30. Oktober 2019

'Das Penthouse bekomme ICH (Happy Days 3)' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzky

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Weblink | Autorenseite
HAPPY DAYS
Melly erhält Besuch von Fenja und Valentin. Sie spielt für einige Tage Reiseführerin und zeigt ihnen ihr geliebtes Kyoto.

Kurz danach packt sie ihre Koffer, um endgültig nach Deutschland zurückzukehren. Sie trifft ihre große Liebe Taro vor der Abreise noch einmal, aber der winzige Keim ihrer Hoffnung wird von ihm gefühllos zertreten, sodass sie froh ist, als der Flieger Richtung Heimat abhebt.

Neben den Vorbereitungen für die Restaurant-Eröffnung beginnt sie mit der Wohnungssuche und verliebt sich in ein traumhaftes Penthouse mit Dachgarten und Blick über die Dächer auf das Meer. Allerdings hat sie prominente Konkurrenz – und das ist ausgerechnet der verwöhnte Sohn des einflussreichen örtlichen Zeitungsverlegers.

Leseprobe:
»Weißt du eigentlich, wie lange ich nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen habe? Ich glaube, beim letzten Mal«, überlegte Fenja, »war ich fünfzehn«.
»Dann kannst du jetzt deine Erinnerungen auffrischen, Cousinchen.« Tatkräftig schob Melly ihr Mietfahrrad auf die Straße.
Valentin folgte ihr und drehte sich zu seiner Frau um. »Vom bloßen Angucken hat sich noch kein Fahrrad in Bewegung gesetzt, Schatz.«
Fenja beeilte sich, den beiden hinterherzukommen. Die ersten Meter waren ein wenig wackelig, aber dann wurde es schnell besser.
»Nach dem spektakulären Bambuswald fahren wir zum Tenryuji Tempel. Da kommen wir nämlich vorbei. Ihr werdet von dem zauberhaften Garten begeistert sein«, rief Melly ihren Gästen zu, als sie kräftig in die Pedale trat.

Sie war stolz, endlich Besuch aus der Heimat zu haben und ihr geliebtes Land der Kirschblüte vorstellen zu können.
Japan hatte auf sie seit jeher einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt. Die Zeit der Shogune, die Welt der Samurai, die Tradition der Teezeremonie, die Geishas – all das faszinierte sie schon früh und ließ sie nicht mehr los. Als sie im Teenageralter das erste Mal in einem japanischen Restaurant aß, hatte sie weiteres Feuer gefangen. Diese Art des Vorbereitens und Kochens, ob nun Sushi oder Teppan Yaki, die Zubereitung von Speisen auf der heißen Platte, wollte sie unbedingt erlernen. Und ihrem Traum war sie zielstrebig gefolgt.
Melly hatte ihr Herz an ihr Gastland verloren, in doppelter Hinsicht. Zuerst liebte sie Japan, dann Taro Yamada. Allerdings kehrte sie in wenigen Wochen für immer in ihre alte Heimat Deutschland zurück – wegen Taro Yamada. Das Aus ihrer Beziehung konnte sie kaum verkraften, allein schon deshalb, weil sie sich täglich in der Restaurantküche begegneten.
Wie es bei den Japanern der Fall war, herrschte Höflichkeit. Es gab also keine Aversionen. Aber genau das machte es umso schwieriger. Beobachtete sie Taro, wie er sich bewegte, wie er sprach, die Art, wenn er schmunzelte oder etwas kritisch aus seinen schönen schmalen schwarzen Augen betrachtete, dann brannte ihr das Herz.
Ein paarmal glaubte sie zu spüren, dass er sich ihr gern genähert hätte. Doch so schnell, wie sie das empfunden hatte, war der Moment auch schon wieder vorbei.

Tatsächlich erreichten sie nach wenigen Minuten den Bambuswald. Fenja und Valentin sahen staunend an den stabilen, unten nackten Bambusstämmen hinauf.
»Ich habe gar nicht gewusst, wie hoch und dick diese Stämme werden können«, meinte Fenja fast andächtig.
Sie hörten das Rauschen der Bambusblätter im Wind und das Knarren der Stämme in ihrer Nähe.
»Es ist ein magischer Ort.« Das sagte Melly aus voller Überzeugung.
Die ersten Sonnenstrahlen drangen hindurch und tauchten den Bambuswald in ein nahezu mystisches Licht.
»Du hattest recht«, Valentin nickte, »in der Ruhe am frühen Morgen ist es etwas Besonderes.«
»Bei Sonnenuntergang erscheint es mir fast noch schöner. Nur tagsüber nicht, da sind hier zu viele Touristen, genauso wie am Tenryuji-Tempel. Diese Schönheiten muss man früh morgens oder spät abends genießen.«
»Obwohl ich ehrlich zugebe, dass ich heute Morgen lieber ausgiebig und faul Kaffee getrunken hätte.« Fenja rieb sich über die Augen.

Für einige Augenblicke war sie gedanklich weit weg. Urlaub hieß für sie, länger schlafen. Zu Hause beugte sie sich ihrem Pflichtprogramm von zeitigem Aufstehen, oft auch am Wochenende, das brachte das Hotelgeschäft eben mit sich.
Nichtsdestotrotz erlebte sie diese Tage in Japan als etwas Wunderbares. Sie lernte eine völlig andere Kultur kennen und genoss nun wahrscheinlich einen kleinen Vorsprung ihrer Schwiegermutter gegenüber, wenn Melly zurückkam und ihren japanischen Restaurantzweig im Hotel eröffnete. Jedenfalls könnte man hervorragend damit werben, was das Geschäft belebte, indem sich vermehrt japanische Touristen auch für ihr Hotel interessierten. Darüber hatten Valentin und sie schon mit Melly gesprochen, die ihnen diesbezüglich Hilfe zugesichert hatte.
Und Melly berichtete noch Erstaunliches. »Yasmin hat einen großen Garten. Ich habe sie ein bisschen angepickt zum Thema Kräuter. Vermutlich wird sie uns welche ziehen, sodass wir mit Bioware aus eigenem Anbau angeben können.«
»Meinst du, sie fühlt sich nach dem Schicksalsschlag dafür stark genug?« Fenja hatte bei diesem Satz einen Kloß im Hals. Der Gedanke, dass ihre Freundin Yasmin beinahe ihr Leben durch den Schuss eines Junkies eingebüßt hätte, trieb ihr die Tränen in die Augen.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Melly ehrlich. »Lass uns doch morgen einfach versuchen, mit ihr zu skypen. Vielleicht tut ihr das gut und wir sind dann auf dem neuesten Stand.«
Ein Grund mehr, sich auf den kommenden Tag zu freuen. Neben dem Telefonat mit Yasmin war nämlich noch ein Besuch in einem typisch japanischen Restaurant mit einem einheimischen Frühstück geplant. Das hatte sich Fenja gewünscht.
»Ich bin mir nicht sicher, ob dies das Richtige für dich ist«, hatte Melly gewagt zu sagen.
»Doch, doch! Ich will das so. Ich probiere alles.«
»Sag das besser nicht.«
Fenja bestand darauf. »Ich möchte das unverfälscht kennenlernen!«
Außerdem war sie froh, ein wenig der Enge von Mellys Wohnung zu entfliehen.
»So sind eben japanische Verhältnisse«, hatte ihre Cousine entschuldigend kommentiert. Es gab einen Wohnraum mit Küche und ein bescheidenes Schlafzimmer. Das Bad war winzig.
Fenja hatte nach der Einladung ihrer Cousine darüber gar nicht nachgedacht, sonst hätte sie ein Hotel gebucht. Es waren nicht viele Übernachtungen, aber komfortabel war jetzt nun wirklich übertrieben. Dabei hatte Melly ihnen ihr Bett überlassen, sie selbst schlief auf einer Matte auf dem Boden im Wohnraum.
So saßen sie mehr oder weniger wie die Ölsardinen aneinander. Eine vertrauliche Unterhaltung von Frau zu Frau war so leider unmöglich. Das empfand Fenja als sehr schade.

»Fenja, wollen wir weiter?« Valentin stupste seine Frau an.
»Natürlich.« In Anbetracht der Schönheit der Natur schoben sie nun das Rad durch die Wege des Bambuswaldes und genossen ein wenig die Ruhe, die durch die vielen neu eintreffenden Besucher aber zunehmend gestört wurde.
»Wir erwischen gerade noch den Zeitpunkt, wo wir auch den Tenryuji-Tempel und seinen Garten besichtigen können. Ab jetzt treten wir in die Pedalen, Freunde.«
Kurz danach erreichten sie die buddhistische Tempelanlage.
»Dies ist ein Zen-Tempel, der mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe ist«, informierte Melly ihre Besucher.
»Was du alles weißt, du könntest Reiseführerin sein«, bewunderte Fenja sie.
»Ich lebe eben schon länger hier und ich liebe Kyoto. Und ich habe jedes Eckchen erkundet. Allerdings hatte ich auch einen Einheimischen dabei, der mir natürlich alles gezeigt hat, was selbst Reiseführern entgeht.«
»Das ist immer das Allerbeste!«, stimmte Valentin zu.
Ihm war der traurige Zug um Mellys Mund entgangen, Fenja hingegen nicht. Oje, sie hatte also ihren Schmerz um ihre gescheiterte Beziehung noch nicht überwunden. Hoffentlich blieb ihr irgendwann ein Moment Zeit – ohne Valentin – um darauf einzugehen.
Der weitläufige Garten, der in voller Blüte stand, verströmte, zumindest zu dieser frühen Uhrzeit, nicht nur einen bezaubernden Duft, sondern zudem eine wunderbare Ruhe. Ahorn- und Kirschbäume, rote Kiefern und der schön angelegte Teich ließen Valentin schwärmen. Er ging ein paar Schritte vor, genoss die Stimmung ganz auf seine Art.
Das gab Fenja endlich Gelegenheit, einige vertrauliche Sätze mit ihrer Cousine zu sprechen.
»Bald lebst du nicht mehr hier«, begann Fenja vorsichtig, »tut es dir ein bisschen leid oder bist du froh?«
Melly schluckte. »Es ist gut, dass ich wieder nach Deutschland komme. Dieser Lebensabschnitt ist für mich vorbei. Aber ich nehme jede Menge mit, was ich nicht missen möchte. Sicherlich werde ich weiterhin nach Japan reisen, als Tourist. Nicht unbedingt nach Kyoto, denn es gibt noch so viele andere Städte und Orte dieses schönen Landes zu entdecken.«
»Du hattest vor unserer Hochzeit so eine Andeutung gemacht ... wegen deinem Freund.«
»Ex-Freund. Ja, er war meine große Liebe. Ich ertrage es nicht, ihn zu sehen.« Tränen traten in Mellys Augen. »Und ich liebe ihn blöderweise immer noch.«
Fenja nahm ihre Cousine tröstend um die Schulter. »Gibt es denn für euch gar keine Chance?«

29. Oktober 2019

'Mandarinen aus Jaffa: Eine Liebe erwachte in Notting Hill' von Patrizia Joos

Kindle | Tolino | EdelElements
Eine große Liebe zweier Menschen, die sich nie vergessen konnten

Ein Terroranschlag, der in New York verhindert wird. Eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die in London beginnt und ein Hund, der zum Therapeuten und echten Lebensretter wird.

Rosamund ‚Rose‘ Harper liebt den älteren jüdischen Architekten Raphael Jaron Rosengarten. Sie ist schön, 20 Jahre alt, aus New Jersey (USA), mit deutschen Vorfahren und studiert Architektur in London. Sie lebt in der Portobello Road in Notting Hill und träumt von einer Karriere als Architekturfotografin. Ihre große Liebe Raphael ist alles für sie. Doch als Raphael eines Tages die Beziehung aus heiterem Himmel beendet, zerbricht eine Welt für Rose und ihre ganze Zukunft gerät ins Wanken …

Ein Liebesroman über die große Liebe. Über das Erwachsenwerden und die Selbstfindung einer jungen Frau, die immer wieder ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnt.

