31. August 2016

'Paragrafen und Prosecco' von Janine Achilles und Katharina Mosel

Die ehemaligen Studienkolleginnen Ida und Karla treffen zufällig wieder aufeinander und beschließen gemeinsam eine Kanzlei zu gründen.

Unterstützt werden beide von Susi, die das Examen wegen Prüfungsangst nicht bestanden hat und ohne die beiden Freundinnen bis ans Ende ihrer Tage kellnern müsste. Schon bald kommen die ersten Aufträge, die so bunt sind wie das wahre Leben. Die jungen Frauen erkennen schnell, dass die Lösung nicht immer im Gesetz steht, sondern Einfühlungsvermögen und Herz erfordert. Während sich Ida mit der unerwarteten Eifersucht ihres Gatten herumschlagen muss, rutscht Susi von einer amourösen Katastrophe in die nächste. Nur Karla will mit Männern nichts zu tun haben. Das sieht nicht nur der charmante Kollege aus der Nachbarkanzlei, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht, völlig anders …

In ihrem ersten Roman gewähren die beiden Anwältinnen Janine Achilles und Katharina Mosel einen humorvollen Einblick in die Welt einer Anwaltskanzlei.

Gleich lesen: Paragrafen und Prosecco: Justitia und das wahre Leben

Leseprobe:
Es regnete, wie so oft in Hamburg. In 14 Tagen war Heiligabend und von Schnee keine Spur. Als ob der Regen nicht schon genug wäre, peitschte der Wind die Nässe auch noch in eine horizontale Richtung. Regentropfen klatschten ans Fenster und liefen von dort in breiten Schlieren nach unten. Alles in allem herrschte ein Wetter, welches eigentlich dazu einlud, es sich mit einem guten Buch und einem Glas Rotwein auf der Couch gemütlich zu machen.

Karla stand seufzend vor ihrem Kleiderschrank, der nur noch zur Hälfte mit Klamotten gefüllt war, die andere Hälfte befand sich bereits auf ihrem Futonbett – Hosen, Röcke und Blusen wild durcheinander auf einem großen Haufen. Wie so oft konnte sie sich nicht entscheiden, was sie anziehen sollte. Genau genommen hatte sie auch nichts Vernünftiges. Sie besaß zwar Jeans und einige Blazer in verschiedenen Farben, eine Jeans wäre heute Abend aber nicht das Richtige. Sie ging immerhin zur Weihnachtsfeier einer renommierten Anwaltskanzlei in der Stadt. Vielleicht sollte sie ihr dunkles Examenskostüm anziehen? Das war zwar eher sommerlich, erschien ihr für den Anlass aber noch am geeignetsten. Schließlich konnte sie nicht in ihrem vom Flohmarkt erstandenen indischen Wollrock in der Kanzlei auflaufen. Dann lieber frieren. Fahrrad fahren konnte man bei diesem Wetter vergessen, ein Taxi wollte sie sich nicht leisten und die U-Bahn Haltestelle war schließlich nicht so weit entfernt. Immerhin hatte sie noch keinen neuen Job in Aussicht und die Aushilfstätigkeit in der Anwaltskanzlei Kaspa würde mit Ablauf dieses Jahres enden.
Karla sah auf ihre Armbanduhr: 19.30 Uhr! Wenn sie noch weiter vor dem Schrank meditieren würde, käme sie zu spät. Das Examenskostüm also.
Sie zog eine dunkle, etwas dickere Strumpfhose an, schlüpfte in den engen dunkelgrauen Rock und die zum Kostüm gehörende weiße kurzärmelige Bluse. Beides befand sich glücklicherweise zusammen auf einem Bügel ganz hinten im Schrank. Wo war die dazugehörende Jacke bloß hingekommen? Karla geriet kurz in Panik, bis ihr einfiel, dass sie die Jacke neulich noch im Büro angehabt hatte. Weg konnte sie also nicht sein. Hektisch durchsuchte sie den Kleiderhaufen auf ihrem Bett und fand die Jacke schließlich unter einem anderen Blazer. Jetzt fehlten nur noch die dazu passenden Schuhe.
Sie starrte auf die überschaubare Anzahl ihrer Schuhe, die auf dem Boden des Schrankes aufgereiht waren. Warum hatte sie nicht auf ihre Mutter gehört, die ihr noch vor zwei Wochen Stiefel kaufen wollte, damit sie endlich einmal ordentliche Schuhe hätte, in denen ihre Füße warmgehalten werden würden? Karla hatte das Ansinnen ihrer Mutter zurückgewiesen und sie stattdessen überredet, ihr als Weihnachtsgeschenk einen Buchgutschein zu kaufen. Falsche Entscheidung, wie so oft. Vermutlich würde sie sich in ihrem einzigen Paar Pumps auf dem Weg ins Büro den Tod holen. Wie machten das die Frauen in New York? Die trugen auf dem Weg zur Arbeit Sportschuhe und in der Hand einen Beutel mit ihren Büroschuhen. Das hatte sie vor einiger Zeit beim Friseur in der Instyle gelesen und noch gedacht, dass das ja besonders dämlich sei. Egal. So würde sie es heute auch machen. Sie musste nur darauf achten, in der Kanzlei schnell in der Damentoilette zu verschwinden, um dort den Schuhtausch vorzunehmen.
Karla zog ihre Joggingschuhe an. Das sah zusammen mit dem Kostüm zwar merkwürdig aus, für das kurze Stück würde es aber gehen. Bei dem Wetter hatten die Menschen hoffentlich etwas anderes zu tun, als anderen auf die Schuhe zu starren. Sie packte ihre Pumps in einen Stoffbeutel und verstaute alles in ihrer großen Handtasche. Dann hüllte sie sich in ihren farbenfroh bestickten Wintermantel, wickelte sich einen bunten selbst gestrickten Schal um den Hals, ergriff ihren neben dem Schrank stehenden Regenschirm und ließ die Tür ihres kleinen Einzimmerappartements ins Schloss fallen. Gott sei Dank war die nächste U-Bahn Station nur 200 Meter entfernt.
Draußen angekommen versuchte sie den Schirm aufzuspannen. Eine Sturmböe erwischte ihn von der falschen Seite und mit einem knackenden Geräusch brachen mehrere Speichen.
»So ein Mist! Das hat mir gerade noch gefehlt.« Sie schleuderte die Überreste des Schirms voller Wut auf den Bürgersteig.
Der Wind klatschte ihr einen kalten Regenschauer ins Gesicht. Karla spürte, wie ihr das Wasser in die Augen lief. Ihr Make-up würde sie in der Damentoilette also auch auffrischen müssen. Nicht, dass sie sich viel schminken würde, sie besaß gerade einmal einen Kajalstift, Wimperntusche, Puder und einen Lippenstift, aber zur Feier des Tages hatte sie von allem Gebrauch gemacht. Um ihre Frisur musste sie sich immerhin keine Sorgen machen. Ihre dunkelbraunen Haare hatten einen praktischen Kurzhaarschnitt, der sich mit den Fingern wieder in Form bringen ließ.
Mit einer Hand versuchte sie ihren Schal um den Kopf zu wickeln, während sie im Laufschritt zur U-Bahn-Haltestelle lief. Natürlich fuhr ihr die U3 direkt vor der Nase weg, die nächste würde erst in zehn Minuten kommen. Damit käme sie etwas zu spät, was hoffentlich nicht auffallen würde.

Im Kindle-Shop: Paragrafen und Prosecco: Justitia und das wahre Leben

Mehr über und von Janine Achilles und Katharina Mosel auf ihrer Website zum Buch.

30. August 2016

'Es muss brennen' von Mart Schreiber

Seit der Silvesternacht in Köln wird immer wieder über sexuelle Übergriffe von Migranten berichtet. Willkommenspolitik prallt auf den Ruf nach Abschottung, Verständnis auf Hass, der Glaube an eine gemeinsame Zukunft auf Angst vor Jobverlust und zunehmender Kriminalität. Die zwei Geschichten in diesem Buch spielen vor dem Hintergrund dieses gesellschaftlichen Umbruchs, ohne zu bewerten oder zu moralisieren.

Dominik studiert Jus und hat vor nicht allzu langer Zeit eine neue Freundin kennengelernt. Die versuchte Vergewaltigung seiner Schwester reißt ihn jäh aus seinem geordneten Alltag. Drei afghanische Asylwerber werden als Tatverdächtige ausgemacht. Dominik wird zwischen der Meinung seiner weltoffenen Freundin und den rechten Ansichten seiner Sportsfreunde hin und her geworfen.

Gustav Ehrlicher ist Organisationsberater. Auf dem Weg zu einem wichtigen Termin lernt er auf kuriose Weise einen zehnjährigen Jungen aus dem Irak kennen. Gustav hat es sehr eilig und gibt dem Jungen seine Visitenkarte. Dies bleibt nicht ohne Folgen.

