29. Oktober 2019

'Mandarinen aus Jaffa: Eine Liebe erwachte in Notting Hill' von Patrizia Joos

Kindle | Tolino | EdelElements
Eine große Liebe zweier Menschen, die sich nie vergessen konnten

Ein Terroranschlag, der in New York verhindert wird. Eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die in London beginnt und ein Hund, der zum Therapeuten und echten Lebensretter wird.

Rosamund ‚Rose‘ Harper liebt den älteren jüdischen Architekten Raphael Jaron Rosengarten. Sie ist schön, 20 Jahre alt, aus New Jersey (USA), mit deutschen Vorfahren und studiert Architektur in London. Sie lebt in der Portobello Road in Notting Hill und träumt von einer Karriere als Architekturfotografin. Ihre große Liebe Raphael ist alles für sie. Doch als Raphael eines Tages die Beziehung aus heiterem Himmel beendet, zerbricht eine Welt für Rose und ihre ganze Zukunft gerät ins Wanken …

Ein Liebesroman über die große Liebe. Über das Erwachsenwerden und die Selbstfindung einer jungen Frau, die immer wieder ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnt.

Leseprobe:
Wieder ging ein wunderbares, malerisches Wochenende in Notting Hill zu Ende. Die beiden liebten sich tief und sehnsüchtig. Ein unsichtbares Band zwischen ihnen war vor längerer Zeit entstanden. Sie waren einander verfallen und konnten ihre Gefühle kaum in Worte fassen. Als wären sie füreinander bestimmt. Manchmal konnten sie ihr Glück kaum begreifen. Es fühlte sich für beide vollkommen an. Wie ein formvollendetes Mosaik, ein fertiges Kunstwerk. Nun verstanden sie die Liebesromane und Filme, die sie beide schon in ihrer jeweiligen Jugendzeit so sehr gemocht hatten, noch intensiver – auf einer erwachseneren und tieferen Ebene. Nun erlebten sie ihre eigene sinnliche Geschichte hautnah. Es waren keine Bücher mehr, keine Erzählungen oder Filme. Es war ihre gemeinsame Geschichte. Ihr gemeinsames Buch. Ihr gemeinsamer Liebesrausch. Die zauberhafte Liebesgeschichte von Rosamund – Rose – Harper und Raphael Jaron Rosengarten im edlen London.
Rose stand in der Dusche und wusch sich ihre langen honigblonden Haare, die bis zu ihrer Brust reichten. Reine Natur – keine Haartönung – und weich wie Seide. Sie wusste, dass Raphael dies an ihr liebte. Raphael betrat das große Badezimmer mit den hohen Wänden und beobachtete sie dabei, wie sie ihren Körper und ihre Haare pflegte. Ihr Herz schlug vor Freude schneller, denn sie spürte, dass er im Raum war. Mit geschlossenen Augen und einem Lächeln, das sie nicht verstecken konnte, genoss sie diese Situation und spürte ihn ganz nah bei sich. Sie wusste, dass auch er sie genoss, und dieses Wissen erfreute sie. Ihre Seele sehnte sich nach ihm. Langsam und feminin bewegte sie sich unter dem Wasserstrahl. Sie wollte ihm gefallen, ihm ein schönes Bild schenken mit ihrer sonnenverwöhnten feinen Haut.
„Die eleganten Linien“, flüsterte er leise, denn genau so hatte er Roses Figur in ihrer ersten gemeinsamen Nacht zärtlich genannt. Ihre Augen waren immer noch geschlossen, obwohl sie seine Stimme vernommen hatte. Es gehörte zu ihrem gemeinsamen Spiel. Weißer, duftender Schaum lief über ihren Körper – jede Dusche war für sie ein sinnliches Erlebnis. Das Badezimmer war in einen Duft aus Lavendel und Rosen gehüllt. Blütendüfte liebte sie seit ihrer Kindheit. Mit geschlossenen Augen stellte Rose die Temperatur auf kalt. Ihre Haut zog sich zusammen. Sie riss ihre Augen auf und blickte Raphael, der vor ihr stand, direkt in die Augen.
„Ich beobachte dich wie ein Künstler sein Kunstwerk. Du schönes Gemälde. Du schöne Violine“, flüsterte Raphael. Ihr Herzschlag beschleunigte sich vor Freude erneut. Sie lächelte sanft. „Du blühende Amaryllis!“, hauchte er und zog seinen cremefarbenen, seidigen Bademantel aus, ohne dass sie dabei ihren tiefen Augenkontakt verloren, und legte ihn einladend auf das dunkelbraune Holzregal, welches er einst von einer Afrika-Expedition zuerst mit nach New York und dann mit in sein Haus nach London gebracht hatte.
Er öffnete vorsichtig die Glastür und stellte sich zu ihr unter die Dusche. Rasch zog sie ihn zu sich heran und drehte den Hahn schlagartig auf Heiß, denn sie wusste, dass er heißes Wasser liebte. Er nahm sie sanft in seine Arme und sie fingen an, sich liebevoll zu küssen. Sie hielten sich fest umschlungen, wie wertvolle Schätze. Als wollten sie sich nie mehr wieder loslassen. Sie spürte sein Herz, er das ihre. Sie liebte dieses angenehme Gefühl, welches sie schon in ihrer allerersten Nacht mit ihm erlebt hatte. Seinen betörenden Körper, seine wohlgeformten Hände, seine lebendigen Lippen. Seine gepflegte Haut und seinen natürlichen, weltmännisch edlen Duft. Die feine Art, wie er sie küsste, ließ sie schweben. Schweben wie eine Möwe, die frei über den Canal Grande in der Hafenstadt Venedig segelte. Seine wolkenlosen klaren Augen, seine mondänen und gleichzeitig natürlich wilden Haare – alles, sie liebte alles an ihm. Den anregenden Geschmack seines Körpers und den einzigartigen Duft seiner Haut. Sie hielt ihn fest umschlossen. Das Wasser glitt über ihre Körper und bildete eine Art Springbrunnen. Ein Springbrunnen wie jener, der in seinem Rosengarten stand. Auf den sich im Frühjahr die Vögel setzten und ihnen in der Früh ein Ständchen sangen. Sie spürte seine langsamen, behutsamen Liebkosungen an ihrem Körper, an jeder Stelle ihres Wesens. Ihre Haut glühte. Sie spürte ihn auf eine tiefe und sinnliche Weise und küsste ihn tiefer und leidenschaftlicher. Sein Körper versetzte sie in einen fliegenden Zustand. Rose stellte sich auf ihre Zehenspitzen und drückte sich, so fest es ging, an ihn. An seinen Körper. ‚An meinen‘, dachte sie sich. ‚Dieser Körper gehört mir. Raphael gehört mir. Er ist mein und wird es immer sein. Für immer und ewig Raphael.‘

Der Wecker klingelte. Sie erwachten. Ein neuer Tag in Notting Hill war angebrochen. Sie schaltete ihn auf Wiederholung und drehte sich schlaftrunken wieder zu Raphael. Er zog sie behutsam zu sich heran. Sie küssten sich und schauten sich dabei in die Augen. „Guten Morgen. Schalom, beautiful Rose“, sagte er zu ihr und lächelte dabei. Sie lächelte zurück und hauchte mit einem französisch-amerikanischen Akzent: „Bonjour, Schalom, mein Sonnengott!“
Raphael war ein liberaler Jude, der sehr amerikanisch lebte, aber gewisse jüdische Traditionen in seinen Alltag integrierte. Rose war fasziniert davon und fand es herrlich aufregend. Es waren Kleinigkeiten wie Sprichwörter, Angewohnheiten oder auch kleine Rituale. Wenn sie sich nach dem Abendessen zärtlich in den Armen hielten, las er ihr Gedichte und Erzählungen von jüdischen Dichtern und Schriftstellern vor. Das gehörte zu ihren Abendritualen, die sie sich gemeinsam in seinem Schlafzimmer bei Kerzenschein und angenehmer Klaviermusik gönnten. Sie lauschte dabei seinen Worten und stellte sich manchmal vor, wie er wohl als kleiner Junge gewesen war. Oder auch in seiner Jugend. ‚Was für Musik hörte er wohl, als er das erste Mal in ein Mädchen verliebt war, damals in der Schule?‘, fragte sie sich ab und an.
Rose schaute Raphael an. Sie mochte sein zerknittertes Gesicht kurz nach dem Aufwachen sehr. Ihm gefiel ihr ungekämmtes Haar, das an eine zärtliche Nacht voller Liebe erinnerte und nach wilden Rosen duftete, das war ihr bewusst und damit spielte sie gerne. Sie waren durstig nacheinander. Sie küssten sich zärtlich. Ihr Herz schlug schneller. Wenn sie sich liebten, hielt sie sein Herz und er hielt ihres. Sie waren so tief miteinander verbunden. Durch ihren Kopf schwirrten Farben, Klänge und das Rauschen eines Meeres – gemischt mit dem Gezwitscher der Vögel in seinem Garten. Ihre Augen waren geschlossen. Rose drückte sich stärker an ihn. Spürte seine charmante Leidenschaft und fühlte seine Haut an ihrer. ‚Es fühlt sich an wie ein Sommergewitter‘, dachte Rose. Sie spürte ihn auf eine anmutige Weise an ihrem ganzen Körper.
Sie atmete tief aus und blickte ihm in seine blauen Augen und spürte ihr Herz pochen. Es pochte gegen ihre Rippen. Ihr Körper vibrierte und verband sich so mit dem seinen, als wären sie ein einziger Organismus. Verschmolzen in der Ewigkeit. Sie küssten sich sinnlicher und tiefer. Sie spürte seine weichen Lippen an ihrem ganzen Körper – als wolle er direkt in ihr Herz eindringen. Sie spürte seine liebevollen Küsse an ihrem Hals. Zärtlich küsste er das Goldkreuz, welches sie immerzu um ihren Hals trug. Sie liebten sich zärtlich und leidenschaftlich auf einer Ebene tiefer Verbundenheit. Sie fühlte sich wie auf einem Schiff auf hoher See. Die Wellen brachen über das Schiff herein und die Sonne strahlte und brannte. Als sie sein tiefes Ausatmen vernahm, dachte sie – und gewiss auch er – an seinen barocken Springbrunnen im Garten. Die Vögel zwitscherten. Sie strich über seinen Brustkorb, inhalierte seinen kultivierten Duft, der sie in höchstem Grade anregte, und deckte sich und ihn mit der großen, leichten dunkelblauen Decke zu. Rose empfand wie am ersten gemeinsamen Morgen, damals in seinem Haus in New York.
‚Was bin ich nur für eine glückliche Frau‘, dachte sie sich – und in diesem Augenblick ertönte das erneute Rasseln des Weckers. Sie blinzelte Raphael an. Er küsste ihre Stirn und sagte mit seinem Ostküstenakzent: „Ich habe so gut geschlafen.“ Und drehte sie wie einen Kreisel um ihre eigene Achse, stieg aus dem Bett und riss die Balkontür auf. „Schau, die Vögel am Brunnen.“
Sie sah vom Bett aus zu ihm hinüber und lächelte glückselig. Wie er den Brunnen und den Garten betrachtete und studierte. Sie liebte seinen Körper und die Art, wie er sich bewegte und die Welt studierte.
‚Ein wohlgewachsener und wohlgebildeter Mann‘, dachte sie sich. Ein Mann, der alles detailgenau inspizierte und beobachtete. Raphael wollte wissen, was sich dahinter verbarg. Hinter allem. Dieser durchdringende und einnehmende Blick war es, was sie bei ihrer allerersten Begegnung in London so faszinierend gefunden hatte. Sie nannte ihn Raphaelblick. Sie liebte seine Haare, die in gesunden Wellen, wie ein rauschendes Meer, bis zu seinen Ohren wuchsen. Seine Augenbrauen waren dunkel und mächtig und wuchsen wild über seinem dunklen Wimpernkranz. Seine Nase erinnerte an eine antike Statue, stolz und aufrecht stand er auf dem Balkon. Seine Lippen waren die Lippen eines sinnlichen und erfahrenen Mannes. Weich und tiefrot. Sein Wesen und seine Erscheinung erinnerten sie an Helios, den Sonnengott. So nannte sie ihn seit ihrer ersten Begegnung. Ein kräftiger und sinnlicher Körper zugleich. So war auch sein Wesen. Sinnlich und kraftvoll. Sie liebte ihn mehr als sich selbst.
Raphael drehte sich zu ihr. Seine Blicke und die Sonnenstrahlen spürte sie auf ihrem Körper. Er öffnete die Balkontür und verließ das Schlafzimmer. Sie beobachtete seinen Gang, bis er für sie nicht mehr sichtbar war.

'Sky und Brandon: Die erste Liebe (Teil1)' von Alina Kessler

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Sky: Alles an ihm ist nur Schein, ihm ist nichts wichtig. In seiner Welt ist nur Platz für ihn allein.
Brandon: Sie ist unsichtbar, wie ein scheues Tier und ihre Verletzlichkeit erregt ein Interesse.

