31. Oktober 2018

'Wir können alles sein' von Johanna Kramer

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Ist es besser, von einer traurigen Liebe zerrissen zu werden, als überhaupt nicht zu lieben?

Carolina ist achtundzwanzig Jahre alt und auf der Suche nach sich selbst, als sie Brida begegnet, einer Heilerin, die vor den Trümmern ihrer zweiten Ehe steht. Zwanzig Jahre trennen die beiden Frauen, doch während Carolina vom ersten Augenblick an erkennt, welche Liebe sie verbindet, hat Brida nicht nur Angst, sich auf die Beziehung einzulassen, auch ihr Mann verhindert einen Neuanfang. Ohne Hoffnung bricht Carolina alleine nach Schottland auf, um ihren Weg als Schriftstellerin zu gehen.

Ein Roman über die Macht der Liebe, die Angst davor und den Mut, den man braucht, um seiner inneren Stimme zu folgen.

»Bri, ich glaube das Meer fließt zwischen uns. Ein Gefühl, als bewegten sich all die Wassermassen in allen Weltmeeren gleichzeitig.« - Carolina

Eine illustrierte Ausgabe mit Kohlezeichnungen, die Lust auf eine Reise nach Schottland machen.

Leseprobe:
EDINBURGH
Die Gummiabsätze meiner Stiefel klangen dumpf auf den abgewetzten Pflastersteinen, und die Fensterscheiben des Pubs, auf das ich zusteuerte, warfen ihr warmes Licht auf die nasse Straße. Ich öffnete die schwere Tür des White Hart Inn und ein Schwall warmer, feuchter Luft strömte mir entgegen. Ein verschlissener grüner Vorhang grenzte den Eingang vom Hauptraum des Lokals ab. Ich schob ihn zur Seite und trat ein wie in eine andere Welt. Es roch nach Menschen und feuchten Wintermänteln, nach Rauch und Alkohol, nach gebackenem Fisch. Im Stimmengewirr klirrten Gläser und aus irgendeiner Ecke, verborgen im Halbdunkel, erklang ein lautes, gegröltes »Slainté«, das schottische »Prost«. Das Licht war dumpf, und mit seinen dunklen Balken an der Decke wirkte der Raum einladend.
Ich schob mich an Gästen vorbei und erspähte einen freien Tisch hinten rechts in der Ecke am Fenster. Auf den Bänken lagen keine Kissen und auf dem dunklen Holztisch gab es außer verklebten Whiskyresten keine Dekoration. Von hier aus hatte ich einen guten Blick auf die lange Bar gegenüber. Leider machten sich die Schotten nicht die Mühe, ihre Gäste zu bedienen. Meinen Whisky musste ich mir selbst holen und auch gleich bezahlen. Ich bestellte zwei Gläser Dalwhinnie und fragte mich, wo Brida blieb. Gedankenverloren drehte ich das Glas zwischen meinen Händen und roch an der goldenen Flüssigkeit darin. Sie duftete sanft und würzig, fast sinnlich nach Honig und Heide mit etwas Rauch. Die Stimmen der Menschen und ihre Sprache hatten etwas Beruhigendes, etwas Sehnsuchtsvolles an sich, etwas, das sich nach uralten, längst vergangenen Zeiten anfühlte.
Ich ließ die letzte Nacht noch einmal in meinem Kopf aufleben, in meinem Mund, auf meiner Haut. Mit einem Lächeln leckte ich mir über die Lippen und nahm noch einen Schluck.
»Danke, dass du mir auch gleich einen bestellt hast.«
Brida stand grinsend vor mir und legte ihren Mantel ab. Sie wusste genau, worüber ich gerade nachgedacht hatte. Das sah ich an ihrem Blick, der ebenfalls die Erinnerung an die letzten Wochen in sich trug.
»Puh, ist das wieder ein schottisches Wetter. Ich brauche dringend etwas, das mir den Magen wärmt.« Sie setzte sich auf die Bank gegenüber.
»Auf uns.« Ich hob das Glas.
»Slainté«, antwortet sie mit einem Leuchten in den Augen. Unsere Gläser trafen sich klangvoll in der Mitte. In diesem Moment ertönte eine Gitarre neben uns, laut und kraftvoll. Eine Geige schloss sich an, fast so, als würde sie mit uns feiern. Die Töne flogen mir schnell und rhythmisch entgegen und zusammen mit ihnen wanderte mein Herz in die Höhe. Der Sänger war ein junger Schotte, er hatte dunkles Haar und eine kräftige Stimme. Es war derselbe, den wir an unserem allerersten Abend hier gehört hatten.
Ich wandte den Blick von ihm ab und richtete ihn wieder auf Brida. Sie war gerade dabei, sich eine Zigarette aus dem verschnörkelten Silberetui zu nehmen, steckte sie sich in ihren lippenstiftroten Mund und sah mir in die Augen, während sie ihre zu Schlitzen zusammenkniff und die Flamme des Feuerzeugs mit einem Ratsch aufflammte. Als sie den Rauch aus ihrem Mund blies, ruhte mein Blick auf ihren Lippen, wie noch wenige Stunden zuvor ihre warme Haut an meinem Körper. Ich wandte mein Gesicht ab und versuchte, meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken.
Manchmal bekam ich Panik, man könnte mir meine Leidenschaft von den Augen ablesen. Das trieb mir eine Röte in die Wangen, auf die ich lieber verzichten wollte. Schottland hatte einen mystischen Einfluss auf meine Gefühle. Etwa so, als riefen mich alte Erinnerungen zu sich, als wollte mir das Land von meiner Vergangenheit erzählen. Ein Gefühl, das eine Melancholie in mir hervorrief, die am ganzen Körper spürbar war. Ich nahm noch einen Schluck Whisky. Wir hatten schon einmal hier gelebt. Da war ich mir sicher. Ich konnte es in den Wolken lesen und im Heidekraut riechen. Es schien überall präsent zu sein, wenn wir in Edinburgh durch die Gassen der Altstadt gingen, wenn wir mit dem Auto über die schmalen Straßen, durch die Täler und über die Berge der Highlands rollten.
Plötzlich schien jemand meinen Namen zu rufen. Ich war so weit zurückgereist, dass ich zuerst nicht bemerkte, dass es eine Stimme aus der Gegenwart war.

Im Kindle-Shop: Wir können alles sein.
Mehr über und von Johanna Kramer auf ihrer Website.



30. Oktober 2018

'Weihnachtshäschen verzweifelt gesucht' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Himmelpastellhellblaues Winterglück

»Oh nee«, kiekste Mona begeistert, »das ist ja Zucker!« Mit glänzenden Augen stand sie vor einem himmelblauen Porzellan-Häschen.
»Was ist das denn? Ein Hase? Zur Weihnachtszeit? Na, der hat definitiv Glück gehabt! Wenn er aus Schokolade wäre, hätte man ihn längst eingeschmolzen.« Bea kicherte los.
»Das ist deutlich ein Weihnachtshäschen, schließlich trägt es einen Schneekristall zwischen den Pfötchen. Es scheint total glücklich zu sein, diesen Kristall ergattert zu haben. Schau mal, wie lieb das kleine Kerlchen lächelt. Ich nehme es mit. Das muss ich haben!«
»Lass uns doch zuerst den Laden ganz durchforsten«, schlug Bea vor.
Genau das stellt sich als Fehler heraus, denn als die Mädels zurückkommen, ist das Häschen weg.

Nun beginnt Monas fieberhafte Suche nach dieser außergewöhnlichen Winterdeko. Sie ahnt noch nicht, dass der süße himmelblaue Hase ihren adventlichen Alltag komplett durcheinanderwürfeln wird und der Schlüssel für ihre Zukunft ist.

Leseprobe:
Das Geschenklädchen in der Altstadt war gut besucht. Am ersten Adventswochenende suchten viele Leute nach passenden Weihnachtsgeschenken. Diesen Gedanken hatten auch Mona und Bea gehabt. Der heutige Samstag war der einzige Tag im Advent, den die beiden Verkäuferinnen komplett freihatten – und zudem gemeinsam. Das wollten sie unbedingt ausnutzen.
»Toll! Wir gehen zusammen einkaufen, Mona. Du berätst mich und ich dich. Dann kann ich mich viel besser entscheiden«, hatte sich Bea gefreut, als ihr Chef den Einsatzplan bekanntmachte. Wie immer hatte er versucht, die Wünsche seiner Verkaufsmannschaft so gut wie möglich unter einen Hut zu bringen.
»Zufriedene Mitarbeiter bedeuten höheren Umsatz«, hatte er fröhlich gemeint und Bea und Mona zugezwinkert.
Genau das schätzten die Kollegen. Er verlangte hundertprozentigen Einsatz und konnte in dieser Hinsicht erbarmungslos sein, aber er war andererseits recht großzügig, wenn es ans Belohnen für gute Arbeit ging.
Nun hofften sie alle, dass keiner aus Grippegründen ausfiel, denn gerade im Lebensmittelmarkt boomte das Geschäft naturgemäß in den Adventswochen.
Vor zwei Jahren hatte die große bundesweite Grippewelle fast die Hälfte der Belegschaft fest in ihren Klauen gehabt. Bea hatte es erwischt, Mona hatte sich tapfer geschlagen und war mit fünf weiteren Kollegen samt Chef am Heiligabend nach Geschäftsschluss nahezu auf dem Zahnfleisch aus dem Supermarkt gekrochen.