Gleich lesen: Es muss brennen: Geschichten zu den Themen Asyl und Culture Clash

Leseprobe:
Der Schlüssel findet nicht sofort ins Schloss. Dann ein metallisches Schnarren und das Klicken des zurückschnappenden Schließbarts. Ein leises Quietschen begleitet das Öffnen der Tür. Dominik liegt nackt auf seinem Bett. Die Vorhänge sind zugezogen und seine Augen starren schon seit einer Stunde in die Dunkelheit.
Seine Tür ist nur angelehnt. Licht dringt durch den Spalt ins Zimmer und stört seine Konzentration. Noch dazu knarrt der Holzboden im Vorzimmer.
„Auch schon da?“, ruft er aus seinem Zimmer.
„Gute Nacht“, antwortet sie. Ihre Stimme klingt anders als sonst. Schwach und zittrig.
„Ist was?“. Keine Antwort. Er hört nur das Schließen der Tür zu Nadines Zimmer. Sicher wieder einmal unglücklich verliebt, denkt Dominik. Es ist wieder dunkel und still. Er macht sich aufs Neue bereit, nur in seiner Gedankenwelt zu sein, ungestört von allen äußeren Einflüssen. Schluchzen. Es kommt aus Nadines Zimmer. Nur eine dünne Rigipswand trennt sein Zimmer von dem seiner Schwester. Das war schon oft Grund für Streitereien. Nadine telefoniert oft endlos und das in einer Lautstärke, die Dominik jedes Wort verstehen lässt. Oder sie hört viel zu laut Musik, noch dazu eine, die Dominik nicht mag. Kommerz halt. Das Schluchzen hört nicht auf.
„Was ist los?“, ruft Dominik laut genug, dass es seine Schwester auch durch die Wand hören kann. Kurz ist es still, doch nach wenigen Sekunden beginnt das krampfartige Schluchzen wieder. Es geht in ein auf- und abschwellendes Weinen über. Dominik steht auf und geht zu Nadines Zimmertür. Er klopft.
„Geh weg, lass mich in Ruh.“
Dominik öffnet die Tür. Nadine liegt mit dem Bauch auf ihrem Bett. Ihr Kleid ist schmutzig und zerrissen.
„Was ist passiert? Sag schon.“
Er dreht Nadine zur Seite. Sie hält sich sofort die Hände vors Gesicht, aber Dominik sieht trotzdem kurz eine blutverkrustete Platzwunde an ihrer Stirn und das verschmierte Make-up.
„Wer hat das getan? Jetzt red doch schon.“
Nadine reagiert nicht. Mit den Händen vorm Gesicht wimmert sie weiter. Dominik nimmt sie in die Arme. Er kommt sich dabei komisch vor, aber sie tut ihm leid. Sie sieht schlimm zugerichtet aus. Auch die Hände und Arme sind voller Kratzer, einige der langen, aufgeklebten Fingernägel sind abgebrochen. Er drückt sie fester an sich und tätschelt ihren Rücken.
„Schwesterherz, ich will dir ja helfen. Wir müssen deine Wunden desinfizieren.“
Nadine hat jede Körperspannung verloren und ist voll in seine Arme gesunken. Ihr Kopf liegt schwer auf seiner Schulter. Ihr Oberkörper zuckt von den wiederkehrenden Schluchzern.
„Nadine, ich hol jetzt den Verbandskasten. Kann ich dich kurz alleine lassen?“
Sie richtet sich auf und nickt. Das Schluchzen kommt nun in längeren Abständen und erinnert ihn an einen Schluckauf.
Dominik beginnt bei den Händen. Er sprüht den Desinfektionsspray auf die roten Kratzer.
„Jetzt kommt das Gesicht dran.“
Nadine hebt den Kopf und sagt: „Zuerst muss das Make-up runter.“
„Wie soll ich das machen?“
„Hol meine Abschminktücher aus dem Badezimmer, im Glasschrank links unten.“
Dominik bemüht sich, die Kratzer und kleinen Wunden im Gesicht nicht mit den Abschminktüchern zu berühren. Es gelingt ihm ganz gut.
„Jetzt erzählst du mir aber, was passiert ist.“
Nadine schüttelt den Kopf.
„Nur ein paar Sätze, damit ich Bescheid weiß.“
Sie beginnt wieder zu weinen. Erneut nimmt sie Dominik in seine Arme und streichelt über ihr verklebtes Haar. Innerlich bebt er. Sie soll sich nicht so anstellen und endlich erzählen, was geschehen ist.
„Meine kleine Schwester. Schütte dein Herz aus. Das wird dir guttun.“ Zu seinem Erstaunen wirkt das. Nadine setzt sich auf, fährt sich mit den Fingern unter die Nase und zieht den Rotz unüberhörbar hoch. „Sophie und ich sind noch kurz aufs WC am Praterstern. Da sind drei dunkelhäutige Männer hereingestürmt. Die haben wie Gleichaltrige ausgesehen. Sie sind sofort auf mich los und haben mich zu Boden gerissen. Ich war so überrascht und schockiert. Wie gelähmt.“ Sie schluchzt und ein neuerlicher Weinkrampf schüttelt sie.
„Diese Schweine. Hat dir Sophie nicht geholfen?“
„Die ist noch in der Kabine gesessen und hat sich vor Angst nicht gerührt.“
„Schöne Freundin. Na ja, kann man schon verstehen, dass sie Angst gehabt hat. Was ist weiter passiert?“
„Einer hat mir das Kleid hochgestreift und wollte mich vergewaltigen. Er hat meinen Slip zerrissen und ich habe schon gespürt, dass er bei mir herummacht.“
Ihr Schluchzen wird wieder so stark, dass sie nicht wei-terreden kann. Dominik lässt ihr etwas Zeit.
„Hast du nicht geschrien?“
„Einer hat mir den Mund zugehalten und wenn ich nur einen Mucks gemacht habe, an den Haaren gerissen und ins Gesicht geschlagen.“
„Wenn ich die in die Finger kriege, diese elenden Arschlöcher.“
„Zum Glück wollte dann eine Frau aufs WC. Sie hat sofort um Hilfe gerufen. Ganz laut. Da sind die drei weggerannt. Dabei haben sie die Frau umgeworfen. Wir sind dann auch aus dem WC raus. Die Frau und zwei Männer haben gefragt, ob sie uns helfen können.“
„Hat niemand die Polizei gerufen?“
„Ja, doch. Die Frau. Aber ich wollte nur weg und bin davongerannt. Wir sind dann in ein Taxi.“
„Scheiße. Wir müssen zur Polizei. Am besten jetzt gleich.“

Im Kindle-Shop: Es muss brennen: Geschichten zu den Themen Asyl und Culture Clash

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25. August 2016

'Ein Filmstar für Luzia: Luzia und Rouven' von Britta Keller

Als Rouven Gardner, der angesagte Jungschauspieler aus Hollywood, in Kos Urlaub macht, stolpert Luzia eines Abends wortwörtlich in seine Arme. Er ist sofort fasziniert von der schönen, aber kratzbürstigen Schweizerin. Als sie sich näherkommen, muss Rouven wegen eines ungeplanten Pressetermins vorzeitig die Insel verlassen und verliert sie aus den Augen. Erst Wochen später treffen sich die beiden bei einer Filmpremiere in Bern wieder. Trotz seines machohaften Verhaltens gibt Luzia Rouven eine Chance, doch müssen die beiden feststellen, dass sie nicht nur auf unterschiedlichen Kontinenten, sondern in komplett verschiedenen Welten leben. Intrigante Starlets, Videos von Partyexzessen und eifersüchtige Fans stehen zwischen ihnen.

Gelingt es den beiden, diese Hindernisse zu bewältigen?

Gleich lesen: Ein Filmstar für Luzia: Luzia und Rouven

Leseprobe:
Der Tag, an dem ich als Filmstar entdeckt werden sollte, begann wie jeder andere. Ich war mit meinen Eltern in Billings in Montana unterwegs. In Jeans, weißem T-Shirt und alten Chucks genoss ich die freie Zeit. Wir wohnten zwei Stunden von der Stadt entfernt auf einer Farm, die meine Eltern bewirtschafteten.
Die Arbeit auf der Farm, die Schule und der Einsatz als Wide Receiver in der Footballmannschaft ließen es nicht oft zu, in die Stadt zu fahren. Doch seit letzter Woche war das Schuljahr zu Ende und ich hatte endlich den Highschoolabschluss in der Tasche und somit mehr Freizeit. Meine Eltern hatten sich in ein Café gesetzt, nachdem ihnen mein Shoppen zu viel wurde. Unterdessen schlenderte ich in der hellen Mall durch sämtliche Sport- und Klamottenläden. Vor einer großen Auswahl an Sneakers blieb ich lange Zeit stehen. Ich nahm einige davon in die Hand und schaute sie genauer an. Ein weißer Lederschuh mit schwarzen Streifen hatte es mir besonders angetan.
Als ich mich gerade nach einer Verkäuferin umsah, tippte mir jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um und musterte verblüfft mein Gegenüber. Der grauhaarige Typ in sportlich-eleganten Kleidern sah wie eine wichtige Person aus und war in Begleitung mehrerer Assistenten und Kameramänner unterwegs. „Peter Thorne mein Name. Das mag eine komische Frage sein, aber bist du an einer Filmrolle als Rodeoreiter interessiert? Wir suchen noch einen sportlichen Mann in deinem Alter. Ich habe schon einige Castings durch und noch niemanden gefunden, aber du würdest genau zu der Rolle passen.“
„Wirklich?“, fragte ich überrascht. Zuerst dachte ich an einen Trickbetrüger, doch die Kameramänner und sonstigen Mitarbeiter ließen meine Zweifel schwinden. „Worum geht es denn?“
„George, hast du noch ein Exemplar vom Drehbuch da?“, fragte der Mann vor mir und winkte einen seiner Assistenten heran.
„Hier!“ Er drückte mir das Skript in die Hand und bat: „Lies es durch und wenn es dich anspricht, meldest du dich bei dieser Telefonnummer.“ Er legte seine Visitenkarte dazu. „Wir bräuchten aber bis nächsten Freitag deine Antwort!“
Vor Verwunderung konnte ich nur knapp nicken. „Wenn du interessiert bist, drehen wir zunächst ein paar Probeszenen!“
Sie verabschiedeten sich und ich starrte fassungslos auf das Skript in meiner Hand.
Ich kaufte mir die Schuhe und traf mich danach mit meinen Eltern im Café. Das Drehbuch lag in der Tasche mit den Schuhen. Ich wollte mich zuerst von der Geschichte und meiner möglichen Rolle überzeugen, bevor ich mit meinen Eltern redete.
Die Geschichte handelte von Jackson, einem Rodeoreiter, der seine besten Zeiten schon hinter sich hatte und von mehreren Jünglingen herausgefordert wurde. Luke, einer der Herausforderer, besaß einen ungesunden Ehrgeiz und ignorierte die Gefahren des Sports, sodass er nach einem Unfall beinahe im Rollstuhl landete. Den Verunfallten plagten tiefe Depressionen. Erst die vielen, aufmunternden Gespräche mit dem Champion halfen ihm, wieder ins Leben zurückzukehren und erneut auf ein Pferd zu steigen. Der erfahrene Reiter begann ihn zu trainieren, und er ritt danach von Sieg zu Sieg. Der würdige Nachfolger war zwar immer noch ehrgeizig, doch respektierte er nun die Gefahren des Sports und zeigte mehr Respekt für die Tiere.
Die feinfühlige Art, wie der Autor die Geschichte darstellte, imponierte mir. Deshalb erzählte ich zwei Tage später meinen Eltern von dem Rollenangebot.
Wir saßen beim Abendbrot, als ich mit der Neuigkeit herausplatzte: „Eine bekannte Filmgesellschaft hat mir eine Filmrolle angeboten.“
„Wie bitte?“, fragte mein Vater ungläubig.
„Als ich im Sportgeschäft die neuen Schuhe anprobiert habe, kam ein Regisseur mit seinem Team auf mich zu und fragte, ob ich Interesse an einer Filmrolle als Rodeoreiter hätte. Die Geschichte klingt interessant. Ich würde da gerne mitmachen.“
Ich zeigte ihm Visitenkarte und Skript und wartete gespannt auf seine Antwort.
„Wann sollen denn die Dreharbeiten beginnen und wie lange würden die dauern?“, fragte er skeptisch.
„Das weiß ich noch nicht. Ich soll zuerst bei Probeaufnahmen mein Können zeigen. Nur wenn sie von mir überzeugt sind, erhalte ich die Rolle“, erklärte ich zurückhaltend. „Ich möchte aber diese Chance nutzen und mein Bestes geben.“
Mein Vater runzelte die Stirn und fragte mich ungläubig: „Rouven, wie willst du das alles schaffen, wenn du im Herbst dein Studium beginnst.“ Fragend sah er mich dabei an.
„Das kann ich doch um ein halbes Jahr verschieben. Die Aufnahmen dauern bestimmt nicht länger. Es wird ja nur eine Nebenrolle sein“, wandte ich stirnrunzelnd ein.
„Ich sehe zwar nicht ein, dass du deswegen das Studium verschiebst, aber du bist alt genug, selbst zu entscheiden. Wenn du es unbedingt willst, melde dich für die Probeaufnahmen. Solltest du die Rolle wirklich erhalten, müssen wir mit dem Regisseur das weitere Vorgehen abklären.“
Das wusste ich auch selber, was ich ihm mit einem empörten Blick zu verstehen gab. Das hielt ihn aber nicht ab, mir in einem bestimmten Ton zu befehlen: „Die Uni wirst du aber spätestens in einem Jahr beginnen“, mitzuteilen.

Im Kindle-Shop: Ein Filmstar für Luzia: Luzia und Rouven

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24. August 2016

'Der blaue, beinahe wolkenlose Himmel' von Eva-Maria Farohi

Nichts kann das Glück von Helen und Alexander trüben. Sie heiraten, bekommen eine kleine Tochter. Dann schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Die Ehe zerbricht, und Helen und Alexander verlieren den Kontakt zueinander.

Jahre später begegnen sie sich zufällig wieder – auf Mallorca, wo sie schon einmal so unendlich glücklich waren. Sie fühlen sich wie magisch zueinander hingezogen. Doch ist ihre Liebe stark genug, um die Vergangenheit zu überwinden?

