31. Juli 2018

'Zwei mal Herz ist gleich eins' von Karina Förster

Kindle (unlimited) | Tolino | Taschenbuch
Beruflich winkt Amelie eine Versetzung nach München. Doch sie hat längst bemerkt, dass sie keine Erfüllung in ihrem Beruf findet. Auch ihr Ex-Freund nervt mit Anrufen. Kurzerhand entflieht sie ihrem alten Leben und stürzt sich in ein Abenteuer. Sie arbeitet und wohnt für zwei Monate auf Probe in einer Staudengärtnerei.

Ihr neuer Vorgesetzter und Mitinhaber der Gärtnerei ist scheinbar weder von ihren Qualifikationen, noch von ihrem Charakter überzeugt. Er stellt sie auf eine harte Geduldsprobe, während Amelie sich recht schnell in die Herzen der anderen Bauernhofbewohner vorarbeitet.

Sie ahnt, dass hinter seiner Haltung mehr als Ablehnung steckt.

Leseprobe:
Ich schließe die Wohnungstür auf und lehne mich von innen dagegen. Innerlich sacke ich zusammen. Zu Hause. Mein gemütliches Heim ist ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, die aus einem frustrierten, depressiven Scheidungsopfer, einem Weltenbummler und mir besteht.
Als Erstes streife ich mir die schwarzen Lackpumps von meinen schmerzenden Füßen. Krachend landen sie in der Schuhecke. Wie wohltuend es ist, diese Schuhe abzustreifen und die zwei Fußsohlen auf dem kühlen Parkett zu spüren. Ich strecke und recke die Zehen, lockere beide Füße, damit sie schneller begreifen, dass sie nicht mehr in ihrem unbequemen Gefängnis eingesperrt sind. Zögernd kommt wieder Leben in meine Zehen. Die Fußbekleidung, die ich auf Arbeit trage, nervt mich.
Längst habe ich begriffen, dass mein Problem nicht nur auf meine Schuhe allein begrenzt ist. Zurzeit nervt mich vieles auf meinem Lebensweg. Die Schuhe sind Sinnbild dafür. Ich bin einmal falsch in meinem Leben abgebogen und seitdem werden meine Füße dort hineingezwängt. Sie sind die Letzten, die etwas hierfür können.
Nervgrund eins: Mein Gemütliches zu Hause ist ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, mit dreißig eine miserable Karriere.
Nervgrund zwei: Mein Arbeitgeber hat mich für eine Versetzung nach München vorgeschlagen, die mir mehr Kopfzerbrechen bereitet, als mein Umfeld sich ausmalt. Wenn ich nach Hause komme, platzt mir mein Schädel vor lauter Grübelei. Sicher wäre die Versetzung auf meinem beruflichen Lebenslauf grandios anzusehen. Im Geldbeutel würde etwas hängen bleiben, aber meine Familie wohnt hier. Ich bin nicht einmal angetan von dieser Arbeit, die ich tagein tagaus bewältige. In Kürze steht eine Entscheidung an.
Immer öfter stelle ich mir die Frage, was ich von meinem Leben erwarte. Ich lebe mein Leben falsch und das spüre ich am deutlichsten, wenn ich nach Hause komme. Niemand wartet auf mich, außer die Dusche und mein Bett … bald in einer Stadt, in der ich keine Menschenseele kenne, Meilen von meiner Familie entfernt.
Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr. Wie öde!
Abgespannt schleppe ich mich in das Bad und entkleide ich mich. Ich brauche eine erfrischende Dusche. Das warme Wasser rinnt hinab und spült die unsichtbare Hülle ab, die ich mir im Laufe des Tages zugelegt habe. Hier zu Hause brauche ich sie nicht und bei dieser Gepflogenheit werde ich wieder halbwegs zu der, die ich bin. Jedes Mal denke ich, wie begrüßenswert es doch wäre, wenn ein solches Ritual unnötig sein würde. Stattdessen ist die Dusche zur Hüllenabwaschzentrale verkommen.
Ich drehe den Wasserhahn auf kalt, halte meinen pochenden Kopf unter den erfrischenden Strahl, bis die Wirkung soweit gesteigert ist, dass der Schmerz im Schädel überlagert wird. Erst dann drehe ich den Wasserhahn zu, bleibe aber unter dem Brausekopf und lehne meinen Kopf gegen den kühlen Hahn.
Aus der Dusche kommend, wickele ich mich in mein Badehandtuch ein und trete vor den Spiegel, wo mich eine junge Frau mit geröteten Augen müde ansieht. Wenn ich ohne Kopfschmerzen bin und nicht wie heute verweinte Augen habe, dann kommt meine Irisfarbe zur Geltung. Sie ist grünbraun, hat überwiegend Grünanteile, die beim Betrachter entweder Behagen oder Unbehagen auslösen. Mein braunes, leicht gelocktes Haar klebt mir am Kopf und das kalte Wasser rinnt in dünnen Fäden zum weißen Handtuch hinab, das mich umhüllt. So angetan bin ich nicht von mir und wende mich angewidert ab.
Behäbig gehend komme ich in der Küche an und fülle Wasser in den Wasserkocher.
Ich nehme mir einen Keks, den meine Mutter bei ihrem letzten Besuch für uns gebacken und in eine Dose aus Blech gelegt hat. Es sind meine Lieblingskekse und ich erinnere mich, wie ich meiner Mutter beim Backen zugeschaut habe.

Sie stand am Tisch, die grüne Leinenschürze um ihre untersetzte Hüfte geschlungen. Ein Lächeln umspielte ihre reizvoll geformten Lippen. Von ihr habe ich meine Augenform, die an einem großen Bonbon erinnert. Ihr Blick war offen und fröhlich, was zu ihren Mundwinkeln passte, denn die sind vom Lächeln nach oben gebogen. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Er hing über ihre linke Schulter. Ich sehe ihr in hohem Maße ähnlich und weiß, wie ich einmal in ihrem Alter aussehen werde. Leicht untersetzt, glatte Haut und graue Strähnchen, die nicht nur allein für ein erfahrenes Leben stehen. Werde ich gleichermaßen so glücklich und zufrieden strahlen, wie sie?
Dass was sie erledigt, macht sie immer mit Hingabe. Jetzt in diesen Minuten Kekse backen. Bei mir sein. Ich betrachtete sie lange, denn ich hatte erst kürzlich die Scherben meiner zweiten Beziehung zusammengefegt.
Kurzerhand erkundigte ich mich bei ihr: "Was mache ich falsch?"
Mitten im Kneten hält sie inne, sieht mich mit ihren bildhübschen, klaren Augen an. Ihre Iris leuchtet im Licht des Fensters und lässt sie so immens fesselnd aussehen.
"Aber Liebes! Du machst nichts falsch. Benno war falsch."
Sie kam zu mir um den Tisch, schloss mich in ihre Arme und hielt mich.
"Ich hatte Glück."
"Ich will auch mal Glück haben!", heulte ich los, dabei mochte ich nicht weinen. Ich kam mir wie eine Versagerin vor, die ein ödes, trostloses Leben im Hamsterrad lebt und von ihrem Arbeitgeber nach Belieben in die Fremde versetzt wird.
"Das wirst du", tröstete sie mich und küsste meine Wange. "Wenn du weißt, was du willst, wirst du das eines Tages. Höre in der Zwischenzeit auf dein Herz, dann findest du, was du dir wünschst. Solange genießt du meine Kekse, hm?"
Ich begann unter Tränen zu lachen und meine Mutter freute sich, dass sie für mich die Kurve geschafft hatte. Sie hat diese liebevolle Art mich aufzumuntern, wenn ich es nötig habe. Dazu braucht sie nicht einmal etwas Tiefschürfendes sagen. Ihre schlichten, kurzen Sätze treffen immer in das Schwarze und beruhigen mich.
Sie tänzelte wieder zu dem Teig und knetete ihn summend weiter. Nach einer Weile waren alle Bleche belegt und ich schob das Erste summend zu meinem Lieblingslied in den vorgeheizten Backofen.

Einer dieser Kekse zerkrümelt in meinem Mund und ich nehme mir vor meine Mutter nachher mal anzurufen. Der Wasserkocher klickt und holt mich aus den Erinnerungen. Abwesend übergieße ich den Teebeutel.
In meinem Zimmer gehe ich zum Schreibtisch, auf dem der Laptop steht. Ich fahre ihn hoch und öffne eine Suchmaschine. Portale für Stellenangebote gibt es viele und ich gebe, wie jeden Abend, verschiedene Suchbegriffe ein. Die interessantesten Angebote speichere ich mir ab und öffne das Verzeichnis mit den abgespeicherten Anzeigen. Heute werde ich mal zur Abwechslung ernstlich bei irgendeiner Stelle anrufen.
Mein Handy klingelt und ich lehne mich in den Stuhl zurück. Mit meiner Teetasse in der Hand sehe ich nach, wer mich anruft.
Es ist Benno.
Nervgrund drei. Ich trinke einen großen Schluck, denn ich habe keine Eile seinen Anruf entgegenzunehmen.
"Benno?", melde ich mich unhöflich und kurz angebunden.
"Amelie, grüß dich!", trällert er überfreundlich und ich stelle mir vor, wie er auf Schleim ausrutscht. Seine scheinbar erfreuliche Laune geht mir auf den Zeiger.
"Was gibt es?", will ich in noch unfreundlicher wissen.
"Wollte fragen, wie es dir geht", antwortet er in dieser Sekunde vorsichtig und unterwürfig. Wir waren lange genug zusammen, damit er einschätzen kann, wie ich in schlechter Stimmung spreche. Vor Wochen hätte ich mich womöglich gefreut, ihn zu hören und die Hoffnung gehabt, dass er zu mir zurückkehrt. Mitgenommen vor Liebeskummer hätte ich alles getan, um besagtes Gefühl loszuwerden. Wie blöd! Erfreulich, dass ich über diese Stufe der Selbsterniedrigung weg bin.
"Mir geht’s beschissen, ich brauche einen neuen Job und einmal guten Sex für meine Hormone", blöke ich in das Handy. Womöglich begehrt er Letzteres selbst und denkt, ich meine ihn damit. Benno schluckt.
"Noch was?", frage ich bissig.
"Du bist gereizt", stellt er fest und tönt enttäuscht. Dachte er, dass ich vor Freude platze, wenn er sich plötzlich wieder täglich bei mir meldet?
"Na klar bin ich gereizt. Bei blöden Fragen reagiere ich gereizt."
"Na ja, beim Sex könnte ich dir behilflich sein. Dann steigt deine Laune vielleicht."
Wusste ich es doch! Ich könnte mich echt übergeben. Er ist so ein hormongesteuerter Trottel.
"Das Letzte, was ich will, ist Sex mit einem, dem ich vor Wochen noch so schnurz war, wie eine Frau dem Pontifex. Außerdem: Wenn du so unbedingt Sex mit mir machen willst, versteh ich nicht, warum du dann zu seiner Ex zurückgelaufen bist? Ne, lass mal gut sein Benno. Da würde meine Laune eher sinken bei!"
Eine kleine Pause entsteht, denn ich will, dass er auflegt, weil er begriffen hat, dass ich mich nicht über seinen Anruf freue und ihn nicht in meinem Bett haben will.
"Hattest du Stress auf Arbeit oder ist es nur der fehlende Sex?"
Ich überlege, wie ich diesen Mann durch das Telefon gezogen bekomme. Nein, besser nicht, denn er schnallt nicht, was er mir für Schmerzen bereitet hat weder, dass er mir gestohlen bleiben kann. So was von unsensibel! Und dass ich nicht nach München umziehen will, brauche ich ihm erst recht nicht anzuvertrauen.
"Der Grund meiner Gereiztheit geht dich einen Scheiß an. Mein weiteres Leben geht dich einen Scheiß an, seitdem …", ich beiße mir auf meine Lippen, denn ich will nicht mit ihm über meine verletzten Gefühle plaudern. Ganz gewiss nicht mit ihm.
"Ich höre", sagt Benno geboten bedacht und wartet auf weitere Informationen von mir.
"Lass mich einfach in Ruhe! Ich bin müde, gestresst. Ich versuche mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Ohne dich. Höre auf, mich anzurufen!"
"Lass mich dir helfen."
"Ich will, dass du mich in Ruhe lässt! Wenn ich klar denken kann, kann ich vielleicht wie eine Erwachsene mit dir reden. Im Moment bin ich unfähig dazu, weil mein letzter Freund ein echtes Arschloch war."
"Machst du etwa mit Bernd, diesem Versager rum?", fragt er jetzt gereizt und atmet schnell. Bernd ist mein Mitbewohner, mit dem ich vor ihm eine Affäre hatte und den ich menschlich schätze. Ich ziehe eine Grimasse, denn ich verstehe nicht, was es Benno angeht und warum er plötzlich eifersüchtig wird. "Und wenn ich mit dem Innenminister von Japan rummache. Was willst du von mir? Was interessiert es dich? Du nervst mich!"
"Aber ich liebe dich."
"Lüge!", schreie ich währenddessen. "Lass mich in Ruhe!"
"Es tut mir leid", sagt Benno. Ich höre es, fühle aber nur die Leere in meinem Herzen. Weil ich nicht antworte, spricht Benno leise weiter: "Ich war ein Hornochse."
Wo kann ich das unterschreiben, denke ich und rolle mit den Augen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt sage ich nichts und nach einem Seufzer von ihm höre ich: "Gute Nacht, Amelie."
Ich beende das Gespräch, ohne ihm zu antworten. Wir waren ein halbes Jahr zusammen und ich begann mit jedem Monat ernsthafter an mehr zu denken.
Aber er nicht und so ging er, für mich überraschend. Zu seiner Ex.
Jetzt ruft er mich täglich an und fragt, wie es mir geht. Offensichtlich will er wieder zurück. Ich habe viele schlaflose Nächte gebraucht, um über ihn wegzukommen. Bis jetzt habe ich versucht, meine Gefühle zu sortieren. Mein Herz ist für ihn erkaltet. Ich vermag mit niemand Seite an Seite zu sein, der mein Vertrauen derart mit Füßen tritt. Egal wie vorsichtig er an meine Tür klopft. Ich kann Untreue unmöglich verzeihen.