Leseprobe:
Wieder ging ein wunderbares, malerisches Wochenende in Notting Hill zu Ende. Die beiden liebten sich tief und sehnsüchtig. Ein unsichtbares Band zwischen ihnen war vor längerer Zeit entstanden. Sie waren einander verfallen und konnten ihre Gefühle kaum in Worte fassen. Als wären sie füreinander bestimmt. Manchmal konnten sie ihr Glück kaum begreifen. Es fühlte sich für beide vollkommen an. Wie ein formvollendetes Mosaik, ein fertiges Kunstwerk. Nun verstanden sie die Liebesromane und Filme, die sie beide schon in ihrer jeweiligen Jugendzeit so sehr gemocht hatten, noch intensiver – auf einer erwachseneren und tieferen Ebene. Nun erlebten sie ihre eigene sinnliche Geschichte hautnah. Es waren keine Bücher mehr, keine Erzählungen oder Filme. Es war ihre gemeinsame Geschichte. Ihr gemeinsames Buch. Ihr gemeinsamer Liebesrausch. Die zauberhafte Liebesgeschichte von Rosamund – Rose – Harper und Raphael Jaron Rosengarten im edlen London.
Rose stand in der Dusche und wusch sich ihre langen honigblonden Haare, die bis zu ihrer Brust reichten. Reine Natur – keine Haartönung – und weich wie Seide. Sie wusste, dass Raphael dies an ihr liebte. Raphael betrat das große Badezimmer mit den hohen Wänden und beobachtete sie dabei, wie sie ihren Körper und ihre Haare pflegte. Ihr Herz schlug vor Freude schneller, denn sie spürte, dass er im Raum war. Mit geschlossenen Augen und einem Lächeln, das sie nicht verstecken konnte, genoss sie diese Situation und spürte ihn ganz nah bei sich. Sie wusste, dass auch er sie genoss, und dieses Wissen erfreute sie. Ihre Seele sehnte sich nach ihm. Langsam und feminin bewegte sie sich unter dem Wasserstrahl. Sie wollte ihm gefallen, ihm ein schönes Bild schenken mit ihrer sonnenverwöhnten feinen Haut.
„Die eleganten Linien“, flüsterte er leise, denn genau so hatte er Roses Figur in ihrer ersten gemeinsamen Nacht zärtlich genannt. Ihre Augen waren immer noch geschlossen, obwohl sie seine Stimme vernommen hatte. Es gehörte zu ihrem gemeinsamen Spiel. Weißer, duftender Schaum lief über ihren Körper – jede Dusche war für sie ein sinnliches Erlebnis. Das Badezimmer war in einen Duft aus Lavendel und Rosen gehüllt. Blütendüfte liebte sie seit ihrer Kindheit. Mit geschlossenen Augen stellte Rose die Temperatur auf kalt. Ihre Haut zog sich zusammen. Sie riss ihre Augen auf und blickte Raphael, der vor ihr stand, direkt in die Augen.
„Ich beobachte dich wie ein Künstler sein Kunstwerk. Du schönes Gemälde. Du schöne Violine“, flüsterte Raphael. Ihr Herzschlag beschleunigte sich vor Freude erneut. Sie lächelte sanft. „Du blühende Amaryllis!“, hauchte er und zog seinen cremefarbenen, seidigen Bademantel aus, ohne dass sie dabei ihren tiefen Augenkontakt verloren, und legte ihn einladend auf das dunkelbraune Holzregal, welches er einst von einer Afrika-Expedition zuerst mit nach New York und dann mit in sein Haus nach London gebracht hatte.
Er öffnete vorsichtig die Glastür und stellte sich zu ihr unter die Dusche. Rasch zog sie ihn zu sich heran und drehte den Hahn schlagartig auf Heiß, denn sie wusste, dass er heißes Wasser liebte. Er nahm sie sanft in seine Arme und sie fingen an, sich liebevoll zu küssen. Sie hielten sich fest umschlungen, wie wertvolle Schätze. Als wollten sie sich nie mehr wieder loslassen. Sie spürte sein Herz, er das ihre. Sie liebte dieses angenehme Gefühl, welches sie schon in ihrer allerersten Nacht mit ihm erlebt hatte. Seinen betörenden Körper, seine wohlgeformten Hände, seine lebendigen Lippen. Seine gepflegte Haut und seinen natürlichen, weltmännisch edlen Duft. Die feine Art, wie er sie küsste, ließ sie schweben. Schweben wie eine Möwe, die frei über den Canal Grande in der Hafenstadt Venedig segelte. Seine wolkenlosen klaren Augen, seine mondänen und gleichzeitig natürlich wilden Haare – alles, sie liebte alles an ihm. Den anregenden Geschmack seines Körpers und den einzigartigen Duft seiner Haut. Sie hielt ihn fest umschlossen. Das Wasser glitt über ihre Körper und bildete eine Art Springbrunnen. Ein Springbrunnen wie jener, der in seinem Rosengarten stand. Auf den sich im Frühjahr die Vögel setzten und ihnen in der Früh ein Ständchen sangen. Sie spürte seine langsamen, behutsamen Liebkosungen an ihrem Körper, an jeder Stelle ihres Wesens. Ihre Haut glühte. Sie spürte ihn auf eine tiefe und sinnliche Weise und küsste ihn tiefer und leidenschaftlicher. Sein Körper versetzte sie in einen fliegenden Zustand. Rose stellte sich auf ihre Zehenspitzen und drückte sich, so fest es ging, an ihn. An seinen Körper. ‚An meinen‘, dachte sie sich. ‚Dieser Körper gehört mir. Raphael gehört mir. Er ist mein und wird es immer sein. Für immer und ewig Raphael.‘

Der Wecker klingelte. Sie erwachten. Ein neuer Tag in Notting Hill war angebrochen. Sie schaltete ihn auf Wiederholung und drehte sich schlaftrunken wieder zu Raphael. Er zog sie behutsam zu sich heran. Sie küssten sich und schauten sich dabei in die Augen. „Guten Morgen. Schalom, beautiful Rose“, sagte er zu ihr und lächelte dabei. Sie lächelte zurück und hauchte mit einem französisch-amerikanischen Akzent: „Bonjour, Schalom, mein Sonnengott!“
Raphael war ein liberaler Jude, der sehr amerikanisch lebte, aber gewisse jüdische Traditionen in seinen Alltag integrierte. Rose war fasziniert davon und fand es herrlich aufregend. Es waren Kleinigkeiten wie Sprichwörter, Angewohnheiten oder auch kleine Rituale. Wenn sie sich nach dem Abendessen zärtlich in den Armen hielten, las er ihr Gedichte und Erzählungen von jüdischen Dichtern und Schriftstellern vor. Das gehörte zu ihren Abendritualen, die sie sich gemeinsam in seinem Schlafzimmer bei Kerzenschein und angenehmer Klaviermusik gönnten. Sie lauschte dabei seinen Worten und stellte sich manchmal vor, wie er wohl als kleiner Junge gewesen war. Oder auch in seiner Jugend. ‚Was für Musik hörte er wohl, als er das erste Mal in ein Mädchen verliebt war, damals in der Schule?‘, fragte sie sich ab und an.
Rose schaute Raphael an. Sie mochte sein zerknittertes Gesicht kurz nach dem Aufwachen sehr. Ihm gefiel ihr ungekämmtes Haar, das an eine zärtliche Nacht voller Liebe erinnerte und nach wilden Rosen duftete, das war ihr bewusst und damit spielte sie gerne. Sie waren durstig nacheinander. Sie küssten sich zärtlich. Ihr Herz schlug schneller. Wenn sie sich liebten, hielt sie sein Herz und er hielt ihres. Sie waren so tief miteinander verbunden. Durch ihren Kopf schwirrten Farben, Klänge und das Rauschen eines Meeres – gemischt mit dem Gezwitscher der Vögel in seinem Garten. Ihre Augen waren geschlossen. Rose drückte sich stärker an ihn. Spürte seine charmante Leidenschaft und fühlte seine Haut an ihrer. ‚Es fühlt sich an wie ein Sommergewitter‘, dachte Rose. Sie spürte ihn auf eine anmutige Weise an ihrem ganzen Körper.
Sie atmete tief aus und blickte ihm in seine blauen Augen und spürte ihr Herz pochen. Es pochte gegen ihre Rippen. Ihr Körper vibrierte und verband sich so mit dem seinen, als wären sie ein einziger Organismus. Verschmolzen in der Ewigkeit. Sie küssten sich sinnlicher und tiefer. Sie spürte seine weichen Lippen an ihrem ganzen Körper – als wolle er direkt in ihr Herz eindringen. Sie spürte seine liebevollen Küsse an ihrem Hals. Zärtlich küsste er das Goldkreuz, welches sie immerzu um ihren Hals trug. Sie liebten sich zärtlich und leidenschaftlich auf einer Ebene tiefer Verbundenheit. Sie fühlte sich wie auf einem Schiff auf hoher See. Die Wellen brachen über das Schiff herein und die Sonne strahlte und brannte. Als sie sein tiefes Ausatmen vernahm, dachte sie – und gewiss auch er – an seinen barocken Springbrunnen im Garten. Die Vögel zwitscherten. Sie strich über seinen Brustkorb, inhalierte seinen kultivierten Duft, der sie in höchstem Grade anregte, und deckte sich und ihn mit der großen, leichten dunkelblauen Decke zu. Rose empfand wie am ersten gemeinsamen Morgen, damals in seinem Haus in New York.
‚Was bin ich nur für eine glückliche Frau‘, dachte sie sich – und in diesem Augenblick ertönte das erneute Rasseln des Weckers. Sie blinzelte Raphael an. Er küsste ihre Stirn und sagte mit seinem Ostküstenakzent: „Ich habe so gut geschlafen.“ Und drehte sie wie einen Kreisel um ihre eigene Achse, stieg aus dem Bett und riss die Balkontür auf. „Schau, die Vögel am Brunnen.“
Sie sah vom Bett aus zu ihm hinüber und lächelte glückselig. Wie er den Brunnen und den Garten betrachtete und studierte. Sie liebte seinen Körper und die Art, wie er sich bewegte und die Welt studierte.
‚Ein wohlgewachsener und wohlgebildeter Mann‘, dachte sie sich. Ein Mann, der alles detailgenau inspizierte und beobachtete. Raphael wollte wissen, was sich dahinter verbarg. Hinter allem. Dieser durchdringende und einnehmende Blick war es, was sie bei ihrer allerersten Begegnung in London so faszinierend gefunden hatte. Sie nannte ihn Raphaelblick. Sie liebte seine Haare, die in gesunden Wellen, wie ein rauschendes Meer, bis zu seinen Ohren wuchsen. Seine Augenbrauen waren dunkel und mächtig und wuchsen wild über seinem dunklen Wimpernkranz. Seine Nase erinnerte an eine antike Statue, stolz und aufrecht stand er auf dem Balkon. Seine Lippen waren die Lippen eines sinnlichen und erfahrenen Mannes. Weich und tiefrot. Sein Wesen und seine Erscheinung erinnerten sie an Helios, den Sonnengott. So nannte sie ihn seit ihrer ersten Begegnung. Ein kräftiger und sinnlicher Körper zugleich. So war auch sein Wesen. Sinnlich und kraftvoll. Sie liebte ihn mehr als sich selbst.
Raphael drehte sich zu ihr. Seine Blicke und die Sonnenstrahlen spürte sie auf ihrem Körper. Er öffnete die Balkontür und verließ das Schlafzimmer. Sie beobachtete seinen Gang, bis er für sie nicht mehr sichtbar war.

'Sky und Brandon: Die erste Liebe (Teil1)' von Alina Kessler

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Sky: Alles an ihm ist nur Schein, ihm ist nichts wichtig. In seiner Welt ist nur Platz für ihn allein.
Brandon: Sie ist unsichtbar, wie ein scheues Tier und ihre Verletzlichkeit erregt ein Interesse.

Wer anderen vertraut, wird enttäuscht. Das musste Sky auf schmerzhafte Weise lernen. Doch als sie Brandon begegnet, ändert sich einfach alles. Er verändert sie, ihre Gefühle, ihre Ängste und obwohl er alles verkörpert, was sie an einem Mann hasst, lässt sie doch zu, dass er ihr unter die Haut geht.

Schlaflose Nächte und eine Achterbahnfahrt der Emotionen warten auf sie, während Brandon sich immer weiter in ihr Leben schleicht. Was sie nicht ahnt, ist, dass unter den männlichen Mitschülern ihrer Schule eine furchtbare Wette läuft, in deren Mittelpunkt sie steht.

Sky beschließt das erste Mal seit Langem wieder jemandem zu vertrauen und augenblicklich läuft alles aus dem Ruder. Gefangen zwischen Zuneigung und Zurückweisung, zwischen Mut und Angst, muss sie entscheiden, ob Brandon das alles wert ist.

