30. August 2017

'Back to the Fact: Eine persönliche Zeitreise in die 80er und zurück ...' von Michael Kraft

Great Scott! Fake News, alternative Fakten, Lügenpresse – Begriffe, denen man im postfaktischen Zeitalter kaum noch entkommen kann. Früher war alles besser, das weiß doch jeder! Retro und Nostalgie sind derzeit sehr populär, die Sehnsucht nach besseren Zeiten ist nicht zu übersehen.

Doch war die gute alte Zeit wirklich besser? Oder neigen wir dazu, uns nur an die guten Dinge zu erinnern und vergessen dabei, dass wir in einer Gegenwart leben, für die wir die Weichen in ebendieser „guten alten Zeit“ selbst gestellt haben? Dieses Buch versucht, in einer sehr persönlichen Zeitreise quer durch die letzten vierzig Jahre an Vergangenes zu erinnern und es in Relation zu Behauptungen der Postfaktaten zu setzen. Denn die Rückkehr zu den Fakten ist angesichts von Brexit, Trump und AfD mehr als überfällig.

Über die aktuellen Auswirkungen von Fakenews, Brexit und Trump führte der Autor für dieses Buch Gespräche mit:
Christiane Link (in Großbritannien lebende Journalistin und Unternehmerin)
Eva-Maria Lemke (Journalistin, Autorin, Moderatorin von ZDF heuteplus)
Donna Mayne (Expertin für das US-Gesundheitswesen)

Gleich lesen:
Für Kindle: Back to the Fact: Eine persönliche Zeitreise in die 80er und zurück ...weil früher auch nicht alles besser war!
Als Taschenbuch (versandkostenfrei): Buch bei Bücher.de

Leseprobe:
Die ominöse Informationsblase und der Backfire-Effect

Zu der Verantwortung des Publikums gehört es auch, sich nicht nur auf einzelne Quellen zu verlassen. Selbst die seriösesten Quellen können bisweilen irren und dann ist es gut, Nachrichten durch verschiedene Perspektiven zu verifizieren oder gegebenenfalls auch zu widerlegen. Den Nachrichtenmachern hilft das im Übrigen auch dabei, ein hohes Niveau zu halten, denn natürlich neigen Menschen dazu, in Routine zu verfallen und weniger sorgfältig zu arbeiten, wenn die Kunden offenbar auch mit geringerer Qualität zufrieden sind.
Heute ist oft die Rede von der sogenannten Informationsblase. Aber was versteht man darunter? Der Begriff beschreibt das Phänomen, dass Menschen dazu tendieren, sich nur aus solchen Quellen zu informieren, die ihre (vorgefassten oder erworbenen) Meinungsbilder bestätigen und ihnen tendenziell zustimmen. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich. Natürlich bedient man sich lieber aus einer Nachrichtensendung, deren Moderation man interessant und sympathisch findet als aus einer, bei der schon die Stimme des Nachrichtensprechers nervt. Kommen dann noch Tendenzen oder Meinungsbilder hinzu, die sich nicht mit dem eigenen decken, verzichtet man gerne auf diese Quellen.
Ist das nun ein neues Phänomen? Ich sage nein. In der Schule konnte man die Lehrer normalerweise auch immer einer gewissen politischen Ausrichtung zuordnen. Das war vermutlich in unsrer Generation besonders deutlich zu spüren, weil da schon äußerlich manche die 68er-Generation heraushängen ließen. Sah man also den stockkonservativen Lehrer mit Aktentasche, Anzug und Krawatte, der einen BMW auf dem Parkplatz stehen hatte, überraschte es nicht, dass er in Pausen die „F.A.Z.“ oder „Die Welt“ auf dem Pult liegen hatte. Umgekehrt packte der langhaarige, jeansjackentragende und entenfahrende Sozialkundelehrer dann eben den „Spiegel“ oder die „Frankfurter Rundschau“ aus. Nun gehören all diese Zeitungen und Zeitschriften natürlich zum normalen demokratischen Berichtsspektrum, aber es war schon damals so, dass man an den Aussagen der Leute oft nachvollziehen konnte, welches Blatt sie lasen.
Ein anderes, besonders treffendes Beispiel für die Informationsblase in früheren Zeiten ist der klassische Stammtisch. Er lässt sich sogar besonders gut mit den Verhältnissen in der Online-Welt vergleichen. Auch hier gibt es immer wieder geschlossene Gruppen, Foren und Systeme, die sich in den sozialen Netzwerken untereinander austauschen. Da werden hanebüchene Behauptungen aufgestellt, wer am lautesten redet, hat in der Regel Recht und wer eine entgegengesetzte Meinung vertritt, wird von den anderen oft niedergebrüllt oder im Wiederholungsfall sogar ausgeschlossen. Das führt sowohl beim herkömmlichen Stammtisch als auch in den modernen Internet-Stammtisch-Gruppen dazu, dass sich eine vorherrschende Meinung verbreitet. Ob das nun eine besonders radikale Haltung zu Ausländern, zur Flüchtlingsfrage, Parteipolitik oder Umweltschutz ist, hängt dabei von der generellen Ausrichtung ab. Denn auch das war schon immer so: Stammtischbewegungen gibt es natürlich in allen politischen Lagern. Die Antifa mag es nicht Stammtisch nennen, aber bei ihren Zusammenkünften in geselliger Runde (ob nun online oder offline) sind die Verhaltensweisen gegenüber Andersdenkenden in der Diskussionskultur oft nicht wesentlich anders als bei anderen Extremisten.
Experten sehen die Parallelität zwischen dieser alten Form der Informationsblase und dem Internet durchaus ebenso. Allerdings wird der große Unterschied in der Regel daran festgemacht, dass die Natur der sozialen Netzwerke dafür sorgt, dass man irgendwann nur noch Meinungen und Beiträge sieht, die mit der eigenen Ansicht konform gehen. Das liegt an den berühmten Algorithmen. Ob Suchmaschine oder soziales Netzwerk: Alle sammeln sie Daten und lernen mit jeder neuen Eingabe des Users mehr über seine Vorlieben, sein Verhalten und seine Einstellungen.
Nun mag man das Thema „Datenkraken“ gesondert betrachten; darum geht es jetzt aber nicht. Vielmehr würde man in einem sozialen Netzwerk natürlich mit der Vielzahl an unterschiedlichen Meldungen total überfordert, wenn alles ungefiltert angezeigt würde. Eine sinnvolle Sortierung ist daher unerlässlich. Selbstverständlich möchte ich als Nutzer zunächst mal die Beiträge von Leuten sehen, für die ich mich selbst interessiere und mit denen ich interagiere. Auf Facebook entwickelt sich das je nach Häufigkeit der Interaktion mit anderen. Obwohl ich also mit Person A und B befreundet sein kann, ist es möglich, dass ich von Person B wesentlich häufiger Beiträge angezeigt bekomme, weil wir durch Likes und Shares eventuell viel mehr miteinander interagieren als ich und Person A.
Das führt dann zwangsläufig dazu, dass man sich innerhalb des eigenen Dunstkreises bewegt. Das gilt nicht nur für die Freunde und Bekanntschaften, sondern auch für Gruppen, Seiten und andere Inhalte, die man im Zuge der User-Erfahrung anklickt. Nicht immer liegt der Algorithmus richtig. Aber generell scheinen die Programmierer die Interessen schon richtig zuzuordnen, sonst würde das Ganze nicht so funktionieren, wie es offensichtlich der Fall ist.
Aber auch da sehe ich noch nicht unbedingt den großen Unterschied zu früher. Denn seien wir mal ehrlich: Auch wir haben uns auf dem Schulhof innerhalb der mehr oder weniger zahlreichen Freunde bewegt, mit denen wir direkt zu tun hatten und die wir mochten. Die Meinung anderer hat uns nicht sonderlich interessiert und bestimmte Leute im Klassenverband übernahmen die Meinungsführerschaft – in der Regel auch diejenigen, die später zum Klassensprecher gewählt wurden. War man substanziell anderer Ansicht, wurde man rasch zum Sonderling oder gar Außenseiter in der Klassengemeinschaft.
Und das ist letztlich überall so: Am Stammtisch, im Verein, manchmal sogar in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz. Trotzdem wird die Informationsblase im Internet als gravierender betrachtet. Das Argument lautet dabei, dass man in der elektronischen Infoblase gar keine anderen Angebote mehr wahrnehmen kann, weil eben nur noch das angezeigt wird, was man in der Blase sehen möchte. Diese Argumentation macht Sinn. Und es stimmt auch, dass die meisten Menschen beim Kauf der bevorzugten Zeitung im Kiosk automatisch auch einen Blick auf die Schlagzeilen anderer Blätter werfen, die dort im Regal stehen. Aber nimmt man sie deswegen auch zur Kenntnis? Die wenigsten Menschen kaufen sich mehrere Zeitungen entgegengesetzter Ausrichtungen, wenn überhaupt, dann meist aus beruflichen Gründen, um ein abgerundetes Meinungsbild zu erhalten. Aber der Durchschnittskunde, der seine „BILD-Zeitung“, die „F.A.Z.“ oder den „Spiegel“ kauft, verwendet in der Regel keine Sekunde darauf, etwas anderes als sein gewohntes Meinungsbild wahrzunehmen. Insofern sehe ich keinen gewaltigen Unterschied zu der heutigen Informationsblase, was das betrifft.

Im Kindle-Shop: Back to the Fact: Eine persönliche Zeitreise in die 80er und zurück ...weil früher auch nicht alles besser war!
Als Taschenbuch (versandkostenfrei): Buch bei Bücher.de

29. August 2017

'Sternchen im Katzenklo' von Jule Stephan

Warum soll immer alles nach Plan laufen? Warum nicht mal seinen Gynäkologen daten oder für HIV-Prävention in Vampirfilmen auf die Barrikaden gehen?

Während sie Pläne schmiedet, um die Weltherrschaft zu erlangen, lässt die Protagonistin nichts anbrennen. In Auseinandersetzungen zwischen ihrem inneren Mahatma Gandhi und dem unglaublichen Hulk zieht der sympathische Inder oft den Kürzeren. Und dann ist da auch noch Napoleon, der seine Nase überall reinstecken muss.

Herzlich willkommen im Kopfchaos der Violetta Weinstein! Wer hier den roten Faden sucht, sollte lieber aufhören zu stricken.

