22. Dezember 2019

Weihnachtsgruß

Das Buch-Sonar gönnt sich eine Feiertagspause und meldet sich zurück, wenn die Weihnachtsteller leer genascht und die neuen Kalender aufgeblättert sind.

Euch allen ein frohes Fest, erholsame Weihnachtstage und alles Gute für das neue Jahr. Bleibt gesund - und dem Buch-Sonar verbunden.

20. Dezember 2019

'EISIGE HÖLLE - Verschollen in Island' von Álexir Snjórsson

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autoren-Website
»Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.«

Was tust du, wenn während einer Islandreise deine Frau nach einem Streit mit dir spurlos verschwindet? Wenn du feststellst, dass dich der Polizist, der dich unter einem Vorwand festgenommen hat, betäuben will? Nutzt du die Gelegenheit zur Flucht und wendest dich in deiner Verzweiflung an deinen Schwiegervater in Deutschland, auch wenn dieser dich hasst und dir die isländische Polizei inzwischen den brutalen Mord an einer einheimischen Frau zur Last legt?

Oder wird dich das erst recht in den größten Albtraum deines Lebens stürzen …

Leseprobe:
Kapitel 1
Vor fünf Tagen, Rückblende
Mit eingezogenem Kopf kämpfte ich mich durch den knietiefen Schnee. Der Sturm stieß mich hin und her, gleichzeitig schienen sich die Krallen einer unsichtbaren Meute hungriger Raubkatzen in meine Kleidung zu schlagen. Sie zerrten und rissen an mir, als wollten sie mich zu Fall bringen, um mich zu zerfleischen.
Immer wieder sank ich mit einem Bein tiefer ein, als mit dem anderen, sackte seitlich in den Schnee und quälte mich wie ein weidwundes Tier erneut auf die Beine.
Als stünde ich unter Drogeneinfluss, begannen sich in meinem Verstand Einbildung und Realität zu vermischen. Ich hörte Stimmen. Erst weit entfernt, dann dicht neben und hinter mir. Ich blieb stehen, drehte mich im Kreis. Doch da war niemand. »Zeigt euch, ihre feigen Trolle!«, stieß ich heiser hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ein irres Kichern war die Antwort. Ich schüttelte den Kopf, stolperte weiter. Kein Zweifel, ich verlor den Verstand. Außer mir und meiner geflohenen Geisel war niemand in dieser menschenfeindlichen Einöde unterwegs. Der Unterschied war, dass sie sich hier oben zwischen den mächtigen Gletschern auskannte und wusste, wie sie dieser eisigen Hölle entrinnen konnte. Meine Chancen hingegen standen hierfür nahe bei null.
Noch war ich aber nicht bereit, mein drohendes Schicksal zu akzeptieren. Ich stapfte orientierungslos weiter, bis meine vor Kälte tauben Beine plötzlich nachgaben und ich in eine dichte Schneewolke gehüllt, in die Tiefe stürzte.
Ich prallte so hart auf den Rücken, dass es mir den Atem verschlug. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Panik erfasste mich. Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht aufrichten.
Kurz bevor ich zu ersticken glaubte, löste sich die Verkrampfung in meiner Brust. Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug auch ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.
Ich blinzelte in die Schneeflocken, die über den Felsvorsprung wirbelten, von dem ich gestürzt war – und fühlte mich auf einmal entsetzlich müde.
Du darfst nicht liegen bleiben, Cooper, sonst erfrierst du! Ich schloss die Augen, sammelte meine verbliebenen Kräfte. Winselnd wie ein angefahrener Straßenköter wälzte ich mich auf den Bauch. Meine tauben, vor Kälte zitternden Hände krallten sich in den eisigen Untergrund. Unter quälenden Schmerzen stemmte ich meinen Oberkörper in die Höhe, rammte einen Fuß in den Boden und kam schwankend auf die Beine. Du musst weiter, musst in Bewegung bleiben, trieb mich eine innere Stimme wie ein Drill Sergeant an.
Einem Betrunkenen gleich, torkelte ich weiter durch das dichte Schneetreiben. Mit jedem Schritt fühlten sich meine Beine tauber an, bis sie mein Gewicht nicht mehr tragen wollten. Ich stolperte, stürzte erneut in den Schnee. Auf allen vieren kroch ich weiter. Winde dich nicht wie ein Wurm auf dem Boden herum, auf die Beine mit dir! Mit einem Ruck stemmte ich mich hoch, um gleich wieder Gesicht voran in den Schnee zu fallen.
Es hatte keinen Zweck, ich konnte nicht mehr. Mit letzter Kraft rollte ich mich langsam auf den Rücken.
Wie lange würde es wohl dauern, bis mich das weiße Leichentuch zugedeckt hatte? Würde ich so enden, wie die berühmte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit? Wie hieß der Mann noch mal? Ach ja, Ötzi …
Erstaunlich, was für Gedanken einem durch den Kopf gingen, wenn das eigene Leben nur noch am seidenen Faden hing.
Hätte ich an eine höhere Macht geglaubt, dann hätte ich wohl das Bedürfnis verspürt, zu irgendeinem Gott zu beten. Doch zu welchem? Ich war nicht religiös. Und um es zu werden, war es jetzt definitiv zu spät.
Dass dieser trostlose und unwirtliche Ort die Bühne war, auf der ich meinen letzten Auftritt hatte, schmerzte mich erstaunlicherweise nicht. Auch nicht, dass ich nicht wusste, ob oder was nach dem Tod kam. Ich hatte gelebt, ich hatte geliebt und gekämpft. Eins bereute ich jedoch: so kurz vor dem Ziel versagt zu haben.
»Es … tut mir … leid, Cass«, keuchte ich. »Ich hätte mein Leben … für deins … gegeben.«
Angezogen wie von einem schwarzen Loch, schossen meine Gedanken zu dem verhängnisvollen Tag zurück, an dem das Schicksal die Weichen für diese eisige Endstation gestellt hatte …

18. Dezember 2019

'Flammende Himmel: Schicksalspfad des Tempelritters 3' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Im Spätherbst 1290 verzehren lodernde Flammen das Marktviertel von Accon. Söldner verwüsten die Stadt. Erst das beherzte Eingreifen der Ritterorden beendet das Massaker unter der Bevölkerung.

Der Tempelritter Gernòd de Loen gerät mit seinen Freunden in Gefangenschaft. Auf einem Sklavenmarkt werden sie an den mächtigen Schriftgelehrten des Sultans, Abu I-Fada, verkauft und nur ihr unbeugsamer Wille, die Stadt Accon vor der erneut drohenden Gefahr zu warnen, lässt sie überleben. Als sie endlich die Mauern von Accon erreichen, bereiten sie sich mit den Bewohnern der Stadt auf den herannahenden Krieg vor.

Flammende Himmel, der dritte Band der Reihe »Schicksalspfad des Tempelritters« von Olivièr Declear.

Leseprobe:
Aufruhr
Neugierig spähte Gernòd über die Dächer des Marktviertels der Stadt. Er betrachtete die Rauchsäulen, welche sich dunkel in den klaren Himmel erhoben. Die Glocken der Stadt sandten ihren mahnenden Klang bis zu ihm auf dem äußersten Winkel des Wehrwalls. Eine Gruppe Wachsoldaten eilte über das grobe Steinpflaster der Straße und warf ihm fragende Blicke zu. Gernòds Augen streiften sie, während sich sein linker Arm in Richtung Rauchsäulen erhob. »Im Marktviertel!«, rief er hinunter. Ohne ihn weiter zu beachten, hasteten sie durch die enge Gasse. Der Klang ihrer Schilde auf der schweren Rüstung, der bei jedem ihrer Schritte ertönte, verlor sich mit ihnen hinter der nächsten Wegbiegung. Sorgenvoll richteten sich seine Augen erneut auf die Rauchsäulen.
Das Marktviertel mit seinen zahlreichen Holzverschlägen bot einer Feuersbrunst ein fruchtbares Ziel. Erste Flammen stiegen bereits züngelnd an einem Dach empor, als dienten ihnen die Lehmziegel als Nahrung. Accon, die letzte befestigte Stadt des einstmals mächtigen Kreuzfahrerheeres, war in größter Gefahr. Gernòds Herz schlug heftig in seiner Brust. Nicht durch die Hand der verhassten Sarazenen, sondern durch die Unachtsamkeit eines Händlers, vermutete er, sei dieser Brand entstanden.
Erneut kam ein Trupp Männer in seine Sicht. Schon von weitem erkannte er die weißen und braunen Mäntel seiner Brüder mit dem blutroten Kreuz des Templerordens über den Herzen. Ihr Anführer, Bruder Durmonte, wies mit wenigen, herrischen Armbewegungen drei dienende Brüder auf den Wehrwall hinauf und Gernòd zu sich herab. »Aufruhr im Marktviertel!«, rief er ihm entgegen und eilte mit wehendem Mantel an der Spitze seiner Männer in Richtung des Marktes. Gernòd hastete über den schmalen Stieg des Walls hinunter und eilte seinen Brüdern nach. »Aufruhr«, dachte er. Vermutlich waren es wieder einmal Söldner, denen der hohe Preis der Händler nicht gefiel, oder die keinen weiteren Kredit erhielten.
Gernòd spürte das unebene Pflaster der Straße unter den dünnen Ledersohlen, während er seinem Trupp hinterherhetzte. Einige Türen der Häuser öffneten sich einen Spalt breit, um neugierigen Augenpaaren den Blick auf die lärmenden Brüder zu bieten. Kaum hatte Gernòd seine Kameraden eingeholt, bog der Trupp in einen der Hauptwege ein. Vor ihnen strömten Soldaten der anderen Wachen aus den Seitengassen. Hospitaliter, Deutschritter und Söldnertruppen stürmten auf die Straße. Die Glocken aller Kirchen und Wachen erhoben sich über dem Lärm, drangen von allen Seiten auf die Soldaten ein und mahnten sie zur Eile. Verständigende Blicke trafen sich auf ihrem Weg, ernste Gesichter nickten sich grüßend zu. In jedem Antlitz las man die Spannung auf die vor ihnen liegende Bedrohung.
Ohne den hastigen Schritt aufzugeben, löste Gernòd den Schildgurt und führte seine Faust durch die Armriemen. Mit der freien Hand tastete er sich am Waffengurt entlang, bis er den Kopf seiner Axt spürte. Er schob die Schlaufe über dem Axtkopf mit dem Daumen beiseite und zog die Waffe aus dem Gurt. Mit einer Aufwärtsbewegung ließ er den Griff in seine Hand gleiten. Er war für den Kampf bereit.
Vor ihnen erhob sich das Holztor des Marktviertels. Es stand weit geöffnet und die Wachen wiesen mit ausladenden Bewegungen den Weg. »Die Lombarden und Toskaner!«, scholl es ihnen entgegen. Brandgeruch lag in den engen Gassen und Rauchschwaden minderten die Sicht. Gellende Schreie und Kampfeslärm drang aus den Seitenwegen. Um sie herum lagen die Leichen einheimischer Händler auf dem Weg – zwischen ihnen ihre Frauen und Kinder. Gernòds Weg führte durch breite Blutlachen. Er war gezwungen über umherliegende Körper zu springen. Laut klagende Menschen hockten bei den reglosen Körpern und hoben ihre verzweifelten, tränenüberströmten Gesichter den herbeieilenden Truppen entgegen.
Eine Hand ergriff Gernòds Rock und hinderte seinen Lauf. Er blickte in das Gesicht einer Sarazennin, die ihn in gebrochenem Fränkisch anflehte, ihr Kind zu retten, das mit zertrümmertem Schädel in ihrem Arm lag. Er löste ihren Griff und eilte den Kameraden hinterher. Hier konnte er nichts mehr bewirken, aber vielleicht gab es noch Überlebende in den verwinkelten Gassen, die ihrer Hilfe harrten.
Lauter Kampfeslärm drang aus einer der Seitengassen. Bruder Durmonte zeigte seinen Leuten den Weg. Schweren Atems folgten sie der Weisung. Mit erhobenen Schilden und Waffen stürmten sie auf eine Gruppe genuesischer Söldner zu, welche raubschatzend durch die Gasse zog. Gernòd drängte einen der Angreifer mit seinem Schild von einer Frau, der dieser gerade das Gewand herabreißen wollte. »Was macht ihr hier?«, schleuderte er dem Genuesen mit blitzenden Augen seine Frage entgegen. »Scher dich um deinen Kram, Templer. Das Volk hat uns lange genug betrogen. Nun zahlen sie ihre Zeche«, erwiderte der Genuese mit wildem Zorn in den mordlustigen Augen. Sein Schwert erhob sich zum Schlag. Gernòd ließ seine Axt in die Höhe fahren, während er die Schneide nach hinten führte. Mit all dem Grauen der gesehenen Bilder traf sein Hieb den Schädel des Söldners. Der stämmige Mann starrte ihm ungläubig in die Augen, während er in sich zusammensank.
Die Frau zerrte an Gernòds Waffenrock und redete wild gestikulierend auf ihn ein. Er solle ihr in das Haus folgen. Dort bedürfe ihr Mann seiner Hilfe. Er sandte den Kameraden einen unsicheren Blick zu, ob sie eher der Hilfe bedurften, bevor er ihr zögernd in das Gebäude folgte.
Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dämmerung zu gewöhnen. Er sah sich in dem verwüsteten Raum um. An einer der Wände erblickte er einen Mann. Er stand dort mit eingeknickten Beinen, das Gewand blutüberströmt, und ausdruckslos starrenden Augen, die zu Boden gerichtet waren. Gernòd schritt etwas näher an ihn heran, bevor der Templer erkannte, was geschehen war. Aus dem Hals des Händlers ragte der prächtig verzierte Griff eines Dolches -das Messer eines Sarazenen. Seine suchenden Augen glitten an dem Mann hinunter und blieben an der leeren Messerscheide haften. Gernòd trat an den Mann heran und zog den Dolch mit einem kräftigen Ruck aus Mauerwerk und Hals des Unglücklichen. Sanft ließ er den toten Körper zu Boden gleiten, eine breite Blutspur auf der Wand hinterlassend. Unsicher wandte er sich der Frau zu. Ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung entrang sich ihrer Kehle, als sie die Wahrheit in den Augen des Tempelritters las. Weinend warf sie sich vor ihm zu Boden und erfasste erneut den Saum seines Waffenrocks. Mit tränenüberflutetem Antlitz flehte sie ihn an, ihrem Mann zu helfen, als hoffte sie, es wäre ihm möglich, ein Wunder zu bewirken. Mit traurigem Gesicht schüttelte Gernòd sein Haupt und löste ihren Griff. Seine Beine schienen schwer wie Blei, als sie ihren Weg zur Tür suchten. Längst hatte er sich an das Grauen der Schlacht gewöhnt. Aber dort traten sich Bewaffnete entgegen. Dieses Blutbad an Wehrlosen erfasste sein Herz mit glühender Hand und ließ das Feuer des Zorns in der Brust des Ritters toben. Der Genueser vor der Tür hatte sich halb aufgerichtet und hielt seinen blutenden Kopf mit beiden Händen. Im Vorübergehen drosch ihm Gernòd den Rücken der Axt ins Gesicht. Der Söldner schleuderte von der Wucht des Schlages getrieben nach hinten und stürzte mit erhobenen Armen zu Boden. Wenn er denn noch lebte, sollte ihm diese Lektion genügen, um ihm die Lust auf sinnloses Morden auszutreiben, dachte Gernòd grimmig. Die Grausamkeit dieser Söldner ließ jede Barmherzigkeit in seinem Herzen schwinden.
Vor ihm auf dem Pflaster der Gasse erblickte er Francois, ein Ritter des kaiserlichen Heeres. Die beiden verband schon viele Jahre eine herzliche Männerfreundschaft. Francois trug keine Rüstung. Offensichtlich hielt er sich bereits vor dem Tumult in dem Viertel auf. Mehrere Söldner bedrängten ihn. Im Laufschritt eilte ihm Gernòd zu Hilfe. Mit einem Schrei drängte er sich mit erhobenem Schild zwischen die Männer. Ohne zu zögern, schlug er mit der Rückseite seiner Axt auf die Köpfe, Arme und Schultern der Angreifer ein. Blutüberströmt sanken mehrere von ihnen zu Boden. Die letzten beiden Verbliebenden suchten ihr Heil in der Flucht. »Gut, dass Ihr da seid«, stieß Francois mit fliehendem Atem hervor. Obwohl er kein ängstlicher Mann war, sah man ihm den Schrecken an. Zerfetzt hing seine Kleidung an ihm herab und an dem rechten Oberarm klaffte eine tiefe Wunde. »Was ist hier eigentlich los?«, wollte Gernòd wissen. »Weiß auch nicht genau. Ich habe heute Morgen Yasemin und ihren Vater besucht. Da torkelten schon einige betrunkene Lombarden und Toskaner durch das Viertel. Sie pöbelten die Händler und Frauen an. Als einer der Kaufleute seine Tochter schützen wollte, begann der Tumult.«
Eine bildhübsche Frau, mit edlen Gesichtszügen und sinnlichen Lippen, erschien an der Seite eines alten Mannes im Türrahmen. Sie sandte dem Alten einen flehenden, glutäugigen Blick.
Als dieser schmunzelnd nickte, eilte sie zu Francois und untersuchte dessen Wunde sorgenvoll. Gernòd zog sein Schwert aus der Scheide und reichte es dem Freund. Francois wollte abwehren: »Wenn das der Orden erfährt, darfst du einen Monat Buße tun.« Gernòd betrachtete Yasemin: »Möchtest du mir lieber mit ihr an der Seite in den Kampf folgen oder sie zurücklassen?« Francois Faust schloss sich um den Griff des Schwertes. »Danke, mein Freund.« Die beiden Männer nickten sich zu und Gernòd setzte seinen Weg fort.