Leseprobe:
Vor zwei Jahren
Im Leben eines jeden Menschen gibt es Wendepunkte, die darüber entscheiden, wie das weitere Leben verlaufen wird. Wendepunkte, die wir weder kommen sehen, noch auf die wir vorbereitet werden können.
Sky Preston war gerade einmal sechzehn Jahre alt, als ihr dieser Wendepunkt widerfuhr. Sie saß in diesem entscheidenden Augenblick in einem Gerichtssaal, der vollgestopft war mit Geschworenen, Anwälten, Ärzten, Polizisten, und eine erdrückende Hitze sorgte dafür, dass sie Schweißausbrüche bekam.
Besorgt sah sie nach rechts zu ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester, deren Hand sie hielt. Christines Finger waren eiskalt und zitterten, so aufgeregt war sie. Ihre großen blauen Augen waren starr nach vorne gerichtet, auf den Hinterkopf eines Mannes, der sich leise mit seinem Anwalt unterhielt. Ihre kleine Schwester wurde von Minute zu Minute nervöser. Dagegen konnte Sky nichts tun, außer weiterhin ihre Hand zu halten und ihr so viele Halt und Sicherheit zu geben, wie es ihr möglich war.
Aufgeregt sah Sky von ihrem Platz aus zum Richter, der ein Stück Papier studierte und die beiden Anwälte zu sich rief, um Fragen zu stellen. Eifrig sprachen die drei miteinander. Liebend gern hätte Sky die Männer aufgefordert lauter zu sprechen, damit sie mithören konnte, was besprochen und beschlossen wurde. Diese Verhandlung dauerte bereits zwei nervenaufreibende Stunden, dabei wurde ihre eigene Zeugenaussage noch nicht einmal aufgenommen. Hoffentlich würde ihre Geschichte diesen Prozess beschleunigen und den Alptraum endlich enden lassen.
Ungeduldig sah sie nach links und begegnete Grace besorgtem Blick. Natürlich war sie besorgt, denn dieser Tag würde auch ihr Leben verändern und darüber entscheiden, ob sie Sky und Christine adoptieren konnte oder nicht. Es gab guten Grund, dem Urteil entgegenzufiebern.
Endlich entließ der Richter die beiden Anwälte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Papier in seiner Hand zu. Minutenlang studierte er es, bevor er alles beiseitelegte, einmal schwer ausatmete und den Blick im Raum umherschweifen ließ.
„Mr. Becker, Sie dürfen fortfahren“, entschied er und überließ das Wort dem Staatsanwalt, der sofort aufsprang und sein Jackett glättete.
„Vielen Dank, Euer Ehren“, sagte der junge Anwalt schnell und griff in seine Akten, um einen Notizzettel herauszusuchen. „Als Nächstes ruft die Staatsanwaltschaft Miss Sky Preston in den Zeugenstand.“
Augenblicklich gefror sämtliches Blut in Skys Adern zu Eis, als sie ihren eigenen Namen so laut von den Wänden widerhallen hörte. Es war so weit. Ein Haufen unterschiedlicher Emotionen begann in ihrem Inneren miteinander zu fechten. Angst, Panik, Freude, Hoffnung, Verzweiflung und unbändiger Hass. So vieles war in ihrem Leben schon passiert und hatte sie hierher zu diesem einen, alles verändernden Moment im Gerichtssaal geführt. So viele schreckliche Dinge waren ihr widerfahren, Dinge, die einem anderen Menschen in seinem ganzen Leben nicht geschahen. Aber sie hatte es ausgehalten, sie hatte es überlebt und nun war der Moment gekommen, an dem sie sich davon befreien konnte.
Steif und angespannt erhob sie sich von der Bank und blickte nach vorne zum Richter, der ihr aufmunternd zunickte, als ob er ahnte, wie viel Kraft die nächsten Minuten sie kosten würden.
„Alles wird gut, Sky“, versuchte Grace sie zu beruhigen. Sky konnte nur nicken und schluckte hart. Als die Finger ihrer kleinen Schwester ihrer Hand entglitten, sah sie noch einmal zurück und blickte in die hoffnungsvollen Augen von Christine. Sie ist viel zu jung, um das hier miterleben zu müssen, dachte sich Sky traurig und hoffte inständig, dass in einigen Monaten die Erinnerung an diesen Tag verblasst sein würde.
Ein Raunen ging durch die Anwesenden, als sie endlich im Gang stand und langsam nach vorne ging. Ihre schwarzen Ballerinas schienen plötzlich bleischwer zu sein und ihre Füße konnten kaum den Boden verlassen. Ihre Beine steckten in einer schwarzen Jeans, die ihr unglaublich eng erschien, und oben hatte sie sich ein schwarzes Shirt und eine Strickjacke übergeworfen, die ihr zu groß war. Hilfesuchend sah sie zum Staatsanwalt, den sie in den letzten Wochen besser kennengelernt hatte und der ihr aufmerksam entgegensah. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, dachte sich Sky und verschränkte die Arme vor der Brust, um das Zittern ihrer Finger zu verbergen.
„Meine Güte, sieh dir ihr Gesicht an“, hörte sie eine Frau zu ihrer Linken flüstern und senkte sofort den Kopf, damit ihre blonden Haare ihr Profil verdeckten. Zu spät, das Veilchen wurde schon entdeckt. Vor zwei Wochen hatte sie einen heftigen Schlag auf den Kopf abbekommen, so dass die Haut an ihrer Schläfe aufgeplatzt war und die Stelle mit mehreren Stichen genäht werden musste. Die Narbe wäre schon verheilt gewesen, hätte Sky in einem hysterischen Anfall nicht versucht, sich das Gesicht zu zerkratzen und zu entstellen, wodurch die Haut wieder aufgerissen und sich die Hälfte ihres Gesichts blau verfärbte hatte. Erneut musste ihre Wunde genäht werden und von den Ärzten gab es eine kleine Dose mit Antidepressionspillen obendrauf. Drei Stunden bei einer Therapeutin und einige Tage Krankenhausaufenthalt und schon hielt man sie für geheilt, zumindest oberflächlich.
Wenn es keine sichtbare blutende Wunde gab, war Sky gesund, so lautete zumindest die Philosophie der Ärzte damals.
Ihre Füße wurden immer schwerer, je näher sie dem Richtertisch kam, aber irgendwann hatte sie den vorderen Bereich des Saals erreicht. All diese Blicke, die auf sie gerichtet waren, machten sie nervös und am liebsten hätte sie wie eine Irre um sich geschrien, dass man endlich aufhören sollte sie anzustarren. Besonders die Blicke der Polizisten im Saal setzten ihr zu.
„Miss Preston“, wandte sich der Staatsanwalt an sie. „Sie müssen dort vorne im Zeugenstand Platz nehmen.“ Er deutete auf einen Stuhl nicht weit vom Richter. Einem Stuhl, der ihr Hoffnung und Angst zugleich schenkte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als ein Beamter an sie herantrat und darauf wartete, dass sie Platz nahm. Ohne ihre Augen von dem Gegenstand zu lösen, den dieser in der Hand hielt, setzte sie sich hin und versuchte nicht in Panik zu verfallen.
Der Beamte brachte den Gegenstand in seiner Hand in ihre Reichweite und begann zu reden. Da Sky völlig durcheinander war, verstand sie kein einziges Wort, bis sie die entscheidende Frage vernahm.
„Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit, so wahr Gott Ihnen helfe?“ Abwartend sah der Beamte sie an, so dass Sky ihre Hand auf die dargebotene Bibel legte und versuchte einen kalten Schauer zu unterdrücken.
Die Wahrheit, überlegte sie angestrengt. Sie hatte die Wahrheit schon so oft und laut geäußert, dennoch hatte ihr niemand geglaubt. Warum sollte sich daran nun etwas ändern? Und warum hatte man ihr bisher kein Gehör geschenkt? Nur weil sie diesmal ihre Hand auf eine Bibel legte, würde man ihr sofort Glauben schenken? War das deren aller Ernst?
Mit trockenem Hals bejahte sie. Der Beamte trat von ihr weg und die Anwesenden im Saal kamen wieder in ihr Blickfeld. Nur einen einzigen Punkt im Raum versuchte sie nicht anzusehen, eine einzige Person.
Mr. Becker trat vor seinen Tisch und verschränkte die Hände im Rücken, bevor er sie anlächelte. „Geht es Ihnen gut, Miss Preston?“
Wozu diese Höflichkeit, fragte sich Sky und rutschte auf dem Stuhl herum.
„Nein“, gestand sie und senkte den Blick.
Als er sie erneut ansprach, klang seine Stimme mitfühlend. „Wir versuchen, das hier schnell über die Bühne zu bringen, damit Sie gehen können.“
Dankbar nickte sie.
„Bitte sagen Sie uns, wer Sie sind“, begann der Anwalt.
Mehrmals musste Sky schlucken, bevor sie zu sprechen begann. „Mein Name ist Sky Preston. Ich bin hier in Kalifornien geboren und lebte bis vor Kurzem zusammen mit meiner Schwester in einem Teilort von Los Angeles.“
„Wie alt sind Sie?“
„Sechzehn.“

28. Oktober 2019

'Mord & Schokolade: Paula Anders' erster Fall' von Klaudia Zotzmann-Koch

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Klaudia Zotzmann-Koch
Das süßeste Fachwerkhaus der Welt, wie der Hildesheimer “Umgestülpte Zuckerhut” schon einmal genannt wurde, beherbergt Paula Anders’ Spezialitätengeschäft »Bittersweet«: Schokolade und Kaffee. Nur einige hundert Meter weiter klaffen auf der Dombaustelle tiefe Löcher in der entweihten Erde. Als auf den Stufen zur Krypta ein Toter mit einer mysteriösen Schokoladentafel in der Tasche gefunden wird, steckt Paula mit einem Mal tief in Verstrickungen und Korruption, denen auch ihre Jugendliebe Thomas nicht entrinnen kann.

Leseprobe:
»Du miese Ratte!« Rita tobte und machte zwei große Schritte auf Christian zu, der vergeblich versuchte, die Fassung zu bewahren. »Gottloser Dreckskerl! Ich hätte dich nie heiraten sollen!« Ihre Stimme hallte schrill von den blanken Wänden der entweihten Krypta wieder. Sand rieselte aus einem Mauerspalt am hinteren Ende, wo die Archäologen sich bis durch die Wand gegraben hatten.
»Rita, beruhige dich doch. Es ist alles nicht so, wie du denkst.«
»Nicht, wie ich denke? Nicht wie ich denke? Was ist daran denn anders zu denken, wenn ich herausfinde, dass du fremdgehst? Wer ist die Schlampe? Wie jung ist sie?« »Rita, ich habe mit keiner …« »Ach nicht?« Sie zog die Packung Kondome aus der Jacke, die sie am Mittag in seiner Tasche gefunden hatte. »Und was ist das hier?«
Christian wurde blass. Er war so vorsichtig gewesen, hatte immer so penibel darauf geachtet, dass es keine Anzeichen und schon gar keine Beweise gegeben hatte. Und nun hatte seine Frau tatsächlich etwas in der Hand. »Aber die sind doch für die Jugendgruppe … Ich habe da zwei erwischt und … Jetzt beruhige dich doch, Liebes.«
»Liebes? Du wagst es noch, mich Liebes zu nennen? Und wieso genau sollte ich mich beruhigen?« Sie kam noch einen Schritt näher und ihr Blick schweifte dabei über die Gerüste und Baustellentische, die die Dombaustelle beherrschten. Sie fand einen großen Hammer auf dem Gerüst, griff ohne nachzudenken nach dem Werkzeug und war in der nächsten Sekunde erstaunt darüber, wie schwer es war. Doch ihre Wut war unbändig genug, dass sie es weitere drei Sekunden später schon wieder vergessen hatte und sich dabei fand, den völlig verdutzten Christian damit zu bedrohen. »Acht Jahre lang war ich dir treu! Acht Jahre!«
»Rita, du bist die einzige …«
»Acht! Jahre! In denen du die meiste Zeit unzählige Ausreden gefunden hast, um bloß keine Zeit mit mir zu verbringen! Ich wartete daheim und wo warst du? Hier!« Sie schwenkte den Hammer um sich in einer Geste, die den gesamten Bau mit einschloss. »Ich machte mich hübsch für den gemeinsamen Abend im Theater und wo warst du? Mit der Jugendgruppe am Galgenberg!« Sie schwang den Hammer in die grobe Richtung, wo sich am Stadtrand die genannte Anhöhe befand. »Ich habe ein Fünf-Gänge-Menü gekocht zu deinem Geburtstag … Und wo warst du? Mit dem Bischof im Bermudadreieck!« Wieder flog das Hammerende, diesmal in Richtung Friesenstraße. »Und jetzt das hier? Ich wasche deine Baustellenklamotten, die du hier tagtäglich einsaust und du platzierst mir das Corpus Delicti auch noch direkt vor der Nase? Willst du mich eigentlich verarschen? Kirche, Beten, Arbeiten und jetzt Huren? Willst du die gesamte Kirchengeschichte in einem einzelnen Leben nachstellen?«
»Rita, ich wollte dir doch nicht wehtun!« Christians Stimme klang nun flehend.
»Oh, du gibst es also zu? Aber ich will dir gerade wehtun, das kannst du glauben. Gleich noch vor dem Lieben Gott und Jesus selbst.«
»Rita! Zieh den Namen des Herrn nicht in den Schmutz!«
»Wie bitte?« Sie machte katzenartig wieder drei Schritte auf ihn zu und war nun fast dicht genug, dass sie ihn bei der nächsten Hammergeste mit dem schweren Instrument am Ende noch erwischen könnte. »Wenn der Herr so gütig ist, dann wird er dir vergeben, aber ich bin nicht der Herr! Ich bin nur deine Frau.«
»Ja eben, Rita! Meine Frau! Vertraust du mir denn gar nicht?«
Das war zu viel und Rita, die mit Geschrei und Gefuchtel schon einiges an wütender Energie herausgelassen hatte, brauste erneut auf, noch heftiger als zuvor. »Vertrauen? Mach, dass du hier herauskommst, sonst versündige ich mich wirklich noch an dir!«, schrie sie. Diesmal hallte es sogar oben im Dom und Christian schrak zusammen. So hatte er Rita noch nie erlebt und bekam es tatsächlich mit der Angst zu tun.
»Rita, ich liebe dich doch!«, versuchte er, sie zu beschwichtigen, doch es klang kläglich. Und falsch. Tränen rannen ihre Wangen herunter und sie schüttelte gebrochen den Kopf.
»Das glaubst aber auch nur du.« Sie drehte sich zum Ausgang um, den Hammerarm schlapp an ihrer Seite hängend und in Christians Augen keimte ein Funken Hoffnung auf.
»Ich habe wirklich keine andere …«
»Und lügen kannst du auch. Hier im Dom. Baustelle hin oder her, aber dies ist noch immer ein Gotteshaus. Du versündigst dich. Schon seit acht Jahren. Du bist der verlogenste Mensch, der mir je begegnet ist. Ich will dich nicht mehr sehen. Bin ich froh, dass wir wenigstens keine Kinder bekommen haben, sonst hätte ich am Ende noch tagtäglich deine Visage vor Augen, auch wenn ich mich von dir scheiden lasse.«
»Du willst dich scheiden lassen?« Jetzt klang Panik in Christians Stimme durch. »Du kannst dich nicht scheiden lassen! Vor allem kann ich mich nicht scheiden lassen! Wie sähe das denn aus?« Diesmal rannte er auf sie zu und packte seine Frau bei den Schultern. »Rita! Du kannst dich nicht scheiden lassen!« Er griff fester zu und schüttelte sie.
»Und wie ich das kann!« Panisch riss sie sich los und sprang die ersten drei Stufen von der Krypta in den Dom hinauf.
»Rita!« Christians Stimme überschlug sich fast, als er ihr nachjagte und versuchte, ihr Bein zu greifen, als plötzlich ein lautes Krachen durch den Raum hallte.