Wer anderen vertraut, wird enttäuscht. Das musste Sky auf schmerzhafte Weise lernen. Doch als sie Brandon begegnet, ändert sich einfach alles. Er verändert sie, ihre Gefühle, ihre Ängste und obwohl er alles verkörpert, was sie an einem Mann hasst, lässt sie doch zu, dass er ihr unter die Haut geht.

Schlaflose Nächte und eine Achterbahnfahrt der Emotionen warten auf sie, während Brandon sich immer weiter in ihr Leben schleicht. Was sie nicht ahnt, ist, dass unter den männlichen Mitschülern ihrer Schule eine furchtbare Wette läuft, in deren Mittelpunkt sie steht.

Sky beschließt das erste Mal seit Langem wieder jemandem zu vertrauen und augenblicklich läuft alles aus dem Ruder. Gefangen zwischen Zuneigung und Zurückweisung, zwischen Mut und Angst, muss sie entscheiden, ob Brandon das alles wert ist.

Leseprobe:
Vor zwei Jahren
Im Leben eines jeden Menschen gibt es Wendepunkte, die darüber entscheiden, wie das weitere Leben verlaufen wird. Wendepunkte, die wir weder kommen sehen, noch auf die wir vorbereitet werden können.
Sky Preston war gerade einmal sechzehn Jahre alt, als ihr dieser Wendepunkt widerfuhr. Sie saß in diesem entscheidenden Augenblick in einem Gerichtssaal, der vollgestopft war mit Geschworenen, Anwälten, Ärzten, Polizisten, und eine erdrückende Hitze sorgte dafür, dass sie Schweißausbrüche bekam.
Besorgt sah sie nach rechts zu ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester, deren Hand sie hielt. Christines Finger waren eiskalt und zitterten, so aufgeregt war sie. Ihre großen blauen Augen waren starr nach vorne gerichtet, auf den Hinterkopf eines Mannes, der sich leise mit seinem Anwalt unterhielt. Ihre kleine Schwester wurde von Minute zu Minute nervöser. Dagegen konnte Sky nichts tun, außer weiterhin ihre Hand zu halten und ihr so viele Halt und Sicherheit zu geben, wie es ihr möglich war.
Aufgeregt sah Sky von ihrem Platz aus zum Richter, der ein Stück Papier studierte und die beiden Anwälte zu sich rief, um Fragen zu stellen. Eifrig sprachen die drei miteinander. Liebend gern hätte Sky die Männer aufgefordert lauter zu sprechen, damit sie mithören konnte, was besprochen und beschlossen wurde. Diese Verhandlung dauerte bereits zwei nervenaufreibende Stunden, dabei wurde ihre eigene Zeugenaussage noch nicht einmal aufgenommen. Hoffentlich würde ihre Geschichte diesen Prozess beschleunigen und den Alptraum endlich enden lassen.
Ungeduldig sah sie nach links und begegnete Grace besorgtem Blick. Natürlich war sie besorgt, denn dieser Tag würde auch ihr Leben verändern und darüber entscheiden, ob sie Sky und Christine adoptieren konnte oder nicht. Es gab guten Grund, dem Urteil entgegenzufiebern.
Endlich entließ der Richter die beiden Anwälte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Papier in seiner Hand zu. Minutenlang studierte er es, bevor er alles beiseitelegte, einmal schwer ausatmete und den Blick im Raum umherschweifen ließ.
„Mr. Becker, Sie dürfen fortfahren“, entschied er und überließ das Wort dem Staatsanwalt, der sofort aufsprang und sein Jackett glättete.
„Vielen Dank, Euer Ehren“, sagte der junge Anwalt schnell und griff in seine Akten, um einen Notizzettel herauszusuchen. „Als Nächstes ruft die Staatsanwaltschaft Miss Sky Preston in den Zeugenstand.“
Augenblicklich gefror sämtliches Blut in Skys Adern zu Eis, als sie ihren eigenen Namen so laut von den Wänden widerhallen hörte. Es war so weit. Ein Haufen unterschiedlicher Emotionen begann in ihrem Inneren miteinander zu fechten. Angst, Panik, Freude, Hoffnung, Verzweiflung und unbändiger Hass. So vieles war in ihrem Leben schon passiert und hatte sie hierher zu diesem einen, alles verändernden Moment im Gerichtssaal geführt. So viele schreckliche Dinge waren ihr widerfahren, Dinge, die einem anderen Menschen in seinem ganzen Leben nicht geschahen. Aber sie hatte es ausgehalten, sie hatte es überlebt und nun war der Moment gekommen, an dem sie sich davon befreien konnte.
Steif und angespannt erhob sie sich von der Bank und blickte nach vorne zum Richter, der ihr aufmunternd zunickte, als ob er ahnte, wie viel Kraft die nächsten Minuten sie kosten würden.
„Alles wird gut, Sky“, versuchte Grace sie zu beruhigen. Sky konnte nur nicken und schluckte hart. Als die Finger ihrer kleinen Schwester ihrer Hand entglitten, sah sie noch einmal zurück und blickte in die hoffnungsvollen Augen von Christine. Sie ist viel zu jung, um das hier miterleben zu müssen, dachte sich Sky traurig und hoffte inständig, dass in einigen Monaten die Erinnerung an diesen Tag verblasst sein würde.
Ein Raunen ging durch die Anwesenden, als sie endlich im Gang stand und langsam nach vorne ging. Ihre schwarzen Ballerinas schienen plötzlich bleischwer zu sein und ihre Füße konnten kaum den Boden verlassen. Ihre Beine steckten in einer schwarzen Jeans, die ihr unglaublich eng erschien, und oben hatte sie sich ein schwarzes Shirt und eine Strickjacke übergeworfen, die ihr zu groß war. Hilfesuchend sah sie zum Staatsanwalt, den sie in den letzten Wochen besser kennengelernt hatte und der ihr aufmerksam entgegensah. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, dachte sich Sky und verschränkte die Arme vor der Brust, um das Zittern ihrer Finger zu verbergen.
„Meine Güte, sieh dir ihr Gesicht an“, hörte sie eine Frau zu ihrer Linken flüstern und senkte sofort den Kopf, damit ihre blonden Haare ihr Profil verdeckten. Zu spät, das Veilchen wurde schon entdeckt. Vor zwei Wochen hatte sie einen heftigen Schlag auf den Kopf abbekommen, so dass die Haut an ihrer Schläfe aufgeplatzt war und die Stelle mit mehreren Stichen genäht werden musste. Die Narbe wäre schon verheilt gewesen, hätte Sky in einem hysterischen Anfall nicht versucht, sich das Gesicht zu zerkratzen und zu entstellen, wodurch die Haut wieder aufgerissen und sich die Hälfte ihres Gesichts blau verfärbte hatte. Erneut musste ihre Wunde genäht werden und von den Ärzten gab es eine kleine Dose mit Antidepressionspillen obendrauf. Drei Stunden bei einer Therapeutin und einige Tage Krankenhausaufenthalt und schon hielt man sie für geheilt, zumindest oberflächlich.
Wenn es keine sichtbare blutende Wunde gab, war Sky gesund, so lautete zumindest die Philosophie der Ärzte damals.
Ihre Füße wurden immer schwerer, je näher sie dem Richtertisch kam, aber irgendwann hatte sie den vorderen Bereich des Saals erreicht. All diese Blicke, die auf sie gerichtet waren, machten sie nervös und am liebsten hätte sie wie eine Irre um sich geschrien, dass man endlich aufhören sollte sie anzustarren. Besonders die Blicke der Polizisten im Saal setzten ihr zu.
„Miss Preston“, wandte sich der Staatsanwalt an sie. „Sie müssen dort vorne im Zeugenstand Platz nehmen.“ Er deutete auf einen Stuhl nicht weit vom Richter. Einem Stuhl, der ihr Hoffnung und Angst zugleich schenkte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als ein Beamter an sie herantrat und darauf wartete, dass sie Platz nahm. Ohne ihre Augen von dem Gegenstand zu lösen, den dieser in der Hand hielt, setzte sie sich hin und versuchte nicht in Panik zu verfallen.
Der Beamte brachte den Gegenstand in seiner Hand in ihre Reichweite und begann zu reden. Da Sky völlig durcheinander war, verstand sie kein einziges Wort, bis sie die entscheidende Frage vernahm.
„Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit, so wahr Gott Ihnen helfe?“ Abwartend sah der Beamte sie an, so dass Sky ihre Hand auf die dargebotene Bibel legte und versuchte einen kalten Schauer zu unterdrücken.
Die Wahrheit, überlegte sie angestrengt. Sie hatte die Wahrheit schon so oft und laut geäußert, dennoch hatte ihr niemand geglaubt. Warum sollte sich daran nun etwas ändern? Und warum hatte man ihr bisher kein Gehör geschenkt? Nur weil sie diesmal ihre Hand auf eine Bibel legte, würde man ihr sofort Glauben schenken? War das deren aller Ernst?
Mit trockenem Hals bejahte sie. Der Beamte trat von ihr weg und die Anwesenden im Saal kamen wieder in ihr Blickfeld. Nur einen einzigen Punkt im Raum versuchte sie nicht anzusehen, eine einzige Person.
Mr. Becker trat vor seinen Tisch und verschränkte die Hände im Rücken, bevor er sie anlächelte. „Geht es Ihnen gut, Miss Preston?“
Wozu diese Höflichkeit, fragte sich Sky und rutschte auf dem Stuhl herum.
„Nein“, gestand sie und senkte den Blick.
Als er sie erneut ansprach, klang seine Stimme mitfühlend. „Wir versuchen, das hier schnell über die Bühne zu bringen, damit Sie gehen können.“
Dankbar nickte sie.
„Bitte sagen Sie uns, wer Sie sind“, begann der Anwalt.
Mehrmals musste Sky schlucken, bevor sie zu sprechen begann. „Mein Name ist Sky Preston. Ich bin hier in Kalifornien geboren und lebte bis vor Kurzem zusammen mit meiner Schwester in einem Teilort von Los Angeles.“
„Wie alt sind Sie?“
„Sechzehn.“

28. Oktober 2019

'Mord & Schokolade: Paula Anders' erster Fall' von Klaudia Zotzmann-Koch

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Klaudia Zotzmann-Koch
Das süßeste Fachwerkhaus der Welt, wie der Hildesheimer “Umgestülpte Zuckerhut” schon einmal genannt wurde, beherbergt Paula Anders’ Spezialitätengeschäft »Bittersweet«: Schokolade und Kaffee. Nur einige hundert Meter weiter klaffen auf der Dombaustelle tiefe Löcher in der entweihten Erde. Als auf den Stufen zur Krypta ein Toter mit einer mysteriösen Schokoladentafel in der Tasche gefunden wird, steckt Paula mit einem Mal tief in Verstrickungen und Korruption, denen auch ihre Jugendliebe Thomas nicht entrinnen kann.