Gleich lesen: Der blaue, beinahe wolkenlose Himmel






Leseprobe:
Er stieg aus dem weißen Reisebus mit der bunten Aufschrift an den Seiten und blieb kurz stehen.
Alles sah noch genauso aus, wie er es in Erinnerung hatte. Das war inzwischen über zehn Jahre her.
Alexander fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wischte schnell über die Augen. Die Sonne blendete ihn. Doch er konnte nichts tun gegen die Macht seiner Gedanken. Damals war es Januar gewesen. Sie hatten nicht viel Geld gehabt, und im Winter gab es günstige Angebote. So waren sie in dem schönen Hotel abgestiegen, das sonst nicht in ihren Budgetrahmen gepasst hätte. Er bückte sich nach seinem Koffer, den ihm der freundliche Busfahrer zuschob, und ging langsam auf den Hoteleingang zu.
War es wirklich eine gute Idee gewesen, gerade heute hierherzukommen? Was wollte er hier?Nichts konnte den Schmerz in seinem Inneren mildern. Niemals würde er vergessen. Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen.
Die Hotelhalle erschien ihm fremd. Sie wirkte seltsam verändert. Vielleicht hatte man sie renoviert. Vor dem Tresen der Rezeption stellte er sich in die Reihe der Wartenden – dann erhielt er seine Schlüsselkarte und warf einen Blick auf das Etui aus Papier. Nummer sechshundertdreiunddreißig. Warum nur hatte er darum gebeten, ausgerechnet dieses Zimmer zu erhalten?
Wieso tat er sich das an?
Je länger er auf die Nummer starrte, umso schwerer schien die Karte in seiner Hand zu liegen. Damals waren es noch Schlüssel gewesen, fiel ihm ein, während er zum Fahrstuhl ging. In der Mitte des Zimmers stand das Doppelbett. Alles wirkte so unverändert. Nur die Möbel waren neu.
Er öffnete die Balkontür.
Auf diesem Balkon hatten sie jeden Abend gesessen, eng nebeneinander als Schutz gegen die Kälte. Hatten die Sterne am Firmament gezählt, deren Zahl unendlich schien, und dazu dem Rauschen des Meeres gelauscht, ehe sie wieder in das Zimmer zurückgekehrt waren, um sich im Bett aufzuwärmen.
Diesmal war er allein.
Er legte den Koffer auf die Tagesdecke und begann mechanisch auszupacken.Viel hatte er nicht dabei. Den Schlafanzug legte er aufs Bett. Früher hatte er keinen getragen, sondern nackt geschlafen, dachte er. Es war warm im Zimmer. Wozu hatte er ausgerechnet einen Schlafanzug mitgenommen?
Er nahm ihn hoch und steckte ihn in den Koffer zurück.
Dann trat er auf den Balkon hinaus. Vor ihm lag das Meer. Endlos weit erstreckte es sich bis hin zum Horizont. Im Westen versperrte eine Landzunge die Sicht, auf deren Kuppe ein Gebäude stand.
Das Lokal dort fiel ihm wieder ein.
Sie waren mehr als einmal zusammen oben gewesen, hatten in der Sonne gesessen, etwas getrunken und zum Wasser hinabgeschaut, dessen tiefes Dunkelblau mit dem Goldton der Felsen kontrastierte. Es hatte nach Kräutern gerochen. Nach Thymian, nach Rosmarin – und nach Pferden. Die Sonne hatte die Luft angenehm aufgewärmt, und der Himmel über ihnen war blau und beinahe wolkenlos gewölbt. Als wären seither nur wenige Tage vergangen, so präzise erinnerte er sich daran.
Heute aber war der Strand voller Menschen. In langen Reihen standen die strohgedeckten Sonnenschirme, spendeten den zahllosen Liegen Schatten, auf denen es sich Hunderte von Urlaubern gemütlich machten.
Das Wasser war völlig ruhig und glitzerte.
Alexander steckte die Hände in die Taschen seiner Leinenhose, verharrte weiter reglos auf dem Balkon, versunken in die Betrachtung des Meeres.Tief atmete er ein. Registrierte den Geruch. Nach Salzwasser, nach Wärme, nach Strand. Er drehte sich um und ging ins Zimmer zurück. Ohne sich noch weiter aufzuhalten, trat er auf den Gang, fuhr in die Eingangshalle und verließ das Hotel.
Auf der Uferpromenade wehte ihm eine angenehme Brise entgegen, ließ ihn die Schwüle des Zimmers vergessen. Einen kurzen Augenblick nur sah er zu der Landzunge hinüber, ehe er sich in die andere Richtung drehte. Irgendwann während seiner langsamen Wanderung machte er halt, trank einen café con leche, um dann nochmals ein Stück weiterzugehen. Ruckartig blieb er stehen, starrte bewegungslos auf das Schild über der Boutique an der Promenade. Nur ein Namenszug stand über dem breiten Schaufenster: Julia.
Wie in Trance ging er darauf zu. Streckte die Hand nach dem Kleiderständer aus, der vor dem Eingang stand.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Verkäuferin war jung, hatte braune Locken und ein strahlendes Lächeln. Kurz sah er sie an. Dann schüttelte er den Kopf. Alexander nahm eines der Shirts von der Stange. Es war aus weißer Baumwolle. Das Eidechsen-Motiv in Blau- und Grüntönen nahm beinahe die ganze Vorderseite ein. Silbrige Linien ließen es lebhaft schillern.
M stand auf dem Etikett.
Helen hatte immer Größe M getragen. Obwohl sie gertenschlank war. Aber sie mochte keine engen Shirts. Ohne auf den Preis zu achten, legte er das Shirt auf den Tresen, beobachtete, wie die Verkäuferin es zusammenlegte und in einer dunkelroten Tüte mit dem Aufdruck Boutique Julia verstaute.
Julia. Heute wäre ihr zehnter Geburtstag gewesen.
Ohne noch etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen, ging er weiter. Merkte überrascht, dass er in dem kleinen Hafen am anderen Ende der Bucht angelangt war, und setzte sich auf eine der einladenden Bänke, die um eine Gruppe von knorrigen Tamarisken aufgestellt waren. Ob ihr dieses Shirt wohl gefallen hätte – oder wäre es zu groß gewesen? Wie würde sie darin aussehen? Was hätte sie selbst sich von ihm zum Geburtstag gewünscht?
Er saß auf der Bank und dachte an Helen. Seine Frau.
Zum Greifen nahe sah er plötzlich ihr Gesicht vor sich: das weizenblonde Haar, das ihre feinen Gesichtszüge umschmeichelte, die leuchtenden Augen, die ihn immer so anstrahlten, und ihr Lachen. Beinahe vermeinte er, die zarte Berührung ihrer Hände zu spüren, das Parfum zu riechen, während sie sich über ihn beugte. Ihr Parfum. Es war immer dasselbe gewesen – die ganzen Jahre hatte sie es nicht gewechselt. Wo sie jetzt gerade war? Ging es ihr gut? Lebte sie allein oder hatte sie sogar wieder geheiratet? Dachte sie manchmal noch an ihn?
Das Geräusch eines Motors unterbrach seine Gedanken.
Zwischen dem roten und dem grünen Hafenlicht tuckerte ein weißes Fischerboot die Einfahrt entlang.Er sah ihm nach, beobachtete, wie es in Richtung des Hafengebäudes steuerte, langsamer wurde, um schließlich an einem der zahlreichen Anlegeplätze festzumachen.
Helen. Wie sie wohl jetzt aussah?
Hatte sie ihm inzwischen ein wenig vergeben? Oder hasste sie ihn immer noch? Unruhig stand er auf. Er bemerkte, dass bereits einige der Stühle in den kleinen Speiselokalen besetzt waren, die rund um das Hafenbecken zum Essen einluden. Vermutlich gab es auch im Hotel schon Abendessen, dachte er und schlug automatisch den Weg zurück ein.
Alexander verspürte keinen Hunger.
Er wollte nur, dass dieser Tag irgendwie vorüberging. Und mit ihm der Schmerz, der die ganze Zeit schon in seinem Inneren tobte. Die Hotelhalle war mit unzähligen Menschen gefüllt – Stimmengewirr, lautes Lachen –, irgendwoher tönte Musik aus einem Lautsprecher. Ein Kellner mit einem Tablett voller Gläser lief an ihm vorbei. Er beschloss, doch noch in den Speisesaal zu gehen. Vielleicht sollte er zumindest eine Suppe essen.
In diesem Moment sah er sie. Sie sah aus wie immer. Völlig unverändert.
Noch während er sie beobachtete, beugte sie sich über den niedrigen Tisch und nahm einen Prospekt in die Hand. Dabei strich sie sich eine lose Strähne aus dem Gesicht. Die Geste war ihm so unendlich vertraut.
Er erstarrte.
Während sie las, drehte sie sich ein wenig in seine Richtung, so dass er ihr Gesicht genauer sehen konnte. Er machte kehrt und ging zur Rezeption. „Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe gerade eine unserer Kundinnen gesehen. Könnten Sie mir ausnahmsweise ein wenig weiterhelfen? Es wäre mir peinlich, wenn ich eine falsche Person anspreche“, bat er und setzte dabei ein freundliches Lächeln auf.
Die junge Frau betrachtete ihn einen Moment lang, bevor sie ebenfalls lächelte.
Gleich danach ging sie zum Computer. „Wonach soll ich suchen?“, fragte sie und sah ihm tief in die Augen. „Ich glaube, der Name war Wagner“, sagte er. „Helen Wagner.“ Das war ihr Mädchenname gewesen. Vorsichtig drehte er sich ein wenig in Richtung der Halle.
Sie war nicht mehr da.
„Helen Wagner“, sagte die Angestellte. Immer noch lächelte sie. „Ja, sie ist hier. Heute angereist. Sie bewohnt mit Herrn Becker zusammen Zimmer Nummer fünfhundertvierunddreißig. Aber Herr Becker hat noch nicht eingecheckt.“ Er nickte. Versuchte, sich zu beherrschen. Sie war es wirklich.
Er schob einen Schein über den Tresen. Lächelte ständig weiter. „Darf ich Sie auf etwas einladen?“ Die Frau griff nach dem Schein, zog ihn näher zu sich heran. „Gerne“, sagte sie. „Vielen Dank auch. Vielleicht trinken Sie ja einmal ein Glas mit.“
Mühsam bezwang er seine Unruhe. Nickte.
„Ich bin eben erst angekommen. An einem anderen Tag?“ „Sie wissen ja, wo ich bin“, sagte die Rezeptionistin, ehe sie sich einem anderen Gast zuwandte.

Im Kindle-Shop: Der blaue, beinahe wolkenlose Himmel

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23. August 2016

'Der Grenzgänger: Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg' von Lutz Kreutzer

Seit Eddy Zett vor zwanzig Jahren an der italienischen Grenze einen Wilderer zur Strecke gebracht hat, gilt der Alpinpolizist aus dem Gailtal als Legende. Als sich einige Fälle von grässlichen Tierverstümmelungen in den Bergen häufen, befällt Eddy eine dunkle Ahnung: Der Täter geht genauso vor wie der Wilderer damals.

Dann stirbt die Käserin der Sternberg-Alm auf dieselbe Weise. Als sich die grausamen Taten bis in die Dolomiten ausweiten, werden Eddy und sein Kletterfreund Fredo von der italienischen Alpinpolizei als Sonderermittler auf den Fall angesetzt. Was geht in dem Mörder vor? Was steckt hinter den ritualisierten Tötungen? Und wie hängen die Ereignisse der Vergangenheit damit zusammen? Ein weltbekannter Kriminalpsychologe hilft Eddy auf die Sprünge. Doch was Eddy und seine Familie dann ereilt, stellt alles in den Schatten, was die Dolomitenregion an Kriminalfällen je erlebt hat. Eddy und Fredo stehen vor einem Fall, der all ihre Kräfte aufzuzehren droht – und Eddys Leben in den Grundfesten erschüttern wird.

Ein Gänsehaut-Kriminalroman für Bergsteiger und Bergliebhaber.