'MarChip und die kleine Berthe (Detektei MarChip 2)' von Esther Grünig-Schöni

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Website Esther Grünig-Schöni
In einem Altenheim geschehen seltsame Dinge. Die Detektei MarChip wird beauftragt, die Probleme zu lösen. In mancher Hinsicht eine echte Herausforderung.

MarChip’s zweiter Fall – aus einer anderen Perspektive.

Die kleine Berthe erzählt ihre Geschichte aus ihrer Sicht und lässt den Leser gleichzeitig in ihre Welt blicken, die nicht immer schön ist. Manches davon wird bestimmt auf ähnliche Weise von Vielen erlebt. Doch ein Lichtstrahl erhellt ihr Leben und das Dunkle der Nächte. Wer oder was könnte das sein? Und was wird daraus?

„Es zischte, flüsterte, schlurfte, raschelte - ein gedämpfter Schrei, ein Versuch, Atem zu holen, erstickt oder unterdrückt. - Schatten spielten fangen. An den Wänden sah es wie ein bedrohliches Figurenspiel aus mit all diesen dunklen Umrissen.

Und sein Gesicht war leblos, die Augen leer.

Es zischte, flüsterte, schritt, raschelte - erneut - ein kurzes Wehklagen, verweht im Wind der Nacht und wieder diese Schatten wie Arme von toten Bäumen.

Und ihr Gesicht war leblos, die Augen starr.

Oh nein, nicht schon wieder!

Und doch: ein Huschen, Schlurfen, Stehenbleiben, das Klagen einer Türe - ein Weinen - Stille. Und sie lag da wie weggeworfen, weil sie zerbrochen, hässlich und nutzlos geworden war. Alt?“


Leseprobe:
Berthe‘s Überlegungen
Ist die Vergangenheit wesentlich und die Zukunft alleine maßgebend oder hat das Heute genug Wert?

Heute werden wir „Kosten und Belastung“ geschimpft, selbst wenn wir ein Leben lang geackert haben. Wir haben gearbeitet, wie andere heute arbeiten. Wir lagen nicht auf der faulen Haut. Was für ein Ausdruck. Das tut niemand, der leben will. Das Klima allerdings ist kälter geworden und ich rede nicht vom Wetter.

Sie wollen nicht mehr tragen helfen, wünschen uns tot. Wir sind nicht mehr produktiv genug. Weg mit uns oder immerhin zur Seite, aus dem Weg. Wir kosten, stören, nerven, sind unnütz, ein unangenehmer Anblick, alt. Doch alle werden es einmal sein.
Vielleicht sehe ich es zu schwarz und vielleicht bin ich zu alt, um zu wissen wie die Welt sich dreht; zu dumm um das Große zu verstehen; zu klein um global zu denken. Aber ich bin Berthe, die lebt und erfahren hat und manches kennt und sieht. Nur hört mich keiner.

Ist meine Stimme zu leise geworden? Ich stelle dennoch meine Sicht der Dinge und Ereignisse dar. Vielleicht ist gerade das, was ich beobachte Triebfeder und Motiv für Manches was geschieht. Wer weiß. Und vielleicht könnte geändert werden, was zutage tritt.

Meine Farben sollen schwarz, grau, braun, dunkel, unscheinbar sein. Wähle ich andere, gelte ich als durchgeknallt. Meine Farben leuchten. Das sollen sie nicht. Wer hat darin Unrecht? Niemand. Heute ist es so: Ich ecke an, weil ich nicht dem Bild entspreche, das sie sehen und haben wollen. Es war nicht immer so. Was damals geschah - nicht sehr lange her - ließ mich endlich wieder lebendig werden. Das ist gut so. Ich lebe. Das ist wesentlich. Aber gehen wir zu der Geschichte, die dies in mir bewirkt hat. Sie ist nicht schön … und doch …hat sie ihr Gutes.

Manchmal driften Welten auseinander. Raumwelten oder innere persönliche Welten. Es gibt viele davon. Sie sind unüberschaubar. Manchmal rollen sie aufeinander zu, finden sich, werden zu einem Teppich verwoben. Oder sie laufen eine Weile parallel in die gleiche Richtung. Sie berühren sich eine ihnen bemessene Zeit lang. - Ich weiß, gerade er mag das Zeitdiktat nicht. Wer? Später … Später tritt er ins Bild und wird erwähnt. Er erscheint in meinem Leben. - Ist diese bemessene Zeit vorbei, trennen sich diese Welten möglicherweise. Das weiß ich nicht mit Sicherheit. Es kann anders sein.

Buch 1 (Berthe) 1. Kapitel
Meine Geschichte um dieses Haus, das weder gut noch schlecht war, wo Leben und Tod nahe beieinander lagen, wo ich viel - zu viel - Tod sah und viel Sonne erlebte, begann an einem Morgen. Auch wenn sie schon vorher neben mir herlief und mich umgab. Da erst nahm sie Gestalt an und wurde der Anfang meiner Wiederbelebung. Es wurde das Ende einiger und der Anfang neuer Gewohnheiten. Berthe heiße ich.

Viele nannten mich töricht, unwissend, stehen geblieben in alten Zeiten, verkalkt, unbeweglich, störrisch - ohne mich zu kennen. Sie wussten nichts von mir und behaupteten es. Die kleine Berthe – damals. Sie redeten mit mir wie es nicht einmal mit dem kleinsten Kind getan werden sollte. „Sieh mal, das ist gut für dich. Dieses. Jenes ist nicht gut für dich. Das musst du so machen. Wir meinen es nur gut mit dir. Du weißt doch nicht mehr wie es sein soll. Du kannst das nicht. Du weißt das nicht. Heute ist es so. Früher war es anders. Aber jetzt ist nicht mehr früher.“ Als ob ich das nicht wüsste!

Das geschah in dem Ton, wie wenn sich jemand über einen Kinderwagen beugt, grinst, dich anstubst und dazu „Tututututu …“ oder ähnliches von sich gibt. Oder langsam spricht, jedes Wort betonend, so dass ich in der Zwischenzeit, bevor der ganze Satz zu Ende ist, bestimmt einschlafe oder demjenigen einen Tritt versetzen möchte, der ihn antreibt, damit er endlich rausrückt mit dem, was er zu sagen hat.

Sie wurden ungeduldig, weil ich langsamer als sie war, zappelten herum, verdrehten die Augen, seufzten laut oder drängelten.
„Müssen Sie hier stehen!“
„Etwas zur Seite stehen oder gehen wäre besser, so dass die Arbeitenden durch können.“
„Geben Sie den Weg frei für das Rennen des Alltags. Sie haben doch alle Zeit der Welt.“
„Diese Langsamkeit ist zum Verzweifeln.“
„Meine Zeit ist kostbar. Zeit ist Geld. Sie stehlen mir diese Zeit mit Ihrem Dasein.“
„Müssen Sie unbedingt noch leben? Legen Sie sich hin, schlafen Sie ein und Ruhe ist.“

Ja das klang bitter. Das geb ich zu. Es war eine Tatsache, dass meine Knochen und Gelenke nicht mehr wie vor Jahrzehnten waren. Manches brauchte mehr Zeit. Der Körper spürte die vorbei geflossenen Jahre, die Mühen, die Arbeiten, die Schwere. Ja. Aber mein Kopf funktionierte einwandfrei und meine Gefühle schmerzten. Sahen sie das nicht? Wenn nicht, waren ihre Augen das Problem, ihr Denken war falsch. Sie nahmen sich nicht die Mühe zu sehen.
„Das lohnt sich nicht mehr.“
„Was willst du noch?“

Was wollte ich noch? Nicht einmal ich wusste es. Woher also sollten sie es wissen? In unserer Kultur galt das Alter wenig. In anderen brachte man ihm Achtung entgegen. Natürlich waren manche von uns selbst schuld daran. Sie behandelten die Jungen mit der gleichen Verachtung. Aber war eine solche Kultur denn noch Kultur? Zurück zu den Ereignissen. Ich habe gerade die Tendenz abzuschweifen. Vielleicht auch ein Zeichen des Alters?

An diesem Tag kam er wie ein angenehmer Morgenwind durch die Türe herein. Für einmal brauste kein Sturmwind durch den Raum. Für einmal war es nicht der kalte Nordwind, der alles erfrieren ließ und unter seinem Eis begrub, bis sich nichts mehr rührte, bis nichts mehr Mühe bereitete. Es war wie eine Sommerbrise - vom sanften Meer geschickt. Dieser Vergleich war erstaunlich für jemanden wie ihn. Und doch passte er. Zu dieser Zeit sah ich das Meer nicht mehr. Es war zwar da in seiner weiten Erhabenheit. Doch das spielte für mich keine Rolle. Selbst wenn ich es roch und hörte, war es mir egal. Ich nahm es nicht bewusst wahr. Dabei hatte ich es immer geliebt. Es war nicht weit weg und doch so fern. In mir war so viel gestorben.

Ich war zwar wach, aber ich mochte die Augen nicht öffnen. Ich befand mich in einem Zustand, der einer Apathie glich. Wenn ich die Augen öffnete - das wusste ich - sah ich nichts, das mir Freude bereitete. Nicht mein Zuhause, keinen lieben Menschen, nichts, wofür es sich zu leben lohnte. Kein Ziel. Nichts, dass mein Sein schöner gestaltete und etwas änderte - verbesserte, verschönerte, erhellte.

Ich ließ meine Augen zu. Das war alles, was von meiner Stärke geblieben war - von meiner Rebellion, die sich nur leise äußerte. Ich hörte, dass jemand ans Fenster trat. Ich kannte jede Ecke, jeden Flecken und jeden Punkt an den Wänden und wusste, wie sich etwas anhörte. Ich hatte Zeit gehabt, es zu studieren. Dieser Jemand schob die schweren dunkelroten Vorhänge zur Seite - diese fantasielosen Staubfänger. Ach, vielleicht tat ich ihnen unrecht, so wie Vielem. Aber ich mochte nicht gnädig sein. Ich spürte das Licht auf meinem Gesicht. Es legte sich auf meine Augenlider und ich sah wabernde Farben erwachen. Es blendete.

Ich kniff die Augen fester zusammen. Wenn ich wie ein Kind behandelt wurde, durfte ich auch trotzig wie eines sein. Das beschloss ich. Die Farben und Formen, die Wellen, Wolken, Kreise, Spiralen und Spitzen verstärkten sich. Das war spannend und erstaunlich. Ich nahm es wahr und verlor mich darin. Ich schaute bewusster, verweilte. Ich hatte nichts anderes zu tun. Es kam mir vor wie die Sicht eines dieser Kartonrollen aus der Kinder- und Jugendzeit. Ganz vorne war ein Glas, so wie ein Fenster. Das Licht schien von dort herein. Dort lagen viele bunte Teilchen: Vierecke, Rechtecke, Dreiecke, Kreise, Sterne, Monde und viele andere Formen. Sie steckten locker zwischen zwei Glasplättchen. Wurde die Rolle gedreht, rasselte, knisterte, raschelte es angenehm – wie eine Ankündigung – und die Bilder, die Eindrücke, veränderten sich beim Hineinsehen wie in einem Fernrohr. Die Muster wurden immer wieder anders. Ein Kaleidoskop. Es bildeten sich neue Ornamente. Es war wie Fernsehen. Der Fantasie setzten sich dabei keine Grenzen und … Fernrohr? Ferne. Ich sehnte mich nach Ferne – von hier.

Aber ich blieb still liegen und erwartete das barsche Ausspucken von Worten und Sätzen. „Es ist Morgen. Zeit aufzustehen und uns bereit zu machen. Frühstück. Tag. Los, los.“
Warum konnten sie mich nicht in Ruhe lassen? Ich war in keinem Ferienlager für Pfadfinder. Sie stuften mich als hilflos ein, als jemandem, dem geholfen werden musste, weil ich mich verweigerte. Sie bestimmten, was ich musste und was ich nicht durfte. Sie und dabei war ich es, die etwas wollte oder auch nicht.
„Los, los! Auf! Wir haben nicht ewig Zeit. Aufwachen Berthe! Nun stellen Sie sich nicht so an. Sind wir unpässlich? Krank? Oder sind wir müde? Wollen wir nicht?“

Uns? Wir. Wer wir? All das wurde ohne wirkliches Interesse aus den Mündern gestoßen. Pflichtübungen, von der Zunge erschaffene Laute, unterstützt durch die unterschiedlichen Stimmbänder. Zwischen den Zähnen entfernt wie unangenehme Fremdkörper, Fetzen von Fleisch. Tat ich unrecht? Nicht alle waren so, aber die meisten, und ich rechnete nicht mehr mit Erfreulichem. Ich war zu oft in meinen Erwartungen enttäuscht worden. Mir wurde zu oft etwas hingeworfen. „Friss es Berthe!“
Nein. Ich wollte nicht.
Ich war müde, wartete auf solche Sätze, war müder als am Tag zuvor und an dem zuvor und noch weiter zurück und … nur noch müde. Was sollte ich auf dieser grauen Welt?

