22. Oktober 2019

'Mandarinen aus Jaffa: Eine Liebe erwachte in Notting Hill' von Patrizia Joos

Kindle | Tolino | EdelElements
Eine große Liebe zweier Menschen, die sich nie vergessen konnten

Ein Terroranschlag, der in New York verhindert wird. Eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die in London beginnt und ein Hund, der zum Therapeuten und echten Lebensretter wird.

Rosamund ‚Rose‘ Harper liebt den älteren jüdischen Architekten Raphael Jaron Rosengarten. Sie ist schön, 20 Jahre alt, aus New Jersey (USA), mit deutschen Vorfahren und studiert Architektur in London. Sie lebt in der Portobello Road in Notting Hill und träumt von einer Karriere als Architekturfotografin. Ihre große Liebe Raphael ist alles für sie. Doch als Raphael eines Tages die Beziehung aus heiterem Himmel beendet, zerbricht eine Welt für Rose und ihre ganze Zukunft gerät ins Wanken …

Ein Liebesroman über die große Liebe. Über das Erwachsenwerden und die Selbstfindung einer jungen Frau, die immer wieder ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnt.

Leseprobe:
Wieder ging ein wunderbares, malerisches Wochenende in Notting Hill zu Ende. Die beiden liebten sich tief und sehnsüchtig. Ein unsichtbares Band zwischen ihnen war vor längerer Zeit entstanden. Sie waren einander verfallen und konnten ihre Gefühle kaum in Worte fassen. Als wären sie füreinander bestimmt. Manchmal konnten sie ihr Glück kaum begreifen. Es fühlte sich für beide vollkommen an. Wie ein formvollendetes Mosaik, ein fertiges Kunstwerk. Nun verstanden sie die Liebesromane und Filme, die sie beide schon in ihrer jeweiligen Jugendzeit so sehr gemocht hatten, noch intensiver – auf einer erwachseneren und tieferen Ebene. Nun erlebten sie ihre eigene sinnliche Geschichte hautnah. Es waren keine Bücher mehr, keine Erzählungen oder Filme. Es war ihre gemeinsame Geschichte. Ihr gemeinsames Buch. Ihr gemeinsamer Liebesrausch. Die zauberhafte Liebesgeschichte von Rosamund – Rose – Harper und Raphael Jaron Rosengarten im edlen London.
Rose stand in der Dusche und wusch sich ihre langen honigblonden Haare, die bis zu ihrer Brust reichten. Reine Natur – keine Haartönung – und weich wie Seide. Sie wusste, dass Raphael dies an ihr liebte. Raphael betrat das große Badezimmer mit den hohen Wänden und beobachtete sie dabei, wie sie ihren Körper und ihre Haare pflegte. Ihr Herz schlug vor Freude schneller, denn sie spürte, dass er im Raum war. Mit geschlossenen Augen und einem Lächeln, das sie nicht verstecken konnte, genoss sie diese Situation und spürte ihn ganz nah bei sich. Sie wusste, dass auch er sie genoss, und dieses Wissen erfreute sie. Ihre Seele sehnte sich nach ihm. Langsam und feminin bewegte sie sich unter dem Wasserstrahl. Sie wollte ihm gefallen, ihm ein schönes Bild schenken mit ihrer sonnenverwöhnten feinen Haut.
„Die eleganten Linien“, flüsterte er leise, denn genau so hatte er Roses Figur in ihrer ersten gemeinsamen Nacht zärtlich genannt. Ihre Augen waren immer noch geschlossen, obwohl sie seine Stimme vernommen hatte. Es gehörte zu ihrem gemeinsamen Spiel. Weißer, duftender Schaum lief über ihren Körper – jede Dusche war für sie ein sinnliches Erlebnis. Das Badezimmer war in einen Duft aus Lavendel und Rosen gehüllt. Blütendüfte liebte sie seit ihrer Kindheit. Mit geschlossenen Augen stellte Rose die Temperatur auf kalt. Ihre Haut zog sich zusammen. Sie riss ihre Augen auf und blickte Raphael, der vor ihr stand, direkt in die Augen.
„Ich beobachte dich wie ein Künstler sein Kunstwerk. Du schönes Gemälde. Du schöne Violine“, flüsterte Raphael. Ihr Herzschlag beschleunigte sich vor Freude erneut. Sie lächelte sanft. „Du blühende Amaryllis!“, hauchte er und zog seinen cremefarbenen, seidigen Bademantel aus, ohne dass sie dabei ihren tiefen Augenkontakt verloren, und legte ihn einladend auf das dunkelbraune Holzregal, welches er einst von einer Afrika-Expedition zuerst mit nach New York und dann mit in sein Haus nach London gebracht hatte.
Er öffnete vorsichtig die Glastür und stellte sich zu ihr unter die Dusche. Rasch zog sie ihn zu sich heran und drehte den Hahn schlagartig auf Heiß, denn sie wusste, dass er heißes Wasser liebte. Er nahm sie sanft in seine Arme und sie fingen an, sich liebevoll zu küssen. Sie hielten sich fest umschlungen, wie wertvolle Schätze. Als wollten sie sich nie mehr wieder loslassen. Sie spürte sein Herz, er das ihre. Sie liebte dieses angenehme Gefühl, welches sie schon in ihrer allerersten Nacht mit ihm erlebt hatte. Seinen betörenden Körper, seine wohlgeformten Hände, seine lebendigen Lippen. Seine gepflegte Haut und seinen natürlichen, weltmännisch edlen Duft. Die feine Art, wie er sie küsste, ließ sie schweben. Schweben wie eine Möwe, die frei über den Canal Grande in der Hafenstadt Venedig segelte. Seine wolkenlosen klaren Augen, seine mondänen und gleichzeitig natürlich wilden Haare – alles, sie liebte alles an ihm. Den anregenden Geschmack seines Körpers und den einzigartigen Duft seiner Haut. Sie hielt ihn fest umschlossen. Das Wasser glitt über ihre Körper und bildete eine Art Springbrunnen. Ein Springbrunnen wie jener, der in seinem Rosengarten stand. Auf den sich im Frühjahr die Vögel setzten und ihnen in der Früh ein Ständchen sangen. Sie spürte seine langsamen, behutsamen Liebkosungen an ihrem Körper, an jeder Stelle ihres Wesens. Ihre Haut glühte. Sie spürte ihn auf eine tiefe und sinnliche Weise und küsste ihn tiefer und leidenschaftlicher. Sein Körper versetzte sie in einen fliegenden Zustand. Rose stellte sich auf ihre Zehenspitzen und drückte sich, so fest es ging, an ihn. An seinen Körper. ‚An meinen‘, dachte sie sich. ‚Dieser Körper gehört mir. Raphael gehört mir. Er ist mein und wird es immer sein. Für immer und ewig Raphael.‘

Der Wecker klingelte. Sie erwachten. Ein neuer Tag in Notting Hill war angebrochen. Sie schaltete ihn auf Wiederholung und drehte sich schlaftrunken wieder zu Raphael. Er zog sie behutsam zu sich heran. Sie küssten sich und schauten sich dabei in die Augen. „Guten Morgen. Schalom, beautiful Rose“, sagte er zu ihr und lächelte dabei. Sie lächelte zurück und hauchte mit einem französisch-amerikanischen Akzent: „Bonjour, Schalom, mein Sonnengott!“
Raphael war ein liberaler Jude, der sehr amerikanisch lebte, aber gewisse jüdische Traditionen in seinen Alltag integrierte. Rose war fasziniert davon und fand es herrlich aufregend. Es waren Kleinigkeiten wie Sprichwörter, Angewohnheiten oder auch kleine Rituale. Wenn sie sich nach dem Abendessen zärtlich in den Armen hielten, las er ihr Gedichte und Erzählungen von jüdischen Dichtern und Schriftstellern vor. Das gehörte zu ihren Abendritualen, die sie sich gemeinsam in seinem Schlafzimmer bei Kerzenschein und angenehmer Klaviermusik gönnten. Sie lauschte dabei seinen Worten und stellte sich manchmal vor, wie er wohl als kleiner Junge gewesen war. Oder auch in seiner Jugend. ‚Was für Musik hörte er wohl, als er das erste Mal in ein Mädchen verliebt war, damals in der Schule?‘, fragte sie sich ab und an.
Rose schaute Raphael an. Sie mochte sein zerknittertes Gesicht kurz nach dem Aufwachen sehr. Ihm gefiel ihr ungekämmtes Haar, das an eine zärtliche Nacht voller Liebe erinnerte und nach wilden Rosen duftete, das war ihr bewusst und damit spielte sie gerne. Sie waren durstig nacheinander. Sie küssten sich zärtlich. Ihr Herz schlug schneller. Wenn sie sich liebten, hielt sie sein Herz und er hielt ihres. Sie waren so tief miteinander verbunden. Durch ihren Kopf schwirrten Farben, Klänge und das Rauschen eines Meeres – gemischt mit dem Gezwitscher der Vögel in seinem Garten. Ihre Augen waren geschlossen. Rose drückte sich stärker an ihn. Spürte seine charmante Leidenschaft und fühlte seine Haut an ihrer. ‚Es fühlt sich an wie ein Sommergewitter‘, dachte Rose. Sie spürte ihn auf eine anmutige Weise an ihrem ganzen Körper.
Sie atmete tief aus und blickte ihm in seine blauen Augen und spürte ihr Herz pochen. Es pochte gegen ihre Rippen. Ihr Körper vibrierte und verband sich so mit dem seinen, als wären sie ein einziger Organismus. Verschmolzen in der Ewigkeit. Sie küssten sich sinnlicher und tiefer. Sie spürte seine weichen Lippen an ihrem ganzen Körper – als wolle er direkt in ihr Herz eindringen. Sie spürte seine liebevollen Küsse an ihrem Hals. Zärtlich küsste er das Goldkreuz, welches sie immerzu um ihren Hals trug. Sie liebten sich zärtlich und leidenschaftlich auf einer Ebene tiefer Verbundenheit. Sie fühlte sich wie auf einem Schiff auf hoher See. Die Wellen brachen über das Schiff herein und die Sonne strahlte und brannte. Als sie sein tiefes Ausatmen vernahm, dachte sie – und gewiss auch er – an seinen barocken Springbrunnen im Garten. Die Vögel zwitscherten. Sie strich über seinen Brustkorb, inhalierte seinen kultivierten Duft, der sie in höchstem Grade anregte, und deckte sich und ihn mit der großen, leichten dunkelblauen Decke zu. Rose empfand wie am ersten gemeinsamen Morgen, damals in seinem Haus in New York.
‚Was bin ich nur für eine glückliche Frau‘, dachte sie sich – und in diesem Augenblick ertönte das erneute Rasseln des Weckers. Sie blinzelte Raphael an. Er küsste ihre Stirn und sagte mit seinem Ostküstenakzent: „Ich habe so gut geschlafen.“ Und drehte sie wie einen Kreisel um ihre eigene Achse, stieg aus dem Bett und riss die Balkontür auf. „Schau, die Vögel am Brunnen.“
Sie sah vom Bett aus zu ihm hinüber und lächelte glückselig. Wie er den Brunnen und den Garten betrachtete und studierte. Sie liebte seinen Körper und die Art, wie er sich bewegte und die Welt studierte.
‚Ein wohlgewachsener und wohlgebildeter Mann‘, dachte sie sich. Ein Mann, der alles detailgenau inspizierte und beobachtete. Raphael wollte wissen, was sich dahinter verbarg. Hinter allem. Dieser durchdringende und einnehmende Blick war es, was sie bei ihrer allerersten Begegnung in London so faszinierend gefunden hatte. Sie nannte ihn Raphaelblick. Sie liebte seine Haare, die in gesunden Wellen, wie ein rauschendes Meer, bis zu seinen Ohren wuchsen. Seine Augenbrauen waren dunkel und mächtig und wuchsen wild über seinem dunklen Wimpernkranz. Seine Nase erinnerte an eine antike Statue, stolz und aufrecht stand er auf dem Balkon. Seine Lippen waren die Lippen eines sinnlichen und erfahrenen Mannes. Weich und tiefrot. Sein Wesen und seine Erscheinung erinnerten sie an Helios, den Sonnengott. So nannte sie ihn seit ihrer ersten Begegnung. Ein kräftiger und sinnlicher Körper zugleich. So war auch sein Wesen. Sinnlich und kraftvoll. Sie liebte ihn mehr als sich selbst.
Raphael drehte sich zu ihr. Seine Blicke und die Sonnenstrahlen spürte sie auf ihrem Körper. Er öffnete die Balkontür und verließ das Schlafzimmer. Sie beobachtete seinen Gang, bis er für sie nicht mehr sichtbar war.

21. Oktober 2019

'Drachenblüte: Der dunkle Aufstieg' von Andrew J. Ronin

Kindle (unlimited) | Tolino | TwentySix
Website zum Buch
"Ich sehe die Dunkelheit heraufziehen. Ich spüre es ganz deutlich. Eine Kälte, die mir aus früheren Zeitaltern vertraut ist. Aus dem Nebel der Verschleierung wird sie zu uns kommen, wie ein unaufhaltsamer Sturm."

Die Drachenblüte ist das Symbol des Volkes der Eldár. Aufgeteilt in vier Häuser, sind die Eldárfürsten einflussreiche Mitglieder des Rates der Völker.

Fürst Sasuil, ausgebildet in den dunklen Künsten, hat es sich zum Ziel gesetzt, den Rat zu spalten. Diplomatische Intrigen und politische Ränkespielchen können seinen Rachedurst jedoch nicht stillen. Auf der Suche nach einem längst vergessenen, dämonischen Kompendium, verbündet er sich mit dem Drachen Kodrok. Ein gewaltiger Krieg entfacht, der den Kontinent Thalion in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt.