Im Kindle-Shop: Zwei mal Herz ist gleich eins: Liebesroman.
Für Tolino: Buch bei Thalia.



30. Juli 2018

'Düstere Rache: Ein Rhein-Main-Krimi' von Sandra Hausser

Kindle Edition | Tolino | Taschenbuch
Der persönlichste Fall für Hannah Bindhoffer

Kommissarin Hannah Bindhoffer hat sich eingelebt im Rüsselsheimer Polizeipräsidium. Die schwierige Zeit bei der Hamburger Polizei hat sie fast vergessen. Doch dann findet sie in ihrem Auto eine tickende Zeitbombe. Nur dank der Hilfe ihres Kollegen entgeht sie mit knapper Not dem Tod. Aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Jemand scheint es auf Hannah abgesehen zu haben. Um den Fall zu lösen, muss sie tief in ihre eigene Vergangenheit eintauchen.

Leseprobe:
22. Juni 2016, Auf der Autobahn
Alle Welt schien ausgeflogen. Die Sommerferien, die sich seit einer Woche in vielen Bundesländern überschnitten, sorgten für leergefegte Straßen. Nur vereinzelt begegneten Hannah Bindhoffer auf ihrem Heimweg andere Fahrzeuge, und sie kam rascher als erwartet voran.
Die halbe Nation ist in den Flieger Richtung Süden gestiegen oder per Auto am Urlaubsort angelangt. So leer habe ich es hier noch nie erlebt. Gleich kommt schon die Abfahrt Reiskirchen.
Die Kommissarin hatte einige Tage Urlaub in der Heimatstadt Hamburg gemacht und dort ihre Eltern und ein paar Freunde besucht. Jetzt freute sie sich, zurück in ihren Wirkungskreis, das Rhein-Main-Gebiet, zu kommen. Ihren Entschluss, die Versetzung aus der Hansestadt zu bewirken, um alten Problemen aus dem Weg zu gehen und neue Tätigkeitsfelder zu erkunden, bereute sie keine Sekunde. Nach fast vier Jahren im Dienst der Kripo Rüsselsheim waren ihr die Kollegen ans Herz gewachsen. Ein funktionierendes Team, das sich gegenseitig respektierte und half und hervorragend zusammenarbeitete. Eine Arbeitsweise, die sie aus ihrem früheren Alltag nicht kannte – in Hamburg hatte ein Arbeitskollege die Abteilung terrorisiert und damit eine gute Zusammenarbeit unmöglich gemacht.
Im Radio liefen die achtzehn Uhr Nachrichten. Die Kommissarin lauschte konzentriert den Meldungen, als ihr ein fröhliches Pfeifen auffiel. Zwischen den Worten des Sprechers war es eindeutig zu vernehmen. Es klang absolut unpassend und störend. Erstaunt hörte sie genauer hin und nahm es erneut deutlich wahr. Sie schüttelte den Kopf.
Als sie das heitere Geräusch ein drittes Mal hörte, drehte sie das Radio leise. Nach einigen Sekunden ertönte es wieder, nun vernehmlicher und laut. Eine Gänsehaut breitete sich über ihre Arme auf dem gesamten Körper aus. Das Pfeifen kam keineswegs aus dem Autoradio.
Jemand muss mein Auto aufgebrochen und etwas im Handschuhfach deponiert haben, dachte sie ängstlich, als das Pfeifgeräusch verstummte. Mit klopfendem Herzen hielt sie nach einem Hinweisschild für eine Raststätte oder einen Parkplatz Ausschau. Acht Kilometer bis zum nächstliegenden Rastplatz. Sie drehte den Ton des Radios auf, um sich von dem beklemmenden Gefühl in ihrem Inneren abzulenken. Mit dem Fuß auf dem Gaspedal, das sie tief hinunterdrückte, schoss sie auf der linken Fahrspur vorwärts. Dabei entging ihr der Wagen, der seit mehreren Minuten dicht hinter ihr fuhr.
Das fröhliche Pfeifen erklang erneut. Die Kommissarin hielt das Lenkrad fest umklammert und begann zu schwitzen. Der Rasthof lag noch immer mindestens drei Kilometer entfernt. Im Geiste sah sie ihr Auto bereits explodieren und konnte sich kaum mehr auf die Fahrbahn konzentrieren.
Es ist der Klingelton eines alten Handys, identifizierte sie das Geräusch. Ja, Vaddern hatte früher genau diesen Ton. Aber wer sollte mir heimlich ein Telefon ins Auto legen und warum? Das ergibt keinen Sinn!
Die Kommissarin atmete bewusst einige Male tief ein und versuchte, ihre Angst, die stetig zunahm, in den Griff zu bekommen.
Der dunkelblaue SUV beschleunigte und fuhr bedrohlich dicht auf. Hannah, die nervös die letzten Meter zum Rastplatz zurücklegte, um dem Geräusch auf den Grund gehen zu können, blickte starr geradeaus. Der pfeifende Klingelton verstummte und die Kommissarin atmete erleichtert aus. Erst als das Auto hinter ihr so nah auffuhr, dass sie es im Rückspiegel nicht mehr übersehen konnte, nahm sie die drohende Gefahr wahr. »Was soll das denn, verdammt noch mal?«, rief sie empört, setzte den Blinker und zog auf die Mittelspur. »Dann fahr doch vorbei, du Arsch!«

22. Juni 2016, Heinrich-Heine-Straße, Raunheim
Susi benötigte drei Versuche, bis der Schlüssel das Tor zum Garten öffnete. Zielstrebig lief sie zum Schuppen, zog die knarzende Holztür auf und ging hinein. Sie blickte auf ein buntes Sammelsurium aus Gartenschläuchen, Blumenkästen, Gartengeräten, Kübeln und Pflanzenschutzmitteln. Wo hatte ihr die Freundin gesagt, standen die Gießkannen? Sie trat näher ans Regal, konnte jedoch keine Kanne entdecken. Sie vermutete, dass Lydia vergessen hatte, alles parat zu stellen. Als sie gestern kurz vor ihrer Abreise in den Urlaub angerufen hatte, um sich zu verabschieden, hatte Susi sofort gemerkt, dass die Freundin ihrem Zeitplan hinterherlief.
»Du kennst mich doch. Mache mal wieder alles auf den letzten Drücker, und nun weiß ich kaum, wie ich es schaffen soll rechtzeitig fertig zu werden.«
»Sei unbesorgt, ich finde sicher, was ich brauche. Sieh zu, dass du deinen Koffer gepackt bekommst und die notwendigen Dokumente mitnimmst«, hatte Susi geantwortet und ihr eine spannende und erholsame Reise gewünscht.
Die Freundin schien sie beim Wort genommen und darauf vertraut zu haben, dass Susi zusammensuchen würde, was sie für die Betreuung der Wohnung und des Gartens brauchte.
Schulterzuckend begab sie sich zur Eingangstür, schloss auf und ging hinein.
Auch in der Küche fand sie weder eine Gießkanne, noch ein anderes Küchenutensil, dass sie zur Bewässerung der zahlreichen Topfpflanzen hätte umfunktionieren können. Sie lief zur Terrassentür und trat ins Freie. Doch hier entdeckte sie ebenfalls nichts Geeignetes.

Im Kindle-Shop: Düstere Rache: Ein Rhein-Main-Krimi.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Sandra Hausser auf ihrer Website.



27. Juli 2018

'Abels Vermächtnis' von Aileen O'Grian

Kindle (unlimited)
Im Jahre 2080 ist der gesamte Süden Europas eine Wüstenregion. Nur wenige Menschen besiedeln das Gebiet und fristen dort ein armseliges Dasein. Der Norden riegelt sich ab und beutet die verarmten Süd- und Südosteuropäer aus.

Die Genmedi Corporation entwickelt aus menschlichen embryonalen Stammzellen Medizin gegen Diabetes, Rheuma und Leukämie. Um ausreichend Embryonen zu erhalten, werden die Frauen mehr schlecht als recht dafür bezahlt, dass sie ihren Körper für die Produktion von Eizellen zur Verfügung stellen. Für die meisten Familien ist es die einzige Einnahmequelle.

Der musisch begabte Abel wächst in einer privilegierten, reichen Familie in Berlin auf. Er möchte Pianist werden, doch sein Vater, Direktor der Genmedi Corporation, hat andere Ziele für ihn vorgesehen. Er zwingt den Jungen, auf seine Musik zu verzichten und BWL zu studieren und bei Genmedi einzusteigen. Mehrfach rebelliert Abel, doch letztendlich resigniert er und versucht, den Erwartungen seines Vaters zu entsprechen.

Als er nach dem Studium seine Tätigkeit bei der Genmedi aufnimmt, ist es eine seiner ersten eigenverantwortlichen Aufgaben, die Produktionsstätten in Spanien zu bereisen. Dort erlebt er, wie schwierig das Leben für die Menschen ist und wie sehr seine korrupte Firma die Familien ausbeutet. Er beschließt, die fast sklavenähnlichen Bedingungen, unter denen die Leute dort dahinvegetieren, aufzudecken und die Beteiligung der Genmedi an diesen Zuständen publik zu machen, ohne zu ahnen, in welche Gefahr er sich bringt. Wird es ihm gelingen, den Menschen zu helfen?