Ich hörte wie er ans Bett trat. Seine Schritte und sein Geruch verrieten mir, dass es ein „Er“ war, aber nicht welcher Er. Einer der Pfleger musste es wohl sein. Die waren nicht die übelsten. Trotzdem …
Ich war angespannt, wollte weder ihn noch den Tag begrüßen und schon gar nicht sehen. Ich wollte nicht weiter Stück für Stück von meiner Würde verlieren. Ich fürchtete mich vor meinen unangenehmen Gefühlen. Stolz. Persönlichkeit. Viel davon war mir nicht geblieben. Ich sollte für die Hilfen dankbar sein und empfand so manches als entwürdigend, vor allem, wenn es nicht diskret geschah. Wenn die Türe offen stand, gelacht wurde oder die Nase verächtlich und angeekelt gerümpft wurde.

Noch hatte ich Schamgefühle. Noch erinnerte ich mich an die Zeiten, wo ich selbst für mich sorgte. Warum war es auf einmal nicht mehr gegangen? Warum fühlte ich mich so steif und schmerzte so viel? Der Arzt wusste es nicht und wer, wenn nicht er? Ja ich war müde geworden, das stimmte. Andere - selbst in meinem Alter - absolvierten noch Marathons, Wanderungen, Kaffeekränzchen wenigstens, und ich musste mir bei so Vielem helfen lassen. Ich wollte nicht mehr. Ich hatte auf Gesundheit geachtet, war nicht fett und trotzdem …. ging nichts mehr. Meine Seele wollte nicht mehr. „Lasst mich in Ruhe“, schrie es in mir.

Alles war trostlos und wurde noch trostloser. Das ging soweit, dass sich alles steigerte. Gestern war erneut jemand gestorben - so plötzlich - mit dem ich mich gut verstanden hatte. Am Tag zuvor hatten wir miteinander gelacht, uns unterhalten. Nun war sie nicht mehr da. Sie hatte mir, wie sie es gerne tat, von ihren Reisen erzählt und ich ihr von meinen kleinen Erlebnissen.

Nun lag ihr Körper leblos und kalt in dem dafür vorgesehenen Kellerraum. Den Keller mochte ich nicht. Es schauderte mich. Sie machten einem etwas vor. Sie war nicht einfach eingeschlafen, weil sie alt war. Wir waren alle alt. Natürlich ging der Tod um und nahm ab und zu jemanden mit. Vor dem Tod fürchtete ich mich nicht wirklich. Es war etwas anderes. Warum kam er nicht zu mir? Ich wartete auf ihn. Wenn er still kam und nicht mit einer hässlichen Fratze, war mir das nur recht.

Ich spürte, dass sich der Pfleger aufs Bett setzte. Das war unüblich. Das taten sie nicht. Und wenn es der Tod war, der hier saß? In all der Eile hier setzte sich sonst niemand auf das Bett zu mir. Sie hatten alle keine Zeit und Order, nichts von der wenigen Zeit zu vertrödeln, sondern effektiv zu funktionieren. Dafür hatte ich sogar Verständnis, denn es gab viel zu tun. Aber manchmal fehlten mir solche Dinge - solche Gesten und Zeichen - dem Interesse an mir als Mensch. Eine Geste, mich nicht nur als Last zu empfinden.

Ich spürte Hände. Keine, die meinen Hals würgen wollten, keine, die das Kissen nahmen um es mir auf das Gesicht zu legen und mich damit zu ersticken. Keine groben Finger, die sich wie Krallen auffordernd in mein empfindliches Fleisch bohrten. Niemand rüttelte an mir. Die Hände schüttelten mich nicht. Sie taten Erstaunliches. Die Finger berührten mich sanft: meine Hände, meine Arme, sehr vorsichtig mein Gesicht. Die Hände streichelten mein Gesicht. Miro? War mein Miro wieder da? Oder war ich doch weg geschlummert und wachte auf diese Weise in einer besseren Welt auf? Erstaunt riss ich meine Augen auf. Nein, es war nicht mein Miro und es war keine andere Welt. Eine kleine Träne stahl sich aus einem meiner Augenwinkel. Er fehlte mir sehr und die bessere Welt vermisste ich.

In ein junges Männergesicht sah ich mit hellen grünen Augen. Darin war ein echtes Lächeln - wie ein Sonnenstrahl. Ich hörte eine Stimme, die mich wärmte. „Guten Morgen Berthe.“ Ich staunte still weiter.
„Bitte nicht erschrecken. Ich bin kein Einbrecher.“
Nein, danach sah es mir nicht aus. Er wirkte zu freundlich für dunkle Absichten. „Ich bin neu hier.“ Das erklärte einiges.
„Ich habe heute als Pfleger und Mann für alles angefangen.“
Da war ein spitzbübisches Funkeln erkennbar und ich nahm den Faden erstaunlicherweise auf. „Für alles?“
Er lachte. „Für Vieles. Was sehe ich in Ihren Augen aufblitzen? Schalk? Die meisten stufen Sie bestimmt völlig falsch ein.“

26. Oktober 2019

Morgan Stern

Die Hauptrolle im Alltag von Morgan Stern spielt ihre Familie. Sie liebt das Meer und Wasser ganz im Allgemeinen, Musik, Hunde, Fotographieren, Kaffee trinken, gute Gespräche, Natur, Reisen und vieles mehr.

Morgan Stern über sich: "Seit ich schreiben kann, tue ich dies mit Leidenschaft und nur zu gerne widme ich mich Geschichten, die in keine Schublade passen, die anders sind, nicht nur an der Oberfläche kratzen sondern gerne in die Abgründe der menschlichen Psyche blicken."

Weblink: morganstern.de


Bücher im Buch-Sonar:




25. Oktober 2019

'Sonnenblumenglück' von Morgan Stern

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Morgan Stern | Autorenseite im Blog
Selbst wenn du die Suche nach dem Richtigen längst aufgegeben hast, könntest du eines Tages von ihm gefunden und wachgeküsst werden.

Die eher bodenständige Melissa sehnte sich schon als kleines Mädchen nach einem Traumprinzen wie aus dem Bilderbuch. Leider ist dieser auch kurz vor ihrem 30. Geburtstag noch nicht in Sicht. Sie selbst kann außer einem grauen Büroalltag und ein paar Freunden wenig Aufregendes vorweisen.

Als sie auf einem Wochenendtrip dem finnischen Musiker Jani begegnet, lässt sie sich nur zu gerne von ihm im Sturm erobern und mitreißen. Ohne zu zögern, verabschiedet sie sich von ihrem alten Leben und folgt ihm in seine Heimat.

Doch wie viel Alltag verträgt ihre junge, leidenschaftliche Beziehung? Taugen Finnen in Tourbussen überhaupt als potenzielle Traummänner? Wie viele imaginäre Drachen müssen gejagt und Schlachten geschlagen werden, damit die große Liebe allen Widrigkeiten standhalten kann?

Leseprobe:
„Wagner.“ Ich räusperte mich. „Melissa Wagner.“
„Nein, habe ich hier nicht, Frau Weber.“
„Wagner. Nicht Weber.“ Ich spürte, wie mein Blutdruck langsam aber sicher in die Höhe schoss. Wie ich das hasste. Was war an meinem Nachnamen denn bitte so schwer? Nein, daran oder an dem möglicherweise begrenzten Horizont meines Gegenüber lag es sicher nicht. War ich der Dame am Schalter denn so zuwider?
„Hier ist es ja. Ein Ticket nach Berlin?“ Sie zog die Augenbrauen hoch und musterte mich von oben bis unten.
„So ist es.“ Nervös tippte ich mit den Fingern auf dem Kassenschalter herum. Konnte ich jetzt vielleicht endlich bezahlen? Es war ja nicht so, als wäre ich alleine in der Bahnhofshalle. Ganz im Gegenteil. Ich wagte einen Blick über meine Schulter und erntete dafür aufgebrachte und missmutige Blicke der anderen wartenden Kunden. Ob sie davon ausgingen, dass ich und wirklich nur ich persönlich dafür verantwortlich war, dass die Dame am Schalter so gar nicht vorankam? Was kümmerte es mich? Wenn ich nur endlich das blöde Ticket bekommen würde!

Memo an mich: Zugtickets nur noch online buchen und zu Hause ausdrucken.
Eigentlich war mir schon seit der ersten Idee zu dieser Reise klar gewesen, dass es nicht unbedingt mein persönliches Highlight werden würde. Wieso ich es dennoch gebucht hatte? Nun, meiner Freundin zuliebe. Weitestgehend. Aber beginnen wir am besten erst einmal mit ein paar Details.
Eva und ich, wir hatten uns vor vielen Jahren im Urlaub mit unseren Eltern kennengelernt. Zu dieser Zeit hatten wir beide schon ein – na ja sagen wir mal so – Alter, in dem man die eigenen Eltern so gar nicht mehr cool fand und eigentlich nicht mit ihnen gesehen werden wollte. Aus unserer beider Not heraus schlossen wir uns relativ rasch zusammen und wurden in der einen Woche richtige Freundinnen.
Eva war toll. Sie brachte mich zum Lachen, hatte eine Menge sinnloser Ideen, die aber dafür umso witziger waren und uns so manche langweilige Stunde erträglich machten. Es schmerzte fast, als sich unsere Wege wieder trennten, aber wir versprachen uns, in Kontakt zu bleiben. Ob überhaupt eine von uns das wirklich beabsichtigt hatte war fraglich, denn Urlaubsbekanntschaften blieben ja erfahrungsgemäß auch dort, wo sie begonnen hatten, und fanden so gut wie nie einen Weg in den Alltag.
Bei Eva und mir war es anders gelaufen. Wir hatten es tatsächlich geschafft, einen gewissen Kontakt aufrechtzuerhalten. Sie wohnte in München, ich in einer Kleinstadt im Ruhrgebiet – sonderlich oft sehen konnten wir uns also nicht. Dennoch schrieben wir uns und bis heute ist sie eine meiner engsten Vertrauten und eine wahre Freundin. Als sie vor ein paar Monaten auf die Idee kam, dass wir zu einem gemeinsamen Städtetrip aufbrechen könnten, war ich noch recht enthusiastisch. Ich hatte Eva über ein Jahr nicht gesehen und ich reiste gerne. Wieso also nicht?

Leider hatte ich nicht in Erwägung gezogen, dass es ihr dabei nicht darum ging, mit mir zusammen ein Ziel auszusuchen. Vielmehr war es so, dass sie schon längst entschieden hatte, dass Berlin – und auch wirklich nur Berlin – in Frage käme. Wieso auch immer, die Hauptstadt hatte auf mich bislang keinerlei Reiz ausgeübt und das änderte sich auch nicht, als Eva mir davon vorschwärmte. Sie war schon einmal dort gewesen, Abschlussfahrt mit ihrer Schulklasse. Sie liebte Großstädte schon immer und so war es wenig verwunderlich, dass auch Berlin es ihr regelrecht angetan hatte. Laut ihr müsste man die Stadt gesehen und vor allem erlebt haben, um sie verstehen zu können.
Ich hatte da meine Zweifel, allerdings wusste sie, dass ich ihrem Flehen und Bitten irgendwann nachgeben und mich breitschlagen lassen würde.
Die Buchung des Hotels hatte Eva übernommen, meine Aufgabe bestand quasi nur darin, das Zugticket zu holen und am richtigen Tag im richtigen Zug zu sitzen. Das würde ich hinkriegen. Dachte ich.

***

„Oh, Melli!“ Eva ließ ihre Reisetasche fallen und stürmte mit offenen Armen auf mich zu. „Da bist du ja endlich!“ Überschwänglich gab sie mir ein paar Küsschen auf die Wange und drückte mich an sich.
„Schön, dich zu sehen“, grinste ich erleichtert.
„Alles gut geklappt? Wir können sofort los. Das wird so toll!“ Sie eilte zurück, schnappte ihre Tasche, warf sie gekonnt lässig über ihre Schultern und stand wieder auffordernd vor mir. „Komm, wir nehmen ein Taxi.“
Zugegeben, ich mochte sie wirklich und ich hatte sie vermisst. Auch nach all den Jahren und den unterschiedlichen Leben, die wir führten. Allerdings war es zwischenzeitlich klar ersichtlich, dass wir nicht wirklich viele Gemeinsamkeiten hatten. Zudem waren wir einfach erwachsen geworden, sie hatte in München studiert, arbeitete als Architektin und widmete sich leidenschaftlich gerne dem Nachtleben.
Und ich? Neben einer langweiligen Ausbildung und meinem mindestens genauso „spannenden“ Bürojob, dem ich noch heute mit Ende zwanzig die Treue hielt, konnte ich nicht viel Aufregendes berichten.
Dennoch mochte ich mein bodenständiges Leben, meinen überschaubaren Bekanntenkreis und das Kleinstadtidyll, welches ich Heimat nannte. Natürlich fragte ich mich hin und wieder, ob es da draußen nicht noch mehr gab. Ob nicht ein spannendes, ganz tolles anderes Leben auf mich wartete und ich es verpasste, weil ich mich schlicht und ergreifend nicht danach umsah?
Existierte irgendwo dieser eine Mensch? Mein Seelenverwandter? Wie definierte man Liebe? Wo war sie zu finden? Was war Glück? Und vor allem, wo war es?