Gleich lesen: Der Grenzgänger: Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg (Rother Bergkrimi)

Leseprobe:
Als Eddy in seinem Dienstwagen saß, wurde ihm schlecht. Er nahm seine Mütze ab, legte sie auf den Beifahrersitz und rieb sich den Schweiß von der Stirn. Verdammt, dachte er. Es kribbelte, und er wusste, dass er aufpassen musste, dass er nicht wieder diese Scheißangst bekam. Langsam, mein Eddy, langsam, dachte er. Also: Erst mal überlegen!
Die Schafe vom Nosterer waren nicht das einzige Problem. Vor vier Wochen hatte ein italienischer Jagdgast eine aufgeschlitzte Gams gefunden. Ihr fehlte auch das linke Ohr. Sie hatte ebenfalls einen Zweig im Maul gehabt. Der Jagdaufseher des Waldbesitzers hatte mit Eddy darüber gesprochen, wollte aber keine Anzeige erstatten, da der Eigentümer keinen Skandal haben wollte. Eddy hatte sich darauf eingelassen. Eigentlich hätte er jetzt die Kriminalpolizei einschalten müssen, doch er wollte keine Unruhe im Tal haben. Und dann gab es noch eine aufgeschlitzte Hirschkuh im oberen Gailtal. Sie war ähnlich zugerichtet wie die Gams und die Schafe.
Doch ein anderer Gedanke quälte Eddy noch mehr. Das hatten wir schon mal, dachte Eddy, vor zwanzig Jahren, und die Erinnerung drehte ihm den Magen um. Eddys Hände wurden klamm, als er die Bilder jetzt wieder vor Augen hatte. Damals war es sehr ähnlich gewesen: tote Schafe, aufgeschlitzt, einfach liegen gelassen. Dann kamen ein paar Gämsen hinzu. Alles im Abstand von jeweils einigen Wochen. Mit einem Kleinkaliber angeschossen, aufgebrochen und nicht ausgeweidet. Allen fehlte ein Ohr, immer das linke. Und im Maul ein Zweig. Und dann hatte Eddy das Schwein erwischt. Im Obertilliacher Tal, unterhalb der Porzescharte.
Eddy war gerade drei Jahre bei der Alpinen Einsatzgruppe der Bundesgendarmerie gewesen. Revierinspektor und für Oberkärnten zuständig. Seit den Vorfällen war er oft auf Streifzug am Karnischen Hauptkamm gegangen, entlang der österreichisch-italienischen Grenze. Dabei war er auch im benachbarten Osttirol unterwegs. Gebirge machten vor Bundesländern keinen Halt, sagte er sich, und Wilderer auch nicht. Und seine Osttiroler Kollegen und er hatten einen guten Draht zueinander und informierten sich stets gegenseitig. Eddy war gerne in den Bergen, und das wussten die Kollegen und seine Vorgesetzten zu schätzen. Er tat das, um mit den Hüttenwirten zu reden, denn Eddy wollte ein Gefühl dafür bekommen, was in den Bergen los war.
An jenem Tag kehrte er bei der Porzehütte oberhalb von Obertilliach in Osttirol ein. Der Hüttenwirt, ein Aussteiger aus der Oststeiermark, der mit seiner Weltsicht nicht immer die Meinung und den Geschmack der Einheimischen traf, berichtete Eddy nach einem Fünfminutengespräch über Gott und die Welt von einem Vorfall: »Stell dir vor: I geh raus vor die Hütt’n und hinunter zum Gerätehaus, weil der Kompressor mal wieder ausgefallen war. Totenstill war’s draußen. Dann der Knall.«
»Was für ein Knall?«, fragte Eddy. »Ein Schuss, hell, nicht allzu laut, vielleicht ein Kleinkaliber. Nix Großes. Aber es war ein Schuss.«
»Wann war das?«
»Vorige Woche mal, abends, so gegen sechs auf d’Nacht.«
»Und was hast’ dann gemacht?«
»Nix. Hören tut ma ja alleweil irgendwas.«
»Hmm«, hatte Eddy gemurmelt. »Und woher kam der Schuss?«
»Von weiter oben, in der Nähe der Grenz.«
»Hast mit den Kollegen in Obertilliach oder Sillian gesprochen? Die sind dafür zuständig.«
»Geh komm, Eddy. Wenn i denen des erzähl, die machen doch nix. I bin a Steirer und sing englische Liadln, des ist so wie wenn du a Neger in Wien bist. Da bist so fremd wie nur irgendwie. Da in der Gegend gibt’s ja noch Wilderer. Und da kennt doch jeder jeden.«
Eddy verstand, was er meinte. »Hör zu, du gehst heut noch ins Tal und zeigst das den Kollegen an. Verstehst? Des war a Italiener!«
»Woher willst des wissen, Eddy?«, fragte der Wirt scharf.
»Weil die Wilderer aus Osttirol weiter drüben unterwegs sind, in Villgraten und so, aber net da, drei Meter von der italienischen Grenz weg!«
Der Hüttenwirt sah über seine runden Brillengläser und nickte zaghaft.
»Wenn du’s dir net verderben willst mit die Leut. Okay?«
Zwei Tage später rief der Kollege aus Obertilliach an und informierte Eddy über den Vorfall, von dem er nicht wusste, dass Eddy ihn schon kannte. Sie verabredeten gegenseitige Unterstützung.

Im Kindle-Shop: Der Grenzgänger: Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg (Rother Bergkrimi)

Mehr über und von Lutz Kreutzer auf seiner Website zum Buch.

16. August 2016

'Der Rosenfälscher' von Detlef Krischak

Das zweite Ich
Sein zweites Ich steht auf blonde Frauen mit blauen Augen. Es war auch für den Tod einer seit drei Monaten vermissten Frau verantwortlich. Weshalb legte er eine blaue Rose zu den Leichenteilen, die zufällig in einem todsicheren Versteck in Lingen gefunden werden? War es ein letzter Gruß oder verhöhnte er sein Opfer? Dennis Winkler steht vor einem Rätsel. Erst kurze Zeit ist er der Leiter der Tatortgruppe Lingen, schon führt ihn sein erster Mordfall auf die Spur eines Psychopathen. Während Winkler mit seinem Team im Umfeld eines Bestatters ermittelt, wird wenige Tage später eine junge Rechtsanwältin aus Hopsten vermisst. Sie ist blond und blauäugig …

Carsten Grewe vom Kriminalkommissariat 23 in Ibbenbüren begibt sich auf die Suche nach der vermissten Anwältin, deren Entführer er unter ihren ehemaligen Mandanten vermutet. Blaue Rosenblütenblätter führen Grewe und Winkler zusammen. Schnell wird ihnen klar, dass sie den gleichen Täter suchen. Sie begeben sich gemeinsam auf die Jagd nach einem Mann mit gespaltener Persönlichkeit, der weiße Rosen blau färbt.

Dieser Roman ist der fünfte Band der Reihe Emsland-Krimi und wird im Verlauf der Handlung zu einem Tecklenburger-Land-Krimi.

Gleich lesen: Der Rosenfälscher: Das zweite Ich (Emsland-Krimi 5)

Leseprobe:
Sie trugen bis zu den Knien reichende schwarze Talare, die der Wind um ihre Beine flattern ließ. Darunter Anzüge in derselben Farbe. Altmodische Dreispitze in der klassischen Form auf ihren Köpfen konnten nur zur Zierde gedacht sein, vor der Kälte schützten sie nicht. Ihre weißen Paradehandschuhe waren ebenfalls nur Dekoration; später würden die Männer sie ins offene Grab auf den Sarg werfen. So war es Tradition. Die sechs Sargträger traten mit den Füßen auf der Stelle. Es war Ende Januar und kalt, sehr kalt. Die Männer froren und schwiegen.
Leichter Schneefall in der Nacht hatte dem Neuen Friedhof in Lingen ein noch friedlicheres Aussehen gegeben als sonst. Der kalte Ostwind wirbelte den Schnee durch die Luft, Eiskristalle glitzerten im Sonnenlicht. Den Männern wurde es zu kalt. Schutzsuchend gesellte sich ein Sargträger nach dem anderen zu den trauernden Angehörigen, die sich im Windschatten neben dem Gebude versammelt hatten. Auch sie froren und redeten nicht. Nur das Rauschen des Windes war zu hören.
Kurz nach zwlöf, mittags. Zwanzig Personen hatten sich versammelt. Ohne die Träger ein mickriger Haufen. In einer halben Stunde sollte die Andacht zum Tode von Hubert Schütte beginnen; direkt anschließend sollte er im Familiengrab neben seiner vor drei Jahren verstorbenen Hilde zur letzten Ruhe gebettet werden. Hubert Schütte war vor wenigen Tagen im Alter von neunundachtzig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben und nur wenige Familienangehörige und Bekannte waren wegen des schlechten Wetters gekommen, um Abschied von ihm zu nehmen.
Hatte er das verdient? Nein, das hatte er nicht.
Ein Leben lang hatte Schütte sich für andere eingesetzt, nicht an sich gedacht, sich krumm gemacht für die Kinder, ihnen ein Heim gebaut, für ihre Ausbildung gesorgt, es ihnen leicht gemacht. Und für seine Frau war er da. Immer. Immer dann, wenn er nicht alleine in einer Kaserne hockte, Dienst schob und die Knochen für das Land hinhielt. Als Soldat.
Aber das war lange vorbei. Mit achtundfünfzig war Schluss. Das Vaterland, dem er treu zu dienen und es tapfer zu verteidigen geschworen hatte, brauchte ihn nicht mehr. Zum alten Eisen abgestempelt, genoss er einunddreiig Jahre lang seine Pension. Er lebte sehr sparsam und hatte in dieser Zeit ein kleines Vermgen angehäuft, das nun an seine beiden Kinder fiel.
Sein Sohn Helmut, ein im Ruhestand lebender Lehrer und Pfennigfuchser, hatte die Formalitäten der Beerdigung mit Josef Dengler besprochen und dabei natürlich versucht, den Preis zu drücken.
Dengler war der Inhaber des gleichnamigen Bestattungsinstitutes im Süden Lingens; er führte das Unternehmen mit seinem Sohn in der dritten Generation. Die Geschäfte des Einundsiebzigjhrigen liefen gut. Jede Woche hatte er im Schnitt drei Verstorbene unter die Erde zu bringen oder zum Krematorium nach Osnabrück zu fahren. Über die Kosten zu schachern, war nicht sein Ding. Dengler hatte einen guten Namen und war bekannt für gute Arbeit. Gute Arbeit für gutes Geld.
Der Bestatter stand mit seinem Sohn Martin vor dem Eingang zur Leichenhalle, die sich mit drei Kammern in einem Rundbau links neben der Friedhofskapelle befand. Die Trauerfeier sollte um ein Uhr beginnen. Er rieb sich die Hände und warf einen Blick auf seine Uhr: halb eins.
Josef Dengler wurde ungeduldig. "So langsam könnte die Frau hier eintrudeln." Er deutete mit dem Kopf zu den Trauergästen und den Sargträgern. "Den Leuten ist es bestimmt zu kalt hier draußen. Bitte sie doch in die Kapelle, sonst frieren sie sich noch einen Ast ab", sagte er und blies warmen Atem in seine nun gefalteten Hände.
Sein Sohn Martin nickte und ging zu den Wartenden, die sein Angebot, sich aufzuwärmen, dankend annahmen. Auch die Sargträger, rüstige Rentner, die sich nebenbei bei Dengler ein paar Euro dazuverdienten, traten aus dem Windschatten und stellten sich hinten in die Kapelle.
Rita Dreier, die Tochter des Verstorbenen, hatte vor einer halben Stunde bei Dengler angerufen und eine Bitte geäußert, die er nicht hatte ausschlagen können. Sie wollte noch einmal ihren verstorbenen Vater sehen. Ihr war es aus beruflichen Gründen nicht möglich gewesen, einen Tag vorher aus Köln anzureisen und Abschied von ihm zu nehmen.
"Das wird sich einrichten lassen, Frau Dreier. Kein Problem. Wir können den Beginn der Andacht ein paar Minuten hinausziehen", hatte Dengler ihr am Telefon geantwortet. Da hatte sie die Autobahn bei Lohne gerade verlassen und war in Richtung Lingen abgebogen.
Der Sarg mit der Leiche von Hubert Schütte stand auf einem Wagen in der ersten Kammer. Alles war vorbereitet. Sie mussten ihn nur noch in die Kapelle zwischen die Kerzenträger und Blumengestecke schieben. Martin Dengler hatte, kurz nachdem die Tochter des Verstorbenen den ungewöhnlichen Wunsch geuert hatte, die Schrauben auf Geheiß seines Vaters aus dem Sargdeckel entfernt. Auch das war erledigt.
"Das könnte sie sein." Martin stieß seinem Vater in die Seite. Mit schnellen Schritten näherte sich ihnen eine Frau in schwarzer Kleidung. Sie trug einen Strauß Gladiolen. Dengler senior nickte und blickte wieder auf seine Uhr. "Dann wollen wir mal."
Er ging ihr ein paar Schritte entgegen. "Sind Sie Frau Dreier?"
Sie war auer Atem und nickte. "Ja. Entschuldigung, dass ich mich etwas verspätet habe. Es war ziemlich glatt auf den Straßen."
Der Bestatter senkte seinen Kopf und reichte ihr die Hand. "Herzliches Beileid, Frau Dreier ... können wir?" Er wies Richtung Leichenhalle und ging langsam voraus.
"Wie sieht mein Vater aus?", fragte sie im Gehen. Fast hörte es sich so an, als erkundigte sie sich nach seinem Befinden. "Kann ich die Gladiolen in den Sarg legen? Er mochte sie zu Lebzeiten so gern."
"Er sieht aus, als wenn er schlafen würde. Machen Sie sich keine Sorgen. Die Blumen können Sie natrlich zu ihm legen", antwortete Dengler leise und betrat mit ihr den Flur, der zur Leichenkammer führte. Er wartete eine Weile und ließ sie zu Atem kommen. Die Zeit würde sie auch benötigen – das wusste der Bestatter –, sich zu sammeln und zu fassen.