Gleich lesen: Sternchen im Katzenklo

Leseprobe:
Wenn ich im Wartezimmer sitze, habe ich immer die besten Einfälle. Die Ungewissheit und der Duft aus Angstschweiß und Desinfektionsmitteln beflügeln meine Phantasie und setzen ungeahnte Kräfte in mir frei.
So war es auch heute. Meine Psychologin hatte mir den Auftrag gegeben, ein Tagebuch zu führen. Auf diese Weise könne ich meine Gedanken ordnen und diese Ordnung würde sich auf mein Leben übertragen. So viel zur Theorie.
Um einen persönlichen Bezug zu meinem Tagebuch herzustellen, sollte ich ihm einen Namen geben. Schließlich vertraut man seine Gedanken nicht jedem Hans Wurst oder Otto Normalverbraucher an. Doch einen passenden Namen zu finden, war gar nicht so leicht. Wie das erst für werdende Eltern sein musste!
Ich betrachtete die Motivations-Bilder an der Wand, die eine angenehme Arbeitsatmosphäre herstellen sollten und ließ meine Gedanken kreisen. „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“, riet mir eins der Bilder. Unmöglich, sich von solchen Bildern motivieren zu lassen, gab die Stimme in meinem Kopf ihren Senf hinzu. „Yes, you can“, entgegnete ein anderes Bild. Aus der Perspektive eines erfolgreichen US-Präsidenten sagt sich sowas leicht. Doch mit meinem halbfertigen Philosophiestudium und einem schlecht bezahlten Aushilfsjob sahen die Dinge anders aus. „Du kannst alles sein, was du willst“, beteuerte ein drittes Bild. Ich denke, der Staatsanwalt sieht das anders, wenn ich beschließe, Rennfahrerin auf den Kölner Ringen zu sein oder eine Operation am offenen Herzen durchzuführen.
Ich wandte mich wieder meiner eigentlichen Aufgabe zu. Ein Name musste her. Der erste Name, der mir einfiel, war Frank. Frank fand ich gut. Der Name ist eingängig und strahlt die Sympathie eines Sonntagabendnachrichtensprechers aus.
Andererseits hatte ich einmal ein vorübergehendes Techtelmechtel mit einem Frank und das endete mit einem gebrochenen Herzen. Bis heute hat Frank mir nicht verziehen. Und sein Bruder ebenfalls nicht.
Zu Ralf allerdings, habe ich keinen persönlichen Bezug. Zu ihm könnte ich das Vertrauensverhältnis aufbauen, das für mein Tagebuch notwendig war. Auf der anderen Seite ist Ralf ein schlechter Zuhörer. Außerdem hat er den IQ eines Motivationsbildes.
Rüdiger andererseits ist sehr gebildet. Ich stellte mir einen alten, Pfeife rauchenden Herren mit Windsorknoten vor, der in der Bibliothek sitzt und Tolstoi liest. Ein Schauer lief mir über den Rücken bei dem Gedanken, wie ich Rüdiger von meinen nächtlichen Eskapaden mit Franks Bruder erzähle und ich verwarf die Idee wieder. Ich brauchte definitiv etwas Kumpelhafteres! Vielleicht Kevin!
Aber Kevin? Das ist eher eine Diagnose und kein Name. Beim Jugendamt wird doch sofort eine neue Akte angelegt, wenn ein Kevin geboren wird. Der scheidet also auch aus. Ein bedeutungsvollerer Name muss her. Eventuell Karl?
Karl klingt groß und mächtig. Aber ich habe ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich diesen Namen höre. Erst ersticht er mich nachts mit seinem Schwert und dann zieht er los, um Europa einzunehmen. Nein, Karl ist nicht gut!
Ich blickte im Wartezimmer umher. Neben mir warteten noch eine junge Frau, die ihre rote Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte und ein Mann um die vierzig, dessen Adlernase über einem hochgezogenen Rollkragenpullover weit hinausragte. Er starrte mich mit seinen kleinen schwarzen Augen durchdringend an.
Vielleicht sollte ich besser einen Frauennamen nehmen. Warum eigentlich nicht? Frauen sind viel einfühlsamer als Männer. Mit Uta würde ich meine Gedanken eher teilen, als mit Rainer. Aber Uta? So nennen doch nur Jutebeutel tragende Bäumekuschler mit Ei-Ersatz legender Baumwoll-Sojamilchsauzucht ihre Kinder.
Was ist mit Elke? Sofort fing eine Stimme in meinem Kopf an, Die fette Elke von den Ärzten zu singen. Ich wippte mit dem Fuß hin und her und strich Elke von meiner Liste.
Ich sollte einen gediegeneren Namen nehmen. Maria vielleicht. Der ist zwar religiös behaftet, aber einem Pfarrer vertraut man doch auch seine dunkelsten Geheimnisse an. Andererseits habe ich mit Ausnahme der Sixtinischen Kapelle in einem Italienurlaub vor fünf Jahren noch nie eine Kirche, geschweige denn einen Beichtstuhl, von innen gesehen. Wahrscheinlich würden die Engelsstatuen im Chor „Go home“ singen und ich beim Überschreiten der Türschwelle in Flammen aufgehen. In Italien ist es übrigens gesetzlich verboten, sich als Prostituierte Maria zu nennen. Aber Chiara-Noemi ist ok.
Die Frau mit der roten Mütze fing an, die Melodie von „Time to say Goodbye“ zu summen und wippte dazu im Takt mit ihren schwarzen Lackstiefeln auf und ab.
Plötzlich hatte ich eine Eingebung. Ob von oben oder unten, konnte ich nicht genau sagen, aber es war der perfekte Name für meine Zwecke. Er klang wie eine liebevolle, weit entfernt verwandte Großtante, die mir Zitronentee nachschenkt, während ich über die Welt nachdenke und auf einer ausgelutschten Ottomane aus Vorkriegszeiten sitze und selbstgebackene Schokoladenkekse in mich hineinstopfe. Natürlich von der Großtante selbstgebacken und nicht von mir!
„Frau Weinstein, bitte!“ Die Arzthelferin kam mit einem Klemmbrett zwischen ihren rot geschärften Krallen hineingestöckelt und blickte erwartungsvoll über den Rand ihrer Brille in die Runde.
Ich erhob mich langsam und betrat das Behandlungszimmer von Frau Dr. Lux. Ja, Gisela ist ein schöner Name, dachte ich zufrieden und ließ mich in den schweren Sessel fallen.

Im Kindle-Shop: Sternchen im Katzenklo

Mehr über und von Jule Stephan auf ihrer Website.

28. August 2017

'Kysano: Erde, Licht und Dunkel' von Beatrice Hiu

Außergewöhnliche Fantasy in einer magischen Welt voller Illusionen.

- Ein Artefakt, das nicht gefunden werden soll
- Eine Prophezeiung, die den Untergang oder die Rettung bringt
- Ein Mädchen, das nicht ist, wofür es gehalten wird
- Freundschaften, die allen Widrigkeiten trotzen
- Bündnisse, die tödlich enden können

Aus heiterem Himmel wird Leeza aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen und findet sich in einer ihr völlig fremden Welt voller Magie, Illusionen, Geheimnissen und Gefahren wieder. Während sie noch daran arbeitet, sich in Kysano einzuleben und mit Hilfe ihrer neuen Verbündeten auf die Mission vorzubereiten, überschlagen sich die Ereignisse, und die Suche nach dem ersten Schlüssel beginnt.

Gleich lesen: Kysano: Erde, Licht und Dunkel

Leseprobe:
Leeza erwachte plötzlich, irgendetwas musste sie aufgeschreckt haben. Obwohl ihr Zimmer im Licht des Vollmondes hell schimmerte, hatte sie zuerst Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Sie wusste zwar, sie lag in ihrem Bett, aber alles kam ihr seltsam fremd vor und sie fühlte sich unbehaglich.
Nach einer Weile setzte sie sich auf und lauschte. Sofort wurde ihr klar, was sie störte: Es war zu ruhig! Viel zu ruhig. Diese ungewohnte Stille hatte sie wohl geweckt. Weder hörte sie das Plätschern des Brunnens noch das leichte Rascheln der Blätter in den Bäumen vor dem Haus. Es schien gerade so, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Sie warf einen Blick zum dickbauchigen Wecker auf dem Nachttisch, aber seine Zeiger rührten sich nicht vom Fleck. Er war um Punkt drei Uhr stehengeblieben.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, schlüpfte Leeza leise aus dem Bett und ging ans Fenster. Im Mondlicht sah sie alles ganz genau, doch was sie da erblickte, verschlug ihr den Atem. Das Wasser im Brunnen vor ihrem Haus war zu Eis erstarrt! Als riesiger Eiszapfen ragte der Wasserstrahl in den Trog hinein, und hoch im Baum vor ihrem Fenster sah sie eine Eule, die reglos in der Luft hing. Eingefroren!
Leeza rieb sich die Augen und dachte: Das ist unmöglich. Ich muss träumen. Wenn ich mich jetzt kneife, werde ich aufwachen und alles wird sein wie sonst.
Mit geschlossenen Lidern kniff sie sich kraftvoll in den Arm.
„Aua!“ Nein, sie lag nicht träumend im Bett, stand immer noch am Fenster und draußen war alles vereist.
Das Geschehen war ihr absolut unerklärlich und sie beschloss, ihre Mutter Lyzea zu befragen. Sie wandte sich vom Fenster ab, ging zur Tür und öffnete sie vorsichtig und leise, um die beängstigende Stille nicht zu durchbrechen. Die Tür zum Zimmer ihrer Mutter stand offen, Leeza nahm an, sie würde sie unten im Wohnzimmer oder in der Küche finden, und ging langsam die knarrende Holztreppe abwärts. Noch bevor sie ganz unten angekommen war, hörte sie aus dem Wohnzimmer leise Stimmen. Eine davon war die ihrer Mutter, die andere war Leeza unbekannt. Die ganze Situation wurde immer seltsamer. Wieso unterhielt sich ihre Mutter mitten in der Nacht mit einem Fremden? Ausgerechnet ihre Mutter, die sich normalerweise tunlichst von allen nicht bekannten Menschen fernhielt, und das in einer Nacht, in der die Zeit stehengeblieben war.
Zögernd ging Leeza auf die angelehnte Tür zu und wusste nicht recht, was sie machen sollte. Eigentlich hatte sie ihr Zimmer verlassen, um sich genauer umzusehen und alles mit ihrer Mutter zu besprechen. Jetzt aber, wo sich so unerwartet jemand Unbekannter in ihrem Haus befand, war sie nicht sicher, ob sie stören sollte. Sie hatte die Tür noch nicht ganz erreicht, als die sich wie von Geisterhand ganz öffnete und den Blick ins Wohnzimmer freigab.
Lyzea saß mit einer Frau am Esstisch. Sie schienen nicht im Geringsten überrascht, Leeza zu sehen, denn ihre Mutter sagte nur: „Wir haben dich schon erwartet. Komm zu uns.“
Unsicher betrat Leeza das Wohnzimmer und blieb nach ein paar Schritten stehen. Obwohl ihr diese Frau vollkommen fremd war, fühlte sie sich von ihr angezogen, und das verwirrte sie zutiefst. Die Fremde war inzwischen aufgestanden, sie war groß und schlank, ihr Haar war dunkellila und reichte ihr fast bis zur Hüfte. Sie ging auf Leeza zu und schaute ihr in die Augen. Der Blick aus den fast schwarzen Augen fesselte Leeza, sie hatte das Gefühl, in tiefes Wasser zu fallen. So sehr sie sich auch bemühte, es war ihr nicht möglich, sich daraus zu lösen, und fühlte sich immer weiter hinab in eine unergründliche Tiefe gezogen.
Wenn mich diese Augen nicht bald loslassen, werde ich noch in ihnen ertrinken, dachte sie, als sie von weit weg die Stimme Lyzeas sagen hörte: „Lass sie los, Syvenia. Ich sagte dir doch bereits, nur Lestre kann den Zauber brechen.“
Nun ließ der Blick der Frau, die offenbar Syvenia hieß, sie endlich los. Leeza tauchte wie betäubt aus der Tiefe auf. Die Fremde war mit diesem Blick bis in ihre Seele vorgedrungen und hatte ihr auf geistiger Ebene Fragen gestellt, die sie jetzt aber nicht mehr benennen konnte. Sie schwankte und wäre hingefallen, hätte ihre Mutter sie nicht festgehalten.
„Komm, setz dich, Leeza.“ Lyzea führte sie behutsam zu einem Stuhl am Esstisch.
Leezas Beine waren noch immer ganz wackelig und sie war dankbar, sich setzen zu können. Die beiden nahmen ihr gegenüber Platz. Langsam schaute sie von ihrer Mutter zu Syvenia und wieder zurück.
Niemand von ihnen sprach für eine ganze Weile. Als Leeza schließlich ihre Mutter fragen wollte, was das alles zu bedeuten hätte, durchbrach Syvenia das Schweigen. „Wieso hast du einen so starken Zauber angewandt, Lyzea?“
„Ich wollte ganz sicher gehen, dass niemand Falscher das Wissen in Leeza zurückholen kann. Niemand außer Lestre sollte dazu in der Lage sein.“
„Das zeugt von großem Vertrauen in den Magier.“
„Du weißt genau, ich habe Lestre immer vertraut. Bei der ganzen Sache ging es nie um ihn, nur um Leezas Schutz. Sie musste um jeden Preis behütet werden, bis die Zeit gekommen war.“
„Und nun ist es so weit. Es ist für Leeza an der Zeit, ihre Bestimmung anzunehmen und zurückzukehren.“
Je länger Leeza diesem seltsamen Gespräch zuhörte, desto verwirrter wurde sie. Zuerst erstarrte alles, dann fand sie ihre Mutter mitten in der Nacht mit dieser seltsamen Frau in ihrem Wohnzimmer und jetzt auch noch dieses Gespräch. Was zum Teufel ging hier vor?
Sie beschloss, sich den beiden Frauen in Erinnerung zu rufen. „Hallo, ich bin noch hier und höre euch zu. Wollt ihr mir nicht endlich mal erklären, worum es hier geht? Wovor musste ich geschützt werden, und was für eine Bestimmung soll ich annehmen?“
Die beiden Frauen hielten inne und schauten Leeza erstaunt an, gerade so, als ob sie sich erst jetzt bewusst würden, dass sie noch da war. Lyzea schüttelte nachdenklich den Kopf, erwiderte aber nichts. Da Leeza nun endlich mal eine Antwort wollte, forderte sie: „Du könntest vielleicht damit anfangen, mir zu sagen, wer diese Frau ist, Mom.“
Bevor Lyzea etwas sagen konnte, antwortete die Fremde: „Ich bin Syvenia, eine Magierin des inneren Zirkels von Kysano.“
Leeza starrte Syvenia an und fühlte, wie sich in ihrem Innersten etwas regte. Der Name Kysano rief ein unerklärliches Gefühl der Vertrautheit und der Freude in ihr hervor. Sie glaubte plötzlich, sich an etwas zu erinnern, aber bevor ihr Bewusstsein diese Bilder fassen konnte, waren sie auch schon wieder verschwunden. Durch diesen seltsamen Vorgang in ihrem Kopf war Leeza nun noch verwirrter als vorher und blickte verunsichert zu ihrer Mutter, die seufzte und sagte: „Das wird eine schwierige Sache.“
Leeza fiel wieder ein, weshalb sie ursprünglich zu ihrer Mutter wollte. „Wieso ist alles erstarrt, als ob die Zeit stehengeblieben wäre?“
„Weil die Zeit wirklich stehengeblieben ist, als Syvenia das Portal der Welten geöffnet hat.“
„Das Portal der Welten? Was bitte soll denn das sein?“
„Es verbindet Kysano mit dieser Welt und wenn es geöffnet wird, bleibt die Zeit hier stehen.“
Leeza sah Syvenia verwirrt an. „Aber wieso sind meine Mutter und ich nicht steifgefroren wie alles rundum?“
„Weil ihr der Grund für mein Kommen seid und genau wie ich von Kysano stammt.“
„Was? Wir kommen von Kysano? Wo liegt das denn überhaupt?“ Ruhelos sprang Leeza auf und umrundete den Tisch. Beide Frauen sahen ihr zu und schwiegen, also setzte sie sich genervt wieder auf ihren Stuhl.
Jetzt erst fuhr Lyzea fort. „Wir sind hierhergekommen, als du noch klein warst, Leeza. Es liegt hinter dem Portal der Welten.“ Wieder verstummte sie. Leeza war dieses Wechselspiel von Informationsbrocken und dann wieder Schweigen langsam leid.
„Also lasst mich doch alles mal zusammenfassen“, sagte sie gereizt. „Wir kommen also ursprünglich aus einer Welt namens Kysano. Diese Welt liegt irgendwo hinter dem Portal der Welten, das Syvenia geöffnet hat, um zu uns zu kommen, und durch das Öffnen dieses Portals ist die Zeit für alle außer uns eingefroren. Syvenia ist eine Magierin des inneren Zirkels von Kysano, was auch immer das ist. Und was war da noch? Ach ja, ich habe anscheinend eine Bestimmung, die ich jetzt annehmen muss. Habe ich das bisher richtig verstanden? Sagt mal, wollt ihr mich veräppeln?“ Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ja, das hast du richtig verstanden und nein, wir wollen dich nicht veräppeln. Das ist jetzt alles sehr verwirrend für dich und wir haben nicht genug Zeit, um dir alles zu erklären, denn das Portal der Welten darf nicht zu lange geöffnet bleiben“, meinte ihre Mutter, ohne auf Leezas Tonfall einzugehen. Dann wandte sie sich Syvenia zu. „Du musst jetzt gehen, du bist schon viel zu lange hier. Komm im Morgengrauen wieder, bis dann wird alles bereit sein.“
„Bist du dir sicher?“
„Es geht nicht anders. Du kannst nicht hierbleiben, bis ich Leeza wenigstens das Nötigste erklärt habe. Die Gefahr, dass das Portal entdeckt wird, ist zu groß.“
„Ja natürlich, das Risiko ist wirklich zu groß. Ich werde also bei Sonnenaufgang wieder hier sein.“ Syvenia stand auf, hob die Arme über den Kopf und bewegte sie dann in einer schnellen Bewegung nach unten. Sofort erschienen die Konturen eines großen, in allen Farben schimmernden Torbogens. Sie nickte zuerst Leeza und dann Lyzea zu, machte einen Schritt vorwärts in das Tor hinein und war im gleichen Augenblick verschwunden. Der Torbogen löste sich wieder auf und nichts erinnerte mehr an das, was eben geschehen war.