Leseprobe:
Da Abel an diesem Abend keine Lust hatte, seinem Vater zu begegnen, ging er in eine Kneipe, setzte sich an den Tresen und bestellte ein Bier.
„Hallo Abel, wie geht es dir?“
Abel schaute hoch. Ein kräftiger junger Mann mit dunklen Haaren stand vor ihm. Er konnte sich an ihn nicht erinnern.
„Georg vom Fußballverein“, half der andere ihm.
„Ach ja, Georg, hallo, wie geht es dir?“ Abel lächelte sein Gegenüber an. Georg war der Einzige aus der Mannschaft gewesen, der nett zu ihm war. Die anderen hatten nie mit ihm spielen wollen. Abel konnte es ihnen nicht verdenken, schließlich war er ein schrecklicher Spieler gewesen. Er war nur zum Training gegangen, weil er seinem Vater gefallen wollte.
„Oh, ich spiele immer noch Fußball. Momentan bei den zweiten Herren, aber demnächst darf ich bei den ersten mitspielen.“ Georg bestellte für sich und Abel ein Bier.
„Ich gehe zum Tennisspielen. Leider bin ich da auch nicht sehr begabt. Aber ich bewege mich wenigstens an der frischen Luft“, erzählte Abel.
„Macht es dir Spaß?“ Georg schaute ihn prüfend an.
Abel konnte seinem Blick nicht standhalten.
„Du solltest nicht mehr versuchen, deinem Vater zu gefallen. Er muss dich so akzeptieren, wie du bist. Er kann dich doch nicht nach seinem Geschmack umformen. Du bist ein eigenständiger Mensch, mit eigenen Qualitäten, eigenen Gedanken und Gefühlen. Lass dich von ihm nicht kaputtmachen.“ Georg schüttelte missbilligend seinen Kopf.
Darüber musste Abel einmal gründlich nachdenken. Eines Tages, wenn er nicht mehr unter Prüfungsstress litt.
„Was machst du beruflich?“, fragte er stattdessen.
„Ich bin Zimmerer. Seit einem halben Jahr bin ich Geselle. Mein Chef hat mich übernommen. Aber ich möchte ins Ausland gehen. Ich suche etwas in Schweden oder Finnland.“ Die beiden unterhielten sich noch lange über Skandinavien und kamen dann auf Computer zu sprechen. Abel erzählte von der Netzwerkgruppe in der Schule und sogar von seinen Erfahrungen als Hacker - und von seiner Festnahme.
„Pech gehabt. In Softwarefirmen sollte man sich wirklich nicht herumtreiben.“ Georg lachte leise. Sie verabredeten sich für einen weiteren Abend, diesmal bei Georg. Bald trafen sie sich regelmäßig bei Georg zu Hause und hackten fremde Computer. Der alte Kitzel war wieder da und der Stolz, den Zugang geknackt zu haben. Daheim erzählte Abel auf die Frage, wo er sich herumtriebe, er würde mit einem Klassenkameraden für die Prüfung üben.
Im Frühsommer stießen sie auf eine kleine Firma, die Legionäre zur Bekämpfung der Aufstände im Süden anwarb.
„Junge, abenteuerliche Leute gesucht.“ – „Zeig, was in dir steckt!“
Georg lachte. „Rattenfänger. Als ob so ein Kampf gegen Terroristen ein Spiel, ein Abenteuer ist.“
„Irgendwelche Spinner“, meinte Abel.
„Nee, geschäftstüchtige Leute. Die wissen, wo man Geld machen kann. Einige Firmen zahlen bestimmt viel, damit ihre Anlagen geschützt sind.“
„Die haben doch ihre eigenen Leute.“
„Sicherheitsdienste sind viel professioneller, deren Anzeigen lesen wir gerade.“
Abel mochte Georg nicht glauben. Lange lasen sie sich durch die Firmenseiten. Sie fanden Beschreibungen der Ausbildungslager. Beschreibungen der Ausbildung selbst. Es hörte sich alles wie ein Abenteuer an. Werbung eben. Irgendwann stießen sie auf einen geheimen Bereich. Georg und Abel setzten ihren Ehrgeiz daran, den Eingang zu knacken. Nach drei Tagen hatten sie es geschafft. Sie fanden Personallisten. Aber die Leute hatten bestimmt Decknamen: Indiana Jones, Iron Man und Lara Croft konnte kaum jemand tatsächlich heißen. Sie fanden auch Listen mit Waffenbestellungen.
„Wollen die denn die ganze Bevölkerung in Südeuropa ausrotten?“, fragte Georg ungläubig. „Biologische Waffen, chemische Waffen, Nuklearsprengköpfe.“
„Dann wird hier alles radioaktiv verseucht. Den Betrieb sollten wir anzeigen“, regte sich Abel auf.
Sie klickten sich weiter durch die Firma.
Georg ließ die Seiten so schnell durchlaufen, dass Abel kaum etwas erkannte. Täuschte er sich oder las er da einen bekannten Namen? Aber große Geldsummen erkannte er. Plötzlich brach Georg die Leitung ab. „Wir müssen den PC verschwinden lassen. Hastig löschte er die Festplatte. „Kannst du ihn mit dem Auto zum Fluss bringen? Oder wo könnten wir ihn sonst loswerden?“
„Spinnst du jetzt völlig?“ Abel stand ratlos vor ihm.
„Nein, da steht doch ein Syndikat dahinter. Möchtest du die am Hals haben?“ Georg holte einen Seifenlappen und wischte den Computer gründlich ab. Dann zog er sich Gummihandschuhe über.
„Wie kommst du auf die Idee?“, fragte Abel überrascht.
„Hast du nicht die Geldbewegungen gesehen? Nach den Anschlägen auf Umweltaktivisten und Journalisten in den letzten Monaten wurden große Geldbeträge überwiesen. Wo steht dein Auto?“
„Nee, ich habe kein Auto. Wir müssen dein Motorrad nehmen. Vielleicht sollten wir ihn verbrennen?“, schlug Abel vor.
Georg nickte. „Ja, erst verbrennen und den Rest in den Fluss, dann können sie wenigstens keine Daten auslesen.“
Abel besorgte in einem Supermarkt hochprozentigen Rum. Anschließend fuhren sie aufs flache Land. An einem kleinen Strand am Flussufer übergossen sie den PC mit dem Alkohol und zündeten ihn an. Nach einer viertel Stunde war er ausgebrannt. Georg zog ein Angelboot unter den Büschen hervor, packte den Computer hinein und schob das Boot ins Wasser. Abel und er wateten durchs Wasser, bis es tief genug war und sie einsteigen konnten. Dann ruderten sie hinaus. Mitten im Fluss warfen sie den PC über Bord.
Langsam ruderten sie zurück. „Hast du von deinem Laptop aus diese obskure Firma angeklickt?“, fragte Georg besorgt.
„Nein, zum Glück nicht. Meinst du, das reicht, dass wir deinen Computer verschwinden ließen?“
„Keine Ahnung.“
Gleich am nächsten Tag kaufte Abel einen gebrauchten PC als Ersatz für Georgs.

Im Kindle-Shop: Abels Vermächtnis.
Mehr über und von Aileen O'Grian auf ihrer Website.



26. Juli 2018

'Die Macht der Gier: Ein Ostfrieslandkrimi' von Harald H. Risius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Als ihr Boot mit einem abrupten Ruck stecken bleibt, sind Thea und Linus, zwei Nachwuchssegler des ›Yachtclubs Großes Meer‹ zu Tode erschrocken. Schnell bestätigt sich ihre Befürchtung, es ist eine Leiche, die ihre rasante Fahrt unterbrochen hat.

Wer ist der Tote, der da vollkommen nackt geborgen wird? Niemand kennt ihn! Nicht nur die Aufklärung des Mordes fordert HK Brunner und sein Team heraus, auch ein herrenloser Hund, der auffällig oft in der Nähe des Fundorts herumstreunt, nimmt ihre Aufmerksamkeit voll in Anspruch. Ist es ein Zeuge, der nicht reden kann?

Als kurz darauf eine weitere Leiche im benachbarten Moor gefunden wird, bekommen die Ermittlungen eine neue Richtung. Die Spuren laufen in der ›Kurklinik Eversmeer‹ zusammen. Zufällig zählt auch Hinni Boomgarden dort zu den Gästen. Ihm kommen die Morde ganz gelegen, er ermittelt auf eigene Faust und gibt seinen Aufenthalt als Undercover-Einsatz aus.

Ist eine eigentlich längst vergessene Sache der Schlüssel? Unerfüllte Liebe, Gier nach Macht und Geld, sowie internationale Drogengeschäfte sind das Dickicht der Indizien.

Risius nimmt im 10. Band der Reihe Sail&Crime seine Leser wieder mit in das Herz Ostfrieslands, zeigt ihnen eindrucksvoll die wunderschöne Landschaft und bringt Ihnen die Mentalität der markigen Bewohnern näher. Immer wieder überrascht der Fall mit neuen und überraschenden Wendungen. Es bleibt spannend bis zum Schluss - denn plötzlich ist alles ganz anders.

Leseprobe:
[...]
Plötzlich entdecken Linus und Thea Brunner. Sie kommen an den Tisch. »Du bist der Papa von Georg, oder?«, fragt Linus. »Ist der auch da?«
Thea macht ein nachdenkliches Gesicht. »Du bist doch auch bei der Mordkommission? Ich habe es ja gleich gesagt, da ist eine Leiche. Hab ich doch gesagt Linus, oder? Wer hat mal wieder Recht behalten?«
Sie schaut über das Wasser. »Guck mal, jetzt wird sie gerade in das Schlauchboot gehoben.«
»Ja«, bestätigt Linus und sagt in aller Offenheit: »Susi hat gelogen.«
»Nein, sie hat nicht gelogen, ich würde dir auch nicht erzählen, wenn dort eine Leiche läge. Du tratscht das ja doch nur herum.«
Zu Glück ziehen die beiden Jugendlichen ab, ohne weitere Fragen zu stellen. Wahrscheinlich haben sie erkannt, dass von Erwachsnen keine vernünftigen und verlässliche Auskünfte zu bekommen sind.
Susi schüttelt irritiert den Kopf. So offen der Lüge bezichtigt zu werden, das passiert ihr selten. Aber interessant, dass Thea ihre Beweggründe sofort erkannt hat.
Es spricht sich schnell herum, dass in diesem Moment eine Leiche aus dem Großen Meer geborgen wird. Linus und Thea kommen sich wie Helden vor, denn sie haben sie entdeckt.
Man kann sehen, wie das Sicherungsboot Fahrt aufnimmt und in den Hafen zurückfährt. Einige Zuschauer – Clubmitglieder, die schlecht vom Vereinsgelände gewiesen werden können - bewegen sich auf die Stelle zu, an der das Boot vermutlich anlegen wird.
Brunner steht auf, er drängt die Leute zur Seite. »Bleiben Sie zurück, es gibt hier nichts zu sehen«, behauptet er.
Karl unterstützt ihn, zum Glück sind es nur wenige Menschen, so dass der nötige Abstand gewahrt werden kann.
Ein erster Reporter, der sich auf das Gelände geschmuggelt hat, macht auf sich aufmerksam.
»Heimatkurier! Herr Brunner, Moin, können sie bestätigen, dass dort eine Leiche geborgen wird?«
»Nein, bis jetzt nicht. Warten Sie einfach die Mitteilungen der Polizei ab.«
Karl hakt ein. »Dies ist ein Yacht-Club, hier haben nur ordentliche Mitglieder Zutritt. Bitte verlassen Sie sofort das Gelände. Sonst lasse ich Sie wegen Hausfriedensbruch festnehmen. Die Polizei ist ja schon da.«
Der Mann geht zwar für einen Moment in Richtung Ausgang, Karl kann aber nicht erkennen, ob er das Gelände auch wirklich verlässt.
Das Boot legt am Steg an, Susi nimmt die vordere Festmacherleine und belegt sie um einen der Poller. Volker springt an Land, um die hintere Leine zu belegen. Die beiden anderen Techniker in dem Boot heben mit Hilfe von Susi und Volker einen langen Gummisack auf die Bretter des Stegs und steigen ebenfalls aus. Alle vier greifen den Sack.
»Wohin?«, fragt der Vordere und Susi zeigt über den Rasen, in die Richtung des Bootsschuppens.
»Dort hinein. Karl macht bereits die Türen auf.«
Welche Last sie dorthin schleppen, kann nur erahnt werden, der Gummisack ist mit einem Reißverschluss verschlossen. Aber was soll sich darin schon befinden?
Der Reporter hat die Aktion etwas zu spät mitbekommen, er hetzt hinterher und versucht einige Aufnahmen zu machen.
Karl öffnet die Tür des Schuppens und verschließt sie sofort wieder, nachdem Susi und die Techniker darin verschwunden sind.

Nach ein paar Minuten kommt Susi wieder heraus und sucht Brunner.
Der Lokalreporter hat sie sofort entdeckt, sie kennen sich von früheren Fällen. »Susi, was kannst du mir sagen? Ich habe gesehen, dass ihr eine Leiche geborgen habt. Wer ist es? Wie lange liegt sie schon dort, wer hat sie gefunden?«
»Hau ab, Henrik«, sagt Susi unwirsch. »Du erwischt mich auf dem falschen Fuß. Wenn wir das selber wüssten ... Du bekommst deine Informationen, wenn es so weit ist.«
Linus und Thea haben den Reporter mit Susi entdeckt, die Kamera und das Diktiergerät weisen ihn als solchen aus.
»Wir haben die Leiche gefunden«, rufen beide aufgeregt und stellen sich wichtig vor dem Reporter auf.
Der Reporter spürt, dass bei Susi im Moment keine Informationen zu holen sind, er wendet sich deshalb lieber den beiden Jugendlichen zu. »So, ihr wart das? Wie heißt ihr denn?“
„Ich bin Thea, das ist Linus.“
„Okay. Wollen wir einen Moment zur Eisbude drüben am Campingplatz gehen? Dort erzählt ihr mir alles. Darf ich zunächst ein Foto von euch machen? Hier am Wasser. Habt ihr ein Boot?«
Susi lässt sie gewähren. Sollen die beiden doch für ein paar Stunden berühmt werden, viel schaden kann es nicht und Hendrik ist abgelenkt. Ihre Aufgaben sind dringlicher. Sie muss sich einen ersten Überblick verschaffen, dann muss die Leiche schnellstens in die Gerichtsmedizin. Wo bleibt nur Frau Doktor Poppinga?

Im Kindle-Shop: Die Macht der Gier: Ein Ostfrieslandkrimi (Sail & Crime 10).
Mehr über und von Harald H. Risius auf seiner Website.



25. Juli 2018

'Die Tochter des Pianisten' von Lilian Kim

Kindle Edition | Tolino
Eine Geschichte über Menschlichkeit, Überwindung von Grenzen und dem Sieg einer außergewöhnlichen Liebe.