Leseprobe:
[...]
Ein beißender, süßlicher Geruch bahnte sich seinen Weg nach draußen und drang aggressiv in die Nasen der beiden Magier ein. Das Summen tausender Insekten erfüllte die Abendluft. Als sie den großen Wohnraum betraten, fanden sie die Leiche des eldárischen Heilers in einem Sessel liegend vor. Der Unterkiefer war brutal herausgerissen worden. Blutspuren verwandelten die Wohnstube in ein obskures Kunstwerk aus roter Farbe. Der Heiler musste Unmengen von seinem Lebenssaft verloren haben. Absurd verdreht ruhten die Augen der Leiche in ihren Höhlen. Die Pupillen schienen verschwunden zu sein. Der Gestank machte Akeylya zu schaffen.
„Ist er das?“
„Jedenfalls glaube ich, dass er es war.“
„Was in Pridos Namen ist hier geschehen? Wieso tötet jemand den einzigen Heiler in Jagahli?“
„Das entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings habe ich jetzt mehr denn je das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.“
Eine weibliche Eldári hohen Alters stand plötzlich im Durchgang zur Wohnstube. Sie musste sich unbemerkt aus einem der Nebenräume genähert haben. Sichtlich verwirrt betrachtete die Eldári den Toten und nahm die beiden Magier zunächst gar nicht wahr.
Vor Schreck hatte Akeylya ihren Stab erhoben und deutete auf die Unbekannte.
„Wer seid Ihr? Was ist hier geschehen?“
Brahm drückte Akeylyas Magierstab sanft zu Boden.
„Lass die Eldári erst mal antworten, bevor du sie angreifst.“
Die Greisin winselte mehr, als das sie sprach.
„Da war ein Mann. Wir wollten doch nur helfen.“
Brahm wurde hellhörig.
„Ein Mann? Was für ein Mann? War er ein Mensch oder ein Eldár?“
„Ein Mensch, glaube ich. Er klopfte an unsere Tür und bat um Hilfe. Er sagte, er sei ein verirrter Wanderer. Ich glaube jedoch, er war ein Zauberer. Ein böser Zauberer! Er hatte einen langen Stock bei sich. Anfangs dachte ich, es sei ein Wanderstab.“
Beunruhigt ergriff Akeylya nun das Wort.
„Wie kommt Ihr darauf, er sei ein Zauberer gewesen?“
Tränen rannen der betagten Eldári über die Wangen. Zitternd fuhr sie mit ihrer Erzählung fort. „Er zeigte mit seinem Stock auf meinen Mann und sprach Worte, die ich nicht verstand. Dann wurde meinem Mann der Mund herausgerissen. So viel Blut, überall war Blut.“
Da er hoffte, noch etwas von der Frau zu erfahren, das ihnen helfen konnte, diesen Mann aufzuspüren, drängte Brahm auf eine Antwort.
„Wo ist dieser Mann jetzt hin?“
„Er ... er ist nach oben gegangen. Ich weiß nicht, wieso. Ich habe mich in der Küche versteckt und bin erst wieder hervor gekommen, als ich Euch hörte.“
Brahm und Akeylya tauschten schnelle Blicke aus.
„Ich geh, du bleibst bei ihr!“
So schnell seine Beine ihn trugen, rannte Brahm die Treppe zum Obergeschoss hinauf. Unterdessen sah sich Akeylya um. Irgendetwas passte nicht zusammen.
„Das ist merkwürdig!“
„So? Was meinen sie damit, Kindchen?“
„Naja, das Blut hier wirkt recht frisch, aber der Geruch und die Insekten deuten daraufhin, dass er schon länger tot ist. Wann sagten sie, sei das passiert?“
Mittlerweile hatte Brahm sich im Obergeschoss in einem langen Flur wiedergefunden. Mehrere Türen auf beiden Seiten verhießen weitere Räumlichkeiten.
„Verdammt! Dann eben eine nach der anderen.“
Hinter der vierten Tür würde Brahm schließlich fündig und konnte nicht fassen, was er da sah. Seine Gedanken rasten und sein Verstand arbeitete, doch was er sah ergab zunächst keinen Sinn. Er versuchte seinen Gedankenstrom zu ordnen und zwang sich zur Ruhe. In dem karg eingerichteten Schlafraum lag in einem Doppelbett eine weitere Leiche. Auf Brusthöhe, wo sich für gewöhnlich das Herz eines Eldár befand, klaffte ein blutiges Loch. Jemand oder etwas hatte das Organ brutal herausgerissen. Die Gesichtszüge der Leiche ähnelten stark der eldárischen Greisin, welche sich genau in diesem Moment unten in der Wohnstube bei Akeylya befand. „Akeylya! Nein!“
Schlagartig wurde Brahm bewusst, in welch dunkle Falle sie geraten waren. Hastig eilte er aus dem Schlafzimmer und rannte die Treppe hinunter. Brahm hoffte, dass er Akeylya noch rechtzeitig würde warnen können. Als er die Wohnstube endlich erreichte, fing sein Herz an zu pochen. In Akeylyas Gesicht stand das blanke Entsetzen. Furcht brannte in ihren Augen. Nie zuvor hatte er solch eine Furcht bei ihr gesehen. Ihr Mund war ... er war verschwunden! An der Stelle in ihrem Gesicht, wo sich üblicherweise geschmeidige eldárische Lippen einfügten, war nichts weiter als glatte Haut. Arme und Beine verharrten schmerzhaft überdreht hinter ihrem Rücken.
Akeyklya schwebte in der Luft und der eigentlich tot geglaubte, Eldár stand hinter ihr und hielt sie fest gepackt an den Armen. Für einen kurzen Moment leuchteten dessen dunkelgelb auf. Aus der klaffenden Wunde an seinem einstmals vorhandenen Unterkiefer tropften Blut und Eiter. Er ächzte. Die von Zyklen gezeichnete Eldári hingegen war verschwunden. An ihrer Stelle stand neben dem Untoten Heiler ein Mann, gehüllt in einem schwarzroten Umhang. Das Gesicht des Unbekannten blieb Brahm jedoch verborgen, da dieser eine schwarze Maske trug, die sowohl den Mund, als auch die Nase verdeckte. Drei blutrote Kratzer verzierten die dunkle Gesichtsbedeckung. In seinen knochigen Händen, die von fast durchsichtiger Haut überzogen schienen, hielt der Maskierte einen hölzernen Stab und zu Brahms entsetzen auch den Stab von Akeylya.
„Gib acht auf deine nächsten Worte, Magier der du dem Zirkel angehörst. Lege deinen Stab nieder! Oder deine Mitstreiterin erleidet schmerzhafte Qualen.“
Die Stimme des unbekannten Mannes erzeugte sogar bei Brahm Gänsehaut. In seinem Inneren ahnte er, dass dies sein eigenes Ende sein könnte. Dies war kein gewöhnlicher, dunkler Magier. Das spürte Brahm sofort. Sein Gegenüber verströmte eine bösartige, dunkle Aura und dennoch kam sie ihm merkwürdig vertraut vor, doch er wusste nicht wieso.
„Wer seid Ihr? Und was verlangt Ihr? Was habt Ihr mit ihrem Gesicht gemacht?“ Akeylya zuckte. An ihrem Gesicht konnte Brahm ablesen, dass sie Schmerzen erlitt.
„Da Ihr meine Anweisungen nicht befolgt habt, erleidet Eure Freundin gerade Qualen, von ungeheurem Ausmaß. Seht Ihr, ich beherrsche die Kunst, kleine Portale zu öffnen und Materie an andere Orte zu verschieben. Und ihr Mund und ihre Stimmbänder müssen dabei wohl abhanden gekommen sein. So kann sie keine unerwünschten Zauberformeln daher plappern. Ach und was ihre Schmerzen angeht, so verschiebe ich jedes Mal eines ihrer Organe, wenn Ihr etwas Törichtes im Schilde führt. Soeben hat sie einen ihrer Lungenflügel eingebüßt. Daher wohl ihr lieblicher Gesichtsausdruck.“
Brahm legte unverzüglich seinen Stab zu Boden.
„Bitte! Hört auf! Lasst sie frei und ich befolge eure Anweisungen.“
„Oh! Natürlich werdet Ihr meine Anweisungen befolgen!“
Der Maskierte lachte düster, während Brahm verzweifelt nach einem Ausweg suchte.
„Verratet mir, wer Ihr seid und welches Eure Absichten sind!“ „Ihr dürft mich Nathas nennen. Allerdings wird mein Name Euch nicht mehr von Nutzen sein, denn Ihr werdet ihm niemanden mehr ausrichten können.“
Verzweiflung breitete sich langsam in Brahm aus.
„Es ist, wie Ihr bereits sagtet. Wir sind Mitglieder des Zirkels des Pridos. Wir können dem Zirkel eine Botschaft von Euch überbringen, wenn Ihr uns frei lasst.“
„Oh! Ihr werdet dem Zirkel eine Botschaft überbringen, gewiss! Aber nicht auf die Art, die Ihr Euch erhofft!“
Schritte in seinem Rücken ließen Brahm erschrocken herumfahren. Entsetzt sah er wie die tote Eldári aus dem Schlafgemach auf ihn zulief. Auch ihre Augen leuchteten dunkelgelb auf. Plötzlich blieb dem Magier des Zirkels die Luft weg und Schwindelgefühle erfassten ihn. Die Umgebung verschwamm auf einmal vor seinen Augen. Hitze breitete sich in seinem Leib aus. Ein gelber Energiestrom hatte seinen Torso durchbohrt und den der Untoten gleich mit.
Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Nathas hatte den kurzen Moment genutzt, als sein Opfer ihm den Rücken zudrehte. Brahm sank auf die Knie. Er spuckte und hustete Blut. Mit letzter Kraft drehte er sich noch einmal zu Nathas und Akeylya herum. Bevor er die Augen jedoch für immer schloss, vernahm er noch das finstere Lachen seines Mörders. Das letzte was er sah war, dass Nathas Akeylya nach vorne schweben ließ und ihren Kopf ruckartig überdrehte. Der dunkle Magier brach ihr das Genick und ließ sie dann wie Abfall zu Boden fallen. Dann sah Brahm nichts mehr
[...]

'DIE RACHE BLEIBT' von H.C. Scherf

Kindle (unlimited)
H.C. Scherf bei Facebook | Autorenseite im Blog
Das Ziel ist Rache - das Ergebnis ist Selbstzerstörung

Niemand kann zu diesem Zeitpunkt erahnen, welche Opfer ein Rachefeldzug noch fordert, als man die erste schrecklich zugerichtete Leiche findet. Die Frau wurde hingerichtet von einem Täter, der damit eine blutige Spur durch die Strafverfolgungsbehörden ankündigt. Dass er keine Spuren hinterlässt und sein Motiv Rätsel aufgibt, macht es dem bekannten Ermittlerteam um Peter Liebig und Rita Momsen nicht einfacher. Seine Todesliste arbeitet der Killer unerbittlich ab.

Das Grauen findet seine Fortsetzung, obwohl sich Puzzlestücke zusammenfügen. Der Tod jedoch hat die sympathischen Kripobeamten längst eingeplant.

Der 4. Teil der Thriller-Reihe um das Ermittlerduo Liebig und Momsen.

19. Oktober 2019

'Die Wächter von Nimrhon: Ruf nach Freiheit' von M. Rose-Everly

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
M. Rose-Everly auf Facebook
Phelía Revelle ist ein ebenso mutiges wie eigensinniges Mädchen mit besonderer Begabung, das in einer zerrütteten, nachzeitlichen Welt zwischen den Gefolgsmännern ihres Vaters aufwächst. So selbstverständlich wie Lesen und Schreiben lernt sie, mit dem Schwert zu kämpfen: Einerseits, um sich gegen skrupellose Autonome zur Wehr zu setzen, andererseits, um sich gegen die neuen Besiedler der Erde – Antarer genannt – zu behaupten, die die Ländereien der Menschen in einen Schauplatz des Überlebens verwandelt haben.

Als ihrer Familie großes Unglück widerfährt, macht sich Phelía entschlossen daran, ihr zu helfen, wobei sie nicht nur Unterstützung von ihren engsten Vertrauten, sondern auch von einem Scion erhält, der das Blut ihrer Feinde in sich trägt. Doch kann Phelía dem schönen Fremden vertrauen, zu dem sie sich unerklärlich hingezogen fühlt? Ganz offenbar verbirgt er nicht nur ein dunkles Geheimnis, sie kommen auch aus zwei völlig verschiedenen Welten.

Eine abenteuerliche Reise sowie der Kampf um Gefühle und Loyalität beginnen, inmitten derer sich Phelía zunehmend fragen muss, was Wahrheit und was Lüge ist …

Leseprobe:
Ich werde euch sagen, was ich wusste, bevor meine Reise begann.
Oder besser gesagt: Was ich glaubte, zu wissen.