Nüchtern betrachtet hatte ich alles, um glücklich zu sein. Meine Familie, ein paar Freunde, ein Dach über dem Kopf und genügend Geld zum Leben. War das nicht die Definition von Glück?
Ich kannte das Gefühl von Alleinsein, von Hoffnungslosigkeit und Resignation ebenso gut wie das der Zufriedenheit. Hatte alles davon selbst erlebt, gefühlt und war daran gewachsen.

Die Zeiten, in denen ich voller Illusionen durch die Welt schritt und daran glaubte, dass irgendwann der berühmte Tag X kommen würde, an dem sich mein Leben von Grund auf ändern und zum Besseren wenden würde, waren längst vorbei. Aus dem kleinen Mädchen mit den blonden Locken war eine erwachsene Frau geworden. Ich rannte nicht mehr so unbeschwert wie damals durch Sonnenblumenfelder und hielt auch nur noch selten so akribisch Ausschau nach vierblättrigen Kleeblättern. Wenn ich es tat, dann nicht mehr in der Hoffnung, dass ich meinen Träumen damit ein Stückchen näher kommen könnte.

Wie die meisten Mädchen hatte auch ich insgeheim sehr lange an meinen Vorstellungen eines perfekten Lebens festgehalten, auf meinen Prinzen mit dem Pferd gewartet. Nicht, dass ich Pferden je viel hätte abgewinnen können, aber rein theoretisch gehörte dieses Tier eben zum Bild des Prinzen.
In der Realität ließ meine Menschenkenntnis leider gerade in Bezug auf Männer etwas zu wünschen übrig. Vielleicht hatte ich in jungen Jahren auch einfach zu euphorisch Ausschau gehalten und mich dabei so verunsichern lassen, dass ich die Wahrheit gar nicht mehr vom vermeintlich schönen Schein unterscheiden konnte? Wer konnte das schon so genau sagen?

Unterm Strich hatte ich jedenfalls weitaus mehr Frösche als Prinzen geküsst und jene wenigen mit scheinbar blauem Blut hatten definitiv andere Defizite, mit denen ich nicht leben konnte oder wollte. Kurzum, ich hatte kein sonderlich glückliches Händchen für Beziehungen. Allerdings konnte ich wenigstens mit Stolz behaupten, dass ich diese eher destruktiven Verbindungen meist selbst beendete, und das in den meisten Fällen bereits bevor man mir zu sehr hatte weh tun können.
Mit den Jahren hatte ich mich damit abgefunden, dass ich nichts erzwingen konnte und war dementsprechend auch nicht mehr auf der Suche nach Mr. Right. Vielleicht würde er eines schönen Tages vor meiner Türe stehen, vielleicht auch nicht.
Ich hatte die Schnauze voll davon, mich auf Kompromisse einzulassen, nur um mir am Ende doch wieder eingestehen zu müssen, dass ich gar nicht der Typ Mensch war, der mit Kompromissen leben konnte. Ich ging davon aus, dass ich möglicherweise beziehungsgestört war, im schlimmsten Fall mangelte es mir auch an jeglicher Sozialkompetenz. Fakt war jedoch, dass ich diesen Teil von mir nicht ändern konnte. Nicht ändern wollte. Und schon gar nicht für jemand anderen, für eine Beziehung, die nur funktionieren würde, wenn ich mich selbst verbiegen würde, um dem anderen zu gefallen.
Ganz ehrlich, wohin hätte eine solche Partnerschaft schon führen sollen? Wenn man nicht seiner selbst wegen geliebt wurde, wurde man überhaupt nicht geliebt.

'Rowan - Flucht ins Sumpfland' von Aileen O'Grian

Kindle (unlimited) | Tolino
Blog Aileen O'Grian
Das Magierreich wird von einer unheimlichen Macht bedroht, Echsenkrieger und Drachen besetzen das Land. Deshalb soll der junge Magier Rowan seine Freunde Ottgar, Thronfolger des Magierreichs, und Mardok, Enkel des königlichen Waffenmeisters, in Sicherheit bringen, damit die zukünftigen Führer des Landes die Invasion überleben. Er selbst soll, gemäß den Wünschen seines Großvaters Obermagier Bunduar, seine Magierausbildung im Sumpfland fortsetzen.

Die Aufgabe erweist sich als schwieriger als gedacht, da die Feinde überall lauern und Ottgar mit seinem ungestümen Wesen lieber an der Seite seines Vaters kämpfen will, statt zu fliehen. Auch Rowan sorgt sich um seine Freunde im Ostreich, wo sich der Aufstand gegen König Kustin ausbreitet. Vor allem liegt Rowan die junge Heilerin Haiwa am Herzen, die ihm viel bedeutet und deren Leben in Gefahr ist.

Band 4 der Reihe um den Magier Rowan.

Leseprobe:
Schon bald schienen die Wege unheilvoll. Egal, welche Richtung Rowan einschlug, überall spürte er diese gefährliche Gegenwart fremder Mächte. Auch Scharus, sein alter treuer Wallach, der übernatürliche Fähigkeiten hatte, weigerte sich immer wieder, weiterzulaufen.
„Wie lange willst du noch im Kreis reiten?“, murrte Ottgar schließlich verärgert.
„Ich weiß es nicht. Ich finde keinen sicheren Weg hinaus. Überall droht Gefahr.“
„Dann sei doch nicht so ängstlich, das Leben ist immer gefährlich. Vor allem, wenn man Ritter ist und erst recht als angehender König.“ Verächtlich fügte er hinzu: „Magier denken natürlich zuerst an die Sicherheit. Die kämpfen auch nicht in vorderster Reihe.“
Rowan schluckte, holte mehrmals tief Luft, um eine scharfe Erwiderung zurückzuhalten. „Könige sollten auch nicht an vorderster Front kämpfen“, sagte er nach einer Weile leise. „Sie sollten das ganze Schlachtfeld überblicken und kluge Anweisungen geben. Kopfloses Heldentum hat noch niemanden geholfen.“
Anschließend ritten sie schweigend weiter, bis sie in der Dunkelheit einen Felsüberhang fanden, unter dem sie geschützt übernachten konnten.
Am nächsten Morgen machte sich Rowan auf, um Nahrung für sie zu suchen. Es wuchsen viele Brombeeren und Nüsse hier und er sammelte eine ganze Weile, um auch für die nächsten Tage Vorräte zu haben. Er ärgerte sich, dass Ottgar ihm dabei nicht half. Noch größer war sein Entsetzen und Ärger, als er zum Lager zurückkehrte und Ottgar nicht mehr vorfand. Sein Pferd und seine Decke waren weg. Er hatte Rowan einfach im Stich gelassen.
Rowan fluchte laut. Warum hatte Bunduar ihm bloß mit dieser undankbaren Aufgabe betraut, Kindermädchen für den Thronfolger zu spielen? Was war aus ihrer engen, vertrauensvollen Kinderfreundschaft geworden?
Niedergeschlagen sattelte Rowan sein Pferd und suchte nach Spuren, um Ottgar zu folgen.
Er hatte Glück. Ohne um Hilfe gebeten zu haben, tauchte eine kleine Blumenfee auf einer Lichtung vor ihm auf.
„Du suchst diesen leichtsinnigen Jungen? Er ist nach Norden geritten.“ Sie zeigte mit der Hand zwischen hohen Laubbäumen hindurch. „Beeile dich, ihn einzuholen. Die Echsenkrieger lagern vor dem Moor.“
„Sind wir im Moor vor ihnen sicher?“, fragte Rowan.
„Ich befürchte nicht. Rettet euch in den Schnee. Kälte können sie nicht ab.“
Rowan sah sie irritiert an. So hoch waren die Berge im Magierreich nicht, als dass sie schneebedeckt waren. Trotzdem behielt er ihren Rat im Hinterkopf, als er sein Pferd antrieb, um Ottgar einzuholen.

Leider hatte Ottgar sein gesamtes Wissen, Spuren zu verwischen, eingesetzt, um Rowan die Verfolgung zu erschweren. Rowan fluchte leise, dafür langanhaltend. Warum hatte er Ottgar so viel beigebracht? Natürlich hätte er als Ritter und Jäger einiges über Spurenlesen und wie man sich heimlich bewegte auch von anderen Lehrern gelernt. Doch Rowan verstand erheblich mehr von der Natur, von den Geistern und Tieren und hatte Ottgar manches Geheimnis verraten. So musste Rowan immer wieder kostbare Zeit verschwenden, um die Spur seines Kameraden zu finden. An einem Bach kurz vor dem Moor verlor er sie. Sicher war Ottgar längs des Baches weitergeritten. Doch in welche Richtung  aufwärts oder abwärts? Bergab ging es Richtung Wanroe, wo König Wilhar residierte, also folgte Rowan dem Bachlauf. Doch als er nach einem halben Tag Ottgars Spur noch immer nicht gefunden hatte, wendete er und ritt bachaufwärts, Richtung Ostland. Das bereitete ihm Bauchschmerzen. Jetzt musste er nicht nur mit den Echsen rechnen, sondern auch noch mit Prinz Hrodwals Kriegern.
Am liebsten hätte er Sirii um Hilfe gerufen, doch das letzte Elfenfeuer musste er für einen wirklichen Notfall aufheben.
Endlich erkannte er die Stelle, an der Ottgar den steinigen Bachlauf verlassen hatte. Geschickt hatte er ein Felsplateau benutzt. Doch am Ende der Felsen hatte sein Pferd ein paar Zweige abgerissen. Jetzt konnte Rowan ihm schneller folgen. Obwohl es inzwischen dämmerte, ritt er weiter, da die Spur geradeaus wieder Richtung Wanroe wies. Mit dem Umweg hatte er also Rowan nur abschütteln wollen.
Kannte Ottgar sich hier nicht aus? Er würde bald auf das große Ostmoor stoßen.
Leider konnte Rowan die Nacht nicht durchreiten. Scharus war völlig erschöpft. Er rastete im Unterholz, band seinen Kameraden an Büschen fest und legte sich hin. Er würde eine leicht lesbare Spur hinterlassen, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Ottgar einzuholen, war viel wichtiger.
Sobald es am Morgen dämmerte, sattelte er und nahm die Verfolgung wieder auf. Nach mehreren Stunden hielt er an einem Bach inne, aß die Brombeeren und ein paar Nüsse, ließ das Pferd weiden und saß erst wieder auf, nachdem sie sich erholt hatten.
Gegen Abend wurde der Untergrund weicher, er näherte sich dem Moor. Bald wuchsen Moorpflanzen und Ottgars Spur wurde immer deutlicher.
Scharus‘ Ohren bewegten sich unruhig. Rowan stockte, als er plötzlich Kampfgeräusche hörte.
Doch statt sein Pferd anzutreiben, lauschte er erst einmal. Er konnte mehrere Reittiere stampfen hören. Vorsichtig näherte er sich dem Kampfplatz.
Er sah Ottgar, der sich zu Fuß verzweifelt gegen vier Echsenwesen wehrte. Sie waren bestimmt einen Kopf größer und viel kräftiger als stattliche Ritter, liefen aufrecht und waren am ganzen Körper von ihren Schuppen geschützt.
Rowan überlegte kurz. Selbst wenn er sich einmischte, würden sie die Echsen nicht überwältigen können. Schade, dass ihre Elfenhaarmäntel in Wanroe geblieben waren. Jetzt könnten sie sie gebrauchen, um sich unsichtbar zu machen.
Er benötigte unbedingt Hilfe, daher saß er ab, setzte sich auf den Boden und versenkte sich in sein Inneres. Er brauchte länger, als ihm lieb war, um zur Ruhe zu kommen.
„Ehrwürdiger Moorgeist, hilf deinen Freunden“, rief er endlich, als er so weit war.
Tatsächlich erschien ein grauhaariges Männergesicht zwischen den Binsen. „Warum soll ich dir helfen, du Jungspund?“
„Weil du meinem Großvater, dem Obermagier Bunduar, Treue geschworen hast“, flüsterte er eindringlich.
Der Moorgeist verschwand, ohne zu antworten.
Rowan wurde schwer ums Herz. Nicht einmal die Naturgeister hielten zu ihm. Wie sollte er da Ottgar retten?
Er nahm seinen Bogen und legte einen Pfeil ein, dann näherte er sich den Kämpfern, spannte den Bogen und zielte auf den vom Ottgar entferntesten Feind. Er nahm sich Zeit, genau auf eine Spalte im Panzer zu zielen, bevor er losließ. Mit einem Aufschrei sackte der Mann zusammen, griff noch nach seinen Hals, dann blieb er regungslos liegen.
Rowan legte den zweiten Pfeil ein. Einer der Männer hatte sich von Ottgar abgewandt, als er seinen Kameraden schreien hörte, und Rowan entdeckt. Jetzt eilte er auf den jungen Magier zu. Bevor Rowan eine verwundbare Stelle mit dem Pfeil fixieren konnte, versank der Gegner im Moor.
„Danke, Moorgeist!“, murmelte Rowan und legte auf den dritten Mann an. Auch ihn traf er. Doch nicht so gut, dass er zusammenbrach. Der Kämpfer zog den Pfeil heraus, warf ihn weg und drang weiter auf Ottgar ein. Eilig lief Rowan durch das Moor zu seinem Freund. Er achtete sorgsam auf den Untergrund und betrat nur Stellen, die er als tragfähig erkannte. Während er sprang, zog er sein Messer aus der Scheide. Entsetzt bemerkte er, dass zwei weitere Echsenkrieger aus dem Wald kamen und ihren Kameraden zu Hilfe eilten.
Er duckte sich unter einem Schwertschlag, erreichte endlich Ottgar und sie stellten sich Rücken an Rücken auf, um sich gegenseitig zu decken. Mit einem kräftigen Hieb in eine seitliche Panzerfuge erschlug Ottgar einen Gegner, einem anderen konnte Rowan das Messer in den Brustpanzer rammen. Doch ihm gelang es nicht, es wieder herauszuziehen.
Und die beiden hinzueilenden Echsen hatten sie fast erreicht.
„Ins Moor“, rief Rowan und sprang auf den nächsten Binsenbüschel zu. Und dann weiter. Ottgar folgte ihm blind vertrauend. Als sie sich mitten im Moor befanden, stellten sie fest, dass die beiden Echsen ihnen nicht mehr folgten.
„Und jetzt?“, fragte Ottgar.
„Keine Ahnung, aber wir leben noch.“

24. Oktober 2019

'Das Penthouse bekomme ICH (Happy Days 3)' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzky

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Weblink | Autorenseite
HAPPY DAYS
Melly erhält Besuch von Fenja und Valentin. Sie spielt für einige Tage Reiseführerin und zeigt ihnen ihr geliebtes Kyoto.