Japan 1987
Yasuko, eine junge Musikerin, wird mit ihrem Mann Jake von einem einsamen Strand entführt. Sie finden sich im Bauch eines Schiffes wieder, das sie an einen Ort bringt, der völlig von der Außenwelt abgeschottet ist und wo Recht und Gesetz nicht gelten. Nordkorea.
Dort wird Yasuko gefangen gehalten und gezwungen, nordkoreanischen Spionen zu einer falschen, japanischen Identität zu verhelfen, während Jake spurlos verschwindet. Mit der Zeit muss Yasuko erkennen, dass Jake mit dem Regime kooperiert und ihr früheres Leben eine Lüge war.
Ihre Hoffnung auf eine Flucht schwindet, bis sie einem geheimnisvollen Pianisten begegnet, der ihrem Schicksal eine völlig neue Wendung gibt.

Kalifornien 2016
28 Jahr nach den Ereignissen sucht eine junge Frau, die nach ihrer Geburt adoptiert wurde, nach ihren Wurzeln. Mit nichts, außer einem verblassten Stück Papier, auf dem der Name eines unbekannten Arztes und ein Datum vermerkt sind.
Ihre Suche führt sie auf eine Reise, an deren Ende ihr Leben in größte Gefahr gerät.

Aus dem Buch: „Liebe ist Bedingungslosigkeit, Yasuko. Liebe ist ein Klang, eine Melodie. Sie bestimmt den Takt, in dem dein Herz schlägt. Diese Melodie bist du.“

Leseprobe:
Prolog
Jahr des Tigers


Macau 1986
Die junge Asiatin starrte auf das Ungetüm. Sein tiefroter Kiefer, die weißen Reißzähne und die pechschwarzen Augen leuchteten im Dunkel der Nacht. Ein samtenes Weiß umgab seinen Kopf, goldene Ornamente und rote Schriftzeichen zierten den Körper.
Der Duft von Räucherwerk lag in der Luft, als die Prozession unter lautem Trommeln an ihr vorbeizog. Sie sah dem Drachen nach, der von zehn Männern durch die Straßen Macaus getragen wurde. Wǔ lóng, der Drachentanz, kündigte das neue Jahr an, welches im Zeichen des Tigers stand.
An den Fassaden der portugiesischen Kolonialbauten, die mit ihren weißen Rundbogenfenstern und Stuckverzierungen der asiatischen Enklave ein europäisches Flair verliehen, waren rote Lampions angebracht. Menschen, fliegende Händler, Verkaufsstände, die Niángāo –süßen Reiskuchen – anboten, bevölkerten die schmalen Gassen. In der Ferne war noch immer das dumpfe Geräusch der Trommeln und das Zischen der Feuerwerkskörper zu hören.
Sie bog in eine dunkle Gasse und musterte die Häuser, an denen sie entlangschritt.
Vor einer unscheinbaren, schwarzen Tür blieb sie stehen und klopfte an. Von drinnen war ein Poltern zu hören, männliche Stimmen und lautes Lachen drangen bis nach draußen. Sie runzelte die Stirn bis sich tiefe Falten bildeten, ein untrügliches Anzeichen ihrer aufkommenden Wut. Die Tür wurde ruckartig aufgerissen und ein blonder, hochgewachsener Weißer stand lachend vor ihr. Als er die Frau erkannte, entglitten ihm seine Gesichtszüge.
»Was machst du hier?«, zischte er, bemüht von den Personen im Haus nicht gehört zu werden. Er trat zu ihr hinaus und schloss die Tür. Dann zog er sie in eine Häuserlücke und betrachtete ihr Gesicht im flackernden Schein einer Laterne.
Das streng zurück gekämmte und hochgesteckte Haar verlieh ihrem Aussehen etwas Kaltes, was durch ihre schneeweiße Haut und das Rot ihrer Wangen noch unterstrichen wurde.
»Wir sind in Schwierigkeiten. Ich komme nicht an das Erbe meines Vaters. Wir werden die Schulden nicht zurückzahlen können«, sagte sie aufgebracht.
Er packte ihre Schultern. »Bist du verrückt geworden? Du solltest das doch lösen, während ich in Macau bin! Und jetzt tauchst du hier auf und überbringst mir schlechte Neuigkeiten!«
Tränen stiegen in ihre Augen. »Ich habe alles versucht, aber konnte nichts tun! Wie kannst du mir nur Vorwürfe machen? Wir tauchen einfach unter. Komm mit mir, bitte«, flehte sie verzweifelt. Er drückte sie gegen die Hauswand.
»Untertauchen, verdammt, du bist wirklich schön anzuschauen, aber unsagbar dumm. Wir haben den Nordkoreanern ein Geschäft versprochen, was wir nicht einhalten können. Was glaubst du, werden die mit uns machen? Hm, was glaubst du?« Als er ihr so nah kam, dass sie seinen Atem an ihrem Hals spüren konnte, stieß sie ihn von sich. »Du weißt selbst, was zu tun ist, um uns zu retten.«, sagte sie mit eisiger Stimme und lief in die Dunkelheit.

Im Kindle-Shop: Die Tochter des Pianisten.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Lilian Kim auf ihrer Facebook-Seite.



23. Juli 2018

'Wintertöchter. Die Gabe' von Mignon Kleinbek

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
„Auch sie und er hatten einander die Stirn geboten, sich bekämpft, sich angepasst und geduldet. Sie waren eine Koexistenz eingegangen, hatten miteinander gelebt, einander gehasst bis aufs Blut und sich dennoch verbunden.“

Die Forstau – ein kleines, verborgenes Bergdorf am Fuße der österreichischen Tauern. Drei Frauen – Barbara, die selbstbewusste Hebamme. Ihre schwermütige Ziehschwester Marie, die in der Dreikönigsnacht 1940 eine Tochter zur Welt bringt und in derselben den geliebten Mann verliert. Anna, das Kind mit der besonderen Gabe, die sowohl Geschenk als auch Fluch bedeutet. Jede stellt sich auf ihre eigene Weise dem harten Leben in den Bergen sowie gegen althergebrachte Traditionen in einer männerdominierten Welt und den Schrecken des Zweiten Weltkrieges.

Als Roman in Maries Leben tritt, scheint sich alles zum Guten zu wenden. Doch die Verbindung bringt weder Marie noch ihrer Tochter Glück ...

Eine Erzählung von Hass und Liebe, vom Hinsehen und doch Wegschauen. Über starke Menschen, die gegen ihr Schicksal aufbegehren und dennoch fast verlieren. Ein Roman wie ein Sog …

Leseprobe:
Prolog. 2004
Die Frau ging mit schleppenden Schritten zum Küchenherd und drehte das Gas ab. Das schrille Pfeifen des Teekessels wurde leiser und verstummte. Sie öffnete den Küchenschrank und nahm die angeschlagene Porzellantasse heraus, aus der sie seit ihrer Kindheit den Morgentee trank. Anna stand darauf, in dünnen Goldbuchstaben, umrahmt von Blumenranken. Der Goldrand und die hellblauen Veilchen waren blass verwaschen, kaum mehr sichtbar.
Mit geübtem Ruck zog sie die schwergängige Schublade heraus, in der sie ihre Teemischungen aufbewahrte. Ein feiner Duft stieg aus der Holzlade auf.
Earl Grey, Oolong oder Kräutertee? Sie überlegte einen Moment. Nein, ihren Kräutertee aus eigenhändig gesammelter und getrockneter Kamille, Minze, Anis und Fenchel hatte sie ihr Leben lang getrunken, jeden Morgen. Heute jedoch war der Tag für einen besonderen Genuss. Anna griff nach dem dunkelgrünen Tütchen, nahm die Klammer ab und schnupperte hinein. Sie nickte.
Der Oolong, ›schwarzer Drache‹ oder ›die schwarze Schlange‹ genannt, mit seinem wohlriechenden, blumigen Duft, war genau richtig für die Aufgabe, die schwer vor ihr lag. Der Tee war exotisch, teuer, er gab ihr das befriedigende Gefühl, sich etwas so Kostbares zu leisten, wäre eine kleine Belohnung. Ein Quäntchen Wiedergutmachung für das Leid. Er würde es wert sein und den bitteren Weg in die Vergangenheit ein wenig versüßen. Diesen Luxus hatte sie sich verdient. Also den Oolong …
Während sie sorgfältig einen Teelöffel voll schwarzer Teekrumen in das eiserne Teesieb gab, schweiften ihre Gedanken träge zu ihrer Tante Barbara.
Die Hebamme, Pflanzenkundige und einzige Vertraute hatte ihr alles beigebracht, was sie über das Heilen mit Kräutern wusste. Der Sommertag stieg in ihr auf, an dem sie mit ihrer Dede auf der sonnengewärmten Steinstufe vor dem Haus saß. Die Tante hatte ihr den Arm leicht um die Schulter gelegt. Auf ihrer blauen Schürze lag eine geöffnete Blechdose, und die kostbaren, schwarzen Blättchen darin glänzten schwach. Sie erzählte ihr eine Geschichte; die Legende um die Entstehung des Oolong. Vor Annas Augen erstanden die Bilder, an die sie sich so deutlich erinnerte, als sei es gestern gewesen. Von dem braunhäutigen Teepflanzer, der beim Anblick einer schwarzen Schlange, die sich in den frischgepflückten Blättern zusammenringelte, zurückgeschreckt war. Wie er sich nach einigen Tagen wieder vorsichtig zu den getrockneten Blättern hinwagte und bemerkte, dass sie in der heißen Sonne oxidiert waren. Seine Verwunderung, als er nach dem Aufbrühen feststellte, welch einen wunderbaren Geschmack sie ergaben. Die Dede hatte mit zwei Fingern ein paar Teekrumen aufgenommen, hielt sie ihr unter die vorwitzige Nase und legte sie dann auf die kleine rosa Zungenspitze: »Hier Anneli, schau!« Und sie sah …
Ja, der Oolong würde genau richtig sein. Vielleicht würde er die schwarze Schlange, den wütenden Drachen in ihr, besänftigen. Ihn einlullen und ihm etwas Ruhe verschaffen. Ruhe vor den quälenden Erinnerungen und Ruhe ihrem Gewissen. Und mochte sein, er schenkte ihrer Seele mit seinem Geschmack nach Blumen und Sommer einen kurzen, einen süßen Frieden. Würde ihre Gedanken in die Sonne und ins Licht lenken. Es war so viel Dunkel in ihr.
Sie stellte das eiserne Teesieb in die Tasse und goss vorsichtig heißsprudelndes Wasser darauf. Gab einen kleinen Löffel goldenen Bienenhonig und einige Tropfen fette weiße Milch dazu. Versonnen betrachtete sie, wie Honig, Milch und bernsteinfarbener Tee in braunen Fäden durcheinanderwirbelten, einer geheimen Absprache folgend. Wie sie Spuren und Schlieren durch das heiße Wasser zogen, sich verwoben und eine Koexistenz eingingen. Koexistenz ist der Zustand, in dem sich zwei gleich starke Seiten einander gegenüberstehen. Und irgendwann einsehen, dass sie, um des Friedens und des Überlebens willen, die Überzeugung des anderen dulden, schoss ihr durch den Kopf. Sie hatte das einmal irgendwo gelesen. Der Satz war ihr haften geblieben und nun plötzlich präsent.
Auch sie und er hatten einander die Stirn geboten, sich bekämpft, sich angepasst und geduldet. Sie waren eine Koexistenz eingegangen, hatten miteinander gelebt, einander gehasst bis aufs Blut und sich dennoch verbunden.
Es war genug. Genug des Anpassens und Duldens, genug des Leids. Die Knoten mussten jetzt gelöst werden. Diese letzte Aufgabe wartete auf ihre Erfüllung. Erst dann würde sie gehen können. Und vielleicht endlich frei sein. Die Wahrheit drängte ans Licht und würde sie überleben.

Sie nahm die heiße Tasse vorsichtig auf, trug sie an den blank gescheuerten Zirbenholztisch und setzte sich schwerfällig. Das klumpige Daunenkissen in ihrem Rücken zurechtrückend, ließ sie sich mit einem wohligen Seufzer zurücksinken. Anna blies über den Tee und nahm einen Schluck. Für einen Augenblick ließ sie zu, dass die vertrauten Bilder aufstiegen. Dann setzte sie die Veilchentasse hart und entschlossen auf dem Tisch ab und schlug die schwarze Kladde auf. Sie nahm den Tuschefüller in die von bräunlichen Altersflecken gezeichnete Hand und zog die silberne Metallkappe ab. Sorgfältig legte sie das Käppchen neben den runden Stein und nahm die Brille aus dem weißen Haar, schob sie vor bis zur Nasenspitze. In säuberlichen, steil aufgerichteten Buchstaben begann sie zu schreiben.

Im Kindle-Shop: Wintertöchter. Die Gabe.
Mehr über und von Mignon Kleinbek beim pinguletta Verlag.