Im Kindle-Shop: Der Rosenfälscher: Das zweite Ich (Emsland-Krimi 5)

Mehr über und von Detlef Krischak auf seiner Website.

15. August 2016

'Mobbic Walking' von Ulla B. Müller

An zwei Dingen kommt Mona nicht vorbei: An ihren fünfzigsten Geburtstag und der Fitnessgranate, die es auf ihren Arbeitsplatz abgesehen hat. Da Mord nicht die Lösung ist, um ihre Stelle in der Sportequipment-Firma zu behalten, bleibt ihr nur der steinigste aller Wege: Abnehmen und Sport. Ausgerechnet dabei trifft sie auf den größten Stolperstein, ihren Nordic-Walking-Trainer. Die Laufstrecke verwechselt er mit einem Truppenübungsplatz, aber seiner Mutter im Seniorenheim liest er jeden Wunsch von den Augen ab. Es kostet viel Schweiß und Nerven, bis Mona begreift, wie wichtig dieser attraktive Quälgeist für sie ist.

Der zweite Liebesroman von Ulla B. Müller für Frauen, bei denen Fitness und sich neu Verlieben ganz oben auf der To-Do-Liste stehen.

Gleich lesen: Mobbic Walking

Leseprobe:
Das war Teufelswerk. Mona spürte es ganz deutlich. Wie jeden Morgen musste sie auf dem Weg vom Parkplatz zum Fabrikgebäude an dieser Bäckerei vorbei, und meistens schaffte sie es ohne Unterbrechung. Auch heute war sie schon ein paar Meter weiter. Doch mit einem Mal wurden ihre Füße immer schwerer, und plötzlich kam sie überhaupt nicht mehr von der Stelle. Eine unsichtbare Macht zwang sie kehrtzumachen und noch einmal auf das Angebotsschild am Eingang zu schauen. Verflixt! Da stand es wirklich: Drei Schokocroissants zum Preis von zwei. Selbst wenn man höchstens zwei schaffte, würde kein vernünftiger Mensch so blöd sein und der Frau hinter der Theke zusäuseln: »Packen Sie mir ruhig eins weniger ein.« Das machte man doch nicht! Eher würde man sich das dritte für später aufheben, auch auf die Gefahr hin, dass es nach kurzer Zeit labberig in sich zusammenfiel.
Entschlossen öffnete Mona die Ladentür und kehrte nach drei Minuten mit der prall gefüllten Sonderangebotstüte und einem Kaffee im Pappbecher wieder. Heute war es sowieso egal. Der Tag war so gut wie gelaufen.
Wenige Minuten später stand sie vor ihrem Büroschreibtisch und lud alles, was sie in den Händen hielt, vor die Tastatur ihres Rechners. Im Nu überlagerte herrlicher Kaffeeduft das Luftgemisch aus verstaubten Heizkörpern und Industrie-Teppichboden.
Ihr Schreibtischstuhl ächzte, als sie sich zurücklehnte und sich dem himmlischen Geschmack der kleinen Schokoladenstückchen aus dem ersten Croissant hingab. So ein früher Morgen, ganz allein in der Firma, hatte etwas Angenehmes, etwas Friedliches.
Heute war sie nur Rudi, dem Pförtner, begegnet.
»Tach, Frau Seitz«, hatte er sie begrüßt und dabei wie gewöhnlich mit zwei Fingern an die Stirn getippt. »Heute doch in die Firma?« Zum Lächeln war ihm bei dieser Frage nicht zumute gewesen.
»Ja, ja. In den zwei Stunden bis elf kann ich noch Einiges vom Tisch kriegen.« Mona hatte schon ein wenig schlucken müssen, als ihr die schwarze Armbinde an seinem rechten Hemdsärmel aufgefallen war.
Mit den anderen Kollegen brauchte sie an diesem Freitagmorgen nicht zu rechnen.
Obwohl es nicht zum Anlass des heutigen Tages passte, hatte der Morgen auch zu Hause schon überraschend gut begonnen, als sie ihr schwarzes Kostüm anprobierte, das seit der Abiturfeier ihres Sohnes vor fünf Jahren unbenutzt im Schrank schlummerte. Ihre düsteren Vorahnungen hatten sich zum Glück nicht bewahrheitet. Es passte noch. Besser gesagt, gerade noch so eben. Nur das eisgraue ärmellose Oberteil mit dem Bündchen am Hals hatte sie nach der Anprobe schnell wieder zurückgehängt. Es hatte sich wie ein Taucheranzug an ihren Körper geschmiegt, wobei das noch sehr schmeichelhaft formuliert war. Und heute Vormittag ging es eher darum, auf- und nicht abzutauchen.
Sie hatte es mittlerweile aufgegeben, sich wegen der fünfzehn Kilo mehr ständig selbst mit Vorwürfen in den Ohren zu liegen. Seit ihrer Scheidung von Henning war ihr Gewicht so ziemlich das Letzte, mit dem sie sich herumschlagen wollte. Ihre beste Freundin hatte sie schon öfters dezent darauf hingewiesen, dass es für fast alle Lebensmittel auch Light-Versionen gab. Ute war zwar Köchin, aber trotzdem ungewöhnlich schlank und das sogar ohne Nikotin oder Pülverchen aus der Apotheke. Sie musste auch schlank sein, denn sie hatte sich vor zwei Jahren zur Ernährungsberaterin fortbilden lassen, und wer eiferte schon jemandem nach, der mit einer Taillenweite jenseits von Gut und Böse herumlief? Für Monas Lieblinge, Croissants und Nougatschokolade, fiel Ute allerdings auch keine fettarme Variante ein, und die patzige Ausrede, dass die zusätzlichen Pfunde im Alter gut gegen Falten wirkten, wurde von ihr nur müde belächelt.
»Da kannst du dir gleich Botox spritzen lassen. Das hat wahrscheinlich weniger Nebenwirkungen als dein Übergewicht. Aber wie wär’s denn mal mit Sport? Das strafft auch.« Als Nächstes folgte der läppische Spruch: »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es«, und Walking oder Schwimmen bildeten dann die Quintessenz ihrer freundschaftlichen Empfehlungen, angesichts der drallen Figur ihrer Freundin.
Mona beantwortete diese Art von Ratschlägen gewöhnlich mit einem genervten Augenrollen. Gut kochen können und gertenschlank sein - nie würde sie begreifen, wie das zusammenging. Und wenn einem beziehungstechnisch übel mitgespielt wurde, erwartete man auch in einem Plus an Körperertüchtigung keine Wunder. So entschied sie kurzerhand, ihr Gewicht vorübergehend aus ihrem näheren Wahrnehmungsbereich auszuschließen und die drei Kleidergrößen mehr unter der Rubrik Trostpflaster zu verbuchen.
Die Sonne schien bereits streifenförmig durch die Lamellen der Jalousie und heizte den Büroraum zusehends auf. Für die zwei geplanten Arbeitsstunden war ihre Garderobe jetzt schon entschieden zu warm. Mona hielt rücklings den rechten Ärmel ihres Blazers fest und versuchte krampfhaft den Arm herauszuziehen. »Mona Seitz, eine rheumageplagte Anakonda häutet sich mit Sicherheit eleganter«, mopperte sie vor sich hin, als sie trotz merkwürdiger Körperwindungen nicht aus der schwarzen Hülle herauskam. Zu allem Übel klingelte auch noch das Telefon. Bevor die rechte Hand endlich befreit zum Hörer greifen konnte, krachte es am vorderen Ärmelansatz. Die Naht zur Schulter klaffte zehn Zentimeter weit auseinander und gestattete einen freien Durchblick auf das seidige Innenfutter.
»Mist!«, zischte Mona und legte den Hörer ans Ohr.
»Ja, genau darum geht’s. Es geht um den Mist, den sie meiner Mutter vor zwei Wochen geliefert haben. Ich gehe mal davon aus, dass ich mit dem Kundendienst der Firma Kaiser verbunden bin?« Die dunkle Männerstimme klang sehr bestimmt und sehr unzufrieden.

Im Kindle-Shop: Mobbic Walking

12. August 2016

'Zwanzig Sekunden Ewigkeit' von Siegfried Langer

Alex erwacht.
Es ist bitterkalt.
Ein Kühlraum für Leichen, stellt sie entsetzt fest.
Verzweifelt hämmert sie an die Tür und schreit um Hilfe. Aber niemand hört sie. Was ist passiert?
Sie kann sich an nichts erinnern. Hat man sie für tot gehalten? Oder entführt und hier eingesperrt?

Als sich die Tür schließlich öffnet, wird ihre Verwirrung noch größer, denn in diesem mysteriösen Haus ist nichts, wie es scheint. Nach und nach tauchen rätselhafte Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit auf und Alex versucht, die Puzzleteile an die richtigen Stellen zu legen. Doch je vollständiger das Bild wird, desto mehr zweifelt sie an ihrem Verstand.

Und sie wünscht sich immer mehr, dass alles vergessen bliebe ...