Leseprobe:
»Du miese Ratte!« Rita tobte und machte zwei große Schritte auf Christian zu, der vergeblich versuchte, die Fassung zu bewahren. »Gottloser Dreckskerl! Ich hätte dich nie heiraten sollen!« Ihre Stimme hallte schrill von den blanken Wänden der entweihten Krypta wieder. Sand rieselte aus einem Mauerspalt am hinteren Ende, wo die Archäologen sich bis durch die Wand gegraben hatten.
»Rita, beruhige dich doch. Es ist alles nicht so, wie du denkst.«
»Nicht, wie ich denke? Nicht wie ich denke? Was ist daran denn anders zu denken, wenn ich herausfinde, dass du fremdgehst? Wer ist die Schlampe? Wie jung ist sie?« »Rita, ich habe mit keiner …« »Ach nicht?« Sie zog die Packung Kondome aus der Jacke, die sie am Mittag in seiner Tasche gefunden hatte. »Und was ist das hier?«
Christian wurde blass. Er war so vorsichtig gewesen, hatte immer so penibel darauf geachtet, dass es keine Anzeichen und schon gar keine Beweise gegeben hatte. Und nun hatte seine Frau tatsächlich etwas in der Hand. »Aber die sind doch für die Jugendgruppe … Ich habe da zwei erwischt und … Jetzt beruhige dich doch, Liebes.«
»Liebes? Du wagst es noch, mich Liebes zu nennen? Und wieso genau sollte ich mich beruhigen?« Sie kam noch einen Schritt näher und ihr Blick schweifte dabei über die Gerüste und Baustellentische, die die Dombaustelle beherrschten. Sie fand einen großen Hammer auf dem Gerüst, griff ohne nachzudenken nach dem Werkzeug und war in der nächsten Sekunde erstaunt darüber, wie schwer es war. Doch ihre Wut war unbändig genug, dass sie es weitere drei Sekunden später schon wieder vergessen hatte und sich dabei fand, den völlig verdutzten Christian damit zu bedrohen. »Acht Jahre lang war ich dir treu! Acht Jahre!«
»Rita, du bist die einzige …«
»Acht! Jahre! In denen du die meiste Zeit unzählige Ausreden gefunden hast, um bloß keine Zeit mit mir zu verbringen! Ich wartete daheim und wo warst du? Hier!« Sie schwenkte den Hammer um sich in einer Geste, die den gesamten Bau mit einschloss. »Ich machte mich hübsch für den gemeinsamen Abend im Theater und wo warst du? Mit der Jugendgruppe am Galgenberg!« Sie schwang den Hammer in die grobe Richtung, wo sich am Stadtrand die genannte Anhöhe befand. »Ich habe ein Fünf-Gänge-Menü gekocht zu deinem Geburtstag … Und wo warst du? Mit dem Bischof im Bermudadreieck!« Wieder flog das Hammerende, diesmal in Richtung Friesenstraße. »Und jetzt das hier? Ich wasche deine Baustellenklamotten, die du hier tagtäglich einsaust und du platzierst mir das Corpus Delicti auch noch direkt vor der Nase? Willst du mich eigentlich verarschen? Kirche, Beten, Arbeiten und jetzt Huren? Willst du die gesamte Kirchengeschichte in einem einzelnen Leben nachstellen?«
»Rita, ich wollte dir doch nicht wehtun!« Christians Stimme klang nun flehend.
»Oh, du gibst es also zu? Aber ich will dir gerade wehtun, das kannst du glauben. Gleich noch vor dem Lieben Gott und Jesus selbst.«
»Rita! Zieh den Namen des Herrn nicht in den Schmutz!«
»Wie bitte?« Sie machte katzenartig wieder drei Schritte auf ihn zu und war nun fast dicht genug, dass sie ihn bei der nächsten Hammergeste mit dem schweren Instrument am Ende noch erwischen könnte. »Wenn der Herr so gütig ist, dann wird er dir vergeben, aber ich bin nicht der Herr! Ich bin nur deine Frau.«
»Ja eben, Rita! Meine Frau! Vertraust du mir denn gar nicht?«
Das war zu viel und Rita, die mit Geschrei und Gefuchtel schon einiges an wütender Energie herausgelassen hatte, brauste erneut auf, noch heftiger als zuvor. »Vertrauen? Mach, dass du hier herauskommst, sonst versündige ich mich wirklich noch an dir!«, schrie sie. Diesmal hallte es sogar oben im Dom und Christian schrak zusammen. So hatte er Rita noch nie erlebt und bekam es tatsächlich mit der Angst zu tun.
»Rita, ich liebe dich doch!«, versuchte er, sie zu beschwichtigen, doch es klang kläglich. Und falsch. Tränen rannen ihre Wangen herunter und sie schüttelte gebrochen den Kopf.
»Das glaubst aber auch nur du.« Sie drehte sich zum Ausgang um, den Hammerarm schlapp an ihrer Seite hängend und in Christians Augen keimte ein Funken Hoffnung auf.
»Ich habe wirklich keine andere …«
»Und lügen kannst du auch. Hier im Dom. Baustelle hin oder her, aber dies ist noch immer ein Gotteshaus. Du versündigst dich. Schon seit acht Jahren. Du bist der verlogenste Mensch, der mir je begegnet ist. Ich will dich nicht mehr sehen. Bin ich froh, dass wir wenigstens keine Kinder bekommen haben, sonst hätte ich am Ende noch tagtäglich deine Visage vor Augen, auch wenn ich mich von dir scheiden lasse.«
»Du willst dich scheiden lassen?« Jetzt klang Panik in Christians Stimme durch. »Du kannst dich nicht scheiden lassen! Vor allem kann ich mich nicht scheiden lassen! Wie sähe das denn aus?« Diesmal rannte er auf sie zu und packte seine Frau bei den Schultern. »Rita! Du kannst dich nicht scheiden lassen!« Er griff fester zu und schüttelte sie.
»Und wie ich das kann!« Panisch riss sie sich los und sprang die ersten drei Stufen von der Krypta in den Dom hinauf.
»Rita!« Christians Stimme überschlug sich fast, als er ihr nachjagte und versuchte, ihr Bein zu greifen, als plötzlich ein lautes Krachen durch den Raum hallte.

26. Oktober 2019

Morgan Stern

Die Hauptrolle im Alltag von Morgan Stern spielt ihre Familie. Sie liebt das Meer und Wasser ganz im Allgemeinen, Musik, Hunde, Fotographieren, Kaffee trinken, gute Gespräche, Natur, Reisen und vieles mehr.

Morgan Stern über sich: "Seit ich schreiben kann, tue ich dies mit Leidenschaft und nur zu gerne widme ich mich Geschichten, die in keine Schublade passen, die anders sind, nicht nur an der Oberfläche kratzen sondern gerne in die Abgründe der menschlichen Psyche blicken."

Weblink: morganstern.de


Bücher im Buch-Sonar:




25. Oktober 2019

'Sonnenblumenglück' von Morgan Stern

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Morgan Stern | Autorenseite im Blog
Selbst wenn du die Suche nach dem Richtigen längst aufgegeben hast, könntest du eines Tages von ihm gefunden und wachgeküsst werden.

Die eher bodenständige Melissa sehnte sich schon als kleines Mädchen nach einem Traumprinzen wie aus dem Bilderbuch. Leider ist dieser auch kurz vor ihrem 30. Geburtstag noch nicht in Sicht. Sie selbst kann außer einem grauen Büroalltag und ein paar Freunden wenig Aufregendes vorweisen.

Als sie auf einem Wochenendtrip dem finnischen Musiker Jani begegnet, lässt sie sich nur zu gerne von ihm im Sturm erobern und mitreißen. Ohne zu zögern, verabschiedet sie sich von ihrem alten Leben und folgt ihm in seine Heimat.

Doch wie viel Alltag verträgt ihre junge, leidenschaftliche Beziehung? Taugen Finnen in Tourbussen überhaupt als potenzielle Traummänner? Wie viele imaginäre Drachen müssen gejagt und Schlachten geschlagen werden, damit die große Liebe allen Widrigkeiten standhalten kann?

Leseprobe:
„Wagner.“ Ich räusperte mich. „Melissa Wagner.“
„Nein, habe ich hier nicht, Frau Weber.“
„Wagner. Nicht Weber.“ Ich spürte, wie mein Blutdruck langsam aber sicher in die Höhe schoss. Wie ich das hasste. Was war an meinem Nachnamen denn bitte so schwer? Nein, daran oder an dem möglicherweise begrenzten Horizont meines Gegenüber lag es sicher nicht. War ich der Dame am Schalter denn so zuwider?
„Hier ist es ja. Ein Ticket nach Berlin?“ Sie zog die Augenbrauen hoch und musterte mich von oben bis unten.
„So ist es.“ Nervös tippte ich mit den Fingern auf dem Kassenschalter herum. Konnte ich jetzt vielleicht endlich bezahlen? Es war ja nicht so, als wäre ich alleine in der Bahnhofshalle. Ganz im Gegenteil. Ich wagte einen Blick über meine Schulter und erntete dafür aufgebrachte und missmutige Blicke der anderen wartenden Kunden. Ob sie davon ausgingen, dass ich und wirklich nur ich persönlich dafür verantwortlich war, dass die Dame am Schalter so gar nicht vorankam? Was kümmerte es mich? Wenn ich nur endlich das blöde Ticket bekommen würde!

Memo an mich: Zugtickets nur noch online buchen und zu Hause ausdrucken.
Eigentlich war mir schon seit der ersten Idee zu dieser Reise klar gewesen, dass es nicht unbedingt mein persönliches Highlight werden würde. Wieso ich es dennoch gebucht hatte? Nun, meiner Freundin zuliebe. Weitestgehend. Aber beginnen wir am besten erst einmal mit ein paar Details.
Eva und ich, wir hatten uns vor vielen Jahren im Urlaub mit unseren Eltern kennengelernt. Zu dieser Zeit hatten wir beide schon ein – na ja sagen wir mal so – Alter, in dem man die eigenen Eltern so gar nicht mehr cool fand und eigentlich nicht mit ihnen gesehen werden wollte. Aus unserer beider Not heraus schlossen wir uns relativ rasch zusammen und wurden in der einen Woche richtige Freundinnen.
Eva war toll. Sie brachte mich zum Lachen, hatte eine Menge sinnloser Ideen, die aber dafür umso witziger waren und uns so manche langweilige Stunde erträglich machten. Es schmerzte fast, als sich unsere Wege wieder trennten, aber wir versprachen uns, in Kontakt zu bleiben. Ob überhaupt eine von uns das wirklich beabsichtigt hatte war fraglich, denn Urlaubsbekanntschaften blieben ja erfahrungsgemäß auch dort, wo sie begonnen hatten, und fanden so gut wie nie einen Weg in den Alltag.
Bei Eva und mir war es anders gelaufen. Wir hatten es tatsächlich geschafft, einen gewissen Kontakt aufrechtzuerhalten. Sie wohnte in München, ich in einer Kleinstadt im Ruhrgebiet – sonderlich oft sehen konnten wir uns also nicht. Dennoch schrieben wir uns und bis heute ist sie eine meiner engsten Vertrauten und eine wahre Freundin. Als sie vor ein paar Monaten auf die Idee kam, dass wir zu einem gemeinsamen Städtetrip aufbrechen könnten, war ich noch recht enthusiastisch. Ich hatte Eva über ein Jahr nicht gesehen und ich reiste gerne. Wieso also nicht?

Leider hatte ich nicht in Erwägung gezogen, dass es ihr dabei nicht darum ging, mit mir zusammen ein Ziel auszusuchen. Vielmehr war es so, dass sie schon längst entschieden hatte, dass Berlin – und auch wirklich nur Berlin – in Frage käme. Wieso auch immer, die Hauptstadt hatte auf mich bislang keinerlei Reiz ausgeübt und das änderte sich auch nicht, als Eva mir davon vorschwärmte. Sie war schon einmal dort gewesen, Abschlussfahrt mit ihrer Schulklasse. Sie liebte Großstädte schon immer und so war es wenig verwunderlich, dass auch Berlin es ihr regelrecht angetan hatte. Laut ihr müsste man die Stadt gesehen und vor allem erlebt haben, um sie verstehen zu können.
Ich hatte da meine Zweifel, allerdings wusste sie, dass ich ihrem Flehen und Bitten irgendwann nachgeben und mich breitschlagen lassen würde.
Die Buchung des Hotels hatte Eva übernommen, meine Aufgabe bestand quasi nur darin, das Zugticket zu holen und am richtigen Tag im richtigen Zug zu sitzen. Das würde ich hinkriegen. Dachte ich.

***

„Oh, Melli!“ Eva ließ ihre Reisetasche fallen und stürmte mit offenen Armen auf mich zu. „Da bist du ja endlich!“ Überschwänglich gab sie mir ein paar Küsschen auf die Wange und drückte mich an sich.
„Schön, dich zu sehen“, grinste ich erleichtert.
„Alles gut geklappt? Wir können sofort los. Das wird so toll!“ Sie eilte zurück, schnappte ihre Tasche, warf sie gekonnt lässig über ihre Schultern und stand wieder auffordernd vor mir. „Komm, wir nehmen ein Taxi.“
Zugegeben, ich mochte sie wirklich und ich hatte sie vermisst. Auch nach all den Jahren und den unterschiedlichen Leben, die wir führten. Allerdings war es zwischenzeitlich klar ersichtlich, dass wir nicht wirklich viele Gemeinsamkeiten hatten. Zudem waren wir einfach erwachsen geworden, sie hatte in München studiert, arbeitete als Architektin und widmete sich leidenschaftlich gerne dem Nachtleben.
Und ich? Neben einer langweiligen Ausbildung und meinem mindestens genauso „spannenden“ Bürojob, dem ich noch heute mit Ende zwanzig die Treue hielt, konnte ich nicht viel Aufregendes berichten.
Dennoch mochte ich mein bodenständiges Leben, meinen überschaubaren Bekanntenkreis und das Kleinstadtidyll, welches ich Heimat nannte. Natürlich fragte ich mich hin und wieder, ob es da draußen nicht noch mehr gab. Ob nicht ein spannendes, ganz tolles anderes Leben auf mich wartete und ich es verpasste, weil ich mich schlicht und ergreifend nicht danach umsah?
Existierte irgendwo dieser eine Mensch? Mein Seelenverwandter? Wie definierte man Liebe? Wo war sie zu finden? Was war Glück? Und vor allem, wo war es?

Nüchtern betrachtet hatte ich alles, um glücklich zu sein. Meine Familie, ein paar Freunde, ein Dach über dem Kopf und genügend Geld zum Leben. War das nicht die Definition von Glück?
Ich kannte das Gefühl von Alleinsein, von Hoffnungslosigkeit und Resignation ebenso gut wie das der Zufriedenheit. Hatte alles davon selbst erlebt, gefühlt und war daran gewachsen.