21. Juli 2018

'Operation Love: Herzflimmern in London' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited)
Trisha Latch, Agentin des MI5, Deckname Miss Smith, hat das Limit des Erträglichen erreicht. Sie ist das eingefärbte Vogelnest auf ihrem Kopf, die klebrige Mascara, den schwarzen Lippenstift, vor allem aber die Tonne Metall leid, die sie tagtäglich von den Ohrläppchen bis zu den Boots mit sich herumschleppt. Und ihren schmierigen Vermieter Schrägstrich Zielobjekt, der seine Griffel nicht bei sich behält. Sie explodiert, setzt die Undercover-Mission im East End in den Sand und landet unweit der Billionaire’s Ave bei dem Mann, dessen Bruder vor ihren Augen ermordet wurde – und der eine pelzige Matratze im Gesicht hat. Und sie hasst Vollbärte!

Troy Raven, Anwalt und Privatermittler, traut seinen Augen nicht. Blackshaw, der das MI5-Team leitet, das dem Killer seines Bruders auf den Fersen ist, schickt ihm dieses Gothic-Biest, um seine schwangere Assistentin zu ersetzen? Eine Frau, die er nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde – wenngleich sie fantastisch riecht, ein heißes Fahrgestell hat und ihm 100.000 Volt durch den Körper jagt, als sich ihre Finger berühren ...

Bree, Troys beste Freundin und Noch-Assistentin, fasst ihr Aufeinandertreffen in Worte: Das kann ja heiter werden.

"Operation Love: Herzflimmern in London" ist ein in sich abgeschlossene Liebesroman mit sinnlichen, prickelnden Liebesszenen, dramatischen Augenblicken und einer mit Humor gewürzten romantischen Handlung. Kein Cliffhanger. 240 Taschenbuchseiten.

Leseprobe:
Heute, irgendwo im Londoner East End
Fassungslos starrt Trish auf den Bildschirm, kneift die Augen zusammen und liest die Mail noch einmal. Als ob sich die paar Zeilen nicht schon in ihr Hirn eingeprägt hätten wie das Brandzeichen auf dem Hintern eines Zuchtbullen. Dieses verdammte Arschloch setzt sie tatsächlich vor die Tür! Klar, sie hat letzten Freitag, als er seine schweißnassen Griffel auf ihren Oberarmen platzierte, um sie an sich heranzuziehen, das Knie angehoben. Na ja, vielleicht hat sie es mit schlecht dosiertem Schwung in seine Weichteile gerammt. Seinem stöhnenden Laut nach zu schließen, der in ein eunuchenhaftes Quietschen überging, hat sie ihre Kraftreserven nicht richtig eingeschätzt. Aber welche Frau hätte an ihrer Stelle nicht so gehandelt, wo er ihr doch unbeirrt nachstellt, als ob sie der Hauptpreis in der beschissenen Weihnachtslotterie wäre.
Jeder andere hätte längst kapiert, wie der Hase läuft. Immerhin kennt er sie seit mehr als einem Jahr – um exakt zu sein, seit dreizehn Monaten. Und ebenso oft hat sie ihn abblitzen lassen – an jedem Monatsersten. Wie gesagt hätte jeder x-beliebige Mann bereits spätestens beim zweiten Mal kapiert, dass hier nicht nur kein Hase, sondern schlichtweg gar nichts laufen konnte. Er hätte den Schwanz – sofern vorhanden – eingezogen und wäre mir von da an aus dem Weg gegangen. Nicht Oliver Odd! Von allen – hinter seinem Rücken – nur Odd Ollie genannt, macht er seinem Namen alle Ehre: Er ist ein sonderbarer Typ. Dass seine schwarzen, pomadisierten Haare gefärbt sind, steht außer Zweifel, auch wenn nur selten jemand den Blick hebt, um sich davon zu überzeugen. Die meisten trauen sich ja nicht einmal, ihm ins Gesicht zu sehen, was nicht an der riesigen, dunklen Warze liegt, die einer Fleischfliege gleich unter seinem rechten Nasenloch knapp oberhalb der Oberlippe thront. Auch nicht an den Schweinsäuglein, die von einem Babyblau sind, das perfekt zu seiner Stimme und dem androgynen Körper passt. Nein, denn obschon Mr Odd nichts von einem echten Kerl hat, nehmen alle Habtachtstellung ein, sobald er den Mund öffnet und mit seinem Falsett nur wenige Worte von sich gibt. Spricht er länger, ähneln die Bewohner des Hauses, des Stadtviertels – höchstwahrscheinlich des gesamten metropolitanen Gebiets – der Terrakotta-Arme des ersten chinesischen Kaisers.
Der Mann mit der hohen Stimme erweckt nach außen hin den Eindruck einer Witzfigur. Tatsache ist, dass er Mr Bean aus der gleichnamigen Fernsehserie ähnelt und sich wie dieser im Normalfall auf Mimik und Gestik verlässt, um sich auszudrücken. Mit körperlichem Ausdruck stand Trisha ihm jedoch letzten Freitag um nichts nach, als sie ihm zuerst das Knie zwischen seine Beine rammte und anschließend reflexartig nach der Karaffe mit dem Eiswasser griff und sie an der Stelle entleerte, über die der Fiesling – immer noch quietschend – schützend seine Hände hielt. Ersteres tat sie aus Reflex, mit der zweiten Aktion wollte sie vermeiden, die Hausbewohner kurz vor sieben zu wecken.
Bald nachdem Mr Odd ihr nicht nur die Wohnung seiner Großtante, die wenige Wochen zuvor in eine Seniorenresidenz gezogen war, sondern auch den Laden im Erdgeschoss mitsamt Lizenz vermietete, wurde sie von allen mehr oder minder wohlwollend akzeptiert. Die anfängliche Skepsis aufgrund ihres Gothic-Looks legte sich rasch. Alle Mieter wissen, dass sie stets zur gleichen Uhrzeit nach unten in den Laden geht und eine halbe Stunde später der Duft von Kaffee das Treppenhaus erfüllt – und sonst nichts. Trisha Latch braucht keine laute Musik, um in die Gänge zu kommen. Im Gegenteil. Sie liebt es, in absoluter Ruhe den Tag zu beginnen, und bevor nicht die ersten Kunden eintreffen, hört man keinen Laut – und schon gar kein Stöhnen und Kreischen. Sie hatte am letzten Freitag also einen triftigen Grund, Odd Ollie, der durch den Hintereingang hereingeschlichen war – angeblich um die Miete zu kassieren –, zum Schweigen zu bringen. Dass er wieder einmal seine schmierigen Finger nach ihr ausstrecken würde, hätte sie absehen und ihre Reaktion wie immer unterdrücken müssen. Aber vor der ersten Ration ihrer pechschwarzen Droge laufen ihre geistigen Kapazitäten auf Sparmodus. Daher sah sie in dem Moment einfach nur rot und hat vergessen, dass der Typ ihr Vermieter ist und sie in diesem Haus ihre Einkommensquelle und das Dach über ihrem Kopf hat. Jetzt ist sie auf einen Schlag beide los, denn der verdammte Scheißkerl beruft sich auf einen der siebenundvierzig Paragrafen des zehnseitigen Mietvertrags, den Trisha nicht einmal nachlesen muss, um zu wissen, dass er dort ein Schlupfloch eingebaut hat.

Ihre Kehle wird eng und die Mail auf dem Bildschirm verschwimmt vor ihren Augen. Shit! Hier ist sie in Sicherheit und kann ihre Wunden lecken, die sie ihrer selbst verschuldeten Unachtsamkeit, derentwegen sie damals knapp am Tod vorbeigeschrammt ist, verdankt. Niemand vermutet sie im East End. Hinter der Theke des unverfänglichen Tante-Emma-Ladens kann sie den Ball flach halten und darüber sinnieren, wann sie ihren inneren Schweinehund überwinden und dem Drängen Blackshaws nachgeben wird. Falls überhaupt ... denn an und für sich ist sie der Sache ja hier auch nützlich. Immerhin observiert sie eine der Schlüsselfiguren aus unmittelbarer Nähe.
»Du hattest Glück im Unglück«, fasste es ihr Boss nach dem Zwischenfall in der Bar, bei dem sechs Schüsse aus einer einzigen Pistole abgefeuert wurden, zusammen. Danach verpasste er ihr eine neue Identität, und die alte Mrs Odd ist mit einer großzügigen Summe davon überzeugt worden, dass sie nie etwas anderes wollte, als ihren Lebensabend anstatt in Londons East End in einer luxuriösen Seniorenresidenz in Cheshire zu verbringen. Weit weg von ihrem unsäglichen Neffen, dessen Hände tief im Sumpf der Illegalität stecken. Oliver Odd, der seine kriminelle Intelligenz hervorragend hinter seinem eunuchenhaften Aspekt versteckt und dem Trisha seit dreizehn Monaten im Nacken sitzt. Eine lange Zeit, in der sie zwar so manches in Erfahrung bringen konnte, was uns bis dahin unbekannt war, aber noch nicht genug, um diesem Arschloch die entscheidende Querverbindung nachzuweisen, die ihm – und seinen Geschäftspartnern gleich mit – das Genick brechen wird. Sie war so nah dran, dass sie das sprichwörtliche Licht am Horizont bereits erahnen konnte – und jetzt ...
Ein Ruck geht durch ihren Körper.
Nein! Ich lasse mich nicht unterkriegen! Nicht von so einem Arsch wie Odd Ollie!

Im Kindle-Shop: Operation Love: Herzflimmern in London.
Mehr über und von Lisa Torberg auf ihrer Website.



20. Juli 2018

'Mordsrevanche: Küstenkrimi' von Ulrike Busch

Kindle Edition | Taschenbuch | Tolino
Sie ist 40, beruflich erfolgreich, glücklich verheiratet und endlich schwanger. Da geschieht das Unfassbare: Franziska Hinrichs, Patenkind des Onkels von KHK Tammo Anders, wird ermordet aufgefunden. Der Kommissar und seine frisch angetraute Kollegin Fenna Stern stürzen sich in die Ermittlungen.

Bald werden Schatten auf dem Leben der vermeintlich mustergültigen Ehefrau und Geschäftsführerin einer Ferienhausvermietung sichtbar. Doch bevor die Kommissare weiter recherchieren können, wird ihnen der Fall entzogen. Frustriert ziehen sie sich in den Urlaub nach Nordfriesland zurück.

Dort erfahren sie von einem Mord, der Parallelen zu der Tat in Ostfriesland aufweist. Auf eigene Faust begeben Anders und Stern sich auf die Jagd nach dem Täter. – Ein Einsatz, der nicht ohne Folgen für sie bleibt …

Band 1 der Reihe ‚Anders und Stern ermitteln‘.