Gleich lesen: Zwanzig Sekunden Ewigkeit

Leseprobe:
Alex erwachte.
Sie spürte, dass sie auf etwas Kaltem ruhte. Auch die Raumtemperatur lag deutlich unterhalb des Bereichs, in dem sie sich wohlfühlte. Sie fröstelte.
Verunsichert öffnete sie die Augen, doch um sie herum herrschte Dunkelheit.
Wo, um alles in der Welt, befand sie sich?
Mit ihrer Hand tastete sie nach ihrer Kleidung und stellte fest, dass sie lediglich ein dünnes, ärmelloses Kleidchen trug. Viel zu wenig für diese Kälte. Eine Decke hätte ihr geholfen, doch sie lag einfach so, nur mit dieser knappen Bekleidung, auf einer glatten Oberfläche.
Als sie den Kopf drehte, entdeckte sie einen kleinen, roten Kreis, der schwach leuchtete.
Ob es sich dabei um einen Lichtschalter handelte?
Sie war ungeübt darin, Entfernungen abzuschätzen, und streckte den Arm aus.
Es schmerzte. So, als ob sie ihn lange Zeit nicht bewegt hätte. Und er war zu kurz. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu versuchen, hinüber zu gehen.
Ihr gesamter Körper fühlte sich starr an; als habe sie überall Muskelkater. Leise stöhnend gelang es ihr, sich aufzusetzen. Ihre Beine baumelten, erreichten aber keinen Boden.
Sie wagte den Sprung und landete nach wenigen Zentimetern auf etwas ebenfalls Kaltem. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie barfuß war. Sie schüttelte sich. Mit den Zehen erfühlte sie Fugen und vermutete quadratische Fliesen unter sich.
Auf unsicheren Beinen wackelte sie vorwärts, bis sie den roten Punkt erreichte.
Tatsächlich: ein Knopf. Sie drückte darauf. Ein paar Sekunden lang flackerte das Licht, dann blieb es konstant und erhellte die Örtlichkeit.
Alex sah, dass sie in einem etwa zwanzig Quadratmeter großen Raum stand, die Wände im gleichen Grauton gestrichen, den die Bodenfliesen hatten. Kein einziges Fenster. In der Mitte stand ein zwei Meter langer Tisch aus Edelstahl. Auf der ihr gegenüberliegenden Seite überdimensionierte Schubladen, ebenfalls aus Metall und ins Mauerwerk eingelassen; sechs Stück: drei nebeneinander, darunter eine weitere Reihe mit der gleichen Anzahl. Sie standen alle leicht geöffnet. An der rechten Wand ein Spind, an der linken ein Waschbecken.
Sie bemerkte, dass sich neben dem Lichtschalter eine Tür befand. Vorsichtig drückte sie die Klinke nach unten. Zu Alex' Leidwesen war sie verschlossen. Sie bückte sich und sah durchs Schlüsselloch: alles dunkel.
Erneut musterte sie die Schubladen.
Leichen, fuhr es ihr durch den Kopf, hier werden Leichen aufbewahrt!
Sie ängstigte sich sehr vor dem, was sie in den Schubladen vorfinden würde, und doch übten diese einen Sog aus, dem sie sich nicht widersetzen konnte. Immer noch schmerzte sie jede Bewegung und so ging sie in kleinen Schritten um den Tisch herum.
Ihr Herz schlug schneller, aber sie nahm allen Mut zusammen und zog eine der sechs auf. Es quietschte leise, als das Metall der Schublade an dem der Führungsschiene rieb.
Leer.
Aber sie schien Alex tatsächlich groß genug, um einen menschlichen Körper darin zu lagern.
Sie widmete sich den anderen und stellte aufatmend fest, dass sich auch in den anderen fünf niemand befand.
Als sie sich umsah, entdeckte sie, dass unterhalb des Tisches etwas auf dem Boden lag, ebenfalls grau, wie die Fliesen. Ihre Muskeln taten weh und ließen sie aufstöhnen, während sie sich neugierig nach dem Gegenstand bückte und ihn aufhob. Er entpuppte sich als ein handtellergroßes Pappkärtchen, an dessen einer Ecke ein Draht befestigt war.
Blutstropfen klebten darauf, die einen Teil des Textes unleserlich machten:
----------------------
Alex***** Wilke
Geb. 24.11.1982
Gest. **********
----------------------
Ja, sie war Alexandra Wilke.
Aber sie war doch noch am Leben!
Hatte man sie für tot gehalten und hier unten aufgebahrt?
Das Kärtchen musste sie verloren haben, als sie vom Tisch gesprungen war. Vermutlich war es um ihren großen Zeh gebunden gewesen.
Immer wieder gab es Fälle von Scheintoten.
Nun war ihr so etwas passiert?
Oh, nein!
Sie musste unbedingt auf sich aufmerksam machen!
Ihr Körper verweigerte immer noch den Gehorsam. Ihr Kampf ums Gleichgewicht zwang sie, sich langsam zu bewegen. Sie wollte zurück zur Tür und schließlich erreichte sie ihr Ziel, ohne zu stolpern.
Mit ihren Fäusten schlug sie dagegen. Und sie schrie.
“Hallo?”
“Hört mich jemand?”
“Ich lebe!”
Abgesehen davon, dass ihre Stimme im Raum widerhallte, blieb ihre Aktion ergebnislos.
Sie hämmerte weiter. Bis ihre Fäuste schmerzten.
Sie rief weiter. Bis sie außer Atem war.
Dann sackte sie kraftlos vor der Tür zusammen.

Im Kindle-Shop: Zwanzig Sekunden Ewigkeit

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.



11. August 2016

'The Journalist' von Sylvia Oldenburg-Marbacher

Die ehrgeizige Journalistin Sharon ist Inhaberin der Swiss Independent, einem unabhängigen Berichterstattungsjournal in Zürich. Sie setzt sich leidenschaftlich mit Krieg, Frieden, Demokratie und Überwachung in Europa auseinander und versucht nebenbei die Wahrheit über den tragischen Autounfall, in dem ihr Vater vor Jahren ums Leben gekommen ist, ans Tageslicht zu bringen.

Auf der Suche nach einem neuen Mitarbeiter, lernt sie den jungen, unbeschwerten Finn kennen, der ihr auf Anhieb sympathisch ist. Die Ereignisse überschlagen sich und ihre schlimmsten Vorahnungen werden bestätigt.

Gleich lesen: The Journalist


Leseprobe:
März 2016 - Es waren die frühen Morgenstunden an einem lauen Frühlingstag in Zürich. Ein gewöhnlicher Dienstagmorgen. Vögel zwitscherten, ein paar Jogger und Radfahrer waren unterwegs. Erste Fussgänger stiegen aus den Trams und eilten zu ihren Arbeitsplätzen. Die Stadt wirkte verschlafen.
Finn Carter wohnte im Zürcher Kreis 9. Er lag noch tief schlafend unter seiner Bettdecke als der Wecker klingelte. Er klingelte einige Zeit. Dann hob Finn seinen Arm und tappte müde nach ihm, um für Ruhe zu sorgen. Er drehte sich um und schlief weiter.
Wenige Minuten später klingelte sein Handy. Er stöhnte genervt, drehte sich wieder um und griff danach. Es war sein bester Freund Rob. Mit einem tiefen Ausatmen drückte er mit verschlafener Stimme auf die grüne Taste:
„Hey!“
„Guten Morgen! Du klingst ja nicht gerade fit!“
„Bin ich auch nicht!“ antworte Finn gehässig.
„Du hast mir doch erzählt, dass du heute ein Vorstellungsgespräch hast, steht das noch?“
„Ich habe es zumindest nicht abgesagt.“
„Was machst du dann noch im Bett?“
Finn schwieg. Er wusste, dass Rob Recht hatte und er hasste es, wenn es so war:
„Ich wollte gerade aufstehen!“
„Ja klar, so hat es sich angehört! Wirst du jetzt aufstehen und hingehen? Du wolltest doch wieder was reissen?“
„Ja, ok, du hast Recht! Ich mach mich ja schon fertig! Wieso musst du nur so ein nerviger guter Freund sein?“
„Mach ich doch gerne! Was war das nochmal für eine Firma, bei der du dich beworben hast? Ich hab mir nur den Termin gemerkt, weil ich wusste, er war früh und dass ich dich rausklingeln werden muss!“
„Die Firma heisst SI, Swiss Independent. Soll wohl für die Unabhängigkeit der Schweiz stehen oder sowas. Ist eine Zeitung, unabhängige Berichterstattung und so. Mal sehen!“
„Ich höre, du hast dich genau informiert. Ich weiss nicht, ob das so klappt, aber ich drück dir auf jeden Fall die Daumen! Heute Abend 4. Akt? 19:00? Dann kannst du mir ja erzählen wie es gelaufen ist und ob du den Job nicht bekommen hast, weil du zu spät warst oder weil du keine Ahnung hattest, wofür du dich überhaupt bewirbst!“
„Ja, ist ok! Hab’s verstanden! Bier heute Abend ist ok. Ach ja, und danke!“
„Kein Problem, wozu hat man Freunde! Bis später!“
Finn strich sich mit der Hand durch die dunkelblonden Haare. Müde schaute er zum Fenster, wo die ersten Sonnenstrahlen hereinschienen. Seine blauen Augen funkelten darin. Dann zog er sich mühsam aus dem Bett und unter die Dusche. Rob hatte Recht. Er wusste es selbst und hatte in den letzten Wochen auch schon deswegen gejammert, aber so ist das nun mal manchmal mit dem inneren Schweinehund. Er hatte vor einigen Jahren bei der NZZ als Praktikant angefangen und ist dort später in eine Festanstellung reingerutscht. Das Team war super, er arbeitete gerne dort. Vor einem halben Jahr wurde seine Stelle aber gestrichen, weil die Printmedien stark rückläufig sind. Aufgrund dieser Umstellung hatte er sich grundsätzliche Gedanken über sein Leben gemacht und auch gleich die Sache mit seiner damaligen Freundin beendet, mit der es nicht mehr so richtig lief und es sich abzeichnete, dass es nichts fürs Leben war.
Der anfänglich neue Elan wandelte sich nach und nach in ein sich gehen lassen und so kam es, dass er seit einigen Wochen nicht viel mehr tat, als in den Zürcher Nachtclubs überteuertes Bier und Zigaretten zu konsumieren. Er hatte zeitweise einen Job als Barkeeper, das machte ihn zwar bei den Mädels beliebt, brachte ihm aber nicht das Geld ein, das er dringend benötigt hätte, um seine Rechnungen zu bezahlen.
Er war 28 Jahre alt. Wenn es langsam gegen die Dreissig geht, fängt man an, sich Gedanken zu machen, was man eigentlich vom Leben erwartet oder was man erreichen will. Finn hatte beim besten Willen keine Ahnung was er wollte. Er versuchte das Leben so gut es ging zu geniessen und diese Gedanken beiseite zu schieben. Er hoffe, irgendwann wird ihn die Inspiration schon finden. Bis ihn Rob immer wieder an den Ernst des Lebens erinnerte.
Nach der Dusche zog er sich die schönste Hose an, die er fand, und ein schwarzes Hemd. Irgendwo hatte er doch noch eine rote Krawatte. Er fand sie und versuchte sie zu binden. Nach fünf Minuten gab er auf. Nur das Hemd wird es wohl auch tun.
Er lief ihn die Küche, vorbei an ein paar leeren Bierflaschen auf dem Couchtisch, und startete die Kaffeemaschine. Dann ging er vor die Türe, um die Post zu holen. Er warf die Briefe auf den Tisch, nahm sich einen Kaffee und begann sie zu öffnen. Einer der fünf Briefe war Werbung. Alle anderen waren Rechnungen. Besonders hoch die zweite Mahnung für seine Wohnungsmiete, für die es irgendwie auch nicht mehr gereicht hatte. Finn hätte problemlos aufs Arbeitslosenamt gehen können, dann hätte er diese Probleme jetzt nicht. Aber er war zu stolz. Er hätte auch jederzeit seine Eltern anrufen und seinen Vater um Geld bitten können. Aber auch das liess sein Stolz nicht zu. Er war sich sicher, er würde das auch ohne Hilfe des Staates oder der Eltern hinkriegen.
Rob hatte Recht! Es war an der Zeit, das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen!

Im Kindle-Shop: The Journalist

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10. August 2016

'Küsse ernten' von Ulla B. Müller

An der Seite eines angesehenen Orthopäden lebt es sich easy. Doch Bea braucht kein Penthouse mit Rheinblick, um glücklich zu sein. Ihr würden ein paar Wiesen und Felder vor der Tür reichen. Blöd nur, dass ihr Freund so allergisch auf alles Einfache und Ländliche reagiert.

Als sie überraschend bei einem Urban-Gardening-Projekt vor den Toren Kölns aushelfen soll, stürzt sie sich ohne Ahnung von Kraut und Rüben in die Arbeit. Zum Glück gibt es dort Nachbarn mit Herz und einen Cowboy, der nicht nur ein Händchen für Rindviecher hat. Von ihm bekommt Bea einen Steilkurs in Gemüseanbau und … ihren ersten Maibaum.

