine Frage ging er nicht ein.
Es war der 14. März 1969 in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Ich feierte mit meinen Eltern, Großeltern und beiden Geschwistern, Ruth und Daniela, meinen Geburtstag. Wir hatten uns alle in der guten Stube rund um den Wohnzimmertisch versammelt. In der Mitte stand der mit meinem Namen und einer Sechzehn verzierte Käsekuchen. Ein Kunstwerk. Mama konnte großartig Kuchen backen.
Sie hatte ihre langen schwarzen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Meine Schwestern trugen ihr Haar zu Pferdeschwänzen gebunden, dazu lange Röcke und hochgeschlossene Blusen. Oma hatte ein elegantes, dunkelblaues Samtkleid angezogen. Wir Männer steckten in dunklen Anzügen. Meine Hosen waren etwas zu lang. Mama sagte dazu: »Da wächst du noch rein.«
»Reich mir mal bitte die Nüsse rüber«, bat mich Ruth.
Sie war ein Jahr jünger als ich und meine Lieblingsschwester. Daniela, meine andere Schwester, war dreizehn. Sie war eine Petzliese und konnte nichts für sich behalten. Wir gingen alle drei auf dieselbe Realschule.
Ich reichte Ruth die Schale mit den Nüssen. Anschließend wandte ich mich Papa zu.
»Erzähl doch noch einmal eine Geschichte aus eurer Heimat.«
Meine Eltern hatten früher auf einem Gut in der Nähe von Insterburg ca. 100 Kilometer östlich von Königsberg in Ostpreußen gelebt. Ich konnte nicht genug kriegen, von den Geschichten aus dieser Zeit.
»Warte, bis wir gebetet haben«, sagte er und faltete die Hände. »Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen.«
Während Mama jedem ein Stückchen Kuchen auf den Teller legte, lehnte sich Papa zurück. Er blickte in die Runde und holte tief Luft.
»Ja Junge …«, begann er, »das waren Zeiten. Wir besaßen ein großes Anwesen und riesige Ländereien. Wir hatten Personal, vier Knechte, drei Mägde. Und viele Tiere gab es auf unserem Gut, Pferde, Kühe, Hühner und den Hofhund Rufus, der immer Ärger mit den Katzen hatte.«
Meine Großmutter senkte den Blick und ergänzte: »Jungchen, das war eine andere Welt. Wir waren angesehene Leute und verkehrten in den besten Kreisen. Dann kamen die Nazis und dieser verfluchte Krieg ...«
Meine Eltern und Großeltern warfen sich fragende Blicke zu. Papa nahm ein Stück Kuchen in den Mund und trank einen Schluck Kaffee hinterher.
»Esther dein Käsekuchen schmeckt wieder fantastisch.«
Die anderen nickten zustimmend.
»Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, sähe es in Deutschland jetzt anders aus«, sagte Papa.
»Aber ihr habt doch alles verloren durch ihn und den Krieg, oder nicht?«, fragte ich nach. Ich merkte, wie Papa unruhig wurde.
»Er hatte auch gute Seiten. Er hat die Autobahn gebaut und vielen einen Arbeitsplatz gegeben. Was glaubst du, wie es vor Hitler in Deutschland ausgesehen hat? Überall Schlangen von Arbeitslosen vor den Suppenküchen. Er hat die Leute wieder in Brot gebracht. Und er hat den Deutschen ihren Stolz zurückgegeben. Auch der Krieg war am Anfang eine gute Sache. Wir haben gewonnen. Wir haben Gebiete im Osten zurückerobert und die Hälfte von Polen dazu. Wir haben Frankreich besiegt und ihnen Versailles heimgezahlt. Und die Engländer haben wir rausgeworfen aus Europa. Dann ist er aber zu weit gegangen. Er hätte den Krieg nur vorher beenden sollen.«
Papas Augen funkelten vor Wut.
»Lass gut sein, Waldemar«, versuchte Mama ihn zu beruhigen.
Ich schaute Papa an.
»Warst du auch ein Nazi?«
Er zögerte. Meine Großeltern tauschten seltsame Blicke aus.
»Nicht so richtig. Ich war in der Hitlerjugend.«
»Aber im Krieg bist du doch gewesen. Du hast mir deine Narben am Bauch gezeigt.«
Ich streckte meine Hand aus und berührte mit den Fingerkuppen seine Schläfe. »Und das hast du von einem Streifschuss.«
Mit einer schroffen Handbewegung stieß er mich zurück.
»Ich war nicht lange im Krieg. Erst gegen Ende, als alles schon bergab ging. Ich war nur ein paar Monate an der Front «, sagte er. Seine Stimme klang gereizt.
»Ja, ja, dein Vater war ein guter, tapferer Soldat. Er hat bis zum Schluss gekämpft«, bemerkte Oma mit einem ironischen Unterton.
»Hast du denn auch auf Menschen geschossen?« Eine Frage, die mich immer wieder mal beschäftigte. Ich hatte mich bisher nicht getraut zu fragen.
Papa antwortete nicht.
»Lass uns mal das Thema wechseln«, sagte Mama.
»Das ist ja wieder einmal typisch, Esther. Du möchtest am liebsten die Vergangenheit aus deinem Gedächtnis streichen«, bemerkte Oma.
»Hitler hätte den Engländern den Rest geben sollen, anstatt in Russland einzumarschieren. Russland … Da ist schon Napoleon nicht weit gekommen. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, wären wir jetzt die Herren in Europa und ich wäre Herr auf unserem Gut«, lamentierte Papa.
»Und ich die Herrin«, ergänzte Mama.
»Erzähl weiter, Papa.«
»Als die Russen immer näher an Ostpreußen heranrückten, wussten wir, dass es zu Ende geht. An einem Dienstag im Februar 1945 erhielten wir den Räumungsbefehl. Kannst du dich daran noch erinnern?«, fragte Papa wehmütig und schaute Opa an.
Der nickte und ergänzte: »Ja, Marek legte zwei Kastenwagen mit Stroh aus und montierte über jeden eine Plane. Die Hausmädchen packten die nötigsten Dinge ein, warme Kleidung und Verpflegung.«
»Und dann ging es los?«, fragte ich neugierig.
>»Ja«, antwortete Papa. »Früh, am Morgen, gleich am nächsten Tag. Die Zeit drängte. In der Ferne hörten wir bereits den Kanonendonner der Russen. Marek holte vier Trakehner aus dem Stall und spannte sie vor die Wagen. Die Landschaft war mit Schnee bedeckt und es war kalt, minus fünfundzwanzig Grad, unser Atem gefror an den Nasenlöchern.«
»Ich lenkte den ersten, Marek den zweiten Planwagen mit zwei Mägden«, ergänzte Opa. »Die anderen Bediensteten wollten den Hof nicht verlassen und blieben zurück.« Seine Augen glänzten.
»Was aus ihnen wohl geworden ist?«, fragte Oma nachdenklich.
»Und wie ging es dann weiter?«, wollte ich von Papa wissen.
»Wir wollten eigentlich auf dem Landweg direkt nach Westen fliehen, doch dann erfuhren wir, dass russische Panzer schon bei Elbing die Küste erreicht und den Fluchtweg abgeschnitten hatten. Der einzige Ausweg blieb die Flucht über den Hafen Pillau am Frischen Haff. Schon am ersten Tag warfen russische Schlachtflieger Bomben mitten in die Fuhrwerke. Danach kamen sie zurück und schossen mit ihren Bordkanonen in die wehrlosen Flüchtlinge. Sie drehten wieder bei, griffen noch mal an, wieder und wieder, bis sie keine Munition mehr hatten …«
Er hielt kurz inne.
»Erzähl schon weiter«, Papa.
»Nachdem die Attacke zu Ende war, hörten wir die getroffenen Pferde wiehern und die verwundeten Menschen schreien. Überall lagen Tote herum. Die waren schrecklich zugerichtet. Es war ein Bild des Grauens.«
Papa schaute auf den Boden.
»Und wo habt ihr geschlafen?«, wollte ich wissen.
»Manchmal in Scheunen, leer stehenden Häusern oder Schulen und häufig unter freiem Himmel. Es war ein harter Winter. Teilweise war das Schneetreiben so dicht, das wir kaum die Wagen vor oder hinter uns sehen konnten. Eisige Ostwinde und furchtbare Schneestürme machten das Vorwärtskommen zur Qual.«
Papa holte tief Luft. »Irgendwann war der zweite Wagen mit Marek und dem größten Teil unseres Proviants verschwunden«, sagte er leise.
Ich bemerkte, wie seine Unterlippe zitterte.
»Und wir wissen bis heute nicht, was passiert ist.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
»Und ihr hattet nichts mehr zu essen?«, fragte ich.
»Nur noch etwas Brot, aber das war trocken und gefroren«, sagte Papa. »Einmal bekamen wir auf einem Bauernhof eine warme Steckrübensuppe.«
Er legte den Kopf in die Hände und fuhr mit zittriger Stimme fort.
»Überall, wo wir hinkamen, dasselbe Bild: eine weiße, verwüstete Landschaft, Wagen am Wegesrand, in Schneewehen stecken geblieben, tote Pferde, tote Soldaten und die Leichen von Zivilisten, meist alte und Kinder, die einfach im Schneetreiben liegen geblieben sind. Und dann die Scheune …«
»Nein Waldemar, nicht vor den Kindern«, unterbrach Mama.
»Lass ihn doch, die Kinder sollen wissen, was wir alles durchgemacht haben«, widersprach Oma.

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'Tagwerk eines Narzissten' von Joachim Tritschler

Kindle | Taschenbuch
Ein Narzisst wird nicht immer sofort erkannt. Er gilt in der Regel als freundlicher Mensch mit positiver Ausstrahlung und meist einem Lächeln auf dem Gesicht. Seine Fassade eignet sich bestens dafür, die Menschen sehr schnell für sich zu gewinnen. Sein manipulatives Wesen wird nicht sofort erkannt.

Er ist in der Lage den Menschen, die ihn umgeben, seinen eigenen Willen und seine Meinung so zu verkaufen, als ob es alleine ihre eigene Ansicht wäre. Ein Narzisst ist also auch immer ein perfekter Manipulator. eine eigene Meinung hat er in der Regel nicht und eignet sich die gerade greifbare Meinung die in zu sein scheint an und verbreitet diese als seine. Um zu gewährleisten dass er immer Rückenwind hat, ist er auch bereit diese Meinung alle fünf Minuten zu ändern falls das erforderlich sein sollte.

Wenn sein wahres Wesen zu Tage tritt und damit öffentlich wird, ist der Schaden meist schon angerichtet. Ihm liegt ausschließlich an Aufmerksamkeit und er möchte im Mittelpunkt stehen. Negative Kritik gibt es für ihn nicht. Alles was ihn in den Mittelpunkt des Geschehens rückt, ist positiv. Wenn es aber nicht nach seinem Willen geht, verhält er sich wie ein kleines Kind dem man das Spielzeug weggenommen hat. Ab hier ist es ihm dann auch egal, ob andere Personen durch sein unüberlegtes Handeln zu schaden kommen.