Einst – vor langer Zeit – war die Erde nur das Zuhause der Menschen, Heimat verschiedener Völker und Rassen, die alle hier geboren worden waren. Doch in ihrem ständigen Wachstum und einer schier unstillbaren Gier nach Besitz und Annehmlichkeiten hatte die Menschheit sich selbst und ihrer Umwelt erheblich geschadet.
Sie hatte Wälder, Gewässer und Böden mutwillig ausgebeutet, ohne Rücksicht auf die Erhaltung von Ressourcen zu nehmen, und das Klima durch Nutzung fossiler Brennstoffe sowie etliche weitere Einflüsse nachhaltig verändert.
Infolge globaler Erwärmung war der Meeresspiegel so hoch angestiegen, dass ganze Landmassen darunter verschwanden, und alle halbherzigen Versuche, dem entgegenzuwirken, kamen jäh zu spät und scheiterten kläglich.
Gemeinschaften oder Familien gab es, trotz horrender Überbevölkerung, nur noch wenige. Die meisten Menschen lebten allein oder zu zweit, in engen Räumen und weitgehend isoliert von sozialen Strukturen, da sie fast nur noch über Geräte kommunizierten. Durch die flachen, spiegelartigen Fenster konnten sie zwar in die ganze Welt blicken, aber ihr technologischer Fortschritt hatte sie jeder natürlichen Lebensweise entfremdet und war der Beginn eines schleichenden Untergangs.
Bis die Antarer – eine Art, die sich in Aussehen und Lebensweise kaum von uns unterschied – unseren Planeten in den Weiten des Weltalls entdeckte.
Sie waren ein schönes und ästhetisches Volk, intellektuell ebenso stark entwickelt wie körperlich, das – ganz im Gegensatz zu unseren Ahnen, die durch ihre phlegmatische Lebensweise verwöhnt und verweichlicht geworden waren – überdies viele erstaunliche Dinge erschaffen konnte, wie man sie sonst nur aus Legenden oder Märchen kennt: unglaubliche Tiere, Pflanzen und neue Biotope, von denen auch die Menschen zunächst profitierten. Denn die Fremdlinge erwiesen sich als echte Koryphäen darin, natürliche Gegebenheiten zu ihrem Vorteil, aber schonend, und in jeder Hinsicht sinnvoll, zu nutzen.
Zunächst nannten sie uns freundschaftlich Hóarin, was so viel bedeutet wie Erdenwandler, ließen sich unter uns nieder und lernten sowohl unsere Gebräuche als auch unsere Sprachen. Und im Grunde hätte ihre Wertschätzung von Reinheit und Urbanität der Schritt zu einer besseren Zukunft für alle sein können. Doch ihre Verbundenheit zu den Menschen währte nicht lange …
Nicht nur unterschiedliche Ansichten verschlechterten das Verhältnis beider Seiten rapide und schon nach wenigen Jahren. Wie weit ihre Kultur auch entwickelt gewesen sein mag, mit der es ihnen gelang, sich diesen Planeten als neuen Lebensraum zu erschließen, einer Sache waren sie uns offenbar nicht überlegen: niederen Instinkten wie dem Verlangen nach Macht und Kontrolle. Denn als die Fremdlinge merkten, dass ihre Ansiedlung auf der Erde weit verbreitete Unfruchtbarkeit für sie mit sich brachte, begannen sie, Jungen und Mädchen aus unserem ganzen Land zu verschleppen und sie als Fortpflanzungstriebe zu nutzen, was große Feindschaft zwischen unseren Völkern entfachte. Und schon bald darauf brach ein Krieg aus, von solcher Gewalt und Heftigkeit, wie es die Menschheit nie zuvor erlebt hatte.
Die meisten unserer Ahnen starben im Kampf, verhungerten oder erfroren; einen anderen Teil rafften Verletzungen oder Krankheiten dahin. Und jene, die überlebten, flohen vor der Übermacht ihrer Feinde in entlegene, abgeschiedene Gebiete, wo sie versuchten, ihr Leben in Stille und Zurückgezogenheit weiter zu führen.
So erhielt unser Land seinen jetzigen Namen von den Heiligen Frauen, den Seherinnen: Nimrhon – das, was übrigblieb.
Seitdem hat sich das Gesicht der Erde gewaltig verändert. Inzwischen gibt es keine Erdausbeutung mehr, kein Fracking, keine Atommeiler oder nukleare Waffen. Unsere riesigen Metropolen und Lebenszentren wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Die Antarer säuberten die Lebensräume der Menschen von jedweder Technologie, mit der sie sich selbst versklavt hatten. Und nach ein paar Dekaden hatte sich die Natur das zurückgeholt, was man ihr genommen hatte.
Strom findet man nur noch dort, wo es Leute gibt, die sich damit auskennen und er durch die Kraft der Sonne, des Windes oder des Wassers gewonnen werden kann.
Nur sehr wenige – etwa fünf Prozent, schätzungsweise – hatten unter ihren Vorfahren jemanden, der die erforderlichen Kenntnisse dafür an sie weitergab. Und wieder andere verfügen zwar über das Wissen, nicht jedoch über die notwendigen Materialien.
Meine Familie verzichtete stets auf die Annehmlichkeiten von Elektrizität. Nicht deshalb, weil wir im östlichen Teil Nimrhons leben, in bergigen, meist dicht bewaldeten Gebieten, wo es ohnehin eher schwierig wäre, große Mengen an Energie zu erzeugen.
Wir taten es freiwillig, während sich ansonsten kaum Menschen aus freien Stücken dazu entschieden.
Müsste ich unsere Gegenwart in wenigen Worten beschreiben, würde ich sagen, sie hat viele mittelalterliche Aspekte, da technische und moderne Errungenschaften weitgehend verloren gingen, während das Wissen und die Ideologien der Neuzeit erhalten blieben.
So kommt es, dass wir heute alle völlig unterschiedlich leben. Manche wohlhabend und im Überfluss, andere – der weitaus größere Teil – einfach und bescheiden.
Es ist eine Existenz zwischen Ursprünglichkeit und Entwicklung, dem Gestern und dem Morgen.
Denn, um es kurz zu fassen: alles Lebensnotwendige haben uns die Fremdlinge gelassen, seitdem sie über uns herrschen, unsere Freiheit dagegen genommen.

Wenn euch nun jemand von einer Prophezeiung erzählte, einem Wandel und einer besseren Zukunft, würdet ihr ihm glauben? Oder würdet ihr denken, das seien nur Worte, ja nicht mehr als eine Spielerei mit der Gutgläubigkeit der Menschen?
Unsere Art tut sich schwer damit, zu vertrauen und zu begreifen, erst recht, wenn Dinge auf den ersten Blick unglaublich erscheinen.
Und nicht weniger, wenn sie sich als Wahrheit entpuppen. Doch sollten wir sie gerade deshalb niemals verschweigen.

Ich bin Phelía, Phelía Revelle. Und dies ist meine Geschichte.

18. Oktober 2019

'Humboldt und der kalte See' von Jana Thiem

Kindle | Tolino
Website Jana Thiem
Als der Postbote tot im Straßengraben sitzt, ahnt Humboldt noch nicht, dass die Sache viel verzwickter ist. Denn erst kurz darauf erfährt er, dass die im Vorjahr aus dem Olbersdorfer See geborgene Leiche ein ehemaliger Schulfreund des Postboten war. Und dass die beiden zu einer unzertrennlichen Viererclique in den Achtzigern gehörten. Hat es der Mörder auf dieses Kleeblatt abgesehen? Aber warum verleugnen die beiden verbliebenen Mitglieder die Freundschaft von damals?

Zu allem Übel gefährdet die neue Kollegin, Fallanalytikerin Ziska Engel, die beschauliche Zusammenarbeit in Humboldts Team. Und dann quälen den Hauptkommissar schreckliche Gewissensbisse. Hat er sich doch nach einer gemeinsamen Nacht mit der Journalistin Christin Weißenburg nicht wieder bei ihr gemeldet.

Für kurze Zeit zum Einführungspreis von nur 99 Cent.

Leseprobe:
Mittwoch, 20. Februar 2019

Als er den mächtigen Felsen sah, musste er unweigerlich an die Theaterschauspielerin denken, die vor etwa zwei Jahren unfreiwillig am Jungfernsprung des Oybin herabgesegelt und später auf seinem Tisch gelandet war. Das war wieder einer der Fälle gewesen, die ihn besonders herausgefordert hatten und bei denen er mit Humboldt Hand in Hand arbeiten musste, um dem Täter das Handwerk zu legen.
Rechtsmediziner Dr. Lorenz Richter bremste den Wagen ab und rollte langsam durch den Ort. Dabei schob er seinen Kopf weit bis an die Frontscheibe heran, um den imposanten Berg näher betrachten zu können. Im Winter sah es hier völlig anders, aber nicht weniger interessant aus. Waren bis eben noch auf dem Gipfel die Ruinen des Klosters und der Burg zu sehen gewesen, erkannte Richter jetzt die bienenkorbähnliche Gestalt des Felsens. Fast hätte er es verpasst, seinem Navi zu folgen und rechts in die Hauptstraße einzubiegen. Kurz darauf kam er an einem der Aufstiege auf den Oybin vorbei, der auch zur kleinen Bergkirche führte, die sich eng an den Felsen schmiegte. Wäre er in Stimmung gewesen, hätte er sicherlich nach seiner Arbeit noch einen kleinen Spaziergang unternommen. Aber im Moment war er einfach zu gespannt, was ihn hier erwarten würde. Und vor allem, ob es wirklich notwendig war, dass er sich von Dresden aus die eineinhalb Stunden auf den Weg gemacht hatte.
Schon von Weitem sah er das Einsatzfahrzeug stehen. Ein Beamter sprach mit einer wild gestikulierenden Person, die in einem blauen BMW saß und anscheinend in die gesperrte Straße einfahren wollte. Ein anderer kam auf ihn zu. Richter ließ die Scheibe herunter und sofort drang die eisige Kälte hinein.
„Hier können Sie gerade nicht durch“, sagte der Beamte und legte grüßend den Zeigefinger einer Hand an seine Dienstmütze. Sein Atem wirbelte weiße Wolken auf.
„Ich denke doch“, sagte Richter. „Dr. Lorenz Richter, Rechtsmediziner. Ich werde erwartet.“ Er zeigte seinen Ausweis.
„Na dann, ab in die Hölle“, antwortete der Beamte schief grinsend. Wieder hob er grüßend die Hand und winkte Richter durch.
Die Gesten des BMW-Fahrers wurden noch wilder, als Richter auch den zweiten Beamten passierte und schräg rechts abbog.
Aus den Augenwinkeln nahm er ein Straßenschild mit der Aufschrift Hölleweg wahr. Daher also der schräge Kommentar des Beamten.
Als die Straße immer schmaler wurde, ließ Richter das Auto an einer Gabelung stehen. Er war sich nicht sicher, ob er am Ende des Weges wenden musste oder doch durchfahren konnte.
Er schnappte sich seine Tasche und wählte den rechten Weg, der noch weiter in den Wald hineinführte. Die kleinen Umgebindehäuser wechselten sich hier mit modernen Holzhäusern ab. Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf, der sich noch lange im Blau des Himmels abzeichnete. Eine zarte Schneedecke schien sich schützend über alles gelegt zu haben und glitzerte in der Sonne. Zu seiner Linken ragte im Hintergrund ein hoher Berg mit einem Turm auf. Das ist alles viel zu idyllisch, um hier jemanden umzubringen, dachte Richter. Mit Sicherheit war der Mann gestürzt und hatte sich dann ausruhen wollen. Solche Szenarien kannte er schon aus vergangenen Jahren. Die meisten der verletzten Opfer waren mit Erfrierungen davongekommen. Aber diesen hier schien es schlimmer erwischt zu haben. Das hatte ihm Kriminalhauptkommissarin Mahler schon am Telefon mitgeteilt.
Als er einen kleinen Felsen umrundet hatte, stand er direkt vor der Kommissarin, die wild auf ihrem Handy herumtippte.
„Frau Mahler, wie schön, Sie mal wieder zu sehen“, sagte Richter ohne wirkliche Freude in der Stimme.
Linde Mahler, Kriminalhauptkommissarin der Polizeiinspektion Görlitz, nickte kurz. Auch ihre Begeisterung über das Wiedersehen schien sich in Grenzen zu halten. „Ja, schön, dass Sie es einrichten konnten!“, sagte sie und zeigte mit dem Kopf Richtung Wald.
Der Mann, den der Rechtsmediziner Dr. Lorenz Richter im Schnee sitzen sah, trug die typische blau-gelbe Jacke eines Zustellers der Deutschen Post. Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass er sich nur ein wenig hatte ausruhen wollen, um sich dann wieder auf den weiteren Weg zu machen. Das gelbe Fahrrad mit den großen Taschen stand ordnungsgemäß auf dem Ständer aufgebockt neben ihm. Nur der Schmutz an seiner Kleidung und die blutverschmierte Wunde an seinem Kopf deuteten darauf hin, dass er nicht nur friedlich eingeschlafen war.
„Können Sie direkt irgendetwas zu unserem Toten sagen? Falls er nur erfroren ist, würde ich mich verabschieden. Ein dringender Fall wartet“, begann Linde Mahler ohne Umschweife.
Richters Miene verschloss sich schlagartig. Er nahm die eckige schwarze Brille vom Kopf und schob sie sich auf die Nase. „Ich muss ihn mir erst anschauen, bevor ich dazu etwas sagen kann. So viel sollten Sie in Ihrer beruflichen Karriere schon mitbekommen haben.“
Linde Mahler zuckte missmutig mit den Schultern und schaute demonstrativ auf die Uhr.
Leise murmelnd beugte sich Richter zu dem Toten hinunter. Er hatte ein Diktiergerät aus der Jacke gezogen und hielt es nahe vor seinen Mund.
„Hämatom im rechten oberen Stirnbereich, könnte von einem Sturz herrühren, da auch die Kleidung verschmutzt ist.“
Er richtete sich auf und sah sich um, entdeckte aber nichts Auffälliges.
„Ist er hier irgendwo gestürzt? Oder gibt es am Fahrrad Spuren, die darauf hindeuten, dass er sich zum Beispiel am Lenker verletzt haben könnte?“, fragte er in Linde Mahlers Richtung, ohne sie dabei direkt anzuschauen.
„Nichts dergleichen. Das haben die Kollegen der KTU natürlich direkt untersucht, nachdem wir den Fundort gesichert hatten.“
Die Ungeduld in ihrer Stimme ließ Richter schmunzeln. Natürlich hatte sie das veranlasst. Schließlich war sie keine Anfängerin.

'Rowan - Verrat im Ostreich' von Aileen O'Grian

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Blog Aileen O'Grian
Der jugendliche Magier Rowan ist mit seinem Freund Ottgar, dem Thronfolger des Magierreiches, ins Ostreich gezogen. Während Ottgar auf der Burg von König Kustin zum Ritter ausgebildet wird und am Hofleben teilnimmt, sitzt Rowan häufig in der Kammer seines Meisters und studiert in alten Schriften. Die beiden Magier müssen unbedingt ein Heilmittel gegen die Klauenfäule finden.

Noch nie in seinem Leben fühlte Rowan sich so unwohl, da Magier im Ostreich verachtet werden. So werden Rowans Warnungen vor Angriffen der Trolle und Zwerge auch nicht ernst genommen. Selbst als er eine Seuche, die die Bewohner der Königsburg und die Bauern aus der Umgebung heimsucht, erfolgreich bekämpft, steigt sein Ansehen kaum. Auch Ottgar, der unter dem Einfluss der ostianischen Prinzen steht, ist ihm fremd geworden – und sogar die Gefahr eines Aufstandes im Ostreich scheint seinen Freund nicht zu interessieren, bis es fast zu spät ist.

Teil 3 der Reihe um den Magier Rowan.