Die Zeiten, in denen ich voller Illusionen durch die Welt schritt und daran glaubte, dass irgendwann der berühmte Tag X kommen würde, an dem sich mein Leben von Grund auf ändern und zum Besseren wenden würde, waren längst vorbei. Aus dem kleinen Mädchen mit den blonden Locken war eine erwachsene Frau geworden. Ich rannte nicht mehr so unbeschwert wie damals durch Sonnenblumenfelder und hielt auch nur noch selten so akribisch Ausschau nach vierblättrigen Kleeblättern. Wenn ich es tat, dann nicht mehr in der Hoffnung, dass ich meinen Träumen damit ein Stückchen näher kommen könnte.

Wie die meisten Mädchen hatte auch ich insgeheim sehr lange an meinen Vorstellungen eines perfekten Lebens festgehalten, auf meinen Prinzen mit dem Pferd gewartet. Nicht, dass ich Pferden je viel hätte abgewinnen können, aber rein theoretisch gehörte dieses Tier eben zum Bild des Prinzen.
In der Realität ließ meine Menschenkenntnis leider gerade in Bezug auf Männer etwas zu wünschen übrig. Vielleicht hatte ich in jungen Jahren auch einfach zu euphorisch Ausschau gehalten und mich dabei so verunsichern lassen, dass ich die Wahrheit gar nicht mehr vom vermeintlich schönen Schein unterscheiden konnte? Wer konnte das schon so genau sagen?

Unterm Strich hatte ich jedenfalls weitaus mehr Frösche als Prinzen geküsst und jene wenigen mit scheinbar blauem Blut hatten definitiv andere Defizite, mit denen ich nicht leben konnte oder wollte. Kurzum, ich hatte kein sonderlich glückliches Händchen für Beziehungen. Allerdings konnte ich wenigstens mit Stolz behaupten, dass ich diese eher destruktiven Verbindungen meist selbst beendete, und das in den meisten Fällen bereits bevor man mir zu sehr hatte weh tun können.
Mit den Jahren hatte ich mich damit abgefunden, dass ich nichts erzwingen konnte und war dementsprechend auch nicht mehr auf der Suche nach Mr. Right. Vielleicht würde er eines schönen Tages vor meiner Türe stehen, vielleicht auch nicht.
Ich hatte die Schnauze voll davon, mich auf Kompromisse einzulassen, nur um mir am Ende doch wieder eingestehen zu müssen, dass ich gar nicht der Typ Mensch war, der mit Kompromissen leben konnte. Ich ging davon aus, dass ich möglicherweise beziehungsgestört war, im schlimmsten Fall mangelte es mir auch an jeglicher Sozialkompetenz. Fakt war jedoch, dass ich diesen Teil von mir nicht ändern konnte. Nicht ändern wollte. Und schon gar nicht für jemand anderen, für eine Beziehung, die nur funktionieren würde, wenn ich mich selbst verbiegen würde, um dem anderen zu gefallen.
Ganz ehrlich, wohin hätte eine solche Partnerschaft schon führen sollen? Wenn man nicht seiner selbst wegen geliebt wurde, wurde man überhaupt nicht geliebt.

'Rowan - Flucht ins Sumpfland' von Aileen O'Grian

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Blog Aileen O'Grian
Das Magierreich wird von einer unheimlichen Macht bedroht, Echsenkrieger und Drachen besetzen das Land. Deshalb soll der junge Magier Rowan seine Freunde Ottgar, Thronfolger des Magierreichs, und Mardok, Enkel des königlichen Waffenmeisters, in Sicherheit bringen, damit die zukünftigen Führer des Landes die Invasion überleben. Er selbst soll, gemäß den Wünschen seines Großvaters Obermagier Bunduar, seine Magierausbildung im Sumpfland fortsetzen.

Die Aufgabe erweist sich als schwieriger als gedacht, da die Feinde überall lauern und Ottgar mit seinem ungestümen Wesen lieber an der Seite seines Vaters kämpfen will, statt zu fliehen. Auch Rowan sorgt sich um seine Freunde im Ostreich, wo sich der Aufstand gegen König Kustin ausbreitet. Vor allem liegt Rowan die junge Heilerin Haiwa am Herzen, die ihm viel bedeutet und deren Leben in Gefahr ist.

Band 4 der Reihe um den Magier Rowan.

Leseprobe:
Schon bald schienen die Wege unheilvoll. Egal, welche Richtung Rowan einschlug, überall spürte er diese gefährliche Gegenwart fremder Mächte. Auch Scharus, sein alter treuer Wallach, der übernatürliche Fähigkeiten hatte, weigerte sich immer wieder, weiterzulaufen.
„Wie lange willst du noch im Kreis reiten?“, murrte Ottgar schließlich verärgert.
„Ich weiß es nicht. Ich finde keinen sicheren Weg hinaus. Überall droht Gefahr.“
„Dann sei doch nicht so ängstlich, das Leben ist immer gefährlich. Vor allem, wenn man Ritter ist und erst recht als angehender König.“ Verächtlich fügte er hinzu: „Magier denken natürlich zuerst an die Sicherheit. Die kämpfen auch nicht in vorderster Reihe.“
Rowan schluckte, holte mehrmals tief Luft, um eine scharfe Erwiderung zurückzuhalten. „Könige sollten auch nicht an vorderster Front kämpfen“, sagte er nach einer Weile leise. „Sie sollten das ganze Schlachtfeld überblicken und kluge Anweisungen geben. Kopfloses Heldentum hat noch niemanden geholfen.“
Anschließend ritten sie schweigend weiter, bis sie in der Dunkelheit einen Felsüberhang fanden, unter dem sie geschützt übernachten konnten.
Am nächsten Morgen machte sich Rowan auf, um Nahrung für sie zu suchen. Es wuchsen viele Brombeeren und Nüsse hier und er sammelte eine ganze Weile, um auch für die nächsten Tage Vorräte zu haben. Er ärgerte sich, dass Ottgar ihm dabei nicht half. Noch größer war sein Entsetzen und Ärger, als er zum Lager zurückkehrte und Ottgar nicht mehr vorfand. Sein Pferd und seine Decke waren weg. Er hatte Rowan einfach im Stich gelassen.
Rowan fluchte laut. Warum hatte Bunduar ihm bloß mit dieser undankbaren Aufgabe betraut, Kindermädchen für den Thronfolger zu spielen? Was war aus ihrer engen, vertrauensvollen Kinderfreundschaft geworden?
Niedergeschlagen sattelte Rowan sein Pferd und suchte nach Spuren, um Ottgar zu folgen.
Er hatte Glück. Ohne um Hilfe gebeten zu haben, tauchte eine kleine Blumenfee auf einer Lichtung vor ihm auf.
„Du suchst diesen leichtsinnigen Jungen? Er ist nach Norden geritten.“ Sie zeigte mit der Hand zwischen hohen Laubbäumen hindurch. „Beeile dich, ihn einzuholen. Die Echsenkrieger lagern vor dem Moor.“
„Sind wir im Moor vor ihnen sicher?“, fragte Rowan.
„Ich befürchte nicht. Rettet euch in den Schnee. Kälte können sie nicht ab.“
Rowan sah sie irritiert an. So hoch waren die Berge im Magierreich nicht, als dass sie schneebedeckt waren. Trotzdem behielt er ihren Rat im Hinterkopf, als er sein Pferd antrieb, um Ottgar einzuholen.

Leider hatte Ottgar sein gesamtes Wissen, Spuren zu verwischen, eingesetzt, um Rowan die Verfolgung zu erschweren. Rowan fluchte leise, dafür langanhaltend. Warum hatte er Ottgar so viel beigebracht? Natürlich hätte er als Ritter und Jäger einiges über Spurenlesen und wie man sich heimlich bewegte auch von anderen Lehrern gelernt. Doch Rowan verstand erheblich mehr von der Natur, von den Geistern und Tieren und hatte Ottgar manches Geheimnis verraten. So musste Rowan immer wieder kostbare Zeit verschwenden, um die Spur seines Kameraden zu finden. An einem Bach kurz vor dem Moor verlor er sie. Sicher war Ottgar längs des Baches weitergeritten. Doch in welche Richtung  aufwärts oder abwärts? Bergab ging es Richtung Wanroe, wo König Wilhar residierte, also folgte Rowan dem Bachlauf. Doch als er nach einem halben Tag Ottgars Spur noch immer nicht gefunden hatte, wendete er und ritt bachaufwärts, Richtung Ostland. Das bereitete ihm Bauchschmerzen. Jetzt musste er nicht nur mit den Echsen rechnen, sondern auch noch mit Prinz Hrodwals Kriegern.
Am liebsten hätte er Sirii um Hilfe gerufen, doch das letzte Elfenfeuer musste er für einen wirklichen Notfall aufheben.
Endlich erkannte er die Stelle, an der Ottgar den steinigen Bachlauf verlassen hatte. Geschickt hatte er ein Felsplateau benutzt. Doch am Ende der Felsen hatte sein Pferd ein paar Zweige abgerissen. Jetzt konnte Rowan ihm schneller folgen. Obwohl es inzwischen dämmerte, ritt er weiter, da die Spur geradeaus wieder Richtung Wanroe wies. Mit dem Umweg hatte er also Rowan nur abschütteln wollen.
Kannte Ottgar sich hier nicht aus? Er würde bald auf das große Ostmoor stoßen.
Leider konnte Rowan die Nacht nicht durchreiten. Scharus war völlig erschöpft. Er rastete im Unterholz, band seinen Kameraden an Büschen fest und legte sich hin. Er würde eine leicht lesbare Spur hinterlassen, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Ottgar einzuholen, war viel wichtiger.
Sobald es am Morgen dämmerte, sattelte er und nahm die Verfolgung wieder auf. Nach mehreren Stunden hielt er an einem Bach inne, aß die Brombeeren und ein paar Nüsse, ließ das Pferd weiden und saß erst wieder auf, nachdem sie sich erholt hatten.
Gegen Abend wurde der Untergrund weicher, er näherte sich dem Moor. Bald wuchsen Moorpflanzen und Ottgars Spur wurde immer deutlicher.
Scharus‘ Ohren bewegten sich unruhig. Rowan stockte, als er plötzlich Kampfgeräusche hörte.
Doch statt sein Pferd anzutreiben, lauschte er erst einmal. Er konnte mehrere Reittiere stampfen hören. Vorsichtig näherte er sich dem Kampfplatz.
Er sah Ottgar, der sich zu Fuß verzweifelt gegen vier Echsenwesen wehrte. Sie waren bestimmt einen Kopf größer und viel kräftiger als stattliche Ritter, liefen aufrecht und waren am ganzen Körper von ihren Schuppen geschützt.
Rowan überlegte kurz. Selbst wenn er sich einmischte, würden sie die Echsen nicht überwältigen können. Schade, dass ihre Elfenhaarmäntel in Wanroe geblieben waren. Jetzt könnten sie sie gebrauchen, um sich unsichtbar zu machen.
Er benötigte unbedingt Hilfe, daher saß er ab, setzte sich auf den Boden und versenkte sich in sein Inneres. Er brauchte länger, als ihm lieb war, um zur Ruhe zu kommen.
„Ehrwürdiger Moorgeist, hilf deinen Freunden“, rief er endlich, als er so weit war.
Tatsächlich erschien ein grauhaariges Männergesicht zwischen den Binsen. „Warum soll ich dir helfen, du Jungspund?“
„Weil du meinem Großvater, dem Obermagier Bunduar, Treue geschworen hast“, flüsterte er eindringlich.
Der Moorgeist verschwand, ohne zu antworten.
Rowan wurde schwer ums Herz. Nicht einmal die Naturgeister hielten zu ihm. Wie sollte er da Ottgar retten?
Er nahm seinen Bogen und legte einen Pfeil ein, dann näherte er sich den Kämpfern, spannte den Bogen und zielte auf den vom Ottgar entferntesten Feind. Er nahm sich Zeit, genau auf eine Spalte im Panzer zu zielen, bevor er losließ. Mit einem Aufschrei sackte der Mann zusammen, griff noch nach seinen Hals, dann blieb er regungslos liegen.
Rowan legte den zweiten Pfeil ein. Einer der Männer hatte sich von Ottgar abgewandt, als er seinen Kameraden schreien hörte, und Rowan entdeckt. Jetzt eilte er auf den jungen Magier zu. Bevor Rowan eine verwundbare Stelle mit dem Pfeil fixieren konnte, versank der Gegner im Moor.
„Danke, Moorgeist!“, murmelte Rowan und legte auf den dritten Mann an. Auch ihn traf er. Doch nicht so gut, dass er zusammenbrach. Der Kämpfer zog den Pfeil heraus, warf ihn weg und drang weiter auf Ottgar ein. Eilig lief Rowan durch das Moor zu seinem Freund. Er achtete sorgsam auf den Untergrund und betrat nur Stellen, die er als tragfähig erkannte. Während er sprang, zog er sein Messer aus der Scheide. Entsetzt bemerkte er, dass zwei weitere Echsenkrieger aus dem Wald kamen und ihren Kameraden zu Hilfe eilten.
Er duckte sich unter einem Schwertschlag, erreichte endlich Ottgar und sie stellten sich Rücken an Rücken auf, um sich gegenseitig zu decken. Mit einem kräftigen Hieb in eine seitliche Panzerfuge erschlug Ottgar einen Gegner, einem anderen konnte Rowan das Messer in den Brustpanzer rammen. Doch ihm gelang es nicht, es wieder herauszuziehen.
Und die beiden hinzueilenden Echsen hatten sie fast erreicht.
„Ins Moor“, rief Rowan und sprang auf den nächsten Binsenbüschel zu. Und dann weiter. Ottgar folgte ihm blind vertrauend. Als sie sich mitten im Moor befanden, stellten sie fest, dass die beiden Echsen ihnen nicht mehr folgten.
„Und jetzt?“, fragte Ottgar.
„Keine Ahnung, aber wir leben noch.“

24. Oktober 2019

'Das Penthouse bekomme ICH (Happy Days 3)' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzky

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Weblink | Autorenseite
HAPPY DAYS
Melly erhält Besuch von Fenja und Valentin. Sie spielt für einige Tage Reiseführerin und zeigt ihnen ihr geliebtes Kyoto.