Leseprobe:
Schorschi ist da

Es hat einige Jahre gedauert, aber nun ist Schorschi als drittes Kind in der Familie angekommen. Er hat einen wachen Blick und zieht schon als Baby alle Blicke auf sich. Schon während dieser Zeit kapiert er schnell, wenn sich alle Leute drum herum ihm zuwenden. In dieser frühkindlichen Phase geht man davon aus, dass sein Verhalten auf ein sehr intelligentes Kind hinzuweisen scheint. Auch bei seinen zwei älteren Geschwistern steht er schnell und gerne im Mittelpunkt. Er entwickelt sich vollkommen normal und es deutet nichts auf eine Krankheit oder psychische Veränderungen hin. Die Zeit vergeht und Schorschi kommt in den Kindergarten. Mittlerweile ist er nicht mehr der Jüngste in der Familie. Er hat noch Zwillinge als weitere Geschwisterchen dazubekommen. Dass er nun plötzlich nicht mehr alleine im Mittelpunkt stand passte ihm überhaupt nicht. Hier und da ist er bereits in der Lage Unfrieden zu stiften. Aber aufgrund seines jungen Alters wird das als harmlos abgetan. Sein anfangs als aufgeweckter Blick definiertes Lächeln war bereits jetzt nicht mehr verschmitzt, sondern seine Augenwinkel zeigten bereits in diesem Alter von drei Jahren eine gewisse hinterlistige verschlagene Ader. Sehr früh war er in der Lage sein Verhalten den gerade aktuellen Geschehnissen anzupassen. Passte es ihm in den Kram, war er freundlich und lächelte mit einem Blick, dem kaum jemand widerstehen konnte. Lief es nicht so wie er wollte, dann war er bereits jetzt in der Lage Schaden anzurichten. Und wenn es nur das kaputte Spielzeug des Spielkameraden war das dieser gerade noch nutzte und er jetzt zerstört hatte. Es sind die Ersten, wenn auch kleinen Anzeichen einer Entwicklung die später die vorhandene Persönlichkeitsstörung zum Vorschein bringen wird. Aber um auch bei anderen Kindern zu erreichen was er gerne wollte, war er jetzt schon in der Lage sich richtig in Szene zu setzen. Wenn er etwas nicht bekommt, wird er zornig, wenn auch nicht lange und sucht jetzt schon nach Gelegenheiten andern Kindern eines auszuwischen, obwohl das meist noch als spielerisch kindliches Verhalten interpretiert wird. Dass es trotz alledem keine Einzelfälle waren und er schon jetzt im kindlichen Alter angefangen hat, dies zu wiederholen fand wohl wenig Beachtung. Rückblickend betrachtet wird aber dort schon sein narzisstisches Wesen sehr deutlich.

Im Kindle-Shop: Tagwerk eines Narzissten.
Mehr über und von Joachim Tritschler auf seiner Website.



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26. Juni 2019

'Tom Tumbler und das Pendel der Zeit: Teil 1: Der Fluch' von Marcus Kaspar

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
»Tom Tumbler ist zurück – und dieses Mal geht es um seinen Freund.«

Nach der Schlacht der eisernen Monster sinnt General Necromar auf Rache. Mit Hilfe des Pendels der Zeit verflucht er Toms besten Freund Akimo, den unsterblichen Formwandler. Plötzlich beginnt dieser rasant zu altern und es ist nur eine Frage der Zeit, bevor er an dem Fluch sterben wird. Schnelles Handeln ist angesagt.

Doch diese Art von mächtigem Fluch kann nur durch die heiligen vier Saeclus Steine aufgehoben werden. Dummerweise sind diese seit Jahrhunderten verschollen. Ungeachtet aller Gefahren machen sich Tom, Akimo und Bee auf, die Steine zu finden. Doch nicht nur sie sind hinter ihnen her. Und General Necromars Plan stellt sich als weitaus perfider heraus, als zunächst angenommen.

Leseprobe:
König Graywagtail stand an einem kleinen Pult in seiner Privatbibliothek und studierte konzentriert ein Pergament. Direkt neben ihm und der Wendeltreppe, die sich meterhoch die Wand entlang schlängelte, drehte sich ein großes Planetenmodell, in dessen Zentrum sich Ardesia befand. Tausende Sterne und Sonnen in allen Farben flogen stoisch auf ihren wiederkehrenden Umlaufbahnen und verbreiteten dabei ein flirrendes Licht, das durch die frei im Raum schwebenden Gaslaternen gemildert wurde. Die prall gefüllten Regale der Bibliothek bargen das Wissen von Jahrhunderten und nur er hatte Zugang zu ihr. Während er in dem Pergament las, schob er mit einer Hand die Lesebrille über sein verbliebenes Auge, die aufgrund der Tatsache, dass sie nur ein Glas besaß, immer wieder über seine Nase rutschte. Das andere Auge benötigte keine Brille, da es von einer mächtigen Augenklappe verdeckt war. Mit der anderen Hand zwirbelte Graywagtail seinen meterlangen Bart, den er sich wie gewohnt wie einen Schal um den Hals geschlungen hatte.
»Mmh. Mmh. Puh. Mmh«, brummelte er in regelmäßigen Abständen, während er den Kopf hin und her wiegte. Eine innere Unruhe hatte ihn in aller Früh geweckt. Normalerweise hatte der König einen ausgezeichneten Schlaf, aber seit einiger Zeit quälte ihn etwas, ohne, dass er sagen konnte, worum es sich handelte. Es war wie eine Vorahnung. Ein schaler Geschmack im Mund, der immer tiefer rutschte und sich dann vehement in seinem Magen festsetzte. Und dort auch nicht mehr weg wollte. Ein ganz schlechtes Gefühl, so als hätte er etwas außerordentlich Wichtiges vergessen. Aber was?
Seine Schlaflosigkeit hatte ihn in die Bibliothek getrieben, wo er sich Antworten erhoffte. Immerhin gab es nirgendwo mehr versammeltes Wissen als hier. Und selbst wenn er keine Antwort fand, so machte ihn das Lesen in den alten Büchern so müde, dass er danach noch in aller Ruhe ein weiteres Stündchen schlafen konnte. Normalerweise.
»Was habe ich übersehen?«, murmelte er in seinen Bart und verstärkte den Vergrößerungseffekt der einäugigen Brille, um die winzige Handschrift auf dem Pergament besser lesen zu können. Es musste etwas mit den Geschehnissen der jüngeren Zeit zu tun haben. Seit der Schlacht um Ardesia hatte er dieses schale Gefühl im Magen. Genau genommen erst nach der Schlacht um Ardesia. Aber was war seitdem passiert? Hatte er ein Gesetz erlassen, dessen Folge böse Auswirkungen haben könnte? Nein, das war es nicht, dessen war er sich sicher.
Er setzte die Brille ab und legte sie zur Seite. Dann wanderte er unruhig in der Bibliothek auf und ab. Das Gehen half ihm nachzudenken. Während König Graywagtail seine Kreise zog und dabei seinen Bart immer schneller zwirbelte, ließ er den Blick über die Abertausenden Bücher schweifen. Bücher über Magie, über gute und böse Zauberer, bedeutende ardesische Erfindungen, über starre und bewegliche Architektur, Geschichte, Flüche und Prophezeiungen.
Tief in ihm regte sich etwas. Es war wie eine winzige Gestalt, die sich mühsam durch die schlechten Magensäfte kämpfte und einen mahnenden Zeigefinger hob. Du hast einen Fehler gemacht.
Graywagtail unterbrach seinen Gedankenspaziergang. Er starrte auf ein Buch, das in der Rubrik Ardesias dunkle Geschichte eingeordnet war.
Der Winzling in seinem Magen wurde größer, die Vorahnung konkreter. Behutsam zog er das schwere, in Drachenleder gebundene Buch aus dem Regal. Eine dicke Staubschicht hatte sich auf seiner Oberseite abgesetzt und zeugte davon, dass es lange nicht in die Hand genommen worden war. Graywagtail blies sie weg und hustete kurz. Von den dunklen Welten lautete der Titel des Buches. Der König runzelte seine buschigen Augenbrauen. Ein klammes Gefühl beschlich ihn. Mit langen Schritten ging er zu dem Lesepult zurück, legte das Buch ab und setzte seine Brille wieder auf. War hierin die Antwort zu finden?
Er öffnete das alte Buch und blätterte es konzentriert Seite für Seite durch. Er wusste nicht genau wonach er suchte. Er hoffte lediglich, dass er es wissen würde, wenn er darauf stieß. Die Schrift in dem Buch war von blassgrauer Farbe und mit Hand geschrieben. Ordensbrüder hatten es vor langer Zeit in dem Kloster Kesteran verfasst. Der Text befand sich jeweils auf der linken Seite des Buches und war in zwei Spalten angeordnet. Die gegenüberliegende Seite zierte eine dazu passende Illustration.
Graywagtail blätterte Seite für Seite um, justierte ab und an seine Brille und betrachtete intensiv jedes Bild. Einige zeigten die ersten ardesischen Kriege, andere die großen Drachenkämpfe um die schwebende Stadt Crishire. Plötzlich hielt der König inne. Der Winzling in ihm war zu einem Riesen mutiert und hämmerte mit den Fäusten gegen die Magenschleimwände. Das kunstvoll illustrierte Bild war erschreckend und faszinierend zugleich. Eine riesige dunkle Gestalt wandelte über die Erde und zermalmte unter ihren Füßen, was sich ihr in den Weg stellte. Umgestürzte Bäume und niedergerissene Gebäude zeugten von ihrem Pfad der Verwüstung. Vor ihr befand sich eine Armee, die sich dem Riesen in den Weg stellte, doch offensichtlich machtlos war. Leiber wirbelten durch die Luft, zertreten und abgeschüttelt wie Ameisen. Es war ein schrecklicher Anblick. Unter der Illustration war der Satz »Der Erste ist gekommen« zu lesen.
Unmerklich schüttelte Graywagtail den Kopf. Sicherlich, das Bild war erschreckend, aber es war etwas anderes, das ihn störte. Er wusste nur nicht, was es war. Erneut justierte er die Brille und erhöhte den Vergrößerungsfaktor. Der Riese in seinem Magen brüllte auf, als der König erschrocken sein Auge aufriss. Bei allen Göttern.
Der dunkle Zerstörer, dessen schwarze Gestalt nur schemenhaft dargestellt war, trug eine barbarische Rüstung und einen langen Umhang. Aus seinen Händen zuckten Blitze in den wolkenverhangenen Himmel, doch was Graywagtail viel mehr erschreckte, war ein winziges Detail in der Zeichnung. Um seinen Hals trug er eine Kette, an deren Ende ein kleiner Anhänger baumelte. Die Vergrößerung der Lesebrille machte die Verzierung darauf deutlich. Ein kompliziertes Muster aus Zahnrädern und kleinen Stäbchen formten die Gestalt eines brüllenden Löwen. Graywagtail erkannte es sofort. Das Wappen von Ardesia. Der Zerstörer trug das Amulett, das der König Tom Tumbler geschenkt hatte.
»Was habe ich getan?«, flüsterte er verzweifelt.