Im Kindle-Shop: Flammende Himmel: Schicksalspfad des Tempelritters.
Mehr über und von Olivièr Declear auf seinem Facebook-Profil.



'Blinder Hass' von Alex Winter

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Alex Winter
»Ich habe den schwarzen Schatten in seinen Augen gesehen«, flüsterte der Aborigine. Seine Stimme klang angsterfüllt. »Er ist ein Kedic, ein Teufel in Menschengestalt …«

Als der Zürcher Sicherheitsexperte Vince Foster von seinem in Australien lebenden Bruder Bryan die unvollständige Kopie eines alten Tagebuches erhält, ahnt er zunächst nicht, welches düstere Geheimnis dieses birgt.

Vince ist jedoch nicht der Einzige, der sich für das Tagebuch interessiert: Die rote Doktrin, eine weltweit operierende Geheimorganisation, die einen teuflischen Plan verfolgt, der die Welt an den Rand des Abgrundes führen könnte, versucht mit allen Mitteln in den Besitz des Originaltagebuches zu gelangen. Während Vince verzweifelt nach Antworten sucht, gerät er immer tiefer in einen Strudel aus Verschwörungen, Intrigen und Mord.

Auf sich allein gestellt, gejagt von mächtigen Feinden und von der Polizei für einen skrupellosen Mörder gehalten, flieht Vince nach Australien.

Leseprobe:
Vince blickte in das diabolisch lächelnde Gesicht des Mannes. Obwohl er weder besonders groß noch kräftig war, jagte sein Anblick ihm einen kalten Schauder über den Rücken. Es war, als umhüllte ihn die Aura des Todes. Mit vorgehaltener Waffe in der einen Hand und einem großen Aktenkoffer in der anderen, stieg er wie ein böser Dämon die Treppe hinunter. Ein paar Stufen über Vince blieb er stehen.
»Wie ich sehe, sind Sie schon wieder ganz munter«, sagte er. »Das freut mich. Allerdings enttäuscht es mich, dass Sie uns schon wieder verlassen wollen. Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, miteinander zu plaudern.«
»Von Ihrer Art, zu plaudern, habe ich schon gehört«, erwiderte Vince voller Abscheu.
Die Augen seines Gegenübers blitzten auf. »Ich sehe schon, mein Ruf eilt mir voraus.«
»Allerdings. Nur ist es ein äußerst zweifelhafter.«
Der Dämon schob scheinbar nachdenklich die Unterlippe vor, dann lächelte er wieder. »Nun, das kommt darauf an, auf welcher Seite man steht.«
Langsam begann sich Vince’ Verzweiflung in grenzenlose Wut zu verwandeln. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«
»Ich denke, Sie wissen, was ich will.«
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Mein lieber Foster, Sie amüsieren mich. Ich hoffe wirklich, ich kann mich mit Ihnen etwas länger beschäftigen als mit Ihrem Schwiegervater. Und jetzt seien Sie so gut und nehmen Sie die Hände hinter den Kopf, damit wir wieder nach unten gehen können.« Der Dämon befahl Vince, in der Mitte des Kellers stehen zu bleiben und warf einen Blick über die Schulter zu einem seiner Männer. Mit einem Kopfnicken gab er ihm zu verstehen, sich um die Verletzten zu kümmern.
»Ulrich hat einen gebrochenen Arm, aber sonst fehlt ihm wohl nichts. Er kommt schon wieder zu sich.«
»Was ist mit Beutler?«
»Den hat’s böse erwischt. Wir sollten ihn möglichst schnell zu einem Arzt bringen.«
»Nein. Bring ihn rein und leg ihn aufs Bett.«
»Aber er könnte sterben, wenn …«
»Und wenn schon!« Der Dämon trat zur Seite. »Du bist zu weich, Paul. Er hätte eben besser aufpassen müssen. Und nun mach, was ich gesagt habe.« Er wandte sich an Vince. »Und Sie legen sich auf den Metalltisch.«
»Das ist nicht Ihr Ernst.«
Der Dämon hob seine Waffe und schoss. Die Kugel jagte nur Zentimeter neben Vince’ Kopf in die Wand. »Ich scherze nicht! Also los!« Kalt lächelnd beobachtete er, wie Vince seiner Aufforderung nachkam, dann schnallte er seine Hände und Fußgelenke mit den Gummimanschetten am Tisch fest. Er warf einen Seitenblick zu Paul. »Bring Ulrich zu einem Arzt. Erzähl, er sei die Treppe runtergefallen oder sonst was in der Art. Dann kommt ihr so schnell wie möglich zurück. Ich muss heute Nachmittag nochmals weg, um einige Dinge zu erledigen. Morgen früh bin ich zurück. Bis dahin bleibt Foster angeschnallt.«
»Okay. Und was machen wir mit Beutler?«, fragte Paul.
»Ich habe euch gesagt, worum es hier geht. Verzögerungen können wir uns nicht leisten.«
»Dann wär’s wohl besser, die Sache jetzt gleich zu erledigen«, meldete sich nun der Langhaarige zu Wort, der mit den Hunden auf dem Treppenabsatz stehen geblieben war.
Der Dämon lächelte kalt. »Das hatte ich vor …«
Als seine Männer den Keller verlassen hatten, trat er neben Beutler. Einen Augenblick blieb er reglos vor ihm stehen, dann zog er das Kissen unter seinem Kopf hervor. Während er das Kopfkissen mit einer Hand auf Beutlers blutiges Gesicht drückte, fixierte er Vince mit kaltem Blick.
Vince wollte wegschauen, konnte es aber nicht. Fassungslos starrte er auf den erstickenden Mann. Seine Kehle wurde trocken wie Staub und sein Magen verkrampfte sich, bis er das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen.
Beutler wehrte sich nicht. Lediglich seine Füße zuckten zum Schluss ein wenig.
Als es vorbei war, trat der Dämon an den Metalltisch. »Sie sehen blass aus, Foster.«
»Sie skrupelloser Schweinehund!«
»Skrupellos?« Der Dämon schüttelte lächelnd den Kopf. »Dieser Mann war ein Berufsverbrecher. Er wusste, wenn es hart auf hart kommt, kann er keine Sonderbehandlung erwarten. Ihn in ein Krankenhaus zu bringen, wäre gefährlich gewesen. Sein Tod war somit eine Notwendigkeit, für die Sie durch Ihren unnötigen Fluchtversuch allein die Schuld tragen.«
»Aber sicher doch! So, wie für meine Entführung und das Blutbad in Neumanns Haus.«
Das Lächeln des Dämons gefror. »Die Sache mit Wenz und Ihrem Schwiegervater war ein bedauerlicher Fehler meinerseits, wie ich ungern zugebe. Ich habe die beiden unterschätzt. Sie werden sicher besser kooperieren.«
»Und wobei?«
»Bei der Beantwortung einiger offener Fragen. Beginnen wir doch gleich mit den Wichtigsten: Wer hat Ihnen die Kopien von Zieglers Tagebuch gegeben? Und wo befindet sich das Original?«
»Keine Ahnung, wovon Sie reden. Wer ist Ziegler?«
Der Dämon strich sich langsam über die Glatze. »Was Sie da versuchen, ist sinnlos, glauben Sie mir. Es gibt Methoden, Menschen zum Sprechen zu bringen, die würden selbst die Besitzer dieser – wie ich finde – ziemlich geschmacklosen Sexfolterkammer in Staunen versetzen. Sie haben die Wahl.«
»Ich habe es Ihnen doch eben gesagt: Ich weiß nichts!«
»Und was ist das?« Der Dämon zog den Briefumschlag mit den Tagebuchkopien aus der Manteltasche.
Nun verlor Vince die Fassung. Eine nie gekannte Verzweiflung brach über ihn herein, fraß sich in sekundenschnelle wie eine ätzende Säure durch ihn hindurch. »Wo haben Sie das her?«, stieß er mit halb erstickter Stimme hervor.
Das teuflische Lächeln kehrte auf das Gesicht des Dämons zurück. »Ihre Freundin war so nett, mir den Schlüssel zum Schließfach zu überlassen. Übrigens, ein ausnehmend hübsches Mädchen. Was mich angeht, vielleicht eine Spur zu vulgär. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.«
»Was haben Sie mit ihr gemacht?«, rief Vince. Er zerrte an seinen Fesseln. »Wenn Sie ihr auch nur ein Haar gekrümmt haben, bringe ich Sie um!«
Der Dämon warf den Kopf in den Nacken und lachte. Als er wieder auf Vince heruntersah, schienen seine Augen zu glühen. »In Ihrer Lage wirken Drohungen ziemlich lächerlich. Ich schlage vor, Sie beantworten jetzt meine Fragen – bevor ich die Geduld verliere und alles auf äußerst schmerzhafte Weise aus Ihnen heraushole.«
»Fahren Sie zur Hölle!«
»Wie Sie wollen, ich habe Sie gewarnt.« Er zog zwei Lederriemen hervor, die an der Seite des Tisches befestigt waren, und spannte sie quer über den Tisch. Der eine lief über Vince’ Stirn und presste seinen Kopf auf das ungepolsterte Metall, der andere über seine Kehle, sodass er sich nicht mehr bewegen und auch kaum noch atmen konnte.
Aus den Augenwinkeln sah Vince, wie der Dämon seinen Aktenkoffer aufhob und zum Bett ging. Als er zurückkehrte, hielt er eine Mini-Bohrmaschine in der Hand. »Sie müssen wissen«, sagte er, »Verhörmethoden sind mein Steckenpferd. Da gibt es Menschen, die haben eine panische Angst vor Schlangen. Hält man ihnen eine vor das Gesicht, plaudern sie wie ein altes Waschweib. Anderen jagt schon der bloße Anblick einer Waffe einen gewaltigen Schreck ein. Ich persönlich verabscheue solche Leute. Sie haben keinen Mumm in den Knochen. Harte Typen sind mir viel lieber. Man könnte sagen, sie inspirieren mich.« Er fuhr Vince mit der Spitze der Bohrmaschine langsam über die Wange. »Einmal habe ich einem Kerl mit dem Skalpell die Haut abgezogen. Erst den einen Unterarm, dann den anderen. Sie werden es nicht glauben, aber obwohl er entsetzliche Schmerzen erduldete, verriet er mir nicht, was ich wissen wollte. Erst als ich ihm ein Augenlid abschnitt, gab er auf. Es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich die menschliche Spezies in Ausnahmesituationen reagiert.«
»Sie … sind … pervers«, würgte Vince hervor.
»Vielleicht. Für Sie habe ich mir jedenfalls etwas ganz Besonderes ausgedacht ...«