»Du, guck mal, Bea.« Mona stand vor einem künstlichen Weihnachtsbaum, der prächtig dekoriert war. »Hier gibt es kleine Deko-Zuckerstangen.
»Sind die hübsch! Und wie die glänzen! Davon würde ich mir gerne welche mitnehmen.«
Mona wusste, dass Bea auf bunten Schmuck für den Christbaum stand. Im letzten Jahr hatte sie ihr fünf Glasvögelchen zum Klipsen geschenkt, die sie später an ihrem Baum bewundern durfte. »Also, dann merken wir uns: Hase und Zuckerstangen.«
»Und Schlittschuhe!«
»Schlittschuhe?«
»Hier links, diese kleinen Anhänger. Sehen die nicht nett aus?« Bea nahm sie in die Hand. »Ach, sie sind aus Holz. Das merkt man durch die schönen Farben gar nicht.«
»Die gefallen mir auch. Man kann damit prima Geschenke verzieren. Mit zwei Euro sind sie gar nicht mal teuer. Ich nehme mir davon ebenfalls welche mit.«
Bea schlenderte zum Geschirrbereich. »Hier muss ich echt aufpassen. Ich habe schon drei Weihnachtstassen zu Hause.«
»Man kann eben immer nur aus einer trinken.« Mona griente ihre Freundin an.
»Stimmt. Aber sie sind halt so ansprechend.«
»Weißt du, was ich schön finde? Weihnachtsgeschirr. Hier gibt es unterschiedliche Designs.« Mona hob einen Teller an. »Diese bunten Weihnachtsmotive mit dicken gemütlichen Nikoläusen, lieb grinsenden, rotnasigen Rentieren und märchenhaften Winterlandschaften sind einfach total stimmungsvoll.«
»Da könnte ich auch in Versuchung geraten«, stimmte ihr Bea zu. »Aber dann denke ich wieder, man hat es das ganze Jahr rumstehen. Und wir haben eh kaum Platz in der kleinen Wohnung. Wenn ich damit ankomme, fange ich mir einen Rüffel von Toby ein. Selbst meine drei Weihnachtstassen schiebe ich immer im Schrank rum, weil ich im Frühjahr einfach nicht mehr daraus trinken möchte. Außerdem reichen sechs Gedecke bei uns gar nicht. Kommt meine Familie, sind wir schon acht. Ich müsste also gleich zwei Service kaufen.«
Mona warf noch erwägend einen Blick auf den Teller und seufzte. Dann stellte sie ihn, wenn auch ungern, wieder zurück.
Sie fanden ausgefallene Weihnachtskarten und schönes Geschenkpapier. Mona interessierte sich für die Geschenkboxen.
»Die finde ich große Klasse. Man packt das Präsent rein, Deckel zu, Schleife drum. Kein lästiges Tesakleben mehr. Und schau mal, diese schönen Motive. Die Dunkelblauen hier, mit den hellblauen Sternchen und dem Glitzer gefallen mir.«
»Dieses Jahr stehst du wohl auf Blau, wie?«
Mona sah Bea fragend an.
»Na, wegen des Hasen, der ist auch blau.«
»Blau ist doch toll. In Kombination mit Silber oder Gold sieht es total edel aus.«
»Ich glaube, ich nehme meiner Schwester zum Nikolaus so einen Magneten für den Kühlschrank mit. Die steht auf so was.« Bea wechselte zu dem Ständer hin. »Was meinst du, ist das Rentier schöner oder der lachende Weihnachtsmann? Oder lieber der Schriftzug HOHOHO?«
»Das Rentier. Es hat so freundliche große Kulleraugen.«
Im hinteren Bereich des Geschäftes gab es Geschenke der praktischen Art, dicke Schals, warme Mützen und Handschuhe.
Mona entdeckte noch etwas. »Weihnachts-Kuschelsocken! Mensch, sind die flauschig! Da gönne ich mir selbst ein Paar. Wenn ich abends auf der Couch liege, ein Buch lese, einen heißen Kakao trinke und es mir richtig gemütlich mache, passen die wundervoll.« Sie griff zu einem rosafarbenen Sockenpaar, welches seitlich eine Weihnachtskugel appliziert hatte.
»Nimm doch die hier«, Bea hielt ihr Hellblaue hin, »die haben sogar Strass-Steinchen drauf.«
Mona war begeistert. »Die sehen ja stylish aus! Das wäre auch was für meine Schwester.«
»Tausch einfach. Deine Schwester bekommt die rosa Socken und du nimmst die blauen. Sie passen nämlich zu dem himmelpastellhellblauen Hasi.« Bea schüttelte den Kopf. »Ein Weihnachtshase – auf so eine abwegige Idee muss man erst einmal kommen! Und dann in Blau. Wenn er wenigstens in Gold oder Silber wäre! Ich glaube, jetzt hole ich einen Korb, sonst wissen wir gleich nicht mehr, was wir alles kaufen wollten.«
»Gute Idee!«
Während Bea sich den Weg nach vorne bahnte, lief Mona zur Kerzenecke. Hier fand sie echte Bienenwachskerzen.
Bea kam mit zwei Körben zurück und Mona nahm ihren entgegen. »Ich nehme meiner Mutter eine dieser Bienenwachskerzen mit. Die duften so schön, wenn sie brennen.«
»Dann gebe ich hiermit das Startkommando zum Einpacken.«
»Weißt du, was ich total klasse finde?«, freute sich Mona und gab die Antwort direkt hinterher. »Dass man hier so gut wie alle Geschenke bekommt, ohne sich noch in die ganz großen Läden der Innenstadt mitsamt seinem adventshektischen Trubel zu werfen.«
»Wo du gerade sagst werfen. Gleich werfen wir uns auf den Weihnachtsmarkt und befuttern unsere Einkäufe, nicht? Ich denke da an eine heiße Folienkartoffel und ein inspirierendes Glas Eierpunsch oder Glühwein.«
»Aber unbedingt.«
Die Mädels verstauten die vorher schon mit den Augen gekauften Weihnachtsutensilien in ihre Körbe.
»Dann haben wir alles.« Mona überflog ihre Einkäufe auf Vollständigkeit. »Jetzt nur noch nach vorne zu meinem Häschen.«
Zwischendurch blieben die beiden nochmals bei der Auswahl von Streudeko stehen.
»Ich nehme mir die goldenen Sterne mit.« Bea legte zwei Tütchen in ihren Korb. »Die werde ich zwischen die Tischdekoration streuen. Das sieht sicherlich feierlich aus.«
Mona ging voraus. Irritiert sah sie auf den kleinen Tisch. Ihre Augen weiteten sich voller Entsetzen.
»Oh nein! Mein Weihnachtshäschen ist weg!«

Im Kindle-Shop: Weihnachtshäschen verzweifelt gesucht.
Mehr über und von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki auf ihrer Website.



29. Oktober 2018

'Kuschel-Winter-Blizzardliebe' von Lisa Torberg

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Das Schneechaos wirft Emmas Pläne über den Haufen. Eigentlich will sie sich nur zu Hause in Saint Cloud vergraben und darauf warten, dass die gefühlsduselige Weihnachtszeit, die sie hasst, vorübergeht. Stattdessen muss sie die übergroßen Stofftiere für ein krankes Mädchen ausliefern, obwohl das wahrlich nicht ihr Job bei Cuddly Toys ist.

Mit Einhorn und Co. macht sie sich auf den Weg in den Norden Minnesotas und einem Blizzard entgegen – und plötzlich sitzt sie im Haus des Kunden fest. Nik Hanson raubt ihr schon an der Haustür den Atem und die kleine gelähmte Annie und ihre bezaubernde Mutter spannen Emma für die Weihnachtsvorbereitungen ein. Ausgerechnet sie! Zwischen Kerzen und Keksen flirtet Nik ganz offen mit ihr und verwirrt sie immer mehr. Nach und nach erkennt Emma, dass nicht alles so ist, wie es scheint, und öffnet ihr Herz. Doch der Schneesturm zieht vorbei und die Realität holt sie mit voller Wucht ein. Können Gefühle gegen widrige äußere Umstände ankommen?

Dieser Roman ist in sich abgeschlossen. Hier gibt es garantiert keinen Cliffhanger, der auf der letzten Seite eine Fortsetzung verspricht – dafür aber ein romantisches Happy End.

Leseprobe:
Fröstelnd greift sie nach dem Parka, öffnet die Tür, schwenkt die Beine aus dem Wagen und richtet sich auf – als ein lauter Knall ertönt. Sie zuckt zusammen. Ein zweiter Donnerschlag, dessen Echo sich mehrfach fortsetzt, lässt sie Halt suchend nach dem Rahmen der Fahrzeugtür greifen. Plötzlich zuckt ein Blitz über den Himmel – und dann öffnen sich die Schleusen. Aus dem Nichts prasseln Hagelkörner auf sie herab. Reflexartig hält sie die Hände über den Kopf, anstatt wieder einzusteigen. Der Parka fällt zu Boden. Aus dem Augenwinkel sieht sie eine große Gestalt auf sie zulaufen. »Kommen Sie!« Eine Hand packt sie fest am Oberarm und dirigiert sie eilig zu dem mittleren Haus. Im Eingang steht eine wunderschöne Frau ungefähr in ihrem Alter.
»Sie müssen Miss White sein und ich bin Aki Hanson«, sagt sie, streckt ihr die Hände entgegen und zieht sie nach drinnen.
»Emma«, erwidert sie schwer atmend und streicht sich über die klitschnassen Haare.
»Ich bin Nikolas Hanson, Nikolas nur mit K.«
Erst jetzt fällt ihr wieder der Mann ein, der sie ins Haus gebracht hat. Das ebenmäßige, strahlende Gesicht der Indianerin hat sie abgelenkt. Ruckartig wendet sie den Kopf – und sieht einen muskulösen Hals und breite Schultern, die von einem blau-braun karierten Hemd bedeckt sind.
Emma schaut auf – und erstarrt.
Er verschlägt ihr den Atem. Aus seinem dunkelblonden Haar tropft Wasser, rinnt über seine Stirn, verfängt sich in den geschwungenen Augenbrauen oberhalb der braun gesprenkelten Augen. Seine schmale Nase ist gerade mal so breit, dass sie nicht weiblich wirkt. Wobei er in Wahrheit absolut gar nichts Weiches an sich hat. Seine markanten Gesichtszüge und das Kinn, das von kurzen, bis über die Wangen reichenden Bartstoppeln übersät ist, sind von unbeschreiblicher Perfektion. Mr Hanson stellt die Schönheit seiner Frau in den Schatten. Noch nie hat Emma einen Mann gesehen, der so attraktiv ist, dass es verboten sein müsste. Ein warmes Kribbeln breitet sich von ihrem Bauch in jede Richtung aus und schickt einen Schauer durch ihren Körper, der sie zittern lässt.
»Sie Arme!«, ruft Aki Hanson plötzlich aus. »Wenn Sie nur ein paar Minuten früher gekommen wären ...« Plötzlich scheint ihr etwas einzufallen. Sie dreht sich um und kommt kurz darauf mit einem Handtuch wieder, das sie ihr in die Hand drückt. »Trocknen Sie sich erst einmal die Haare ab, und dann zeige ich Ihnen das Badezimmer, damit Sie sich föhnen können.«
»Das ist doch nicht notwendig.« Emma hat keine Ahnung, woher die Antwort kommt, denn ihr Hirn ist wie leer gefegt. Ihr Blick ist immer noch mit dem des Mannes verbunden, der sie genauso unverwandt anstarrt wie sie ihn. Bis ein Windstoß durch die nach wie vor offen stehende Tür weht. Nikolas Hanson blinzelt. Er wendet den Kopf, um nach draußen zu sehen.
»Ich fahre Ihren Wagen in die Garage, damit er trocknen kann.« Seine dunkle Stimme dringt zu ihr durch.
»Trocknen?«
»Die Tür steht offen.«
Irritiert schaut sie nach draußen. »Mein Parka!«, sagt sie mit einem Blick auf das dunkle Stoffbündel, das neben dem Dodge liegt.
»Den bringe ich rein und wir geben ihn in den Trockner. Steckt der Schlüssel?«
Ein Mann, der von einem Wäschetrockner spricht, als ob er ihn täglich nutzen würde, ist ihr noch nie untergekommen. Überhaupt ...
»Der Schlüssel?« Als er sie an ihrem Arm berührt, zuckt sie zusammen – und er zieht seine Hand zurück, als ob er sich verbrannt hätte.
»Steckt«, flüstert Emma.

Die nachfolgende Viertelstunde fehlt ihr einfach.
Ihr Körper scheint wie ein Automat Dinge verrichtet zu haben, an die sie sich nicht erinnert. Das wird ihr bewusst, als sie in einem trockenen Pulli und einer Jeans von Aki Hanson am Esstisch in der in hellem Holz gehaltenen Wohnküche sitzt und Honig in dem aromatisch duftenden heißen Tee verrührt. Ungläubig schaut sie in das Gesicht der Frau mit den ausgeprägten indianischen Gesichtszügen und der milchkaffeefarbenen Haut, die ihr freundlich zulächelt – bis ein Geräusch sie beide den Blick abwenden lässt.
Emma dreht den Kopf und sieht Nikolas Hanson, der aus dem Flur durch den Rundbogen kommt. Seine Hände umfassen die Armgriffe eines Rollstuhls, in dem ein Mädchen sitzt.
Sie hat die grünen Augen ihrer Mutter und die blonden Haare ihres Vaters, die ihr Gesicht lockig umrahmen. Ihre Haut ist sehr hell und der Körper mager. Die Armgelenke und die Hände, die auf einer Decke liegen, die ihre Beine bedeckt, sind schmal – und sie ist von überirdischer Schönheit. Wie ein Engel, denkt Emma. Auf dem Gesicht der Kleinen liegt ein bezauberndes Lächeln, als sie nun aus eigener Kraft den Stuhl mit einem Finger auf einem Mousepad bewegt und auf Emma zukommt.
»Ich bin Annie Hanson. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht die Hand gebe, aber es fällt mir im Moment schwer, den Arm anzuheben, weil ich SMA habe.«
Sie hat keine Ahnung, was diese SMA ist, aber ihr Herz fliegt dem offenbar gelähmten Mädchen augenblicklich zu. Die Kleine spricht wie eine Erwachsene. Wie von selbst sinkt Emma auf die Knie und bedeckt Annies Hände mit ihren. Bei der Berührung der seidenweichen Haut spürt sie eine unerklärliche Verbindung mit dem Kind, und ein Strahl Wärme breitet sich in ihrer Brust aus.
»Ich bin Emma White und freue mich, dich kennenzulernen.«
»Ganz meinerseits«, erwidert das Mädchen ernsthaft.
»Nenn mich bitte Emma.«
Annie studiert sie mit leicht seitlich geneigtem Kopf nachdenklich. Dann öffnet sie den Mund, und stellt ihr eine Frage, die sie komplett aus der Bahn wirft.
»Sagst du mir bitte deinen richtigen Namen? Ich will dich nicht mit einem ansprechen, der nicht zu dir passt.«
Emmas Mundwinkel zucken und ihre Lippen beben leicht. Und dann spricht sie ihn aus: ihren Namen, den sie vor sieben Jahren mitsamt ihrer Vergangenheit in Cass Lake zurückgelassen hat.
»Snow. Ich heiße Snow White.«
»Schneeweißchen, wie die Schwester von Rosenrot?«
Emma schüttelt den Kopf. »Meine Mutter dachte an Schneewittchen, als sie mir meinen Namen gab, hat mir mein Vater erzählt.«
Annie nickt entschieden. »Du siehst genau so aus, wie Snow White im Märchen beschrieben wird. Deine Haut ist hell, die Haare sind dunkel und deine Wangen sind rot. Deine Mutter war eine kluge Frau, Snow.«

Im Kindle-Shop: Kuschel-Winter-Blizzardliebe.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Lisa Torberg auf ihrer Website.