Im Kindle-Shop: Kysano: Erde, Licht und Dunkel

Mehr über und von Beatrice Hiu auf ihrer Website.

24. August 2017

'Essen wie am Mittelmeer' von Michaela Burgmeister

Die Mittelmeerländer bieten eine Küche, die sehr abwechslungsreich und farbenprächtig ist. Die mediterrane Ernährung liegt nicht nur aufgrund der kulinarischen Hintergründe im Trend. Im Gegenteil, denn schon jetzt haben Ärzte und Ernährungswissenschaftler bestätigt, dass die mediterrane Ernährungsform die Gesundheit des Menschen fördert. Die mediterrane Ernährung ist unter anderem als Mittelmeerküche bekannt. Meistens wird sie auch als Kreta-Diät bezeichnet und bietet eine traditionelle Ernährungsweise, die zugleich einen bestimmten Lebensstil mit sich bringt.

In diesem Buch finden Sie zahlreiche Informationen zu dieser gesunden Ernährungsform und natürlich viele köstliche und einfach umsetzbare Rezepte.

Gleich lesen: Essen wie am Mittelmeer: Mediterrane Ernährung - Lecker und gesund

Leseprobe:
So gesund ist die mediterrane Küche wirklich!

Gemüse, Fleisch und Fisch gehören zu einer ausgewogenen Ernährung und besonders zu der mediterranen Kost dazu. Gedämpfte Doraden oder aber auch Gurken Salat mit frischen Feta Würfeln hört sich einfach köstlich an. Doch klingt das wirklich nach einer Diät? Kann man mit der mediterranen Ernährungsform wirklich abnehmen? Wer sich schon einmal mit der mediterranen Ernährung befasst hat wird diese Variante als Kreta Diät oder sogar als mediterrane Kost kennen. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine klassische Diät, sondern vielmehr um eine allgemeine Ernährungsempfehlung, die positive Auswirkungen auf die Gesundheit bieten kann. Bis heute haben sich viele Ernährungswissenschaftler mit der Ernährungsform befasst und zeigen auf, wie gesund und gut die mediterrane Küche ist.
Wie schon bereits beschrieben gibt es durch diese Ernährungsweise deutlich weniger Krankheiten und gleichzeitig eine höhere Lebenserwartung. Dies besagen eine Reihe von Studien, die sich mit den eindeutigen Vorteilen der mediterranen Kost befassen. Die Ernährungsweise beugt sogar vor Schlaganfällen und Herzinfarkten vor und kann das Risiko an Alzheimer oder Osteoporose zu erkranken eindeutig minimieren. Wer sich daher mediterran ernährt, kann sich auf einen verbesserten gesundheitlichen Zustand freuen.
Bei den Untersuchungen hat Kreta bis heute am besten abgeschnitten. Die griechische Insel hat bislang nur eine sehr geringe Krankheitsrate aufgewiesen, was die Lebenserwartung der Menschen eindeutig erhöhte.
Wichtig ist jedoch auch, dass diese Form der Ernährung nicht nur mediterran sein soll, sondern ebenso traditionelle Aspekte mitbringen sollte. Die Untersuchungen halten demnach nicht alle den strengen Kriterien stand. Fakt ist einfach, dass die mediterrane Kost wirklich gesund ist und dementsprechend für eine ausgewogene Ernährung allemal wichtig ist. Das bedeutet konkret: In den neuen Ernährungsplan gehört einfach reichlich Obst und Gemüse, viel Fisch und Meeresfrüchte und besonders eine Vielzahl an Milchprodukten und Getreide. Wichtig ist die Kombination der Inhaltsstoffe. Schließlich machen genau diese die mediterrane Ernährungsform wertvoll.

Griechischer Joghurt mit Honig

Zutaten:
500 Gramm griechischer Joghurt
150 Gramm Honig, am besten eignet sich Wabenhonig
vier Stücke Feige
zwei Esslöffel Pinienkerne
etwas Cassis Sirup

Zubereitungszeit: 5 bis 15 Minuten

Zu aller erst die Feigen schälen. Diese danach in Spalten schneiden und einfach unter den Joghurt mischen. Danach die Pinienkerne rösten, hacken und auch unter die Mischung geben. Das Ganze dann mit dem Joghurt vermengen. Zum Schluss etwas Honig und Cassis Sirup über den fertigen Joghurt geben.

Im Kindle-Shop: Essen wie am Mittelmeer: Mediterrane Ernährung - Lecker und gesund

22. August 2017

'Ebola: Der Kongo - das schwarze Herz Afrikas' von D.W. Crusius

Der Kongo - das schwarze Herz Afrikas. Drei Menschen treffen in einem Urwaldkrankenhaus aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein können. Lars Petersen will illegal geschürfte Diamanten kaufen. Dr. Eduard Dupré kam vor vielen Jahren als Missionar und Arzt an den Kongo. Jetzt ist er nur noch Arzt, seinen Glauben hat er längst verloren. Und da ist seine viel zu junge Frau Zola, trotz ihres afrikanischen Vornamens gebürtige Belgierin.

Das Krankenhaus liegt am Ebola, ein Seitenfluss des Kongo, der vor vielen Jahren der Ebola-Seuche den Namen gab. Eduard Dupré hat nicht nur mit Tropenkrankheiten zu kämpfen, sondern mit ausbleibenden Lieferungen der Hilfsorganisationen, gepanschten und längst verfallenen Medikamenten. Zur bitteren Erkenntnis, vielen Patienten nicht helfen zu können, kommen noch marodierende Regierungstruppen, Rebellen und Sklavenjägern aus dem Sudan. Da bricht erneut die Ebola-Seuche aus.

Gleich lesen: Ebola: Der Kongo - das schwarze Herz Afrikas

Leseprobe:
Kühler Nachtwind rüttelt an den Wänden der Hütte, Insekten und Geckos rascheln im Strohdach über mir. Ich höre Hyänen lachen und das heisere Grollen eines Löwen dröhnt gegen den harten Boden der Savanne. Ferne Trommeln warnen vor Elefantenherden und hungrigen Wildhunden, vor Sklavenjägern, vor Tod und Verderben. Ich schrecke hoch, taste suchend zur Seite, und schmerzhaft wird mir bewusst, dass es nur eine dumpf dröhnende Autotür war, vielleicht ein vorbeirasendes Motorrad auf dem nahen Highway.
Ich lausche und Erinnerungen überfallen mich. Eine verschlafene Stimme murmelt neben mir: »Comment ça va, mon chérie?«, und ein schwarzer Arm umfasst mich zärtlich.
Schweißnass falle ich zurück auf das Kissen, blicke zum Fenster. Diffuses Mondlicht dringt herein.
Lass die Toten ruhen, sagt man, aber nachts gelingt das nicht. Dann kriechen sie aus ihren Gräbern, stehen neben meinem Bett, kommen näher, wollen mich mitnehmen. Und die Trommeln dröhnen in meinen Ohren, tragen ihre blutige Warnung von Dorf zu Dorf.
Wäre das in den letzten Jahrhunderten vergossene Blut nicht in der Savanne versickert, ein blutiges Meer bedeckte den Schwarzen Kontinent.

Valencia, 2014

Sie fuhren weiter und nach einer Stunde tauchten Baumgruppen und niedriges Buschwerk vor ihnen auf. Eduard hielt darauf zu und stellte den Motor ab.
»Siehst du sie?«, fragte Zola und lachte verschmitzt.
»Sieh’ genau hin«, sagte sie und deutete auf das hohe, gelblich vertrocknete Gras. Er blickte angestrengt in die Richtung, bemerkte erst nichts. Doch, da bewegte sich etwas. Im hohen Gras lag ein Löwenrudel, nur die haarigen runden Ohren ragten ein wenig über das Gras hinaus. Fliegen umschwirrten sie und sie zuckten mit den Ohren. Kaum fünfzehn Meter waren sie von den Tieren entfernt.
»Wie viele sind es?«
»Kann ich nicht genau sehen. Vielleicht sechs oder acht.«
»Riechst du es?«, sagte Eduard. »Es stinkt verrottet, sie hatten letzte Nacht Beute und sind vollgefressen. Jetzt sind sie harmlos, wollen nur schlafen. Wenn ich aussteige und auf sie zugehe, laufen sie weg.«
»Lass das lieber. Wenn einer noch Hunger hat, muss ich mit Zola alleine zurück in die Station.«
Er sah Lars merkwürdig an, als wollte er etwas erwidern, zuckte dann nur die Achseln.
Sie fuhren weiter und ein ganzes Stück von den Löwen entfernt umrundete Eduard mehrmals in engen Kreisen eine Baumgruppe.
»Nichts, niemand da, der sich von uns gestört fühlen könnte. Wir rasten hier.«
Sie stiegen aus und Eduard ging vorsichtig stöbernd durch das Gras. Es stand hier nicht so hoch wie eben bei den Löwen.
»Keine Schlangen«, sagte er. »Setzen wir uns. Wenn einen von uns hier eine Mamba erwischt, dann war's das. Da käme jede Hilfe zu spät. Die Schwarzen haben fürchterliche Angst vor Schlangen. Sie erschlagen sie erst und sehen dann nach, ob es eine Giftschlange ist. Dabei gibt es sicher mehr Tote als Folge verschleppter Erkältungen als durch Schlangenbisse.«
Er holte die Klappstühle aus dem Jeep und den Korb. Sie setzten sich neben den Baum, den Korb zwischen sich auf dem Boden. Zola klappte ihn auf und nahm zwei große Dosen heraus, hielt ihm beide hin.
»Wildhuhn oder Antilope?«
»Wenn es die Antilope ist, die auch das Gulasch geliefert hat, dann nehme ich die.«
Sie öffnete die Dose und gab ihm einen Brocken Fleisch und einen dicken Kanten Brot. Dann nahm sie Becher aus dem Korb, eine Thermoskanne und schenkte Tee ein. Das Fleisch schmeckte wunderbar. Wildfleisch ist viel trockener, fettarmer als das der Stalltiere.
Eduard versuchte, aus seinem Becher zu trinken. Seine Hand zitterte erbärmlich. Schnell nahm er die andere zur Hilfe, hielt den Becher mit beiden Händen. Er bemerkte Lars’ forschenden Blick und sah ihn mit traurigen Augen irgendwie bittend an. Hoffentlich übersteht er die Rückfahrt, dachte Lars.
Es war angenehm im Schatten und je länger sie dort saßen, umso schläfriger fühlte sich Lars. Eduard fiel immer wieder das Kinn auf die Brust, wenn er weg nickte. Zola schien die Hitze nichts auszumachen, und mit ihrer Redseligkeit hielt sie Lars wach.
Jäh erstarrte sie und lauschte. Wie ein Tier, das Witterung von etwas Gefährlichem aufgenommen hat.
»Was ist?«, fragte Lars.
Sie legte den Finger auf die Lippen, schloss die Augen und senkte den Kopf. Dann hörte er es. Ein dumpfes rhythmisches Dröhnen. Trommeln. Es schien weit weg zu sein. Der Rhythmus war langsam, gleichmäßig und klang bedrohlich. Zola lauschte eine Weile, stand dann auf und schüttelte Eduard, sagte etwas auf Lingála zu ihm.
Eduard war sofort hellwach.
»Wir müssen zurück, schnell«, sagte er.
»Was ist los?«, wollte Lars wissen. Eduard gab keine Antwort.
Eilig trugen sie die Reste ihres Picknicks und die Stühle zum Wagen, stiegen ein und Eduard startete hastig den Motor. Minuten später waren sie auf dem Sandweg und fuhren so schnell, wie eben möglich, in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
»Was ist passiert?«, fragte Lars erneut.
»Sie haben ein Dorf überfallen«, sagte Eduard.
»Die Station?«
»Ein Dorf nicht weit entfernt von der Station.«
Er sah angestrengt auf den sandigen Weg vor ihnen. »Sie wollen zu mir, sie warten in der Station auf mich.«
Als Lars zurückblickte, sah er eine riesige Staubwolke hinter ihnen.
Nach etwa einer Stunde legte Zola Eduard eine Hand auf die Schulter und er hielt an. Er griff in die Tasche und zog den Flachmann hervor und nahm einen langen Zug. Lars wusste, dass er ihn bei sich hatte. Die dumpfe Trommel war jetzt sehr viel lauter. Zola stieg aus und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den sandigen Boden. Dabei schloss sie die Augen als wollte sie meditieren.