17. Dezember 2019

'Marias Sehnsucht: Die Reise einer Jüdin' von Uschi Meinhold

Kindle | Weitere Shops
Website zum Buch
Marias Sehnsucht? Welche Maria ist gemeint?
Der Leser begegnet einer wohlhabenden und gebildeten Jüdin, die als junge Frau ihren Heimatort Magdala in Galiläa nach dem Tod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters verlässt, um zu reisen. Die Sehnsucht nach Veränderung führt Maria zu Verwandten nach Zypern, anschließend in die Hauptstadt des alles beherrschenden Römischen Reiches, Rom, und auf die Insel Capri.

Sie ist sehr eng befreundet mit Claudia, der Tochter des Princeps Tiberius. Aus dem anfangs unbeschwerten Romaufenthalt Marias wird durch die Nähe zur Tochter des Herrschers, inzwischen Ehefrau des Pilatus, ein Eintauchen in menschliches Leid. Aber auch glückliche Momente erlebt die Reisende durch die Zuneigung zum Römer Lupus. Sie begegnet Personen, die die Geschichte der Zeit bestimmen: Princeps Tiberius, Pilatus, Herodes.

Eingebunden in die politische Geschichte sind private Schicksale. Maria kehrt nach Magdala in Galiläa zurück. Wie auf der Reise erlebt sie in ihrer Heimat neben Glück auch Leid, begegnet diesen Erfahrungen gestärkt, weiß, wie sie leben will und mit wem: mit ihrer gehörlosen Tochter Lea und dem Römer Lupus. Er ist ihr nach Magdala nachgereist.

Die Autorin erzählt die Geschichte der vielbeschriebenen Maria Magdalena auf andere Weise, als sie bisher verbreitet worden ist. Was der Autorin in ihrem Roman 'Bruna-Brunhilde' (Bruna-Brunhilde: Westgotische Prinzessin - Merowingische Königin - Nibelungentochter) gelungen ist - die Leser durch lebendig und spannend erzählte Geschichte zu unterhalten und zu berühren -, kann auch in diesem Roman erwartet werden.

Link zur Leseprobe

'Bruna-Brunhilde' von Uschi Meinhold

E-Book | Taschenbuch | handsigniertes TB
Website zum Buch
Bruna-Brunhilde: Westgotische Prinzessin - Merowingische Königin - Nibelungentochter

Eine vermeintlich zeitlich ferne Geschichte - die auch im spanischen Westgotenreich mit der Hauptstadt Toledo spielt - wird im Roman über Bruna-Brunhilde als Kind, Herangewachsene, Liebhaberin, Leidende, Mutter und Herrscherin erzählt. So steht eine Frau des 6. Jahrhunderts, eine westgotische Prinzessin, eine merowingische Königin, eine Nibelungentochter im Mittelpunkt. Das Leben Bruna-Brunhildes ist zwar zeitlich fern, in manchem uns aber ganz nah.

Warum? Das Buch findet Antworten.
Außer dieser westgotischen, gebildeten Prinzessin Bruna, die fern ihrer Heimat - die sie nie wiedersehen wird - im Frankenreich ihres merowingischen Mannes nach dessen Ermordung als Herrscher in seiner Nachfolge versucht, gerecht zu handeln, wird die politische Geschichte dieser Zeit erzählt. Dies am Beispiel handelnder Menschen, die, wie Bruna-Brunhilde, im Mittelpunkt im Roman stehen. Denn Menschen machen Geschichte.

Wir können von Ereignissen im spanischen Westgotenreich – in Toledo, in Valencia -,im Merowingerreich der Franken: in Renève sur Vingeanne, in Chalon, in Metz, in Worms und Lorsch lesen. Das Nibelungenlied basiert auf dem glücklich-unglücklichen Leben dieser mächtigen Frau. Ähnlichkeiten zwischen dieser fernen Welt und unserer heute lassen sich entdecken. Aber auch das Andere, das Ferne, macht das Lesen ebenfalls interessant.

Für Liebhaber historischer Romane ist der erzählten Geschichte ein Glossar beigegeben.

Link zur Leseprobe

16. Dezember 2019

'Nimm dir Zeit, um zu leben' von Eve Sander

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Eve Sander
Wenn das Leben aus den Fugen gerät. Ein Roman, der unter die Haut geht.

Anja Hajduk hat gerade ihr neues Büro als Partnerin in einer renommierten Hamburger Kanzlei bezogen. Mutig, originell und warmherzig setzt sich die junge Rechtsanwältin für ihre Mandanten ein. Oft sind das Menschen am Rande der Gesellschaft. So wie Nurhan, die ihrem Ehemann entkommen will. Oder Cem, der völlig außer sich geraten ist.

Dass im Leben nicht immer die Sonne scheint, weiß Anja nur zu gut. Noch immer liebt sie den Mann, der sie verlassen hat. Das Geburtstagsfest ihrer Mutter soll sie auf andere Gedanken bringen. Doch was als wunderbarer Abend beginnt, wird zum Albtraum. Für Anja bricht eine Welt zusammen. Ein altes Tagebuch, das ihr in die Hände fällt, spendet Trost und offenbart ein wohlgehütetes Geheimnis ...

Anleser:
Bestimmt hatten sie ihn wegen seines Aussehens aus dem Verkehr geholt. Mit seinen schwarzen Haaren, dunkelbraunen Augen und diesem Bart, 2 den er sich neuerdings wachsen ließ, könnte Cem auch ein Moscheeprediger oder Islamist sein. Gereizt griff er in die Innentasche seiner Jacke und fand darin neben seiner Brieftasche auch die Marlboro-Schachtel wieder.
»Bitte schön«, sagte er und atmete geräuschvoll ein: »Chlp.«
Manchmal, besonders, wenn er aufgeregt oder nervös war, atmete er ein und machte dabei unbewusst dieses schmatzende Geräusch, dieses »Chlp«. Er konnte es nicht steuern, er merkte es noch nicht einmal.
Er reichte dem Polizisten die Dokumente. »Was habe ich denn falsch gemacht?«, fragte er.
»Steigen Sie bitte einmal aus«, erwiderte der Uniformierte ungerührt und reichte die Unterlagen seinem Kollegen weiter.
»Wieso haben Sie mich angehalten?«
»Bitte aussteigen!«, wiederholte der Polizist in befehlsgewohntem Ton.
»Aber ich habe doch nichts gemacht«, sagte Cem und machte »Chlp«. Er befolgte jedoch diesmal die Anweisung und stieß die Tür auf. Ihm war hundeelend. Sein Herz fühlte sich an, als wäre es von einer großen, kalten Faust umschlungen. Er fühlte sich so schwach. Erst diese Kopfschmerzen und nun auch noch das. Am liebsten wäre er in Tränen ausgebrochen.
»Hören Sie, ich bin krank, Sie dürfen mich nicht so behandeln«, wandte er mit schwacher Stimme ein.
»Bitte machen Sie mir mal diese Bewegungen nach.«
Der Polizist hob den einen Arm und fasste sich mit dem Finger an die Nasenspitze, dann nahm er den anderen Arm und machte dasselbe. Cem hob seinen linken Arm und sah zwei Hände. Vorsichtig führte er eine der Hände an die Nasenspitze und berührte sie.
»Herr Kurt, haben Sie Alkohol getrunken?«, fragte ihn der Beamte.
»Nein!«
»Haben Sie Drogen konsumiert?«
»Nein ...«
»Pusten Sie bitte mal hier hinein.«
Cem pustete. Das Gerät zeigte keinen Atemalkohol an.
»Gehen Sie mal ein paar Schritte.«
Cem bemühte sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber er verlor dabei so das Gleichgewicht, dass er torkelte.
»Herr Kurt, sind Sie damit einverstanden, dass wir einen Bluttest durchführen?«
»Aber ich bin nicht betrunken, das haben Sie doch schon getestet«, wandte Cem nun fast weinerlich ein und machte wieder »Chlp«.
»Sie sind aber eben auf der Autobahn Schlangenlinien gefahren. Auch jetzt können Sie nicht gerade stehen oder laufen.«
»Ja, aber ich stehe doch jetzt gerade! Vorhin auf der Autobahn habe ich doch nur was gesucht, meine Zigarettenschachtel war mir runtergefallen, deswegen bin ich vielleicht einmal kurz Schlangenlinien gefahren, aber ich passe besser auf, versprochen!«
»Das ist eine Standardprozedur, wir wollen nur ausschließen, dass Sie tatsächlich keinen Alkohol oder Drogen konsumiert haben.«
»Bitte, lassen Sie mich einfach weiterfahren, ich habe doch schon gesagt, dass ich krank bin, ich werde mich besser konzentrieren, ich passe bestimmt besser auf. Bitte!«
»Wir lassen Sie weiterfahren, wenn sich herausstellt, dass Sie keine Drogen konsumiert haben. Würden Sie uns jetzt bitte auf die Wache begleiten?«
»Verdammt noch mal, so eine Scheiße! Ich habe keine Zeit für diesen ganzen Blödsinn!«, sagte Cem jetzt ungeduldig und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Wissen Sie was? Ich setze mich jetzt in mein Auto und fahre nach Hause, ich habe genug Probleme, auch ohne diesen ganzen Scheiß von euch Provinzpolizisten!«
Cem wandte sich ab, machte »Chlp« und wollte zu seinem Auto gehen, doch der zweite Beamte versperrte ihm den Weg.
»Bitte begleiten Sie uns jetzt zur Wache oder wir müssen Sie festnehmen.«
Resigniert sackte er in sich zusammen und nickte ergeben.