27. Oktober 2018

'SOLIJON' von Giuseppe Alfé

Amazon | Tolino | Taschenbuch
Ulysses Magnus, ein alter Wissenschaftler und Kriegsheld, befreit auf einem entlegenen Planeten einen namenlosen Jungen aus den Fängen von Menschenhändlern. Dem Jungen fehlt jegliche Erinnerung an seine eigene Vergangenheit. Gemeinsam bereisen sie die Welten des Hexagons, eines intergalaktischen Staatenbundes, das von Menschen und verbündeten Alien-Völkern bewohnt wird.

Ulysses, der in den lange zurückliegenden Maschinenkriegen maßgeblich zum Sieg der Menschen beigetragen hatte, verweigert dem Militär sein Wissen über den alten Feind und fällt in Ungnade, sodass ihm ständig nachgestellt wird und er sich gezwungen sieht, nie zu lange an einem Ort zu verweilen. Auf Almaranah, einer Felseninsel, die Ulysses als Refugium dient, trifft er auf den Deserteur Brent Carpico und seine Familie. Gemeinsam brechen sie zur Verbotenen Zone auf, um Hinweisen über die mysteriöse Herkunft des Jungen nachzugehen, der sie begleitet.

Am anderen Ende der Sechs Welten erhält Matthew Miles, Captain der Astroflotte, vom Hexagon den Auftrag, im Grenzgebiet der Verbotenen Zone das verschollene Kriegsschiff Tide aufzuspüren. Sehr bald wird klar, dass eine technisch überlegene, unbekannte Macht für das Verschwinden der Tide verantwortlich sein muss. Ulysses und seine Freunde geraten ins Visier des Captains, als beide Gruppen kurz vor der Verbotenen Zone aufeinandertreffen. Die Begegnung ist von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Ihre Lage spitzt sich zu, als der unbekannte Feind seinen ersten offenen Angriff startet …

Mit seinem neuen Roman erweitert der Autor Giuseppe Alfé den Einblick in das Universum, das man bereits im Vorgänger-Roman HOVOKK kennenlernen durfte. Kritiker loben die ungewöhnliche Mischung aus Space Opera und Fantasy und die detailreichen Welten in seinen Geschichten.

Leseprobe:
DER MANN MIT DEN TOTEN AUGEN
Womöglich war Persaniole die Rettung, sofern das Schicksal Ulysses Magnus gnädig gestimmt blieb. Vielleicht war der entlegene Planet, den Ulysses um jeden Preis zu erreichen gedachte, eine sichere Zufluchtsstätte. Alle Kräfte des alten Raumfahrers waren nur noch darauf ausgerichtet, Persaniole lebend zu erreichen. Vielleicht konnte er in den dichten, größtenteils noch unerforschten, dampfenden Dschungeln jener Welt dem letzten Verfolger entkommen, der ihm bis auf den Liner gefolgt war. Seit Stunden schlich Ulysses im Unterdeck des Passagierschiffs, fernab der Wohnunterkünfte durch verwaiste Korridore.
Ulysses hatte es schon lange kommen sehen. Er, der alternde Kriegsheld, der den verheerenden Maschinenkriegen durch den entscheidenden Sieg ein Ende bereitet hatte, war nun ein gejagter Mann. Wer auch immer der Initiator dieser Hetzjagd war, hatte einen ganzen Trupp auf ihn angesetzt. Ulysses hatte sie alle erfolgreich abhängen können. Nur ein einzelner Mann war ihm nach wie vor dicht auf den Fersen.
»Ich muss Persaniole erreichen; koste es, was es wolle!«, dachte Ulysses verbissen.
Sein Verfolger war nicht leicht zu täuschen. Er ließ sich auch nicht davon abschrecken, dass Ulysses zuvor auf der Sternenbasis Nova einem seiner Komplizen den Arm ausgekugelt hatte. Dass ein Mann seines Alters noch dazu fähig war, hätte bei seinen Jägern mächtig Eindruck machen müssen. Niemand konnte schließlich beim ersten Hinsehen damit rechnen, dass Ulysses für sein Alter immer noch erstaunlich kräftig und flink war. Er hatte die entsprechenden Merkmale, die in der Regel dazu führten, dass ihn seine Gegner unterschätzten: Schlohweißes Haar, das früher einmal kräftig und gewellt gewesen war, runzlige Haut und eine gemächliche Art, die Dinge anzugehen. Doch wehe, wenn man Ulysses Magnus reizte oder in die Ecke drängte.
Von all dem ahnte sein Verfolger nichts. Er konnte auch nicht wissen, dass Ulysses seine Präsenz ganz deutlich spüren konnte. Der alte Raumfahrer eilte durch einen spärlich beleuchteten Versorgungskorridor der Frachträume. Sein Verfolger glich einem lautlosen Schatten, den Ulysses nicht abzuschütteln vermochte.
Es war klar, dass Ulysses sich geschwind etwas einfallen lassen musste, um ihn auszuschalten.
Dies musste er bewerkstelligen, bevor sie Persaniole erreichten.
Auf jenem Planeten waren die echsenähnlichen Perssa beheimatet. Gemeinsam mit den Menschen und zwei weiteren Spezies zählten sie zu den Mitbegründern des interstellaren Staatenbunds - dem Hexagon. Die Perssa waren friedliche, hochentwickelte Zeitgenossen. Ulysses besuchte ihre Welt nicht zum ersten Mal. Doch es war rund vierzig Jahre her, seit er den Planeten zum letzten Mal besucht hatte. Seitdem war vieles geschehen.

Hinter sich vernahm Ulysses plötzlich kräftig auftretende Schritte. Der Verfolger ließ jegliche Vorsicht und Zurückhaltung fahren und setzte zum offenen Angriff an. Die letzte Etappe der Jagd begann. Ulysses rannte los, schwenkte um die nächste Ecke, in den nächsten Korridor. Er erblickte einen verwaisten Seitengang, der wesentlich heller ausgeleuchtet war. Die Laufschritte des Verfolgers kamen näher und näher. Beinahe hätte die Verzweiflung Ulysses‘ eigenen Lauf ausgebremst. Er rannte schnurstracks in eine Sackgasse. Ulysses saß in der Falle.
»Verfluchter Mist!«, jagte es ihm durch den Kopf. Ulysses verlangsamte seinen Tritt, drehte sich um. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Keuchend beäugte er den Kerl, der ebenso sein Lauftempo drosselte und augenblicklich eine Pistole zückte. Der Verfolger war einer von der diskreten Sorte. Auf dem Lauf der Pistole war ein Schalldämpfer aufgeschraubt.
Wutentbrannt starrte Ulysses auf den Mann, der einen schwarzen Overall und schwarze Stiefel trug. Bis auf einen schmalen Schlitz in der Augenpartie war sein Gesicht komplett in schwarzes Tuch gehüllt.
Die Klangfarbe seiner Stimme, die abgedämpft durch den schwarzen Stoff drang, passte zu seiner Erscheinung. Ohne Umschweife kam der Mann zur Sache: »Entweder kommst du freiwillig mit oder ich betäube dich an Ort und Stelle.«
»Wer schickt dich, Dreckskerl?«, fragte Ulysses trotzig. Ihm war völlig klar, wie hoffnungslos seine Lage war. Er trug keine Waffe, noch nicht einmal ein Messer bei sich.
Der Mann antwortete nicht, sondern machte Anstalten, seine Waffe abzufeuern. Dass der Mann offensichtlich ein Betäubungsmittel und keine todbringende Kugel zu verschießen gedachte, minderte die Bedrohlichkeit keineswegs.
»Wie du willst!«, knurrte Ulysses. Er sah sich gezwungen, seine biokinetischen Kräfte einzusetzen. Noch bevor der schwarze Kerl schießen konnte, schnürte Ulysses ihm mit bloßer Gedankenkraft die Kehle zu. Der Mann erstarrte. Hinter dem schmalen Sehschlitz seiner Maskierung trat das Weiß seiner Augen, vor Überraschung weit aufgerissen, deutlich hervor. Er konnte sich nicht mehr vom Fleck rühren. Sein ausgestreckter Arm verkrampfte. Hilflos rang er nach Luft. Mit triumphierendem Lächeln wiederholte Ulysses seine Frage: »Also? Wer schickt dich? Antworte!«
Immer noch stieß der Mann würgende Geräusche aus. In seinen dunklen Augen war nicht das geringste Anzeichen von Furcht zu erkennen. Er schien vielmehr immer wütender zu werden.
Ulysses sah sich gewarnt. Er hatte es mit einem schweren Brocken zu tun.
»Du beantwortest meine Frage lieber wahrheitsgemäß. Andernfalls töte ich dich.«
Sein Gegner erwies sich als verdammt zäher Bursche. Anstatt Ulysses' Frage zu beantworten, presste er mühsam hervor: »Fahr zur Hölle, du Feigling! Ich plaudere nie!«
Das war beileibe nicht das, was Ulysses hören wollte. Fieberhaft begann er zu überlegen. Er konnte ihn auf der Stelle töten und damit sein Problem vorerst lösen. Aber wenn man ihm bis auf das Schiff gefolgt war, konnte es nicht lange dauern, bis man die nächsten Verfolger auf ihn hetzte. Seine Flucht würde nie ein Ende finden; es sei denn, Ulysses fand heraus, wer der Auftraggeber war. Dieser ganz in schwarz gekleidete Typ, dessen Augen ihn durch den Sehschlitz hindurch widerspenstig ansahen, war der Schlüssel dazu.
Ulysses hatte noch andere, bemerkenswerte Fähigkeiten. Er war in der Lage, die Gedanken eines Menschen zu lesen. Aber dazu musste er diesen Kerl erst einmal mit Medikamenten ruhigstellen, da er offenkundig eine große Willensstärke besaß. So etwas mitten im Gang eines großen Liners durchzuführen, wo in jedem Augenblick andere Leute auftauchen konnten, war keine sonderlich gute Option. Es war nicht der richtige Ort dafür. Also musste Ulysses ihn vorläufig am Leben lassen.
»Lass die Pistole fallen. Sofort!«
Trotz seiner misslichen Lage brachte der Mann es fertig, zu grummeln. Immerhin gehorchte er. Polternd schlug die Pistole auf dem Boden auf.
Ulysses lockerte den Würgegriff um eine winzige Nuance. Den Rest des gegnerischen Körpers hielt Ulysses weiter unter Spannung. Ulysses trat nahe an ihn heran. Doch er musste keinen Angriff fürchten. Der Mann blieb unter seinem Bann. Hastig durchsuchte er die Hosentaschen und die Innenseite der enganliegenden Jacke des Mannes. Ulysses ertastete mehrere, kalte Gegenstände aus Metall, die er nach und nach hervorholte. Am Rücken trug der Kerl ein Kurzgewehr. Zwei weitere Pistolen und zwei Messer staken an den Wadenpartien seiner hohen Stiefel. Aus den Schenkeltaschen zog Ulysses ein Stilett und einen Wurfstern hervor. Er legte die Waffen der Reihe nach auf dem Boden außerhalb der möglichen Reichweite seines Gegners ab.
Nur mit Mühe verbarg Ulysses sein Entsetzen. Er hatte einen mustergültigen Auftragsmörder vor sich.

Im Kindle-Shop: SOLIJON.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Giuseppe Alfé auf ihrer Website.



26. Oktober 2018

'Hovokk' von Giuseppe Alfé

Kindle | Tolino | Taschenbuch
So lange Brent Carpico zurückdenken kann, plagt ihn eine undefinierbare Furcht, die tief in seinem Bewusstsein verankert ist. Selbst als kampferprobter Lieutenant der Astrotroops, der Bodenarmee der Streitkräfte des interstellaren Völkerbundes „Hexagon“, erschüttern ihn wiederkehrende Albträume, die aus seiner Jugend zu rühren scheinen.

Was der Grund hierfür sein könnte, schwant ihm erst, als er bei einer Mission zum ersten Mal paranormale Fertigkeiten entdeckt, über die er verfügt. Woher stammen die Kräfte, die das starke Interesse seiner Vorgesetzten wecken? Und was ist ihm als Waisenkind in den Wirren der Maschinenkriege widerfahren?