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21. August 2017

'Die Moral des Todes' von Mark Franley

Eine Woche lang Weiterbildung in Berlin. Hauptkommissar Lewis Schneider ist sich sicher, dass es sich dabei nur um eine Bestrafung seines Chefs handeln kann. Als am Ende des ersten Seminartages eine schaurig inszenierte Leiche gefunden wird, nutzt er die Chance und versucht an den Ermittlungen beteiligt zu werden.

Ein Mord, ein Unglück ungekannten Ausmaßes und eine Reporterin, die zu viel weiß. Bereits die ersten Erkenntnisse der Mordkommission weisen darauf hin, dass es sich nicht um Zufälle handelt, und bald darauf steht fest, dass der Täter gerade erst mit seinem perfiden Spiel begonnen hat. Sein Ziel ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Kein Mensch in dieser Stadt soll sich mehr sicher fühlen, sie sollen spüren, wie es ist, wenn man auf der anderen Seite steht.

Die Gründe für Lewis gespaltenes Verhältnis zu Berlin scheinen sich zu bestätigen. Kann er den Psychopathen aufhalten und ein Stück seiner Vergangenheit zum Guten wenden?

Gleich lesen: Die Moral des Todes: Psychothriller

Leseprobe:
»Wie geht es Ihnen?«
Der Standardsatz klingt so abgedroschen wie immer. Ich bemühe mich und höre mich selbst sagen: »Ich hatte gute Tage.« Seine Augen zeigen eine erfreute Reaktion, ich habe meine Sache gut gemacht. Er schließt die Tür mit dieser eingeübten Bewegung, die sie alle draufhaben. Die linke Hand drückt die Tür ins Schloss, während die rechte bereits auf den mir zugedachten Stuhl zeigt. Der Boden unter meinen Schuhen fühlt sich weich an. Vielleicht auch einer dieser Tricks, um von vornherein für etwas Entspannung zu sorgen.
Während mir das kalte Kunstleder des Stuhls ein leichtes Frösteln über die Haut jagt, nimmt auch er Platz. Wie erwartet folgt der obligatorische Blick in meine Akte, dann hebt er den Kopf und mustert mich. Alles wie immer, wobei ich mich frage, für was dieser Blick in die Akte gut sein soll. Wir kennen uns inzwischen seit über einem Jahr und die Gespräche drehen sich immer um die gleichen Themen. Auf diesem Papier kann faktisch nichts Neues stehen.
»Sie wirken etwas abwesend, geht es Ihnen wirklich gut?«
Die Frage war gefährlich. Alarmiert schiebe ich meine eigentlichen Gedanken ein wenig zur Seite: »Ja … ja, alles gut. Ich musste nur gerade über Ihren Teppich nachdenken.«
»Über meinen Teppich?«
Ich habe ihn überrascht und damit abgelenkt, das ist gut. Nun vermittelt meine Körperhaltung eine Entspanntheit, die ich nicht habe, zumindest nicht mehr in dem Leben, das gemeinhin als normal bezeichnet wird. Meine Stimmlage trifft exakt den richtigen Plauderton, als ich erkläre: »Ihr Teppich fasziniert mich jedes Mal. Er vermittelt einem das Gefühl zu schweben. Darf ich fragen, wo man so etwas bekommt?«
Für einen kurzen Augenblick glaube ich, er hat mich durchschaut, aber so gut ist er nicht. Wie jeder Mensch, der ein Kompliment bekommt, kann auch er sich der Wirkung nicht entziehen. Mit dem Versuch, nicht auf dieser banalen Ebene zu bleiben, murmelt er wie nebenbei: »Ich gebe Ihnen später die Adresse des Ladens«, und mit einer Geste, die wichtig wirken soll, kehrt er zu dem eigentlichen Grund meines Besuchs zurück: »Sie sagten vorhin, dass Sie sehr gute Tage hatten. Wie darf ich das verstehen?«
Ich kenne deine Fallen, schießt es mir durch den Kopf, und ich antworte ohne jede Aggressivität in der Stimme: »Sehr gut waren sie nicht, das sagte ich auch nicht. Aber ja, ich hatte gute Tage.« Und nach der obligatorischen Pause füge ich hinzu: »Diese Geschichte, die Sie mir das letzte Mal erzählt haben. Wissen Sie noch? Die, in der es um das Kind mit den Alpträumen ging und darum, wie das Kind dagegen ankämpfen konnte. Diese Geschichte ist irgendwie hängen geblieben, und immer wenn es in mir dunkel wurde, konnte ich dem etwas entgegensetzen.«
BAM, das nächste Lob, und ich weiß: In dieser Sitzung kann er mir nichts mehr anhaben.
»Möchten Sie die Geschichte noch einmal hören?«
Ich nicke, denn genau das war der Grund, warum ich ihn gelobt habe. Solange er mir etwas vorliest, kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen und muss nicht ständig auf der Hut sein. Folglich antworte ich fürsorglich: »Haben wir denn noch so viel Zeit?«
Ein schneller Blick zur Uhr, eine Geste der Entspannung, dann greift er zum Buch. »Ja, das schaffen wir noch, und wenn es Ihnen so gut geholfen hat, kommt es auf ein paar Minuten mehr nicht an.«
Lüge, das Wort flammt in mir auf, als hätte jemand einen Scheinwerfer eingeschaltet. Prof. Dr. Gayer hat für einen Pflichtpatienten, wie ich einer bin, noch nie eine Minute mehr als nötig geopfert. Die Krankenkasse zahlt lausig und vor der Tür sitzt mit Sicherheit schon jemand, bei dem er ein Vielfaches abrechnen kann.
Während er das schmale Kinderbuch zur Hand nimmt, mache ich, was er mir bereits beim letzten Mal gesagt hat. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und tue, als würde ich seiner Stimme lauschen.
Natürlich höre ich nicht zu. Erstens ist mir die Geschichte scheißegal und zweitens ist der Mann ein furchtbarer Vorleser. Ob ich ihn vielleicht doch töten sollte, kommt es mir wieder einmal in den Sinn, aber eigentlich habe ich dieses Thema bereits abgehakt. Es wäre einfach nur dumm und schon zu viele sind an ihren dummen Fehlern gescheitert. Außerdem halte ich den Mann für keinen schlechten Psychiater. Im Gegensatz zu manchen anderen lässt er sich nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen und was das Wichtigste ist, er versucht, das Gute in jedem zu sehen. Ein Umstand, der ihm vermutlich gerade das Leben rettet. Prof. Dr. Gayer macht, was er gelernt hat, und bei den meisten seiner Patienten gelingt ihm vielleicht tatsächlich der Blick hinter den Schädelknochen. Dass es bei Menschen wie mir nicht funktioniert, ist nicht seine Schuld. Gegen die Mauern in meinem Geist ist die Chinesische Mauer nicht mehr als ein Blatt Papier. Nein, ich kann ihm wirklich nichts zum Vorwurf machen.

Zurück auf der Straße lobe ich mich selbst für die Abschiedszene. Meine Tränen der Erleichterung waren über jeden Zweifel erhaben und stimmten Prof. Dr. Gayer zuversichtlich, bald einen Abschlussbericht schreiben zu können. Es ist unglaublich, wie viel Zeit ich in meinem alten Leben darauf verschwendet habe, darüber nachzudenken, was andere von mir halten und wie ich es ihnen allen recht machen kann. Doch das ist vorbei, jetzt geht es nur noch um mich und darum, meinen göttlichen Auftrag auszuführen. Ich bin das Zentrum und da dies nicht jeder wahrhaben will, ziehe ich meine Konsequenzen.
»Es waren gute Tage«, sagte ich vor einer Stunde und in der Tat, das waren sie. Wie lange habe ich nach Antworten darauf gesucht, was dieser Dämon in mir eigentlich will? Wie haben mich seine tausend Gesichter malträtiert. Mal als Wutausbruch, mal in tiefer Traurigkeit, mal mit dem Messer über der Haut meiner Pulsadern. Dann las ich sie, diese eine kurze Geschichte. Es war ein plötzliches Begreifen von bestechender Klarheit. Nicht ich bin das Problem, es ist die Gesellschaft, die hinter der Maske aus Moral alles in Schutt und Asche legt.
Schließlich begriff ich, was mit Worten nicht zu vermitteln ist. Auge um Auge, Zahn um Zahn, etwas anderes versteht man damals wie heute nicht.
Er, mein erstes Geschenk an mich selbst, sitzt bereits in meinem Keller und wartet darauf, dem gegenüberzutreten, dessen Worte er mit Füßen getreten hat.
Jahrelang hat er geglaubt, Menschen manipulieren zu können. Im Namen einer falschen Moral hat er hochmütig Lügen erzählt und sein Wort als das einzig Wahre dargestellt.
Heute Nacht, nachdem ich ihm gezeigt habe, was für ein Unglück seine Macht über die Menschen gebracht hat, wird Gott die Hand ausstrecken und sich holen, was ihm gehört … eine weitere kalte Seele.
Noch ist es nicht so weit, bis zu meinem großen Auftritt bleibt mir genügend Zeit, und so beschließe ich, diesen ersten Paukenschlag zu feiern. Es ist ein komischer Gedanke, aber warum eigentlich nicht? Der kleine Supermarkt liegt auf dem Weg. Hier kennen mich die Leute, auch wenn wie immer niemand Notiz von mir nimmt.
Normalerweise liebe ich ein gut gebratenes Steak, ob es mir heute Abend schmecken wird, weiß ich allerdings noch nicht, dazu fehlen mir einfach die Erfahrungswerte. Egal.
Während mir die freundliche Verkäuferin ein zwei Finger dickes Stück Fleisch herunterschneidet, plaudern wir ein wenig über die anderen Kunden. Im Laufe eines Tages hat sie ständig mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun und ich verstehe nur zu gut, was sie über einige von ihnen denkt. Im Gegensatz zu mir steht sie noch immer ganz am Ende der Nahrungskette. Eine alternde, alleinerziehende Verkäuferin mit schmutziger Schürze entlockt den meisten Menschen allerhöchstens einen betroffenen Gedanken. Der großen Masse ist sie schlicht egal.
Mit den Worten »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und lassen Sie sich nicht mehr ärgern« nehme ich das Bündel mit dem blutigen Fleisch entgegen und verabschiede mich. Sie lächelt, vielleicht das einzige Mal an diesem Tag.
Die weiteren Zutaten für meine kleine Privatfeier sind schnell gefunden und so verlasse ich zehn Minuten später den Laden. Eine gute Flasche Wein, roter natürlich, ein paar Zuckerschoten und ein paar Kroketten zu dem frischen Fleisch. Welch ein Leichenschmaus, denke ich schmunzelnd und gleichzeitig begreife ich, wie gut mir das alles tut. Es gleicht am ehesten einer Transplantation. Als ob man das faulige Stück Seele für eine Weile auslagert … Allerdings ist es auch, und dessen bin ich mir durchaus bewusst, eine Erleichterung auf Zeit. Doch wenn ich alles richtig mache, kann ich es jederzeit wiederholen, denn es gibt noch so viele von ihnen. Der Gedanke daran jagt mir einen wohligen Schauer über den Rücken.
Pünktlich um fünfzehn Uhr betrete ich den kleinen Raum im Keller meines Elternhauses. Früher habe ich hier meine Fotos entwickelt, doch seit es Digitaltechnik gibt, erübrigt sich das. Trotzdem steht alles, was man dazu benötigt, noch fein säuberlich abgedeckt in einer Ecke. Ich mag den Gedanken nicht, aber vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich die jetzige Bestimmung dieses Raums leugnen muss.
In Gedanken noch nicht ganz bei der Sache werfe ich zunächst nur einen flüchtigen Blick auf ihn, wobei ich feststelle, dass es nun auch genug ist. Diese schmalen braunen Augen, das inzwischen ungewaschene Haar und der Mund, mit dem er mich einlullen wollte, erzeugen nur noch Ekel in mir. Alles, was ihn noch ein kleines bisschen interessant macht, ist diese Angst, die er ausstrahlt und mit der er mir nur noch mehr Macht verleiht.
Ohne auf das wehleidige Gewinsel einzugehen, klappe ich den mitgebrachten Laptop auf und sage: »Ich werde dir jetzt den Knebel abnehmen und dir etwas zu trinken geben. Anschließend wirst du mir die Passwörter für deine Konten bei den sozialen Netzwerken geben und mir mit deinen Worten einen Text an deine Anhänger diktieren. Hast du das verstanden?«
Er nickt, aber in seinem Blick liegt keine Zustimmung. Ich stelle den Laptop auf den Stuhl, der ihm gegenübersteht, trete hinter ihn und löse den Knoten des Tuchs, das ihn am Reden hindert. Doch bevor ich den Stoff freigebe, beuge ich mich an sein Ohr und flüstere: »Nicht dass wir uns falsch verstehen, dein Leben wird davon abhängen, ob ich mit der Zusammenarbeit zufrieden bin. Du solltest dir also Mühe geben.« Er nickt erneut und ich nehme den Knebel aus seinem Mund. Seine ersten Sprechversuche sind so jämmerlich wie alles an ihm. Er bekommt das versprochene Wasser, trinkt gierig und fragt dann mit rauer Stimme: »Was soll ich tun?«
»Zuerst die Passwörter für Facebook, Twitter und den Zugang für deine Parteien-Website.«
»Warum?«
Der Schlag ins Gesicht trifft ihn völlig unerwartet und hinterlässt eine kleine Platzwunde über dem Auge. Eigentlich kann ich mit dieser Form von Gewalt nichts anfangen, habe aber keine Zeit für Spielchen. Ich setze mich auf den Stuhl, lege den Laptop auf meine Oberschenkel und frage ruhig: »Wie lauten die Passwörter?«
Er räuspert sich, zwinkert das Blut aus seinem linken Auge und sagt widerwillig: »Adolf1939 … bei allen drei Seiten.«
»Hätte ich mir denken können«, murmele ich und tippe die Buchstaben in die entsprechenden Felder der bereits geöffneten Internetseiten

Im Kindle-Shop: Die Moral des Todes: Psychothriller

Mehr über und von Mark Franley auf seiner Website.