Leseprobe:
„Kommst du mit zu dem Jagdausflug?“, fragte Ottgar seinen Freund, den jungen Magier Rowan. Er schaute neugierig in den Kessel, der über dem Feuer hing.
Rowan warf ein Pulver hinein, zischend stieg heißer Dampf auf. Erschrocken sprang Ottgar einen Schritt zurück. Rowan schüttelte den Kopf. „Du solltest genug über die Heilkunst wissen, um vorsichtig zu sein und den Gefäßen nicht zu nahe zu kommen.“
Ottgar, der Thronfolger des Magierreichs, lachte. „Wenn es gefährlich wäre, hättest du mich längst aus deiner Stube geworfen.“
Rowan stöhnte. „Du störst mich. Ich brauche Ruhe, weil ich sorgfältig arbeiten muss. Bitte geh.“ Er wog getrocknetes Mondkraut ab, gab es in den Topf, dabei summte er ein Lied. Doch Ottgar ließ sich nicht wegschicken.
„Ich habe noch so viel zu tun. Meister Wudon erwartet, dass ich ein Heilmittel gegen die Klauenfäule finde“, erklärte Rowan, nachdem er sämtliche Strophen gesungen hatte.
„Wieso? Die behandelt ihr schon, so lange ich denken kann.“ Ottgar war ehrlich überrascht. Er weilte als Knappe am Hofe des Königs des Ostreichs, während Rowan bei dem hiesigen Magiermeister Wudon lernte.
„Die Krankheit hat sich verändert. Unsere Mittel helfen nicht mehr. Bis vor ein paar Jahren hat Wudon die Seuche auf die gleiche Art wie mein Großvater erfolgreich geheilt.“
Eine Weile schaute Ottgar seinem Freund beim Hantieren zu, bald langweilte er sich, denn Rowan ließ sich auf kein Gespräch ein, sondern arbeitete, ohne ihn zu beachten, weiter. Als Ottgar die Schritte von Wudon hörte, stand er auf und verließ die Stube der Magier.
Rowan spürte, wie verärgert sein Kamerad war. Ottgar haderte immer wieder damit, nach ihrer abenteuerlichen Flucht vor den unheimlichen Nordmännern aus Llyllia nicht bei seinem Freund Mardok geblieben zu sein. Doch Mardok war, nachdem sie bei einer Regenhexe Unterschlupf gefunden hatten, ins undurchdringliche Bergland zwischen Llyllia und dem Ostreich geflohen. Inzwischen lebte er als Knappe bei Fürst Xandril, dem großen Heerführer, von dem alle voller Ehrfurcht sprachen. Damals hatte der Großmagier Bunduar, Rowans Großvater, ihnen durch den Elfenprinzen Sirii genaue Anweisungen gegeben. Mardok sollte Heerführung bei Xandril lernen, während Ottgar, von Rowan begleitet, ins Ostreich ziehen sollte, um die Beziehungen beider Länder zu vertiefen, vielleicht sogar neue Bündnisse zu schließen.
Bunduar vertraute sicher Rowans übersinnlichen Fähigkeiten, um Ottgar, König Wilhars Thronerben, zu schützen. Allerdings hockte Rowan in der Stube, studierte Bücher und lernte Rezepte auswendig, während Ottgar weiter zum Ritter ausgebildet wurde. Dabei wäre ihm Mardok, der Enkel des magianischen Waffenmeisters, ein besserer Gefährte gewesen.
Obwohl König Wilhar wünschte, dass auch Rowan eine Ausbildung zum Krieger erhielt, ließ sich der junge Magier immer seltener bei den Waffenübungen blicken. Er war viel zu beschäftigt, denn er versuchte, möglichst schnell voranzukommen.
Rowan beugte sich über die verschnörkelte Schrift und entzifferte sie mühsam. Die meisten Handschriften, die Wudon besaß, waren auf Ostianisch verfasst. Rowan beherrschte die Sprache, da seine Mutter Salawin sie ihm beigebracht hatte. Schließlich stammte die Großmutter aus dem Ostland. Ebenso wurde am Hofe von König Wilhar Ostianisch gesprochen, da die Königin eine Prinzessin aus dem Ostreich war.
Doch die alten Texte wiesen nur wenig Ähnlichkeit mit der am Königshof angewandten Sprache auf. Zudem hatte Rowan Probleme, die ungewohnten Buchstaben zu erkennen, so riet er mehr, als er es las.
Sein Bauch knurrte vernehmlich.
„Geh erst einmal essen“, sagte Wudon. „Wenn du Hunger hast, denkst du nur ans Tafeln.“ Er grinste Rowan an. „Halte jedoch Maß, ein voller Magen denkt nicht gern.“
Rowan nickte. Magier und Priester übten sich in Mäßigung. Er hatte noch keinen fülligen Vertreter von ihnen kennengelernt.

17. Oktober 2019

'Schmetterlinge Unerwünscht: Liebe kann warten' von Maja Overbeck

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Maja Overbeck
Wenn dir Liebe gerade noch gefehlt hat.

Mit vierzig noch mal von vorne anfangen? Auf keinen Fall! Immerhin hat Gina ganz schön Arbeit in ihr perfektes Leben gesteckt. Das wird sie sich doch nicht von einer kleinen Affäre ihres Mannes zerstören lassen. Am liebsten würde sie den peinlichen Seitensprung einfach ignorieren. Doch so einfach geht das nicht, denn er hat sich dafür ausgerechnet Ginas beste Kundin ausgesucht. Die pubertären Ausfälle ihrer Tochter und der jugendliche Lover ihrer Mutter machen die Sache nicht besser. Selbst ihre beste Freundin ist neuerdings ein Totalausfall. Hannah scheint ihr aus dem Weg zu gehen, und Gina hat nicht die geringste Ahnung warum. Als sie zur Ablenkung nach Hamburg fährt, trifft sie auch noch überraschend ihren Jugendschwarm Mads wieder, und ihr Puls schlägt plötzlich Purzelbäume, genau wie damals mit sechzehn. Doch ausgerechnet jetzt auch noch ihr Herz zu verlieren, erscheint Gina als die schlechteste Idee von allen …

Eine Liebesgeschichte zwischen München und Hamburg über das ewige Streben nach Luftschlössern, über unerwartete Umstände, krisenfeste Freundschaft und die große Liebe - erzählt mit Herz und Biss und viel Wodka Soda.

Für kurze Zeit zum E-Book-Aktionspreis von nur 99 Cent.

Leseprobe:
Gina
Das Handy klingelte auf dem Beifahrersitz, als Gina gerade versuchte, sich aus dem engen Jackett zu schälen. Es war viel zu heiß für Ende September. Seufzend schob sie den Arm zurück in den Ärmel, drückte auf die Aircondition und nahm den Anruf an.
»Hallo Sophie!«
»Mama?«, es kicherte im Hintergrund. »Seid doch mal leise! Mama?«
»Ja?«
»Du, Mama, kann ich mir eine Jacke kaufen?«
»Wieso?«
»Ich bin mit Leonie in der Stadt. Ich bleib übrigens heut auch bei ihr, das hab ich dem Papa schon geschrieben. Also hier ist alles krass reduziert. Bitte, Mama, so ein Parka, wie ich ihn die ganze Zeit wollte …«
Es klopfte an.
»Sophie, ich muss auf die andere Leitung. Meinetwegen, aber nicht so teuer, hörst du?«
»Danke, Mama! Viel Spaß in Berlin!«
»Ich bin nicht mehr –« Sophie hatte das Gespräch schon beendet. Gina behielt den Hörer am Ohr.
»Ja, Wolf?«
Sie wusste, dass es ihr Chef war, ohne auf das Display zu sehen. Sie kannte diese Anrufe, so wie sie ihn insgesamt in- und auswendig kannte. Sie hatten sich erst vor zehn Minuten im Flughafen-Parkhaus verabschiedet, aber irgendjemanden rief er immer an, musste er anrufen, sobald sich die Schranke hinter seinem Wagen schloss, und meist war sie es, zumindest stand ihre Nummer ganz oben in seiner Favoritenliste. Wolfs Multitasking-Fähigkeit war zwanghaft. Er tat stets mindestens zwei Dinge gleichzeitig, sonst überfiel ihn die Panik, dass er faul verarmen oder der Alterslethargie zum Opfer fallen würde oder so ähnlich. Von wegen wer rastet und so, und im Zweifel half es eben, mit seiner engagiertesten Mitarbeiterin ein paar Bälle am Telefon zu schmeißen, ob es nun etwas zu sagen gab oder nicht. Aber es war auch etwas Gutes daran, tatsächlich hatte Gina mit ihrem Chef ein so vertrautes Verhältnis wie sonst niemand in der Agentur, und vielleicht lag das an diesem vermeintlich überflüssigen Austausch, den sie mehrmals täglich pflegten.
»Hi Gina.« Wolfs knarrende Stimme dröhnte durch den Wagen untermalt vom Rauschen der Autobahn. Gina drehte die Freisprechanlage leiser.
»Das war echt Bombe heute, selbst der Peters war begeistert. Und Binder hat mir gerade schon eine WhatsApp geschickt. Den haben wir vor seinem Chef so gut dastehen lassen, das wird der uns nie vergessen. Wir sollten jetzt …« Der Rest seines Satzes fiel dem Dröhnen eines Lastwagens zum Opfer. Wolf fuhr offen, wahrscheinlich nur ein paar Autos vor ihr.
Gina ließ den Blick über die anderen Spuren schweifen, aber der silberne Porsche war nirgends zu entdecken. Neben ihr leuchtete die Allianz-Arena, und vor ihr plötzlich rote Rücklichter. Verdammt, aber klar, Freitagabend. Stau auf der A9 statt Sundowner in Berlin-Mitte. Warum musste ihre Berliner Feier-Freundin Bea auch gerade heute mit Magen-Darm flachliegen? Wo Gina den Termin mit dem neuen Hauptstadt-Kunden extra vor ein Wochenende gelegt und die schwarzen Bikerboots im Trolley mitgeschleppt hatte. Zu schade, zu früh gefreut aufs Tanzen und auf ein bisschen Abwechslung vom geschniegelten München. Hach, Berlin, beim nächsten Mal wieder!

Während Gina sich hinter dem Steuer eingeklemmt endlich aus ihrem Jackett schälte, redete Wolf sich in Fahrt. Er feuerte ihr seine üblichen Ideen wie Tennisbälle in den Wagen, und Gina hielt ihn mit vagen Bestätigungen bei Laune, auch wie üblich. Klar, genau, sehe ich auch so. Später würde sie alles so machen, wie sie es geplant hatte, und Wolf würde okay damit sein, solange auch der Kunde zufrieden war, und das war er meistens. Fast fünfzehn Jahre arbeiteten sie nun schon auf diese Weise zusammen, und das sehr erfolgreich.
Auf der Straße herrschte mittlerweile totaler Stillstand.
»Scheiße, ich verpasse meinen Friseurtermin!«, schimpfte Wolf. »Ich will mir die Haare tönen lassen, so als Statement, jetzt, wo ich vierzig werde. Was sagst du dazu?«
Gina lachte. Einer seiner Scherze, mit denen er nach Anerkennung fischte. Er war süchtig danach. Wahrscheinlich zupfte er in diesem Moment seine Stehfrisur sorgfältig vor dem Rückspiegel in Form. Sie war sein Markenzeichen, ein bisschen verwegen, ganz der wilde Rockstar.
»Tust du nicht!«, sagte Gina und drehte ihren eigenen Rückspiegel so zurecht, dass sie einen Blick auf ihren Zustand werfen konnte. Zack, da war es wieder – das Comicgesicht: Doppelstrich zwischen den Brauen, Strahlenkranz um die Augen. Sie konnte es nicht mehr ausblenden, seit dieser Grafiker sie neulich, ganz ohne es böse zu meinen, so skizziert hatte. Und diese Haare! Auf dem Hinweg, obwohl morgens um fünf, hatten sie noch geföhnt und geglättet strahlend auf den Schultern geschaukelt, jetzt klebten sie dort wie abgegossene Spaghetti. Gina drehte den Spiegel zurück, klappte den Auslass der Lüftung in Richtung ihres Gesichts und schloss kurz die Augen. Sie vermisste ihren kleinen Fiat mit dem Faltdach. Neuerdings fuhr sie Elektro, einen BMW i3, zukunftsweisend, aber potthässlich. Was tat man nicht alles den Kunden zuliebe!
»Also dann«, sagte Wolf. Er hatte offensichtlich genug Bälle platziert.
»Schönes Wochenende!« Gina tippte auf den roten Knopf. Der Verkehr lief immer noch im Schneckentempo. Sie checkte ihre Nachrichten. Axel hatte sich nicht gemeldet, obwohl sie ihm nach der Landung geschrieben hatte. Wahrscheinlich war er auch unterwegs. Schade. Sie hatte sich gefreut auf ihren Mann. Zweisamkeit war selten geworden zwischen ihnen. Die Terminkalender zu voll, das Leben zu schnell. Wir müssten mal wieder. Tat man dann doch nicht. Sie hätte den Abend gern spontan mit ihm verbracht, ihm von ihrer Präsentation erzählt, mit ihm auf den neuen Berliner Kunden angestoßen. Sie war sogar in der Stimmung, Axels Kochkünste zu genießen, und das wollte was heißen. Eigentlich ein Albtraum, dass ihr Mann gerade zum Küchenphilosophen mutierte. Er achtete in letzter Zeit so penibel auf Ernährung wie Gwyneth Paltrow, begeisterte sich für Küchengeräte wie manche ihrer älter werdenden Freunde für Sextoys. Und er lud neuerdings im großen Stil nach Hause ein. Leute, die Gina gar nicht kannte, die wichtig für seine Projekte waren, gerade vor denen spielte er gern den Küchengott in seinem bestens ausstaffierten Reich. Die Gäste beglückwünschten Gina dann zu ihrem persönlichen Sternekoch, und Axel suhlte sich in den Komplimenten und machte Geschäfte beim Sorbetrühren. Unter ihrem Lächeln schämte sie sich, wenn er vor versammelter Runde seine Trüffelpasta als Erster kommentierte. Hmm! So fein, oder? Schlimm. Doch heute würde sie es genießen, ihn bitten, einfach mal nur für sie zu kochen – sie würde ihm sogar ein sinnliches »Hmm« dafür schenken. Aber es sah nicht so aus, als ob es dazu kommen würde, schade.
Der Stau löste sich endlich auf, und zwanzig Minuten später parkte Gina ihren Wagen an einer der beiden Ladestationen direkt vor ihrer Haustür. Axel hatte es möglich gemacht, wie auch immer. Sein weißer Tesla hing an der anderen. Er fand das weit vorne, Gina ein bisschen peinlich. Nun ja, praktisch war es allemal, wer sonst im Glockenbachviertel hatte schon einen Dauerparkplatz.