Von seinem Oberkommando in dieser Frage bedrängt, sieht Brent sich gezwungen, nach einem chaotisch ablaufenden Kampfeinsatz zu desertieren. Bei diesem Vorhaben unterstützt ihn die Truppenärztin Polianna Reed. Begleitet werden sie von dem Mädchen Rona, deren Eltern auf dem Planeten Markkis I, der Heimatwelt der kriegerischen „Markkya“, als Siedler lebten und bei dem Kampfeinsatz ums Leben kamen. Ihre gemeinsame Flucht verschlägt sie in die Wildnis von Markkis I, wo sie von den Einheimischen aufgenommen werden und eine völlig neue Welt kennenlernen. Die Idylle ihres neuen Zuhauses gerät in Gefahr, als Brents Vergangenheit ihn wieder einholt …

Leseprobe:
November im Jahr 2201, auf der Aidon–Markkis–Achse
7506 Tage ohne Zwischenfall. Diese Zeitspanne entsprach knapp 21 Standard-Jahren. Diese Information war den Randnotizen der Hyperflow-Meldung zu entnehmen, die vor wenigen Stunden an Bord der Eco eingetroffen war. Noch einen Tag zuvor, am 7505. Tag seit der letzten kriegerischen Handlung auf der Aidon-Markkis-Achse, war vieles einfacher für Major Felix Ilomavis gewesen. Er hatte lediglich die Aufgabe verantwortet, von seiner intrastellaren Militärbasis aus Patrouillen zu koordinieren, die Sektoren zwischen dem Planeten Tarvia und der Sternenbasis Nativia zu überwachen und die meiste Zeit bloß mit dankbar stimmender Routine auszufüllen. Dies war nun vorbei.
Lock 1701, der Stützpunkt von Ilomavis‘ Bataillon, lag auf halber Strecke zwischen Tarvia und der Basis Nativia. Auf eben jener Basis war ein Zwischenfall eingetreten, der die makellose Friedensbilanz dieses Gebiets mit einem Schlag wieder zunichte gemacht hatte. Nativia war von einem Aggressor überfallen worden. Die Kunde von dem Überfall auf die Sternenbasis verfehlte nicht ihre Wirkung und sorgte für großes Entsetzen im Territorium des Hexagons.
Die anwesenden Soldaten, denen Major Ilomavis in einer eilig einberufenen Einsatzbesprechung jene Kunde vortrug, waren hartgesottene Zeitgenossen. Entsprechend gefasst verarbeiteten sie das soeben Gehörte. Die Angreifer waren bei ihrem schnellen Angriff rücksichtslos und gewaltsam vorgegangen. Die Verteidigung des wichtigsten Außenpostens im Terranischen Gürtel hatte viele Opfer gefordert. Am Ende hatten sie nicht verhindern können, dass die Basis fiel.
Der Verdacht, dass Aufständische von Markkis I etwas mit dem Angriff zu tun hatten, hatte sich weiter erhärtet. Späher der Astroflotte und der Geheimdienste hatten in den Sektoren des Roten Gürtels drei Kriegsschiffe der markkisianischen Republik Temarkk gesichtet. Des Weiteren erreichte eine Notmeldung des Frachters Sibawan den Flottenstützpunkt der interplanetaren Raumstation Nova, die besagte, dass ein Schiff des Temarkk–Geschwaders das Feuer auf sie eröffnet hatte. Was dort weiter geschehen war, wusste man nicht. Von der Sibawan gingen seitdem weder weitere Meldungen ein, noch reagierte sie auf Funksprüche von Nova.
In der jüngsten Meldung aus Nova hieß es, dass die Botschaften von Temarkk auf den Planeten Tarvia und Markkis V geschlossen worden waren. Die Botschafter waren in der vorherigen Nacht nach Markkis I aufgebrochen. Offiziell hieß es, dass sie zwecks dringender Konsultationen in die Heimat bestellt worden waren. Doch inoffiziell galt dieses Vorgehen als eindeutiger Beleg für die schon länger gehegte Vermutung des Hexagon-Oberkommandos, dass die markkisianische Teilrepublik einen offenen Krieg zu führen gedachte. Ihre Bewohner waren eine radikale Gruppierung, die sich von den Bashkerr, der markkisianischen Kriegerkaste, abgespaltet hatte. Bereits vor Jahrzehnten hatte Temarkk endgültig mit seinem restlichen Volk gebrochen und im Nordosten des Südkontinents auf Markkis I eine eigene Republik gegründet. Seitdem war es immer wieder zu Konflikten zwischen Temarkk und der markkisianischen Republik gekommen. Seit jeher hatte sich Temarkk durch die Präsenz der Menschen auf ihrem Heimatplaneten bedroht und bevormundet gefühlt. Die von der traditionellen Kriegerkaste der Bashkerr losgelöste Gruppe erkannte die Menschen als Verbündete nicht an, vielmehr waren sie davon überzeugt, die einzigen, echten Krieger ihrer Spezies zu sein. Sie bezeichneten sich selbst als Kertekk. In die Sprache der Menschen übersetzt bedeutete das Wort „Todesverächter“. Allmählich wurde klar, dass die Kertekk das Hexagon und somit das Bündnis herauszufordern gedachten, dem eigentlich auch ganz Markkis I angehörte.

All das war den anwesenden Soldaten bekannt. Jeder Bürger der Sechs Welten kannte die Geschichten aus der goldenen Ära der Planetenbesiedlung durch das Menschengeschlecht. In jener Epoche waren die ersten Vertreter der Menschen auf die markkisianische Spezies und ihre Heimatwelt gestoßen.
In dem abgedunkelten Besprechungsraum trug Major Felix Ilomavis seinem Bataillon der Tarvia–Division weiteres Hintergrundwissen vor, das wichtig für den bevorstehenden Einsatz war: „Wie Sie alle wissen, geht der aktuelle Konflikt mit Temarkk auf das Ende der Maschinenkriege zurück. Damals äußerten die Kertekk erstmals ihren Herrschaftsanspruch über ganz Markkis I. Am Anfang waren sie zuversichtlich, dieses Ziel ohne große Hürden zu verwirklichen, da sie im Verlauf des Krieges enorm an Ansehen in der Bevölkerung gewonnen hatten. Aber es kam anders. Markkis I trat nach Kriegsende dem neugegründeten Hexagon bei und wollte die Kertekk-Bewegung nicht länger dulden. Und so kam es seitdem immer wieder zu politischen Debatten mit den Anführern der Kertekk. Dies sorgte für Unruhe im Grenzgebiet zu den übrigen Staaten der Markkisianer. Eines Tages erklärten die Kertekk ihr Herrschaftsgebiet zur freien Republik. Daraufhin kam es vermehrt zu Übergriffen auf die in den Bashkerr-Kolonien lebenden Menschen seitens von Anhängern der Kertekk-Bewegung. Ihrer Ansicht nach haben die Maschinen die Markkya nur wegen ihrer unglückseligen Verbindung zu den Menschen angegriffen. Eine Schulddebatte, die seit Ende dieses Krieges immer hitziger geführt wurde, eskalierte. Die meisten Bashkerr, die Seite an Seite mit den Menschen gekämpft haben, lehnen diese Haltung bis zum heutigen Tage ab. Die fanatischen Kertekk verleumden ihre Artgenossen seit diesen Tagen als Verräter.“
Major Ilomavis ließ seinen Blick durch die Reihen der anwesenden Soldaten schweifen. Im ernsten Ton fuhr er fort: „Die Zahl der Übergriffe auf menschliche Siedler nimmt auf Markkis I stetig zu. Ich muss Sie wohl nicht an die Lynchmorde erinnern, die dort an Menschen begangen wurden. Danach reagierte unsere Regierung endlich. Tarvia entsandte zwei Kriegsschiffe nach Markkis I; auch, um Druck auf die markkisianische Staatsmacht auszuüben. Die Initiatoren der aufständischen Bewegung wurden daraufhin verhaftet. Es kam zu Prozessen und Verurteilungen. Allein vierundzwanzig Kertekk-Führer verbüßen mittlerweile ihre Haftstrafen auf Douis. Die Lage hat sich seitdem schon etwas beruhigt. Doch im Untergrund hat der Schwelbrand offenkundig nie gänzlich aufgehört. Der vorübergehende Rückzug der Kertekk hat darüber hinweggetäuscht, dass die Bewegung allem Anschein nach heimlich wiedererstarkt ist. Aus der neuesten Meldung unserer Nachrichtendienste geht eindeutig hervor, dass die Kertekk den Angriff auf Nativia verantworten. Aus diesem Grund sind Sie hier, ehrenwerte Soldaten und Offiziere: Wir werden uns Nativia zurückholen.“

Major Felix Ilomavis beendete seinen Vortrag. Im nur schwach beleuchteten Saal hatten alle Anwesenden seinen Ausführungen aufmerksam zugehört. Nun schwoll in der versammelten Menge das obligatorische Gemurmel an, das nach einer solch geballten Fülle an Informationen zu erwarten gewesen war. Der Major ließ sie geduldig gewähren. Nachdenklich betrachtete er sein Bataillon. Es bestand aus rund fünfhundert Mann. Hone-Krieger bildeten das Gros der einfachen Soldaten. Der Rang eines Sergeant war das Höchste, was man einem Hone zu gewähren bereit war. Sie ähnelten nur entfernt einem Menschen: Im Durchschnitt zwei Meter groß, bullig und mit ausgeprägter Muskulatur versehen. Die gänzlich haarlose Haut war schneeweiß und verstärkte die Andersartigkeit dieser künstlich erschaffenen Supersoldaten. Die blassblauen Augäpfel, stets ausdruckslos und unergründlich, schimmerten schwach im Zwielicht des dämmrigen Raums. Hones wurden zu einem einzigen Zweck gezüchtet: Um im Dienste der Menschen in den Krieg zu ziehen und selbstlos bis zum Tode zu kämpfen.

Wegen der Vorfälle auf Nativia war die Truppe des Majors von Lock 1701 abgezogen worden und an Bord des Troop Carriers Eco unterwegs zur überrannten Sternenbasis. Dieser Schiffstyp war wie geschaffen dafür. Wie der Begriff es schon andeutete, bestand der Hauptzweck der Troop Carrier im Transport großer Astrotroop–Verbände durch den Weltraum. Ihr Aufbau war daher vorrangig darauf ausgerichtet, möglichst viele Soldaten befördern zu können. Aus diesem Grund waren die Quartiere an Bord möglichst klein gehalten, das Interieur und sonstiger Komfort waren recht spartanisch. Scherzhaft bezeichneten Soldaten das Innenleben eines Carriers als „Bienenstock“. All die möglichen Vorzüge und Anlagen, die den Passagieren beispielsweise auf Kriegsschiffen zur Verfügung standen, ordneten sich auf einem Troop Carrier dem Ziel des Massentransports unter.

Im Kindle-Shop: Hovokk.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Giuseppe Alfé auf seiner Website.



'Ball der Hoffnung' von Emilia Doyle

Kindle (unlimited)
Die attraktive Ashley Callahan träumt in ihrer jugendlichen Unschuld von rauschenden Bällen und zahlreichen Verehrern, in der Hoffnung baldmöglichst einen Ehemann zu finden, um dem freudlosen Elternhaus zu entfliehen. Aber ihr strenger Vater hat eigene Pläne. Er will sie mit dem Sohn seines verstorbenen Freundes Arthur Fulgham verheiraten.

Ashley ist verzweifelt. Unter keinen Umständen will sie den Sohn dieses Teufels zum Gemahl. Ihrem selbstgefälligen Bruder kann sie nicht trauen, oder ihn gar um Hilfe bitten. Sie schmiedet einen Plan.

Unverhofft bekommt sie Unterstützung von ihrer Tante Tawinia, die sie kurzerhand entführt. Aus alten Schuldgefühlen heraus, will sie Ashley helfen, einen liebevollen Gentleman kennenzulernen, um der arrangierten Ehe zu entkommen. Doch das Unterfangen gestaltet sich schwieriger als erwartet, und die Zeit sitzt ihnen im Nacken. Zudem muss Ashley erkennen, das nichts ist, wie es scheint.