Im Kindle-Shop: Tom Tumbler und das Pendel der Zeit: Teil 1: Der Fluch.
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25. Juni 2019

'Gefährlicher Hunger: Unerwartet verliebt' von Anna Kleve

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Ist Liebe stärker als ghulischer Hunger?

Seit einem blutigen Zwischenfall wissen die Menschen von der Existenz der Ghule und Dschinns. Und sie wissen, wovon Ghule sich vorzugsweise ernähren. Um Vertrauen und Frieden zwischen den Arten zu schaffen, wird entschieden, einige Ghule und Dschinns an menschliche Schulen zu schicken. Unter ihnen befinden sich die Brüder Zayn und Kaan. Zayn trifft an seiner Schule Matt, dessen ungewöhnlicher Geruch ihn reizt und zugleich verwirrt.

Als Matt zudem von einer gefährlichen Ghulfraktion verfolgt wird, beschließt Zayn, ihn zu beschützen. Zwischen ihnen entwickeln sich immer stärkere Gefühle, die nicht nur von äußeren Feinden bedroht werden. Zayns raubtierhafte Gier könnte zu einer noch viel größeren Gefahr für Matt werden.

Leseprobe:
Zayn – Eine magische Familie

Erschrocken landete ich an der Decke meines Zimmers, als ohrenbetäubender Lärm aus Kaans Zimmer zu mir herüberklang wie eine gewaltige Schallwelle.
Ärgerlich riss ich meine Klauen aus dem dicken Holz und ließ mich hinab aufs Bett fallen.
Grimmig sprang ich auf und warf einen erneuten Blick zur Decke. Die Riefen und Löcher im Holz konnte man kaum zählen. Meinem Geisterbruder sei Dank oder auch nicht.
„Kaan!“, schrie ich wütend, sobald ich auf den leeren Stuhl sah.
„Ja?“, fragte er unschuldig und wie immer aus dem Nichts heraus aufgetaucht.
„Wo sind meine Sachen?“, wollte ich wissen und funkelte ihn an.
„Weg.“
Er zuckte mit den Schultern und grinste, als könne nichts in der Welt an seiner Ruhe rütteln.
Okay, im Grund meines Herzens liebte ich diesen Kerl mit seinen magischen Kräften und frechen Tricks, aber in solchen Momenten riss sein Verhalten an meinen Nerven.
„Hol sie zurück“, verlangte ich knurrend.
„Nein.“
„Ich reiß dich in Stücke“, drohte ich ihm grollend.
„Kannst du nicht“, behauptete er mit einer Selbstsicherheit, die meinen Wutpegel hochschnellen ließ.
Ohne Vorwarnung sprang ich vor und knallte ihn so heftig gegen die Wand, dass eine tiefe Delle darin zurückblieb.
„Kann ich doch. Ich muss nur schnell genug sein“, fauchte ich mit glühenden Augen.
„Schön.“ Kaan schnipste mit den Fingern und es gab ein „Puff“. „Aber Mama wird das gar nicht gefallen.“
Schnaubend ließ ich ihn los.
„Kleide du dich ruhig in Regenbogenfarben, wenn du magst, aber lass mich in Ruhe“, murrte ich und war schon am Schreibtisch. „Ob ich Schwarz trage oder nicht, ist meine Sache. Mit Siebzehn bin ich wirklich alt genug, das selbst zu entscheiden.“
„Diskutiere du das aus“, merkte Kaan an und löste sich einfach in Luft auf.
Ich ballte die Hände mehrmals zu Fäusten, um die Steifheit der Klauen zu vertreiben.
Dann wechselte ich, so schnell ich konnte, die Kleidung, bevor noch ein Mitglied dieser verrückten Familie einfach in meinem Zimmer auftauchen würde.

„Heute die Tür?“, fragte Mama grinsend, als ich ins Esszimmer trat.
„Ich muss üben“, erklärte ich schulterzuckend.
Kaan tauchte lachend aus dem Nichts auf.
„Das fällt dir früh ein“, stellte er belustigt fest.
„Ich springe lieber durchs Fenster“, kommentierte ich gelassen.
„Üben täte dir auch mal ganz gut, Kaan“, sagte Mama ernst. „So aufzutauchen erschreckt die Menschen nur.“
Mein Bruder gab ein missmutiges Grummeln von sich.
„Geisterhaft“, fiel mir spöttisch ein.
„Zieh die Klauen ein“, erwiderte Kaan finster.
Ich grinste.
„Willst du dir nicht etwas anderes anziehen, Zayn?“, fragte Mama einfach in den Raum hinein.
Meine Laune sackte sofort wieder ab.
Nun grinste mein Bruder.
Am liebsten hätte ich nach ihm geschlagen, verkniff es mir aber.
„Meine Entscheidung“, war alles, was ich zur Antwort gab.
„Willst du die Vorurteile unbedingt bestärken?“, bohrte Mama weiter. „Deine schwarzen Haare und Augen sind doch schon dunkel genug.“
„Ich ändere meinen Kleidungsstil und meine Vorlieben doch nicht, nur weil die Menschen bestimmte Vorstellungen haben“, konterte ich fest entschlossen.
Diese Diskussionen musste ich echt nicht haben. Da kam mir der leichte Dampf aus der Küche gerade recht.
Mit einem Satz war ich durch die Tür, am Ceranfeld und zog den Topf von der Herdplatte.
„Reicht nicht“, rief Kaan, der neben mir auftauchte.
„Für mich reicht körperwarm“, erwiderte ich kühl und füllte mir einen Becher mit der Milch.
Dann schob ich den Topf zurück auf die Platte und kehrte zu meinem Platz zurück.
„Und jetzt darf ich am Herd stehen?“, fragte mein Bruder.
Ich nahm erst einmal einen Schluck von meiner Milch, ehe ich etwas dazu sagte: „Wenn du die Milch unbedingt heiß haben willst, ist das nicht mein Problem.“
„Egoist.“
„Du hast zwei gesunde Hände.“
„Klar.“
Kaan gab ein Schnauben von sich.
Statt mich weiter mit ihm zu befassen, griff ich nach meiner Schale auf dem Tisch. Mein Essen würde ohnehin keiner in dieser Familie anrühren.
Grinsend griff ich mit den Fingern hinein und nahm mir ein Stück Fleisch heraus.
„Zayn, benutze die Gabel“, ermahnte mich Mama.
„Ja“, murrte ich.
Das Theater vom letzten Mal wollte ich mir echt nicht noch einmal antun. Einmal einer fliegenden Schüssel mit Fleisch hinterherzujagen hatte mir wirklich gereicht.
Ein wenig genervt griff ich nach einer Gabel und begann die Fleischstücke zu verzehren. Frisch und blutig, wie ich es mochte.
Schließlich erhob ich mich, als Kaan gerade aus der Küche zurückkehrte. Schnell lief ich in die Küche, um eine Dose zu holen, in der ich das restliche Fleisch mitnehmen würde.
Im Vorbeihuschen an meinem Bruder verzog ich das Gesicht. Kakao. Es schüttelte mich. Damit konnte ich so gar nichts anfangen.
„Kann ja nicht jeder auf blutig stehen“, raunte er mir ins Ohr.
Ich musste unbedingt meine Gesichtszüge unter Kontrolle kriegen, wenn man mir meinen Widerwillen so leicht ansah.

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Mehr über und von Anna Kleve auf ihrer Website.

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24. Juni 2019

Krieger, Aliens und Helden - Giuseppe Alfé


Die Space-Opera-Reihe von Giuseppe Alfé wurde neu aufgelegt. HOVOKK und beide SOLIJON-Romane wurden komplett überarbeitet und sind ab sofort als E-Book und Taschenbuch erhältlich.



Giuseppe Alfé ist Autor von Space Opera-/Space Fantasy-Geschichten.

Elemente der Science Fiction und der Phantastik stehen im Fokus aller seiner Werke. Mit dem Roman SOLIJON erweiterte er den Einblick in das HOVOKK-Universum. Die Leser loben besonders die ungewöhnliche Mischung aus Space Opera und Fantasy und die detailreichen Welten in seinen Geschichten. Beide Bücher wurden für den LovelyBooks Lesepreis 2018 nominiert. Im Februar erschien mit DIE VIGILANTEN die Fortsetzung der Solijon-Reihe.

Weblinks: solijon.com und hovokk.wordpress.com


Buchvorstellungen mit Leseprobe im Buch-Sonar:




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21. Juni 2019

'Mea Culpa: Im Herzen der Dunkelheit' von Silvia Maria de Jong

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Was tust du, wenn du mit deinem kleinen Sohn auf der Flucht bist und es deine einzige Chance ist, dich in die Obhut eines fremden Mannes zu begeben, um deinen Verfolgern zu entkommen? Lässt du dich auf das Wagnis ein, mit ihm durch das ganze Land zu reisen, ohne auch nur zu ahnen, wohin diese Reise dich letztlich führen wird?

Jona Engel war neun Jahre alt, als ihre Mutter Zuflucht in einer extrem religiösen Lebensgemeinschaft suchte. Für Jona bedeute dies ein Leben in Angst, Gefangenschaft und Gewalt. Schon früh fasst sie den Entschluss auszubrechen und dieser Gemeinde zu entfliehen. Doch es vergehen Jahre bis es tatsächlich soweit ist. An einer Raststätte schließt sie sich dem mysteriösen Kjell Anderson an, dessen Weg hinauf in den Norden, auf die Insel Sylt führt.

Kjell Anderson, ehemaliger verdeckter Ermittler, spürt schnell, dass es tiefe Geheimnisse gibt, die seine Begleitung umgeben. Geheimnisse, die sie sorgsam vor ihrem Umfeld zu wahren sucht. Sein Ziel ist es, die beiden kurz vor der Insel abzusetzen und allein weiterzureisen. Doch Joshua, Jona´s kleiner Sohn, leidet unter hohem Fieber. Die Erkrankung des Kindes zwingt Kjell dazu, umzudenken und so bietet er der fremden Frau vorübergehend eine Unterkunft in seinem Haus an. Doch aus Tagen werden Wochen und Jona beginnt Kjell zunehmend zu vertrauen. In seinen Augen erahnt sie einen Schmerz, der dem ihren sehr ähnlich ist. Auch ihm scheint das Leben tiefste Wunden zugefügt zu haben. Seine selbstlose Hilfe bringt in ihr Saiten zum klingen, die ihr völlig fremd sind. Während die beiden sich mit äußerster Behutsamkeit einander annähern, ahnen sie nicht, mit welcher Gewalt ihrer beider Vergangenheit auf sie zurast ...