Der alte Fahrstuhl ruckelte in den sechsten Stock und hielt mit dem üblichen Hüpfer. Gina, den Trolley an der einen Hand, kramte mit der anderen in der Handtasche vor ihrer Hüfte. Sie fingerte den Schlüssel aus dem Chaos, steckte ihn ins Schloss, drehte um – die Wohnungstür war nicht verschlossen. Axel war zu Hause.

'MarChip und das Geheimnis um Etoile Rouge (Detektei MarChip 1)' von Esther Grünig-Schöni

Amazon | Thalia | orellfüssli
Website Esther Grünig-Schöni
Der junge Südfranzose Fabien „Chip“ wird von „Unbekannt“ in die mysteriöse Pension „Etoile Rouge“ eingeladen. Doch wer ist Unbekannt? Und was soll er da? Er stolpert auf der Suche nach dem Sinn des Lebens über Marie.

Als er am Strand die Leiche einer jungen Frau im roten Kleid findet, beginnt ein turbulentes Abenteuer. Marie vertraut ihm an, dass sie einem Geheimnis auf der Spur ist, das bis in die Historie zurückgeht. Sie lassen sich beide auf eine lockere Zusammenarbeit ein und schon überschlagen sich die Ereignisse. Chips freche Art verursacht zusätzlichen Wirbel und auch die starke, freiheitsliebende Marie bleibt davon nicht unbeeindruckt. Aber lässt sie sich auch auf ihn ein?

Eine Detektivgeschichte um eine Pension und um ein wertvolles Schmuckstück, dessen Geschichte bis in die Vergangenheit reicht.

Leseprobe:
Gabrielle
Erst war es eine Ahnung, dann Bedrohung und schließlich war die Gefahr zur Gewissheit geworden.
Nun rannte sie um ihr Leben. Sie hörte ihn hinter sich. Er rannte nicht. Er erreichte sein Ziel, ohne zu rennen. Er war da und wusste, was er tat und sie wusste, was er tun wollte.
Der Sand und die unpassenden Schuhe hinderten sie daran, schnell voranzukommen. Schuhe mit hohen Absätzen, zierlich, passend zu ihrem Kleid. Sie zog sie aus und ließ sie liegen. Dort drüben war eine größere Höhle und weiter oben auf dem Felsen eine kleine. Sie kannte diesen Felsen gut. Vielleicht gelang es ihr, sich zu verstecken. Er war diesmal nicht gekommen, um sie zu erschrecken. Er war gekommen, um sie zu töten. Dabei sah er nicht aus wie einer, der so etwas tat. Er war elegant. Er sah aus wie ein Manager oder ein Banker. Sie kannte seinen wahren Beruf. Den hatte sie mit Hilfe einer Detektei herausgefunden, als er immer bedrohlicher geworden war. Erst war es nur Einschüchterung gewesen, dann Drohung. Sie war ihnen zu unbequem geworden und bei ihren Plänen im Weg. Sie wusste zu viel.
Möglicherweise wollten sie nur den Anhänger, der um ihren Hals hing. Sie nahm ihn ab. Sie durfte nicht anhalten, wenn sie überleben wollte. Vom Anhänger wusste sie nur einen kleinen Teil seines Geheimnisses. Sie hatte jemanden gefunden, der ihr weiterhelfen konnte, mehr zu erfahren. Die gleiche Detektei. Empfehlenswert. Gut. Einfühlsam. Die gleiche, die für die alte Dame arbeitete. Sie hatte von den Gefahren gewusst, war gewarnt worden. Nun war diese Gefahr real. Sie sah den schönen Strand nicht mehr – bei Vielen so beliebt – Les Sablettes. Sie hatte nur noch Angst.
Wieder hörte sie ihn. Sie musste sich beeilen. Die große Höhle erschien ihr wie eine Falle, also war es besser, nach oben auf den Felsen zu klettern. Nur weg. „Schneller Gabrielle, viel schneller. Du bist fit, also stell dich nicht so an. Du schaffst das.“ Sie wollte leben.
Dieses unselige Ding hätte sie nicht an sich nehmen sollen. Sie hatte gedacht, dass alles einfacher wäre. Damals. Und Annabelle hatte es auch nicht gehört, schon gar nicht ihr. Annabelle, gewissenlos und kalt. Der schon gar nicht. Sie hatte es genauso gestohlen und behauptete nun, es gehöre ihr. Nur, was es damit auf sich hatte, wusste sie auch nicht bis ins Detail.
Wer wollte ihr das Leben nehmen? Annabelle, Stéphane, beide oder jemand anderes. Sie wurde wütend. Niemand von ihnen sollte es bekommen. Nein, sie sorgte dafür und wenn es das Letzte war, dass sie erreichte. Ihre Kleider waren für eine Kletterpartie ungeeignet, aber sie musste weiter, Kleider hin oder her. Der rote, lange Rock verfing sich dauernd in Felsbrocken, Kanten und in den Sträuchern. Das Jäckchen hatte sie schon lange verloren. Sie war zu einem Ball eingeladen gewesen. Sie zerrte daran, wenn er hängen blieb. Hörte den Stoff reißen.
Kurz hielt sie inne und warf den Anhänger mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, ins Wasser. Sie sah ihn versinken und freute sich darüber. Den bekamen sie nicht. Nein, der war für sie alle verloren, egal, was mit ihr geschah. Sie trug das blaue Band, das schon so lange in ihrer Familie vererbt wurde. Sie hatte ein Recht darauf. Sie war etwas älter als Annabelle. Sie war die Erstgeborene.
Im gleichen Augenblick hörte sie einen Stein fallen. Weiter. Sie wollte versuchen, die kleinere Höhle zu erreichen, von ihr wussten nicht so viele. Ihre Chance. Sie atmete nun doch schwer. Das Klettern strengte an. Wieder entstand ein Riss im Kleid, als sie an einem dürren Ast damit hängen blieb.
Da hörte sie ein Flüstern, ganz nah – höhnisch und böse. „Gabrielle, du entkommst mir nicht.“ Das hörte sie noch bewusst. Sie wurde gepackt. Sie schrie auf. „Wo ist der Anhänger?“ Sie lachte hysterisch.
Er hatte nicht gesehen, dass sie sich des Anhängers entledigt hatte und in einem letzten Augenblick verschaffte ihr das Befriedigung. Da schlug er zu. „Du wirst es mir sagen Kleine.“ Doch der Anhänger war für ihn verloren. Sie schrie und lachte wieder.

1. Kapitel
„Vermisst wird …“ Er warf die Zeitung dorthin, wo er sie aufgelesen hatte. Sie lag auf einer Mauer, aber es interessierte ihn nicht. Keine Nachrichten und nicht diese Vermisst-Meldung. Er konnte keine so genannten sachdienlichen Hinweise über den Verbleib der Frau liefern und wer sie war, kümmerte ihn nicht. Bestimmt tauchte sie früher oder später wieder auf. Er wollte entspannen. Die Seiten der Zeitung von La Seyne flatterten im Wind.
Warum er die Einladung bekommen hatte, wusste er nicht. Aber er hatte sie neugierig angenommen und stand vor dem Haus. Rätsel mochte er, aber keine Erinnerungen an gewisse Ereignisse in seinem Leben. Fabien sah sich um. Es gefiel ihm. Die Pension lag nicht weit vom Strand. Die Landschaft bot schöne Ausblicke und er hatte das Gefühl, dass er in ein Abenteuer eintauchte. Hätte ihn die Vermisste doch interessieren sollen? Vielleicht war das Teil des Rätsels? Ach Unsinn. Für ihn war das eine mehr, die abgehauen war. Was für ein Abenteuer war egal. Er nahm es wie es kam. Und wenn es zu dick kam, wusste er sich zu wehren. Dafür hatte er in seinem bisherigen Leben genug Rüstzeug mitbekommen. Nicht das er schon alt war. Nein, er war jung und stark, aber es war einiges geschehen, durch seine Schuld, oder anderes fremd gesteuert. Er wusste, was er nicht wollte, doch noch nicht genau, was ihm lag – oder nicht mehr – und nicht, wohin er ging.
Er trat mit seinen Taschen ein und meldete sich an: „Fabien Voizinet genannt Chip meldet sich zur Stelle. Groß, schlank, blond, wild und unwiderstehlich.“
Er lachte. Natürlich löste diese Anmeldung Erstaunen aus. Als er in seinem Zimmer ankam, warf er alles in eine leere Ecke, und sich selbst aufs Bett. „Ich bin da. Ist das alles?“ Wenn ja, würde er sich schnell langweilen. Aber … vorschnelle Schlüsse waren nicht sein Ding. Mal sehen – abwarten.
Er sprang gleich wieder auf, öffnete ungestüm das Fenster, sah die Wellen des Meeres glitzern und fühlte sich abwartend. Das mochte er nicht. Er agierte, nahm in die Hand. Kein anderer zog für ihn die Fäden und grenzte ihn damit ein. Er wartete nicht ab, handelte, selbst wenn er dabei auf die Schnauze fiel und sich blaue Flecken und eine blutige Nase holte, selbst wenn der Kopf brummte und die Knochen knackten. Frei.
„Essen!“ Gute Idee. Er fuhr sich durch die Haare, wühlte nach bequemen Schuhen, streifte die über, polterte hinaus und ließ die Türe lachend ins Schloss knallen. Sie sollten gleich wissen, wen sie sich ins Haus geholt hatten. „Was dachtet Ihr denn? Wenn ihr mich herbestellt, habt ihr das Geschenk. Mal sehen, wie schnell die Einladung widerrufen wird und ich mit einem Tritt in den Allerwertesten vor der Türe lande.“
Wie ein Trampeltier fuhr er in den Speisesaal ein und stieß ein lautes „Guten Abend Herrschaften!“ in den gemütlichen Raum. Er rückte sich einen Tisch dahin, wo er ihn haben wollte, setze sich endlich und fragte laut: „Was gibt es zu essen und was Neues?“ Er schaute fragend in die Runde. Antwort blieb aus. Auf den Tischen gab es Tischdecken und nicht nur Sets. Alles schien farblich aufeinander abgestimmt, nicht zu grell und nicht zu langweilig. Die Hauptfarbe ging in ein warmes helles Braun. Dazu die Muster, vermutlich solche, aus der Gegend. Selbst die Vorhänge waren dem angepasst. Die Servietten, die Sitzkissen auf den Holzstühlen und die Decken auf Anrichten und Kommoden. Es war nicht zu groß und nicht so klein, dass man darin Platzangst empfand. Es gab Nischen und verschwiegene Ecken. Es war alles so angeordnet, dass jeder Gast, wo immer er saß, einen angenehmen Ausblick genießen konnte. Außer er hatte ausgerechnet Fabien im Blickfeld. Es kam darauf an, wie er sich benahm. Sein Aussehen war nicht abschreckend. Mit seinem Benehmen mussten sie sich abfinden. Irgendwann tauchte bestimmt der auf, der ihn herbestellt hatte und dann sah er, was daraus wurde.
Die Folge seines Auftretens waren fragende, verwirrte Blicke von einigen Seiten und eine rundliche, nicht mehr ganz taufrische Frau, die ihn mit einer Karte in der Hand und in Falten gelegter Stirne ansteuerte. Bevor sie etwas sagen konnte, sah er ihr frech in die Augen und ließ verlauten: „Lächeln Sie Madame, dann glättet sich die Stirne. Das ist besser für den Teint.“
„Guten Abend, mein Herr“, kam zurück, gefolgt von den Speisevorschlägen. Er wählte und fügte an: „Ich bin Fabien, kein Herr.“
„Ich wollte nicht unfreundlich sein.“
Sie spazierte davon, verschwand im Wirtschaftsbereich und er hörte ihre Frage: „Was ist denn das für einer?“ Er grinste.

16. Oktober 2019

'Flammende Himmel: Schicksalspfad des Tempelritters 3' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Im Spätherbst 1290 verzehren lodernde Flammen das Marktviertel von Accon. Söldner verwüsten die Stadt. Erst das beherzte Eingreifen der Ritterorden beendet das Massaker unter der Bevölkerung.

Der Tempelritter Gernòd de Loen gerät mit seinen Freunden in Gefangenschaft. Auf einem Sklavenmarkt werden sie an den mächtigen Schriftgelehrten des Sultans, Abu I-Fada, verkauft und nur ihr unbeugsamer Wille, die Stadt Accon vor der erneut drohenden Gefahr zu warnen, lässt sie überleben. Als sie endlich die Mauern von Accon erreichen, bereiten sie sich mit den Bewohnern der Stadt auf den herannahenden Krieg vor.

Flammende Himmel, der dritte Band der Reihe »Schicksalspfad des Tempelritters« von Olivièr Declear.