Leseprobe:
Schockiert hielt sie ihre Hand auf die brennende Wange. Er hatte sie geschlagen, sie, seine eigene Schwester. Vor den Augen aller! Sie war so fassungslos, dass ihr die Worte fehlten. Tränen verschleierten ihren Blick.
»Wage es nie wieder, mich zu kritisieren! Geh zurück ins Herrenhaus und sei gewiss, dass dein Verhalten ein Nachspiel haben wird.«
Dieses Mal gehorchte sie. Ihre Knie waren von dem Schock wie Gummi. Erst nach einigen Schritten konnte sie den Beinen wieder vertrauen und rannte los.
In ihrem Zimmer angekommen, warf sie sich aufs Bett und ließ den Tränen freien Lauf. Als sie sich einigermaßen beruhigt hatte, klingelte sie nach Neema.
Ihre Wange war geschwollen und glühte. In kleinen dunkelrot gesprenkelten Linien zeichnete sich deutlich der Abdruck dreier Finger ab.
Neema erblasste bei ihrem Anblick und schlug entsetzt die Hand vor den Mund. Sie eilte aus dem Zimmer und kehrte kurz darauf mit einer Schale Wasser, einem Leinentuch und einer Kräutertinktur zurück. Wortlos ließ Ashley die Behandlung über sich ergehen. Die Kräutermischung prickelte auf der gereizten Haut, doch das feuchte, kalte Leinen verschaffte Ashley ein wenig Linderung. Neema stellte keine Fragen, wahrscheinlich ahnte sie, wer ihr diese Ohrfeige zugefügt hatte.
Sie hingegen konnte es noch immer nicht fassen. Nie hätte sie angenommen, dass er so weit gehen würde. Irgendetwas in ihr war zerbrochen. Mit leeren Augen starrte sie die weiße Wand an und bat die Sklavin, sie ein Weilchen allein zu lassen.
»Soll ich Ihnen etwas vom Dinner heraufbringen, Miss Ashley?« Zaghaft lugte Neema etwa zwei Stunden später ins Zimmer.
Ashley tat einen tiefen Atemzug und erhob sich schwerfällig von ihrem Bett. »Nein, ich werde hinuntergehen«, antwortete sie tonlos.
In dem Spiegel an ihrem Frisiertisch betrachtete sie ihr Gesicht.
Neema eilte an ihre Seite. »Ich denke, mit ein wenig Puder ließe sich das Mal kaschieren.«
»Nicht nötig!«
Rodney sollte ruhig sehen, was er angerichtet hatte. Niemals, so schwor sie sich, würde sie ihm diese Tat verzeihen. Sie wollte ihm gegenübertreten und beobachten, ob er wenigstens den Ansatz von Reue verspürte.
Vater saß bereits an der Tafel, nahm aber außer einem knappen Gruß keine Notiz von ihr. Rodney stolzierte herein, kaum dass sie Platz genommen hatte. Er wirkte überrascht, sie im Speiseraum zu erblicken. Vermutlich hatte er angenommen, dass sie sich tagelang in ihrem Zimmer verkriechen würde, doch den Gefallen tat sie ihm nicht. Kühl begegnete sie seinem gefühllosen Blick.
Das Mahl verlief, als wäre sie nicht anwesend. Vater und Bruder diskutieren über Baumwollpreise, Kursschwankungen und Frachttermine.
Im Grunde verspürte Ashley keinerlei Hunger, mühsam nahm sie einige Bissen zu sich, um den Schein zu wahren. Fast bedauerte sie, nicht ins Internat zurückzukönnen. Es gab keine Möglichkeit mehr, dem Leben hier zu entfliehen. Sie schielte zu Rodney, der mit kauendem Mund Zahlen herunter ratterte, die den Bedarf an Rohbaumwolle der Nordstaaten betrafen.
Während sie ihn betrachtete und darüber nachdachte, in seiner Begleitung Festlichkeiten zu besuchen, um sich einen Ehemann zu angeln, lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Wie konnte sie sichergehen, dass er sie nicht dem erstbesten Lustmolch versprach, um sie vom Hals zu haben? Und wie sollte sie reagieren, wenn einer von Rodneys Freunden ihr den Hof machte?
Sie brauchte eine verlässliche Unterstützung, jemanden, auf dessen Urteil sie vertrauen konnte. Es ging schließlich um ihr Leben und sie fasste einen Entschluss. Vater würde an die Decke gehen, wenn er davon erführe, aber das würde sie in Kauf nehmen.

Im Kindle-Shop: Ball der Hoffnung / Südstaatenroman.
Mehr über und von Emilia Doyle auf ihrer Facebook-Seite.



25. Oktober 2018

'Der Plan (1-4) ... des Pentagon' von D.W. Crusius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Libyen und der Nahe Osten – seit vielen Jahren ein Pulverfass.

Der Journalist Eric Larsson recherchiert undercover in Tripolis. Er will herausfinden, was tatsächlich hinter den streng geheimen libyschen Waffenprogrammen steckt. Es geht um illegal nach Libyen gelangtes Plutonium.

Wem kann er noch trauen? Da ist sein Freund Abdul, aber ist er tatsächlich sein Freund? Oder Nicolas Debré, ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftemacher. Für wen arbeitet Nicolas in Wahrheit? Und dann ist noch Laila im Spiel, eine verführerische Palästinenserin.

Gesamtausgabe des Spionage-Thrillers 'Der Plan' mit den vier Teilen: Banco - Plutonium - Aladin - Marionetten.

Leseprobe:
Der Plan des Pentagon
Am 2. März 2007 gab der ehemalige Vier-Sterne-General Wesley Clark der Journalistin Amy Goodman von ‘Democracy Now’ ein Interview. In diesem Interview sagte der General a. D., wenige Tage nach dem berüchtigten 11. September, so um den 20. September, habe man im Pentagon Pläne entwickelt, sieben arabische Länder anzugreifen, darunter auch Syrien und Libyen. Er, Wesley Clark, habe einen ehemaligen Mitarbeiter gefragt, weshalb man diese Länder angreifen wollte. Dieser habe nur die Achseln gezuckt und geantwortet, den Politikern fiele offenbar keine bessere Antwort auf die Geschehnisse des 11. September ein.

Chapter 1
Albtraum
Er starrte in die Dunkelheit. War es Tag oder Nacht? Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Seine Hose, seine Beine und Füße waren mit seinem Kot beschmiert.
In unregelmäßigen Abständen schalteten seine Bewacher das Licht ein, aber niemand betrat den Raum. Das Licht wurde nach Sekunden oder erst nach Stunden wieder gelöscht. Der Zivilist kam und fragte mit nervtötender Freundlichkeit nach den CDs. Manchmal schien es dem Gefangenen, als käme er alle paar Minuten, dann wiederum verging so viel Zeit, dass er ihn schmerzlich vermisste.
Sie nahmen ihm das eiserne Bettgestell weg. Er versuchte im Sitzen an die Wand gelehnt zu schlafen, rutschte immer wieder zur Seite, legte sich auf den Boden.
Gelegentlich brachten sie ihm Tee und trockenes Brot, schalteten das Licht sofort wieder aus, und das Brot rutschte ihm in der Dunkelheit aus den schmierigen Fingern.
Er brüllte in die Dunkelheit, weinte, schluchzte so sehr, dass es ihn schüttelte. Jemand öffnete die Tür und betrat den Raum. Eine Taschenlampe blendete ihn und er musste die Augen schließen. Der Besucher drehte die Lampe weg und leuchtete sich an. Was der Gefangene sah, war kein menschliches Antlitz, er blickte in eine Fratze.
Die Fratze beugte sich über ihn und flüsterte freundlich: »Sagen Sie mir jetzt, wo die CDs sind?«

Mit wild klopfendem Herzen fuhr er hoch, tastete über seine Brust. Sein T-Shirt war von schmierigem Schweiß durchtränkt und ihn fröstelte. Neben sich hörte er leichte Atemzüge. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, tastete er auf die andere Bettseite; sie schlief friedlich. Im schwachen Licht der Dämmerung sah er ihre zerzausten Haare, die wie eine dunkle Wolke über das Kopfkissen ausgebreitet waren. Er hörte sie im Schlaf einige Wörter auf Arabisch murmeln. Oft, wenn er schreiend aus dem Schlaf hochfuhr und sie wach wurde, kuschelte sie sich an ihn, legte ihm ihre Hand auf die Brust. Am nächsten Morgen sah sie ihn mit forschendem Blick an und fragte, wie er geschlafen habe. »Gut«, war seine übliche Antwort. Sie wusste es besser.
Einen Moment war er in Versuchung, über ihr Haar zu streicheln. Er unterließ es und schwang leise seine Beine aus dem Bett. Erschöpft von dem Traum tapste er in die Küche. Es war vier Uhr vorbei, er würde nicht mehr einschlafen. Leise füllte er Wasser in den Elektrokocher und bereitete sich eine Tasse Tee. Dann ging er in sein Arbeitszimmer und schaltete den Computer ein. Er hatte sich angewöhnt, den Inhalt seiner Albträume aufzuschreiben. Es half ihm, damit fertig zu werden. Hatte er früher beinahe jede Nacht im Schlaf geschrien, passierte ihm das heute nur alle paar Wochen.
Er hörte die schwache Brandung; der Wind musste gedreht haben. Es dämmerte und bald konnte er vom Balkon das Meer sehen. Heute werde ich mir einen Tag Ruhe gönnen, wenigstens den Vormittag. 
Chapter 2
Mitiga International Airport Tripolis
In normalen Zeiten ging es auf dem Mitiga Airport zu, wie auf jedem anderen Flughafen der Welt: Reisende stöberten in den Duty-free-Shops, umlagerten die Cafés oder Imbissläden und bildeten lange Warteschlangen an den Abfertigungsschaltern.
Doch die Zeiten waren nicht mehr normal. Mit Beginn des totalen Embargos und der Flugverbotszone über Libyen im April 1992 war die Versorgung des Landes immer schwieriger geworden. Jetzt lockerte der Westen das Embargo nach und nach. Die EU hatte es ganz aufgehoben und die UN hatte Erleichterungen zugesagt. Nur die Amerikaner verhielten sich noch zögernd.
Wenigstens das Flugverbot für Zivilmaschinen war vollständig aufgehoben, aber der Luftverkehr und auch der Flughafen Tripolis waren von normalen Verhältnissen noch sehr weit entfernt.
Viele Jahre hatte das Embargo das Land, die Menschen und diesen Flughafen umklammert. Während dieser Zeit war der größte Teil des Reise- und Güterverkehrs auf dem Landweg über Tunesien und Ägypten abgewickelt worden. In einigen Wüstenregionen war es zu Aufständen gekommen und hinter vorgehaltener Hand flüsterte man von kriegerischen Auseinandersetzungen der Stämme im Osten des Landes. In der Grenzregion zum Tschad war es angeblich zu einer Militärrevolte gekommen.
In der Millionenstadt Tripolis hatte man während dieser Jahre auf den ersten Blick nichts vom Embargo bemerkt. Die Geschäfte und Märkte waren geöffnet und in der Altstadt herrschte lebhaftes Treiben. Der Schein trog. Das Warenangebot war drastisch geschrumpft, Produkte aus dem Westen waren unerschwinglich geworden. Das Ersatz eines Keilriemens für einen PKW war zu einem Abenteuer geworden. Trotz der Subventionen durch die Regierung waren die Lebensmittelpreise über die Jahre stark gestiegen. Am deutlichsten merkte man es auf den Märkten - das Angebot an Fleisch und Frischgemüse war von Tag zu Tat spärlicher und teurer geworden. Die Regierung versuchte, die fehlenden Güter mit Zukäufen aus Südafrika auszugleichen, was den Mangel kaum lindern konnte.
Als Eric vor Wochen seinen Flug bei einem Reisebüro in Deutschland buchen wollte, hatte ihn die Reiseberaterin nur zweifelnd angesehen und gefragt: »Geht das denn überhaupt?«
Nach vielen Telefonaten und einer immer mehr genervten Beraterin konnte er dann doch buchen. Er flog mit einer kleinen maltesischen Fluglinie, die, nach dem Embargo, als eine der ersten Gesellschaften mit Zwischenlandungen in Rom und auf Malta nach Tripolis flog.
Libysche Freunde hatten Eric gewarnt, das Land mit dem Flugzeug zu verlassen. Lieber sollte er mit der Fähre nach Malta übersetzen und von La Valletta aus nach Deutschland fliegen. Er hatte die Warnungen in den Wind geschlagen und jetzt saß er in der Abflughalle fest und stöhnte unter der Hitze. Die Klimaanlage war nicht in Betrieb und ein Thermometer neben dem Informationsschalter zeigte fünfundvierzig Grad. Auf seinen Wanderungen durch die Halle klopfte er im Vorbeigehen wieder und wieder missmutig gegen das Thermometer, in der vergeblichen Hoffnung, es zeige endlich weniger an.
Überall im Land fehlte es an Ersatzteilen und hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, auch die Wartung der Flugzeuge sei noch nicht gewährleistet. Vor wenigen Tagen hatte ihm ein Libyer erzählt - als Chef der Ersatzteilbeschaffung musste er es wissen - es fehle nach wie vor an Spezialöl für die Triebwerke.
Eric wollte sein Ticket nicht verfallen lassen und hoffte nur, dass er wie auf dem Hinflug mit einer Tupolev fliegen würde. Russische Technik war genügsam.
Die Temperatur kletterte auf sechsundvierzig Grad und zu trinken gab es schon lange nichts mehr. Mehr als zehn Stunden wartete er jetzt in diesem Backofen und die Toiletten stanken, dass ihm übel wurde. Familien mit Kindern gaben als Erste auf und verließen den Warteraum. Damit kehrte Ruhe ein. Niemand wusste, ob der Flug gestrichen war, der Informationsschalter war nicht besetzt. Eric hatte sich flüchtig mit einem Franzosen unterhalten, auch der wusste nichts Genaues. Die Zahl der Wartenden war von anfangs rund einhundert auf zehn gesunken.