Kurz danach packt sie ihre Koffer, um endgültig nach Deutschland zurückzukehren. Sie trifft ihre große Liebe Taro vor der Abreise noch einmal, aber der winzige Keim ihrer Hoffnung wird von ihm gefühllos zertreten, sodass sie froh ist, als der Flieger Richtung Heimat abhebt.

Neben den Vorbereitungen für die Restaurant-Eröffnung beginnt sie mit der Wohnungssuche und verliebt sich in ein traumhaftes Penthouse mit Dachgarten und Blick über die Dächer auf das Meer. Allerdings hat sie prominente Konkurrenz – und das ist ausgerechnet der verwöhnte Sohn des einflussreichen örtlichen Zeitungsverlegers.

Leseprobe:
»Weißt du eigentlich, wie lange ich nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen habe? Ich glaube, beim letzten Mal«, überlegte Fenja, »war ich fünfzehn«.
»Dann kannst du jetzt deine Erinnerungen auffrischen, Cousinchen.« Tatkräftig schob Melly ihr Mietfahrrad auf die Straße.
Valentin folgte ihr und drehte sich zu seiner Frau um. »Vom bloßen Angucken hat sich noch kein Fahrrad in Bewegung gesetzt, Schatz.«
Fenja beeilte sich, den beiden hinterherzukommen. Die ersten Meter waren ein wenig wackelig, aber dann wurde es schnell besser.
»Nach dem spektakulären Bambuswald fahren wir zum Tenryuji Tempel. Da kommen wir nämlich vorbei. Ihr werdet von dem zauberhaften Garten begeistert sein«, rief Melly ihren Gästen zu, als sie kräftig in die Pedale trat.

Sie war stolz, endlich Besuch aus der Heimat zu haben und ihr geliebtes Land der Kirschblüte vorstellen zu können.
Japan hatte auf sie seit jeher einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt. Die Zeit der Shogune, die Welt der Samurai, die Tradition der Teezeremonie, die Geishas – all das faszinierte sie schon früh und ließ sie nicht mehr los. Als sie im Teenageralter das erste Mal in einem japanischen Restaurant aß, hatte sie weiteres Feuer gefangen. Diese Art des Vorbereitens und Kochens, ob nun Sushi oder Teppan Yaki, die Zubereitung von Speisen auf der heißen Platte, wollte sie unbedingt erlernen. Und ihrem Traum war sie zielstrebig gefolgt.
Melly hatte ihr Herz an ihr Gastland verloren, in doppelter Hinsicht. Zuerst liebte sie Japan, dann Taro Yamada. Allerdings kehrte sie in wenigen Wochen für immer in ihre alte Heimat Deutschland zurück – wegen Taro Yamada. Das Aus ihrer Beziehung konnte sie kaum verkraften, allein schon deshalb, weil sie sich täglich in der Restaurantküche begegneten.
Wie es bei den Japanern der Fall war, herrschte Höflichkeit. Es gab also keine Aversionen. Aber genau das machte es umso schwieriger. Beobachtete sie Taro, wie er sich bewegte, wie er sprach, die Art, wenn er schmunzelte oder etwas kritisch aus seinen schönen schmalen schwarzen Augen betrachtete, dann brannte ihr das Herz.
Ein paarmal glaubte sie zu spüren, dass er sich ihr gern genähert hätte. Doch so schnell, wie sie das empfunden hatte, war der Moment auch schon wieder vorbei.

Tatsächlich erreichten sie nach wenigen Minuten den Bambuswald. Fenja und Valentin sahen staunend an den stabilen, unten nackten Bambusstämmen hinauf.
»Ich habe gar nicht gewusst, wie hoch und dick diese Stämme werden können«, meinte Fenja fast andächtig.
Sie hörten das Rauschen der Bambusblätter im Wind und das Knarren der Stämme in ihrer Nähe.
»Es ist ein magischer Ort.« Das sagte Melly aus voller Überzeugung.
Die ersten Sonnenstrahlen drangen hindurch und tauchten den Bambuswald in ein nahezu mystisches Licht.
»Du hattest recht«, Valentin nickte, »in der Ruhe am frühen Morgen ist es etwas Besonderes.«
»Bei Sonnenuntergang erscheint es mir fast noch schöner. Nur tagsüber nicht, da sind hier zu viele Touristen, genauso wie am Tenryuji-Tempel. Diese Schönheiten muss man früh morgens oder spät abends genießen.«
»Obwohl ich ehrlich zugebe, dass ich heute Morgen lieber ausgiebig und faul Kaffee getrunken hätte.« Fenja rieb sich über die Augen.

Für einige Augenblicke war sie gedanklich weit weg. Urlaub hieß für sie, länger schlafen. Zu Hause beugte sie sich ihrem Pflichtprogramm von zeitigem Aufstehen, oft auch am Wochenende, das brachte das Hotelgeschäft eben mit sich.
Nichtsdestotrotz erlebte sie diese Tage in Japan als etwas Wunderbares. Sie lernte eine völlig andere Kultur kennen und genoss nun wahrscheinlich einen kleinen Vorsprung ihrer Schwiegermutter gegenüber, wenn Melly zurückkam und ihren japanischen Restaurantzweig im Hotel eröffnete. Jedenfalls könnte man hervorragend damit werben, was das Geschäft belebte, indem sich vermehrt japanische Touristen auch für ihr Hotel interessierten. Darüber hatten Valentin und sie schon mit Melly gesprochen, die ihnen diesbezüglich Hilfe zugesichert hatte.
Und Melly berichtete noch Erstaunliches. »Yasmin hat einen großen Garten. Ich habe sie ein bisschen angepickt zum Thema Kräuter. Vermutlich wird sie uns welche ziehen, sodass wir mit Bioware aus eigenem Anbau angeben können.«
»Meinst du, sie fühlt sich nach dem Schicksalsschlag dafür stark genug?« Fenja hatte bei diesem Satz einen Kloß im Hals. Der Gedanke, dass ihre Freundin Yasmin beinahe ihr Leben durch den Schuss eines Junkies eingebüßt hätte, trieb ihr die Tränen in die Augen.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Melly ehrlich. »Lass uns doch morgen einfach versuchen, mit ihr zu skypen. Vielleicht tut ihr das gut und wir sind dann auf dem neuesten Stand.«
Ein Grund mehr, sich auf den kommenden Tag zu freuen. Neben dem Telefonat mit Yasmin war nämlich noch ein Besuch in einem typisch japanischen Restaurant mit einem einheimischen Frühstück geplant. Das hatte sich Fenja gewünscht.
»Ich bin mir nicht sicher, ob dies das Richtige für dich ist«, hatte Melly gewagt zu sagen.
»Doch, doch! Ich will das so. Ich probiere alles.«
»Sag das besser nicht.«
Fenja bestand darauf. »Ich möchte das unverfälscht kennenlernen!«
Außerdem war sie froh, ein wenig der Enge von Mellys Wohnung zu entfliehen.
»So sind eben japanische Verhältnisse«, hatte ihre Cousine entschuldigend kommentiert. Es gab einen Wohnraum mit Küche und ein bescheidenes Schlafzimmer. Das Bad war winzig.
Fenja hatte nach der Einladung ihrer Cousine darüber gar nicht nachgedacht, sonst hätte sie ein Hotel gebucht. Es waren nicht viele Übernachtungen, aber komfortabel war jetzt nun wirklich übertrieben. Dabei hatte Melly ihnen ihr Bett überlassen, sie selbst schlief auf einer Matte auf dem Boden im Wohnraum.
So saßen sie mehr oder weniger wie die Ölsardinen aneinander. Eine vertrauliche Unterhaltung von Frau zu Frau war so leider unmöglich. Das empfand Fenja als sehr schade.

»Fenja, wollen wir weiter?« Valentin stupste seine Frau an.
»Natürlich.« In Anbetracht der Schönheit der Natur schoben sie nun das Rad durch die Wege des Bambuswaldes und genossen ein wenig die Ruhe, die durch die vielen neu eintreffenden Besucher aber zunehmend gestört wurde.
»Wir erwischen gerade noch den Zeitpunkt, wo wir auch den Tenryuji-Tempel und seinen Garten besichtigen können. Ab jetzt treten wir in die Pedalen, Freunde.«
Kurz danach erreichten sie die buddhistische Tempelanlage.
»Dies ist ein Zen-Tempel, der mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe ist«, informierte Melly ihre Besucher.
»Was du alles weißt, du könntest Reiseführerin sein«, bewunderte Fenja sie.
»Ich lebe eben schon länger hier und ich liebe Kyoto. Und ich habe jedes Eckchen erkundet. Allerdings hatte ich auch einen Einheimischen dabei, der mir natürlich alles gezeigt hat, was selbst Reiseführern entgeht.«
»Das ist immer das Allerbeste!«, stimmte Valentin zu.
Ihm war der traurige Zug um Mellys Mund entgangen, Fenja hingegen nicht. Oje, sie hatte also ihren Schmerz um ihre gescheiterte Beziehung noch nicht überwunden. Hoffentlich blieb ihr irgendwann ein Moment Zeit – ohne Valentin – um darauf einzugehen.
Der weitläufige Garten, der in voller Blüte stand, verströmte, zumindest zu dieser frühen Uhrzeit, nicht nur einen bezaubernden Duft, sondern zudem eine wunderbare Ruhe. Ahorn- und Kirschbäume, rote Kiefern und der schön angelegte Teich ließen Valentin schwärmen. Er ging ein paar Schritte vor, genoss die Stimmung ganz auf seine Art.
Das gab Fenja endlich Gelegenheit, einige vertrauliche Sätze mit ihrer Cousine zu sprechen.
»Bald lebst du nicht mehr hier«, begann Fenja vorsichtig, »tut es dir ein bisschen leid oder bist du froh?«
Melly schluckte. »Es ist gut, dass ich wieder nach Deutschland komme. Dieser Lebensabschnitt ist für mich vorbei. Aber ich nehme jede Menge mit, was ich nicht missen möchte. Sicherlich werde ich weiterhin nach Japan reisen, als Tourist. Nicht unbedingt nach Kyoto, denn es gibt noch so viele andere Städte und Orte dieses schönen Landes zu entdecken.«
»Du hattest vor unserer Hochzeit so eine Andeutung gemacht ... wegen deinem Freund.«
»Ex-Freund. Ja, er war meine große Liebe. Ich ertrage es nicht, ihn zu sehen.« Tränen traten in Mellys Augen. »Und ich liebe ihn blöderweise immer noch.«
Fenja nahm ihre Cousine tröstend um die Schulter. »Gibt es denn für euch gar keine Chance?«

'MarChip und das Geheimnis um Etoile Rouge (Detektei MarChip 1)' von Esther Grünig-Schöni

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Website Esther Grünig-Schöni
Der junge Südfranzose Fabien „Chip“ wird von „Unbekannt“ in die mysteriöse Pension „Etoile Rouge“ eingeladen. Doch wer ist Unbekannt? Und was soll er da? Er stolpert auf der Suche nach dem Sinn des Lebens über Marie.

Als er am Strand die Leiche einer jungen Frau im roten Kleid findet, beginnt ein turbulentes Abenteuer. Marie vertraut ihm an, dass sie einem Geheimnis auf der Spur ist, das bis in die Historie zurückgeht. Sie lassen sich beide auf eine lockere Zusammenarbeit ein und schon überschlagen sich die Ereignisse. Chips freche Art verursacht zusätzlichen Wirbel und auch die starke, freiheitsliebende Marie bleibt davon nicht unbeeindruckt. Aber lässt sie sich auch auf ihn ein?

Eine Detektivgeschichte um eine Pension und um ein wertvolles Schmuckstück, dessen Geschichte bis in die Vergangenheit reicht.