Leseprobe:
Aufruhr
Neugierig spähte Gernòd über die Dächer des Marktviertels der Stadt. Er betrachtete die Rauchsäulen, welche sich dunkel in den klaren Himmel erhoben. Die Glocken der Stadt sandten ihren mahnenden Klang bis zu ihm auf dem äußersten Winkel des Wehrwalls. Eine Gruppe Wachsoldaten eilte über das grobe Steinpflaster der Straße und warf ihm fragende Blicke zu. Gernòds Augen streiften sie, während sich sein linker Arm in Richtung Rauchsäulen erhob. »Im Marktviertel!«, rief er hinunter. Ohne ihn weiter zu beachten, hasteten sie durch die enge Gasse. Der Klang ihrer Schilde auf der schweren Rüstung, der bei jedem ihrer Schritte ertönte, verlor sich mit ihnen hinter der nächsten Wegbiegung. Sorgenvoll richteten sich seine Augen erneut auf die Rauchsäulen.
Das Marktviertel mit seinen zahlreichen Holzverschlägen bot einer Feuersbrunst ein fruchtbares Ziel. Erste Flammen stiegen bereits züngelnd an einem Dach empor, als dienten ihnen die Lehmziegel als Nahrung. Accon, die letzte befestigte Stadt des einstmals mächtigen Kreuzfahrerheeres, war in größter Gefahr. Gernòds Herz schlug heftig in seiner Brust. Nicht durch die Hand der verhassten Sarazenen, sondern durch die Unachtsamkeit eines Händlers, vermutete er, sei dieser Brand entstanden.
Erneut kam ein Trupp Männer in seine Sicht. Schon von weitem erkannte er die weißen und braunen Mäntel seiner Brüder mit dem blutroten Kreuz des Templerordens über den Herzen. Ihr Anführer, Bruder Durmonte, wies mit wenigen, herrischen Armbewegungen drei dienende Brüder auf den Wehrwall hinauf und Gernòd zu sich herab. »Aufruhr im Marktviertel!«, rief er ihm entgegen und eilte mit wehendem Mantel an der Spitze seiner Männer in Richtung des Marktes. Gernòd hastete über den schmalen Stieg des Walls hinunter und eilte seinen Brüdern nach. »Aufruhr«, dachte er. Vermutlich waren es wieder einmal Söldner, denen der hohe Preis der Händler nicht gefiel, oder die keinen weiteren Kredit erhielten.
Gernòd spürte das unebene Pflaster der Straße unter den dünnen Ledersohlen, während er seinem Trupp hinterherhetzte. Einige Türen der Häuser öffneten sich einen Spalt breit, um neugierigen Augenpaaren den Blick auf die lärmenden Brüder zu bieten. Kaum hatte Gernòd seine Kameraden eingeholt, bog der Trupp in einen der Hauptwege ein. Vor ihnen strömten Soldaten der anderen Wachen aus den Seitengassen. Hospitaliter, Deutschritter und Söldnertruppen stürmten auf die Straße. Die Glocken aller Kirchen und Wachen erhoben sich über dem Lärm, drangen von allen Seiten auf die Soldaten ein und mahnten sie zur Eile. Verständigende Blicke trafen sich auf ihrem Weg, ernste Gesichter nickten sich grüßend zu. In jedem Antlitz las man die Spannung auf die vor ihnen liegende Bedrohung.
Ohne den hastigen Schritt aufzugeben, löste Gernòd den Schildgurt und führte seine Faust durch die Armriemen. Mit der freien Hand tastete er sich am Waffengurt entlang, bis er den Kopf seiner Axt spürte. Er schob die Schlaufe über dem Axtkopf mit dem Daumen beiseite und zog die Waffe aus dem Gurt. Mit einer Aufwärtsbewegung ließ er den Griff in seine Hand gleiten. Er war für den Kampf bereit.
Vor ihnen erhob sich das Holztor des Marktviertels. Es stand weit geöffnet und die Wachen wiesen mit ausladenden Bewegungen den Weg. »Die Lombarden und Toskaner!«, scholl es ihnen entgegen. Brandgeruch lag in den engen Gassen und Rauchschwaden minderten die Sicht. Gellende Schreie und Kampfeslärm drang aus den Seitenwegen. Um sie herum lagen die Leichen einheimischer Händler auf dem Weg – zwischen ihnen ihre Frauen und Kinder. Gernòds Weg führte durch breite Blutlachen. Er war gezwungen über umherliegende Körper zu springen. Laut klagende Menschen hockten bei den reglosen Körpern und hoben ihre verzweifelten, tränenüberströmten Gesichter den herbeieilenden Truppen entgegen.
Eine Hand ergriff Gernòds Rock und hinderte seinen Lauf. Er blickte in das Gesicht einer Sarazennin, die ihn in gebrochenem Fränkisch anflehte, ihr Kind zu retten, das mit zertrümmertem Schädel in ihrem Arm lag. Er löste ihren Griff und eilte den Kameraden hinterher. Hier konnte er nichts mehr bewirken, aber vielleicht gab es noch Überlebende in den verwinkelten Gassen, die ihrer Hilfe harrten.
Lauter Kampfeslärm drang aus einer der Seitengassen. Bruder Durmonte zeigte seinen Leuten den Weg. Schweren Atems folgten sie der Weisung. Mit erhobenen Schilden und Waffen stürmten sie auf eine Gruppe genuesischer Söldner zu, welche raubschatzend durch die Gasse zog. Gernòd drängte einen der Angreifer mit seinem Schild von einer Frau, der dieser gerade das Gewand herabreißen wollte. »Was macht ihr hier?«, schleuderte er dem Genuesen mit blitzenden Augen seine Frage entgegen. »Scher dich um deinen Kram, Templer. Das Volk hat uns lange genug betrogen. Nun zahlen sie ihre Zeche«, erwiderte der Genuese mit wildem Zorn in den mordlustigen Augen. Sein Schwert erhob sich zum Schlag. Gernòd ließ seine Axt in die Höhe fahren, während er die Schneide nach hinten führte. Mit all dem Grauen der gesehenen Bilder traf sein Hieb den Schädel des Söldners. Der stämmige Mann starrte ihm ungläubig in die Augen, während er in sich zusammensank.
Die Frau zerrte an Gernòds Waffenrock und redete wild gestikulierend auf ihn ein. Er solle ihr in das Haus folgen. Dort bedürfe ihr Mann seiner Hilfe. Er sandte den Kameraden einen unsicheren Blick zu, ob sie eher der Hilfe bedurften, bevor er ihr zögernd in das Gebäude folgte.
Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dämmerung zu gewöhnen. Er sah sich in dem verwüsteten Raum um. An einer der Wände erblickte er einen Mann. Er stand dort mit eingeknickten Beinen, das Gewand blutüberströmt, und ausdruckslos starrenden Augen, die zu Boden gerichtet waren. Gernòd schritt etwas näher an ihn heran, bevor der Templer erkannte, was geschehen war. Aus dem Hals des Händlers ragte der prächtig verzierte Griff eines Dolches -das Messer eines Sarazenen. Seine suchenden Augen glitten an dem Mann hinunter und blieben an der leeren Messerscheide haften. Gernòd trat an den Mann heran und zog den Dolch mit einem kräftigen Ruck aus Mauerwerk und Hals des Unglücklichen. Sanft ließ er den toten Körper zu Boden gleiten, eine breite Blutspur auf der Wand hinterlassend. Unsicher wandte er sich der Frau zu. Ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung entrang sich ihrer Kehle, als sie die Wahrheit in den Augen des Tempelritters las. Weinend warf sie sich vor ihm zu Boden und erfasste erneut den Saum seines Waffenrocks. Mit tränenüberflutetem Antlitz flehte sie ihn an, ihrem Mann zu helfen, als hoffte sie, es wäre ihm möglich, ein Wunder zu bewirken. Mit traurigem Gesicht schüttelte Gernòd sein Haupt und löste ihren Griff. Seine Beine schienen schwer wie Blei, als sie ihren Weg zur Tür suchten. Längst hatte er sich an das Grauen der Schlacht gewöhnt. Aber dort traten sich Bewaffnete entgegen. Dieses Blutbad an Wehrlosen erfasste sein Herz mit glühender Hand und ließ das Feuer des Zorns in der Brust des Ritters toben. Der Genueser vor der Tür hatte sich halb aufgerichtet und hielt seinen blutenden Kopf mit beiden Händen. Im Vorübergehen drosch ihm Gernòd den Rücken der Axt ins Gesicht. Der Söldner schleuderte von der Wucht des Schlages getrieben nach hinten und stürzte mit erhobenen Armen zu Boden. Wenn er denn noch lebte, sollte ihm diese Lektion genügen, um ihm die Lust auf sinnloses Morden auszutreiben, dachte Gernòd grimmig. Die Grausamkeit dieser Söldner ließ jede Barmherzigkeit in seinem Herzen schwinden.
Vor ihm auf dem Pflaster der Gasse erblickte er Francois, ein Ritter des kaiserlichen Heeres. Die beiden verband schon viele Jahre eine herzliche Männerfreundschaft. Francois trug keine Rüstung. Offensichtlich hielt er sich bereits vor dem Tumult in dem Viertel auf. Mehrere Söldner bedrängten ihn. Im Laufschritt eilte ihm Gernòd zu Hilfe. Mit einem Schrei drängte er sich mit erhobenem Schild zwischen die Männer. Ohne zu zögern, schlug er mit der Rückseite seiner Axt auf die Köpfe, Arme und Schultern der Angreifer ein. Blutüberströmt sanken mehrere von ihnen zu Boden. Die letzten beiden Verbliebenden suchten ihr Heil in der Flucht. »Gut, dass Ihr da seid«, stieß Francois mit fliehendem Atem hervor. Obwohl er kein ängstlicher Mann war, sah man ihm den Schrecken an. Zerfetzt hing seine Kleidung an ihm herab und an dem rechten Oberarm klaffte eine tiefe Wunde. »Was ist hier eigentlich los?«, wollte Gernòd wissen. »Weiß auch nicht genau. Ich habe heute Morgen Yasemin und ihren Vater besucht. Da torkelten schon einige betrunkene Lombarden und Toskaner durch das Viertel. Sie pöbelten die Händler und Frauen an. Als einer der Kaufleute seine Tochter schützen wollte, begann der Tumult.«
Eine bildhübsche Frau, mit edlen Gesichtszügen und sinnlichen Lippen, erschien an der Seite eines alten Mannes im Türrahmen. Sie sandte dem Alten einen flehenden, glutäugigen Blick.
Als dieser schmunzelnd nickte, eilte sie zu Francois und untersuchte dessen Wunde sorgenvoll. Gernòd zog sein Schwert aus der Scheide und reichte es dem Freund. Francois wollte abwehren: »Wenn das der Orden erfährt, darfst du einen Monat Buße tun.« Gernòd betrachtete Yasemin: »Möchtest du mir lieber mit ihr an der Seite in den Kampf folgen oder sie zurücklassen?« Francois Faust schloss sich um den Griff des Schwertes. »Danke, mein Freund.« Die beiden Männer nickten sich zu und Gernòd setzte seinen Weg fort.

Im Kindle-Shop: Flammende Himmel: Schicksalspfad des Tempelritters.
Mehr über und von Olivièr Declear auf seinem Facebook-Profil.



'Das Penthouse bekomme ICH (Happy Days 3)' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzky

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Weblink | Autorenseite
HAPPY DAYS
Melly erhält Besuch von Fenja und Valentin. Sie spielt für einige Tage Reiseführerin und zeigt ihnen ihr geliebtes Kyoto.

Kurz danach packt sie ihre Koffer, um endgültig nach Deutschland zurückzukehren. Sie trifft ihre große Liebe Taro vor der Abreise noch einmal, aber der winzige Keim ihrer Hoffnung wird von ihm gefühllos zertreten, sodass sie froh ist, als der Flieger Richtung Heimat abhebt.

Neben den Vorbereitungen für die Restaurant-Eröffnung beginnt sie mit der Wohnungssuche und verliebt sich in ein traumhaftes Penthouse mit Dachgarten und Blick über die Dächer auf das Meer. Allerdings hat sie prominente Konkurrenz – und das ist ausgerechnet der verwöhnte Sohn des einflussreichen örtlichen Zeitungsverlegers.

Für kurze Zeit zum E-Book-Einführungspreis von nur 99 Cent.

Leseprobe:
»Weißt du eigentlich, wie lange ich nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen habe? Ich glaube, beim letzten Mal«, überlegte Fenja, »war ich fünfzehn«.
»Dann kannst du jetzt deine Erinnerungen auffrischen, Cousinchen.« Tatkräftig schob Melly ihr Mietfahrrad auf die Straße.
Valentin folgte ihr und drehte sich zu seiner Frau um. »Vom bloßen Angucken hat sich noch kein Fahrrad in Bewegung gesetzt, Schatz.«
Fenja beeilte sich, den beiden hinterherzukommen. Die ersten Meter waren ein wenig wackelig, aber dann wurde es schnell besser.
»Nach dem spektakulären Bambuswald fahren wir zum Tenryuji Tempel. Da kommen wir nämlich vorbei. Ihr werdet von dem zauberhaften Garten begeistert sein«, rief Melly ihren Gästen zu, als sie kräftig in die Pedale trat.

Sie war stolz, endlich Besuch aus der Heimat zu haben und ihr geliebtes Land der Kirschblüte vorstellen zu können.
Japan hatte auf sie seit jeher einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt. Die Zeit der Shogune, die Welt der Samurai, die Tradition der Teezeremonie, die Geishas – all das faszinierte sie schon früh und ließ sie nicht mehr los. Als sie im Teenageralter das erste Mal in einem japanischen Restaurant aß, hatte sie weiteres Feuer gefangen. Diese Art des Vorbereitens und Kochens, ob nun Sushi oder Teppan Yaki, die Zubereitung von Speisen auf der heißen Platte, wollte sie unbedingt erlernen. Und ihrem Traum war sie zielstrebig gefolgt.
Melly hatte ihr Herz an ihr Gastland verloren, in doppelter Hinsicht. Zuerst liebte sie Japan, dann Taro Yamada. Allerdings kehrte sie in wenigen Wochen für immer in ihre alte Heimat Deutschland zurück – wegen Taro Yamada. Das Aus ihrer Beziehung konnte sie kaum verkraften, allein schon deshalb, weil sie sich täglich in der Restaurantküche begegneten.
Wie es bei den Japanern der Fall war, herrschte Höflichkeit. Es gab also keine Aversionen. Aber genau das machte es umso schwieriger. Beobachtete sie Taro, wie er sich bewegte, wie er sprach, die Art, wenn er schmunzelte oder etwas kritisch aus seinen schönen schmalen schwarzen Augen betrachtete, dann brannte ihr das Herz.
Ein paarmal glaubte sie zu spüren, dass er sich ihr gern genähert hätte. Doch so schnell, wie sie das empfunden hatte, war der Moment auch schon wieder vorbei.