18. August 2017

'Sternenreich - Rebellen des Imperiums' von Andreas Kohn

'STERNENREICH – Rebellen des Imperiums' ist eine Science-Fiction-Reihe aus sechs Bänden. Der Umfang von 70-100 Seiten der Print-Versionen entspricht etwas mehr als dem eines klassischen Heftromans und ist exklusiv auf AMAZON als Taschenheft und Kindle-Version erhältlich. Über die Kindle Leihbücherei auch kostenlos.



Die Handlung der klassischen Space-Opera spielt, von Heute aus gesehen, etwa 5000 Jahre in der Zukunft. Der Menschheit ist es gelungen zu den Sternen zu reisen. Ungehemmt breitete sich der Mensch über den Spiralarm der heimatlichen Galaxis aus und besiedelte ein System nach dem anderen. Meistenteils auch ohne Rücksicht auf jene Zivilisationen zu nehmen, die bis dahin noch nicht einmal in der Lage waren, ihren eigenen Planeten zu verlassen. Zur Handlungszeit ist dieser Expansionsdrang jedoch seit einigen hundert Jahren erlahmt und durch ein friedliches miteinander ersetzt.

Die Protagonistin Tanja aka Tanjatabata Penelopa deTiera ist, als designierte Nachfolgerin auf den Kaiserthron ihres Vaters, das Ziel bislang unbekannter Mächte. Gleichzeitig werden am Hof von Imperium Prime die Fäden gesponnen, um den herrschenden Kaiser zu ersetzen und die alte "Herrlichkeit" wieder herzustellen.

Die Bände 1 bis 3 sind zusammengefasst als Sammelband erhältlich.

Gleich lesen: Sternenreich - Rebellen des Imperiums (Reihe in 6 Bänden)

Leseprobe:
»Noch zwei ganze Jahre«, schimpfte Gisbert laut. Hören konnte ihn, außer Lopold im Cockpit vielleicht, niemand. Der Hangar war durch Prallschirme in würfelförmige fünfzig mal fünfzig Meter große Sektionen gegen einen möglichen Druckverlust unterteilt. Man konnte zwar gegen einen gewissen Widerstand hindurchgehen, aber Schallwellen wurden einfach verschluckt.
Dass Lopold ihm über das Headset offenbar zugehört hatte, bewies die Antwort in Form des meckernden Lachens.
Er lag auf einem Rollbrett unter dem hinteren Ende des Backbord-Flügels der Fähre und versuchte kopfüber an einer Stellschraube einen Grünwert auf dem Messgerät, das er neben sich abgestellt hatte, zu erreichen. Wann immer er die Schraube einen Hauch nach rechts oder links drehte, leuchtete für einen Augenblick das grüne Lämpchen auf, um dann sofort wieder auf Rot umzuspringen.
»Wenn du nicht immer so mit deinem Schicksal hadern würdest, Gis, hättest du sicherlich auch viel mehr Spaß in deinem Job!« Wieder ließ der kleine Sympather seinem Lachen über den Funk freien Lauf. Solche Neckereien hatten sie bereits lange bevor sie in die Garde aufgenommen worden waren, getrieben.
»Ihr braucht jetzt nicht wirklich noch zwei Jahre, oder?«
Die Stimme, die Gisbert ’Gis’ Mortens gerade vernehmen konnte, kam nicht über den Funk, sondern von dort wo sich ungefähr seine Füße befanden. Er schaute über seinen Bauch in Richtung seiner Zehen und stieß sofort mit der Stirn gegen die herunterhängende Wartungsklappe über sich. Ungehalten über den Schmerz und die Störung seiner Arbeit, rutschte ihm auch noch der Prüfstift aus der Hand, mit dem er die Stellschraube bearbeitet hatte.
»Wer will das wissen?«, fragte er, während er auf seinem Brett unter der Fähre hervorrollte. Direkt über ihm stand, die Hände in die Hüften gestemmt, Lavina. Er kannte sie nur vom Sehen. Ihr blondes, schulterlanges Haar, der wohlproportionierte Körper und ihr neckisches Lachen hatten sich ihm aber schon lange in die Windungen seines Gehirns gebrannt. Plötzlich waren der Schmerz und die noch nicht abgeschlossene Arbeit vergessen und machten der Freude, seiner Angebeteten endlich etwas näher zu sein, Platz.
Wie oft hatte Lopold ihn aufgefordert, sie anzusprechen, wenn er sie schon so anschmachtete. Aber nie hatte er die Gelegenheit als passend empfunden. Bei dem Versuch, schnell und elegant aufzustehen, um ihr Auge in Auge gegenüberzustehen, stieß er erneut irgendwo dagegen. Dieses Mal war es der Auslassstutzen einer Steuerdüse.
Er ahnte, dass er für sie auf ewig der dumme Trottel sein würde, der seine Gliedmaßen nicht unter Kontrolle hatte. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, nicht einmal einen Hauch von Schadenfreude. Mit zusammengepressten Lippen starrte sie ihn voller Ernst an.
»Das ist dein Schiff?«, stotterte Gisbert. Er wusste, dass sie Pilotin war. Dass sie aber die imperiale Fähre steuerte, war ihm neu. Andererseits hätte sie, wenn nicht, wohl kaum einen Grund gehabt, hier aufzutauchen.
»Was ist nun? Ich muss die Fähre morgen wohl zur REBEL DEFIANCE überführen. Ist der Annäherungssensor nun kalibriert oder nicht?«
»Er ist nahe dran. Funktioniert einwandfrei«, stotterte Gisbert erneut. »Für hundertprozentige Leistung müsste er aber besser irgendwann ausgetauscht werden.«
Lavina wollte erst mürrisch noch einen bösen Spruch nachlegen, entschied sich dann aber für ein eher gemäßigtes Vorgehen. Es ist wie mit Zahnärzten und Friseuren, dachte sie. Mit denen sollte man es sich nie verscherzen, wenn man nicht mit Schmerzen oder einer schiefen Frisur nach Hause gehen wollte. Schließlich hing unter Umständen das eigene Leben von der Fingerfertigkeit eines Wartungstechnikers ab.
»Du bist Gisbert Mertens?«
»Mortens«, korrigierte er sie. »Kannst aber Gis zu mir sagen.«
So richtig interessierte sich Lavina nicht für ihn. Das merkte Gis sofort. Denn ihr suchender Blick ging an ihm vorbei in die offene Schleuse der Fähre.
»Verlässt du denn dann die NOVALIT?«, versuchte Gisbert ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.
Er wusste wonach, beziehungsweise nach wem sie Ausschau hielt. Alle Sympather hatten bei den Frauen ein Stein im Brett. Und unter normalen Umständen brachte einem die Freundschaft mit einem Sympather ohne Probleme reihenweise Frauenbekanntschaften ein. Leider war Lopold etwas aus der Art geschlagen. Er hatte mittlerweile eine tiefe Abneigung gegen die Avancen menschlicher Frauen entwickelt. Was wiederum umgekehrt proportionale Auswirkungen auf Gisberts Liebesleben hatte. Das komische war, mittlerweile mussten alle Frauen an Bord der NOVALIT wissen, dass Lopold anders war. Trotzdem hielt es sie nicht davon ab, ihn anzuschmachten. Da war irgendetwas Chemisches mit im Spiel.
Lopold hatte gesagt, dass Sympather wohl unbewusst ein Pheromon abgaben, das auf das weibliche Geschlecht eine magische Anziehungskraft ausübte.
Dafür straften sie Gisbert umso mehr und machten ihn mehr oder weniger dafür verantwortlich, dass das so war.
»Lopold ist im Cockpit«, sagte Gisbert resignierend.
Wenn Lopold wenigstens einmal ein Einsehen hätte und wenigstens ihm zuliebe mitspielen würde, dachte er. Aber nein. Der feine Herr drehte förmlich durch, wenn ihm menschliche Weibchen zu dicht auf den Pelz rückten.
Wie zur Bestätigung seiner Annahme drückte sich Lavina an ihm vorbei und trat auf die Rampe, die vom Heck aus in die Fähre führte.
»Ich geh mal schauen, ob an Bord alles in Ordnung ist«, sagte sie und ließ Gisbert links liegen. Gisbert dagegen schüttelte seufzend den Kopf und schaltete sein Headset wieder ein.
»Lo. Du bekommst Besuch.«

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16. August 2017

'Der Flug der Libellen' von H.C. Scherf

Seit Jahren verschwinden Prostituierte im Ruhrgebiet.
Keine Leichen. Keine Spuren.
Nichts kann den Killer aufhalten.

Die erst 10jährige Andrea Lesbe und ihr gleichaltriger Freund leiden schon in der Schule unter Mobbing. Die Mitschüler machen ihnen das Leben zur Hölle. Was die Kinder zu diesem Zeitpunkt nicht wissen können: Ein Hurenmörder beginnt gleichzeitig sein perfides Werk. Unaufhaltsam verbindet sich ihr Schicksal mit dem des irren Killers. Als Andrea als Erwachsene wieder in ihre Heimatstadt Essen zieht, trifft sie nicht nur auf den einstigen treuen Freund. Sie begegnet auch einem geheimnisvollen Fremden, der sie magisch anzieht.

Hauptkommissar Schlicht ermittelt mit seiner Soko seit 16 Jahren erfolglos im Fall eines vermissten Kindes und der beängstigenden Mordserie. Erst als der Killer die Abstände seiner grausamen Taten verkürzt, finden sich erste Spuren. Damit das Geheimnis um den Serienkiller gelüftet werden kann, müssen die Beteiligten in den Vorhof zur Hölle hinabsteigen. Erst dort begegnen sie der grausamen Wahrheit.

»Ein Thriller, der die schmale Kluft zwischen Normalität und dem menschlichen Wahnsinn spannend beschreibt.«

Gleich lesen: Der Flug der Libellen

Leseprobe:
Da war es wieder, dieses Geräusch. Als würde jemand in einem Nebenraum mit schweren Ketten hantieren, sie sortieren oder verschieben. Die Dunkelheit ließ es nicht zu, dass ich auch nur das Geringste wahrnehmen konnte. Doch hatte sich in den letzten Tagen mein Gehör enorm geschärft. Ich wusste genau, wo sich die schwere Holztür befand, die der Kerl nach jedem Besuch wieder sorgfältig verriegelte. Ich glaubte, den Lichtschalter erkennen zu können, der direkt neben dem Eingang aus dem bröckeligen Putz an einem Kabel herausragte. Immer wenn er an diesem Porzellanschalter drehte, erleuchtete eine elend schwache Glühbirne diesen schrecklichen Raum. Dann konnte ich meine achtbeinigen Mitbewohner schemenhaft erkennen, die sich schon vor langer Zeit ihr Zuhause in dichten Netzen in den Zimmerecken geschaffen hatten.
Den Ekel hatte ich längst überwunden, den der feuchte Modergeruch in meinen Eingeweiden hervorgerufen hatte. Das sorgte sogar dafür, dass ich dieses Etwas, das er mir einmal am Tag als Essen in einer Metallschale servierte, durch die Kehle bekam und im Magen behielt. Das war nicht immer so, was die große Menge an Erbrochenem um mich herum eindrucksvoll bewies. Das hatte sich mittlerweile mit den Exkrementen vermischt, die ich notgedrungen, ohne weiter darüber nachzudenken, unter mich ließ. Der Urin und der Kot brannten auf meiner Haut und hatten zu Entzündungen geführt. Niemals wollte ich wissen, was sich tatsächlich in diesem Napf befand, aus dem er mich wie ein Kind fütterte. Mit wenigen Schlucken des erstaunlich sauberen Wassers schaffte ich es mittlerweile, den gröbsten Hunger und Durst zu stillen. Ich hatte mir geschworen, nicht aufzugeben, dieses Martyrium zu ertragen ... durchzuhalten bis zum bitteren Ende. Man würde mich suchen und finden, da war ich mir sicher, denn es war die letzte Hoffnung, die mich am Leben erhielt.
Die Kälte in den Gliedern spürte ich schon seit längerer Zeit nicht mehr, dafür waren die eng angelegten Kabelbinder verantwortlich, die Hände und Füße zusammenschnürten. Das ausgetretene Blut machte sich nun schmerzhaft bei jeder Bewegung bemerkbar, nachdem es sich pulverisiert unter die Fesseln geschoben hatte. Das ließ sich nicht verhindern, da ich versuchen musste, den Blutkreislauf in Gang zu halten. Meine Position veränderte ich ebenfalls laufend, da die Glieder erste Taubheitsgefühle zeigten. Ich näherte mich unaufhaltsam dem Punkt, an dem ich mir wünschte, dass dieser Wahnsinnige endlich sein perfides Werk beendete und mir die Gnade des Sterbens erwies. Längst war mein Verstand sich darüber im Klaren, dass ich diese Kammer niemals wieder lebend verlassen würde. Dafür wusste ich bereits zu viel über dieses bemitleidenswerte Wesen.
Während aus einem der umliegenden Räume weiter leises Gewinsel zu hören war, lief dieser Film vor meinen Augen ab, der mich an den weit zurückliegenden Punkt in meiner Kindheit führte, an dem eigentlich alles begann ...