Blick ins Buch (Leseprobe)

13. Dezember 2019

'Samael Rising' von Nici Hope

Kindle | Taschenbuch
Blutwut-Verlag
Sie begegnen sich im Flur.
Sie begegnen einander im Traum.
Sie begegnen Satan.


Privatermittler Matteo Martin und Gothicgirl Luna Schmidt sind eigentlich nur Nachbarn, aber zwischen den beiden scheint es eine besondere Verbindung zu geben. Während Matteo bei einer Ermittlung zum Spielball wahnsinniger Okkultisten wird, spielt Luna unwissend mit ihren magischen Fähigkeiten und geht zu weit.

Moderner Satanismus, ein ordentlicher Schuss Urban-Fantasy sowie jede Menge Blut und Sex. Abgedreht und doch bloß ein Auftakt ...

Leseprobe:
Luna - Beten
Meine Mutter war streng katholisch, bestand vehement auf ihre Religion und wirkte stets verbittert. Ihr Leben war ein Zyklus aus Beten, Beichten und Biederkeit. Wegen jeder Kleinigkeit schleifte sie mich in die Kirche. Einmal hatte ich draußen beim Spielen mein Kleid zerrissen, sodass man meine Knie und Oberschenkel sehen konnte. Es war so ein toller Sommertag gewesen. Mit den Kindern in der Nachbarschaft war ich auf Bäume und Dächer geklettert. Ein Tag mit Lakritz vom Kiosk und kindlicher Leichtigkeit. Aber als ich nach Hause kam, beschimpfte meine Mutter mich als dreckiges Luder und schleifte mich in die kalte dunkle Kirche zur Beichtbank. Ihre Worte hallten zeternd durch das Kirchenschiff: »Wie eine Hure zeigst du deine Beine. Du solltest dich schämen! Wenn du so weitermachst, holt dich der Teufel in sein Höllenfeuer!« Wie ich sie für ihren Glauben verabscheute.

Es war Anfang der Neunziger und alle Eltern kamen mir hip und cool vor, nur meine Mutter nicht. Sie klammerte sich an die Bibel und an die Kutte des Gemeindepriesters.
Sie würde verrückt werden, wenn sie wüsste, dass ich mir gerade einen neuen Vibrator gekauft habe oder das Zucken meines Beckenbodens genieße, wenn ich meinen heißen Nachbarn sehe.
Als Teenager fing ich an, mich für andere Religionen und Weltanschauungen zu interessieren, weil sich der Glauben meiner Mutter einfach nicht richtig anfühlte. Buddhismus, Hinduismus, Wicca, Esoterik und New-Age-Philosophien. Ich las diverse Bücher über Götter und Pantheons, landete später aber beim Hexentum, bei Kräuterkunde und Energien. Da bin ich bis jetzt hängen geblieben. Ich bin eine Jägerin nach altem Wissen und alten Büchern. Heute ist wieder ein Antik- und Trödelmarkt in der Stadt. Noch zwei S-Bahn-Stationen, dann bin ich da. Zwischen Krimskrams und vergilbten Bücherstapeln suche ich jedes Mal das Gleiche: Informationen über Magie, Heilkunde und Übernatürliches.
Ketzerei und Teufelszeug, würde meine Mutter sagen. Sie hat eine regelrechte Phobie, was diese Themen angeht, so wie ich beim Klang von Kirchenglocken eine gewisse Übelkeit verspüre. Der Klang von Zwang. Damals versteckte ich die Bücher gut, las sie heimlich mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Heute ist das nicht mehr nötig. Zu meiner Mutter habe ich den Kontakt abgebrochen. Sie war einfach zu negativ und zog mich mit ihrem christlichen Geschwafel nur runter. Ich bin mit neunzehn zu meinem damaligen Freund gezogen und habe neben dem Studium viel gejobbt, um auf eigenen Beinen zu stehen. Es hat funktioniert. Ich verdiene mittlerweile ganz gut mit dem Job in der Werbeagentur. Aber um ehrlich zu sein, langweilt mich dieses alltägliche Leben. Es passiert nichts. Jeder Tag ist gleich. Und genau deswegen verliere ich mich gern in Büchern, in Musik und in meinem Kopfkino. Nur dort geht es richtig ab.
An der nächsten Station muss ich aussteigen, also stehe ich auf und stelle mich neben die Tür, greife widerwillig in die Schlaufe über mir, um bei dem Gerüttel der Bahn nicht zu stolpern. Ich finde diese Schlaufen ekelhaft. Und nicht nur die. Natürlich starren mich wieder Leute an. Ich trage eine Mütze, lange offene Haare darunter, knackig kurze Shorts mit Netzstrümpfen, Chucks und einen weiten Mantel mit riesiger Kapuze. Alles in schwarz. Helles Make-up, kohleschwarz umrandete Augen und sündhaft teuren Lippenstift von Lime Crime in einem dunklen Violett. Auch wenn ich mich in keine Schublade stecken will, so sagen die Leute, ich bin ein Gothicgirl. Der Begriff stört mich nicht, aber ich frage mich, wie lange die Bezeichnung ›Girl‹ noch passt? Ich bin neunundzwanzig.
Die Blicke ignoriere ich und schiebe meine Ohrstöpsel so weit wie möglich in den Gehörgang. Auf dem Handy öffne ich eine Musik-App mit meiner Lieblingsplaylist. Die Zufallswiedergabe spielt Magic Dance von David Bowie. Das Lied zum Film Das Labyrinth, auch so etwas, das ich dank meiner fanatischen Mutter heimlich gucken musste. Wie recht Bowie doch mit dem Songtext hat. Mit Tanzen kann man sich heilen und glücklich machen.
Ich meine damit nicht Party, Saufen, Menschen. Ich meine damit, mich allein in einen Underground Club zu begeben und die ganze Nacht durchzutanzen, zu schwitzen wie bei einem Workout. Alles vergessen. Nur Tanzen, um zu tanzen. Für mich. Kein Interesse an sozialen Kontakten und Gesprächen. Betäubung und Trance durch Musik und Bewegung.
Gabrielle Roth, so eine New-Age-Tante, die mit einer Tanzmeditation bekannt geworden ist, sagt, dass Schwitzen eine Opfergabe an dein inneres Selbst sei. Sie bezeichnet Schweiß als heiliges Wasser, als Gebetsperlen, als flüssige Perlen der Befreiung und behauptet, wenn man tanzt, würde man beten. Aber nicht das Beten im Sinne meiner Mutter, sondern beten zu sich selbst, zur Ekstase. Ihre Empfehlung ist so hart, so tief, so erfüllt vom Beat zu tanzen, bis da nichts mehr ist außer eben Schweiß und Hitze. Und genauso halte ich es.

'Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter' von Eva Joachimsen

Kindle (unlimited) | Tolino
Blog Eva Joachimsen
Liebesgeschichten zur Weihnachtszeit

Was gibt es Schöneres als ausgerechnet Weihnachten die große Liebe zu finden? Oder wenigstens davon zu träumen?

„Glühwein und Weihnachtsgans“, „Der Pralinenstand“ und zwölf weitere Kurzgeschichten laden dazu ein, sich die Weihnachtszeit mit Schmökern zu versüßen.

Leseprobe aus "Glühwein und Weihnachtsgans":
Cindy hetzte durch die Stadt. In beiden Händen trug sie volle Plastiktüten. Eine Woche vor Weihnachten und erst jetzt hatte sie Zeit, sich um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Es war zum Verzweifeln. Aber auf der Arbeit gab es so viel zu tun, dass sie jede Menge Überstunden schob. Und wenn sie dann endlich nach Hause ging, war sie viel zu müde, um sich noch durch die Geschäfte zu schieben oder in Ruhe im Internet zu stöbern. Letzten Samstag wollte sie einkaufen, aber nachdem sie ausgeschlafen hatte, stand ihre kleine Schwester vor der Tür.
„Hallo Cindy, ich dachte, du brauchst jemanden, der dich aus deinem Trübsinn reißt.“ Karo war eine spontane Studentin. Ein paar Semester mehr oder weniger regten sie nicht auf. Allerdings musste Cindy ehrlich zugeben, dass Karo ihrer Mutter nicht mehr auf der Tasche lag, sondern sich ihren Unterhalt selbst verdiente. Kein Job war ihr zu schlecht. Weder Babysitter, Kellner, Nachhilfelehrer, Hundesitter noch Verkäufer. Selbst bei der Obsternte hatte sie schon zwischen den Apfelbäumen gestanden. „Lohnt sich überhaupt nicht, davon kann ich ja gerade einmal die Semesterferien überstehen“, meinte sie hinterher.
„Du, ich muss heute unbedingt Weihnachtsgeschenke kaufen“, sagte Cindy und wollte sie schon hinauswerfen.
„Kein Problem. Ich liebe Weihnachtsmärkte.“
Sie hatte nicht übertrieben. Jede Kleinigkeit interessierte sie. Überall blieb sie stehen und spielte mit den ausgestellten Waren. Das Ende vom Lied war, dass Cindy am Abend völlig erledigt war, weil sie von Stand zu Stand geschoben wurden, zwischendurch Glühwein, Krapfen, Bratwurst und gebrannte Mandeln in sich hineingestopft hatten. Dafür hatte sie kein einziges Geschenk besorgt. Schließlich hatte Karo nicht zugelassen, dass sie früh ins Bett gingen, sondern hatte sie auch noch ins Kino und hinterher in die Disko gezerrt.
„Ich bin müde. Ich hatte eine anstrengende Woche.“ Vergeblich. Ihre Argumente hatten ihr nicht geholfen. Gegen ihre kleine Schwester war sie machtlos.
„Wenn ich schon einmal in der Großstadt bin, will ich auch etwas erleben.“ Und weil es in ihrer Universitätsstadt keine großen Kunstausstellungen gab, scheuchte sie Cindy auch noch am Sonntagvormittag aus dem Bett und schleppte sie zu den modernen Malern.
„Du bist überhaupt nicht mehr informiert. Meine Güte, es gibt doch auch ein Leben außerhalb deiner Firma“, klagte sie, während sie von Bild zu Bild schlenderten.
Cindy atmete am Abend auf, als Karo ihren Rucksack packte und wieder verschwand. Sie freute sich fast auf ihr Büro. Trotzdem ging sie die nächsten drei Tage so früh wie möglich ins Bett. Und jetzt hatte sie nur noch sechs Tage Zeit für alles, einschließlich des Gänsebratens, denn Karo und ihre Mutter hatten sich wie gewohnt bei ihr eingeladen. Sie seufzte. Warum fühlte sie sich bloß für die Familie verantwortlich? Sie hatte ihren Vater schließlich nicht mit ständigen Vorwürfen aus dem Haus getrieben. Andererseits hatte sie damals die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Eine viel zu große Verantwortung für eine Sechzehnjährige, aber ihre Mutter war dazu nicht in der Lage gewesen. Und sie hatte auch auf das erhoffte Studium verzichtet, um ihrer Mutter nicht länger zur Last zu fallen.
In Gedanken schob sie sich durch die Menschen, die vor den Weihnachtsbuden standen, ohne auf sie zu achten. Sie wollte in den Fotoladen, der sich ein paar Meter weiter die Straße hinab befand. Überall stieß sie mit ihren breiten Tüten an und kam kaum durch die schmalen Gassen, die die Leute widerwillig bildeten. Sie nahm den rechten Arm vor die Brust und trug jetzt die Taschen vor ihrem Körper, um schmaler zu sein. Plötzlich drehte sich ein Mann um und prallte gegen sie, als sie gerade vorbeiging.
„Aua, können Sie nicht aufpassen?“, fauchte sie. Ihre beige Wolljacke färbte sich dunkelrot vom Glühwein. Entsetzt betrachtete sie ihren Ärmel. Wochenlang hatte sie genau diese Jacke gesucht, und jetzt kippte so ein Depp seinen Wein über das kostbare Stück.
„Oh, entschuldigen Sie, das tut mir leid“, stammelte der Mann. Seine Wangen und seine Nase waren gerötet. Wer weiß, wie viel er schon intus hatte?
„Glühwein sollte man nicht auf der Straße trinken. Hier laufen doch viel zu viele Menschen vorbei.“ Cindy grollte noch immer. Sicher würde der Fleck nicht mehr aus der Jacke gehen. Aber er sollte die Reinigung wenigstens bezahlen.
„Ich komme für den Schaden auf“, sagte der Mann.
„Das will ich auch hoffen. Haben Sie eine Visitenkarte?“, fragte Cindy.
Der Mann griff an seine Brusttasche, doch er trug nur einen Troyer, dann fasste er an seine Gesäßtasche. Aber er zog seine Hand wieder zurück und machte ein bedauerndes Gesicht. „Leider nein, ich bin etwas vorsintflutlich. Haben Sie etwas zum Schreiben?“
Cindy schüttelte ihren Kopf.
„Dann gehen wir am besten in den Laden und ich schreibe es Ihnen auf.“ Er drehte sich weg und verschwand in der Menschenmenge.
Mist, jetzt macht er sich aus dem Staub und ich bleibe auf dem Schaden sitzen, fluchte Cindy. Doch der Mann sprach mit ein paar Bekannten und kam dann wieder auf sie zu.
„Ich musste mich nur noch abmelden, sonst werde ich vermisst“, sagte er und grinste sie kläglich an. „Es tut mir wirklich leid. Ihre schöne Jacke. Sie haben recht, ich werde nie wieder auf der Straße Glühwein trinken.“ Er zog ein großes Stofftaschentuch hervor und rieb heftig auf ihrem Arm herum.
„Aua, wollen Sie mich jetzt auch noch umbringen?“
Erschrocken zog er seine Hand zurück und reichte ihr das Tuch. Hoffentlich war es sauber. Cindy lehnte es ab und zog lieber eine Packung Papiertaschentücher aus der Handtasche.
„Die fusseln doch nur.“ Unbeholfen stand er daneben und sah zu, wie sie den Fleck bearbeitete. „Ich bin haftpflichtversichert“, erklärte er schließlich.
Endlich hörte sie mit dem Reiben auf. Es brachte sowieso nichts. Sie folgte ihm in den Fotoladen. Dort bat er um einen Zettel und einen Stift. Dann schrieb er ihr seinen Namen und die Adresse auf. Er wohnte in ihrem Stadtteil.
„Kann die Reinigung Ihnen die Rechnung schicken?“, fragte Cindy.
„Meinetwegen, aber ich zweifle, dass die eine Rechnung schreiben. Da müssen Sie doch gleich bezahlen. Kann ich Sie nach Hause bringen? Wo wohnen Sie?“
„Ich muss noch ein paar Einkäufe erledigen“, antwortete sie.
„Dabei sind Sie jetzt schon so bepackt.“ Doch nach einem Blick auf ihr Gesicht hielt er den Mund, entschuldigte sich ein weiteres Mal und verabschiedete sich.
Cindy kaufte die kleine Kamera für ihre Mutter und einen Radiowecker für Karo. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hatte sie alles besorgt. Mit einer weiteren Tüte in der Hand lief sie vorsichtig zum Bahnhof. Um jede größere Menschengruppe versuchte sie, einen Bogen zu machen.
Natürlich bekam sie in der S-Bahn keinen Sitzplatz mehr. Ihre Tüten waren ein wirkliches Hindernis. Sie stand im Gang und blockierte alles. Keiner konnte an ihr und ihren Tüten vorbei. Und in das Gepäcknetz passten sie auch nicht mehr, so dick, wie sie waren. Außerdem wäre bei dem Versuch der Inhalt wohl heruntergefallen. Warum gab es auch keine Gepäckabteile in der S-Bahn?
Endlich kam ihre Haltestelle und sie quetschte sich zum Ausgang. Auf der Treppe passierte es dann. Ein Griff riss und der Inhalt rutschte die Treppe zum Bahnsteig hinunter. Sie bückte sich und sammelte die Teile wieder ein. Hoffentlich war alles heil geblieben.