„Küsse ernten“, der dritte Roman der Rheinländerin Ulla B. Müller, entführt den Leser ins wunderschöne Bergische Land bei Köln und lässt ihn an einer romantischen Liebesgeschichte mit einem Hauch von Gülle teilhaben. Der grüne Lese-Kick für alle modernen Stadtpflanzen mit Herz für die Natur!

Gleich lesen: Küsse ernten

Leseprobe:
Gerade hatte Bea die Tür zur Praxis passiert, als sie vom Anmeldetresen aus mit energischem Armwedeln herangewinkt wurde.
»Frau Kirsch, diese komischen Schlammpackungen, die Sie letztens bestellt haben, sind vor einer halben Stunde geliefert worden. Vielleicht können Sie die mal wegbringen. Die stören hier ziemlich.« Sofort wieder in den Bildschirm ihres Computers vertieft, wies die Arzthelferin mit dem aschgrauen Haarhelm auf den Karton neben ihren Beinen.
Bea sah hinab und schüttelte in Gedanken den Kopf. Natürlich, dort im Durchgang zum Anmeldebereich war das kniehohe Paket mehr als im Weg. Aber nichts hätte dagegen gesprochen, es mit dem Fuß einen Meter weiter in die Ecke am Schrank zu schieben. Nur erstens wäre diese Lösung zu simpel gewesen, und zweitens hätte Frau Bender, die seit über zehn Jahren die leitende Arzthelferin in dieser Praxis war, eine günstige Gelegenheit verpasst, Bea wieder einmal deutlich zu machen, wer außerhalb der Sprechzimmer das Sagen hatte.
»Sie hätten den Lieferanten mit den Fangopackungen doch direkt zu mir in die Physio-Abteilung schicken können, Frau Bender«, konterte Bea und zwang sich, dabei so sachlich wie möglich zu klingen.
»Da war ja niemand! Und ich übernehme keine Verantwortung, wenn dieses Zeug da drüben unbeaufsichtigt rumsteht«, plusterte sich Frau Bender auf. »Sie glauben ja gar nicht, was hier alles wegkommt.«
Bea atmete tief durch und schwieg. Es war nicht das erste Mal, dass sie von Frau Bender zu spüren bekam, wie wenig sie davon hielt, einen Teil ihres Reichs an die Freundin des Chefs abtreten zu müssen. Noch dazu an eine einfache Therapeutin.
Obwohl Bea nun schon mehr als zwei Jahre mit Henrik befreundet war und voller Begeisterung die Leitung der Physio-Abteilung seiner Orthopädie-Praxis übernommen hatte, war die Beziehung zu dieser Frau immer auf dem gleichen Niveau geblieben. Sie war kälter als kühl und sollte es wohl auch bleiben. Bea spürte an den berechnenden Äußerungen der zwanzig Jahre älteren Angestellten genau, dass sie auf einen geeigneten Anlass wartete, sie vor Henrik anschwärzen zu können. Aber diese Gelegenheit würde sie ihr nicht bieten. Nicht, solange sie und Henrik ein Paar waren.
Bea bückte sich, schob ihre Finger unter den Boden des Kartons und hob an. Verdammt, war der schwer! Sie hatte doch Moorpackungen bestellt und keine Bleiwesten! Ohne Mühe konnte sie sich Frau Benders schadenfrohes Grinsen vorstellen, als sie wie ein Möbelpacker ächzend loszog. Am liebsten hätte sie der Frau hinter dem Tresen eine frisch erhitzte Fangopackung unter ihr ausladendes Bürostuhl-Gesäß gepatscht. Mit schmerzenden Händen schleppte sie ihre Fracht den schmalen Verbindungsflur entlang bis zu der kleinen Wartezone vor ihrem Behandlungsraum. Dort setzte sie den Karton mit einem Stoßseufzer auf dem Boden ab. Von den Stühlen rechts und links an den Wänden verfolgten vier Patienten das Spektakel.
»Hallo, allerseits«, grüßte Bea in die Runde. »Einen Moment noch, dann geht’s los.«
Eine korpulente Frau mit einem khakifarbenen Trenchcoat und der türkis-goldenen Papiertüte einer Parfümerie-Kette auf dem Schoß, rutschte wie auf Kommando auf die vordere Kante ihres Stuhls und hob ihren Zeigefinger in die Höhe. Einen Gruß hielt sie nicht für nötig.
»Ich war die Erste. Herr Doktor meinte gestern, die Behandlung mit diesem Massagedings ist ganz dringend bei mir«, klärte sie Bea mit einem hitzigen Flackern in den Augen auf.
Der alte Mann neben ihr drehte seinen buckeligen Oberkörper entrüstet von seiner Nachbarin zu Bea und klappte den Mund auf und zu, traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Das tat dafür der Ausländer ihm gegenüber, der sich Behandlungstermine geben lassen wollte. Er schüttelte aufgebracht den Kopf und fuchtelte mit dem Zeigefinger.
»Nein, nein, nicht richtig. Der zuerst«, stellte er klar und zeigte auf den alten Mann. Nun mischte sich auch die hagere Frau neben ihm ein, indem sie ihren Arm, der bis über den Ellenbogen mit einem weißen Verband umwickelt war, in die Höhe hob.
»Aber ich muss unbedingt bis spätestens um drei zurück auf der Arbeit sein, sonst kriege ich Ärger.«
Bea wies auf das Paket vor ihren Füßen. »Ich pack das schnell weg und zieh mich um. In zwei Minuten bin ich für Sie da.«
»Das ist doch sicher bloß eine Ausrede«, empörte sich die Parfümerieketten-Papiertüte.
Unter einem weiteren Hagel von Zurufen verschwand sie hinter der Tür mit dem Schild »Privat« und atmete durch. Rasch tauschte sie ihre Alltagsgarderobe gegen eine weiße Jeans und ein blassgelbes Polohemd, dem pflichtgemäßen Outfit für alle Praxis-Angestellten. Als ihr beim abschließenden Blick in den Spiegel das Stoffschild über der Brusttasche ins Auge fiel, zog sie einen Mundwinkel in die Höhe. »Ihr freundliches Praxisteam« stand dort in Rot auf weißem Untergrund. Für Bea waren das zwei Fehler auf engstem Raum. Weder verstanden sich der Haarhelm und seine zwei Unterarzthelferinnen als Team, noch gaben sie sich den Patienten gegenüber besonders freundlich. Aber wie konnte es auch anders sein? Die herbe Sachlichkeit ihres Vorgesetzten hatte im täglichen Umgang längst abgefärbt.
Bea schnappte sich den Stapel Behandlungsanweisungen vom Tisch und machte sich auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz im Nebenraum. Ihr Blick glitt über die Behandlungskarten in ihrer Hand zur Armbanduhr. Verächtlich schnaufte sie durch die Nase. Vor sechs würde sie auch heute nicht aus der Praxis kommen, so viel war sicher.
Als sie die Milchglastür zum großen Behandlungsraum aufdrückte, wehte ihr von den weit geöffneten Fenstern eiskalte Luft entgegen. »Na, toll! Das ist ja wieder typisch«, schoss es sofort durch ihren Kopf.

Im Kindle-Shop: Küsse ernten

9. August 2016

'Der Klarträumer' von Nicolai Richter

Ein erfolgreicher Vloger in der Klartraumszene gerät in die Zwischenwelten von Traum, Klartraum, Drogentrip und Realität. Geschehnisse und Personen aus seinen Träumen erscheinen plötzlich in der Wirklichkeit. Als sein Compagnon tot aus der Elbe geborgen wird, deuten alle Zeichen darauf hin, dass er ihn ermordet hat. Doch er kann sich an nichts mehr erinnern.

Um sich selber und die Menschen in seinem engsten Umfeld vor sich zu schützen, begibt er sich freiwillig in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie. Nur langsam fängt er an, die tatsächlichen Ereignisse hinter seiner Geschichte zu durchschauen. Doch als er endlich die wahren Drahtzieher hinter seinem Albtraum erkennt, scheint es schon zu spät zu sein.

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Leseprobe:
Berlin, 6 Tage vor der Wahrheit
Gegen 21 Uhr betrat Schwester Martha die Eingangshalle der Psychiatrischen Klinik in Dahlem. Es war ihre fünfte Nachtschicht in Folge.
Heute Nacht war irgendetwas anders als sonst. Die vergitterten Fenster warfen ein bizarres Licht auf die Stufen und Wände und ihre Schritte hallten durch das Treppenhaus. Dann bemerkte sie, dass es anders roch als gewöhnlich, genau genommen roch es nach gar nichts. Schwester Martha erklärte das mit ihrer schlechten Laune, sie hasste diese Jahreszeit, seit Tagen lag eine zähe Smoke-Decke über Berlin und hüllte die Menschen in Dunkelheit. Durch die Strassen fegte ein eisiger Wind und überall sammelte sich Schneematsch mit den Abfällen und verstopfte die Gehwege. Am liebsten würde sie einfach im Bett bleiben, bis der Frühling kam, dachte sie, als sie die letzte Treppe in Angriff nahm. Plötzlich blieb sie stehen, sie glaubte, etwas gehört zu haben. Sie konnte nicht genau sagen, ob da einer ihrer Patienten schrie oder irgendwo nur der Fernseher zu laut lief. Schwester Martha beschleunigte ihren Gang nach oben. Dann hörte sie einen Knall, als wenn jemand die Türe zugeschlagen hätte. Sie eilte die letzten Stufen hoch und blieb im Gang stehen. Jetzt hörte sie nichts mehr, auch keinen Fernseher. Sie ging ins Schwesternzimmer, lies die Tür aber auf und schaltete das Radio leise ein. Gegen 21 Uhr 30 setzte sie sich in den Sessel und las eine Illustrierte.
Mit der Zeit wurde sie müde und die Augen fielen ihr immer wieder zu. Sie war gerade eingenickt, als sie durch den schrillen Ton des Zimmeralarms aus ihrem kurzen Traum gerissen wurde. Schwester Martha schaute auf den Monitor, Johnny Kunze in Zimmer 414.

Berlin, 6 Monate vor der Wahrheit
Kurz vor Weihnachten hatte Johnny schon einmal den Alarm ausgelöst. Nicht in der Psychiatrie, sondern in einem Parkhaus.
Dort traf er sich um 2 Uhr in der Nacht mit einem Freier in seinem BMW Van 220i. Ein Familienvater, wie er sehen konnte, als der Mann mit Wohlstandsbauch und Goldrandbrille den Hunderter aus seiner Brieftasche zupfte. Auf dem Foto in der Brieftasche sah man ihn mit seiner Frau und zwei kleinen Mädchen, wie sie im Garten an einem Tisch mit einer grossen Geburtstagstorte sassen. Es sah so aus, als würden sie alle Happy Birthday singen. Das grössere Mädchen hatte einen weissen Labrador-Welpen mit einer roten Schleife am Halsband auf dem Schoss. Im Hintergrund konnte man einen Baum erkennen, auf dem zwei Krähen sassen. Mit offenen Schnäbeln und ausgestreckten Fittichen, als würden sie mitsingen.
Mit dem verdienten Hunderter bezahlte er als erstes den Dealer, der im Treppenhaus auf ihn wartete. Dann setzte er sich auf der Herrentoilette durch die Vene des linken Fusses einen Schuss Heroin und rauchte aus Alufolie ein Gemisch aus Chrystal Meth und Kokain. Kurz darauf ist er neben der Toilette für ein paar Stunden eingeschlafen. Er träumte von weissen Wölfen, die ihn auf einem Schlitten durch die Milchstrasse zogen. Neben ihm sass eine Prinzessin in einem silbernen Mantel. Auf den Mantel waren alle Sterne des Universums genäht. Ihre goldenen Haare waren das Licht der Welt und ihre Augen die grossen blauen Weltmeere.
Als er dann aufwachte, wusste er weder, wo er war, noch konnte er sich erinnern, wie er in dieses Parkhaus gekommen war. Dann setzte die Paranoia ein. Er rannte panisch durch das Parkhaus, rannte in Kreisen, rannte das Treppenhaus hinauf und wieder hinunter. Kurz darauf setzte der Juckreiz des Crystal Meths ein und er fing an, sich an den Armen und Unterschenkeln zu kratzen. Dann hämmerte er mit geballten Fäusten und schlug mit dem Kopf gegen die Wände, die sich ihm plötzlich in den Weg stellten. Unter seiner Haut sah er kleine Käfer und Würmer. Und hinter jeder Ecke, in jedem fahrenden Auto sah er CIA-Agenten, die ihn töten wollten. Er fing an, Zahlen der Parkplätze mit Zahlen der Etagen zu multiplizieren und addierte sie mit den ungeraden Zahlen auf den Nummernschildern von schwarzen Autos. Dann tippte er die Zahlen in die Parkscheinautomaten.
Nach sieben Stunden brach Johnny erschöpft und dehydriert drei Meter vor dem Ausgang zusammen. Nachdem er mit letzter Kraft noch die Scheibe des Feuermelders eingeschlagen hatte.
Die Feuerwehre lieferte ihn dann im Krankenhaus ab, wo man ihn nach einer Woche soweit aufgepäppelt hatte, dass er in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie verlegt wurde.