Kurz danach packt sie ihre Koffer, um endgültig nach Deutschland zurückzukehren. Sie trifft ihre große Liebe Taro vor der Abreise noch einmal, aber der winzige Keim ihrer Hoffnung wird von ihm gefühllos zertreten, sodass sie froh ist, als der Flieger Richtung Heimat abhebt.

Neben den Vorbereitungen für die Restaurant-Eröffnung beginnt sie mit der Wohnungssuche und verliebt sich in ein traumhaftes Penthouse mit Dachgarten und Blick über die Dächer auf das Meer. Allerdings hat sie prominente Konkurrenz – und das ist ausgerechnet der verwöhnte Sohn des einflussreichen örtlichen Zeitungsverlegers.

Für kurze Zeit zum E-Book-Einführungspreis von nur 99 Cent.

Leseprobe:
»Weißt du eigentlich, wie lange ich nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen habe? Ich glaube, beim letzten Mal«, überlegte Fenja, »war ich fünfzehn«.
»Dann kannst du jetzt deine Erinnerungen auffrischen, Cousinchen.« Tatkräftig schob Melly ihr Mietfahrrad auf die Straße.
Valentin folgte ihr und drehte sich zu seiner Frau um. »Vom bloßen Angucken hat sich noch kein Fahrrad in Bewegung gesetzt, Schatz.«
Fenja beeilte sich, den beiden hinterherzukommen. Die ersten Meter waren ein wenig wackelig, aber dann wurde es schnell besser.
»Nach dem spektakulären Bambuswald fahren wir zum Tenryuji Tempel. Da kommen wir nämlich vorbei. Ihr werdet von dem zauberhaften Garten begeistert sein«, rief Melly ihren Gästen zu, als sie kräftig in die Pedale trat.

Sie war stolz, endlich Besuch aus der Heimat zu haben und ihr geliebtes Land der Kirschblüte vorstellen zu können.
Japan hatte auf sie seit jeher einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt. Die Zeit der Shogune, die Welt der Samurai, die Tradition der Teezeremonie, die Geishas – all das faszinierte sie schon früh und ließ sie nicht mehr los. Als sie im Teenageralter das erste Mal in einem japanischen Restaurant aß, hatte sie weiteres Feuer gefangen. Diese Art des Vorbereitens und Kochens, ob nun Sushi oder Teppan Yaki, die Zubereitung von Speisen auf der heißen Platte, wollte sie unbedingt erlernen. Und ihrem Traum war sie zielstrebig gefolgt.
Melly hatte ihr Herz an ihr Gastland verloren, in doppelter Hinsicht. Zuerst liebte sie Japan, dann Taro Yamada. Allerdings kehrte sie in wenigen Wochen für immer in ihre alte Heimat Deutschland zurück – wegen Taro Yamada. Das Aus ihrer Beziehung konnte sie kaum verkraften, allein schon deshalb, weil sie sich täglich in der Restaurantküche begegneten.
Wie es bei den Japanern der Fall war, herrschte Höflichkeit. Es gab also keine Aversionen. Aber genau das machte es umso schwieriger. Beobachtete sie Taro, wie er sich bewegte, wie er sprach, die Art, wenn er schmunzelte oder etwas kritisch aus seinen schönen schmalen schwarzen Augen betrachtete, dann brannte ihr das Herz.
Ein paarmal glaubte sie zu spüren, dass er sich ihr gern genähert hätte. Doch so schnell, wie sie das empfunden hatte, war der Moment auch schon wieder vorbei.

Tatsächlich erreichten sie nach wenigen Minuten den Bambuswald. Fenja und Valentin sahen staunend an den stabilen, unten nackten Bambusstämmen hinauf.
»Ich habe gar nicht gewusst, wie hoch und dick diese Stämme werden können«, meinte Fenja fast andächtig.
Sie hörten das Rauschen der Bambusblätter im Wind und das Knarren der Stämme in ihrer Nähe.
»Es ist ein magischer Ort.« Das sagte Melly aus voller Überzeugung.
Die ersten Sonnenstrahlen drangen hindurch und tauchten den Bambuswald in ein nahezu mystisches Licht.
»Du hattest recht«, Valentin nickte, »in der Ruhe am frühen Morgen ist es etwas Besonderes.«
»Bei Sonnenuntergang erscheint es mir fast noch schöner. Nur tagsüber nicht, da sind hier zu viele Touristen, genauso wie am Tenryuji-Tempel. Diese Schönheiten muss man früh morgens oder spät abends genießen.«
»Obwohl ich ehrlich zugebe, dass ich heute Morgen lieber ausgiebig und faul Kaffee getrunken hätte.« Fenja rieb sich über die Augen.

Für einige Augenblicke war sie gedanklich weit weg. Urlaub hieß für sie, länger schlafen. Zu Hause beugte sie sich ihrem Pflichtprogramm von zeitigem Aufstehen, oft auch am Wochenende, das brachte das Hotelgeschäft eben mit sich.
Nichtsdestotrotz erlebte sie diese Tage in Japan als etwas Wunderbares. Sie lernte eine völlig andere Kultur kennen und genoss nun wahrscheinlich einen kleinen Vorsprung ihrer Schwiegermutter gegenüber, wenn Melly zurückkam und ihren japanischen Restaurantzweig im Hotel eröffnete. Jedenfalls könnte man hervorragend damit werben, was das Geschäft belebte, indem sich vermehrt japanische Touristen auch für ihr Hotel interessierten. Darüber hatten Valentin und sie schon mit Melly gesprochen, die ihnen diesbezüglich Hilfe zugesichert hatte.
Und Melly berichtete noch Erstaunliches. »Yasmin hat einen großen Garten. Ich habe sie ein bisschen angepickt zum Thema Kräuter. Vermutlich wird sie uns welche ziehen, sodass wir mit Bioware aus eigenem Anbau angeben können.«
»Meinst du, sie fühlt sich nach dem Schicksalsschlag dafür stark genug?« Fenja hatte bei diesem Satz einen Kloß im Hals. Der Gedanke, dass ihre Freundin Yasmin beinahe ihr Leben durch den Schuss eines Junkies eingebüßt hätte, trieb ihr die Tränen in die Augen.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Melly ehrlich. »Lass uns doch morgen einfach versuchen, mit ihr zu skypen. Vielleicht tut ihr das gut und wir sind dann auf dem neuesten Stand.«
Ein Grund mehr, sich auf den kommenden Tag zu freuen. Neben dem Telefonat mit Yasmin war nämlich noch ein Besuch in einem typisch japanischen Restaurant mit einem einheimischen Frühstück geplant. Das hatte sich Fenja gewünscht.
»Ich bin mir nicht sicher, ob dies das Richtige für dich ist«, hatte Melly gewagt zu sagen.
»Doch, doch! Ich will das so. Ich probiere alles.«
»Sag das besser nicht.«
Fenja bestand darauf. »Ich möchte das unverfälscht kennenlernen!«
Außerdem war sie froh, ein wenig der Enge von Mellys Wohnung zu entfliehen.
»So sind eben japanische Verhältnisse«, hatte ihre Cousine entschuldigend kommentiert. Es gab einen Wohnraum mit Küche und ein bescheidenes Schlafzimmer. Das Bad war winzig.
Fenja hatte nach der Einladung ihrer Cousine darüber gar nicht nachgedacht, sonst hätte sie ein Hotel gebucht. Es waren nicht viele Übernachtungen, aber komfortabel war jetzt nun wirklich übertrieben. Dabei hatte Melly ihnen ihr Bett überlassen, sie selbst schlief auf einer Matte auf dem Boden im Wohnraum.
So saßen sie mehr oder weniger wie die Ölsardinen aneinander. Eine vertrauliche Unterhaltung von Frau zu Frau war so leider unmöglich. Das empfand Fenja als sehr schade.

»Fenja, wollen wir weiter?« Valentin stupste seine Frau an.
»Natürlich.« In Anbetracht der Schönheit der Natur schoben sie nun das Rad durch die Wege des Bambuswaldes und genossen ein wenig die Ruhe, die durch die vielen neu eintreffenden Besucher aber zunehmend gestört wurde.
»Wir erwischen gerade noch den Zeitpunkt, wo wir auch den Tenryuji-Tempel und seinen Garten besichtigen können. Ab jetzt treten wir in die Pedalen, Freunde.«
Kurz danach erreichten sie die buddhistische Tempelanlage.
»Dies ist ein Zen-Tempel, der mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe ist«, informierte Melly ihre Besucher.
»Was du alles weißt, du könntest Reiseführerin sein«, bewunderte Fenja sie.
»Ich lebe eben schon länger hier und ich liebe Kyoto. Und ich habe jedes Eckchen erkundet. Allerdings hatte ich auch einen Einheimischen dabei, der mir natürlich alles gezeigt hat, was selbst Reiseführern entgeht.«
»Das ist immer das Allerbeste!«, stimmte Valentin zu.
Ihm war der traurige Zug um Mellys Mund entgangen, Fenja hingegen nicht. Oje, sie hatte also ihren Schmerz um ihre gescheiterte Beziehung noch nicht überwunden. Hoffentlich blieb ihr irgendwann ein Moment Zeit – ohne Valentin – um darauf einzugehen.
Der weitläufige Garten, der in voller Blüte stand, verströmte, zumindest zu dieser frühen Uhrzeit, nicht nur einen bezaubernden Duft, sondern zudem eine wunderbare Ruhe. Ahorn- und Kirschbäume, rote Kiefern und der schön angelegte Teich ließen Valentin schwärmen. Er ging ein paar Schritte vor, genoss die Stimmung ganz auf seine Art.
Das gab Fenja endlich Gelegenheit, einige vertrauliche Sätze mit ihrer Cousine zu sprechen.
»Bald lebst du nicht mehr hier«, begann Fenja vorsichtig, »tut es dir ein bisschen leid oder bist du froh?«
Melly schluckte. »Es ist gut, dass ich wieder nach Deutschland komme. Dieser Lebensabschnitt ist für mich vorbei. Aber ich nehme jede Menge mit, was ich nicht missen möchte. Sicherlich werde ich weiterhin nach Japan reisen, als Tourist. Nicht unbedingt nach Kyoto, denn es gibt noch so viele andere Städte und Orte dieses schönen Landes zu entdecken.«
»Du hattest vor unserer Hochzeit so eine Andeutung gemacht ... wegen deinem Freund.«
»Ex-Freund. Ja, er war meine große Liebe. Ich ertrage es nicht, ihn zu sehen.« Tränen traten in Mellys Augen. »Und ich liebe ihn blöderweise immer noch.«
Fenja nahm ihre Cousine tröstend um die Schulter. »Gibt es denn für euch gar keine Chance?«

'MarChip und das Geheimnis um Etoile Rouge (Detektei MarChip 1)' von Esther Grünig-Schöni

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Website Esther Grünig-Schöni
Der junge Südfranzose Fabien „Chip“ wird von „Unbekannt“ in die mysteriöse Pension „Etoile Rouge“ eingeladen. Doch wer ist Unbekannt? Und was soll er da? Er stolpert auf der Suche nach dem Sinn des Lebens über Marie.

Als er am Strand die Leiche einer jungen Frau im roten Kleid findet, beginnt ein turbulentes Abenteuer. Marie vertraut ihm an, dass sie einem Geheimnis auf der Spur ist, das bis in die Historie zurückgeht. Sie lassen sich beide auf eine lockere Zusammenarbeit ein und schon überschlagen sich die Ereignisse. Chips freche Art verursacht zusätzlichen Wirbel und auch die starke, freiheitsliebende Marie bleibt davon nicht unbeeindruckt. Aber lässt sie sich auch auf ihn ein?

Eine Detektivgeschichte um eine Pension und um ein wertvolles Schmuckstück, dessen Geschichte bis in die Vergangenheit reicht.