Leseprobe:
Seit geschlagenen zwanzig Minuten beobachtete er die junge Frau, die sich von einem Tisch zum nächsten vorarbeitete und sich dem seinen unaufhaltsam näherte. Gerade sprach sie zu einem älteren Ehepaar, zwei Nischen weiter vorn, welches jedoch mit einem bedauernden Lächeln den Kopf schüttelte und sich wieder den Speisen widmete.
Kjell ließ seinen Blick durch die große Räumlichkeit der Raststätte schweifen. Das Restaurant war gut gefüllt und dementsprechend laut war die Geräuschkulisse. Das Geklapper des Geschirrs vermischte sich mit dem Rattern des Kassencomputers und dem ausgelassenen Geplauder der Menschen, welche sich in den frühen Abendstunden in dem Rasthaus an der A7 eine Mahlzeit gönnten, bevor sie ihre Reise fortsetzten. Leider verschluckte sie auch jegliche Silben, so dass es unmöglich war, einzelne Wortfetzen vom Nachbartisch aufzufangen, an den die junge Frau sich soeben begeben hatte. Dem Anschein nach handelte es sich bei dem leicht verwahrlost anmutenden Mann im mittleren Alter am Nebentisch um einen Lastkraftfahrer, der sein Wochenende erzwungenermaßen auf der Raststätte verbrachte. Er schien darauf zu warten, dass ab Zweiundzwanzig Uhr die Autobahnen wieder für den Lasttransport freigegeben wurden. Beim Nähertreten der Frau beugte der übergewichtige Mann sich regelrecht hungrig vor und lauschte andächtig ihrem Vortrag. Es war nicht schwer zu erraten, was dieser Kerl im Schilde führte und sich erhoffte.
Wenngleich die Aufmachung der schlanken Frau in dem Rollkragenpulli und dem Karo- Rock, der kaum die Oberschenkel bedeckte, welche wiederum in löcherigen Leggins steckten, etwas seltsam anmutete, so strahlte sie doch eine gewisse Attraktivität aus. Das blauschwarze Haar zu einem perfekten Bob geschnitten, erinnerte sie ihn an Uma Thurman, in der Rolle der Mia Wallace, in dem Kinostreifen Pulp Fiction. Einzig der exakte Pony fehlte. Sie trug kaum Make-up, nur die großen, dunklen Augen wurden durch den schwarzen Kajalstrich hervorgehoben und unterstrichen deren Intensität.
Der einzige sichtbare Schmuck bestand aus einem breiten Silberreif am Ringfinger der rechten Hand. Ein Ehering oder schlicht Modeschmuck. Wer wusste das heute schon. Kjell schätzte sie auf Mitte zwanzig. Ein, zwei Jahre älter, nicht mehr. Sie bemühte sich zwanghaft, Ruhe auszustrahlen, wenngleich ihr Innerstes regelrecht zu flattern schien. Er bemerkte es daran, wie schwer es ihr fiel, die Position beizubehalten. Immer wieder trat sie von einem Bein auf das andere, schob mit den Fingern das Haar zurecht, während ihr erzwungenes Lächeln davon erzählte, wie elend sie sich in dieser Situation fühlte. Der schmierige Kerl in dem durchgeschwitzten, fleckigen Shirt beugte sich weiter vor und umfasste ihr Handgelenk, unterdessen er bedauernd den Kopf schüttelte, ihr aber zeitgleich einen neuen Vorschlag zu unterbreiten schien.
Kjell sah, wie unangenehm ihr diese dreiste Berührung war. Bemüht, ihre Hand aus dem festen Griff des Fremden zu befreien, richtete sie sich auf und riss sich ruckartig los.
»… jetzt zierst du dich auf ein Mal? Erst die Männer anheizen und dann kneifen. Solche Weiber mag ich …«
Die dröhnende Stimme des Kerls übertönte den Lärm rund um sie herum. Nicht nur Kjell, auch die zahlreichen Gäste an den umliegenden Tischen schnappten die derben Worte auf und betrachteten die junge Frau entweder demonstrativ von oben bis unten, oder aber sie sahen beschämt zur Seite. Es verwunderte ihn, dass sie einen Mann dieser Type überhaupt angesprochen hatte. In seinem Blick offenbarten sich deutlich die Absichten. Ihm schien es egal, wer ihm in der Nacht den Körper wärmte, umso besser, sollte sich die schöne Brünette direkt vor ihm zur Verfügung stellen. Kjell schloss daraus, dass ihre Verzweiflung größer war als die Angst.
Verstohlen sah sie sich um. Eine feine Röte bedeckte die hohen Wangenknochen bei den beschämenden Worten des rüden Kerles. In dem Moment, da ihr Blick ihn selbst traf, erkannte er die schwere Verletzung in ihren Augen. Eine Verletzung, die weniger von den Beleidigungen des abgehalfterten Mannes in der Nische vor ihm zeugte, als vielmehr eine Tiefe in sich barg, die von langem Leid sprach.
So sehr sie sich mühte, diesen Schmerz hinter einem aparten Lächeln zu verbergen, Kjells Spürsinn war zu geschult, um so etwas Augenfälliges zu übersehen. Mit weniger Selbstbewusstsein als zuvor, trat sie an den Tisch und nickte leicht.
»Verzeihung, wenn ich störe … Nur eine kurze Frage.« Verlegen strich sie das dunkle Haar zurück, indes sie seinem wachsamen Blick geduldig begegnete.
»Der blaue VW Bulli dort draußen, mit dem nordfriesischen Kennzeichen gehört nicht zufällig Ihnen, oder?« Trotz der Mutlosigkeit in ihrer erstaunlich rauchigen Stimme strahlte sie eine Entschlossenheit aus, die ihn beeindruckte. Er faltete die Zeitung, welche er bis dahin in den Händen gehalten hatte, zusammen und schob sie über den Tisch.
»Kurze Gegenfrage, warum interessiert Sie das?«
Die Antwort sprach aus der Verzweiflung in ihren Zügen, dennoch war er nicht bereit, ob ihrer Verletzlichkeit, sofort auf sie einzugehen. Jetzt, wo sie so dicht vor ihm stand, ließ sich deutlich die Müdigkeit in ihren Gesichtszügen erkennen. Wie lange harrte sie schon hier aus, nur um die passende Mitfahrgelegenheit zu finden?

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'Petermanns Chaos' von Eva Joachimsen

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Blog Eva Joachimsen
Das Leben des pedantischen Buchhalters Wilhelm Petermann gerät aus den Fugen, als seine chaotische jüngere Schwester mit ihren drei kleinen Kindern, Hund und Katze in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung auftaucht.

Lydia, das verwöhnte Nesthäkchen der Familie, ist vor Eheproblemen weggelaufen und bürdet Wilhelm ihren Nachwuchs auf, während sie sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe macht. Natürlich leiden auch die Nachbarn unter dem Lärm und der Unruhe im Haus und reagieren verärgert.

Für kurze Zeit zum E-Book-Aktionspreis von nur 99 Cent.

Leseprobe:
Geschockt ließ sich Wilhelm auf einen Küchenstuhl sinken. Typisch Lydia. Wie sollte er als Junggeselle seine Neffen beschäftigen? Er hatte weder Ahnung von Kindern, noch Spielzeug im Haus. Sonst sah er sie zu Weihnachten und den Geburtstagen. Da waren sie fast die ganze Zeit mit ihren Geschenken beschäftigt und halbwegs friedlich. Darüber war er immer recht froh, denn die übrige Zeit nervten sie mit Sonderwünschen oder Wutanfällen, wenn die Wünsche nicht sofort erfüllt wurden.
„Onkel, spielst du Fußball mit mir? Liest du vor?“ Und wenn der Onkel nicht auf der Stelle reagierte, schrien sie sich die Kehlen wund. Es kam auch vor, dass er Nico vorlas, während Sascha tobte, weil Wilhelm mit ihm eine Burg aus Holzbausteinen bauen sollte. Bei den Mahlzeiten konnten sich die Erwachsenen kaum unterhalten, da Lydia die Kinder ermunterte zu erzählen, ohne Rücksicht auf die übrigen Gäste bei Tisch. Und jetzt war er diesen Ungeheuern alleine ausgesetzt.
Sein Blick fiel auf den Staubsauger. Die Scherben! Er sprang hoch, holte die Splitter aus dem Badezimmer, wo er sie aus der Hand gelegt hatte, warf sie in den Mülleimer und saugte den Teppich gründlich. Hannibal verzog sich jaulend in die Küche. Cleo sprang vom Sofa über die Anrichte auf den Schrank und beobachtete ihn. Wilhelm hatte das Gefühl, gleich würde der Kater von oben angreifen, ihm wieder in den Nacken springen. Nachdem er den Ohrensessel und das Sofa gründlich von den Katzenhaaren befreit hatte, fiel sein Blick auf Sascha, der an den glänzenden Knöpfen der Stereoanlage drehte.
„Nein, Sascha, lass die Musikanlage in Ruhe“, sagte er so scharf, dass der Junge erschrocken aufhörte und unter den Tisch flüchtete.
„Onkel Wilhelm, ich habe Hunger“, jammerte Nico.
„Du hast doch gerade etwas gegessen.“ Wilhelm musterte den Neffen wie ein lästiges Insekt.
„Ich habe trotzdem Hunger“, schluchzte Nico.
„Na, komm, dann suchen wir etwas Essbares.“ Wilhelm nahm ihn an die Hand und marschierte in die Küche.
„Magst du ein Käsebrot?“
„Iiii, Käse.“ Nico schüttelte sich und weinte lauter.
„Magst du Schinken?“
Nico schüttelte den Kopf. „Ich will Leberwurst.“
„Die habe ich nicht. Aber wie wäre es mit Marmelade?“
Plötzlich versiegten die Tränen und Nico strahlte. „Ja, Marmeladenbrot.“
Schnell strich Wilhelm eine Scheibe und Nico langte zu. Er verschlang sie in kürzester Zeit und verlangte eine weitere. Sein Onkel staunte, wie eine kleine, zarte Gestalt solche Mengen verdrücken konnte.
Jetzt schrie Sascha. Wilhelm ließ Nico in der Küche und kniete sich vor den Couchtisch.
„Sascha, komm bitte raus“, lockte er.
Aber Sascha brüllte nur: „Mama, Mama.“
„Komm zu uns in die Küche.“ Der Junge brüllte weiter.
„Mama ist gleich wieder da. Nachher bauen wir euch ein schönes Bett. Soll ich vor dem Schlafen etwas vorlesen?“ Das Weinen wurde lauter.
Wilhelm versuchte es mit einem Kinderlied.
Sascha ließ sich einfach nicht beruhigen.
„Möchtest du ein Marmeladenbrot?“, probierte Wilhelm. Sascha weinte weiter. Jetzt fing auch noch Anna-Lena im Schlafzimmer an zu schreien.
Wilhelm holte sie aus dem Wagen und nahm sie auf den Arm. Aber ihr Brüllen verstärkte sich. Hannibal jagte aufgeregt bellend durch die Wohnung. Schließlich sprang er, weiter laut kläffend, an Wilhelm hoch. „Sch, sch, still“, wies Wilhelm den Hund zurecht. Vergeblich. Natürlich wusste er genau, dass Lydia den Hund nicht erzog. Hannibal hatte bisher nie pariert. Er schaukelte das Baby und lief im Schlafzimmer hin und her. Sein Gesicht verfärbte sich rot. Feine Schweißperlen bildeten sich auf Stirn und Nase. Wie konnte Lydia ihn bloß mit ihren Bälgern allein lassen? Er verstand jetzt, warum Eltern ihre Kinder zu den Großeltern oder Tagesmüttern abschoben. Dieses Geschrei hielt niemand aus.
Als etwas an seiner Hose zerrte, schaute er hinunter. Nico versuchte, seine Aufmerksamkeit zu wecken.
„Du Onkel, an der Wohnungstür ist jemand“, sagte er.
„Hast du einfach aufgemacht?“, fragte Wilhelm entsetzt.
Nico nickte. „Es hat ganz lange geklingelt, und du bist nicht hingegangen. Jetzt ist Hannibal weggelaufen“, erklärte Nico lapidar.
„Nicht auch noch“, stöhnte Wilhelm. Insgeheim hoffte er, dass der blöde Köter auf der Straße überfahren wurde, und er ein Problem weniger hatte.
„Herr Petermann, entschuldigen Sie, dass ich so einfach eindringe, aber vielleicht kann ich Ihnen helfen?“ Frau Beierlein, eine alte Dame mit grauen, dauergewellten Haaren und Kittelschürze, lugte vorsichtig durch die Schlafzimmertür. Bisher hatte Wilhelm die ruhige Frau Beierlein aus dem Erdgeschoss kaum beachtet. Trafen sie aufeinander, dann begrüßten sie sich und wechselte ein paar Worte über das Wetter. Zu mehr reichte Wilhelms Interesse an den Nachbarn nicht.
„Meine Schwester ist schnell einkaufen, aber jetzt schreien alle gleichzeitig. Und ich kann sie nicht beruhigen.“
„Na, geben Sie mir mal das Baby und versuchen Sie, den Hund einzufangen. Vielleicht schaffen wir es ja zu zweit.“ Frau Beierlein kommandierte freundlich, aber bestimmend. Sie nahm Wilhelm das Kind ab, ohne auf eine Antwort zu warten.
Anna-Lena hörte sofort auf zu schreien. Erleichtert, wenigstens diese Verantwortung abgeben zu können, flüchtete Wilhelm aus der Wohnung.