Tatsächlich erreichten sie nach wenigen Minuten den Bambuswald. Fenja und Valentin sahen staunend an den stabilen, unten nackten Bambusstämmen hinauf.
»Ich habe gar nicht gewusst, wie hoch und dick diese Stämme werden können«, meinte Fenja fast andächtig.
Sie hörten das Rauschen der Bambusblätter im Wind und das Knarren der Stämme in ihrer Nähe.
»Es ist ein magischer Ort.« Das sagte Melly aus voller Überzeugung.
Die ersten Sonnenstrahlen drangen hindurch und tauchten den Bambuswald in ein nahezu mystisches Licht.
»Du hattest recht«, Valentin nickte, »in der Ruhe am frühen Morgen ist es etwas Besonderes.«
»Bei Sonnenuntergang erscheint es mir fast noch schöner. Nur tagsüber nicht, da sind hier zu viele Touristen, genauso wie am Tenryuji-Tempel. Diese Schönheiten muss man früh morgens oder spät abends genießen.«
»Obwohl ich ehrlich zugebe, dass ich heute Morgen lieber ausgiebig und faul Kaffee getrunken hätte.« Fenja rieb sich über die Augen.

Für einige Augenblicke war sie gedanklich weit weg. Urlaub hieß für sie, länger schlafen. Zu Hause beugte sie sich ihrem Pflichtprogramm von zeitigem Aufstehen, oft auch am Wochenende, das brachte das Hotelgeschäft eben mit sich.
Nichtsdestotrotz erlebte sie diese Tage in Japan als etwas Wunderbares. Sie lernte eine völlig andere Kultur kennen und genoss nun wahrscheinlich einen kleinen Vorsprung ihrer Schwiegermutter gegenüber, wenn Melly zurückkam und ihren japanischen Restaurantzweig im Hotel eröffnete. Jedenfalls könnte man hervorragend damit werben, was das Geschäft belebte, indem sich vermehrt japanische Touristen auch für ihr Hotel interessierten. Darüber hatten Valentin und sie schon mit Melly gesprochen, die ihnen diesbezüglich Hilfe zugesichert hatte.
Und Melly berichtete noch Erstaunliches. »Yasmin hat einen großen Garten. Ich habe sie ein bisschen angepickt zum Thema Kräuter. Vermutlich wird sie uns welche ziehen, sodass wir mit Bioware aus eigenem Anbau angeben können.«
»Meinst du, sie fühlt sich nach dem Schicksalsschlag dafür stark genug?« Fenja hatte bei diesem Satz einen Kloß im Hals. Der Gedanke, dass ihre Freundin Yasmin beinahe ihr Leben durch den Schuss eines Junkies eingebüßt hätte, trieb ihr die Tränen in die Augen.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Melly ehrlich. »Lass uns doch morgen einfach versuchen, mit ihr zu skypen. Vielleicht tut ihr das gut und wir sind dann auf dem neuesten Stand.«
Ein Grund mehr, sich auf den kommenden Tag zu freuen. Neben dem Telefonat mit Yasmin war nämlich noch ein Besuch in einem typisch japanischen Restaurant mit einem einheimischen Frühstück geplant. Das hatte sich Fenja gewünscht.
»Ich bin mir nicht sicher, ob dies das Richtige für dich ist«, hatte Melly gewagt zu sagen.
»Doch, doch! Ich will das so. Ich probiere alles.«
»Sag das besser nicht.«
Fenja bestand darauf. »Ich möchte das unverfälscht kennenlernen!«
Außerdem war sie froh, ein wenig der Enge von Mellys Wohnung zu entfliehen.
»So sind eben japanische Verhältnisse«, hatte ihre Cousine entschuldigend kommentiert. Es gab einen Wohnraum mit Küche und ein bescheidenes Schlafzimmer. Das Bad war winzig.
Fenja hatte nach der Einladung ihrer Cousine darüber gar nicht nachgedacht, sonst hätte sie ein Hotel gebucht. Es waren nicht viele Übernachtungen, aber komfortabel war jetzt nun wirklich übertrieben. Dabei hatte Melly ihnen ihr Bett überlassen, sie selbst schlief auf einer Matte auf dem Boden im Wohnraum.
So saßen sie mehr oder weniger wie die Ölsardinen aneinander. Eine vertrauliche Unterhaltung von Frau zu Frau war so leider unmöglich. Das empfand Fenja als sehr schade.

»Fenja, wollen wir weiter?« Valentin stupste seine Frau an.
»Natürlich.« In Anbetracht der Schönheit der Natur schoben sie nun das Rad durch die Wege des Bambuswaldes und genossen ein wenig die Ruhe, die durch die vielen neu eintreffenden Besucher aber zunehmend gestört wurde.
»Wir erwischen gerade noch den Zeitpunkt, wo wir auch den Tenryuji-Tempel und seinen Garten besichtigen können. Ab jetzt treten wir in die Pedalen, Freunde.«
Kurz danach erreichten sie die buddhistische Tempelanlage.
»Dies ist ein Zen-Tempel, der mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe ist«, informierte Melly ihre Besucher.
»Was du alles weißt, du könntest Reiseführerin sein«, bewunderte Fenja sie.
»Ich lebe eben schon länger hier und ich liebe Kyoto. Und ich habe jedes Eckchen erkundet. Allerdings hatte ich auch einen Einheimischen dabei, der mir natürlich alles gezeigt hat, was selbst Reiseführern entgeht.«
»Das ist immer das Allerbeste!«, stimmte Valentin zu.
Ihm war der traurige Zug um Mellys Mund entgangen, Fenja hingegen nicht. Oje, sie hatte also ihren Schmerz um ihre gescheiterte Beziehung noch nicht überwunden. Hoffentlich blieb ihr irgendwann ein Moment Zeit – ohne Valentin – um darauf einzugehen.
Der weitläufige Garten, der in voller Blüte stand, verströmte, zumindest zu dieser frühen Uhrzeit, nicht nur einen bezaubernden Duft, sondern zudem eine wunderbare Ruhe. Ahorn- und Kirschbäume, rote Kiefern und der schön angelegte Teich ließen Valentin schwärmen. Er ging ein paar Schritte vor, genoss die Stimmung ganz auf seine Art.
Das gab Fenja endlich Gelegenheit, einige vertrauliche Sätze mit ihrer Cousine zu sprechen.
»Bald lebst du nicht mehr hier«, begann Fenja vorsichtig, »tut es dir ein bisschen leid oder bist du froh?«
Melly schluckte. »Es ist gut, dass ich wieder nach Deutschland komme. Dieser Lebensabschnitt ist für mich vorbei. Aber ich nehme jede Menge mit, was ich nicht missen möchte. Sicherlich werde ich weiterhin nach Japan reisen, als Tourist. Nicht unbedingt nach Kyoto, denn es gibt noch so viele andere Städte und Orte dieses schönen Landes zu entdecken.«
»Du hattest vor unserer Hochzeit so eine Andeutung gemacht ... wegen deinem Freund.«
»Ex-Freund. Ja, er war meine große Liebe. Ich ertrage es nicht, ihn zu sehen.« Tränen traten in Mellys Augen. »Und ich liebe ihn blöderweise immer noch.«
Fenja nahm ihre Cousine tröstend um die Schulter. »Gibt es denn für euch gar keine Chance?«

15. Oktober 2019

'Irmas Enkel' von Leandra Moor

Kindle (unlimited) | tredition | Taschenbuch
Autoreninfo Leandra Moor
Eine Geschichte, die von Heimat, Liebe und deren Verlust erzählt

Als Anni 1946 zum zweiten Mal vor den Traualtar tritt, schließt sie mit ihrem Leben ab. Die vergangenen Jahre haben ihr die Familie geraubt, das Hoffen hat sie verlernt. Ihr einziger Anker ist das Versprechen einer Wahrsagerin, was sie zwingt, diesen Kerl aus dem Nachbardorf zu ertragen. Egal zu welchem Preis.

Auf der Suche nach Lücken in ihrer Familienbiografie trug die Autorin berührende Lebensepisoden zusammen. Der Kern jeder Geschichte war das Dilemma des Schweigens und dessen Weitergabe an die nächste Generation.

Die Geschichte von Irmas Enkeln versinnbildlicht das Empfinden jener Zeit. Hätten sie sich den Gegebenheiten der Jahrzehnte, in die sie hineingeboren wurden, entziehen können?

Leseprobe:
Das dritte Kind
Sie schrie, was ihrer Mutter ein Lächeln entlockte.
Der Doktor hob das Neugeborene in die Höhe. „Es ist ein Mädchen“, verkündete er.
Helene streckte ihm ihre Hände entgegen um das Bündel in Empfang zu nehmen. Die Erleichterung, dass alles gut gegangen war, ließ die Warnung des Arztes, dass dieses Kind besser ihr Letztes sein sollte, an ihr abperlen. Sie hatte nur Augen für das zerknitterte Gesicht, was unbeholfen das Repertoire seiner Mimik erprobte.
„Kochen Sie ihr eine kräftige Suppe“, sprach der Arzt zu Helenes Mutter, die den Raum in den letzten Stunden lediglich verlassen hatte, um frische Tücher herbei zu schaffen. Auch sie hatte kein Ohr für den Doktor - Irmas Gedanken waren bei Emil, ihrem Mann. Nachdem er dem reichen Nachbarbauern Plotz ein Fleckchen Erde abgekauft hatte, hatte er ihr achtzehnhundertneunzig diese Kate gebaut. Damit war er den Pakt mit dem Schuldenteufel eingegangen, aber die Hoffnung, in diesem Dorf glücklich zu sein, wog schwerer. Wie Irma entstammte er einer der Tagelöhnerfamilien, die seit Jahrhunderten von eng gesteckten Feldern und der Jagd in den Auewäldern lebten. Keiner ihrer Vorfahren hatte als sein eigener Herr fungiert. Stattdessen schuftete eine Generation nach der nächsten auf den Gütern der Von´s, was Hochzeiten über die Dorfgrenzen hinweg nach sich zog. So war es auch bei Irma und Emil. Allerdings hatte sie das erhoffte Glück rasch im Stich gelassen - sie hatten nicht zu denen gehörte, die kinderreich die Bauernschar der nächsten Jahrzehnte in die Welt setzten. Einzig Helene war ihnen geblieben. Die beiden wertvollen Söhne waren im Kindbett entschlafen. Bereits da hatte Irma befürchtet, dass das Versprechen vom ewigen Sorgenlossein nicht viel wert sein könnte. Drei Jahre später, als Emil es nicht mehr ausgehalten hatte durch Perlitz zu laufen, hat sie es schließlich gewusst. Die Scham drüber, dass er keine zufriedenstellenden Antworten geben konnte, wenn ihn die Geldverleiher nach ein paar Mark für die Rückzahlung fragten, war stetig größer geworden. Eines Tages war Emil nicht mehr auf die Dorfstraße hinausgetreten, bald wagte er sich nicht einmal zu den Hühnern in den Stall. Erst blieb er im Haus, später versteckte er sich in einem einzigen Zimmer, zuletzt lag er nur noch im Bett. Und als die Zeit gekommen war, dass der Gemischtwarenhändler Irma das Anschreiben verwehrte, war er mit gesenktem Kopf über den Hof gelaufen, um sich in einer verborgenen Ecke des Ziegenstalls ein Seil zurecht zu knoten und den wurmlöchrigen Sägebock unter sich umzustoßen. Das war kurz vor dem Weihnachtsfest, als Helene drei Finger in die Luft streckte, um ihr Alter anzuzeigen, und Irma keine Ahnung hatte, von welchem Geld sie ihrer Tochter den Wunsch nach einer bezopften Puppe erfüllen sollte.
„Frau Köhler ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, versuchte Doktor Sass, Irmas Blick zu lockern.
„Natürlich“, versicherte die Angesprochene, die die ganze Nacht gebetet hatte, dass ihr dieses neue Kind nicht das Eigene fortreißen würde.
„Bitte passen sie auf, dass sich Ihre Tochter in den nächsten Tagen schont.“
Irma nickte.
„Gut“, gaukelte der Arzt Zufriedenheit vor, obwohl er wusste, wie viel Arbeit auf den Schultern der beiden Frauen lastete.
„Helene, gönn dir für ein paar Tage Ruhe“, appellierte er an die Wöchnerin, „die letzten Stunden waren schwer.“ Er interpretierte Helenes Augenschlag als Versprechen, ergriff seine Tasche und gab die zum Geburtsraum umfunktionierte Stube frei.
Augenblicklich tobten zwei Blondschöpfe an ihm vorbei. „Mama“, riefen sie im Chor.
Helene straffte ihre Schultern und löste eine Hand vom Säugling, um über die Gesichter ihrer Söhne zu streichen.
Seine Mutter schweißnass im Bett liegen zu sehen, ließ den zweieinhalbjährigen Alfred just losweinen. Besorgt tupfte Helene ihrem Jüngsten die Nasenspitze trocken. „Mir geht es gut“, versicherte sie, „ich bin nur müde.“ Alfreds Kopf sank auf ihre Decke, die Daunen dämpften sein Schluchzen.
Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte der ein Jahr ältere Willi nicht vor zu heulen. Neugierig zupfte er am Bündel auf Helenes Bauch, bis seine Schwester zum Vorschein kam. Die zugekniffenen Äuglein rührten ihn, auch bestaunte er den Flaum auf deren Kopf. Beinah zärtlich stupste er gegen die dünnen Finger. Seine Angst, das Baby kaputtzumachen, war groß, doch dem Mädchen gefiel die Berührung ihres Bruders. „Willi, Alfred“, Helenes Stimme gewann an Kraft, „das ist eure Schwester Annemarie.“
„Hallo Annemarie“, flüsterte Willi, dessen Finger die Kleine umschlossen hielt. „Schau, das Baby kann mich gut leiden“, machte er Helene auf die geglückte Annäherung aufmerksam.
Irma zog den Schützenstoff durch ihre Augenwinkel. „Genug jetzt“, bereitete sie der Rührseligkeit ein Ende. „Ab in die Küche Jungs, ich brauche Hilfe beim Kochen.“
Alfred jammerte: „Mama bleiben.“
„Lass ihn ruhig hier.“
„Aber Willi du kommst mit.“
Von Annemaries Anblick verzückt, bemühte sich Willi, seine Großmutter nicht zu hören.
„Los“, wurde Irma deutlicher, „das Tagwerk ruft.“
Den Ton kannte Willi, um den kam niemand herum. Seufzend zog er seinen Finger aus Annemaries Fäustchen, versprach: „Ich beeile mich kleine Anni“, und wirbelte er hinter seiner Oma her.
Alfreds Schluchzen hatte sich gelegt, sein Atem ging gleichmäßig. Helene summte ein Schlaflied, was jede Sekunde zu brechen drohte - in ihr konkurrierten Glück und Kummer. „Hermann, wir haben eine Tochter bekommen“, flüsterte sie. „Sie heißt Annemarie und ist wunderschön.“
Die Wände schwiegen.
Gleich morgen würde sie ihm die Neuigkeit in die Fremde schicken, wo er mit seinen Kameraden winterliche Gefechte für den Kaiser kämpfte. Hoffentlich erreichte ihn die Nachricht schnell.
Das Baby zuckte. „Willkommen auf dieser Welt Annemarie.“ Die Liebkosung, die Willi benutzt hatte, bevor er mit Irma in die Küche verschwunden war, gefiel Helene. Zwei kurze Silben. „Willkommen kleine Anni“, verbesserte sie ihre Begrüßung. Nebenher strich sie über Alfreds Schopf, sprach ein Gebet - erst für Hermann, dann für ihre um eine Seele reicher gewordene Familie - und ließ zu, dass sich der Schlaf über sie legte.