Leseprobe:
Petra stand auf den Treppenstufen vor der Eingangstür ihres Hauses unweit des Greetsieler Sieltiefs. Zum Abschied winkte sie Franziska verhalten zu. »Sollen wir dich nicht doch lieber mit dem Auto nach Pilsum bringen?«
»Nein, danke.«
»Du fährst aber bitte vorsichtig, ja?«
Franziska warf ihre Handtasche in den geflochtenen Fahrradkorb, der am Lenker befestigt war. »Nein, Petra. Sonst immer, aber heute ausnahmsweise mal nicht.« Sie zwinkerte ihrer besten Freundin zu und schob das Fahrrad durch den Vorgarten auf die Straße.
Der Duft von frisch gemähtem Gras stieg ihr in die Nase. Dirk hatte im Garten gearbeitet, während Petra und sie ihren monatlichen Tratschabend auf der Terrasse verbrachten. Hexentreffen nannten ihre Ehemänner die Zusammenkünfte, die sie seit dem Ende ihrer Schulzeit an jedem dritten Samstag eines Monats zelebrierten.
Franziska schwang sich in den Sattel und trat in die Pedale.
Warum taten die Menschen so, als müsste eine Frau, die ein Kind erwartet, über jede kleinste Aktivität dreimal nachdenken, bevor sie es wagen konnte, sie in Angriff zu nehmen? Als würde eine Schwangerschaft mit einem Schlag alles verändern und man müsste das Leben ganz neu denken.
Sie bog in den Pilsumer Weg ein. Kurz vor der Hauptstraße verlangsamte sie das Tempo und blickte aufmerksamer als sonst nach rechts und links. Kein Auto war unterwegs, keine Scheinwerfer brannten sich durch die Dämmerung. Trotzdem war Vorsicht geboten. Immerhin musste sie jetzt für zwei aufpassen.
Franziska schmunzelte über sich selbst. Also doch auf einmal alles anders, wenn man schwanger war?
Die Hälfte der Straße hatte sie überquert, als wie aus dem Nichts heraus ein Motor aufheulte und das Geräusch in Windeseile näherkam. Ein wildgewordener Harley-Fahrer preschte um die lang gezogene Kurve wie ein Höllenreiter mit einer Eilbotschaft für den Satan unterm Sitz.
Franzi kniff die Pobacken zusammen und zog den Kopf ein. Ihre Hände krallten sich am Lenker fest. Sie warf einen ängstlichen Blick über die Schulter.
In einer elegant geschwungenen Linie zog die Maschine hinter ihr vorbei. Das Dröhnen des Motors hallte nach wie ein akustischer Kometenschweif.
Franziska atmete auf. Das war noch einmal gut gegangen.
Sie radelte auf das Neue Greetsieler Sieltief zu. Auf der Brücke, die über den Kanal führte, hielt sie an. Das dunkelgrün schimmernde Wasser lag unbeweglich da. Mücken tanzten auf der Oberfläche wie winzig kleine Elfen. Aus den feuchten Wiesen der Umgebung stieg Dunst auf. Die ganze Welt roch an diesem Abend nach Erde, Gras und Feuchtigkeit. Ein verwunschenes Land. Ein Märchenland?
In der Abenddämmerung hatte die Stille etwas Unheimliches. Franziska horchte in sich hinein. In dieser Gegend war sie zu Hause. Unzählige Male war sie diesen Weg entlang gefahren, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Lag es an der Verantwortung für das ungeborene Kind, dass sie sich auf einmal so ungeschützt fühlte? Was nützte es, zu grübeln? Sie setzte ihren Weg fort.
Aus der Richtung, in die sie fuhr, kam ihr ein Radfahrer entgegen. Die Lampe zuckte in der Dämmerung nach rechts und links. Das Rad schlenkerte, der Fahrer war offensichtlich unsicher. Ein Betrunkener?
Instinktiv guckte Franziska sich um. Wie sinnlos! Eine Möglichkeit, dem Mann auszuweichen, existierte auf dieser Strecke nicht. Weit und breit gab es nur Wiesen und Felder. Keinen Weg, auf den sie hinüberwechseln konnte. Keine Menschenseele, die einen Abendspaziergang machte und ihr zu Hilfe hätte eilen können.
Das Fahrrad kam näher. Die Person, die es lenkte, war ein korpulenter Mann mittleren Alters, in schmuddelige Jeans und einen dunkelgrünen Pulli gekleidet. Mit tief ins Gesicht gezogenem Basecap und dunkler Brille, als ob die Sonne, die längst hinterm Horizont verschwunden war, ihn noch hätte blenden können. Was hatte er zu verbergen?
Sollte sie umkehren, so schnell wie möglich nach Greetsiel zurück? Franziska verwarf den Gedanken. Wenn der Mann vorhatte, ihr etwas anzutun, würde er sie spätestens am Sieltief einholen. Sie malte sich aus, wie er sie überwältigen und ins Wasser werfen würde, sie und das Kind.
Den halben Heimweg hatte sie bereits zurückgelegt. Besser war es, weiterzufahren. Keine Schwäche zeigen, nicht wie ein potenzielles Opfer wirken. Den Kopf heben, dem Mann ins Gesicht lächeln und energisch in die Pedale treten, das war der beste Schutz. Dann käme er erst gar nicht auf dumme Gedanken. Und wer sagte denn überhaupt, dass er gefährlich war? Ihre Fantasie spielte ihr heute wirklich einen Streich!
Die Umrisse des Hauses, das ihr Mann und sie vor vier Jahren gekauft hatten, konnte sie bereits erkennen. Womöglich stand Bodo im Vorgarten und hielt Ausschau nach ihr. Sie war heute später dran als sonst. Petra und sie hatten ein sensationelles Thema zu besprechen gehabt: ihre Schwangerschaft, ein lang gehegter Wunsch, der sich endlich erfüllt hatte.
Der Radler hielt genau auf sie zu. Die Fahrradleuchte schlenkerte nicht mehr. Die Gläser der Sonnenbrille waren auf ihr Gesicht gerichtet wie Scheinwerfer, die Strahlen der Dunkelheit statt des Lichts verströmten.
Franziska verringerte das Tempo. Ihr Herz klopfte laut und langsam, als wollte es ihr die drohende Gefahr ins Hirn schlagen. Sie bremste. Ihr wurde schwindelig. Sie verlor das Gleichgewicht und sprang vom Rad. In Panik ließ sie es fallen und hechtete auf den Wiesenrand, wo sie auf die Knie stürzte.
In letzter Sekunde, kurz bevor er über den Vorderreifen ihres Bikes gefahren wäre, riss der Radfahrer den Lenker herum. Er hob eine Hand, rief: »Schön gut’n Moin« und radelte unbeirrt an ihr vorbei.
Franziska schluckte. Ein besoffener Tourist, der sich offenbar in der Tageszeit vertan und obendrein nicht verstanden hatte, was Moin bedeutete.
Sie beobachtete, wie der Mann schwankend in Richtung Greetsiel weiterfuhr. Als er die Brücke, die über den Kanal führte, überquert und sich bis dahin kein einziges Mal nach ihr umgedreht hatte, erhob sie sich und legte eine Hand auf ihren Bauch. Alles ruhig da drinnen ... Keine Angst, mein Kind, gleich sind wir am Ziel.
Sie kehrte auf den Weg zurück und nahm ihr Fahrrad auf. Mit flatterndem Herzen und zittrigen Knien setzte sie den Heimweg fort. Nur noch wenige hundert Meter. Mittlerweile herrschte mehr Dunkelheit als Dämmerung.
Franziska erreichte die mannshohe Buchenhecke, die das lang gestreckte Grundstück umgab. Erleichtert atmete sie auf. Es mussten die Hormone gewesen sein, die ihr unterwegs Gefahren vorgegaukelt hatten, die nur in ihrer Vorstellung existierten. Was für ein gutes Gefühl, angekommen zu sein! In wenigen Augenblicken würde sie Geborgenheit in ihren vertrauten Räumen finden.
Während das Rad ausrollte, blickte Franzi zur oberen Etage des Hauses hoch. Bodo saß noch im Arbeitszimmer, das zur anderen Seite hin lag. Das Licht der Schreibtischlampe erhellte den Flur. Gleich würde er ihr einen alkoholfreien Longdrink mixen und dann würden sie gemeinsam von ihrem Leben zu dritt träumen.
Franziska stieg vom Rad. Etwas knackte hinter der Hecke. Eine streunende Katze wohl, die dort im Dunkeln Schutz suchte und sich vor ihr erschreckt hatte. Vorsichtig, um das Tier nicht noch mehr zu verängstigen, schlich sie an den sorgfältig geschnittenen Rotbuchen vorbei. Sie öffnete die Gartenpforte und schob das Rad auf den Fahrradständer zu, der bei den Mülltonnen in einer Ecke des Grundstücks aufgestellt war. Dieses kleine, nüchterne Areal hatten sie auf geschickte Weise vor Einblicken geschützt. Zur Straße und zu dem Trampelpfad hin, der davon abzweigte, war es von der Buchenhecke verdeckt; vom Haus aus betrachtet lag es hinter üppigen Rhododendronsträuchern verborgen.
Mit einem Mal schnellte ein dunkel gekleidetes Wesen hinter dem Container hervor. Es sprang auf Franzi zu.
Eiskaltes Grauen schoss durch ihren Körper. Sie öffnete den Mund und holte Luft.
Doch die Gestalt war schneller als sie. Sie hielt etwas in der Hand, der Arm holte aus und ...
Noch in der Kehle erstarb Franziskas Schrei.

Im Kindle-Shop: Mordsrevanche: Küstenkrimi (Anders und Stern ermitteln 1).
Für Tolino: Buch bei Weltbild
Mehr über und von Ulrike Busch auf ihrer Website.



19. Juli 2018

'Kaltgestellt: der Mann aus Beirut' von D.W. Crusius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Das BKA hört mehrere Handygespräche zwischen Deutschland, Damaskus, Bagdad und Grosny ab. In den Gesprächen geht es um Terroranschläge in Westeuropa und um Drogen. In aller Eile installieren das BKA und der Verfassungsschutz in einem kleinen Ort am Niederrhein eine behelfsmäßige Kommandozentrale. Aus dieser Gegend kamen die Gespräche.

Der Nahost Experte Walther Sembach, strafversetzt von Damaskus nach Deutschland, bekommt die undankbare Aufgabe, die Urheber der Telefonate zu ermitteln. Als er der Wahrheit zu nahe kommt, steht er selbst auf der Abschussliste.

Leseprobe:
Er ist noch nicht lange hier, vier Wochen. Oder fünf? In der Enge einer Gefängniszelle verliert man die Zeit. Er darf mit niemandem reden. Beim Hofgang brüllen die anderen Gefangenen anzügliche Bemerkungen. Kinderficker ist noch harmlos. Unter den Augen von sechzig oder achtzig Männern wie auf dem Präsentierteller alleine um den Gefängnishof zu laufen, ist erniedrigend. Er setzt sich lieber auf eine Bank hinten an der Mauer. Oder verzichtet auf den Hofgang.
Jeden Freitag dröhnt der Ruf – Häftlinge antreten zum Duschen – durch das Hafthaus. Ein Beamter öffnet die Zellen und in Gruppen von acht bis zehn Gefangenen gehen sie duschen. Für ihn gilt das nicht, er duscht getrennt von den Anderen.
»Ist zu Ihrem Schutz«, sagt der Schließer mürrisch, als er wissen will, warum das so ist. Justizbeamte in einer JVA werden Schließer genannt, weil sie am Gürtel viele Schlüssel tragen.
Das vergitterte Fenster seiner Zelle ist klein, vierzig mal sechzig Zentimeter, wie eine Dachluke. Mitternacht ist vorbei, der Mond steht hoch am Himmel. Er weiß nicht, wie spät es ist, sie haben ihm bei der Festnahme die Uhr abgenommen.
In der Zelle herrscht Halbdunkel und ohne die Gitter zum Gang und am Fenster hätte er es als angenehm empfunden. Er liebt die Dunkelheit. Als er sieben oder acht Jahre alt war, ist er nachts oft von zu Hause ausgerissen und alleine durch den Wald gestromert. Da war kein Vater, nur die Nachttiere. Mäuse raschelten im Unterholz und gelegentlich hörte er eine Eule, die sich laut protestierend in die Luft schwang. Der Wald war von Gräben durchzogen, die im Frühling und Herbst voll Wasser standen. Wenn er spät nachmittags, nach den Schularbeiten, mit seinen Freunden durch den Wald stromerte, schreckten sie im dichten Unterholz Rehe auf.
Die Deckenbeleuchtung im Gang brennt nur schwach. Ungewöhnlich, sonst sind Gang und seine Zelle hell beleuchtet. Er blickt zur Kamera an der Zellendecke. Die Decke ist sehr hoch, vier Meter, keine Chance hinaufzuklettern und die Linse abzudecken. Warum auch, er hat nichts zu verbergen. Den Lebensabschnitt, in dem er brisante Geheimnisse mit sich herumtrug, hat er hinter sich.
Schlafen kann er nicht, er döst vor sich hin, denkt über sein Leben nach. Er hat nicht protestiert, als man ihn festnahm. Es war die logische Folge der Ereignisse. Wie die Nacht auf den Tag folgt.
Etwas ist anders. In dieser kurzen Zeit hat er sich an die Geräusche der Justizvollzugsanstalt gewöhnt, Änderungen fallen ihm sofort auf. Da ist ein Schleifen auf dem Zementboden. Er steht auf und tritt an das eiserne Gitter zum Gang, drückt den Kopf dagegen. Überrascht bemerkt er, dass die Gittertür nicht verschlossen ist. Einen Moment ist er in Versuchung, sie ganz aufzustoßen. Er unterlässt es, es bringt nichts. Bis zur Freiheit gibt es zu viele verschlossene Gitter. Auch die Tür der Nachbarzelle steht etwas auf.
Er legt sich wieder auf die schmale Pritsche und taucht in seine Erinnerungen. Zwei oder drei Uhr morgens muss es sein. Um diese Zeit kommt sein Vater zu ihm. Das ist Jahrzehnte her, es läuft ab wie ein Film in seinem Kopf.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, flüstert sein Vater. »Ich habe dir etwas mitgebracht, Zimtschokolade, die isst du doch so gerne. Kannst du essen, Mama weiß nichts davon, das ist unser Geheimnis.«
Sein Vater setzt sich auf die Bettkante und reißt die Verpackung auf, pult das Silberpapier ab.
»Möchtest du?«
Er bricht ein Stück Schokolade ab und schiebt es dem Jungen zwischen die widerstrebenden Lippen.
Ein ungewöhnliches Geräusch aus der Nachbarzelle reißt ihn aus seinen quälenden Gedanken und er ist dankbar dafür. Jemand geht hin und her. Nicht in Filzschuhen, wie die Gefangenen sie tragen müssen, sondern in Straßenschuhen mit harten Ledersohlen. Er horcht und plötzlich weiß er, weshalb ihn das irritiert. Zwei Personen sind es. Unverständliches Geflüster. Das Licht im Gang erlischt, nur schwaches Mondlicht erhellt die Zelle. Die Schritte verstummen.
Vor seiner Zellentür sieht er den Lichtkegel einer Taschenlampe, mehrere Schatten. Die Tür seiner Zelle schwingt knarrend auf und sie kommen herein, drücken ihn auf die Liege, pressen ein stinkendes Tuch auf seinen Mund. Er spürt einen harten Gegenstand am Hals, ein elektrischer Schlag durchzuckt ihn und er kann sich nicht bewegen. Sie reißen ihn von der Pritsche und schleifen ihn über den Boden. Er spürt, wie sich seine Blase entleert.