Blick ins Buch (Leseprobe)

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18. Juni 2019

'Tödliche Passage: Ein Tom Dugan Thriller' von R.E. McDermott

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Drei massive Terroranschläge!
Weltweite Zerstörung!
Ein Mann könnte das Blutvergießen verhindern, aber die Behörden ignorieren ihn.
Sie sind zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, ihn zu beseitigen.


Wir sind von Massenvernichtungswaffen umgeben. Sie sind überall, solange man nur weiß, wo man hinsehen muss. Als eine Verschwörung internationaler Terroristen nicht nur einen, sondern gleich drei Terroranschläge plant, ist Teilzeitagent Tom Dugan, den die CIA mittlerweile zum Sündenbock ausersehen hat, der Einzige, der die Zusammenhänge erkennt.

Eine ohne offizielle Genehmigung verfolgte Spur bringt Dugan den Ruf eines wandelnden Pulverfasses ein. Schon bald entwickelt er sich zur ,Person von besonderem polizeilichen Interesse‘ und danach in einen zur Fahndung ausgeschriebenen Flüchtling, nachdem es den Terroristen erfolgreich gelingt, ihm das erste Bombenattentat unterzuschieben.

Und so beginnt ein spannungsgeladenes Abenteuer, in dem Dugan in seinem verzweifelten Versuch, den nächsten Anschlag zu verhindern, um die ganze Welt jettet – seinen ehemaligen Kollegen immer nur einen knappen Schritt voraus.

Von den Straßen Londons bis hin zu den Docks von Singapur und auf die Decks der Tanker, die den Durst der Welt nach Öl löschen, ist Tödliche Passage – in den Worten eines Kritikers - „tempogeladen, vielschichtig und fesselnd“.

Anmerkung des Autors:
Als am 11. September die Türme fielen und sich unser aller Leben auf ewig veränderte, lebte ich in Singapur, eine halbe Welt entfernt. Wie die meisten Menschen passte ich mich nach dem ursprünglichen Schock den Gegebenheiten an. Für diejenigen von uns, die viel unterwegs waren, stellten die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen eine immerwährende Erinnerung an unsere Verwundbarkeit dar.

Die Verarbeitung solch konstanter Mahnungen führt in meinem Gehirn unausweichlich zu einer Geschichte. Alle Autoren bringen ein Teil ihrer selbst in ihre Arbeit ein. Ich war beruflich in der Marineindustrie tätig. Von daher war es nicht verwunderlich, dass ich bei meinen Reisen durch die Welt zu Schiffen und Hafenanlagen spekulierte, wie wohl ein Terrorattentat im maritimen Bereich aussehen würde.

Fest stand, dass der Plan plausibel und die Figuren realistisch sein mussten. Mein Held sollte kein Supermann sein, sondern ein normaler Mann, der in eine Situation manövriert wird, die seinen Horizont weit übersteigt. Es dauerte Jahre, bis ich das hinbekam, und als ich im Jahr 2006 mit dem Schreiben begann, hatte ich keine Idee, wie plausibel mein Plan sich tatsächlich herausstellen würde. Das wurde mir erst fünf Jahre später bewusst, als Seal Team 6 Osama Bin Laden seiner gerechten Strafe zuführte. Unter den Funden der Durchsuchungsaktion befanden sich Pläne zur Entführung von Tankschiffen, deren Explosion „zum Tod einer großen Anzahl Ungläubiger und zu ernsthaften ökonomischen Einbrüchen, Inschallah“ führen sollten. Osamas Pläne waren beinahe mit meinen in Tödliche Passage identisch.

Meine Leser erkundigen sich immer wieder, ob ich nicht befürchte, meine Bücher könnten einen Leitfaden für Terroristen darstellen. Tatsächlich tue ich das nicht, aus dem einfachen Grund, weil die Terroristen selbst eine allzu lebhafte Fantasie haben. Uns bleibt nur zu hoffen, dass die ,Guten‘ ihnen immer einen Schritt voraus sein werden.

Leseprobe:
Büro der Phoenix-Schifffahrtsgesellschaft
London
10. Mai

Alex Kairouz wandte sich vom Bildschirm ab und schaffte es in seinem Stuhl gerade noch rechtzeitig zum Papierkorb. Mit steigender Übelkeit übergab er sich, dann fiel sein Kopf nach vorn und er schluchzte auf. Eine Hand erschien. Sie reichte ihm ein Papiertaschentuch.
„Wischen Sie sich Ihr verdammtes Gesicht ab, Kairouz”, wies ihn Braun an.
Alex tat, was ihm gesagt wurde.
Braun fuhr fort.
„Mr Farley, seien Sie so freundlich, unseren Schüler wieder auf die anstehende Aufgabe zu konzentrieren.”
Alex versteifte sich gegen die Schmerzen, als er an seinem dichten Haar hochgerissen und herumgewirbelt wurde, um erneut dem Computerbildschirm gegenüber zu sitzen. Er schloss die Augen, um den schrecklichen Anblick auszumerzen, und versuchte seine Ohren mit den Händen abzudecken, um den gequälten Schreien aus den Lautsprechern zu entkommen. Aber Farley war schneller. Von hinten griff er sich Kairouz’ Handgelenke und zwang sie nach unten.
„Machen Sie Ihre verdammten Augen auf und kooperieren Sie, Kairouz”, fuhr ihn Braun an. „Es sei denn, sie bevorzugen einen Sitz in der ersten Reihe einer Live-Aufführung.”
Statt dem Geschehen auf dem Bildschirm zu folgen, sah Alex Braun an.
„Warum tun Sie das? Was wollen Sie? Falls Sie Geld …”
Brauns Gesicht kam Alex’ auf Zentimeter nahe.
„Alles zu seiner Zeit, Kairouz, alles zu seiner Zeit.” Braun reduzierte seine Stimme auf ein Flüstern. „Aber jetzt werden Sie erst mal unsere kleine Lektion beenden. Ich versichere Ihnen, es wird noch amüsanter.”

M/T Western Star
Eastern Holding Ankerreede
Singapur
15. Mai

Dugan bewegte sich über Schlammlachen hinweg durch die feuchte Dunkelheit des Ballasttanks des Schiffes. An der Leiter fuhr er sich mit klammem Ärmel über das Gesicht und drehte sich dann in Richtung unterdrückter russischer Flüche um, seine Taschenlampe auf den korpulenten Ersten Offizier gerichtet, der sich durch ein Einstiegsloch hindurchkämpfte. Der Overall des Mannes war ebenso wie der von Dugan schweißdurchtränkt und von Roststreifen überzogen. Ächzend schaffte es der Russe durch das Mannloch und gesellte sich zu Dugan. Der Schweiß lief ihm die mit Bartstoppeln übersäten Wangen hinunter. Er fixierte Dugan mit einem hoffnungsvollen Blick.
„Nach oben?”, erkundigte er sich.
Dugan nickte, und der Russe begann die lange Leiter zu erklimmen, entschlossen, dem Tank zu entkommen, bevor Dugan seine Meinung ändern konnte. Ein letztes Mal ließ Dugan seine Taschenlampe über den ruinierten Stahl schwenken, eindeutig das Resultat mangelhafter Wartung, und folgte dann dem Russen nach oben.
Auf dem Hauptdeck angekommen, erwischte er gerade das Ende eines tropischen Gewitters, das in Singapur so alltäglich war. Seine schweißnassen Overalls klebten ihm auf der Haut, und der kühle Regen fühlte sich gut an. Aber die Linderung würde nicht lange vorhalten. Der Regen ließ bereits nach, und der Dampf auf dem Deck bewies den unwesentlichen Effekt, den der kurze Guss auf den heißen Stahl hatte. Zwei philippinische Matrosen standen in ihren gelben Regenjacken in der Nähe und sahen wie kleine Jungen aus, die in der Kleidung ihrer Väter steckten. Einer reichte Dugan ein Bündel alter Lappen, während der andere eine Mülltüte offenhielt. Dugan wischte sich seine Stiefel ab und warf die Lumpen in die Tüte, um sich danach achtern auf dem Weg ins Deckshaus zu begeben.
Dort duschte er und wechselte die Kleidung. Auf dem Weg zur Gangway versäumte er nicht, dem Steward einige Dollar für die Reinigung seiner Kabine zuzustecken. Der dankbare Filipino versuchte, ihm die Tasche zu tragen und rannte, als dies dankend abgelehnt wurde, vorweg, um ihm die Türen offenzuhalten, während ein verlegener Dugan sich zum Hauptdeck vorarbeitete. Schon wieder zu viel Trinkgeld gegeben, dachte Dugan, und kletterte die abgeschrägte Fallreeptreppe zur Barkasse hinunter.
In der Kajüte der Barkasse richtete er sich auf die Fahrt an Land ein. Drei Reinfälle in sechs Wochen. Er freute sich nicht darauf, Alex Kairouz berichten zu müssen, dass er auf seine Kosten eine weitere Rostlaube inspiziert hatte.