'Tödliche Passage: Ein Tom Dugan Thriller' von R.E. McDermott

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Drei massive Terroranschläge!
Weltweite Zerstörung!
Ein Mann könnte das Blutvergießen verhindern, aber die Behörden ignorieren ihn.
Sie sind zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, ihn zu beseitigen.


Wir sind von Massenvernichtungswaffen umgeben. Sie sind überall, solange man nur weiß, wo man hinsehen muss. Als eine Verschwörung internationaler Terroristen nicht nur einen, sondern gleich drei Terroranschläge plant, ist Teilzeitagent Tom Dugan, den die CIA mittlerweile zum Sündenbock ausersehen hat, der Einzige, der die Zusammenhänge erkennt.

Eine ohne offizielle Genehmigung verfolgte Spur bringt Dugan den Ruf eines wandelnden Pulverfasses ein. Schon bald entwickelt er sich zur ,Person von besonderem polizeilichen Interesse‘ und danach in einen zur Fahndung ausgeschriebenen Flüchtling, nachdem es den Terroristen erfolgreich gelingt, ihm das erste Bombenattentat unterzuschieben.

Und so beginnt ein spannungsgeladenes Abenteuer, in dem Dugan in seinem verzweifelten Versuch, den nächsten Anschlag zu verhindern, um die ganze Welt jettet – seinen ehemaligen Kollegen immer nur einen knappen Schritt voraus.

Von den Straßen Londons bis hin zu den Docks von Singapur und auf die Decks der Tanker, die den Durst der Welt nach Öl löschen, ist Tödliche Passage – in den Worten eines Kritikers - „tempogeladen, vielschichtig und fesselnd“.

Leseprobe:
Büro der Phoenix-Schifffahrtsgesellschaft
London
10. Mai

Alex Kairouz wandte sich vom Bildschirm ab und schaffte es in seinem Stuhl gerade noch rechtzeitig zum Papierkorb. Mit steigender Übelkeit übergab er sich, dann fiel sein Kopf nach vorn und er schluchzte auf. Eine Hand erschien. Sie reichte ihm ein Papiertaschentuch.
„Wischen Sie sich Ihr verdammtes Gesicht ab, Kairouz”, wies ihn Braun an.
Alex tat, was ihm gesagt wurde.
Braun fuhr fort.
„Mr Farley, seien Sie so freundlich, unseren Schüler wieder auf die anstehende Aufgabe zu konzentrieren.”
Alex versteifte sich gegen die Schmerzen, als er an seinem dichten Haar hochgerissen und herumgewirbelt wurde, um erneut dem Computerbildschirm gegenüber zu sitzen. Er schloss die Augen, um den schrecklichen Anblick auszumerzen, und versuchte seine Ohren mit den Händen abzudecken, um den gequälten Schreien aus den Lautsprechern zu entkommen. Aber Farley war schneller. Von hinten griff er sich Kairouz’ Handgelenke und zwang sie nach unten.
„Machen Sie Ihre verdammten Augen auf und kooperieren Sie, Kairouz”, fuhr ihn Braun an. „Es sei denn, sie bevorzugen einen Sitz in der ersten Reihe einer Live-Aufführung.”
Statt dem Geschehen auf dem Bildschirm zu folgen, sah Alex Braun an.
„Warum tun Sie das? Was wollen Sie? Falls Sie Geld …”
Brauns Gesicht kam Alex’ auf Zentimeter nahe.
„Alles zu seiner Zeit, Kairouz, alles zu seiner Zeit.” Braun reduzierte seine Stimme auf ein Flüstern. „Aber jetzt werden Sie erst mal unsere kleine Lektion beenden. Ich versichere Ihnen, es wird noch amüsanter.”

M/T Western Star
Eastern Holding Ankerreede
Singapur
15. Mai

Dugan bewegte sich über Schlammlachen hinweg durch die feuchte Dunkelheit des Ballasttanks des Schiffes. An der Leiter fuhr er sich mit klammem Ärmel über das Gesicht und drehte sich dann in Richtung unterdrückter russischer Flüche um, seine Taschenlampe auf den korpulenten Ersten Offizier gerichtet, der sich durch ein Einstiegsloch hindurchkämpfte. Der Overall des Mannes war ebenso wie der von Dugan schweißdurchtränkt und von Roststreifen überzogen. Ächzend schaffte es der Russe durch das Mannloch und gesellte sich zu Dugan. Der Schweiß lief ihm die mit Bartstoppeln übersäten Wangen hinunter. Er fixierte Dugan mit einem hoffnungsvollen Blick.
„Nach oben?”, erkundigte er sich.
Dugan nickte, und der Russe begann die lange Leiter zu erklimmen, entschlossen, dem Tank zu entkommen, bevor Dugan seine Meinung ändern konnte. Ein letztes Mal ließ Dugan seine Taschenlampe über den ruinierten Stahl schwenken, eindeutig das Resultat mangelhafter Wartung, und folgte dann dem Russen nach oben.
Auf dem Hauptdeck angekommen, erwischte er gerade das Ende eines tropischen Gewitters, das in Singapur so alltäglich war. Seine schweißnassen Overalls klebten ihm auf der Haut, und der kühle Regen fühlte sich gut an. Aber die Linderung würde nicht lange vorhalten. Der Regen ließ bereits nach, und der Dampf auf dem Deck bewies den unwesentlichen Effekt, den der kurze Guss auf den heißen Stahl hatte. Zwei philippinische Matrosen standen in ihren gelben Regenjacken in der Nähe und sahen wie kleine Jungen aus, die in der Kleidung ihrer Väter steckten. Einer reichte Dugan ein Bündel alter Lappen, während der andere eine Mülltüte offenhielt. Dugan wischte sich seine Stiefel ab und warf die Lumpen in die Tüte, um sich danach achtern auf dem Weg ins Deckshaus zu begeben.
Dort duschte er und wechselte die Kleidung. Auf dem Weg zur Gangway versäumte er nicht, dem Steward einige Dollar für die Reinigung seiner Kabine zuzustecken. Der dankbare Filipino versuchte, ihm die Tasche zu tragen und rannte, als dies dankend abgelehnt wurde, vorweg, um ihm die Türen offenzuhalten, während ein verlegener Dugan sich zum Hauptdeck vorarbeitete. Schon wieder zu viel Trinkgeld gegeben, dachte Dugan, und kletterte die abgeschrägte Fallreeptreppe zur Barkasse hinunter.
In der Kajüte der Barkasse richtete er sich auf die Fahrt an Land ein. Drei Reinfälle in sechs Wochen. Er freute sich nicht darauf, Alex Kairouz berichten zu müssen, dass er auf seine Kosten eine weitere Rostlaube inspiziert hatte.

***

Eine Stunde später machte es sich Dugan auf einem Polstersessel in seinem Hotelzimmer bequem. Er öffnete ein überteuertes Bier aus der Minibar und sah auf die Uhr. Der Beginn des Geschäftstages in London. Eigentlich konnte er Alex auch noch ein wenig Zeit geben, seinen Tag zu starten, bevor er ihm die schlechten Neuigkeiten überbrachte. Dugan hob die Fernbedienung an und fand Sky News im Fernsehen. Der Bildschirm füllte sich mit den Bildern eines rasenden Raffineriefeuers in Bandar Abbas, Iran. Muss ein Großes sein, um in die internationalen Nachrichten zu gelangen, dachte er.

***

Alex Kairouz saß zitternd und mit geschlossenen Augen an seinem Schreibtisch, das Gesicht in den Händen vergraben. Er schauderte und schüttelte den Kopf, als ob er körperlich versuchen wollte, die Bilder, die sich in sein Gehirn gebrannt hatten, loszuwerden. Endlich öffnete er die Augen, um auf ein Fotos seines jüngeren Selbst zu starren — schwarze Haare und Augen in einem olivfarbenen Gesicht, weiße Zähne, und ein Lächeln reiner Freude auf ein rosa Bündel in den Armen einer wunderschönen Frau gerichtet. Beim Klang der Gegensprechanlage fuhr er zusammen und kämpfte darum, sich unter Kontrolle zu bekommen.
„Ja, Mrs Coutts?”, erkundigte er sich.
„Mr Dugan auf Leitung Eins, Sir.”
Thomas! Panik übermannte ihn. Thomas kannte ihn zu gut. Er könnte womöglich spüren, dass etwas nicht stimmte, und Braun hatte gesagt, falls jemand etwas davon erfahren sollte …
„Mr Kairouz, sind Sie noch da?”
„Ja, ja, Mrs Coutts. Danke.”
Alex wappnete sich und drückte auf die blinkende Taste.
„Thomas”, begrüßte er ihn mit erzwungener Aufgeräumtheit, „was hältst du von dem Schiff?”
„Müll.”
„Verdammt.”
„Was hast du erwartet, Alex? Gute Tonnage bringt Geld ein. Alles was im Moment zum Verkauf steht ist Mist. Du weißt, wie das läuft. Du hast deine eigene Flotte zu Mindestpreisen in rückläufigen Märkten aufgebaut.”
Alex seufzte. „Ich weiß, aber ich brauche mehr Schiffe und hoffe eben weiter. Na schön, schick mir einfach deine Rechnung.” Er hielt inne und sah jetzt mit größerer Konzentration auf einen Notizblock auf seinem Schreibtisch. „Und Thomas, könntest du mir wohl einen Gefallen tun?”
„Sag mir nur, welchen.”
„Die Asian Trader wird in zwei Tagen in der Werft in Singapur erwartet, und McGinty kam gestern mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus. Kannst du dich um das Schiff kümmern, bis ich einen anderen Technischen Inspektor einfliegen kann, um dich abzulösen?”
„Wie lang wird das dauern?”
„Zehn Tage, maximal zwei Wochen”, antwortete Alex.
Dugan seufzte. „Ja, ok. Aber gut möglich, dass ich mich für einen Tag absetzen muss. Heute Morgen rief mich das Militärische Seetransportkommando an. Ich soll in den nächsten Tagen ein kleines Küstenboot für sie inspizieren. Ich kann meine anderen Klienten nicht vernachlässigen, obwohl es manchmal scheint, als ob ich Vollzeit bei dir angestellt wäre.”
„Da wir schon bei diesem Thema sind …”
„Himmel, Alex. Nicht schon wieder.”
„Hör zu, Thomas, wir alle werden älter. Du bist, wie alt nun … Fünfzig?”
„Ich werde Siebenundvierzig.”
„Okay, siebenundvierzig. Aber du kannst nicht ewig durch Schiffsbäuche kriechen. Zudem ist es Talentverschwendung. Eine Menge Leute können Probleme identifizieren. Ich brauche jemanden hier, der sie lösen kann.”
„Okay, okay. Ich denke darüber nach. Wie klingt das?”
„Wie das, was du immer sagst, damit ich den Mund halte.”
„Funktioniert es?”
„Also gut, Thomas. Ich gebe auf. Für den Moment. Aber wir sprechen später weiter.”
Dugan wechselte das Thema.
„Wie geht’s Cassie?”
„Ähm … sie ist …”
„Stimmt was nicht?”, wollte Dugan wissen.
„Oh nein, tut mir leid, mir ging gerade etwas anderes durch den Sinn. Cassie geht’s gut, sehr gut. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter nimmt täglich zu. Und Mrs Farnsworth versichert mir, dass sie angesichts der Umstände erstaunliche Fortschritte macht.”
„Und was macht die Drachenlady?”
„Wirklich, Thomas, wenn du ihr nur eine Chance gibst, glaube ich, dass ihr Zwei gut zurechtkommen werdet.”
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich derjenige bin, der diesen Rat braucht, Alex.”
„Na ja, wenn du öfter hier wärst und Mrs Farnsworth dich näher kennenlernen würde, würde sie sich sicher für dich erwärmen”, warf Alex ein.
Dugan lachte. „Ja, als ob das je passieren würde.”
Alex seufzte. „Da hast du wohl Recht. Jedenfalls werde ich Mrs Coutts veranlassen, dir sofort per E-Mail die Reparaturvorgaben für die Asian Trader zu schicken. Kannst du morgen früh oben an der Werft in Sembawang sein, um mit den Vorbereitungen für ihre Ankunft zu beginnen?”
„Wird gemacht, Kumpel”, versprach Dugan. „Ich rufe dich an, nachdem sie eingetroffen ist und wir loslegen können.”
Alex dankte Dugan und legte auf. Er hatte vor Dugan, sowie auch vor allen anderen, eine gute Fassade aufrechterhalten. Aber es zehrte an ihm. Die täglichen Details seine Firma zu leiten, die er noch vor wenigen Tagen so genossen hatte, schienen jetzt unbedeutend — mit großer Wahrscheinlichkeit würde es gar keine Phoenix Schifffahrtsgesellschaft mehr geben, nachdem der Schweinehund Braun mit ihm fertig war. Aber darauf kam es nicht an. Allein Cassies Sicherheit war von Bedeutung. Seine Augen kehrten zum Foto seiner ehemals kompletten Familie zurück, und er erschauderte erneut, als die Bilder von Brauns Video wieder vor seinem geistigen Auge erschienen.

Im Kindle-Shop: Tödliche Passage: Ein Tom Dugan Thriller.
Mehr über und von R.E. McDermott auf der Website seiner Übersetzerin.