Leseprobe:
Gabrielle
Erst war es eine Ahnung, dann Bedrohung und schließlich war die Gefahr zur Gewissheit geworden.
Nun rannte sie um ihr Leben. Sie hörte ihn hinter sich. Er rannte nicht. Er erreichte sein Ziel, ohne zu rennen. Er war da und wusste, was er tat und sie wusste, was er tun wollte.
Der Sand und die unpassenden Schuhe hinderten sie daran, schnell voranzukommen. Schuhe mit hohen Absätzen, zierlich, passend zu ihrem Kleid. Sie zog sie aus und ließ sie liegen. Dort drüben war eine größere Höhle und weiter oben auf dem Felsen eine kleine. Sie kannte diesen Felsen gut. Vielleicht gelang es ihr, sich zu verstecken. Er war diesmal nicht gekommen, um sie zu erschrecken. Er war gekommen, um sie zu töten. Dabei sah er nicht aus wie einer, der so etwas tat. Er war elegant. Er sah aus wie ein Manager oder ein Banker. Sie kannte seinen wahren Beruf. Den hatte sie mit Hilfe einer Detektei herausgefunden, als er immer bedrohlicher geworden war. Erst war es nur Einschüchterung gewesen, dann Drohung. Sie war ihnen zu unbequem geworden und bei ihren Plänen im Weg. Sie wusste zu viel.
Möglicherweise wollten sie nur den Anhänger, der um ihren Hals hing. Sie nahm ihn ab. Sie durfte nicht anhalten, wenn sie überleben wollte. Vom Anhänger wusste sie nur einen kleinen Teil seines Geheimnisses. Sie hatte jemanden gefunden, der ihr weiterhelfen konnte, mehr zu erfahren. Die gleiche Detektei. Empfehlenswert. Gut. Einfühlsam. Die gleiche, die für die alte Dame arbeitete. Sie hatte von den Gefahren gewusst, war gewarnt worden. Nun war diese Gefahr real. Sie sah den schönen Strand nicht mehr – bei Vielen so beliebt – Les Sablettes. Sie hatte nur noch Angst.
Wieder hörte sie ihn. Sie musste sich beeilen. Die große Höhle erschien ihr wie eine Falle, also war es besser, nach oben auf den Felsen zu klettern. Nur weg. „Schneller Gabrielle, viel schneller. Du bist fit, also stell dich nicht so an. Du schaffst das.“ Sie wollte leben.
Dieses unselige Ding hätte sie nicht an sich nehmen sollen. Sie hatte gedacht, dass alles einfacher wäre. Damals. Und Annabelle hatte es auch nicht gehört, schon gar nicht ihr. Annabelle, gewissenlos und kalt. Der schon gar nicht. Sie hatte es genauso gestohlen und behauptete nun, es gehöre ihr. Nur, was es damit auf sich hatte, wusste sie auch nicht bis ins Detail.
Wer wollte ihr das Leben nehmen? Annabelle, Stéphane, beide oder jemand anderes. Sie wurde wütend. Niemand von ihnen sollte es bekommen. Nein, sie sorgte dafür und wenn es das Letzte war, dass sie erreichte. Ihre Kleider waren für eine Kletterpartie ungeeignet, aber sie musste weiter, Kleider hin oder her. Der rote, lange Rock verfing sich dauernd in Felsbrocken, Kanten und in den Sträuchern. Das Jäckchen hatte sie schon lange verloren. Sie war zu einem Ball eingeladen gewesen. Sie zerrte daran, wenn er hängen blieb. Hörte den Stoff reißen.
Kurz hielt sie inne und warf den Anhänger mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, ins Wasser. Sie sah ihn versinken und freute sich darüber. Den bekamen sie nicht. Nein, der war für sie alle verloren, egal, was mit ihr geschah. Sie trug das blaue Band, das schon so lange in ihrer Familie vererbt wurde. Sie hatte ein Recht darauf. Sie war etwas älter als Annabelle. Sie war die Erstgeborene.
Im gleichen Augenblick hörte sie einen Stein fallen. Weiter. Sie wollte versuchen, die kleinere Höhle zu erreichen, von ihr wussten nicht so viele. Ihre Chance. Sie atmete nun doch schwer. Das Klettern strengte an. Wieder entstand ein Riss im Kleid, als sie an einem dürren Ast damit hängen blieb.
Da hörte sie ein Flüstern, ganz nah – höhnisch und böse. „Gabrielle, du entkommst mir nicht.“ Das hörte sie noch bewusst. Sie wurde gepackt. Sie schrie auf. „Wo ist der Anhänger?“ Sie lachte hysterisch.
Er hatte nicht gesehen, dass sie sich des Anhängers entledigt hatte und in einem letzten Augenblick verschaffte ihr das Befriedigung. Da schlug er zu. „Du wirst es mir sagen Kleine.“ Doch der Anhänger war für ihn verloren. Sie schrie und lachte wieder.

1. Kapitel
„Vermisst wird …“ Er warf die Zeitung dorthin, wo er sie aufgelesen hatte. Sie lag auf einer Mauer, aber es interessierte ihn nicht. Keine Nachrichten und nicht diese Vermisst-Meldung. Er konnte keine so genannten sachdienlichen Hinweise über den Verbleib der Frau liefern und wer sie war, kümmerte ihn nicht. Bestimmt tauchte sie früher oder später wieder auf. Er wollte entspannen. Die Seiten der Zeitung von La Seyne flatterten im Wind.
Warum er die Einladung bekommen hatte, wusste er nicht. Aber er hatte sie neugierig angenommen und stand vor dem Haus. Rätsel mochte er, aber keine Erinnerungen an gewisse Ereignisse in seinem Leben. Fabien sah sich um. Es gefiel ihm. Die Pension lag nicht weit vom Strand. Die Landschaft bot schöne Ausblicke und er hatte das Gefühl, dass er in ein Abenteuer eintauchte. Hätte ihn die Vermisste doch interessieren sollen? Vielleicht war das Teil des Rätsels? Ach Unsinn. Für ihn war das eine mehr, die abgehauen war. Was für ein Abenteuer war egal. Er nahm es wie es kam. Und wenn es zu dick kam, wusste er sich zu wehren. Dafür hatte er in seinem bisherigen Leben genug Rüstzeug mitbekommen. Nicht das er schon alt war. Nein, er war jung und stark, aber es war einiges geschehen, durch seine Schuld, oder anderes fremd gesteuert. Er wusste, was er nicht wollte, doch noch nicht genau, was ihm lag – oder nicht mehr – und nicht, wohin er ging.
Er trat mit seinen Taschen ein und meldete sich an: „Fabien Voizinet genannt Chip meldet sich zur Stelle. Groß, schlank, blond, wild und unwiderstehlich.“
Er lachte. Natürlich löste diese Anmeldung Erstaunen aus. Als er in seinem Zimmer ankam, warf er alles in eine leere Ecke, und sich selbst aufs Bett. „Ich bin da. Ist das alles?“ Wenn ja, würde er sich schnell langweilen. Aber … vorschnelle Schlüsse waren nicht sein Ding. Mal sehen – abwarten.
Er sprang gleich wieder auf, öffnete ungestüm das Fenster, sah die Wellen des Meeres glitzern und fühlte sich abwartend. Das mochte er nicht. Er agierte, nahm in die Hand. Kein anderer zog für ihn die Fäden und grenzte ihn damit ein. Er wartete nicht ab, handelte, selbst wenn er dabei auf die Schnauze fiel und sich blaue Flecken und eine blutige Nase holte, selbst wenn der Kopf brummte und die Knochen knackten. Frei.
„Essen!“ Gute Idee. Er fuhr sich durch die Haare, wühlte nach bequemen Schuhen, streifte die über, polterte hinaus und ließ die Türe lachend ins Schloss knallen. Sie sollten gleich wissen, wen sie sich ins Haus geholt hatten. „Was dachtet Ihr denn? Wenn ihr mich herbestellt, habt ihr das Geschenk. Mal sehen, wie schnell die Einladung widerrufen wird und ich mit einem Tritt in den Allerwertesten vor der Türe lande.“
Wie ein Trampeltier fuhr er in den Speisesaal ein und stieß ein lautes „Guten Abend Herrschaften!“ in den gemütlichen Raum. Er rückte sich einen Tisch dahin, wo er ihn haben wollte, setze sich endlich und fragte laut: „Was gibt es zu essen und was Neues?“ Er schaute fragend in die Runde. Antwort blieb aus. Auf den Tischen gab es Tischdecken und nicht nur Sets. Alles schien farblich aufeinander abgestimmt, nicht zu grell und nicht zu langweilig. Die Hauptfarbe ging in ein warmes helles Braun. Dazu die Muster, vermutlich solche, aus der Gegend. Selbst die Vorhänge waren dem angepasst. Die Servietten, die Sitzkissen auf den Holzstühlen und die Decken auf Anrichten und Kommoden. Es war nicht zu groß und nicht so klein, dass man darin Platzangst empfand. Es gab Nischen und verschwiegene Ecken. Es war alles so angeordnet, dass jeder Gast, wo immer er saß, einen angenehmen Ausblick genießen konnte. Außer er hatte ausgerechnet Fabien im Blickfeld. Es kam darauf an, wie er sich benahm. Sein Aussehen war nicht abschreckend. Mit seinem Benehmen mussten sie sich abfinden. Irgendwann tauchte bestimmt der auf, der ihn herbestellt hatte und dann sah er, was daraus wurde.
Die Folge seines Auftretens waren fragende, verwirrte Blicke von einigen Seiten und eine rundliche, nicht mehr ganz taufrische Frau, die ihn mit einer Karte in der Hand und in Falten gelegter Stirne ansteuerte. Bevor sie etwas sagen konnte, sah er ihr frech in die Augen und ließ verlauten: „Lächeln Sie Madame, dann glättet sich die Stirne. Das ist besser für den Teint.“
„Guten Abend, mein Herr“, kam zurück, gefolgt von den Speisevorschlägen. Er wählte und fügte an: „Ich bin Fabien, kein Herr.“
„Ich wollte nicht unfreundlich sein.“
Sie spazierte davon, verschwand im Wirtschaftsbereich und er hörte ihre Frage: „Was ist denn das für einer?“ Er grinste.

23. Oktober 2019

'Die Leiden des RICHARD DAWKINS: Was Goethe und Carus von den Argumenten der Zufallsdarwinisten halten' von Abaris

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
GOETHE und sein Freund CARUS reisen mittels einer Zeitmaschine in das 21. Jahrhundert, voller Neugier und fest davon überzeugt, dass sich das Projekt der Aufklärung aufs Schönste vollendet hat. Pustekuchen! Gott mag zwar tot sein, aber dass meinungsstarke Stimmen der Wissenschaft sich in Fragen der Welterklärung lieber auf den schnöden Zufall berufen, ist schon ein starkes Stück. Wer ist dieser RICHARD DAWKINS eigentlich und warum vergisst er vor lauter Wut auf die Religion, dass Geist und Intelligenz nicht einfach so vom Himmel fallen?

GOETHE und CARUS beschließen, sich den Wettstreit zwischen Gläubigen und Atheisten einmal genauer anzusehen. In der Auseinandersetzung mit DAWKINS und anderen weisen die beiden Zeitreisenden auf einige gravierende Denkfehler hin, die sie sowohl in den Weltbildern der Religionen als auch bei den Zufalls-Anhängern vorfinden. Ihr eigenes, pantheistisch geprägtes Weltbild sehen sie hingegen durch die Philosophie, die moderne Physik und auch durch das reine Schauen bestätigt.

Der Autor schreibt unter dem Pseudonym ABARIS und verwendet damit den Namen, den GOETHE beim Orden der ILLUMINATEN hatte. Dieser Orden hatte unter anderem das Ziel, die AUFKLÄRUNG des Menschen zu fördern. Können GOETHE respektive ABARIS auch heutzutage noch etwas dazu beitragen? Lassen Sie sich überraschen!

Leseprobe:
GOETHE: Dann kennst doch sicherlich die auf ARISTOTELES zurückgehende Logiklehre.

CARUS: Natürlich kenne ich die. Die Logiklehre besteht aus drei Teilen, wobei zwei Ausgangsprämissen einwandfrei und ohne Widersprüche definiert sein müssen. Wenn dies der Fall ist, kann eine in sich logische und widerspruchsfreie Schlussfolgerung abgeleitet werden.

GOETHE: Sehr schön. Dann lass uns dies doch gleich anwenden. Was hältst du davon?

• Die materielle Form des Menschen bildet sich und bleibt erhalten, solange Geist und Intelligenz im Menschen vorhanden sind.
• Der Mensch ist ein Lebewesen.
• Also sind Geist und Intelligenz die Voraussetzungen für die Entstehung und den Erhalt der materiellen Form von Lebewesen.

...

ARISTOTELES war also der Gründungsvater der Biologie! DAWKINS führt den Gründer der Biologie, eben ARISTOTELES, im Namensregister aber überhaupt nicht auf! Und weißt du auch, warum er das getan hat?

GOETHE: Ich habe eine Vermutung, aber sage es mir.

CARUS: Weil Aristoteles eine Diskussion mit Zufalls-Darwinisten wie DAWKINS und KUTSCHERA abgelehnt hätte! Er hätte die beiden vielmehr des Raumes verwiesen und Ihnen noch nachgerufen:

Der Nous (Geist) ist der Gott in uns, und menschliches Leben birgt einen Teil eines Gottes in sich, also soll man entweder philosophieren oder vom Leben Abschied nehmen und von hier weggehen; denn alles Übrige scheint nur törichtes Geschwätz zu sein und leeres Gerede.