***

Eine Stunde später machte es sich Dugan auf einem Polstersessel in seinem Hotelzimmer bequem. Er öffnete ein überteuertes Bier aus der Minibar und sah auf die Uhr. Der Beginn des Geschäftstages in London. Eigentlich konnte er Alex auch noch ein wenig Zeit geben, seinen Tag zu starten, bevor er ihm die schlechten Neuigkeiten überbrachte. Dugan hob die Fernbedienung an und fand Sky News im Fernsehen. Der Bildschirm füllte sich mit den Bildern eines rasenden Raffineriefeuers in Bandar Abbas, Iran. Muss ein Großes sein, um in die internationalen Nachrichten zu gelangen, dachte er.

***

Alex Kairouz saß zitternd und mit geschlossenen Augen an seinem Schreibtisch, das Gesicht in den Händen vergraben. Er schauderte und schüttelte den Kopf, als ob er körperlich versuchen wollte, die Bilder, die sich in sein Gehirn gebrannt hatten, loszuwerden. Endlich öffnete er die Augen, um auf ein Fotos seines jüngeren Selbst zu starren — schwarze Haare und Augen in einem olivfarbenen Gesicht, weiße Zähne, und ein Lächeln reiner Freude auf ein rosa Bündel in den Armen einer wunderschönen Frau gerichtet. Beim Klang der Gegensprechanlage fuhr er zusammen und kämpfte darum, sich unter Kontrolle zu bekommen.
„Ja, Mrs Coutts?”, erkundigte er sich.
„Mr Dugan auf Leitung Eins, Sir.”
Thomas! Panik übermannte ihn. Thomas kannte ihn zu gut. Er könnte womöglich spüren, dass etwas nicht stimmte, und Braun hatte gesagt, falls jemand etwas davon erfahren sollte …
„Mr Kairouz, sind Sie noch da?”
„Ja, ja, Mrs Coutts. Danke.”
Alex wappnete sich und drückte auf die blinkende Taste.
„Thomas”, begrüßte er ihn mit erzwungener Aufgeräumtheit, „was hältst du von dem Schiff?”
„Müll.”
„Verdammt.”
„Was hast du erwartet, Alex? Gute Tonnage bringt Geld ein. Alles was im Moment zum Verkauf steht ist Mist. Du weißt, wie das läuft. Du hast deine eigene Flotte zu Mindestpreisen in rückläufigen Märkten aufgebaut.”
Alex seufzte. „Ich weiß, aber ich brauche mehr Schiffe und hoffe eben weiter. Na schön, schick mir einfach deine Rechnung.” Er hielt inne und sah jetzt mit größerer Konzentration auf einen Notizblock auf seinem Schreibtisch. „Und Thomas, könntest du mir wohl einen Gefallen tun?”
„Sag mir nur, welchen.”
„Die Asian Trader wird in zwei Tagen in der Werft in Singapur erwartet, und McGinty kam gestern mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus. Kannst du dich um das Schiff kümmern, bis ich einen anderen Technischen Inspektor einfliegen kann, um dich abzulösen?”
„Wie lang wird das dauern?”
„Zehn Tage, maximal zwei Wochen”, antwortete Alex.
Dugan seufzte. „Ja, ok. Aber gut möglich, dass ich mich für einen Tag absetzen muss. Heute Morgen rief mich das Militärische Seetransportkommando an. Ich soll in den nächsten Tagen ein kleines Küstenboot für sie inspizieren. Ich kann meine anderen Klienten nicht vernachlässigen, obwohl es manchmal scheint, als ob ich Vollzeit bei dir angestellt wäre.”
„Da wir schon bei diesem Thema sind …”
„Himmel, Alex. Nicht schon wieder.”
„Hör zu, Thomas, wir alle werden älter. Du bist, wie alt nun … Fünfzig?”
„Ich werde Siebenundvierzig.”
„Okay, siebenundvierzig. Aber du kannst nicht ewig durch Schiffsbäuche kriechen. Zudem ist es Talentverschwendung. Eine Menge Leute können Probleme identifizieren. Ich brauche jemanden hier, der sie lösen kann.”
„Okay, okay. Ich denke darüber nach. Wie klingt das?”
„Wie das, was du immer sagst, damit ich den Mund halte.”
„Funktioniert es?”
„Also gut, Thomas. Ich gebe auf. Für den Moment. Aber wir sprechen später weiter.”
Dugan wechselte das Thema.
„Wie geht’s Cassie?”
„Ähm … sie ist …”
„Stimmt was nicht?”, wollte Dugan wissen.
„Oh nein, tut mir leid, mir ging gerade etwas anderes durch den Sinn. Cassie geht’s gut, sehr gut. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter nimmt täglich zu. Und Mrs Farnsworth versichert mir, dass sie angesichts der Umstände erstaunliche Fortschritte macht.”
„Und was macht die Drachenlady?”
„Wirklich, Thomas, wenn du ihr nur eine Chance gibst, glaube ich, dass ihr Zwei gut zurechtkommen werdet.”
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich derjenige bin, der diesen Rat braucht, Alex.”
„Na ja, wenn du öfter hier wärst und Mrs Farnsworth dich näher kennenlernen würde, würde sie sich sicher für dich erwärmen”, warf Alex ein.
Dugan lachte. „Ja, als ob das je passieren würde.”
Alex seufzte. „Da hast du wohl Recht. Jedenfalls werde ich Mrs Coutts veranlassen, dir sofort per E-Mail die Reparaturvorgaben für die Asian Trader zu schicken. Kannst du morgen früh oben an der Werft in Sembawang sein, um mit den Vorbereitungen für ihre Ankunft zu beginnen?”
„Wird gemacht, Kumpel”, versprach Dugan. „Ich rufe dich an, nachdem sie eingetroffen ist und wir loslegen können.”
Alex dankte Dugan und legte auf. Er hatte vor Dugan, sowie auch vor allen anderen, eine gute Fassade aufrechterhalten. Aber es zehrte an ihm. Die täglichen Details seine Firma zu leiten, die er noch vor wenigen Tagen so genossen hatte, schienen jetzt unbedeutend — mit großer Wahrscheinlichkeit würde es gar keine Phoenix Schifffahrtsgesellschaft mehr geben, nachdem der Schweinehund Braun mit ihm fertig war. Aber darauf kam es nicht an. Allein Cassies Sicherheit war von Bedeutung. Seine Augen kehrten zum Foto seiner ehemals kompletten Familie zurück, und er erschauderte erneut, als die Bilder von Brauns Video wieder vor seinem geistigen Auge erschienen.

Im Kindle-Shop: Tödliche Passage: Ein Tom Dugan Thriller.
Mehr über und von R.E. McDermott auf der Website seiner Übersetzerin.



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17. Juni 2019

'Sonne, Strand und Federwolken' von Eva Joachimsen

Was gibt es Schöneres, als ein paar freie Tage an der See zu verbringen? Am Strand zu liegen und von der großen Liebe zu träumen. Bis man sie gefunden hat, lässt sich die Wartezeit herrlich mit Urlaubslektüre verkürzen.

Die Kurzgeschichtensammlung ist nicht nur für die Ferien geeignet. Vier der dreizehn Geschichten stammen aus dem Buch „Strandkorburlaub“.

Gleich lesen:
Für Kindle: Sonne, Strand und Federwolken
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Regen und Sturm statt Sonnenschein
Voller Vorfreude sprang Sophie aus dem Zug. Acht Tage Urlaub, Sonne und Strand. Herrlich. Auch wenn es für den Süden nicht gereicht hatte. Denn als Auszubildende hatte sie nicht sehr viel verdient und ihr Geld war für das Auto, mit dem sie zur Arbeit fuhr, draufgegangen. Aber eine Bude in der Stadt hätte erheblich mehr gekostet. Ihre Mutter konnte sie nicht unterstützen, sie hatte als Alleinerziehende nie richtig in einem Job Fuß fassen können, sondern sich immer nur mit Aushilfs- und Minijobs durchgeschlagen. Demnächst würde es besser werden. Vor Glück hüpfte Sophie singend am Zug entlang zum Bahnhofsausgang. In zwei Wochen fing sie ihre neue Stelle an. Ihr Chef hatte sie einem Bekannten empfohlen, der ihr tatsächlich einen Zweijahresvertrag gegeben hatte.
Sie würde dort genug Gehalt bekommen, sodass sie ihrer Mutter helfen konnte. Und sicher war zusätzlich eine kleine Wohnung oder wenigstens ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft drin. Fröhlich summend und tanzend lief sie die Hauptstraße Richtung Strand. Vor dem Fischrestaurant musste sie nach rechts abbiegen und weiter geradeaus laufen, bis sie die Neubausiedlung erreichte. Dann war die zweite Straße schon der Möwenweg.
Sie schaute sich die süßen alten Häuser der Bäderarchitektur an und achtete nicht auf den Weg. Mit Schmackes prallte sie gegen eine breite Männerbrust.
„Können Sie nicht aufpassen?“, knurrte der Mann. Sein XXL-Eis verteilte sich auf Sophies brünetten Haaren, ihrem Parka und seinem Polohemd. Natürlich ein Markenhemd, wie sie sofort erkannte.
„Oh, das tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen.“
Aus furchteinflößender Höhe funkelte er sie grimmig an. „Ich bin so winzig, dass man mich übersieht.“
Sophie schoss das Blut in den Kopf. „Entschuldigung. Ich kaufe Ihnen auch ein neues Eis“, stammelte sie.
„Das ist ja wohl das Mindeste“, brummte er.
„Wo haben Sie es her?“
Er zeigte auf die Eisdiele auf der anderen Straßenseite. Bevor Sophie losgehen konnte, hielt er sie fest und reinigte mit mehreren Papiertaschentüchern ihre Haare. Anschließend reichte er ihr die Packung und deutete auf ihre Brust. Sophie errötete noch stärker und wischte sich das Eis von der Bluse.
Sie musste stolze fünf Euro für eine Eistüte bezahlen. Ihr selbst war inzwischen der Appetit vergangen.
„Wollen Sie kein Eis essen?“, fragte er, schon etwas weniger grimmig.
„Nein, danke, ich mag es nicht“, log sie. „Kann ich Ihr Hemd waschen?“, bot sie an.
Entsetzt schüttelte er den Kopf. „Wer weiß, wie ich es zurückbekomme.“
Sophie entschuldigte sich erneut und flüchtete mit der Bemerkung, dass sie eine Verabredung hätte.
Ihre Hochstimmung war verschwunden. Hätte der Kerl nicht ein kleines Bisschen freundlicher reagieren können?
Sie bemühte sich, trotzdem den Tag zu genießen. Bewusst atmete sie ein und versuchte, die Seeluft wahrzunehmen. Doch das gelang ihr nicht. War der Strand noch zu weit entfernt? Die Strecke wurde immer länger und der Möwenweg tauchte nicht auf. Nach einer Ewigkeit hatte sie das Ende der Neubausiedlung erreicht. Es war gleichzeitig der Ortsausgang, dahinter lagen Felder. Erschöpft setzte Sophie die schwere Reisetasche ab.
[...]