Im Kindle-Shop: Der Plan (1-4) ... des Pentagon

Mehr Informationen über den Autor D.W. Crusius und seine Veröffentlichungen auf seiner Homepage.

'Sündenrächer: Ein Aachen Krimi' von Frank Esser

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Hansens 2. Fall

Der Wachmann Herbert Neumann und der Mediziner Michael Lessing werden innerhalb weniger Tage brutal gefoltert und anschließend ermordet. Doch die Todesumstände sind nicht die einzigen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Männern. Schnell finden Hansen und sein Team heraus, dass die Opfer eine gemeinsame Vergangenheit in der DDR verband. Deshalb reisen Hansen und Riedmann nach Dresden, der Heimatstadt der ermordeten Männer, wo sie bei ihren Ermittlungen tatkräftig von Oberkommissar Marcus Dohms unterstützt werden.

Die Indizien deuten darauf hin, dass das Mordmotiv mit einem Ereignis vor dem Mauerfall zusammenhängen könnte. Dann geschieht ein weiterer Mord ...

Leseprobe:
Samstag, 16. September 2017
Herbert Neumann freute sich schon seit Tagen auf seinen freien Samstag. Den Ersten seit drei Wochen. Neumann arbeitete als Wachmann bei der WUSA, der Wach- und Schließgesellschaft Aachen. Er bevorzugte seit einigen Monaten Nachtschichten oder die Wochenenddienste, weil er dadurch mehr Geld verdienen konnte. Da seine Frau Sonja vor gut einem Jahr gestorben war und er seitdem alleine lebte, machte ihm das auch nicht viel aus. So konnte er immerhin den einen oder anderen Euro sparen. Von dem Ersparten, der Rente seiner verstorbenen Frau sowie der eigenen Rente konnte er sich in ein paar Jahren sicherlich einen angenehmen Lebensabend gönnen.
Den heutigen freien Tag hatte er bisher in vollen Zügen genossen. Er war früh aufgestanden, hatte seine Wocheneinkäufe erledigt und den Rasen gemäht. Nach dem Mittagessen war er dann in den Aachener Stadtwald gefahren, um einen langen, ausgedehnten Spaziergang zu machen. So wie er es früher auch gerne mit Sonja getan hatte.
Jetzt, am frühen Abend, freute er sich auf die Sportschau. Bis zum Beginn der Sendung hatte er noch knapp zehn Minuten Zeit. Die nutzte er, um sich schnell ein paar Butterbrote zu schmieren. Er hatte es sich in seinem Fernsehsessel gemütlich gemacht und eine Flasche Bier geöffnet, als die Sendung begann. Er wollte gerade in sein mit Salami belegtes Brot beißen, da glaubte er, ein Geräusch zu hören. Er hielt kurz inne, schaltete den Ton am Fernseher mit der Fernbedienung leiser und lauschte. Aber da war nichts. Offensichtlich hatte er sich geirrt. Neumann schaltete den Ton an seinem Fernseher wieder lauter und widmete sich wieder der Sportsendung.
In der ersten Werbepause brachte er das schmutzige Geschirr in die Küche. Im Flur stutzte er kurz. Er hätte schwören können, dass er die Küchentür vorhin geschlossen hatte. Aber vielleicht hatte er sich auch nur geirrt. Er wurde langsam vergesslich, wie er sich eingestehen musste. Als er die Küche betrat, nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Dann spürte er auch schon einen heftigen Schlag auf seinem Hinterkopf. Jäh wurde es dunkel um ihn herum. Als Neumann wieder zu sich kam, drehte sich das Zimmer um ihn herum. Nur schemenhaft nahm er wahr, wo er sich befand. Er saß mitten in seinem Wohnzimmer. Sein Kopf schmerzte fürchterlich.
Diverse Fragen gingen ihm durch den Kopf. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Und was war überhaupt passiert? War er von einem Einbrecher niedergeschlagen worden? Erst jetzt bemerkte er, dass er an einen Stuhl gefesselt war. Mit Kabelbindern. Er war absolut bewegungsunfähig. Sein Mund war mit Klebeband zugeklebt. Und sein Oberkörper war nackt. Die Rollläden waren heruntergelassen. Nur die Leselampe neben der Couch spendete spärliches Licht. Und er war nicht allein. In seinem Fernsehsessel, etwa zwei Meter von ihm entfernt, saß ein Mann. Etwa dreißig Jahre alt. Übergewichtig und irgendwie unscheinbar. Er hatte ihn noch nie gesehen. Der Fremde saß einfach nur da und beobachtete ihn. Nach schier endlosen Sekunden stand er langsam auf und kam einen Schritt auf Neumann zu. Ihm fiel auf, dass der Eindringling nicht maskiert war. Auch wenn er den Mann nicht kannte, er würde ihn beschreiben und der Polizei genaue Angaben machen können.
Neumann geriet allmählich in Panik. Er war kein reicher Mann. Das wenige Geld, das er angespart hatte, konnte den Mann wohl kaum ernsthaft interessieren. Eine beängstigende Stille lag in dem Raum. Was immer der Unbekannte von ihm wollte, er sagte kein Wort. Er stand einfach nur da und starrte Neumann an. Es war offensichtlich, dass er die Angst des gefesselten Mannes genoss. Dann nestelte er plötzlich an seiner Hosentasche, holte ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug hervor und zündete sich eine Zigarette an. Genüsslich zog er zweimal daran. Das Päckchen samt Feuerzeug verschwand wieder in seiner Hosentasche. Dann machte er einen Schritt auf Neumann zu und blies ihm den Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. Dabei lächelte er sein Opfer an. Anschließend zog er ein weiteres Mal an seiner Zigarette und ohne Vorwarnung näherte er sich und drückte die glühende Zigarettenkippe ganz langsam auf dem Handrücken der rechten Hand, die an die Stuhllehne gebunden war, aus.
Ein stechender Schmerz durchfuhr Neumann. Er hätte lauthals aufgeschrien, hätte das Klebeband auf seinem Mund das nicht verhindert. Erst langsam klang der Schmerz wieder ab und ging über in ein dumpfes, brennendes Gefühl. Aber viel Zeit zum Verschnaufen blieb ihm nicht, denn der Unbekannte setzte erneut an, eine Zigarette auf seiner Haut auszudrücken. Diesmal war es der Handrücken der linken Hand.
Dieser Vorgang wiederholte sich mehrere Male, nun auch auf dem entblößten Oberkörper. Sobald eine Kippe abgebrannt war, zündete er auch schon die nächste an. Die Schmerzen, die Herbert Neumann auszuhalten hatte, waren unerträglich. Aber sein Peiniger kannte keine Gnade. Erst nach der vierten Zigarette hatte diese Tortur ein Ende. Noch ehe er gänzlich das Bewusstsein verlor, traf ihn ein harter Schlag mitten ins Gesicht. Die Nase brach mit einem lauten Knacken und Blut lief ihm aus der Nase.
»Es wird nicht geschlafen, Neumann. Du sollst schließlich genießen können, was hier mit dir passiert«, verhöhnte ihn der Mann auf einmal.
Neumann versuchte zu antworten, aber das war natürlich nicht möglich mit dem zugeklebten Mund.
»Wirst du um Hilfe schreien, wenn ich das Klebeband entferne?«
Herbert Neumann schüttelte den Kopf.
»Also gut. Ich entferne es jetzt. Aber ich warne dich. Ein Mucks von dir und es knallt.«
Keine Sekunde später riss der Unbekannte ihm das Klebeband mit einer fließenden Bewegung vom Mund. Neumann schnappte nach Luft. Schreien war ohnehin sinnlos, hier hörte sie niemand.
»Ich gebe Ihnen mein ganzes Geld, aber bitte hören Sie mit dieser Quälerei auf«, war das Erste, was Neumann flehend von sich gab. Der Mann verfiel sogleich in ein langes, herzhaftes Lachen.
»Du glaubst also ernsthaft, dass ich das hier wegen Geld mache?«
Genau solch eine Antwort hatte Neumann befürchtet. Das, was hier mit ihm geschah, war geplant und nicht einfach nur spontane Willkür. Wie sollte er nur aus dieser Situation wieder herauskommen? Er setzte alles auf die Fortsetzung des Gesprächs.

Im Kindle-Shop: Sündenrächer: Ein Aachen Krimi (Hansens 2. Fall).
Mehr über und von Frank Esser auf seiner Autorenseite bei Lovelybooks.



24. Oktober 2018

'Sheliese Savior's Ghostwar: und das Vermächtnis von Ewig-Eis' von Jessylynn Sidney Winter

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Wäller Land 1971: Völlig ahnungslos und isoliert wächst Sheliese bei ihrer Tante in Wildseelenstein auf. Erst, als ihr Onkel sie besucht und ihr offenbart, dass sie magische Kräfte hat, eröffnet sich ihr eine völlig neue Welt. Noch weiß sie nicht, welche Macht in ihr ruht und wo ihre Wurzeln zu finden sind. So tritt sie schüchtern und doch neugierig ihre Ausbildung an der Zauberschule Ghostwar an.

Wem kann sie vertrauen? Was verheimlicht ihr Onkel? Wer waren ihre Eltern?

Leseprobe:
Eines Nachts, im Hohen Wällerwald ...
»Wenn die Diamanten vom Himmel fallen, wird sie erwachen und der, der da Schmerz und Schrecken sät, sei gewarnt und halte sich bereit zu ernten seine verdorbene Frucht«, hauchte Alwana überwältigt und zitierte damit die letzte Passage einer sehr alten und verheißungsvollen Prophezeiung. Währenddessen fuchtelte sie hektisch mit ihrem Zauberstab über das Pergamentpapier, das mittels eines Schwebezaubers vor ihr in der Luft ruhte, um die seltene Sternenkonstellation, die sich in dieser Nacht am Firmament abzeichnete, im Auftrag des Magisch Konus' zu katalogisieren.
»Und das hier, in Wildseelenstein! Im Wällerwald! Ich hätte es nicht für möglich gehalten!«, rief sie aufgeregt.
Der Kometenschwarm, der gerade an der Erde vorbei zog, war in seiner Größe einzigartig, und aus dem Vorgarten des kleinen Hauses, in dem Alwana – etwas abseits des Örtchens Wildseelenstein – lebte, war er besonders gut zu sehen. Kein Wunder: Schließlich befand sich ihr Heim relativ zentral auf dem basaltigen Höhenschwerpunkt des Mittelgebirges, das ansonsten mehr eine mit Wäldern versehene und wellige Hochfläche war.
»Deshalb haben sie dich wohl auch damit beauftragt ...«, schlussfolgerte Alwana etwas wehmütig, ließ ihren Zauberstab dabei aber keine Sekunde ruhen. »Wer sonst außer dir lebt hier schon so völlig allein und abgeschieden ... ohne Familie.« Ihre Gedanken schweiften für einen kurzen Moment ab, aber schon kurz darauf rief sie voller Enthusiasmus:
»Es ist wahr ... als würden Diamanten vom Himmel fallen!«
Sie arbeitete mit Hochdruck weiter, bis ihr plötzlich auffiel: Etwas am Himmelszelt stimmte nicht ... In dem Meer aus Sternschnuppen wurde eine Unregelmäßigkeit sichtbar …
»Was ist das ...«, hauchte Alwana und kniff die Augen zusammen. Es dauert einen Moment, bis sie erkannte und verstand, was sie am Himmel sah: Eine ungewöhnlich große Sternschnuppe kam auf die Erde zu und diese war ganz deutlich nicht so blitzartig unterwegs wie die anderen, sonst wäre sie ihr kaum besonders aufgefallen. Sie kam näher ... wurde größer und größer …
»Die ist ja riesig ...«, flüsterte Alwana und schrie sogleich: »Sie verglüht ja überhaupt nicht! Sie wird einschlagen! Was? Hier?!«
Alwana stand wie angewurzelt vor ihrem Pergament und ließ völlig erschrocken ihren Zauberstab fallen. Die Sternschnuppe näherte sich Wildseelenstein, doch seltsamerweise verspürte Alwana keinen Drang zur Flucht. Sie sah dem Schauspiel einfach nur noch zu.
Dann ein gleißender Lichtblitz ... der Einschlag – völlig geräuschlos – und nicht weit entfernt von Alwanas Position leuchtete am Horizont ein helles Licht.
»Unglaublich ... Das ist ... Ich ... ich muss sofort nachsehen, ich ... Oder nein, ich sollte lieber hier verschwinden ... Aber was, wenn ...« Alwana war völlig durcheinander, sie versuchte, klar zu denken, und letztendlich siegten ihr Pflichtgefühl und ihre Neugier über die aufkeimende Furcht.
»Meine Aufzeichnungen habe ich ja ohnehin schon unterbrochen ...«, stellte sie nüchtern fest. »Der Auftrag, eine lückenlose Dokumentation durchzuführen, ist gescheitert ... vielleicht kann ich den Schaden begrenzen ...«, dachte sie und machte sich umgehend auf den Weg, um nachzusehen, ob noch etwas von dem Gesteinsbrocken übriggeblieben war, der auf so seltsame Weise vom Himmel gefallen war.
Das Licht wurde zwar schwächer, je näher Alwana kam, aber es führte sie direkt zu der vermeintlichen Einschlagstelle, die sich mitten in einem Stoppelfeld befand. Alwana hatte dort einen riesigen Krater erwartet, aber es gab nur eine verkohlte Fläche von beachtlicher Größe zu sehen, von der leichter Rauch aufstieg ... Und etwas lag dort, inmitten des Zentrums.
»Merten ... Ich muss Merten Didericus informieren, sofort«, stammelte Alwana verstört.