Im Kindle-Shop: Kaltgestellt: der Mann aus Beirut
Mehr über und von D.W. Crusius auf seiner Website.



'Tod in Alepochori' von Claudia Konrad

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Eigentlich will der aus dem Ländle stammende, kürzlich pensionierte Sonderermittler Wellendorf-Renz einen gemütlichen Urlaub in Griechenland verbringen und endlich seine Zeit als Kommissar hinter sich lassen, da geht es auch schon wieder los: Denn kaum in Alepochori angekommen, spürt die feine Nase seines Hundes „Trollinger“ einen toten Taucher in einem verbrannten Waldstück auf.

„Welles“ guter Ruf als Polizist eilt ihm voraus und die griechischen Behörden bitten ihn um Unterstützung bei der Aufklärung des Falles. Fortan begleitet er die griechischen Kollegen und begibt sich mit ihnen auf die Suche nach dem Mörder. Die griechischen Ermittler tappsen rum und Welle in die Arme einer charmanten Griechin. Was anfangs wie ein merkwürdiger Badeunfall aussieht, tut sich auf als Fall von Korruption und Intrige – bis in die höchsten Kreise von Staat und Kirche. Die finden sich nicht etwa in Athen. Nein, Welle macht Wellen im Vatikan.

Das Buch bietet eine wunderbare Mischung aus Leichtigkeit, Spannung und griechischen Impressionen. Wellendorf-Renz ist eine ausgereifte Figur, ein wenig schrullig-eigenbrödlerisch, man liest mit Spannung und Vergnügen.

Leseprobe:
Prolog
Geisterwald. Knarrende Baumstämme, vom warmen Wind umspielt. Ein Heer bizarrer Pinien, verbrannt bis in die Wipfel. Rußgeschwärzte Hänge, Verwesungsgeruch.
Welle sah die Feuersbrunst vor sich. Hörte das gellende Todesblöken der Schafe, deren Stall von Flammen umzüngelt war. Hubschrauberlärm mischte sich unter das Feuer-Gefauche. Gierig sogen die Flammen erste Wasserbretter auf, die tonnen-schwer auf den Wald prasselten – und doch nur wie Tropfen auf dem heißen Stein wirkten. Klägliche Versuche, das Inferno unter Kontrolle zu bekom-men. Ein weiterer Lösch-Hubschrauber näherte sich. Der Kampf gegen die Naturgewalt hatte begonnen.
Nichts für Zartbesaitete, wenn das Kopfkino des Pforzheimers ansprang. Trollingers aufdringliches Gebell durchbrach seine Vorstellungen und holte ihn in das Jetzt zurück. Der Unterton im Bellen gefiel dem pensionierten Hauptkommissar gar nicht. Er versuchte, seinen Vierbeiner auszumachen. »Trollinger!«, schrie er. »Bei Fuß!«
Der Rüde erschien kurz, knurrte seinen Herrn an, um gleich wieder im Schwarz zu verschwinden.
»Sack Zement, was ist jetzt wieder?« Grantig stiefelte er hinterher. Nach ein paar Metern hatte er ihn eingeholt.
»Beruhig dich, was ist denn los mit dir?«
Welle schaute sich um, sah aber nichts.
»Hör doch mit der blöden Kläfferei auf. Aus jetzt!«
Mit gefletschten Zähnen rannte Trollinger hin und her, verharrte dann und schaute gen Himmel. Der Pensionär folgte dem Blick seines Hundes.
»Deifel nomol … Ha noi, so ebbes gebts jo gar ned. I glab, i spinn. En Daucher. Da hangt en Daucher im Bom!«

Kapitel Eins
»Wann war i sletschmol so besoffe?« Trollinger musste das wissen. Der saß neben ihm … nein, der lag …
»Trollinger!« Es wuffte matt. Unter der Bank. Bank? Bushäuschen. Ahhhh, Bushäuschen. Er saß auf der Bank, es nieselte, daher Bushäuschen. Warum nieselte es immer an seinem Geburtstag, wo es doch in Pforzheim nie nieselte. Er musste grinsen. Nie nieseln, komisch.
»Trollinger, findest du nie nieseln auch komisch?« Trollinger wuffte. Alles gut.
»Also, Trollinger, wann war ich das letzte Mal so betrunken?«
Warum saß er hier? Wo war Erika?
»Trollinger, wie alt bin ich jetzt, und wo ist Frauchen?«
Und was, Himmel-Schdugert-Sackzement!, hatten die ihm da geschenkt? Die von seinem Club. Die Alten Hasen. Fünfundsechzig, das war es. Fünfundsechzig Kerzen hatte er ausblasen müssen. Heidenei! Und dann der Wein, zehn Schoppen? Ramazzotti, vier? Grappa? Auch egal.
»Wieso sprang mir jetzt Griechenland ins Hirn? Wir waren doch im ›Al Bacio‹, eindeutig Italien.«
Er griff in die Tasche des Trenchcoats, streifte über Reste von Tiramisu auf seinem Jackett, Trollinger musste ablecken. Ein Umschlag, DIN-A4-Blatt, ein Bild von einem Schiff, noch ein Bild, Markusplatz, Venedig.
»Trollinger, soll ich das mal vorlesen, willst du es hören, oder sollen wir warten, bis Frauchen ...«
Jetzt spürte er Tränen. Ist ja nicht mehr, die Erika. Scheiß LKW! Seit mehr als acht Jahren nicht mehr. Fünfundfünfzig Jahre waren sie ... Zum die Wänd hochgrabble!
»Ich les es dir vor, Trollinger. Also … Lieber Welle, damit du mal wieder richtig Welle machen kannst … Trollinger, das ist doch ein mieser Scherz, oder? Also, damit du Welle machen kannst, schenken wir dir ein Fährticket von Venedig nach Griechenland auf der Anke Lines … Wer ist denn jetzt Anke? Trollinger, wollen die, dass ich mit der Anke … ach so, die Reederei heißt so … Kabine mit Sondergenehmigung für Trollinger in allen Bordbereichen. Wahlweise Igoumenitsa, Korfu oder Patras.«
Jetzt kam die Erinnerung zurück.
»Wer hat sich das denn ausgedacht?«
»Ist doch egal«, hatte Holger Kuhlmann gesagt. »Du wolltest dir alte Steine anschauen und da eignen sich die der alten Griechen am besten. Genieße deinen Urlaub, schließlich hast du dich seit Erikas Tod nicht mehr aus Pforzheim herausbewegt. Außer vielleicht mal bis zum Titisee und in die Schweiz zu deinem Kumpel. Wir freuen uns jedenfalls auf deinen Urlaubsbericht.«
»Aber ich habe gar keinen runden Geburtstag! Das kann ich nicht annehmen«, hatte er gesagt.
»Ha so ebbes!« Hans Häberles Bassstimme dröhnte im tiefsten Badisch. »Mir hen des älle gwellt, und jetzt hälsd dei Gosch. Proschd!«
»Ja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Nochmals vielen, vielen Dank!«

Er stand auf. Es hatte aufgehört zu nieseln. Welle hielt sich an der Strebe des Bushäuschens fest, schob Manschette und Trenchcoat-Ärmel zurück, griff mit der anderen Hand in die immer noch beschmierte Jacketttasche und setzte sich erneut die Lesebrille auf.
»Herrschaft, Trollinger, halber drei gleich. Schaffen wir den Berg noch?« Wieder so ein kurzer Moment, in dem Welle es bereute, hoch über Pforzheim zu wohnen.
Der Staffordshire blickte nach oben, als wollte er sagen: Stell dich nicht so an, Alter, du auf zwei, ich auf vier Beinen. Ich will in den Korb, und wenn du bitte noch einen Klecks Tiramisu ...
»Ja, braver Hund, hörst mir immer zu. Dir armen Teufel bleibt auch nichts anderes übrig.« Welle bückte sich, streichelte ihn und lächelte.
Er torkelte sich auf den Heimweg ein.
Ein weiteres Stück Erinnerung kam zurück, gerade mal neun Stunden war das her.
Er war mit Trollinger die Bahnhofstraße hinuntergelaufen, vorbei am Polizeirevier. Holger Kuhlmann und Igmar Keller waren herausgekommen.
»Da ist ja unser Geburtstagskind.« Das war Kuhlmann.
»Kind? ›Alter Sack‹ wolltest du wohl sagen. Wo geht’s hin?«
»Na, deinen Geburtstag feiern, wohin denn sonst?«
»Damit hast du nicht gerechnet, gell?« Keller war den ganzen Abend über bester Laune gewesen. »Kommt, wir müssen uns beeilen, die anderen werden sicher schon warten. Schau nicht so belämmert, du wirst heute noch einige Überraschungen erleben.«
Wirt Andreas hatte gerade ein Tablett mit Sektgläsern hinter der Theke hervorbalanciert, als die drei eintraten. Und jetzt war der Film wieder da, Echtzeit, live und in Farbe mit Ton. Als sei es gestern ... nein, war ja eben erst alles, vor der Sache mit der Anke … nein, mit dem Schiff. Hatte er das richtig verstanden, eine eigene Kabine für Trollinger?

Im Kindle-Shop: Tod in Alepochori.
Mehr über und von Claudia Konrad beim pinguletta Verlag.



18. Juli 2018

'Die Welt verstehen und wahrnehmen' von Danka Todorova

Taschenbuch
Das Buch ist eine Gesamtausgabe von „111 Tipps“ und „Harmonie und Balance“.

Hiermit lade ich dich ein, deine eigene Reise zu unternehmen, um zu dir selbst, zu den anderen und der Welt zu verstehen, dein Leben in die Hand zu nehmen, den Alltag bewusst zu gestalten und wahrzunehmen. Nur so kannst du innere Harmonie und Balance in voller Zufriedenheit und Freiheit finden und genießen.

Leseprobe:
Tipp 9
Ich beobachte Menschen bei der Arbeit.
Ich beobachte in meiner Arbeit auch andere Menschen. Wie sie mit den Problemen umgehen, wie sie mit verschiedenen Situationen umgehen und versuche die Kernaussage des Menschen zu entdecken. Was bewegt einen Menschen? Welche Glaubenssätze oder Muster kommen zum Erscheinen. Es ist nicht immer leicht, eigener Konzentration und eigenem Gespür zu folgen, da die Störfaktoren da sind.

Tipp 10
Ich übe ständig Konzentration.
Sie ist auch da, ich schule in allen möglichen Situationen meine Konzentration: Bild betrachten, Mensch betrachten, Natur betrachten, Vögel betrachten. Einfach da sein und den Bewegungen folgen. In sich hinein hören, ob man etwas entdecken kann ... Bilder, Erinnerungen, Symbole.

Tipp 11
Ich setze Prioritäten.
Jeden Tag brauchen wir verschiedene Aktivitäten, die wir zu erledigen haben. Ich überlege am Morgen, bevor der Tag beginnt, in der Stille, was ich am Tag zu erledigen habe. Ärgere mich nicht, wenn ich nur die Hälfte geschafft habe. Es ist bewiesen, dass wir nur 50% der geplanten Aktivitäten erledigen können. Deswegen setze ich eine oder zwei Sachen, die mir wichtig am Tag sind, je nach meinem Ziel.

Tipp 12
Ich mache Planung.
Wenn ich eine reale Vorstellung habe, was ich am Tag erledigen muss, dann entsteht auch kein Stress. Ich lasse mir die Zeit und erledige das Nötigste am Tag. Wenn ich sehe, es läuft nicht, wie ich es geplant habe, lasse ich es. Es gibt Rhythmus in der Natur und in unserem Leben, um die Dinge fließen zu lassen.

Tipp 13
Ich nutze die Pausen um Wasser zu trinken.
Wenn ich müde bin, mache ich Pause, trinke zuerst ein Glas stilles Wasser, um zu erfahren, ob ich Durst oder Hunger habe. Unser Körper besteht aus 70% Wasser und unsere Zellen brauchen es, um sich regenerieren zu können.

Im Amazon-Shop: Die Welt verstehen und wahrnehmen.
Mehr über und von Danka Todorova auf ihrer Website.



17. Juli 2018

'Hör mir auf mit Glück' von Helena Baum

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Portland/Oregon
Dr. David Tenner, 58, renommierter Psychotherapeut, ist auf allen Ebenen über dem Zenit. Beruflich, privat, energetisch. Die Luft ist raus. Sein Frau Kathy sieht er nur noch selten im gemeinsamen Leben. Wenn sie zu Hause ist, senden ihm ihre weißen Kopfhörer die unmissverständliche Botschaft: Lass mich in Ruhe!