Im Kindle-Shop: Der Flug der Libellen

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14. August 2017

'Die Braut' von Katrin Thiele

Eigentlich ist Felix mit seinem Leben ganz zufrieden. Seit seinem Umzug aufs Land sind die Kneipennächte in Hamburg reduziert und seine beruflichen Ambitionen tendieren unverändert gen Null.

Doch eine Nacht ändert alles. Am Rande der Elbchaussee entdeckt er eine verstörte Braut. Obwohl sie kein Wort spricht und die Flecken auf ihrem Kleid verdächtig nach Blut aussehen, nimmt er sie mit zu sich. Die Braut entpuppt sich als reiche Reederstochter Mara Römberg, deren Bräutigam erschossen wurde. Felix überwindet seine Abneigung gegen geregelte Arbeit und schleicht sich in der Römberg-Familie als Chauffeur ein.

Je tiefer er in die Familiengeheimnisse eintaucht, desto verwirrender wird seine Suche nach der Wahrheit, doch zum ersten Mal im Leben ist Felix entschlossen, eine Sache durchzuziehen. Selbst wenn er dadurch in Lebensgefahr gerät …

Gleich lesen: Die Braut - Kriminalroman

Leseprobe:
Links und rechts der Elbchaussee waberten Nebelschwaden durch die nächtliche Stadt. Die Straße selbst lag wie ein dunkles Tuch vor mir. Die Villen an beiden Seiten wirkten wie stumme Wächter und kein Windhauch bewegte die Zweige der Bäume in den großzügigen Gärten. Neben dem leicht stotternden Geräusch des Motors meiner altersschwachen Corvette, zerriss draußen nichts die watteartige Stille. Außer mir schien kaum jemand unterwegs zu sein in dieser Novembernacht. Es war schon eine Weile her, dass mir das letzte Mal ein Auto entgegengekommen war.
Wie so oft genoss ich die nächtliche Einsamkeit. Bis auf die Kälte, die langsam auch den letzten Winkel meines Körpers erreicht hatte, ging es mir ausgesprochen gut. Der Abend bei Ben und Rica war wie immer toll gewesen. Das warme Gefühl in meinem Magen hing sowohl damit als auch mit dem fantastischen Drei-Gänge-Menü zusammen. Stundenlang haben wir über den Sinn und Unsinn des Lebens im Allgemeinen und meines im Besonderen gequatscht. Mein unerfülltes Liebesleben beschäftigte Ben schon immer mehr als mich und gelegentlich versuchte er, mir erleuchtend in den Arsch zu treten. Ohne Erfolg zwar, aber er bemühte sich. Seine Meinung war klar und drastisch. Er war sich sicher, dass ich die Frau meines Lebens nicht mal dann erkennen würde, wenn sie ein großes Schild hochhielte, auf dem stünde: Ich bin es, Felix. Deine Richtige!
Ben meinte, ich würde schnurstracks das Mädel daneben anhimmeln und das für mich bestimmte gar nicht wahrnehmen. Ich pflegte zu erwidern, dass er mich mal könne, er im Übrigen keine Ahnung habe und dass mir, wenn es soweit wäre, bestimmt meine Schicksalsgöttin einen entsprechenden Hinweis gäbe. Ben lachte dann und schüttelte amüsiert den Kopf. „Kann sein, aber den würdest du auch nicht bemerken.“ Nun, wir würden sehen.
Mangels funktionierender Heizung und weil ich außerdem kein Autoradio besaß, begann ich, laut zu singen. Singen regt den Kreislauf ungemein an und hilft, die Körpertemperatur zu steigern. Einen gegen Kälte wirksamen Alkohol-Schutz gab es heute nicht, ich hatte nur zwei kleine Scotchs intus. Es war allein Ricas Verdienst, dass ich nicht mit mehr Promille hinterm Steuer saß. Von Ben und Rica fuhr ich nie betrunken nach Hause, einfach aus dem Grund, weil Rica spätestens nach dem zweiten Drink entschieden alles Alkoholische aus meiner Nähe verbannte.
„Es würde mich nicht sehr überraschen, wenn Felix eines Tages seine Corvette um einen Baum wickelt und sein derzeit eher sinnloses Leben damit vorzeitig beendet. Aber er wird es nicht tun, nachdem er aus diesem Haus gekommen ist. Ist das klar, Jungs?“ Sie hatte mit ihrer typischen warmen Stimme gesprochen und mich mit einem beinahe zärtlichen Lächeln bedacht, und es gab keinerlei Zweifel, dass jeder Widerstand zwecklos wäre. Für das „derzeit“ liebte ich sie sehr. Diese Begebenheit lag zwar schon Jahre zurück, aber ihre Anordnung würde bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gelten. Das wussten Ben und ich genau.
Mittlerweile war ich bei der letzten Strophe von Queens „The Show must go on“ angekommen, als ich das Singen abrupt beendete. Nicht etwa, weil ich feststellen musste, dass es vollkommen unmöglich ist, an Mercurys Stimme auch nur annähernd heranzukommen. Nein, das war mir schon lange klar. Ich hatte keine Ahnung, warum mir plötzlich eine Gänsehaut den Rücken herauf kroch. Sehr langsam und sehr unangenehm. Eine nahende Polizeikontrolle konnte es nicht sein, dann hätten sich nur leicht meine Nackenhaare aufgestellt. Ein untrügliches Warnzeichen, das mich noch niemals im Stich gelassen hatte. Meine Gänsehaut verstärkte sich, irgendetwas würde gleich passieren und noch immer hatte ich keine Ahnung, was das sein konnte. Auf das, was dann tatsächlich geschah, wäre ich in meinen verworrensten Träumen nicht gekommen. Ich sah eine Braut.
Ich hätte ihre Erscheinung sofort auf übermäßigen Alkoholkonsum geschoben, wenn ich nicht gewusst hätte, ausnahmsweise stocknüchtern zu sein. Alkoholbedingte Halluzinationen schieden also aus. Dennoch fiel es mir schwer zu glauben, dass das, was ich im Vorbeifahren gesehen hatte, real war. Sie wirkte wie eine Erscheinung aus anderen Sphären.
Selbst der kurze Moment, in dem das Scheinwerferlicht sie gestreift hatte, war ausreichend, mir beim Anblick ihrer überirdischen Schönheit den Atem stocken zu lassen.
Abgesehen von ihrem wundervollen Äußeren war ihre Aufmachung, gelinde gesagt, etwas unpassend für diese unfreundliche Novembernacht. Sie trug ein kurzärmliges, weißes Kleid, das bis auf den Boden reichte und seine besten Zeiten eindeutig hinter sich hatte. Es war zerrissen und schmutzig. Trotzdem war sie die schönste Braut, die ich jemals gesehen hatte.

Im Kindle-Shop: Die Braut - Kriminalroman

10. August 2017

'Schmitts Hölle - Entscheidung' von Joachim Widmann

Kindle | Tolino | Taschenbuch
FB-Seite zur Buchreihe | Autorenseite im Blog
Dunkle Geschäfte, politische Ambitionen, einflussreiche Partner und Unterstützer im In- und Ausland sowie der absolute Wille zur Macht ergeben bei Ex-Geheimdienstler Ralf Karlbacher, einem hochrangigen Mitarbeiter des Bundeskanzleramts, eine höchst gefährliche Mischung.

BKA-Ermittlerin Sibel Schmitt ist ihm seit Monaten auf der Spur. Doch nach Terroranschlägen in deutschen Großstädten kommt eine gefährliche Dynamik in Gang, der sie kaum gewachsen ist: Karlbacher führt eine Gruppe Männer in hohen und höchsten Regierungsämtern an, die den Stimmungsumschwung mitten im Wahlkampf nutzen wollen, um ihre eigene Agenda durchzusetzen – auch gegen den Willen des Kanzlers.

Um am Ende selbst Spitzenkandidat zu werden, ist Karlbacher jedes Mittel recht, er verfolgt sein Ziel ohne Skrupel. Nur Schmitt könnte ihn aufhalten. Doch sie gerät selbst unter Terrorverdacht. Ein ungleicher Wettlauf zwischen dem Politiker und der vom Dienst suspendierten Polizistin beginnt …

"Entscheidung“ ist der vierte abgeschlossene Thriller der Sibel Schmitt Reihe.