Im Kindle-Shop: Sonne, Strand und Federwolken
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Eva Joachimsen auf ihrer Website.

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'DIE SCHULD BLEIBT' von H.C. Scherf

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
»Die Qualen der Zelle liegen hinter ihr –
Doch die Hölle der Freiheit erwartet sie bereits«


Sieben Jahre teilte Daniela die Zelle mit Psychopathinnen. Totschlag war ihr Verbrechen, für das sie lange sühnte. Nun steht sie vor dem Tor der JVA und einer Freiheit gegenüber, die keine ist.

Unerbittlich begegnet ihr die Familie mit Ablehnung. Als sie in einen Strudel aus Gewalt gezogen wird, sehnt sie sich zurück in den Regelbetrieb des Strafvollzugs.

Ein perverser Serienmörder und ein brutaler Zuhälter reißen sie in den Vorhof zur Hölle. Ausgerechnet ein Ermittler steht ihr zur Seite, den die Vergangenheit mit den Taten des perfiden Mörders verbindet.

'Die Schuld bleibt' ist der zweite Band der Thriller-Reihe um das Ermittlerduo Liebig und Momsen. Weitere Bücher von H.C. Scherf auf seiner Autorenseite.

Leseprobe:
»Bis bald, du lesbische Dreckschlampe. Wir werden uns schon bald hier wiedersehen.«
Der Ruf hallte durch den Zellengang, obwohl sämtliche Türen geschlossen waren. Jede hier wusste, dass eine von ihnen die Hölle des Knasts heute verlassen würde. Dass sich nicht nur freundschaftliche Gefühle entluden, wunderte keinen. Sandra Coburg legte den Arm um die Zellengenossin und strich ihr über das Haar. Zwischen ihnen hatte sich in den letzten fünfzehn Monaten dennoch eine gewisse Freundschaft gebildet, sofern man hinter diesen Mauern von etwas derart Tiefgreifendem sprechen konnte.
»Die verrückten Weiber darfst du nicht ernst nehmen. Die Sprüche kennen wir doch schon lange, wenn jemand von uns entlassen wird. Nimm jetzt deine Plörren unter den Arm und verdufte für immer von hier. Vergiss nicht, was du mir versprochen hast. Hier drin will ich dich nie wiedersehen. Und schick mir deine neue Adresse. In vier Monaten bin ich hier auch raus, falls die dem Antrag stattgeben. Dann können wir zusammen alles erreichen ... alles, glaube mir. Denke an unsere Pläne, Schätzchen.«
Daniela Weigel nahm die Stirn von der kalten Stahltür, als sie die sich nahenden Schritte zweier Personen hörte. Sie erkannte die Justizvollzugsbeamten schon am Gang, so vertraut waren die Geräusche des Hauses für sie in den letzten sieben Jahren geworden. Als sich die Tür öffnete, legte Daniela ihre Arme um die Freundin und verkniff sich eine Träne. Wortlos, nur die Hand zum Gruß hebend, folgte sie den beiden Männern zur ersten Gittertür, wissend, dass nun ein erbärmlicher Lebensabschnitt sein vorläufiges Ende finden würde.

Der kräftige Wind peitschte den feinen Regen fast waagerecht über das Pflaster. Daniela griff zum Hals, zog an den Schnüren, die ihre Kapuze fest am Kopf hielten. Sekunden später schon spürte sie die Nässe, die sich durch die wollene Joggingjacke zur Haut durchkämpfte. Ihre Augen presste sie zu schmalen Schlitzen, sodass sie nur schemenhaft die Fahrzeuge wahrnahm, die eine graue Wasserwand hinter sich herzogen und an ihr vorbeirauschten. Niemand der Fahrzeuginsassen verschwendete auch nur einen Blick an die einsam dastehende Frau, die sich gegen den Sturm stemmte und schützend ihre Sporttasche vor die Brust presste. Diese enthielt die wenigen Habseligkeiten, die sie besaß, als sie vor über sieben Jahren ihre Strafe in der Haftanstalt antrat. Sieben Jahre ihres Lebens, die ihr dieser verdammte Dreckskerl damals genommen hatte. In der tiefsten Hölle sollte er dafür schmoren. Nur dieser Gedanke half ihr über diese lange Zeit hinter Gittern, gepaart mit der Hoffnung, schon etwas früher wieder entlassen zu werden. Ein Wunsch, der sich nicht erfüllen sollte. Daniela hatte schon sehr früh erkannt: Sie hatte eine Rechnung ohne die Mithäftlinge gemacht.
Sie spürte die Blicke in ihrem Rücken. Blicke von Männern aus dem Vollzug, die ihr noch vor wenigen Momenten Glück gewünscht und ihr mit auf den Weg gegeben hatten, dass man sie nie wieder hier sehen wollte. Sie standen hinter den Panzerglasscheiben und beobachteten sie noch eine Weile, während sich das stählerne Rolltor schloss, das kurz zuvor einen Gefangenentransport durchließ. Dem Fahrzeug entstiegen drei Männer, die jetzt eine möglicherweise lange Haftzeit, Entbehrungen und Qualen vor sich hatten.
Daniela wusste, die Worte der mittlerweile vertrauten Vollzugsbeamten waren ehrlich gemeint. Gleichzeitig schwang jedoch offen der Zweifel darin mit, ob sich dieser Wunsch erfüllen würde. Auch sie selbst hatte in den zurückliegenden Jahren viel zu oft erleben müssen, dass Mithäftlinge in Freiheit schon nach kurzer Zeit wieder einrückten. Das sollte ihr nicht passieren, auch wenn die Perspektiven ungünstig waren. Zu diesem Zeitpunkt wusste Daniela Weigel noch nicht, dass sie lediglich die Hölle des Strafvollzugs gegen eine schlimmere hier draußen eintauschte. Sie beeilte sich, den Schutz der Bushaltestelle zu erreichen. Dort war sie zwar vor dem Regen geschützt, doch der kalte Wind ließ sie in ihren durchnässten Sachen erschauern.

Im Kindle-Shop: DIE SCHULD BLEIBT (Liebig/Momsen 2).
Mehr über und von H.C. Scherf auf seiner Autorenseite bei Facebook.



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15. Juni 2019

'Hanzing: Nur tote Mädchen weinen nicht' von Martina Schmid

Kindle (unlimited)
Die Schriftstellerin Sarah Wenders zieht nach ihrer Scheidung in ein altes Bauernhaus in Hanzing, einem abgelegenen Ort im Bayerischen Wald.

Bald aber wird sie von furchtbaren Albträumen geplagt, hört Schritte auf dem Dachboden und vernimmt Klopfgeräusche aus einem Schrank. Als dann eine von Sarahs Katzen tot vor der Haustür liegt, beginnt sie zu recherchieren und gerät immer tiefer in einen Sumpf von perfiden Machenschaften, die sie an den Rand ihrer Belastbarkeit und darüber hinaus in größte Lebensgefahr bringen. Es drängt sich ihr der Verdacht auf, dass hier ein Verbrechen vertuscht werden soll. Der Kreis derer, die offensichtlich davon wissen, schweigt hartnäckig.

Sarah versucht, auf eigene Faust zu ermitteln. Mit Hilfe der Wahrsagerin Loretta Garibaldi kommt sie den unglaublichen Dingen, die neun Jahre zuvor passiert sind, allmählich auf die Spur. Besteht ein Zusammenhang mit dem Verschwinden der kleinen Melissa vor ebenfalls neun Jahren, das ihr auf seltsame Weise so nahe geht und welche Bedeutung hat darüber hinaus das Wiedersehen mit ihrer Jugendliebe Christian für Sarah?

Weitere Bücher von Martina Schmid auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
Ich muss mir irgendetwas einfallen lassen, sonst...! Mühsam und mit enormem Kraftaufwand schaffe ich es, in die Nähe des Eingangs zu robben. Als ich sie mit den Füßen berühren kann, drücke ich gegen die Tür. Wie ich schon vermutet hatte, ist sie abgesperrt. Doch hier ist es wenigstens ein wenig heller und falls wirklich jemand in der Nähe ist, kann er meine Rufe vielleicht hören. Mein Magen knurrt schmerzhaft. Schon seit Stunden und der Hunger verbeißt sich immer tiefer in meinen Magen. Was ist schlimmer, Angst oder Hunger? Eigenartig, welche Gedanken einem durch den Kopf gehen, wenn man nur noch einen Wunsch hat … Sofort kann ich mir aber meine Frage beantworten: Durst ist viel schlimmer als Hunger! Jetzt kann ich es aus eigener Erfahrung beurteilen. Mein Mund fühlt sich völlig trocken an und ich spüre eine bleierne Müdigkeit, die auf mir lastet. Wie lange werde ich es ohne Wasser aushalten? Werde ich hier grauenvoll verdursten? Hoffentlich kommt Lanz zurück! Er muss! Er kann mich doch hier nicht meinem Schicksal überlassen! Verdammt, ich will hier raus!!!

Im Kindle-Shop: Hanzing: Nur tote Mädchen weinen nicht - Psychothriller.
Mehr über und von Martina Schmid auf ihrer Website.



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14. Juni 2019

'Home Sweet Home' von J. Vellguth

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Für die hübsche Mary Simmons, Designerin in ihrem eigenen kleinen Modegeschäft in New York City mit einer Vorliebe für extravagante Kleider, läuft es gerade gar nicht gut: Erst verliert sie einen wichtigen Auftrag und dann bricht sie auch noch auf der Straße zusammen. Im Regen.

Eins ist klar: Mary bräuchte dringend Unterstützung, aber was, wenn sie die unmöglich annehmen kann? Dann ist da auch noch Luke: Frauenheld, Lebenskünstler und Organisationstalent, der mit Schirm und Charme viel zu schnell ihr Herz erobert. Doch was steckt wirklich hinter seinen zweideutigen Sprüchen und dem verschmitzten Lächeln?

Eine romantisch-moderne Liebesgeschichte über alte Erinnerungen, neue Wahrheiten und die Bedeutung von Familie - witzig, spannend und wunderschön gefühlvoll.