GOETHE schmunzelt: Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können!

21. Oktober 2019

'Drachenblüte: Der dunkle Aufstieg' von Andrew J. Ronin

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Website zum Buch
"Ich sehe die Dunkelheit heraufziehen. Ich spüre es ganz deutlich. Eine Kälte, die mir aus früheren Zeitaltern vertraut ist. Aus dem Nebel der Verschleierung wird sie zu uns kommen, wie ein unaufhaltsamer Sturm."

Die Drachenblüte ist das Symbol des Volkes der Eldár. Aufgeteilt in vier Häuser, sind die Eldárfürsten einflussreiche Mitglieder des Rates der Völker.

Fürst Sasuil, ausgebildet in den dunklen Künsten, hat es sich zum Ziel gesetzt, den Rat zu spalten. Diplomatische Intrigen und politische Ränkespielchen können seinen Rachedurst jedoch nicht stillen. Auf der Suche nach einem längst vergessenen, dämonischen Kompendium, verbündet er sich mit dem Drachen Kodrok. Ein gewaltiger Krieg entfacht, der den Kontinent Thalion in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt.

Leseprobe:
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Ein beißender, süßlicher Geruch bahnte sich seinen Weg nach draußen und drang aggressiv in die Nasen der beiden Magier ein. Das Summen tausender Insekten erfüllte die Abendluft. Als sie den großen Wohnraum betraten, fanden sie die Leiche des eldárischen Heilers in einem Sessel liegend vor. Der Unterkiefer war brutal herausgerissen worden. Blutspuren verwandelten die Wohnstube in ein obskures Kunstwerk aus roter Farbe. Der Heiler musste Unmengen von seinem Lebenssaft verloren haben. Absurd verdreht ruhten die Augen der Leiche in ihren Höhlen. Die Pupillen schienen verschwunden zu sein. Der Gestank machte Akeylya zu schaffen.
„Ist er das?“
„Jedenfalls glaube ich, dass er es war.“
„Was in Pridos Namen ist hier geschehen? Wieso tötet jemand den einzigen Heiler in Jagahli?“
„Das entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings habe ich jetzt mehr denn je das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.“
Eine weibliche Eldári hohen Alters stand plötzlich im Durchgang zur Wohnstube. Sie musste sich unbemerkt aus einem der Nebenräume genähert haben. Sichtlich verwirrt betrachtete die Eldári den Toten und nahm die beiden Magier zunächst gar nicht wahr.
Vor Schreck hatte Akeylya ihren Stab erhoben und deutete auf die Unbekannte.
„Wer seid Ihr? Was ist hier geschehen?“
Brahm drückte Akeylyas Magierstab sanft zu Boden.
„Lass die Eldári erst mal antworten, bevor du sie angreifst.“
Die Greisin winselte mehr, als das sie sprach.
„Da war ein Mann. Wir wollten doch nur helfen.“
Brahm wurde hellhörig.
„Ein Mann? Was für ein Mann? War er ein Mensch oder ein Eldár?“
„Ein Mensch, glaube ich. Er klopfte an unsere Tür und bat um Hilfe. Er sagte, er sei ein verirrter Wanderer. Ich glaube jedoch, er war ein Zauberer. Ein böser Zauberer! Er hatte einen langen Stock bei sich. Anfangs dachte ich, es sei ein Wanderstab.“
Beunruhigt ergriff Akeylya nun das Wort.
„Wie kommt Ihr darauf, er sei ein Zauberer gewesen?“
Tränen rannen der betagten Eldári über die Wangen. Zitternd fuhr sie mit ihrer Erzählung fort. „Er zeigte mit seinem Stock auf meinen Mann und sprach Worte, die ich nicht verstand. Dann wurde meinem Mann der Mund herausgerissen. So viel Blut, überall war Blut.“
Da er hoffte, noch etwas von der Frau zu erfahren, das ihnen helfen konnte, diesen Mann aufzuspüren, drängte Brahm auf eine Antwort.
„Wo ist dieser Mann jetzt hin?“
„Er ... er ist nach oben gegangen. Ich weiß nicht, wieso. Ich habe mich in der Küche versteckt und bin erst wieder hervor gekommen, als ich Euch hörte.“
Brahm und Akeylya tauschten schnelle Blicke aus.
„Ich geh, du bleibst bei ihr!“
So schnell seine Beine ihn trugen, rannte Brahm die Treppe zum Obergeschoss hinauf. Unterdessen sah sich Akeylya um. Irgendetwas passte nicht zusammen.
„Das ist merkwürdig!“
„So? Was meinen sie damit, Kindchen?“
„Naja, das Blut hier wirkt recht frisch, aber der Geruch und die Insekten deuten daraufhin, dass er schon länger tot ist. Wann sagten sie, sei das passiert?“
Mittlerweile hatte Brahm sich im Obergeschoss in einem langen Flur wiedergefunden. Mehrere Türen auf beiden Seiten verhießen weitere Räumlichkeiten.
„Verdammt! Dann eben eine nach der anderen.“
Hinter der vierten Tür würde Brahm schließlich fündig und konnte nicht fassen, was er da sah. Seine Gedanken rasten und sein Verstand arbeitete, doch was er sah ergab zunächst keinen Sinn. Er versuchte seinen Gedankenstrom zu ordnen und zwang sich zur Ruhe. In dem karg eingerichteten Schlafraum lag in einem Doppelbett eine weitere Leiche. Auf Brusthöhe, wo sich für gewöhnlich das Herz eines Eldár befand, klaffte ein blutiges Loch. Jemand oder etwas hatte das Organ brutal herausgerissen. Die Gesichtszüge der Leiche ähnelten stark der eldárischen Greisin, welche sich genau in diesem Moment unten in der Wohnstube bei Akeylya befand. „Akeylya! Nein!“
Schlagartig wurde Brahm bewusst, in welch dunkle Falle sie geraten waren. Hastig eilte er aus dem Schlafzimmer und rannte die Treppe hinunter. Brahm hoffte, dass er Akeylya noch rechtzeitig würde warnen können. Als er die Wohnstube endlich erreichte, fing sein Herz an zu pochen. In Akeylyas Gesicht stand das blanke Entsetzen. Furcht brannte in ihren Augen. Nie zuvor hatte er solch eine Furcht bei ihr gesehen. Ihr Mund war ... er war verschwunden! An der Stelle in ihrem Gesicht, wo sich üblicherweise geschmeidige eldárische Lippen einfügten, war nichts weiter als glatte Haut. Arme und Beine verharrten schmerzhaft überdreht hinter ihrem Rücken.
Akeyklya schwebte in der Luft und der eigentlich tot geglaubte, Eldár stand hinter ihr und hielt sie fest gepackt an den Armen. Für einen kurzen Moment leuchteten dessen dunkelgelb auf. Aus der klaffenden Wunde an seinem einstmals vorhandenen Unterkiefer tropften Blut und Eiter. Er ächzte. Die von Zyklen gezeichnete Eldári hingegen war verschwunden. An ihrer Stelle stand neben dem Untoten Heiler ein Mann, gehüllt in einem schwarzroten Umhang. Das Gesicht des Unbekannten blieb Brahm jedoch verborgen, da dieser eine schwarze Maske trug, die sowohl den Mund, als auch die Nase verdeckte. Drei blutrote Kratzer verzierten die dunkle Gesichtsbedeckung. In seinen knochigen Händen, die von fast durchsichtiger Haut überzogen schienen, hielt der Maskierte einen hölzernen Stab und zu Brahms entsetzen auch den Stab von Akeylya.
„Gib acht auf deine nächsten Worte, Magier der du dem Zirkel angehörst. Lege deinen Stab nieder! Oder deine Mitstreiterin erleidet schmerzhafte Qualen.“
Die Stimme des unbekannten Mannes erzeugte sogar bei Brahm Gänsehaut. In seinem Inneren ahnte er, dass dies sein eigenes Ende sein könnte. Dies war kein gewöhnlicher, dunkler Magier. Das spürte Brahm sofort. Sein Gegenüber verströmte eine bösartige, dunkle Aura und dennoch kam sie ihm merkwürdig vertraut vor, doch er wusste nicht wieso.
„Wer seid Ihr? Und was verlangt Ihr? Was habt Ihr mit ihrem Gesicht gemacht?“ Akeylya zuckte. An ihrem Gesicht konnte Brahm ablesen, dass sie Schmerzen erlitt.
„Da Ihr meine Anweisungen nicht befolgt habt, erleidet Eure Freundin gerade Qualen, von ungeheurem Ausmaß. Seht Ihr, ich beherrsche die Kunst, kleine Portale zu öffnen und Materie an andere Orte zu verschieben. Und ihr Mund und ihre Stimmbänder müssen dabei wohl abhanden gekommen sein. So kann sie keine unerwünschten Zauberformeln daher plappern. Ach und was ihre Schmerzen angeht, so verschiebe ich jedes Mal eines ihrer Organe, wenn Ihr etwas Törichtes im Schilde führt. Soeben hat sie einen ihrer Lungenflügel eingebüßt. Daher wohl ihr lieblicher Gesichtsausdruck.“
Brahm legte unverzüglich seinen Stab zu Boden.
„Bitte! Hört auf! Lasst sie frei und ich befolge eure Anweisungen.“
„Oh! Natürlich werdet Ihr meine Anweisungen befolgen!“
Der Maskierte lachte düster, während Brahm verzweifelt nach einem Ausweg suchte.
„Verratet mir, wer Ihr seid und welches Eure Absichten sind!“ „Ihr dürft mich Nathas nennen. Allerdings wird mein Name Euch nicht mehr von Nutzen sein, denn Ihr werdet ihm niemanden mehr ausrichten können.“
Verzweiflung breitete sich langsam in Brahm aus.
„Es ist, wie Ihr bereits sagtet. Wir sind Mitglieder des Zirkels des Pridos. Wir können dem Zirkel eine Botschaft von Euch überbringen, wenn Ihr uns frei lasst.“
„Oh! Ihr werdet dem Zirkel eine Botschaft überbringen, gewiss! Aber nicht auf die Art, die Ihr Euch erhofft!“
Schritte in seinem Rücken ließen Brahm erschrocken herumfahren. Entsetzt sah er wie die tote Eldári aus dem Schlafgemach auf ihn zulief. Auch ihre Augen leuchteten dunkelgelb auf. Plötzlich blieb dem Magier des Zirkels die Luft weg und Schwindelgefühle erfassten ihn. Die Umgebung verschwamm auf einmal vor seinen Augen. Hitze breitete sich in seinem Leib aus. Ein gelber Energiestrom hatte seinen Torso durchbohrt und den der Untoten gleich mit.
Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Nathas hatte den kurzen Moment genutzt, als sein Opfer ihm den Rücken zudrehte. Brahm sank auf die Knie. Er spuckte und hustete Blut. Mit letzter Kraft drehte er sich noch einmal zu Nathas und Akeylya herum. Bevor er die Augen jedoch für immer schloss, vernahm er noch das finstere Lachen seines Mörders. Das letzte was er sah war, dass Nathas Akeylya nach vorne schweben ließ und ihren Kopf ruckartig überdrehte. Der dunkle Magier brach ihr das Genick und ließ sie dann wie Abfall zu Boden fallen. Dann sah Brahm nichts mehr
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'DIE RACHE BLEIBT' von H.C. Scherf

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Das Ziel ist Rache - das Ergebnis ist Selbstzerstörung

Niemand kann zu diesem Zeitpunkt erahnen, welche Opfer ein Rachefeldzug noch fordert, als man die erste schrecklich zugerichtete Leiche findet. Die Frau wurde hingerichtet von einem Täter, der damit eine blutige Spur durch die Strafverfolgungsbehörden ankündigt. Dass er keine Spuren hinterlässt und sein Motiv Rätsel aufgibt, macht es dem bekannten Ermittlerteam um Peter Liebig und Rita Momsen nicht einfacher. Seine Todesliste arbeitet der Killer unerbittlich ab.

Das Grauen findet seine Fortsetzung, obwohl sich Puzzlestücke zusammenfügen. Der Tod jedoch hat die sympathischen Kripobeamten längst eingeplant.

Der 4. Teil der Thriller-Reihe um das Ermittlerduo Liebig und Momsen.

18. Oktober 2019

'Humboldt und der kalte See' von Jana Thiem

Kindle | Tolino
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Als der Postbote tot im Straßengraben sitzt, ahnt Humboldt noch nicht, dass die Sache viel verzwickter ist. Denn erst kurz darauf erfährt er, dass die im Vorjahr aus dem Olbersdorfer See geborgene Leiche ein ehemaliger Schulfreund des Postboten war. Und dass die beiden zu einer unzertrennlichen Viererclique in den Achtzigern gehörten. Hat es der Mörder auf dieses Kleeblatt abgesehen? Aber warum verleugnen die beiden verbliebenen Mitglieder die Freundschaft von damals?