Leseprobe:
Berlin, Bundeskanzleramt

„Eingangs erlaube ich mir folgende Frage zu stellen: Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“, sagt der Bundeskanzler, als die Runde zur Ruhe gekommen ist. Er streckt seinen drahtigen Körper auf dem Eames-Stuhl. Obwohl er keinen Namen genannt hat, wenden sich alle Innenminister Georg Brehmer zu, der am Kopf des Kabinettstischs sitzt und angesichts der plötzlichen Aufmerksamkeit um Haltung ringt.
Brehmer fragt zurück: „Was meinen Sie bitte, Herr Bundeskanzler?“
„Immerhin fragen Sie nicht, wen ich meine. Als wenn die Lage nicht ernst genug wäre, reden Sie von einem Weltkrieg. Ja, gegen wen oder was wollen Sie denn mobil machen, verraten Sie uns das freundlicherweise?“
Der Innenminister strafft sich ebenfalls. „Das ist nicht der Ton für eine Kabinettssitzung. Ich verbitte es mir, hier vorgeführt zu werden. Muss ich an Frankreich erinnern? Der Präsident selbst spricht dort von einem Krieg.“
Die sozialdemokratische Umweltministerin hat die Hände auf dem Tisch gefaltet. Die Knöchel sind weiß von Anspannung. „Mit Verlaub, Herr Brehmer“, fällt sie ihm ins Wort. „Sie zogen es vor, zur Kabinettssitzung vorhin nicht zu erscheinen. Dies ist eine informelle Krisenrunde, und ich gehe davon aus, dass gerade die Herrschaften von der Opposition ein Interesse daran haben, dass diese Frage geklärt wird, die Sie durch Ihre Wortwahl selbst aufgebracht haben. Sie haben zwar Recht, dass wir normalerweise einen anderen Ton pflegen, aber Ihr Ton gegenüber den Medien war nun auch nicht gerade gemäßigt.“
Der Innenminister fixiert sie. „Wie möchten Sie’s, Angelica? Soll ich Buchstaben tanzen? Ich kriege es leider nicht hin, so weichgespült über den Terror zu reden, wie Sie und Ihre Rötlichen es so gern haben.“ Er springt auf, dass sein Stuhl ins Wanken gerät. Wendet sich dem Fenster zu, hebt den Arm: „Haben Sie die Rauchsäule hinter dem Reichstag gesehen? Da brennt unsere Demokratie. Da werden Freunde und Kollegen von uns aus den Trümmern gezogen. Köln, Hamburg, München ... Es hat vielleicht Hunderte Tote gegeben, der Zugverkehr, der Flugverkehr sind eingestellt, die Autobahnen zum großen Teil gesperrt, überall Kontrollposten. Und Sie wollen nicht von Krieg reden? Schauen Sie raus: gepanzerte Polizeifahrzeuge, Wasserwerfer ... Die Mobilmachung ist längst im Gange. Aber, Herr Bundeskanzler ...“ Er stützt sich mit den Fäusten auf den Tisch, buckelt wie ein Bulle. „Wir tun das nicht für die Leute draußen im Lande. Wir tun das, um uns zu verschanzen. Und wir verschanzen uns, um unsere Illusionen zu wahren, und die sind Friede, Freude, Gewaltlosigkeit.“ Er hebt die Rechte, zeigt dem Kanzler mit dem Finger ins Gesicht: „Sie haben die Menschen die ganze Zeit eingelullt, mit Hilfe der Medien, diesem Schweigekartell, das von Einwanderergewalt nichts wissen will. Sie haben mit Islamisten paktieren wollen, Sie haben die Überfremdung unserer Städte geduldet, als wäre nichts. Die Sorgen der Bürger mochten Sie nicht hören und schon gar nicht auch nur einmal artikulieren. Es konnte passieren, was wollte, es hieß weiter nur Multikulti, Verständigung, Willkommenskultur. Die Leute draußen sind längst im Krieg, das zeigen auch die Erfolge der Rechtspopulisten. Direkt vor dem Kanzleramt standen fast zwei Tonnen Sprengstoff. Was muss eigentlich noch geschehen, bis Sie mal aufwachen, Herr ...“
„Jawoll, Deutschland erwache“, ruft Linksfraktionschef Hasibur Islam mit scharfer Stimme in die Runde. „Alle an die Wand stellen. Das wird man wohl noch sagen dürfen.“
Vereinzeltes Klatschen. Alle reden durcheinander.
Der Innenminister steht breit und geduckt mit offenem Mund und offenen Händen, als wollte er sich auf den zierlichen Oppositionsführer stürzen. Er brüllt: „Du Scheiß-Volksfeind hast erst in deinem Land für Unruhe gesorgt, und jetzt ergreifst du in unserem Land Partei für Bombenleger.“
„Hab ich Volksfeind gehört?“ ruft Hasibur Islam. „Ich hab Volksf ...“
Es knallt. Einmal, zweimal schlägt Regierungssprecherin Brandy-Sörensen die Ledermappe mit ihren Unterlagen auf den Tisch. Einige halten die Schläge für Schüsse, ducken sich, schauen mit aufgerissenen Augen zum Panoramafenster. „Es reicht“, ruft sie. „Meine Damen, meine Herren, es reicht, bitte.“ Ihre klare, tragende Radiostimme sorgt für Ruhe. „Setzen Sie sich“, sagt sie. „Alle“, fügt sie hinzu.
Aber Hasibur Islam setzt sich nicht. „Volksfeind hat der gesagt! Da ist ein Rücktritt fällig.“
Auch der Innenminister steht noch. Er will etwas sagen, aber Annett Brandy-Sörensen ist schneller: „Ihr Nazi-Spruch entsprach auch nicht unbedingt dem guten Ton, Herr Dr. Islam. Setzen Sie sich, bitte.“
Der Kanzler bringt Brandy-Sörensen mit einem sanften Griff an ihren Unterarm ihrerseits dazu, sich zu setzen. „Danke, Annett. Das war ein wichtiger Beitrag. Herr Dr. Islam, ich bitte im Namen der Regierung um Entschuldigung für die Ausfälligkeit des Herrn Brehmer. Die Nerven liegen blank, und wir wissen alle, was er für ein Heißsporn ist. Aber es wird natürlich keinen Rücktritt geben in dieser Situation, und ich erinnere noch einmal daran, dass wir für dieses ungewöhnliche Treffen in ungewöhnlicher Lage Stillschweigen vereinbart haben. Vertraulichkeit, werter Herr Dr. Islam, lieber Kollege Brehmer, bedeutet aber nicht, dass wir in dieser Weise aufeinander losgehen können, nur weil es draußen niemand sieht. Ich hoffe, wir haben uns verstanden?“
Der Innenminister und der Fraktionschef setzen sich.
Der Kanzler nickt dem Minister zu. „Sie haben weiterhin das Wort, Herr Brehmer. Ich würde vorschlagen, Sie fassen sich kurz und mäßigen für Ihre weiteren Ausführungen ein wenig den Ton.“ Er lächelt spitz. „Aber nur, wenn Ihnen das nicht das Gefühl vermittelt, Sie lullen uns ein. Ich will Ihre Wahrheiten keineswegs unterdrücken.“
In die beiden Worte „Ihre Wahrheiten“ legt der Kanzler die ganze politische Distanz und die persönliche Abneigung, die ihn seit jeher von dem Spitzenmann des rechten Flügels seiner Partei trennen.
Brehmer zerrt an seinem Krawattenknoten und löst den Kragenknopf. „Das Bundesministerium des Innern schlägt folgende Maßnahmen vor. Erstens: Bundeswehr in die Innenstädte. Die Menschen wollen sich bei dem Thema nicht länger mit verfassungsrechtlichen Bedenken herumschlagen. Israel ist auch nicht undemokratisch, weil Armee an jeder Ecke steht. Zweitens: Mehr Polizei. Ich rede nicht von der üblichen Kosmetik. Ich rede von Milliarden für Personal und Ausstattung. Drittens: Wir müssen die Gefährderdatei endlich um alle Verdachtsmomente erweitern, zentral führen und mit aller Entschlossenheit anwenden …“
Der Wirtschaftsminister lässt ein Grunzen hören. „Wie oft wollen’s dera Schmarrn noch red’n? Ham’s sich noch nicht g’nug blaue Augen geholt mit der Forderung, die Sicherheitsbehörden zu zentralisieren?“
Brehmer ballt eine Faust. „Tausende Gefährder laufen frei herum, das ist eine tickende Bombe. Da interessieren mich Ihre Bestandswahrungskämpfe auf Landesebene wenig, mit denen sie jeden Ansatz zu einer realistischen Sicherheitspolitik unserer Koalition behindern.“
„Mir gehn do ned mit, un mir san ned die Einzigen.“
„Was immer wir an zusätzlichen gesetzlichen Grundlagen brauchen, wird umgehend als Verordnung in Kraft gesetzt. Wir haben monatelang darüber debattiert. Ich finde, das reicht jetzt. Diese Leute müssen von der Straße, und zwar schnell. Viertens ...“
„Polizeistaat“, zischt Hasibur Islam. „Notverordnungen – geht’s noch?“
Kanzleramtsminister Horn wirft ein: „Ob das rechtens ist, werden im Zweifel das Verfassungsgericht oder der Bundesgerichtshof zu klären wissen. Aber wir sind uns doch einig: Es muss etwas geschehen.“
„Das ist Aktionismus“, stellt die Umweltministerin fest. „Eine Einschränkung der Freiheitsrechte für Tausende Menschen bedarf eines anständigen Gesetzgebungsverfahrens. Das können wir nicht übers Knie brechen.“
„Von den rechtlichen Bedenken einmal abgesehen, woher soll ich die Leute nehmen, um Bundeswehr in die Innenstädte zu befehlen?“, fragt der Verteidigungsminister.
„Allgemoane Wehrpflicht, du Zivilist, schonmal g’hört?“, ruft ihm der Wirtschaftsminister in launigem Ton zu. „Des is fei ned so neu.“
„Es darf im Grunde auch kein Tabu mehr sein, dass wir mehr tun als Schulen und Straßen zu bauen in den Herkunftsländern dieser Terroristen“, wirft Kanzleramtsminister Horn ein. „Wir sehen ja, wohin unsere vornehme Zurückhaltung führt.“
Stimmengewirr, aus dem Schlagworte wie „Scheiß-Appeasement“ und „Westentaschen-Rommel“ herausklingen.
„Kollegen“, ruft der Bundeskanzler. „Bitte. Wir werden noch ausgiebig diskutieren können.“
Eine gewisse Unruhe bleibt, aber alle schweigen.
„Bitte“, sagt der Kanzler wieder und nickt dem Innenminister zu.
„Ich weiß nicht, was Sie wollen“, brummt Brehmer. „Schauen Sie ins Grundgesetz. Die Notstandsverfassung korrekt ausgelegt, können wir viele Maßnahmen ergreifen, die unter diesen Umständen notwendig sind. Bis dahin, dass wir bei Gefahr für die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung die Freizügigkeit einschränken können – Artikel 11. Da braucht es keine neuen Regeln – nur endlich Konsequenz.“
„Grunzordnung“, murmelt Islam und erregt verhaltene hysterische Heiterkeit.
„Herrschaften“, ruft der Kanzler.
„Viertens“, setzt Brehmer fort und blickt in die Runde. „Wir müssen das Strafrecht reformieren. Es kann nicht sein, dass die Polizei gerade bei Tätern aus dem islamischen Spektrum immer wieder erlebt, dass einer grinsend als freier Mann aus dem Gerichtssaal spaziert ... “
„Hört, hört“, ruft die Justizministerin. „Steile Forderung, aus Social-Media-Posts von Wutbürgern direkt ins Kanzleramt ...“
Hasibur Islam: „Sonderstrafrecht auf der Basis des Bekenntnisses? Da bin ich aber gespannt, was das Verfassungsgericht dazu sagt.“
Der Wirtschaftsminister brummt: „Also wenn mir dös ned irgendwie g’meinsam hinkrian, dann miassen mir Bayern die Führung übernehman.“
Die Justizministerin stellt fest: „Strafrecht ist definitiv Bundessache, mein Lieber.“
Horn: „Es bleibt dabei, dass wir alle Gefährder in gleichem Maße betrachten. Aber niemand kann uns daran hindern, die jeweils aktuelle Gefahrenlage …“
Islam: „Na also! Da haben wir’s doch wieder!“
Horn: „Und die Geheimdienste sind bereit, ihre Daten …“
„Die sind doch auch schon illegal erho …“
Alle reden.
„Hey“, ruft der Kanzler. „Silentium!“ Und sieht dabei aus, als hätte er auf etwas Faules gebissen.
Der Innenminister fährt fort: „Kopftuchverbot, Deutsch-Pflicht in allen Moscheen, hohe Strafen bei Verstößen ...“
Hasibur Islam: „Muslime tragen künftig einen grünen Fleck an der Kleidung.“
„Di kriagn ma a no, Burschi“, knurrt der Wirtschaftsminister, scharf beäugt von der Justizministerin.
„Fünftens und zuletzt – das hat jetzt nichts mit meinem Ministerium zu tun, mehr schon mit persönlicher politischer und staatsbürgerlicher Verantwortung. Unser Land ist stark polarisiert. Nach diesen Anschlägen wird der Wahlkampf erst recht eine Katastrophe. Die Rechten werden triumphieren, und die standen schon vor diesen Anschlägen über achtzehn Prozent. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir tragen vor unserer Geschichte die Verantwortung dafür, dass dieses Land nicht in diese Richtung driftet. Und dieser Verantwortung werden wir nicht gerecht, indem wir die Dinge nicht beim Namen nennen. Die Realitätsverweigerung muss ein Ende haben.“ Er holt tief Luft. „Wir sollten ein Zeichen setzen für Glaubwürdigkeit. Die Zeit der Leisetreterei ist vorüber. Wir müssen endlich handeln, statt zu debattieren. Entschlossenheit zeigen. Ich sage nur: Stichwort Kopftuchverbot. Stichwort Vergeltung – keine Tabus. Wir sehen ja, wie weit wir damit kommen, unser Land immer schön aus allen ernsthaften Konflikten rauszuhalten.“
Der Verteidigungsminister schüttelt den Kopf. „Was nicht noch alles“, murmelt er.
„Kurzum“, sagt Brehmer: „Ich finde ganz entschieden, es braucht einen Wechsel.“
Jetzt ist es still bis auf das Hämmern der Hubschrauberrotoren über dem Regierungsviertel.
Der Innenminister blickt in die Runde. Schweiß glänzt auf seinem Gesicht. Seine Augen sind gerötet, feucht. „Es braucht ein neues Gesicht in der ersten Reihe.“

Blick ins Buch (Leseprobe)

9. August 2017

'Zeiten ändern Dich' von D.W. Crusius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Die Morde der rechtsradikalen Szene, die dubiose Rolle der Inlandsgeheimdienste, sind die aufgeklärt? NSU, Oktoberfest September 1980? Viele Fragen, wenig Antworten und viele Lügen.

Alexander, gerade aus dem Gefängnis entlassen, wird erpresst. Gegen seinen Willen schleust ihn der Verfassungsschutz in eine Nazi-Gruppierung ein. Sein Auftrag - er soll die Wahrheit herausfinden. Bald merkt er, dass er alles finden soll, nur nicht die Wahrheit. Allen Widerständen zum Trotz macht er sich auf die Suche.