'Tod eines Bierdimpfls: ein Niederbayernkrimi' von Ruth M. Fuchs

Kindle | Taschenbuch
Website Ruth M. Fuchs | Autorenseite im Blog
Das Straubinger Gäubodenfest: Brauchtum, Gaudi, Spaß – und ein Toter mitten im Bierzelt. Hauptkommissar Quirin Kammermeier steht vor einem Rätsel. Wie konnte jemand unter all den anderen Leuten unbemerkt erstochen werden? Und warum ausgerechnet ein harmloser und scheinbar allseits beliebter Rentner?

Doch damit nicht genug! Quirin muss sich auch noch mit einer neuen Kollegin abplagen, die ihn nicht ausstehen kann und daraus kein Hehl macht. Aber liegt das wirklich nur an Quirin? Oder ist es vielleicht doch eher das abscheuliche Problem, das die Neue mit sich herumträgt und unbedingt vor aller Welt verbergen will?

Leseprobe:
Jeden Freitagabend traf sich der Stammtisch. Es waren immer dieselben sieben Männer am selben Tisch: Anderl, Poldi, Franz, Sepp, Hans, Wastl und Georg, genannt Schosl. Sie gehörten weder einem Verein an noch einer bestimmten Berufsgruppe. Gemeinsam hatten sie eigentlich nur ihre Liebe zum Bier und zum gelegentlichen Schafkopfen und die Tatsache, dass sie an den Freitagen nichts Besseres zu tun hatten.
Hin und wieder standen Hans und Sepp auf, um eine rauchen zu gehen. Leider durfte man das im Lokal ja nicht mehr. Ein Umstand, der jedes Mal entsprechend abfällig kommentiert wurde.
„Mit dem Raucherg'setz hat mir die CSU recht as Kraut ausg'schütt“, beschwerte sich der Wastl, als er mal wieder aufstand. Hans erhob sich ebenfalls.
„Richtig. Ich glaube, ich wähle das nächste mal die Grünen“, erklärte er. Eigentlich wählte er ohnehin die Grünen, aber das erwähnte er nie. Zurecht, denn er erntete heftigen Widerspruch bei seinen Stammtischbrüdern.
„Die CSU hat scho mein Vatern g'wählt. Und mein Großvatern!“
„Ja. Was soll ma aa sonst wähl'n?“
„Aber ausg'rechnet der Söder? Hätt'ns da net an andern nehma kenna?“
„Ja, der Söder ...“
„Den hob ich amol kennag'lernt“, verkündete Poldi. „In Nürnberg. Da war er no a junger Hupfer ...“
„Eahm schaug o!“, feixte der Sepp. „Den Söder kennt er aa.“
„War des vor oder nachdem der Keiler dich o'ganga hat?“, witzelte Anderl prompt.
„A geh. Die Wuidsau, des war doch beim Schwammerlbrock‘n im Bayrischen Wald!“, winkte Poldi ab. „Wart amoi, i hob da a Buidl vom Markus ...“ Er kramte seine Brieftasche heraus und öffnete sie. Darin befand sich ein ganzer Stapel von Bildern, die er gewissenhaft durchging.
„Kennt's ihr den: Treffen sich zwoa Jäger – beide tot.“
Verblüfftes Schweigen, dann brüllten alle vor Lachen los. Selbst Franz, der sonst nur höflich lächelte, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sepp, der Witzeerzähler, grinste zufrieden.
„Aber a Hund is' er fei scho, der Söder“, kam er dann wieder auf die Politik zurück. „Apropos: Wisst‘s ihr eigentlich, warum a Hund sich die Eier abschleckt? Weil er‘s ko ...“
„Ein Windhund, sonst nichts!“, winkte Hans aber nur ab, ohne auf Sepps Witz einzugehen. Er folgte Wastl nach draußen, um auch eine zu rauchen.
„Immer noch besser als der Aiwanger.“
„Der Opflsoft? Mit dem konnst mi jag'n! Der soll dahoam bleib'n. So viel Bier konn i gar net trink'n, dass i den ertrag'!“
„Dies Jahr kommt a Europaabgeordneter aus Niederbayern.“
„Net der Aiwanger? Des is recht.“
„So schlecht is der Aiwanger aa wieder net!“
Franz seufzte. Er hielt nicht viel von Politik. Eigentlich hielt er auch von den Stammtischbrüdern nicht allzu viel. Abgesehen von Hans gab es hier nur einen, wegen dem er jeden Freitag kam.
„Schreibst du bald mal wieder ein neues Buch?“, wandte er sich an Georg. „Ich hätte da eine Idee zu einem Mord mit einem Häcksler ...“
„Mein nächster Thriller, der hat noch Zeit“, winkte der Schosl aber nur ab. Das Thema Söder schien ihn viel mehr zu interessieren. „Kommt der Söder dieses Jahr auch wieder zum Anstich?“, fragte er nämlich in die Runde.
„Anstich? Was für ein Anstich?“ Poldi war klar, was Georg meinte, doch er gab sich ahnungslos.
„Oh mei, Schosl, man merkt halt gleich, dass du a Zuagroaster bist!“, erbarmte sich der Anderl und prostete Georg gutmütig zu. „Bist ja erst drei Jahr da. Aber so langsam soll'tst trotzdem scho wiss'n, dass es auf dem Gäubodenfest keinen Anstich net gibt. Mir sind da net auf der Wiesn.“
„Und mir hab‘n auch koan Trachteneinzug wie die Mingerer, sondern an Auszug“, fiel dem Sepp ein.
„Das hab ich auch noch nie verstanden“, gab Georg zu, der immerhin inzwischen wusste, dass mit ‚Mingerer‘ Münchner gemeint waren.
„Na, weil‘s aus der Stadt ausse geht – und nunter auf den Hag‘n!“
„Aber genaugenommen stimmt das doch schon lange nicht mehr ...“
„Des is uns wurscht. Des is Tradition.“
„Oh, ja, na klar.“ Georg wusste aus leidiger Erfahrung, dass es besser war, nichts mehr zu sagen, wenn die Tradition ins Spiel kam. Das berühmte ‚Schuhplatteln‘ war noch keine hundert Jahre alt, aber bereits festgemauerte Tradition. Ein Messer zur Lederhosen zu tragen – Tradition, host mi! Obwohl inzwischen viele in der Tasche für den ‚Hirschfänger‘, die so eine Lederhose meistens aufwies, lieber ihr Handy unterbrachten. Der historische Teil auf dem Gäubodenfest war auch Tradition, obwohl es den eigentlich erst seit ein paar Jahren gab. Das hatte Georg schnell lernen müssen, als er unvorsichtigerweise meinte, dass die Straubinger da wohl die Münchner mit ihrem Oktoberfest nachahmten. Er hatte zwei Runden Bier spendieren müssen, bis ihm die Stammtischbrüder diesen Ausrutscher verziehen.
Denn die Wiesn, also das Oktoberfest in München, wurde von allen sieben mit Verachtung gestraft. Zu groß, zu teuer, zu kommerziell und viel zu viele Ausländer, lautete die einhellige Meinung. Selbst Franz stimmte dem aus vollem Herzen zu. Da war das Straubinger Gäubodenfest schon etwas ganz anderes. Obwohl es das zweitgrößte Volksfest in Bayern war, hatte es dennoch den Ruf der bayerischen Gemütlichkeit behalten. So traf man dort in erster Linie einheimische Besucher auf dem Festplatz Am Hagen. Anfang des 19. Jahrhunderts als landwirtschaftliches Vereinsfest von König Maximilian I. Joseph ins Leben gerufen, standen ursprünglich Zuchtschauen und landwirtschaftliche Anbaumethoden im Vordergrund. Die spielten heutzutage, mit der Ostbayernschau, eher eine Nebenrolle, zumindest für die meisten der Besucher. Die interessierten sich mehr für die sieben Festzelte, die zahlreichen Essens- und Losbuden und die vielen Fahrbetriebe, bei denen vom Kinderkarussell über Achterbahn und Riesenrad bis hin zu den neuesten Fahrgeschäften alles vertreten war. Beliebt waren auch die Lampionfahrt mit Niederfeuerwerk auf der nahen Donau und natürlich das Großfeuerwerk am letzten Montag.
Das Gäubodenvolksfest begann immer am Freitag vor dem zweiten Samstag im August und dauerte elf Tage. Morgen sollte es nun mal wieder soweit sein – ein Pflichttermin für die Stammtischbrüder.
Da kamen Wastl und Hans wieder zurück und setzten sich auf ihre Stammplätze.
„Kennt's ihr den von dem Madl, das zum Tätowierer geht und möcht, dass er ihr eine Muschel innen auf den Oberschenkel tätowiert ...“, begann Sepp einen neuen Witz, wurde aber unterbrochen.