Emily und Cooper dagegen sind jung, voller Lebenslust und strotzen vor Energie. Der Zenit ist noch nicht mal in Sicht. Alles ist möglich. Alles ist lösbar. Zwischen Surfen, VW Bus, Job und ihrer Liebe findet das Leben statt. Emilys ungewollte Schwangerschaft stellt alles auf den Kopf. Sie will das Kind auf keinen Fall, Cooper will es unbedingt. Sie stecken fest. Drehen sich im Kreis und kommen keinen Millimeter weiter.

Cooper besteht auf einer gemeinsamen Beratung. Sie landen in der Praxis von Dr. David Tenner, der ihnen einen unkonventionellen Vorschlag unterbreitet. Danach ist nichts mehr, wie es war. Weder bei den Tenners, noch bei Cooper und Emily.

Leseprobe:
David lüftete den Praxisraum in seinem Haus. Es müffelte. Zu viele Alltagsdramen, Ängste und Frustrationen stanken hier zum Himmel. Um seinen Lungenflügeln eine Prise Frischluft zu gönnen, floh er in den Garten, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Batman, sein schwarzer Mischlingshund, folgte ihm freudig. Manchmal rief David ihn Batty und hoffte, dass der Rüde ihm das Weibliche im Namen nicht übel nahm.
Er verbrachte den ganzen Vormittag mit Einzelsitzungen in seiner Praxis und empfing ein paar Klienten, die ihn inzwischen mehr langweilten, als er zugab.
Zuerst kam Mrs. Dullington, neunundfünfzig Jahre alt. Sie litt seit Ewigkeiten an wiederkehrenden depressiven Schüben und sah auch in den Phasen dazwischen todtraurig aus. Danach war die zweiundsechzigjährige Mrs. Bramidge dran. Sie versuchte seit Jahren, ihre totgelaufene Ehe zu retten, und schleppte dann und wann ihren völlig desinteressierten Ehemann mit in die Therapie. Wie zwei graue Nilpferde, die nicht mehr im selben Sumpf spielen wollten, saßen sie in den für ihr Volumen zu engen Sesseln und schmollten sich an. Keiner wollte zuerst den stinkenden Sumpf verlassen. Zuletzt kam Ken Brandon, ein dünner Mittvierziger, der zwar jünger war als der Durchschnitt von Davids Klienten, jedoch aussah wie Anfang sechzig. Er saß stets nur mit einer halben Arschbacke auf der Vorderkante des bequemen Sessels, als müsse er jederzeit fliehen. Die ausgefransten Lippen, abgekauten Fingernägel und nervös hin und her huschenden Augen sprachen Bände über das Drama seiner Hypernervosität. David machte drei Kreuze, als er endlich dieTür hinter ihm schließen konnte. Kens Angespanntheit war in der letzten Stunde auf David übergegangen und er spürte, wie er die Hände zu Fäusten ballte, was er sonst nie tat. Er schüttelte sich, ging schnurstracks zum Fenster und riss es erneut auf.
»Zu viele Dramen«, murmelte er, »zu viele Dramen.«
Im Garten rannte Batman direkt zum Zaun, wedelte hektisch mit seinem Schwanz und bellte den Nachbarsjungen herbei. Der Kleine rannte flugs Richtung Batman, stellte sich auf die andere Seite des Zaunes und bellte in seiner Kindersprache zurück. Hörte der eine auf, fing der andere an. Sofort lugte auch das kleine Mädchen um die Ecke und wollte ebenfalls bellen. Sam, der Vater der beiden Knirpse, hatte alle Hände voll zu tun, sie in Richtung Auto zu bugsieren.
»Batty, komm! Fuß! Komm hierher!« Der Hund hörte kein bisschen. Erst beim fünften Rufen, als David seine Stimme bedrohlich senkte, trottete er provokant langsam heran und setzte sich neben sein Herrchen.
»Hi, Sam. Wie geht‛s?« Er winkte dem freundlichen Nachbarn zu. »Ich bring den Hund mal lieber rein, sonst kommt ihr nicht weg.«
»Danke, David. Sie lieben Batman und würden wahrscheinlich ewig hier stehen und sich gegenseitig anbellen. Bis später.«
»Bis später.«
Die junge Familie wohnte erst ein paar Monate im Nachbar- haus und David freute sich, dass das Haus nicht mehr leer stand.
»Komm, Mittagspause, Batty.« Batman ließ sich ohne das übliche Gerangel an die Leine nehmen. Bevor sie loszogen, warf David einen Blick in den Nachbargarten. Jetzt saß Klara, die Mutter der beiden Kleinen, mit einem Kaffee am Tisch und hielt ihr jugendliches Gesicht in die Sonne. Ihre Augen waren geschlossen und die langen Haare noch nass vom Duschen. Sicher lag eine Nachtschicht im Krankenhaus hinter ihr. Er wollte sie nicht stören und ging leise vorüber.
Ganz gemütlich spazierte er zur Division Street und legte, wie jeden Mittag, einen Stopp bei den Foodtrucks ein. Er liebte den Platz voller junger Leute, die in ihren bunten Wagen Essen verkauften. Jeder Wagen war ein kleines individuelles Meisterwerk. Bemalt, besprüht oder mit selbst gebastelten Vordächern und kleinen Sitzgelegenheiten versehen.
An manchen Tagen hatte David das Gefühl, das sein Leben aus diesen zwei Welten bestand. Parallelwelten. Die eine sein stilles Haus, die dumpfen, passiven, manchmal schon halbtoten Klienten, die kaum Schritte in die Veränderung wagten, jeden Vorschlag Davids negierten und sich von ihren Ängsten leiten ließen. Dazu seine mehr abwesende als anwesende Frau Kathy. Die andere der Food Market an der Division Street, nur fünfzehn Gehminuten von seinem Haus entfernt: Ein Ort voller Musik und Geräusche, dem Duft von frisch zubereiteten Mahlzeiten, gesunden Drinks in allen Farben und Menschen, die lebendig waren. Sie lachten, redeten, gestikulierten, stritten oder saßen einfach so in der Sonne. Ein dynamischer Platz.
Schon von Weitem lächelte ihn die junge Frau mit den langen braunen Haaren an. Sie hatte sich heute ein knallgelbes Tuch in ihre wilden Locken gebunden, sodass ihr Gesicht frei lag. Dadurch wirkte sie noch frischer als sonst. Noch jünger. Ihre braunen Augen strahlten ihn an. »Hi, Mister David. Hi, Bat- man. Mittagspause?«
»Ja, wohlverdiente Mittagspause.« Um sein Hungergefühl zu untermalen, rieb sich David den Bauch. Batman zog an der Lei- ne. Er wusste genau, dass es für ihn hier ein Leckerchen gab. David gab sich endlich einen Ruck und fragte: »Darf ich nach deinem Namen fragen? Du kennst meinen und die Vornamen fast all deiner Kunden und ich würde dich auch gern irgendwie ansprechen. Immerhin komme ich seit Monaten täglich an deinen Stand.«
»Klar, Mister David. Ich heiße Emily. Meine Freunde sagen auch Emmi zu mir. Einen Bangkok-Crêpe, wie immer?« Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, unterhielt sie sich mit ihm.
Geschäftstüchtig, notierte David in Gedanken. Kundenbindung mittels Ansprache per Vornamen. Sie wird es mal zu was bringen.
»Wie bitte?«, fragte Emily.
Oh, hatte er die Gedanken ausgesprochen? »Einen Bangkok, süßsauer, wie immer«, schob er schnell hinterher.
»Also, wie immer«, wiederholte sie. »Alles klar.«
Er setzte sich auf die kleine Holzbank gegenüber von Emilys Wagen und wartete, bis er aufgerufen wurde. So schief, wie die Bank zusammengezimmert war, hoffte er, dass sie sein nicht allzu großes Übergewicht mit Fassung tragen würde. Batman hatte sich bereits gemütlich zu seinen Füßen niedergelassen und den Kopf mit den zu großen Ohren auf die Pfoten gelegt.
»Mister David, Ihr Bangkok, bitte. Guten Appetit.« »Sag ruhig David zu mir, ohne Mister.« »Ich mag dich gerne Mister David nennen. Das passt zu dir.« »Wie du magst, gerne auch Mister David.« Etwas umständlich stand er auf, verfing sich in der Leine, sodass Batman sichtlich glaubte, es gehe los, und seinem Herrchen vor die Füße sprang. Mit einem galanten Hopser hüpfte David unfreiwillig komisch zum Wagen. Emily amüsierte sich und war mit ihrer Aufmerksamkeit schon bei der nächsten Kundin.
Zurück in seiner Praxis lüftete er zum wiederholten Male an diesem Tag und ärgerte sich, dass er den Gestank nicht vertreiben konnte. Manchmal dachte er, er selbst würde zu riechen anfangen. Kurz entschlossen nahm er eine Dusche und sparte nicht mit Duschgel, Shampoo, Rasierwasser und Deodorant. Als er aus der Dusche kam, stand ihm plötzlich Kathy gegenüber. Keck wanderten ihre Augen über seinen Körper.
»Hi Schatz, das ist ja mal eine nackte Überraschung. Lange nicht gesehen.«
Ihre Zweideutigkeit brachte ihn kurz aus dem Konzept. Wen meinte sie mit ›lange nicht gesehen‹? Ihn oder seinen kleinen Freund unterhalb des Bauches? Er musste sogar kurz überlegen, ob sie es zweideutig meinte oder ob sein Wunsch der Vater des Gedankens war.
Kathy küsste ihn flüchtig und schlug mit der flachen Hand auf seinen Hintern. »Guck an. Er federt noch zurück«, sagte seine Frau frech und kam ihm so nahe, als würde sie ihn küssen wollen. Ihr Atem roch nach Zigarette, was er verabscheute. »Das wollte ich schon lange mal wieder machen!« Kathy lachte und der Moment der greifbar möglichen Nähe war vorbei.
Überrascht und etwas beschämt hielt David sein großes Badehandtuch vor den Bauch. Das sehr große Badehandtuch, das sie ihm letztes Weihnachten geschenkt hatte. Er wunderte sich, dass sie so gut gelaunt war. Kathy war oft neutral, falls es das gab. Weder gut noch schlecht gelaunt. Neutral gelaunt. Ein ewig vor sich hin plätscherndes Klavierstück, was die Höhen und Tiefen konsequent negierte.
»Kathy ... äh, du bist ja schon zurück? Ich hatte erst morgen mit dir gerechnet.« Er rubbelte sich vor ihren Augen trocken, ließ das übergroße Badehandtuch fallen und drehte sich von ihr weg zum Waschbecken, um die Zähne zu putzen. Nackt. Wennschon, denn schon. Sein Hintern war in Ordnung, sein Rücken sowieso.
»Ja, Schatz. Ich bin zurück.«
Er sah sie im Spiegel, seine schöne Frau mit der Ausstrahlung eines Eiswürfels. Kühl, schön, glatt. Er schaffte es schon länger nicht mehr, sie zum Schmelzen zu bringen. Sie lehnte gelassen, mit verschränkten Armen an der Tür und machte keine Anstalten wegzugehen. Irgendetwas war anders. Er kam nicht drauf.
»David, verheimlichst du mir etwas? Duschen, Zähne putzen und Nacktheit mitten am Tag. Welche Klientin hat dich verführt. Die Sechzigjährige oder die Siebzigjährige?«
»Mach dich nur lustig. Manch Sechzigjährige hat noch Feuer im Hintern! Und vergiss nicht, in zwei Jahren bin ich auch sechzig und du in fünf Jahren! Wer im Glashaus sitzt ... du weißt ja. Keine Steine schmeißen.« Er grinste.
»Schon gut, schon gut. Es riecht übrigens lecker im ganzen Haus. Oder warte ... du, du bist das. Du riechst lecker. So männlich-herb. Frisch. Hast du ein neues Duschgel?« Sie folgte ihrem Mann ins Schlafzimmer. Ihre Präsenz irritierte ihn, dennoch erfreute ihn Kathys Lob.
»Schatz, ich dufte immer so. Du bist nur viel zu oft weg, um es riechen zu können. Dich zieht es offensichtlich mehr zu deiner Schwester aufs Land oder sonst wohin. Aber hier ist unser Leben. Hier bin ich.« Nackt, wie er war, wendete er sich mit geöffneten Armen zu ihr um. Erinnerte sich, dass er diese Geste noch nie gemocht hatte, und nahm die Arme wieder runter.
Kathy verdrehte die Augen und verschwand schnurstracks in ihrem Zimmer. Er hätte es besser wissen müssen. Der Vorwurf, Gesprächskiller Nummer eins, er hatte ihn aus Versehen punktgenau eingesetzt. David ärgerte sich.

Im Kindle-Shop: Hör mir auf mit Glück.
Mehr über und von Helena Baum auf ihrer Website.