1971; Ein Morgen in Wildseelenstein
Das warme, weiße Licht hatte sie komplett umschlossen. Sie spürte eine Geborgenheit, die vollkommener nicht sein konnte. Wärme, die ihr Herz erfüllte, als die Hand sanft ihre Wange berührte. Liebe, bedingungslose Liebe. So musste sie sich anfühlen und auf ewig wollte sie diesen Moment festhalten. Wieder waren die zwei Gestalten nur schemenhaft zu erkennen, doch sie wusste tief in ihrem Inneren, dass es ihre Eltern waren.
»Sheliese ... «, eine Stimme flüsterte ihren Namen. »... Sei nicht traurig ... Du bist nicht alleine. In deinem Herzen werden wir immer bei dir sein. Du musst tapfer sein und vergiss bitte nie ...«, ein kalter Hauch ließ sie erschauern. Ein zunehmendes Grollen vermischte sich mit der Stimme.
»Was ist es? Was soll ich nie vergessen?« Die Stimme klang immer verzerrter ... Sie konnte nur noch Bruchstücke verstehen. Eine schwarze Wolke, durchzuckt von grünen Blitzen, verdrängte die Wärme und die Geborgenheit mit zunehmender Kraft. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und ein unerträglicher Schmerz durchzuckte es mächtig. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Sagt es mir, bitte!«, rief sie den verblassenden Gestalten zu.
»Glaube, Liebe, Hoffnung«, dann ertönten Schreie … »Aber die LIEBE ist die Größte unter ihnen«, es war nur noch ein leises Echo. Tränen liefen ihr über die Wangen, auf denen sie eben noch die zarte Berührung gespürt hatte, dann herrschte Dunkelheit. Ihr fehlte die Luft zum Atmen, ihre Schultern schmerzten und es schüttelte sie am ganzen Körper.
»Sheliese! Bitte, wach auf! Wach doch bitte auf!« Sie riss die Augen auf und starrte in das beunruhigte Gesicht ihrer Tante Alwana, die neben ihr auf dem Bettrand saß und sie fest an den Schultern gepackt hatte, um sie endlich in die Realität zurückzuholen.

Im Kindle-Shop: Sheliese Savior's Ghostwar: und das Vermächtnis von Ewig-Eis / Teil 1.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Jessylynn Sidney Winter auf ihrer Website.



23. Oktober 2018

'Germanischer Bärenhund' von Jörg Krämer

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Die Rückkehr des Germanischen Bärenhundes.

Als Hof-, Hirten- und Jagdhunde setzten die Germanen robuste, ausdauernde und wachsame Hunde, sogenannte Germanische Bärenhunde, ein. Diese mussten in einer harten, lebensfeindlichen Umwelt überleben und ihre Sippe verteidigen. Im Laufe der Zeit verlor sich die Spur dieser Hunde. In den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelten sich aus einem Fehlwurf zwischen Bernhardiner und weißem Hirtenhund Welpen, die dem alten Germanischen Bärenhund nahekamen. 1994 wurde der moderne Germanische Bärenhund schließlich vom Deutschen Rassehunde Club anerkannt.

Jörg Krämer schildert die Geschichte der Geburt dieser Hunderasse, illustriert die historischen Details mit kleinen Geschichten und Anekdoten sowie Bildern und gibt Ratschläge zu Haltung und Erziehung der sanften Riesen.

Leseprobe:
Über die Geschichte des Germanischen Bärenhundes
Bereits Ende des 2. Jahrhunderts vor Chr., lange vor dem Beginn der eigentlichen Völkerwanderung gab es Wanderbewegungen der Germanen. 375/376 begann dann die Völkerwanderung, vor allem germanischer Völker.
Als Haustier der Germanen dominierte das kleinwüchsige Rind. Dazu kamen dann noch Schwein, Schaf, Ziege und nicht zuletzt auch Geflügel.
Die Germanen hielten auch mittelgroße und große Hunde, die als Hof-, Hirten- und Jagdhunde eingesetzt wurden. Diese Hunde mussten in einer harten, lebensfeindlichen Umwelt überleben. Während der Jagd bekamen sie es oft mit überlegenen Gegnern zu tun. Bei Gefahr mussten sie ihre Sippe verteidigen. Das konnten sie nur, wenn sie robust, ausdauernd und wachsam waren.
Diese großen, bärigen Hunde gelangten als Beutestücke bei Kämpfen in das gesamte römische Reich. Im Gegenzug wurden Zwerghunde aus den römischen Provinzen bei den „Barbaren“ eingeführt.
Im Lauf der Zeit verlor sich die Spur dieser germanischen Hunde.
Bärenhundrüde Dagur
Knapp 1600 Jahre später, in den 80er Jahren des 20.Jhd`s wurden einige Welpen geboren, die genau so aussahen, wie der Züchter, Carsten Kieback, sich die Hunde der alten Germanen vorstellte.
Die Welpen stammten aus einem Fehlwurf zwischen Bernhardiner und weißem Hirtenhund. Von diesem Zeitpunkt an begann er konsequent die Zucht der Germanischen Bärenhunde. Besonderen Wert legte er auf Charakter, Gesundheit und Aussehen der Hunde. Nachdem sich einige Bärenhundefreunde zusammen fanden bildete sich der "Erstzüchterverein Germanischer Bärenhunde e.V.".

1997 wurde der “Germanische Bärenhund“ vom Deutschen Rassehunde Club (DRC e.V.) anerkannt.
Da Herr Kieback den weißen Hirtenhund nie genau definiert hat, muss der Germanische Bärenhund als Hunderasse ohne eindeutig definierte Urahnen gelten, wie es zum Beispiel auch der Bernhardiner der Fall ist.

Anfang der Reinzucht
Nachdem Ende der 80`er Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem Fehlwurf zwischen Bernhardiner und weißem Hirtenhund die Geburtsstunde des modernen Germanischen Bärenhundes markiert war, begann Carsten Kieback in Brandenburg gezielt mit der Zucht des Germanischen Bärenhundes. Ziel dabei war ein kinderlieber, gutmütiger Riese von bärigem Aussehen, geeignet als Familienhund, der charakterfest und gesund sein sollte.
Um welche Rasse es sich bei dem weißen Hirtenhund handelt hat Herr Kieback nicht bekannt gegeben. Ausgeschlossen hat er jedoch, dass es sich dabei um Kuvasz, Kangal, Kaukase, Leonberger oder Neufundländer handelt.
Einstein, der erfolgreichste Bärenhund
aller Zeiten! Er wurde auf 85 Hundeschauen
Er hat alle Championate gewonnen,
die es gibt.
In der Folge kam es dadurch zu zahlreichen Spekulationen, bei denen selbsternannte Fachleute mit absoluter Sicherheit sagten, um welche Rasse es sich handelt. Das Ergebnis war eine Verunsicherung aller, die sich für die Germanischen Bärenhunde interessierten.
Carsten Kieback vollendete die Zuchtlinie der Bärenhunde, so dass sie im Jahre 1997 von Deutschen Rassehunde Club e.V. als Rasse anerkannt wurde. Seitdem wird der Germanische Bärenhund reinrassig gezüchtet. Die Einzucht von Grundrassen ist nur durch den Erstzüchter gestattet.
Bei der Rasseanerkennung hat es Herr Kieback bei der Anerkunng durch den DRC e.V. und der IKU (Internationale Kynologische Union) belassen. Eine Anerkennung durch den FCI hielt er bisher, aufgrund der Anerkennung durch die genannten Verbände, nicht für notwendig. Inzwischen ist aber die Beantragung der Rasseanerkennung durch den FCI in naher Zukunft geplant.
Nach Vollendung der Zuchtline wurde die Verbreitung des Germanischen Bärenhundes durch Streitereien und persönliche Differenzen einiger Züchter wieder zurück geworfen.
Mehrere Züchter gingen dazu über, bei der Zucht des Germanischen Bärenhundes Leonberger mit einzukreuzen. Abgesehen davon, dass sie damit den Rassestandard untergruben, kam durch die Einkreuzung vermehrt die Kritik auf, bei dem Germanischen Bärenhund handele es sich nur um einen zu teuer verkauften Leonbergermischling. Es dauerte lange, diese negative Tendenz wieder zu berichtigen.
Wohl wissend, dass die Tierzucht und insbesondere die Zucht der großen, mächtigen Germanischen Bärenhunde ein Bereich intensiver Arbeit ist, finden sich immer mehr begeisterte Züchter dieser Rasse, die nach dem anerkannten Rassestandard züchten.

Die Geburtsstunde der Germanischen Bärenhunde
Carsten Kieback erzählt von der Geburtsstunde der Germanischen Bärenhunde:
„1975 wurde 'Wuschel', der Vorläufer der Bärenhunde geboren. Entstanden aus einem Fehlwurf zwischen weißem Hirtenhund und Bernhardiner. Zu diesem Zeitpunkt fuhr ich noch LKW und mein Zwingername lautete 'von Damnarz'.
'Wuschel' weilte von 1975 bis 1989 auf dieser Erde. Eine Woche nach seinem Tod gebar meine Bernhardinerhündin 'Krümel' den ersten Wurf Germanischer Bärenhunde. An diesem Tag tobte ein schweres Gewitter. Als am Himmel ein wunderschöner Regenbogen erschien wurden fünf zauberhafte Welpen geboren. Am 19.07.1989 gab es den historischen, ersten Eintrag Germanischer Bärenhunde im Zuchtbuch. Die Welpen hießen: Balu, Troll, Jilly, Gila und Maja."

Im Kindle-Shop: Germanischer Bärenhund: Portrait einer außergewöhnlichen Hunderasse.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Jörg Krämer auf seiner Website.



22. Oktober 2018

'Paartherapie: Ein erotischer Liebesreigen' von Jean P.

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Vier Paare, wie sie gegensätzlicher nicht sein können, haben ein Problem: Sie wollen, aber sie können nicht – miteinander! Eine Therapie soll Abhilfe schaffen. Das Konzept der Therapie sorgt allerdings nicht nur für Verwirrung, sondern erzeugt delikate Turbulenzen, an denen schließlich sogar die aus Ruinen wiederauferstandene SPD Anteil hat.

Reibt sich da jemand schon jetzt verwundert die Augen?

Es kommt noch dicker, wird doch der therapeutische Prozess immer wieder von allerlei denkwürdigen Ereignissen und obskuren Gestalten durcheinandergewirbelt. Da tauchen Darth Vader und Prinzessin Leia auf, selbsternannte Treuetesterinnen treiben ihr Unwesen und am Ende gibt es sogar ein neues Kommunistisches Manifest. In der Nacht von Samhain tritt ein Dirndlballett auf, nachdem die Bäuerin die Frau gesucht und gefunden hat und die allgegenwärtige Carla Columna wittert Schlagzeile um Schlagzeile.

Ob unsere Paare dabei glücklich werden? Und wenn ja, wer mit wem? Eins sei versprochen: Am Ende unseres Liebesreigens ist - wie bei Shakespeare - nicht alles „Verlorene Liebesmüh“.

Leseprobe:
Während eines Dorffestes gibt es eine Junggesellinnenversteigerung ...