12. Dezember 2019

'EISIGE HÖLLE - Verschollen in Island' von Álexir Snjórsson

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autoren-Website
»Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.«

Was tust du, wenn während einer Islandreise deine Frau nach einem Streit mit dir spurlos verschwindet? Wenn du feststellst, dass dich der Polizist, der dich unter einem Vorwand festgenommen hat, betäuben will? Nutzt du die Gelegenheit zur Flucht und wendest dich in deiner Verzweiflung an deinen Schwiegervater in Deutschland, auch wenn dieser dich hasst und dir die isländische Polizei inzwischen den brutalen Mord an einer einheimischen Frau zur Last legt?

Oder wird dich das erst recht in den größten Albtraum deines Lebens stürzen …

Leseprobe:
Kapitel 1
Vor fünf Tagen, Rückblende
Mit eingezogenem Kopf kämpfte ich mich durch den knietiefen Schnee. Der Sturm stieß mich hin und her, gleichzeitig schienen sich die Krallen einer unsichtbaren Meute hungriger Raubkatzen in meine Kleidung zu schlagen. Sie zerrten und rissen an mir, als wollten sie mich zu Fall bringen, um mich zu zerfleischen.
Immer wieder sank ich mit einem Bein tiefer ein, als mit dem anderen, sackte seitlich in den Schnee und quälte mich wie ein weidwundes Tier erneut auf die Beine.
Als stünde ich unter Drogeneinfluss, begannen sich in meinem Verstand Einbildung und Realität zu vermischen. Ich hörte Stimmen. Erst weit entfernt, dann dicht neben und hinter mir. Ich blieb stehen, drehte mich im Kreis. Doch da war niemand. »Zeigt euch, ihre feigen Trolle!«, stieß ich heiser hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ein irres Kichern war die Antwort. Ich schüttelte den Kopf, stolperte weiter. Kein Zweifel, ich verlor den Verstand. Außer mir und meiner geflohenen Geisel war niemand in dieser menschenfeindlichen Einöde unterwegs. Der Unterschied war, dass sie sich hier oben zwischen den mächtigen Gletschern auskannte und wusste, wie sie dieser eisigen Hölle entrinnen konnte. Meine Chancen hingegen standen hierfür nahe bei null.
Noch war ich aber nicht bereit, mein drohendes Schicksal zu akzeptieren. Ich stapfte orientierungslos weiter, bis meine vor Kälte tauben Beine plötzlich nachgaben und ich in eine dichte Schneewolke gehüllt, in die Tiefe stürzte.
Ich prallte so hart auf den Rücken, dass es mir den Atem verschlug. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Panik erfasste mich. Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht aufrichten.
Kurz bevor ich zu ersticken glaubte, löste sich die Verkrampfung in meiner Brust. Ich röchelte, würgte und rang gierig nach Luft, gleichzeitig entwich mir mit jedem Atemzug auch ein großes Stück Lebenskraft. Ihren Platz nahm Kälte ein, eisige Kälte.
Ich blinzelte in die Schneeflocken, die über den Felsvorsprung wirbelten, von dem ich gestürzt war – und fühlte mich auf einmal entsetzlich müde.
Du darfst nicht liegen bleiben, Cooper, sonst erfrierst du! Ich schloss die Augen, sammelte meine verbliebenen Kräfte. Winselnd wie ein angefahrener Straßenköter wälzte ich mich auf den Bauch. Meine tauben, vor Kälte zitternden Hände krallten sich in den eisigen Untergrund. Unter quälenden Schmerzen stemmte ich meinen Oberkörper in die Höhe, rammte einen Fuß in den Boden und kam schwankend auf die Beine. Du musst weiter, musst in Bewegung bleiben, trieb mich eine innere Stimme wie ein Drill Sergeant an.
Einem Betrunkenen gleich, torkelte ich weiter durch das dichte Schneetreiben. Mit jedem Schritt fühlten sich meine Beine tauber an, bis sie mein Gewicht nicht mehr tragen wollten. Ich stolperte, stürzte erneut in den Schnee. Auf allen vieren kroch ich weiter. Winde dich nicht wie ein Wurm auf dem Boden herum, auf die Beine mit dir! Mit einem Ruck stemmte ich mich hoch, um gleich wieder Gesicht voran in den Schnee zu fallen.
Es hatte keinen Zweck, ich konnte nicht mehr. Mit letzter Kraft rollte ich mich langsam auf den Rücken.
Wie lange würde es wohl dauern, bis mich das weiße Leichentuch zugedeckt hatte? Würde ich so enden, wie die berühmte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit? Wie hieß der Mann noch mal? Ach ja, Ötzi …
Erstaunlich, was für Gedanken einem durch den Kopf gingen, wenn das eigene Leben nur noch am seidenen Faden hing.
Hätte ich an eine höhere Macht geglaubt, dann hätte ich wohl das Bedürfnis verspürt, zu irgendeinem Gott zu beten. Doch zu welchem? Ich war nicht religiös. Und um es zu werden, war es jetzt definitiv zu spät.
Dass dieser trostlose und unwirtliche Ort die Bühne war, auf der ich meinen letzten Auftritt hatte, schmerzte mich erstaunlicherweise nicht. Auch nicht, dass ich nicht wusste, ob oder was nach dem Tod kam. Ich hatte gelebt, ich hatte geliebt und gekämpft. Eins bereute ich jedoch: so kurz vor dem Ziel versagt zu haben.
»Es … tut mir … leid, Cass«, keuchte ich. »Ich hätte mein Leben … für deins … gegeben.«
Angezogen wie von einem schwarzen Loch, schossen meine Gedanken zu dem verhängnisvollen Tag zurück, an dem das Schicksal die Weichen für diese eisige Endstation gestellt hatte …

'Mord & Nougat Crisp: Paula Anders' dritter Fall' von Klaudia Zotzmann-Koch

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Klaudia Zotzmann-Koch | Autorenseite im Blog
Im Museum soll es mehr Mumien geben. Paula Anders und ihre Nichte kreieren Schokoladen-Sarkophage für den Museumsshop. Bei der Anlieferung neuer Mumien für eine Sonderausstellung ereignen sich mysteriöse Todesfälle.

Doch statt eines Pharaonenfluchs sind tödliche Substanzen im Spiel, die ihren Weg ins beschauliche Hildesheim gefunden haben. Kriminalhauptkommissar Volker Müller gerät unter Zeitdruck, als sein Kollege mit den Substanzen in Berührung kommt.

Leseprobe:
»Und hepp!« Der Speditionsmitarbeiter in der weißen Arbeitshose wuchtete ein enormes Paket auf eine überdimensionale Sackkarre und Uwe Harms gab sich alle Mühe, die unhandliche Lieferung zu sichern. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte war, dass eines der Pakete Schaden nahm. Jedes einzelne davon war mehrere Millionen Euro wert. Wie beinahe jedes Mal. Der melierte Schnurrbart zuckte, als der Mann von der Spedition die Sackkarre ruckartig in Bewegung setzte. Die kleine Schwelle des breiten Liefereingangs verursachte ein beunruhigendes Scheppern im Innern des Pakets und Uwes Schnurrbart kräuselte sich gemeinsam mit seiner Oberlippe. Welcher Depp hatte bloß die Verpackung gemacht? Im Kopf ging er die Listen durch und kalkulierte, was wohl in diesem speziellen Paket sein mochte. Aber es war schwer zu sagen, sie waren alle in etwa gleich groß – es konnte jedes einzelne der bestellten Objekte sein. Uwe drückte auf den Knopf des Lastenaufzugs, während der Spediteur das nächste Paket auf die Sackkarre lehnte. Das Paket war nicht ganz bis nach hinten geschoben worden und schwankte bedenklich, als die Karre angekippt wurde. Uwe wurde schlecht. Er lief die wenigen Schritte zum geparkten Lkw und hielt schützend beide Hände gegen das obere Ende der Kiste. Er würde das nächste Mal darauf bestehen, dass sie ihm keinen Anfänger schickten. Ein Missgeschick konnte sich hier niemand leisten. Natürlich war die Spedition versichert, aber der lästige Papierkram …

Schließlich wuchteten sie das fünfte und schwerste Paket auf die Sackkarre, balancierten alles über die kleine Schwelle nach drinnen und schoben alle Kisten, die jeweils auf den kurzen Enden standen, mit kurzem Schwung über die nächste Schwelle in den Lastenaufzug. Für einen von beiden war noch Platz in der Kabine und der Spediteur blieb im Innern stehen, während Uwe in der Hälfte der Zeit den Weg über die Treppe nahm. Unten musste er auf den Aufzug warten. Sein Schnurrbart zuckte ungeduldig.

Endlich öffneten sich die Türen und Uwe sackte der Magen ein gutes Stockwerk tiefer.
»Was zur Hölle …«
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das Chaos, das sich im Lastenaufzug vor ihm präsentierte. Eine der Holzkisten stand noch, alle anderen waren umgekippt, zwei obendrein aufgebrochen und Füllmaterial quoll auf den grauen Linoleumboden. Der Spediteur lag zuunterst unter den schweren Kisten, Blut lief ihm über eine Seite des Gesichts, mischte sich in den Staub des Verpackungsmaterials.
»Scheiße.« Uwes Schnurrbart sprang auf und ab, als er die knappen Informationen ins Funkgerät rief:
»Hol’ einen Krankenwagen!«

Der Schnurrbart hüpfte, als Uwe fassungslos auf den Boden schaute. Wie lang war der Aufzug gefahren? Ein Stockwerk nur. Dreißig Sekunden? Fünfundvierzig? Er fuhr langsam, aber nicht langsam genug, um das hier zu erklären. Der Spediteur lag unter zwei der Kisten und alles sah aus, als hätte hier drinnen ein Kampf stattgefunden. Aber wie …? Und mit wem? Uwe war kurz davor, an den ‚Fluch des Pharao’ zu glauben – die Kisten sollten fünf neue Exponate für die Mumien-Ausstellung enthalten. Holzwolle sah er aus den aufgeplatzten Kisten quellen und etwas Sägemehl. Als Uwe merkte, dass er seinen Atem anhielt, atmete er aus und zweimal tief ein. Er stand da wie angewurzelt – aber er musste dem Mann doch helfen! Er schüttelte seinen Kopf, wie um sich aus einem tiefen Traum zu befreien. Dann beugte er sich hinunter und machte sich an den Kisten zu schaffen. Sie waren verdammt schwer. Wie war der Mann bloß darunter geraten? Er zerrte und schaffte es, eine der Kisten von dem Mann herunterzuwuchten. Sie knallte hart auf den Boden des Lastenaufzugs und eine Wolke von ausgerieseltem Sägemehl erhob sich. Die zweite Kiste lag quer über dem Brustkorb des Mannes und jetzt, da die obere Kiste entfernt war, sah Uwe, wie sich das weiße Polohemd des Mannes rot verfärbte.
»Scheiße«, fluchte Uwe und der Schnurrbart hüpfte unwillig auf und ab.
Wieder ging er in die Hocke, um die Kiste mit der Kraft seiner Beine hochzustemmen. Auch sie war schwer, aber zum Glück ein wenig leichter als die vorige und er schaffte es beim ersten Versuch. Sie schwankte bedenklich, als er sie auf das kurze Ende stellte. Aber endlich hatte er den Mann befreit. Aus einem Loch in seinem Polohemd ragte eine blutige Rippe hervor. Uwe schluckte und wandte den Kopf ab.