Zu allem Übel gefährdet die neue Kollegin, Fallanalytikerin Ziska Engel, die beschauliche Zusammenarbeit in Humboldts Team. Und dann quälen den Hauptkommissar schreckliche Gewissensbisse. Hat er sich doch nach einer gemeinsamen Nacht mit der Journalistin Christin Weißenburg nicht wieder bei ihr gemeldet.

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Mittwoch, 20. Februar 2019

Als er den mächtigen Felsen sah, musste er unweigerlich an die Theaterschauspielerin denken, die vor etwa zwei Jahren unfreiwillig am Jungfernsprung des Oybin herabgesegelt und später auf seinem Tisch gelandet war. Das war wieder einer der Fälle gewesen, die ihn besonders herausgefordert hatten und bei denen er mit Humboldt Hand in Hand arbeiten musste, um dem Täter das Handwerk zu legen.
Rechtsmediziner Dr. Lorenz Richter bremste den Wagen ab und rollte langsam durch den Ort. Dabei schob er seinen Kopf weit bis an die Frontscheibe heran, um den imposanten Berg näher betrachten zu können. Im Winter sah es hier völlig anders, aber nicht weniger interessant aus. Waren bis eben noch auf dem Gipfel die Ruinen des Klosters und der Burg zu sehen gewesen, erkannte Richter jetzt die bienenkorbähnliche Gestalt des Felsens. Fast hätte er es verpasst, seinem Navi zu folgen und rechts in die Hauptstraße einzubiegen. Kurz darauf kam er an einem der Aufstiege auf den Oybin vorbei, der auch zur kleinen Bergkirche führte, die sich eng an den Felsen schmiegte. Wäre er in Stimmung gewesen, hätte er sicherlich nach seiner Arbeit noch einen kleinen Spaziergang unternommen. Aber im Moment war er einfach zu gespannt, was ihn hier erwarten würde. Und vor allem, ob es wirklich notwendig war, dass er sich von Dresden aus die eineinhalb Stunden auf den Weg gemacht hatte.
Schon von Weitem sah er das Einsatzfahrzeug stehen. Ein Beamter sprach mit einer wild gestikulierenden Person, die in einem blauen BMW saß und anscheinend in die gesperrte Straße einfahren wollte. Ein anderer kam auf ihn zu. Richter ließ die Scheibe herunter und sofort drang die eisige Kälte hinein.
„Hier können Sie gerade nicht durch“, sagte der Beamte und legte grüßend den Zeigefinger einer Hand an seine Dienstmütze. Sein Atem wirbelte weiße Wolken auf.
„Ich denke doch“, sagte Richter. „Dr. Lorenz Richter, Rechtsmediziner. Ich werde erwartet.“ Er zeigte seinen Ausweis.
„Na dann, ab in die Hölle“, antwortete der Beamte schief grinsend. Wieder hob er grüßend die Hand und winkte Richter durch.
Die Gesten des BMW-Fahrers wurden noch wilder, als Richter auch den zweiten Beamten passierte und schräg rechts abbog.
Aus den Augenwinkeln nahm er ein Straßenschild mit der Aufschrift Hölleweg wahr. Daher also der schräge Kommentar des Beamten.
Als die Straße immer schmaler wurde, ließ Richter das Auto an einer Gabelung stehen. Er war sich nicht sicher, ob er am Ende des Weges wenden musste oder doch durchfahren konnte.
Er schnappte sich seine Tasche und wählte den rechten Weg, der noch weiter in den Wald hineinführte. Die kleinen Umgebindehäuser wechselten sich hier mit modernen Holzhäusern ab. Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf, der sich noch lange im Blau des Himmels abzeichnete. Eine zarte Schneedecke schien sich schützend über alles gelegt zu haben und glitzerte in der Sonne. Zu seiner Linken ragte im Hintergrund ein hoher Berg mit einem Turm auf. Das ist alles viel zu idyllisch, um hier jemanden umzubringen, dachte Richter. Mit Sicherheit war der Mann gestürzt und hatte sich dann ausruhen wollen. Solche Szenarien kannte er schon aus vergangenen Jahren. Die meisten der verletzten Opfer waren mit Erfrierungen davongekommen. Aber diesen hier schien es schlimmer erwischt zu haben. Das hatte ihm Kriminalhauptkommissarin Mahler schon am Telefon mitgeteilt.
Als er einen kleinen Felsen umrundet hatte, stand er direkt vor der Kommissarin, die wild auf ihrem Handy herumtippte.
„Frau Mahler, wie schön, Sie mal wieder zu sehen“, sagte Richter ohne wirkliche Freude in der Stimme.
Linde Mahler, Kriminalhauptkommissarin der Polizeiinspektion Görlitz, nickte kurz. Auch ihre Begeisterung über das Wiedersehen schien sich in Grenzen zu halten. „Ja, schön, dass Sie es einrichten konnten!“, sagte sie und zeigte mit dem Kopf Richtung Wald.
Der Mann, den der Rechtsmediziner Dr. Lorenz Richter im Schnee sitzen sah, trug die typische blau-gelbe Jacke eines Zustellers der Deutschen Post. Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass er sich nur ein wenig hatte ausruhen wollen, um sich dann wieder auf den weiteren Weg zu machen. Das gelbe Fahrrad mit den großen Taschen stand ordnungsgemäß auf dem Ständer aufgebockt neben ihm. Nur der Schmutz an seiner Kleidung und die blutverschmierte Wunde an seinem Kopf deuteten darauf hin, dass er nicht nur friedlich eingeschlafen war.
„Können Sie direkt irgendetwas zu unserem Toten sagen? Falls er nur erfroren ist, würde ich mich verabschieden. Ein dringender Fall wartet“, begann Linde Mahler ohne Umschweife.
Richters Miene verschloss sich schlagartig. Er nahm die eckige schwarze Brille vom Kopf und schob sie sich auf die Nase. „Ich muss ihn mir erst anschauen, bevor ich dazu etwas sagen kann. So viel sollten Sie in Ihrer beruflichen Karriere schon mitbekommen haben.“
Linde Mahler zuckte missmutig mit den Schultern und schaute demonstrativ auf die Uhr.
Leise murmelnd beugte sich Richter zu dem Toten hinunter. Er hatte ein Diktiergerät aus der Jacke gezogen und hielt es nahe vor seinen Mund.
„Hämatom im rechten oberen Stirnbereich, könnte von einem Sturz herrühren, da auch die Kleidung verschmutzt ist.“
Er richtete sich auf und sah sich um, entdeckte aber nichts Auffälliges.
„Ist er hier irgendwo gestürzt? Oder gibt es am Fahrrad Spuren, die darauf hindeuten, dass er sich zum Beispiel am Lenker verletzt haben könnte?“, fragte er in Linde Mahlers Richtung, ohne sie dabei direkt anzuschauen.
„Nichts dergleichen. Das haben die Kollegen der KTU natürlich direkt untersucht, nachdem wir den Fundort gesichert hatten.“
Die Ungeduld in ihrer Stimme ließ Richter schmunzeln. Natürlich hatte sie das veranlasst. Schließlich war sie keine Anfängerin.

'Rowan - Verrat im Ostreich' von Aileen O'Grian

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Blog Aileen O'Grian
Der jugendliche Magier Rowan ist mit seinem Freund Ottgar, dem Thronfolger des Magierreiches, ins Ostreich gezogen. Während Ottgar auf der Burg von König Kustin zum Ritter ausgebildet wird und am Hofleben teilnimmt, sitzt Rowan häufig in der Kammer seines Meisters und studiert in alten Schriften. Die beiden Magier müssen unbedingt ein Heilmittel gegen die Klauenfäule finden.

Noch nie in seinem Leben fühlte Rowan sich so unwohl, da Magier im Ostreich verachtet werden. So werden Rowans Warnungen vor Angriffen der Trolle und Zwerge auch nicht ernst genommen. Selbst als er eine Seuche, die die Bewohner der Königsburg und die Bauern aus der Umgebung heimsucht, erfolgreich bekämpft, steigt sein Ansehen kaum. Auch Ottgar, der unter dem Einfluss der ostianischen Prinzen steht, ist ihm fremd geworden – und sogar die Gefahr eines Aufstandes im Ostreich scheint seinen Freund nicht zu interessieren, bis es fast zu spät ist.

Teil 3 der Reihe um den Magier Rowan.

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„Kommst du mit zu dem Jagdausflug?“, fragte Ottgar seinen Freund, den jungen Magier Rowan. Er schaute neugierig in den Kessel, der über dem Feuer hing.
Rowan warf ein Pulver hinein, zischend stieg heißer Dampf auf. Erschrocken sprang Ottgar einen Schritt zurück. Rowan schüttelte den Kopf. „Du solltest genug über die Heilkunst wissen, um vorsichtig zu sein und den Gefäßen nicht zu nahe zu kommen.“
Ottgar, der Thronfolger des Magierreichs, lachte. „Wenn es gefährlich wäre, hättest du mich längst aus deiner Stube geworfen.“
Rowan stöhnte. „Du störst mich. Ich brauche Ruhe, weil ich sorgfältig arbeiten muss. Bitte geh.“ Er wog getrocknetes Mondkraut ab, gab es in den Topf, dabei summte er ein Lied. Doch Ottgar ließ sich nicht wegschicken.
„Ich habe noch so viel zu tun. Meister Wudon erwartet, dass ich ein Heilmittel gegen die Klauenfäule finde“, erklärte Rowan, nachdem er sämtliche Strophen gesungen hatte.
„Wieso? Die behandelt ihr schon, so lange ich denken kann.“ Ottgar war ehrlich überrascht. Er weilte als Knappe am Hofe des Königs des Ostreichs, während Rowan bei dem hiesigen Magiermeister Wudon lernte.
„Die Krankheit hat sich verändert. Unsere Mittel helfen nicht mehr. Bis vor ein paar Jahren hat Wudon die Seuche auf die gleiche Art wie mein Großvater erfolgreich geheilt.“
Eine Weile schaute Ottgar seinem Freund beim Hantieren zu, bald langweilte er sich, denn Rowan ließ sich auf kein Gespräch ein, sondern arbeitete, ohne ihn zu beachten, weiter. Als Ottgar die Schritte von Wudon hörte, stand er auf und verließ die Stube der Magier.
Rowan spürte, wie verärgert sein Kamerad war. Ottgar haderte immer wieder damit, nach ihrer abenteuerlichen Flucht vor den unheimlichen Nordmännern aus Llyllia nicht bei seinem Freund Mardok geblieben zu sein. Doch Mardok war, nachdem sie bei einer Regenhexe Unterschlupf gefunden hatten, ins undurchdringliche Bergland zwischen Llyllia und dem Ostreich geflohen. Inzwischen lebte er als Knappe bei Fürst Xandril, dem großen Heerführer, von dem alle voller Ehrfurcht sprachen. Damals hatte der Großmagier Bunduar, Rowans Großvater, ihnen durch den Elfenprinzen Sirii genaue Anweisungen gegeben. Mardok sollte Heerführung bei Xandril lernen, während Ottgar, von Rowan begleitet, ins Ostreich ziehen sollte, um die Beziehungen beider Länder zu vertiefen, vielleicht sogar neue Bündnisse zu schließen.
Bunduar vertraute sicher Rowans übersinnlichen Fähigkeiten, um Ottgar, König Wilhars Thronerben, zu schützen. Allerdings hockte Rowan in der Stube, studierte Bücher und lernte Rezepte auswendig, während Ottgar weiter zum Ritter ausgebildet wurde. Dabei wäre ihm Mardok, der Enkel des magianischen Waffenmeisters, ein besserer Gefährte gewesen.
Obwohl König Wilhar wünschte, dass auch Rowan eine Ausbildung zum Krieger erhielt, ließ sich der junge Magier immer seltener bei den Waffenübungen blicken. Er war viel zu beschäftigt, denn er versuchte, möglichst schnell voranzukommen.
Rowan beugte sich über die verschnörkelte Schrift und entzifferte sie mühsam. Die meisten Handschriften, die Wudon besaß, waren auf Ostianisch verfasst. Rowan beherrschte die Sprache, da seine Mutter Salawin sie ihm beigebracht hatte. Schließlich stammte die Großmutter aus dem Ostland. Ebenso wurde am Hofe von König Wilhar Ostianisch gesprochen, da die Königin eine Prinzessin aus dem Ostreich war.
Doch die alten Texte wiesen nur wenig Ähnlichkeit mit der am Königshof angewandten Sprache auf. Zudem hatte Rowan Probleme, die ungewohnten Buchstaben zu erkennen, so riet er mehr, als er es las.
Sein Bauch knurrte vernehmlich.
„Geh erst einmal essen“, sagte Wudon. „Wenn du Hunger hast, denkst du nur ans Tafeln.“ Er grinste Rowan an. „Halte jedoch Maß, ein voller Magen denkt nicht gern.“
Rowan nickte. Magier und Priester übten sich in Mäßigung. Er hatte noch keinen fülligen Vertreter von ihnen kennengelernt.