Oje, hätte Teresa sich wirklich nichts anderes aussuchen können, dachte Eva bei sich. Die wollten vielleicht nur dem Pfarrer eins auswischen, der diesem sündigen Treiben selbstverständlich ferngeblieben war. Der hatte schon vor der Junggesellenversteigerung die Flucht ergriffen. Doch im Gegensatz zum Auge des Gesetzes, dem wohl entgangen war, dass der dicke Jungbauer wieder in den Saal gekommen war, sah das Auge Gottes alles. Just in dem Moment, in dem die Kapelle Joe Cockers You Can Leave Your Hat On anstimmte, um Teresas Präsentation zu begleiten, hörte man die Kirchenglocke zur Mitternacht schlagen. Vollends gespenstisch wurde es, als der Pfarrer, nachdem die Tausender-Marke schon überschritten war und Eva hoffte, dass ihre Geldbörse nicht allzu sehr geschmälert wurde, wieder auftauchte und sich zu dem torkelnden Jungbauern gesellte. Es machte den Anschein, als redete er ihm gut zu, doch lieber schlafen zu gehen. Als der jedoch wieder in die Auktion einstieg, konnte Eva sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch der Herr Pfarrer ein Schacherer vor dem Herrn war und den betrunkenen Jungbauern nur als Motor benutzte, um möglichst viel für seinen Glockenturm herauszuschlagen.
Mach mal halblang, hätte sie Teresa am liebsten zugerufen, der es offensichtlich Spaß bereitete, sich zu zeigen und den Schlag des Auktionshammers bei jedem weiteren Gebot zu hören. Eine exhibitionistische Ader hatte die ja schon immer gehabt. Der Aufforderung Joe Cockers Baby Take off your dress folgte sie zwar nicht, aber dem Raise your arms up into the air schon und really slow zog sie auch ihre Schuhe aus und gewährte bei ihrem Tanz zu Joes Song einige Blicke auf ihre purpurroten Strapse. You give me a reason to live ... Eva hatte das Gefühl, rot zu werden. Teresa war bezaubernd schön und Eva ertappte sich bei dem Gedanken, dass es doch toll wäre, wenn Teresa am Ende nur noch den von Joe besungenen Hut aufhätte. Hüte hatten ihr immer gut gestanden. Schade, dass sie jetzt keinen trug. Als sie sich zusammen 9 ½ Wochen angesehen hatten, hatte Teresa sich extra für sie einen aufgesetzt.
„Tausendneunhundert wurden geboten für unsere fesche Almhirtin“, riss der Polizist sie aus ihrer Erinnerung. „Bietet jemand mehr?“
Verdammt! Wann hatte das ein Ende? Reflexartig hob Eva die Hand, besorgt Richtung Jungbauer nebst Pfarrer schauend. Sie konnte Teresa ja wohl schlecht diesem Dorftrottel überlassen, der kaum noch etwas mitzukriegen schien! War das wahr, was sie da zu sehen glaubte? Versuchte der Pfarrer doch tatsächlich, den Arm des Jungbauern noch mal hochzuhiefen? Gott sei Dank kriegte der aber keinen mehr hoch, sondern sank volltrunken auf dem Tisch zusammen! Erleichtert atmete Eva durch. Nicht das Gesetz, nicht die Kirche, Gott hatte ihr geholfen.

Im Kindle-Shop: Paartherapie: Ein erotischer Liebesreigen.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Jean P. auf seiner Website.



19. Oktober 2018

'Countdown in Westerland' von Ulrike Busch

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Noch zwei Tage bis zu den ›Sylter Sommernachtsträumen‹. Johnny Quadt und seine Lebensgefährtin Eta, Veranstalter der gigantischen Strandparty, stecken mitten in den Vorbereitungen für die Eröffnungsfeier. Plötzlich gerät Johnnys Leben in Gefahr. Nur knapp entgeht der technikverliebte Event-Manager einem Mordanschlag.

Will sein schärfster Konkurrent Alf Leefmann ihn für immer vernichten? Oder hat Johnnys Noch-Ehefrau ein mörderisches Problem mit ihrem Mann? Oder …

Kuno Knudsen und Arne Zander von der Kripo Wattenmeer suchen nach einer heißen Spur – bis die Situation eskaliert und der Täter sie eiskalt erwischt.

Band 5 der Reihe ‚Ein Fall für die Kripo Wattenmeer‘.

Leseprobe:
Jetzt wurde es ernst. Johnny spürte das Verlangen, einen Whiskey zu trinken oder etwas anderes in sich hineinzukippen, das seine Nervosität in die Schranken verwies. Zum fünften Mal innerhalb der letzten zwei Minuten schob er den Ärmel seines Sommerpullis zurück, um einen Blick auf die Armbanduhr zu werfen.
Worauf wartete er noch? Entschlüsse waren dazu da, umgesetzt zu werden.
Er ließ den Computer laufen, das Licht eingeschaltet. Das noch halb volle Glas Cola blieb auf dem Schreibtisch stehen. Ein letztes Mal, bevor er ging, sah er sich im Raum um. An diesem Tag würde er Weichen stellen. Nachher, wenn er zurückkehrte, würde sein Lebensgefühl ein anderes sein.
Er marschierte aus seinem Arbeitszimmer und stolzierte die Treppe hinab wie der einzige und alleinige König von Sylt. Ein Alf Leefmann musste doch zu packen sein.
Die Brieftasche steckte in der Hosentasche. Im Vorbeigehen nahm Johnny den Autoschlüssel von der Ablage im Flur. Er öffnete die Haustür. Draußen war Stille.
Er trat hinaus. Der Bewegungsmelder war eingeschaltet, doch das Licht vorm Eingang sprang nicht an.
Johnny kehrte ins Haus zurück, schloss die Tür, ging zum Sekretär und schrieb eine Notiz auf einen Zettel: LED in der Außenbeleuchtung auswechseln.
Er nahm eine Taschenlampe, öffnete die Haustür erneut und leuchtete zur Garage hinüber. »Amanda, öffne das Garagentor«, sprach er in das Mikrofon, das seine Worte zu der digitalen Assistentin weiterleitete.
Amanda gehorchte.
Johnny huschte ins Auto. Er fuhr bis zur Grenze seines Grundstücks, guckte nach links und rechts und bog in die Straße Richtung Süden ein.
Nun ging es immer geradeaus.
Wie oft war er diese Strecke in seinem Leben schon gefahren? Er kannte jede Düne. Jeden Parkplatz. Jedes Haus, das an der Straße lag. Jeden Fußweg, der ans Wasser führte. Jedes Restaurant am Strand. Und doch kam ihm jetzt alles so fremd und unwirklich vor.
Er dachte an Eta. Sie war jetzt bei dem Team in List. Vorhin hatte er sie angerufen. Hatte ihr gebeichtet, dass er sich auf den Weg zu einem Treffen mit Alf machen würde. Dass er eine Aussprache für unumgänglich hielt.
Natürlich hatte sie ihn für verrückt erklärt, für leichtsinnig. Aber sie war schlau genug, um zu wissen, dass das Schimpfen nichts half. Wenn er einen Plan hatte, hatte er einen Plan, und nichts und niemand konnte ihn daran hindern, den umzusetzen.
Er hatte sie gebeten, ihn unterwegs nicht anzurufen. Beim Gespräch mit Alf wollte er nicht gestört werden. Er würde sich melden, hatte er ihr zugesagt, so wie er es auch Isa versprochen hatte.
Rantum hatte er gerade hinter sich gelassen. Nun ging es auf Hörnum zu. In der Abenddämmerung zeigte der Himmel dieses Licht, das Frieden und Ruhe über das Wattenmeer legte. Doch in Johnnys Seele herrschten Aufruhr und Anspannung.
Das Handy klingelte, und Isas Nummer blinkte auf dem Display auf. Gleich darauf verstummte das Telefon wieder. Das war das gewohnte Zeichen, mit dem seine Tochter ihn bat: Ruf mich zurück, wenn du kannst.
Er tat ihr den Gefallen. »Was gibt’s denn, Püppi?«
»Ich wollte nur sagen, dass wir beim Grillen sind. Wenn du es eher schaffst als geplant ... Wo bist du denn jetzt genau?«
»Isa, ich bin auf dem Weg nach Hörnum. Es dauert noch, bis ich bei euch bin. Mach dir keine Gedanken, ja? Bis nachher.«
Resolut drückte er das Gespräch weg. Für Sentimentalitäten war jetzt nicht der richtige Augenblick. Was er brauchte, war höchste Konzentration.
Hörnum war erreicht. Seinen Wagen stellte er auf einem Parkplatz im Norden des Ortes ab, unweit von Häusern mit Ferienwohnungen. Die wenigen Menschen, die ihm auf dem Weg von hier durch den Ort begegnen würden, waren Urlauber. Sie kannten weder ihn, noch wussten sie, was ihm gestern widerfahren war. Er würde den Treffpunkt unbehelligt erreichen.
Er nahm nicht den üblichen Weg, der ihn zum Hafen geführt hätte und von dort über die Promenade am Restaurant vorbei in den Wald. Er wählte die Route durch den Ort, über den Odde Wai am nördlichen Fuß der Dünen entlang bis zu der Lichtung mitten im Holz.
Eltern mit einem vor Müdigkeit jammernden Kind kamen ihm entgegen. Sie beachteten ihn nicht. Ebenso wenig ein Paar, das sich knutschenderweise durch die Landschaft schob. Eine ältere Dame mit Hund grüßte ihn freundlich. Er kannte sie nicht, sie musste ihn wohl mit jemandem verwechseln. Oder sie suchte nur einen Menschen, mit dem sie sich unterhalten konnte.
Am Waldrand blieb er stehen, lehnte sich gegen einen Baum und rief Eta an. Die Verbindung war schlecht, als lägen Welten zwischen ihnen. »Wie weit seid ihr?«
»Ich mache mich gleich auf den Weg nach Kampen. In List läuft alles wie geplant. Die Bühnen stehen, die Anlagen sind installiert. Die Lichtschau wird bombastisch werden. Jetzt ist es noch zu hell, um die ganze Dimension zu erkennen. Wenn wir in Westerland fertig sind, will ich noch einmal jeden Standort abfahren und bei einem letzten Test prüfen, wie es im Dunkeln wirkt.«
Wie eifrig Eta bei der Sache war! »Übernimm dich nicht«, sagte Johnny. »Du brauchst deinen Schlaf. Wenn du erst um drei oder vier Uhr früh ins Bett kommst, hältst du bei der Eröffnungsfeier morgen Abend nicht durch. Außerdem ist die Lichtschau nicht mehr so spannend, wenn du heute schon alles gesehen hast.«
»Stimmt auch wieder. Eine kleine Überraschung sollte ich mir gönnen, als Lohn für all den Aufwand. Und wenn dein Gespräch mit Alf wirklich etwas bringt, hoffe ich, dass die Welt morgen anders aussieht und wir die ›Sommernachtsträume‹ gemeinsam eröffnen können.«
»Das ist mein Ziel«, sagte Johnny. »Deshalb treffe ich mich mit ihm.«
Etas Stimme wurde weich. »Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie das möglich sein soll, diese Veranstaltung ohne deine Anwesenheit zu eröffnen.«
»Dazu soll es auch nicht kommen. Du, ich muss langsam Schluss machen. Ich will auf keinen Fall zu spät zum Treffpunkt kommen. Nicht, dass Alf sofort wieder geht und dann behauptet, ich wäre nicht da gewesen.«
Eta lachte müde. »Das würde er nicht machen. Du meldest dich nachher noch mal?«
»Auf jeden Fall. Bis später.«
Er lehnte den Kopf gegen den Baumstamm, schloss die Augen und atmete tief in den Bauch hinein. Sein Herz beruhigte sich. Er setzte seinen Weg fort bis kurz vor der Bank, an der er sich mit Alf treffen wollte. Dort suchte er Deckung hinter Bäumen.
Schweiß stand ihm auf der Stirn. Ein Tropfen rollte in die rechte Augenbraue. Er zog ein Päckchen Pa¬piertaschentücher aus der Hosentasche und zupfte ein Stück heraus. Mit zitternder Hand schob er die übrigen Tücher wieder zurück. Seine fahrigen Finger pflückten das Tuch auseinander und tupften damit über die Stirn. Ungehalten schob er die eigenwillige Strähne zur Seite, die auf der feuchten Haut klebte. Er zerknüllte das Tuch und ließ es achtlos auf den Boden fallen.
Sein Herz schlug in der Dämmerung wie die Pauke eines Bühnenorchesters. Er atmete durch. Und wartete.
Niemand war zu sehen. Möwen kreischten. Im Hafen tutete ein Schiff. Irgendwo in seiner Nähe kackte Holz. Das Geräusch ängstigte ihn.

Im Kindle-Shop: Countdown in Westerland (Ein Fall für die Kripo Wattenmeer 5).
Mehr über und von Ulrike Busch auf ihrer Website.