Er wartete einige Atemzüge, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er weitermachen konnte. Er ging wieder in die Hocke, stützte sich mit einer Hand auf dem Boden ab und tastete mit zwei Fingern der anderen nach der Halsschlagader. Seine Hand zuckte zurück – er spürte keinen Puls.
»Scheiße!«, fluchte Uwe erneut.
Benommen ließ er die Knie den kurzen Weg zum Boden des Aufzugs sinken. Wo blieb denn der Krankenwagen? Konnte der überhaupt noch helfen?
Er stockte. Ja, er erinnerte sich genau, über das Funkgerät einen Krankenwagen angefordert zu haben. Aber hatte Erika geantwortet? Er dachte kurz nach. Nein, die ältere Dame am Empfang hatte seinen Funkruf nicht erwidert. Oder doch? Nein. … Oder? Verwirrt schaute Uwe sich um, starrte an die Decke des Aufzugs und die üblicherweise rechtwinkligen Streben tanzten vor seinen Augen. Er atmete tief ein, versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Die Welt drehte sich um ihn, er bekam keine Luft. Er wollte aufstehen und hinaus an die frische Luft. Er musste hier raus. Sofort. Die Wände schienen näherzukommen und seine Kehle war wie zugeschnürt. Er rappelte sich in den Kniestand, stützte sich mit dem Ellenbogen an die Aufzugtür und rieb sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Das Sägemehl, das an seiner Handfläche geklebt hatte, brannte in seinem Auge und es begann, auf der Stelle zu tränen. Er brauchte seine gesamte Kraft, um sich an der glatten Tür hochzuziehen. Doch er schwankte, trat gegen den leblosen Körper und kippte seitlich gegen die mühsam aufgerichtete Box, die mit ohrenbetäubendem Krachen wieder der Schwerkraft erlag. Der Dominoeffekt tat das Seine dazu und Uwe wurde von der benachbarten Kiste umgerissen. Er fiel auf den Spediteur, merkte, wie dessen hervorstehende Rippe seine eigene Haut ankratzte und einen Wimpernschlag später, wie die niederrasende Kiste seinen linken Arm traf. Das Knacken seiner Knochen hörte sich gar nicht gut an, doch er bemerkte es nur am Rande. Uwe musste würgen und er bekam immer weniger Luft. Er verfiel in Schnappatmung. Die rechte Hand suchte zuckend nach dem Funkgerät.
‚Krankenwagen …‘, dachte er, als farbenfrohe Flecken sein Blickfeld erfüllten. Und dann war alles ruhig.

11. Dezember 2019

'Adelsintrigen: Schicksalspfad des Tempelritters 2' von Olivièr Declear

Kindle unlimited | Taschenbuch
Köln Anno Domini 1235: Die Ländereien der verzweifelten Gräfin Ida von Zudendorp werden seit langem von schwarzgekleideten Reitern angegriffen. Sie und ihre Gefolgschaft ringen bereits mit dem Tode. In ihrer Not stehen nur noch der kampferfahrene Ritter Richard von Portus und der Orden der Tempelritter an ihrer Seite. Wer will der Gräfin schaden? Und warum?

Inmitten einer Welt voller Intrigen, adeliger Machtspiele und unzähliger Gefahren wollen die beiden die Wahrheit ergründen. Eine Reise beginnt, die sie unter größten Strapazen und unter Einsatz ihrer Leben sogar bis in das weitentfernte Rom führt.

Begeben Sie sich gemeinsam mit Ida und Richard auf ein Abenteuer und erleben Sie mit ihnen das Mittelalter in all seinen Facetten.

Adelsintrigen ist der zweite Band der Reihe »Schicksalspfad des Tempelritters« von Olivièr Declear.

Leseprobe:
Fluch
Richard hörte das Peitschen der Zweige, spürte die Schläge durch das Polster seiner Rüstung. Der Weg vor ihm, ein wankendes Bild im ständigen Auf und Ab des wilden Ritts. Der dunkle Pfad des Waldweges nur schwach vom durchscheinenden Mondlicht erhellt. Die Last des ohnmächtigen Körpers vor ihm über dem Widerrist schien die vertraute Einheit zu seinem Tier genommen zu haben. Richard hielt sich kaum im Sattel, wenn sein Pferd über Hindernisse sprang, die er nicht im schwachen Licht erahnt hatte. Durch die dicke Polsterhaube unter seiner Kette vernahm er nur wenige Geräusche seiner Umgebung. Das Reiben und Schlagen der Kettenglieder übertönte beinahe die kräftigen Hufschläge seines Tieres. Bei dem hastigen Versuch, einem tiefhängenden Ast auszuweichen, spürte er, wie der vor ihm liegende Körper vom Pferd zu gleiten drohte. Mit einem raschen Griff erfasste er ihn und hielt ihn an seinem Platz. Es war mehr das Gefühl in seinem Bauch, das Trommelschlägen glich, weniger sein Gehör, das ihn spüren ließ, dass die Verfolger immer näher kamen. Wie feiner Sprühregen flog ihm der Speichel seines erschöpften Pferdes entgegen.
Richard trieb sein Tier, das an die Grenzen seiner Kraft gekommen war, immer aufs Neue an. Die wilde Jagd durfte nicht verloren werden. Sein Hengst fuhr mit dem Kopf herum, als könne er seinem Reiter damit zeigen, dass er diesen scharfen Ritt nicht mehr ertragen konnte. Aber Richard wusste, wie stark sein Pferd war. Seine ganze Hoffnung lag darin, dass die Pferde der Verfolger vor seinem Pferd zusammenbrechen würden. Er rief ihm zu: »Nur ein kurzes Stück, lass mich nicht im Stich!« Sein Pferd schien ihn verstanden zu haben. Nochmals beschleunigte es und flog mit seinem Herrn über den Weg.
Als sein Tier zu straucheln begann, wusste Richard, dass jetzt nur noch der Kampf blieb. Er ließ sein Pferd auslaufen und wandte sich den Verfolgern zu. Aber da war niemand. Er sah keine Reiter. Auch das Trommeln in seinem Bauch spürte er nicht mehr. Vorsichtig lenkte er sein Pferd zwischen die Büsche des Wegesrandes, um den Pfad aus dem Dickicht heraus zu beobachten. Kaum war er in seiner Deckung angekommen, spürte er erneut das Donnern der Hufen, noch bevor er sie hörte. Mehrere Reiter jagten in einer dichten Gruppe an ihm vorbei, ihre Schwerter erhoben. Richard klopfte den Hals seines Pferdes: »Das hast du gut gemacht, alter Freund.«
Kaum war er aus dem Sattel seines Tieres gestiegen, wandte sein Hengst den Kopf und stupste ihn mit seiner Nase, um die Belohnung für seinen treuen Dienst einzufordern. Richard schmunzelte und nahm ein Stück Rübe aus seiner Satteltasche. Mit flacher Hand hielt er es dem Freund hin. »Wenn wir in Sicherheit sind, sollst du besser belohnt werden. Du hast uns das Leben gerettet.«
Sein Blick fiel auf das Mädchen. Noch immer regte sich ihr Körper nicht. Richard nahm den ledernen Schlauch und goss ein wenig Wasser über ihren Kopf. Sie hob ihn erschrocken und sah ihn mit verängstigten Augen an. Richard legte einen Finger vor seinen Mund: »Keine Angst, ich werde dir nichts antun. Wir sind fürs Erste in Sicherheit«, flüsterte er. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an, aus denen die Furchtsamkeit noch nicht gewichen war. Stumm nickte sie und bemühte sich, vom Pferderücken zu gleiten. »Wie ist dein Name, Mädchen?« Leise antwortete sie: »Siena, edler Herr.« Richard betrachtete ihre schmutzige und zerlumpte Kleidung. »Warum haben diese Strauchdiebe dein Dorf überfallen?« Siena wusste auch nicht viel mehr, als er selbst beobachtet hatte. Sie war vom Lärm aus dem Haus gelockt worden und sah eine große Schar Reiter, die wahllos auf jeden einschlug, der ihren Weg kreuzte. Als sie fliehen wollte, spürte sie einen heftigen Schlag, der sie zu Boden stürzen ließ. Mehr konnte auch sie nicht sagen. Auch hatte sie keinen der Reiter erkannt. Richard erzählte ihr: »Wir sahen, wie du von einem Pferd zu Boden gestoßen wurdest. Aber es traf dich kein Huf. Der Schreck nahm dir die Sinne.« Siena sah ihn fragend an. »Ich sah Euch mit Euren Begleitern. Wo sind sie?« Richard schüttelte traurig das Haupt. »Für einfaches Diebesvolk kämpften diese Reiter zu gekonnt. Nur mir ist die Flucht gelungen.« Dann schwieg er, während er in seiner Erinnerung einen Anhaltspunkt suchte, wer für diesen Angriff verantwortlich gewesen sein könnte. Aber er fand nichts, was die Angreifer verraten hätte. »Wir waren auf dem Weg zu der Herrin deines Ortes. Du wirst mich erst einmal dorthin begleiten.« Als sie aufbegehren wollte, sagte er mit strengerer Stimme als gewollt: »Du wirst gehorchen und folgen, wie man es dir heißt. Hast du mich verstanden?« Als sie mit widerwilligem Blick nickte, setzte er milder hinzu: »Die Herrin wird dich sicherlich bald zu deinen Leuten schicken.«
Richard las in ihrem Gesicht, dass diese Hoffnung nur ein schwacher Trost für das Mädchen war. Er konnte verstehen, dass sie sich sorgte und schnell zurückkehren wollte. In diesem Moment galt es jedoch, erst einmal zu erfahren, woher der Angriff gekommen sein könnte und wie zu handeln sei. Der Ritter legte seinen Umhang ab und gab dem Bauernmädchen den Befehl, sich einen Schlafplatz zu suchen. Mit einem freundlichen Lächeln reichte er ihr den Mantel als Decke. Nachdenklich blickend versorgte er sein Pferd, so gut es an diesem Ort möglich war. Der Weg war zu gefährlich und es war zwecklos, in der Nacht durch den Wald zu streifen. Daher entschloss er sich, auf das Licht des beginnenden Tages warten. Mit finsterem Blick beobachtet er die Nacht, während er an den Stamm eines Baumes kauerte. Seine Sinne achteten auf jedes Geräusch des Waldes. Aber die Reiter schienen die Suche aufgegeben zu haben. Die Geräusche des nächtlichen Waldes wurden nur manchmal von dem leisen Schluchzen des Mädchens gestört.
Als er die Magd bei dem ersten Licht wecken wollte, fand er sie bereits wach. Er betrachtete ihre geröteten Augen und die Sorge in ihrem Gesicht. Ob sie überhaupt Schlaf gefunden hatte? Zu gern hätte er ihr tröstende Worte geschenkt. Aber er durfte sich dem Gesinde nicht offenbaren, als wären sie seinesgleichen. Richard brachte ihr Trockenfleisch und reichte ihr den Lederschlauch mit Wasser. Misstrauisch schnupperte Siena an dem Lederschlauch; »Ich soll kein Wasser trinken. Es macht krank.« Richard lachte leise; »Dieses kannst du trinken, es stammt aus meinem Brunnen und ist feinstes Quellwasser. Trink nur, Kind. Wir müssen bald aufbrechen.«
Obwohl er sicher war, dass die Reiter ihnen jetzt nicht mehr auf diesem Pfad entgegenkommen würden, zog er das Kettengeflecht mit der Haube in den Nacken und lauschte aufmerksam nach möglichem Hufschlag. Die Spuren, welche die schweren Pferde auf dem Weg hinterlassen hatten, ließen ihn erkennen, in welcher Eile sie unterwegs gewesen waren. Abrupt endete ihre Spur, als hätten sich die Reiter in Luft aufgelöst. Verwundert hielt Richard an. Er blickte sich um und suchte nach Zeichen, die ihren weiteren Weg verraten könnten. Aber da war nichts. Kein gebrochener Zweig. Keine Spur in den Wald hinein. Wo waren sie geblieben? Vor ihnen lag ein jungfräulicher Weg, auf dem kein Grashalm gebogen war. Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg mit Siena fort.
Gegen Mitte des Tages erreichten sie die Ebene, auf der sich die Befestigung befand. Schon von Weitem sah er den Turmhügel aufragen. Die kleine Ansiedlung unter dem Turm war von einem gefluteten Graben umgeben. Diese Ansiedlung erschien jämmerlich gegen die prächtigen und trutzigen Burgen der höheren Lagen. Aber wo es keinen Steinbruch gab, mussten Gräben und Holz als Schutz gegen Diebe reichen. Als sie die Ansiedlung betraten, betrachtete er die arg verfallen Gebäude. Er war vor Jahren das letzte Mal zu Gast. Damals lebte der Herr des Gebietes noch. Der Graf von Zudendorp war ein ewig unzufriedener Mann, mit dem es häufig Grenzstreitigkeiten zu schlichten galt. Sein Herr, der alte Bischof zu Coeln, ließ ihm kaum mehr, als er zum Leben brauchte. Auch unter dem neuen Herrn war es nicht besser geworden. Seit dem der Bau des neuen Domes beschlossen worden war, presste die Kirche ihre Vasallen bis zum Blute.
Am Wohnturm verlangte er, die Gräfin zu sprechen. Es dauerte eine Weile, bis man ihn vorsprechen ließ. Die Gräfin war ebenso verfallen wie ihre Heimstatt. Tiefe Ringe lagen um ihre Augen. Zahlreiche Falten hatten sich in ihr Gesicht gegraben. Richard war erschrocken, wie sich diese einstmals hübsche Frau verändert hatte. »Nun, Graf Richard. Wenn ich mich recht entsinne, seid Ihr selten ein Mann, der frohe Botschaft bringt«, empfing sie ihn kühl. Er verbeugte sich leicht und sah sie einen Moment schweigend an. Dann erwiderte er: »So wird mir wohl weiterhin der Ruf als Bote schlechter Nachrichten bleiben.« Die Gräfin schwankte leicht, während ihre Hand Halt an der Lehne eines Stuhles suchte. »Dann heraus mit Eurer Botschaft. Schlimmer als es ist, kann es ohnehin nicht mehr werden.«
Die Frau tat ihm leid, aber es half nichts, er musste die Nachricht überbringen. »Euer Besitz, eine halbe Tagesreise von hier, wurde überfallen.« Die Gräfin sank kraftlos und bleich auf den Stuhl. Stumm, fast anklagend sah sie Richard an. »Ich weiß nicht mehr über den Umstand, als dass ich meine Begleiter dabei verloren habe und selbst kaum mit dem Leben davongekommen bin. Aber ich habe Euch ein Mädchen des Ortes mitgebracht, die den Überfall überstanden hat.« Dabei griff er hinter sich und führte die hinter ihm stehende Siena nach vorne. Ungelenk verbeugte sich das Bauernmädchen vor seiner Herrin.