Leseprobe:
Gabrielle
Erst war es eine Ahnung, dann Bedrohung und schließlich war die Gefahr zur Gewissheit geworden.
Nun rannte sie um ihr Leben. Sie hörte ihn hinter sich. Er rannte nicht. Er erreichte sein Ziel, ohne zu rennen. Er war da und wusste, was er tat und sie wusste, was er tun wollte.
Der Sand und die unpassenden Schuhe hinderten sie daran, schnell voranzukommen. Schuhe mit hohen Absätzen, zierlich, passend zu ihrem Kleid. Sie zog sie aus und ließ sie liegen. Dort drüben war eine größere Höhle und weiter oben auf dem Felsen eine kleine. Sie kannte diesen Felsen gut. Vielleicht gelang es ihr, sich zu verstecken. Er war diesmal nicht gekommen, um sie zu erschrecken. Er war gekommen, um sie zu töten. Dabei sah er nicht aus wie einer, der so etwas tat. Er war elegant. Er sah aus wie ein Manager oder ein Banker. Sie kannte seinen wahren Beruf. Den hatte sie mit Hilfe einer Detektei herausgefunden, als er immer bedrohlicher geworden war. Erst war es nur Einschüchterung gewesen, dann Drohung. Sie war ihnen zu unbequem geworden und bei ihren Plänen im Weg. Sie wusste zu viel.
Möglicherweise wollten sie nur den Anhänger, der um ihren Hals hing. Sie nahm ihn ab. Sie durfte nicht anhalten, wenn sie überleben wollte. Vom Anhänger wusste sie nur einen kleinen Teil seines Geheimnisses. Sie hatte jemanden gefunden, der ihr weiterhelfen konnte, mehr zu erfahren. Die gleiche Detektei. Empfehlenswert. Gut. Einfühlsam. Die gleiche, die für die alte Dame arbeitete. Sie hatte von den Gefahren gewusst, war gewarnt worden. Nun war diese Gefahr real. Sie sah den schönen Strand nicht mehr – bei Vielen so beliebt – Les Sablettes. Sie hatte nur noch Angst.
Wieder hörte sie ihn. Sie musste sich beeilen. Die große Höhle erschien ihr wie eine Falle, also war es besser, nach oben auf den Felsen zu klettern. Nur weg. „Schneller Gabrielle, viel schneller. Du bist fit, also stell dich nicht so an. Du schaffst das.“ Sie wollte leben.
Dieses unselige Ding hätte sie nicht an sich nehmen sollen. Sie hatte gedacht, dass alles einfacher wäre. Damals. Und Annabelle hatte es auch nicht gehört, schon gar nicht ihr. Annabelle, gewissenlos und kalt. Der schon gar nicht. Sie hatte es genauso gestohlen und behauptete nun, es gehöre ihr. Nur, was es damit auf sich hatte, wusste sie auch nicht bis ins Detail.
Wer wollte ihr das Leben nehmen? Annabelle, Stéphane, beide oder jemand anderes. Sie wurde wütend. Niemand von ihnen sollte es bekommen. Nein, sie sorgte dafür und wenn es das Letzte war, dass sie erreichte. Ihre Kleider waren für eine Kletterpartie ungeeignet, aber sie musste weiter, Kleider hin oder her. Der rote, lange Rock verfing sich dauernd in Felsbrocken, Kanten und in den Sträuchern. Das Jäckchen hatte sie schon lange verloren. Sie war zu einem Ball eingeladen gewesen. Sie zerrte daran, wenn er hängen blieb. Hörte den Stoff reißen.
Kurz hielt sie inne und warf den Anhänger mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, ins Wasser. Sie sah ihn versinken und freute sich darüber. Den bekamen sie nicht. Nein, der war für sie alle verloren, egal, was mit ihr geschah. Sie trug das blaue Band, das schon so lange in ihrer Familie vererbt wurde. Sie hatte ein Recht darauf. Sie war etwas älter als Annabelle. Sie war die Erstgeborene.
Im gleichen Augenblick hörte sie einen Stein fallen. Weiter. Sie wollte versuchen, die kleinere Höhle zu erreichen, von ihr wussten nicht so viele. Ihre Chance. Sie atmete nun doch schwer. Das Klettern strengte an. Wieder entstand ein Riss im Kleid, als sie an einem dürren Ast damit hängen blieb.
Da hörte sie ein Flüstern, ganz nah – höhnisch und böse. „Gabrielle, du entkommst mir nicht.“ Das hörte sie noch bewusst. Sie wurde gepackt. Sie schrie auf. „Wo ist der Anhänger?“ Sie lachte hysterisch.
Er hatte nicht gesehen, dass sie sich des Anhängers entledigt hatte und in einem letzten Augenblick verschaffte ihr das Befriedigung. Da schlug er zu. „Du wirst es mir sagen Kleine.“ Doch der Anhänger war für ihn verloren. Sie schrie und lachte wieder.

1. Kapitel
„Vermisst wird …“ Er warf die Zeitung dorthin, wo er sie aufgelesen hatte. Sie lag auf einer Mauer, aber es interessierte ihn nicht. Keine Nachrichten und nicht diese Vermisst-Meldung. Er konnte keine so genannten sachdienlichen Hinweise über den Verbleib der Frau liefern und wer sie war, kümmerte ihn nicht. Bestimmt tauchte sie früher oder später wieder auf. Er wollte entspannen. Die Seiten der Zeitung von La Seyne flatterten im Wind.
Warum er die Einladung bekommen hatte, wusste er nicht. Aber er hatte sie neugierig angenommen und stand vor dem Haus. Rätsel mochte er, aber keine Erinnerungen an gewisse Ereignisse in seinem Leben. Fabien sah sich um. Es gefiel ihm. Die Pension lag nicht weit vom Strand. Die Landschaft bot schöne Ausblicke und er hatte das Gefühl, dass er in ein Abenteuer eintauchte. Hätte ihn die Vermisste doch interessieren sollen? Vielleicht war das Teil des Rätsels? Ach Unsinn. Für ihn war das eine mehr, die abgehauen war. Was für ein Abenteuer war egal. Er nahm es wie es kam. Und wenn es zu dick kam, wusste er sich zu wehren. Dafür hatte er in seinem bisherigen Leben genug Rüstzeug mitbekommen. Nicht das er schon alt war. Nein, er war jung und stark, aber es war einiges geschehen, durch seine Schuld, oder anderes fremd gesteuert. Er wusste, was er nicht wollte, doch noch nicht genau, was ihm lag – oder nicht mehr – und nicht, wohin er ging.
Er trat mit seinen Taschen ein und meldete sich an: „Fabien Voizinet genannt Chip meldet sich zur Stelle. Groß, schlank, blond, wild und unwiderstehlich.“
Er lachte. Natürlich löste diese Anmeldung Erstaunen aus. Als er in seinem Zimmer ankam, warf er alles in eine leere Ecke, und sich selbst aufs Bett. „Ich bin da. Ist das alles?“ Wenn ja, würde er sich schnell langweilen. Aber … vorschnelle Schlüsse waren nicht sein Ding. Mal sehen – abwarten.
Er sprang gleich wieder auf, öffnete ungestüm das Fenster, sah die Wellen des Meeres glitzern und fühlte sich abwartend. Das mochte er nicht. Er agierte, nahm in die Hand. Kein anderer zog für ihn die Fäden und grenzte ihn damit ein. Er wartete nicht ab, handelte, selbst wenn er dabei auf die Schnauze fiel und sich blaue Flecken und eine blutige Nase holte, selbst wenn der Kopf brummte und die Knochen knackten. Frei.
„Essen!“ Gute Idee. Er fuhr sich durch die Haare, wühlte nach bequemen Schuhen, streifte die über, polterte hinaus und ließ die Türe lachend ins Schloss knallen. Sie sollten gleich wissen, wen sie sich ins Haus geholt hatten. „Was dachtet Ihr denn? Wenn ihr mich herbestellt, habt ihr das Geschenk. Mal sehen, wie schnell die Einladung widerrufen wird und ich mit einem Tritt in den Allerwertesten vor der Türe lande.“
Wie ein Trampeltier fuhr er in den Speisesaal ein und stieß ein lautes „Guten Abend Herrschaften!“ in den gemütlichen Raum. Er rückte sich einen Tisch dahin, wo er ihn haben wollte, setze sich endlich und fragte laut: „Was gibt es zu essen und was Neues?“ Er schaute fragend in die Runde. Antwort blieb aus. Auf den Tischen gab es Tischdecken und nicht nur Sets. Alles schien farblich aufeinander abgestimmt, nicht zu grell und nicht zu langweilig. Die Hauptfarbe ging in ein warmes helles Braun. Dazu die Muster, vermutlich solche, aus der Gegend. Selbst die Vorhänge waren dem angepasst. Die Servietten, die Sitzkissen auf den Holzstühlen und die Decken auf Anrichten und Kommoden. Es war nicht zu groß und nicht so klein, dass man darin Platzangst empfand. Es gab Nischen und verschwiegene Ecken. Es war alles so angeordnet, dass jeder Gast, wo immer er saß, einen angenehmen Ausblick genießen konnte. Außer er hatte ausgerechnet Fabien im Blickfeld. Es kam darauf an, wie er sich benahm. Sein Aussehen war nicht abschreckend. Mit seinem Benehmen mussten sie sich abfinden. Irgendwann tauchte bestimmt der auf, der ihn herbestellt hatte und dann sah er, was daraus wurde.
Die Folge seines Auftretens waren fragende, verwirrte Blicke von einigen Seiten und eine rundliche, nicht mehr ganz taufrische Frau, die ihn mit einer Karte in der Hand und in Falten gelegter Stirne ansteuerte. Bevor sie etwas sagen konnte, sah er ihr frech in die Augen und ließ verlauten: „Lächeln Sie Madame, dann glättet sich die Stirne. Das ist besser für den Teint.“
„Guten Abend, mein Herr“, kam zurück, gefolgt von den Speisevorschlägen. Er wählte und fügte an: „Ich bin Fabien, kein Herr.“
„Ich wollte nicht unfreundlich sein.“
Sie spazierte davon, verschwand im Wirtschaftsbereich und er hörte ihre Frage: „Was ist denn das für einer?“ Er grinste.

23. Oktober 2019

'Die Leiden des RICHARD DAWKINS: Was Goethe und Carus von den Argumenten der Zufallsdarwinisten halten' von Abaris

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
GOETHE und sein Freund CARUS reisen mittels einer Zeitmaschine in das 21. Jahrhundert, voller Neugier und fest davon überzeugt, dass sich das Projekt der Aufklärung aufs Schönste vollendet hat. Pustekuchen! Gott mag zwar tot sein, aber dass meinungsstarke Stimmen der Wissenschaft sich in Fragen der Welterklärung lieber auf den schnöden Zufall berufen, ist schon ein starkes Stück. Wer ist dieser RICHARD DAWKINS eigentlich und warum vergisst er vor lauter Wut auf die Religion, dass Geist und Intelligenz nicht einfach so vom Himmel fallen?

GOETHE und CARUS beschließen, sich den Wettstreit zwischen Gläubigen und Atheisten einmal genauer anzusehen. In der Auseinandersetzung mit DAWKINS und anderen weisen die beiden Zeitreisenden auf einige gravierende Denkfehler hin, die sie sowohl in den Weltbildern der Religionen als auch bei den Zufalls-Anhängern vorfinden. Ihr eigenes, pantheistisch geprägtes Weltbild sehen sie hingegen durch die Philosophie, die moderne Physik und auch durch das reine Schauen bestätigt.

Der Autor schreibt unter dem Pseudonym ABARIS und verwendet damit den Namen, den GOETHE beim Orden der ILLUMINATEN hatte. Dieser Orden hatte unter anderem das Ziel, die AUFKLÄRUNG des Menschen zu fördern. Können GOETHE respektive ABARIS auch heutzutage noch etwas dazu beitragen? Lassen Sie sich überraschen!

Leseprobe:
GOETHE: Dann kennst doch sicherlich die auf ARISTOTELES zurückgehende Logiklehre.

CARUS: Natürlich kenne ich die. Die Logiklehre besteht aus drei Teilen, wobei zwei Ausgangsprämissen einwandfrei und ohne Widersprüche definiert sein müssen. Wenn dies der Fall ist, kann eine in sich logische und widerspruchsfreie Schlussfolgerung abgeleitet werden.

GOETHE: Sehr schön. Dann lass uns dies doch gleich anwenden. Was hältst du davon?

• Die materielle Form des Menschen bildet sich und bleibt erhalten, solange Geist und Intelligenz im Menschen vorhanden sind.
• Der Mensch ist ein Lebewesen.
• Also sind Geist und Intelligenz die Voraussetzungen für die Entstehung und den Erhalt der materiellen Form von Lebewesen.

...

ARISTOTELES war also der Gründungsvater der Biologie! DAWKINS führt den Gründer der Biologie, eben ARISTOTELES, im Namensregister aber überhaupt nicht auf! Und weißt du auch, warum er das getan hat?

GOETHE: Ich habe eine Vermutung, aber sage es mir.

CARUS: Weil Aristoteles eine Diskussion mit Zufalls-Darwinisten wie DAWKINS und KUTSCHERA abgelehnt hätte! Er hätte die beiden vielmehr des Raumes verwiesen und Ihnen noch nachgerufen:

Der Nous (Geist) ist der Gott in uns, und menschliches Leben birgt einen Teil eines Gottes in sich, also soll man entweder philosophieren oder vom Leben Abschied nehmen und von hier weggehen; denn alles Übrige scheint nur törichtes Geschwätz zu sein und leeres Gerede.

GOETHE schmunzelt: Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können!