Leseprobe:
»Machen Sie sich fertig und kommen Sie nach vorne«, sagte der Schließer. Ich steckte meine wenigen Sachen in eine Plastiktüte. Zahnbürste, das bis auf einen dünnen Rest benutzte Stück Seife, meine Wäsche. Ein grünes Handtuch der JVA ließ ich als Andenken mitgehen. In der Zellentür drehte ich mich noch einmal um, betrachtete die Wand mit den Kalenderblättern, sah zum vergitterten Fenster, blickte in den Hof. Gerade war Freistunde. Ein paar Häftlinge umrundeten den spärlichen Rasen. Ich ließ die Tür auf und ging zur Kanzel. Ein Beamter wartete ungeduldig.
»Fertig?«
Ich nickte.
Wir kamen durch mehrere Gänge, die ich bisher nicht kannte. Dann öffnete der Schließer eine Tür und deutete den Gang hinunter.
»Bis zum Ende«, sagte er mürrisch.
Ich ging über den langen, spärlich beleuchteten Gang. Heute ging ich alleine, war beinahe so etwas wie frei. Kurz vor der Tür stand mitten im Weg ein Putzeimer. Es roch aggressiv nach chemischen Reinigungsmitteln. Warum reinigen sie in Gefängnissen und Krankenhäusern mit Putzmitteln, die übler stinken, als der Dreck, den sie beseitigen wollen?
Der Mann, der zu dem Eimer gehörte, lehnte an der Wand und drehte sich eine Zigarette, zündete sie an. Ein Joint, eine süßliche Wolke hing im Gang. Mit starrem Blick sah er mir entgegen, seine Augen wanderten zu meiner Plastiktüte, saugten sich daran fest. Der wird entlassen – signalisierte ihm die Tüte. Häftlinge mit Tüten in der Hand kommen oder gehen, Insassen brauchen keine. Ich kannte den Mann flüchtig vom Hof. Schwere Körperverletzung und eine Unzahl anderer Delikte. Irgendwelche Scheußlichkeiten mit Kindern.
»Psychopath. Rückfalltäter, lange Haftstrafe«, hatte warnend ein Schließer gesagt. »Halte dich von dem fern, das ist eine Hyäne in Menschengestalt.«
Ohne ein Wort zu sagen, den Mann auch nur anzusehen, schlug ich einen Bogen um ihn und den Eimer und steuerte auf die Tür zu. Ich hörte, wie der Mann plätschernd den Schrubber in den Eimer tauchte und dann gleichmäßige, sehr langsame Wischgeräusche.
Ich sah nach oben in die Kamera an der Decke. Ein Summer ertönte und quietschend sprang die vergitterte Tür auf. In dem kleinen Vorraum gab es nur einen Schalter. Pforte in die Freiheit , oder kurz die Pforte nannten die Häftlinge den Raum.
»Na? Ist es endlich soweit?«, sagte der Mann hinter dem Schalter. Gönnerhaft klang es, als wollte er sagen – du bist bald wieder hier. Vielleicht auch – du kannst gehen, ich muss bleiben. Ich gab keine Antwort und der Mann erwartete auch keine. Vermutlich hatte er noch nie eine bekommen. Einen gesellschaftlich hohen Stellenwert haben Beamte des Strafvollzugs nicht.
»Ihr rangiert noch hinter der Müllabfuhr«, hatte ein Häftling mal zu einem Schließer gesagt. »Das stimmt«, hatte der geantwortet. »Das hier ist ja auch eine Kloake, du mieser Scheißhaufen.« Der Beamte stapelte die Sachen auf den Tresen, die man mir bei meiner Verhaftung abgenommen hatte. Meine goldene Armbanduhr, Wintermantel, Winterschuhe, meinen Pass. »Eine Tüte?« Ich nickte und er schob mir eine Einkaufstüte mit dem Reklameaufdruck eines Supermarktes über den Tresen. Einen Stuhl gab es nicht. Im Stehen zog ich mir die festen Schuhe an und schlüpfte in den Wintermantel. Aus der Seitentasche des Mantels zog ich meinen dicken Schal. Die ausgelatschten Schuhe, die ich täglich im Knast getragen hatte, steckte ich in die Tüte. Ich streckte meine Hand aus. »Fehlt noch was? Ach so, ja.« Er griff unter den Tresen, zog einen Pappkarton heraus, kramte darin herum, es klirrte. Er hielt einen Ehering hoch, ein Zettel hing dran. »Der hier?« »Wenn Irina drin steht.« Wofür hängt denn der Zettel dran oder ist das nur Dekoration? Ruhig Blut – sagte ich mir dann. Du bist nur nervös und das macht dich aggressiv. Der Beamte sah in den inneren Rand, drehte den Ring hin und her. »Russin?« Ich blickte ihn nur starr an. Der Mann sah mich weiter fragend an, als hing von meiner Antwort ab, was er mit dem Ring machen werde. Widerstrebend gab er ihn mir, schnaufte herablassend durch die Nase.
Ich brauchte den Ring nicht mehr, das ging aber niemanden etwas an. Mit missmutigem Blick streckte der Beamte die Hand aus.
»Zellenkarte.«
Ich zog die Karte aus der Tasche, wenig größer als eine Visitenkarte, zerknittert und abgegriffen. Wegen der permanenten Kontrollen auf den Gängen und auf dem Hof musste man sie ständig bei sich tragen. Der Beamte holte ein stark zerfleddertes Buch vom Schreibtisch, blätterte darin.
»Unterschreiben Sie. 53 Euro und 67 Cent«, sagte er und schob mir das Buch zu, tippte mit dem Stift auf eine Zeile. Ich unterschrieb und der Beamte zählte aus einer Kassette zwei 20-ziger, einen 10-ner und 3,67 in kleinen Münzen auf den Tresen. Das Geld, das ich bei meiner Festnahme in der Tasche hatte.
»Moment.«
Er schob das Fenster zu, kam heraus und öffnete die Tür zum Hof. Nebeneinander gingen wir quer über den Hof auf das große eiserne Tor zu. Aus einem Zellenfenster hinter mir rief jemand: »Lass dir Zeit, ich bin noch eine Weile hier.«
Ich wusste nicht, wer da rief, drehte mich auch nicht um. Ein anderer trommelte mit seinem Blechnapf gegen die Gitterstäbe des Fensters, ein weiterer fiel in das Stakkato ein, dann hämmerte der ganze Zellentrakt gegen die Gitter. Ehrensalut der besonderen Art.
Der Beamte schloss eine kleine Tür in dem großen Eisentor auf und ich ging hindurch auf die Straße.
»Ich will Sie hier nicht mehr sehen.«
Ich gab ihm keine Antwort.
Justitia, das rachsüchtige Weib, hatte mich in die Freiheit gekotzt.

Im Kindle-Shop: Zeiten ändern Dich

Mehr über und von D.W. Crusius auf seiner Website.

8. August 2017

'Mein Boss, die Liebe und andere Katastrophen' von Danielle A. Patricks

Anika ist mit ihren zweiundzwanzig Jahren mit ihrem Leben recht zufrieden. Sie arbeitet seit Abschluss der Matura in einer kleinen Firma als Chefsekretärin. Mit dem Chef kommt sie prächtig aus und die Arbeitskollegen respektieren sie. Doch als ein gewisser Mike Koller in ihr Büro schneit und sich als neuer Kollege vorstellt, bringt er das gut zurechtgelegte Gefüge durcheinander. Zumindest das, von Anika. Der Kerl geht ihr unter die Haut. Er verunsichert sie.

Nur, sie vertraut keinem Mann mehr, seit ihr erster Freund sie böse hintergangen hat. Machos können ihr gestohlen bleiben. Glaubt sie zumindest. Dazu nervt ihre Schwester Jennifer sie mit der bevorstehenden Hochzeit, auf der Anika keinesfalls alleine erscheinen wollte. Mike schlägt ihr einen unverschämten Deal vor. Soll sie sich darauf einlassen? Wird sie seinem Drängen nachgeben?

Gleich lesen: Mein Boss, die Liebe und andere Katastrophen: Herzgeschichten

Leseprobe:
Seit einer Woche nahm der Alltag bei den Neumanns wieder Raum ein. Klara fand es ungewohnt, nach so vielen Wochen der Genesung, wieder für sich selbst zu sorgen. Unterstützt wurde sie dabei noch von ihrer jüngeren Tochter Anika, sowie ihrem Gatten Gert.
Wenigstens grundlegende Dinge erledigen zu können, wie sich selbst duschen, Haare waschen, ein kleines Gericht kochen, kurze Strecken spazieren gehen, bereiteten ihr immense Freude und geben ihr Zuversicht, wieder ganz gesund zu werden. Es waren die wirklich kleinen Dinge des Lebens, die seitdem an Gewicht und Bedeutung gewonnen hatten. Schmerzen beim Gehen erinnerten sie an das unsagbare Glück, den Unfall vor vier Monaten überlebt zu haben.
Der Ex-Verlobte ihrer älteren Tochter Jennifer wollte unter allen Umständen eine Hochzeit erzwingen. Zuvor hatte er sie mit ihrer besten Freundin betrogen. Die Abfuhr, die Jenny ihm erteilte, wollte er nicht akzeptieren. Er heckte einen abscheulichen Plan aus. Peter lenkte sein Auto absichtlich in das von Jennifers Eltern. Beide wurden dabei schwer verletzt. Er selbst überlebte den Zusammenstoß nicht. Klara dachte mit Grauen daran zurück. Sie verstand Jenny in jeder Hinsicht, dass sie diesem Mann nicht hatte verzeihen können. Umso glücklicher machte sie der Umstand zu wissen, dass Jenny die große Liebe letztendlich doch noch gefunden hatte. Im Mai war die Hochzeit geplant. Max, der zukünftige Schwiegersohn besaß nicht nur das Herz am rechten Fleck, sondern auch die Mittel, seiner Frau finanziell ein gutes Leben bieten zu können. Seine beiden Kinder, Amelie und Benny, derentwegen er Jenny als Nanny angestellt hatte, liebten ihre neue Mami aus vollem Herzen. Klaras Gesicht überzog ein zufriedenes Lächeln und ihre Augen strahlten, als sie an Jenny und ihre neue Familie dachte. Sie freute sich über den Familiennachwuchs und hatte diesen bereits ins Herz geschlossen.
Klara blickte von ihrer Morgenzeitung auf, als Gert die Küche betrat. Er roch nach seinem herb-holzigen Aftershave. Gel hielt seine von Natur aus grau melierte, dichte Haarpracht im Zaum. Sie strahlte ihn an und bemerkte, wie attraktiv er doch für sein Alter war.
»Weißt du schon, wie lange du heute im Büro bleibst?« Sie wartete auf seine Antwort, während er die Espressomaschine bediente.
»Denke, bis gegen fünfzehn Uhr. Das lässt sich einrichten.« Er nippte an der heißen Tasse und setzte sich zu seiner Frau an den Tisch. Dort warteten frische Brötchen, Butter und Marmelade auf ihn. Mit seinen schlanken Bürohänden schnitt er die Semmel in zwei Teile. Eine Hälfte behielt er und die zweite legte er zurück ins Körbchen. Klara verfolgte jeden seiner Handgriffe. Seit über sechsundzwanzig Jahren waren Sie bereits verheiratet und noch immer faszinierte sie, mit welcher Akribie er täglich seine halbe Frühstückssemmel bestrich. Voller Genuss biss er in das knusprige Gebäck.
»Möchtest du heute etwas unternehmen, wenn ich nach Hause komme? Oder sind dringend Besorgungen zu erledigen?« Er tupfte sich den Mund mit der Serviette ab, nahm einen kräftigen Schluck Kaffee und blickte sie an.
»Nein, aber ich möchte eine Forelle braten.«
»Es ist besser, wenn du damit wartest, bis ich zu Hause bin, dann kann ich dir helfen. Du sollst dich doch noch schonen und ich mache mir Sorgen«, tadelte er sie in liebevollem Tonfall.
»Es geht mir wieder gut«, protestierte sie. »Ich bin wirklich froh, wieder so fit zu sein, und mit jedem Tag wird es besser.« Klara wusste, dass Gert und auch ihre Töchter es nur gut mit ihr meinten, aber es nervte trotzdem, den besorgten Blick von ihm zu sehen. Seine Fürsorge in Ehren, aber er versuchte sie tatsächlich in Watte zu packen. Ein spitzbübisches Funkeln leuchtete aus den grauen Augen. »Ich will dich nicht nerven, aber ich mach mir eben Sorgen. Anika ist wieder besonders gut drauf, wie mir scheint. Sie trällert heute besonders laut im Badezimmer. Wenn sie wenigstens singen könnte. Mir schmerzt der Kopf bei diesen falschen Tönen«, beschwerte sich Gert liebevoll. So gerne ihre jüngere Tochter sang, so wenig beherrschte sie es. Sogar bis in die Küche drang ihr Gesang, oder wie man diese Klänge bezeichnen sollte. Klara zuckte mit den Schultern.
»Es ist doch schön, wenn sie morgens schon so gut gelaunt ist. Sollte sie einmal in eine eigene Wohnung ziehen, wird uns ihr Geträller fehlen.«
»Um Auszuziehen ist sie aber schon noch zu jung, findest du nicht? Na ja, ich muss los. Tschüss bis heute Nachmittag.« Jetzt drückte er ihr einen sanften Kuss auf den Mund und überließ sich ihrer selbst, bevor sie noch hätte etwas erwidern können. Klara seufzte. Die letzten Wochen nach dem Unfall, als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verbrachten sie und Gert bei Max und Jenny. Ihr Mann hatte nach seinem Krankenstand zusätzlich Urlaub genommen. Damit Jenny wieder zu Max und den Kindern ohne Bedenken zurückkehren konnte, hatte ihr Schwiegersohn in spe sie zu sich geholt. Dort erhielt Klara die nötige Pflege, die sie zum Gesunden benötigte. Dafür würde sie Max ewig dankbar sein.
Gerade als sie die Zeitung schließen wollte, hüpfte ihre jüngere Tochter Anika herein.
»Morgen, Mama. Schon ausgeschlafen? Ist Papa schon zur Arbeit? Ich muss auch gleich los, bin spät dran.«
»Ja, danke. Papa ist bereits am Weg zur Arbeit und du solltest noch etwas frühstücken. Auf ein paar Minuten wird es nicht ankommen«, bemühte Klara sich, rasch zu antworten.
»Leider doch! Hab verschlafen und muss wirklich los.« Sie drückte ihrer Mutter ein Küsschen auf die Wange und war schon wieder zur Tür hinaus.

Im Kindle-Shop: Mein Boss, die Liebe und andere Katastrophen: Herzgeschichten

Mehr über und von Danielle A. Patricks auf ihrer Website.