Im Kindle-Shop: Adelsintrigen: Schicksalspfad des Tempelritters.
Mehr über und von Olivièr Declear auf seiner Amazon-Autorenseite.



'Blinder Hass' von Alex Winter

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Alex Winter
»Ich habe den schwarzen Schatten in seinen Augen gesehen«, flüsterte der Aborigine. Seine Stimme klang angsterfüllt. »Er ist ein Kedic, ein Teufel in Menschengestalt …«

Als der Zürcher Sicherheitsexperte Vince Foster von seinem in Australien lebenden Bruder Bryan die unvollständige Kopie eines alten Tagebuches erhält, ahnt er zunächst nicht, welches düstere Geheimnis dieses birgt.

Vince ist jedoch nicht der Einzige, der sich für das Tagebuch interessiert: Die rote Doktrin, eine weltweit operierende Geheimorganisation, die einen teuflischen Plan verfolgt, der die Welt an den Rand des Abgrundes führen könnte, versucht mit allen Mitteln in den Besitz des Originaltagebuches zu gelangen. Während Vince verzweifelt nach Antworten sucht, gerät er immer tiefer in einen Strudel aus Verschwörungen, Intrigen und Mord.

Auf sich allein gestellt, gejagt von mächtigen Feinden und von der Polizei für einen skrupellosen Mörder gehalten, flieht Vince nach Australien.

Leseprobe:
Vince blickte in das diabolisch lächelnde Gesicht des Mannes. Obwohl er weder besonders groß noch kräftig war, jagte sein Anblick ihm einen kalten Schauder über den Rücken. Es war, als umhüllte ihn die Aura des Todes. Mit vorgehaltener Waffe in der einen Hand und einem großen Aktenkoffer in der anderen, stieg er wie ein böser Dämon die Treppe hinunter. Ein paar Stufen über Vince blieb er stehen.
»Wie ich sehe, sind Sie schon wieder ganz munter«, sagte er. »Das freut mich. Allerdings enttäuscht es mich, dass Sie uns schon wieder verlassen wollen. Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, miteinander zu plaudern.«
»Von Ihrer Art, zu plaudern, habe ich schon gehört«, erwiderte Vince voller Abscheu.
Die Augen seines Gegenübers blitzten auf. »Ich sehe schon, mein Ruf eilt mir voraus.«
»Allerdings. Nur ist es ein äußerst zweifelhafter.«
Der Dämon schob scheinbar nachdenklich die Unterlippe vor, dann lächelte er wieder. »Nun, das kommt darauf an, auf welcher Seite man steht.«
Langsam begann sich Vince’ Verzweiflung in grenzenlose Wut zu verwandeln. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«
»Ich denke, Sie wissen, was ich will.«
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Mein lieber Foster, Sie amüsieren mich. Ich hoffe wirklich, ich kann mich mit Ihnen etwas länger beschäftigen als mit Ihrem Schwiegervater. Und jetzt seien Sie so gut und nehmen Sie die Hände hinter den Kopf, damit wir wieder nach unten gehen können.« Der Dämon befahl Vince, in der Mitte des Kellers stehen zu bleiben und warf einen Blick über die Schulter zu einem seiner Männer. Mit einem Kopfnicken gab er ihm zu verstehen, sich um die Verletzten zu kümmern.
»Ulrich hat einen gebrochenen Arm, aber sonst fehlt ihm wohl nichts. Er kommt schon wieder zu sich.«
»Was ist mit Beutler?«
»Den hat’s böse erwischt. Wir sollten ihn möglichst schnell zu einem Arzt bringen.«
»Nein. Bring ihn rein und leg ihn aufs Bett.«
»Aber er könnte sterben, wenn …«
»Und wenn schon!« Der Dämon trat zur Seite. »Du bist zu weich, Paul. Er hätte eben besser aufpassen müssen. Und nun mach, was ich gesagt habe.« Er wandte sich an Vince. »Und Sie legen sich auf den Metalltisch.«
»Das ist nicht Ihr Ernst.«
Der Dämon hob seine Waffe und schoss. Die Kugel jagte nur Zentimeter neben Vince’ Kopf in die Wand. »Ich scherze nicht! Also los!« Kalt lächelnd beobachtete er, wie Vince seiner Aufforderung nachkam, dann schnallte er seine Hände und Fußgelenke mit den Gummimanschetten am Tisch fest. Er warf einen Seitenblick zu Paul. »Bring Ulrich zu einem Arzt. Erzähl, er sei die Treppe runtergefallen oder sonst was in der Art. Dann kommt ihr so schnell wie möglich zurück. Ich muss heute Nachmittag nochmals weg, um einige Dinge zu erledigen. Morgen früh bin ich zurück. Bis dahin bleibt Foster angeschnallt.«
»Okay. Und was machen wir mit Beutler?«, fragte Paul.
»Ich habe euch gesagt, worum es hier geht. Verzögerungen können wir uns nicht leisten.«
»Dann wär’s wohl besser, die Sache jetzt gleich zu erledigen«, meldete sich nun der Langhaarige zu Wort, der mit den Hunden auf dem Treppenabsatz stehen geblieben war.
Der Dämon lächelte kalt. »Das hatte ich vor …«
Als seine Männer den Keller verlassen hatten, trat er neben Beutler. Einen Augenblick blieb er reglos vor ihm stehen, dann zog er das Kissen unter seinem Kopf hervor. Während er das Kopfkissen mit einer Hand auf Beutlers blutiges Gesicht drückte, fixierte er Vince mit kaltem Blick.
Vince wollte wegschauen, konnte es aber nicht. Fassungslos starrte er auf den erstickenden Mann. Seine Kehle wurde trocken wie Staub und sein Magen verkrampfte sich, bis er das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen.
Beutler wehrte sich nicht. Lediglich seine Füße zuckten zum Schluss ein wenig.
Als es vorbei war, trat der Dämon an den Metalltisch. »Sie sehen blass aus, Foster.«
»Sie skrupelloser Schweinehund!«
»Skrupellos?« Der Dämon schüttelte lächelnd den Kopf. »Dieser Mann war ein Berufsverbrecher. Er wusste, wenn es hart auf hart kommt, kann er keine Sonderbehandlung erwarten. Ihn in ein Krankenhaus zu bringen, wäre gefährlich gewesen. Sein Tod war somit eine Notwendigkeit, für die Sie durch Ihren unnötigen Fluchtversuch allein die Schuld tragen.«
»Aber sicher doch! So, wie für meine Entführung und das Blutbad in Neumanns Haus.«
Das Lächeln des Dämons gefror. »Die Sache mit Wenz und Ihrem Schwiegervater war ein bedauerlicher Fehler meinerseits, wie ich ungern zugebe. Ich habe die beiden unterschätzt. Sie werden sicher besser kooperieren.«
»Und wobei?«
»Bei der Beantwortung einiger offener Fragen. Beginnen wir doch gleich mit den Wichtigsten: Wer hat Ihnen die Kopien von Zieglers Tagebuch gegeben? Und wo befindet sich das Original?«
»Keine Ahnung, wovon Sie reden. Wer ist Ziegler?«
Der Dämon strich sich langsam über die Glatze. »Was Sie da versuchen, ist sinnlos, glauben Sie mir. Es gibt Methoden, Menschen zum Sprechen zu bringen, die würden selbst die Besitzer dieser – wie ich finde – ziemlich geschmacklosen Sexfolterkammer in Staunen versetzen. Sie haben die Wahl.«
»Ich habe es Ihnen doch eben gesagt: Ich weiß nichts!«
»Und was ist das?« Der Dämon zog den Briefumschlag mit den Tagebuchkopien aus der Manteltasche.
Nun verlor Vince die Fassung. Eine nie gekannte Verzweiflung brach über ihn herein, fraß sich in sekundenschnelle wie eine ätzende Säure durch ihn hindurch. »Wo haben Sie das her?«, stieß er mit halb erstickter Stimme hervor.
Das teuflische Lächeln kehrte auf das Gesicht des Dämons zurück. »Ihre Freundin war so nett, mir den Schlüssel zum Schließfach zu überlassen. Übrigens, ein ausnehmend hübsches Mädchen. Was mich angeht, vielleicht eine Spur zu vulgär. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.«
»Was haben Sie mit ihr gemacht?«, rief Vince. Er zerrte an seinen Fesseln. »Wenn Sie ihr auch nur ein Haar gekrümmt haben, bringe ich Sie um!«
Der Dämon warf den Kopf in den Nacken und lachte. Als er wieder auf Vince heruntersah, schienen seine Augen zu glühen. »In Ihrer Lage wirken Drohungen ziemlich lächerlich. Ich schlage vor, Sie beantworten jetzt meine Fragen – bevor ich die Geduld verliere und alles auf äußerst schmerzhafte Weise aus Ihnen heraushole.«
»Fahren Sie zur Hölle!«
»Wie Sie wollen, ich habe Sie gewarnt.« Er zog zwei Lederriemen hervor, die an der Seite des Tisches befestigt waren, und spannte sie quer über den Tisch. Der eine lief über Vince’ Stirn und presste seinen Kopf auf das ungepolsterte Metall, der andere über seine Kehle, sodass er sich nicht mehr bewegen und auch kaum noch atmen konnte.
Aus den Augenwinkeln sah Vince, wie der Dämon seinen Aktenkoffer aufhob und zum Bett ging. Als er zurückkehrte, hielt er eine Mini-Bohrmaschine in der Hand. »Sie müssen wissen«, sagte er, »Verhörmethoden sind mein Steckenpferd. Da gibt es Menschen, die haben eine panische Angst vor Schlangen. Hält man ihnen eine vor das Gesicht, plaudern sie wie ein altes Waschweib. Anderen jagt schon der bloße Anblick einer Waffe einen gewaltigen Schreck ein. Ich persönlich verabscheue solche Leute. Sie haben keinen Mumm in den Knochen. Harte Typen sind mir viel lieber. Man könnte sagen, sie inspirieren mich.« Er fuhr Vince mit der Spitze der Bohrmaschine langsam über die Wange. »Einmal habe ich einem Kerl mit dem Skalpell die Haut abgezogen. Erst den einen Unterarm, dann den anderen. Sie werden es nicht glauben, aber obwohl er entsetzliche Schmerzen erduldete, verriet er mir nicht, was ich wissen wollte. Erst als ich ihm ein Augenlid abschnitt, gab er auf. Es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich die menschliche Spezies in Ausnahmesituationen reagiert.«
»Sie … sind … pervers«, würgte Vince hervor.
»Vielleicht. Für Sie habe ich mir jedenfalls etwas ganz Besonderes ausgedacht ...«