Weitere Bücher von J. Vellguth auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
When It Rains It Pours – Luke Combs

Links eine Tüte, rechts eine Tüte und auf dem Gesicht ein erschöpftes, aber glückliches Lächeln, so trat Mary aus dem kleinen Geschäft, in den nicht mehr ganz so sonnigen Nachmittag.
Sie beachtete die aufziehenden Wolken nicht und auch nicht den Wind, der an ihrer dünnen, türkisfarbenen Strickjacke zerrte. Während sie über den breiten Bürgersteig schlenderte, zwischen hohen Häusern hindurch und an einem pastellfarbenen Flickenmuster aus Backsteinfassaden und Sandsteinwänden vorbei, waren ihre Gedanken ganz in ihrem eigenen kleinen Laden und bei dem pompösen Rokokokleid, das sie erst vor etwa einer Stunde fertiggestellt hatte.
Es sah atemberaubend aus. Ein wahrer Traum.
Das vordere Mittelstück des Rockes war aus drei schneeweißen Lagen mit feinster Spitze gearbeitet. An der Hüfte war der glänzende, altrosafarbene Stoff des Oberrocks so weit ausgestellt, dass fünf Kleinkinder bequem darunter Platz finden konnten. Über der Brust hatte sie das Korsett mit einer silbernen Kordel kreuzgeschnürt, und da wo der Stoff des Oberkleides auf das Weiß des Mittelteils traf, hatte sie den Rand mit siebenhundertsechsundachtzig schimmernden Perlen per Hand verziert. Trichterförmige Ärmel und eine Schleppe vervollständigten das wahrhaft königliche Bild.
Und ja, sie hatte sich von Die Schöne und das Biest inspirieren lassen, und nein, es war historisch nicht korrekt.
Aber darum ging es schließlich nicht.
Es ging um die Kundin, die gleich nach der Fertigstellung ein Foto bekommen, doch natürlich noch nicht geantwortet hatte.
In den letzten Wochen war Miss Fisher sowieso sehr still geworden – wahrscheinlich hatte sie genug mit ihren Vorbereitungen zu tun.
Es musste ihr einfach gefallen. Sie würde auf ihrem Maskenball umwerfend darin aussehen und sicher ihren Freundinnen erzählen, wer es für sie gemacht hatte.
Ob das Marys Durchbruch wurde?
Dann war sie endlich nicht mehr auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen – allein bei dem Gedanken fühlte sie sich schon um zehn Kilo leichter – vor allem, weil ihr Dad bald in Rente ging und das Geld dann knapp wurde. Wenn ihr Traum von der anerkannten Modedesignerin Flügel bekam, könnte sie ganz auf eigene Kosten ihre Wohnung in Manhattan bestreiten.
Das kleine Stadthaus mit dem etwas anderen Mietvertrag war in den letzten Jahren zu ihrer zweiten Heimat geworden. Sie durfte das unter keinen Umständen verlieren.
An der nächsten Ampel war die Kreuzung mit Autos vollgestopft und sie zwängte sich mit den anderen Fußgängern an Stoßstangen und Auspuffen vorbei.
Mary arbeitete schon so lange, so hart für ihren kleinen Laden und damit ihren großen Traum. Besonders in den letzten zwei Monaten, wegen dieses ganz besonderen Auftrags. Und in den vergangenen zwei Nächten hatte sie so gut wie gar nicht mehr geschlafen, um die Frist einzuhalten.
Kopf: Es muss ihr einfach gefallen.
Bauch: Was, wenn sie allen erzählt, dass es ein Desaster ist?
Kopf: Beruhig dich.

Sie spürte, wie der Henkel der rechten Tüte ihr in die Finger schnitt.
Das komische Gefühl kam sicher nur durch den Benzingestank der Autos und durch die Müdigkeit.
Sie wäre schon längst im Bett, wenn sie Natty nicht zugesagt hätte, ihr noch ein paar Medikamente zu besorgen. Und, wenn sie sich selbst nicht versprochen hätte, zur Feier des Tages einen ganzen Becher Eiscreme zu kaufen – Sea Salt Caramel, auch bekannt als Zum-Niederknien-Lecker.
Mary war ein wenig schummrig, als sie die nächste Straße überquerte, doch das würde sich wieder geben, sobald sie im Bett lag. Sie ignorierte das seltsame Bauchgefühl, genau wie die dunklen Wolken, die aufzogen.
Heute konnte ihr niemand etwas.
Das Schicksal hatte sich zum Besseren gewendet – endlich.
Genau da gab es einen kleinen Ruck und einen Knall, und schon hatte die rechte Tüte ihren Inhalt auf dem Bürgersteig entleert. Mary seufzte. Sie wollte doch einfach nur in die weichen, sonnengelben Laken ihres Bettes fallen und ins süße Land der Träume driften.
Aber sie würde sich ihre gute Stimmung nicht verderben lassen. Weder von dummen Zufällen noch von Wolkenbergen, die mittlerweile den Tag zur Nacht machten und scharfen Wind durch die Straßenschluchten pfeifen ließen. Sie sammelte den Eiscreme-Becher und die Medikamentenschachteln vom Boden auf, wickelte sie in die Plastiküberreste, um die zweite Tüte nicht auch noch zu riskieren, und eilte weiter. Da traf der erste Regentropfen ihr Gesicht.
Super!
Die Finsternis griff mit langen Fingern in die Straßen, Scheinwerfer von Autos huschten vorbei und zu dem ständigen Rauschen gesellte sich ein lang gezogenes Donnergrollen, das bis tief in ihren Magen hinein rumpelte – der sich ja sowieso nicht sonderlich wohlfühlte.
Hastig stopfte sie ihren Einkauf unter die Jacke, auch auf die Gefahr hin, dass die Eiscreme schmolz – halb flüssig schmeckte die sowieso am besten. Doch weil ein ordentlicher New Yorker Schauer in wenigen Minuten ganze Kleiderschichten durchweichen kann, ganz zu schweigen von Medikamenten-Verpackungen, tat Mary etwas, das sonst nur Touristen machten oder Menschen, die glaubten, unverwundbar zu sein. Sie kaufte sich für fünf Dollar einen Regenschirm am Straßenrand.
Zur Sicherheit.
Bis zu Hause musste der reichen.
Es war schließlich nicht mehr weit.
Da brachen auch schon die Wolken auf und eine nasse, graue Wand aus dicken Tropfen sog sich sofort in ihre Jacke. Mary beschleunigte ihren Schritt, ihr Herz erhöhte den Takt und sie schaffte es irgendwie, den Schirm aufzuspannen, der zumindest ihren Kopf und ihre Brust vor den Wassermassen schützte. Sie ignorierte ihre weichen Knie, das Schwimmen in ihrem Bauch und konzentrierte all ihre Gedanken auf ihr Bett, das nur wenige hundert Meter entfernt auf sie wartete.
Mittlerweile war es dunkel wie die Nacht. Feuchtigkeit klebte ihr die weißblonden Locken ins Gesicht und die schwergewordenen Jackenärmel an die Haut.
Da summte das Handy in ihrer Hosentasche und sie machte einen kleinen Satz.
Natürlich wäre es schlau zu warten, bis sie zu Hause war.
Schlau, weil dann das Handy nicht komplett nass wurde und weil sie sich im Trockenen immer noch über die Antwort ihrer Kundin freuen konnte.
Aber Mary hielt es nicht aus. Sie war so neugierig und musste einfach sofort wissen, was Miss Fisher über das Kleid dachte. Ob es ihr gefiel, ob es so geworden war, wie sie es sich vorstellte, und ob sie genauso hingerissen war wie Mary.
Die Ampel an der nächsten Kreuzung sprang auf Rot. Noch mehr Regen sog sich in ihre Kleider, klebte die Jeans an ihren Oberschenkeln fest und lief in dicken Rinnsalen ihren Rücken hinunter. Aber die Verzögerung kam ihr trotzdem mehr als gelegen. Mit zitternden Fingern zog Mary ihr Telefon heraus und tippte auf die Nachricht.

Miss Fisher: Danke für die Mühe. Aber die Feier findet nicht statt. Ich habe keine Verwendung mehr für das Kleid.

Eine unsichtbare Blase breitete sich in atemberaubender Geschwindigkeit um Mary herum aus und verschluckte die Wirklichkeit. Das Rauschen der Autos wurde dumpf, den Regen hörte sie kaum noch, nur ihr Puls hämmerte wie Donnerschläge bis in ihren Hals hinauf.
Sie konnte sich nicht rühren.
Selbst dann nicht, als die Ampel umsprang.
Es ist vorbei.
Endgültig vorbei.

Ganz Manhattan schien langsam unter ihr aufzubrechen, schwarz bröckelte der Beton, kalter Felsen barst in tiefen Spalten und dann grinste ihr aus dem Höllenschlund das rote Glühen des Erdkerns entgegen, das sie im Nu zu Asche verbrennen würde.
Ein Auto rauschte an ihr vorbei, spritzte das Wasser einer tiefen Pfütze gegen ihre Beine, nasser Fahrtwind griff in ihren Schirm, riss ihn in die Höhe und zerstörte das klapprige Gestell. Die erbärmlichen Überreste ihrer neuesten Errungenschaft flatterten wie ein verzweifeltes Fähnchen über ihrem Kopf – schwarze Fetzen, ein klägliches Symbol ihrer endgültigen Niederlage.
Vorbei.
Nasse Locken schlangen sich um ihr Gesicht, klebten an ihrem Hals und Pfützenwasser schwappte in ihre Schuhe.
Ihr Geschäft war dahin. Wenn sie endlich aufhören wollte, ihren Eltern auf der Tasche zu liegen, musste sie nach Kansas zu ihrer Tante ziehen und für den Rest ihres Lebens Hosen kürzen. Das schummrige Gefühl in ihrem Bauch breitete sich in einer Übelkeit erregenden Welle aus und ließ ihre Knie noch weicher werden.
Es ist vorbei.
Immer wieder kreisten diese drei Worte sinnlos durch ihren Kopf.
Und dann … hörte der Regen plötzlich auf, ganz abrupt und nur über ihrem Kopf.
Seltsam.
Sie hob den Blick, alles drehte sich, ihr war so schlecht. Die kalte Eiscreme an ihrer Brust machte das absurd entrückte Gefühl nur schlimmer, die nasse Jacke schlang sich fest um ihren Körper und sie erblickte ein Sternenzelt über sich. Goldgelbe Punkte auf dunkelblauem Himmel, der sich dicht über ihr aufspannte.
Verrückt.
Sie schwankte.
»Hi.« Sie drehte den Kopf. Leuchtend grüne Augen im Scheinwerferlicht, sandblonde Locken, die samtig in seine Stirn hingen, und ein verschmitztes Lächeln.
Dann sackte sie in sich zusammen und alles wurde schwarz.

Im Kindle-Shop: Home Sweet Home: Liebesroman.
Mehr über und von J. Vellguth auf ihrer Website.



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