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8. August 2016

'Mein GI für einen Sommer' von Paula Dreyser

Als Anthony im Herbst 1976 die Beziehung beendete, brach er Marita das Herz. Trotzdem waren die Monate mit dem selbstbewussten amerikanischen Soldaten eine wunderbare Zeit und für Maritas weiteres Leben von entscheidender Bedeutung. „Wenn es soweit ist“, hatte er gesagt, „dann musst du diese Welt mit Erinnerungen verlassen, nicht mit Träumen!“ Marita verstand, dass sie alleine für ihr Leben und ihr Glück verantwortlich war. Der Spruch wurde zu Maritas Lebensmotto. Mit Ende fünfzig, mittlerweile anerkannte und erfolgreiche Wissenschaftlerin, die ihr Leben nach ihren eigenen Maßstäben lebt, geschieht etwas Unerwartetes. Obwohl verstört und auch ängstlich, ergreift sie die Gelegenheit, herauszufinden, warum er sie damals verlassen hat. Gibt es vielleicht noch eine Chance für Marita und Anthony?

"Mein GI für einen Sommer" ist der erste Kurzroman der Reihe "Romanzen aus dem deutsch-amerikanischen Milieu".

Im Unterschied zur „großen Schwester“, der Buchreihe "Deutsch-Amerikanische Begegnungen in Zeiten des Kalten Krieges", sind die Handlungen kompakter. Zentral ist eine Liebesgeschichte aus den 60ern, 70ern oder 80ern, eingebettet in ein Patchwork von Beziehungen, mit einem Touch Zeitgeschichte. Alle Kurzromane sind ebenso wie die „großen Romane“ in sich abgeschlossen und „autonom“. Protagonisten können allerdings in mehreren Handlungen auftauchen, Ereignisse werden mitunter aus einem anderen Blickwinkel nochmals beleuchtet.

Gleich lesen: Mein GI für einen Sommer

Leseprobe:
Schon von Weitem hörten sie das Stimmengewirr aus dem Biergarten der Sportlerklause. Als sie dort ankamen, war es ein wenig kühler geworden. Leichte Brisen bewegten die Blätter. Man konnte erahnen, dass die Hitze bei Eintritt der Dämmerung einer lauen Sommernacht weichen würde. Sie ergatterten einen Platz, bestellten Bratwurst mit Kartoffelsalat, dazu Bier. Aus der Musik-Box tönte das Lied der Fußballspieler, die 1974 die Weltmeisterschaft gewonnen hatten. Viele Gäste sangen den Refrain mit: Fußball ist unser Leben … Begeistert klatschten einige Amerikaner den Takt.
„Hier ist echt was los.“ Sophie nippte an ihrem Bier. Rick zog sie an sich, küsste sie aufs Haar.
Diese zärtliche Geste rührte Marita. Sie lehnte ihren Kopf an Anthonys Schulter, dessen komplette Aufmerksamkeit allerdings den deutschen Sängern galt, die mittlerweile auf den Bänken standen. Amerikaner gesellten sich dazu.
„Fußball ist hier so wichtig wir bei uns Baseball“, rief Anthony über den Tisch.
Rick nickte.
Anthony zog Marita näher an sich. „Babes, du siehst heute ziemlich süß aus.“
Seine raue Stimme ging ihr durch Mark und Bein.
Als das Lied endete, brodelte es – Klatschen und begeisterte Rufe wogten durch den Biergarten: „Klasse, Jungs!“ „Right on!“ Biergläser schossen in die Höhe, man prostete sich zu. „Lokalrunde!“, brüllte jemand. Allgemeines Johlen. Hurtig verteilten die flinken Bedienungen Schnäpse.
Entgeistert starrte Marita auf ihr Glas mit durchsichtiger Flüssigkeit. „Sophie! Das ist was Hartes!“ Sie schüttelte sich.
Aus dem Inneren des Lokals tönte Let Your Love Flow.
„Ja.“ Sophies Blick verriet, dass sie sich ähnlich unsicher fühlte. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Egal, wir machen mit. Ist doch klar.“
„Prost“, grölte jemand. Von allen Seiten kam das Echo. Gläser stachen wieder in die Luft.
Die Flüssigkeit brannte in Maritas Kehle, nahm ihr kurz den Atem. Jägermeister? Tequilla? Es hätte alles sein können. Ihr tränenverhangener Blick traf auf Sophies.
„Tequilla kann es nicht sein“, erklärte Sophie mit heiserer Stimme. „Dazu nimmt man Zi-Zi-Zitrone.“ Sie gluckste.
Marita spürte, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht breitmachte, das ihr Hirn überhaupt nicht angeordnet hatte. Sie versuchte, ihre Gesichtsmuskeln zu beherrschen, was ihr nicht gelang. Als Anthony sich ihr zuwandte, kam sein Gesicht ihr sehr groß vor. Deutlich registrierte sie Schweißperlen auf seiner Stirn.
Eine junge Kellnerin servierte das Essen. Dankbar machten sie sich darüber her. Anthony bestellte eine weitere Runde Bier.
„Ich trinke Jägermeister, weil …“, sagte Sophie auf Deutsch zu Marita. Ihre Augen schimmerten.
Eine Anspielung auf die Fernsehwerbung – Marita reagierte sofort darauf. „ … weil ich dazu gezwungen wurde.“
Die Kellnerin brachte das Bier. Durstig tranken sie. Dann aßen sie eine Weile schweigend.
„Rodolfi and Martinez. Hey guys. Nice ladys“, brüllte ein GI von einem der Tische herüber.
Anthony und Rick nickten ihm zu. Nachdem die Kellnerin abgeräumt hatte, unterhielten sie sich mit ihm. Im Hintergrund besang Peter Alexander mittlerweile mit schmachtender Stimme Die kleine Kneipe am Ende der Straße … Darüber lachten Marita und Sophie sich kaputt.
Nach dem Essen hatten sich Maritas Sinne wieder etwas geklärt. Denken und Sprechen fielen ihr leichter. Sie fühlte sich großartig, heiter und beschwingt, amüsierte sich prächtig. Immer wieder kamen GIs an ihren Tisch, wechselten ein paar Worte mit Rick und Anthony, machten ihnen Komplimente wegen ihren Freundinnen. Sie lachten, redeten, stießen an.
Als die Dämmerung hereinbrach, mischte sich ein Hauch von Magie in die Atmosphäre. Der Wind flüsterte in den Blättern. Die Gesichter glänzten. Etwas Erregendes wurde spürbar.
Anthony zog sie fester an sich. „Gefällt mir hier. Können wir öfter herkommen.“ Er knabberte an ihrem Ohrläppchen.
In Maritas Bauch drehte sich augenblicklich ein Karussell. Sie seufzte. Sehnsucht packte sie, aber sie wusste nicht genau, wonach.
Anthony verharrte und blickte ihr in die Augen. „Was hast du?“
Wie eigenartig, fuhr es ihr durch den Kopf. Er ist solch ein Haudegen und spürt sofort, wenn mich etwas bewegt.
„Alles in Ordnung?“
Seine Stimme hüllte sie ein. Die lauten Geräusche der Umgebung nahm sie kaum noch wahr. Es gab nur diesen Moment. „Ja“, flüsterte sie. „Es ist nur …“ Wie soll ich das sagen?
„Was denn?“ Er streichelte ihr Haar. „Rede mit mir!“
Sie genoss diesen intimen, vertrauten Augenblick. „Ich habe irgendwie Angst, dass mein Leben langweilig wird und ich nichts daraus mache …“ Erstaunt stellte sie fest, dass es genau darum ging. Sie hatte etwas auf den Punkt gebracht, was bisher nur ein unbestimmtes, klammes, sehnsüchtiges Gefühl gewesen war. Eine unterschwellige Angst am Morgen kurz vor dem Aufstehen. Ein Kloßgefühl im Hals während des Alltags, in der Schule oder zu Hause, in ihrer Familie, mit den Eltern, die schwer arbeiteten, um ihr Häuschen zu halten und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
Eine Weile betrachtete Anthony sie, so intensiv, dass es Marita fast körperlich spürte. Alles ums sie herum rückte in weite Ferne. In diesem Augenblick waren sie alleine auf einem einsamen Stern. „Du kannst alles erreichen, was du willst“, sagte er. „Du musst mit Erinnerungen sterben, nicht mit Träumen!“
Marita erstarrte. Mit Erinnerungen sterben, nicht mit Träumen … Daran hielt sie sich fest. Die Worte füllten ihren Verstand aus und ihr Herz. Genau danach würde sie streben – das war ein Plan, eine Vision. Sie versank in dem hellen Blau seiner Augen. Die Nähe schmerzte beinahe. Marita fühlte sich verstanden und angenommen. Diesen Zustand kostete sie aus, denn er war selten. Oft fühlte sie sich ausgeschlossen und allein, obwohl sie in einer liebevollen Familie aufwuchs. Als sie sich jetzt küssten, ließ sie sich fallen, voller Vertrauen.
„Meine Güte, es ist fast neun Uhr!“
Sophies aufgeregte Stimme riss Marita aus dem Universum, in dem sie mit Anthony schwebte. Unwillig und benommen löste sie sich von ihm. Für den Bruchteil einer Sekunde war er ungeschützt. In seinen Augen las sie etwas, was ihren gesamten Körper mit Wärme flutete.

Im Kindle-Shop: Mein GI für einen Sommer

Mehr über und von Paula Dreyser auf ihrer Website.

6. August 2016

'Erd Erben: Das ewige Eis' von M. M. van Steinen

Sie lesen gerne postapokalyptische Romane mit Spannung, Grusel, High-Tech und einem Sog, der Sie nicht mehr loslässt? Dann ist der Roman „Erd Erben – das ewige Eis“ genau das Richtige! Schließen Sie Ihre Augen, erwachen Sie wieder im Jahr 2839 und erleben Sie ein spannendes, gefährliches, düsteres und interessantes Abenteuer, bei dem es Ihnen die Gänsehaut aufstellen wird …

Was wäre, wenn wir das Ablaufdatum der Erde wüssten? Was würden Sie tun? Der Zeitpunkt, an dem die Hypernova des Sterns Beteigeuze unser Sonnensystem vernichten wird, steht fest. Die Kolonisation anderer Planeten ist bis dato nicht gelungen, so entwerfen Lucia und ein paar andere Wissenschaftler einen noch nie da gewesenen Plan, um der Katastrophe zu entgehen …

Einige hundert Jahre später: Als eine Gruppe junger Menschen, Lucia und Donald in einem Bunker finden und aus deren kryonischen Schlaf erwecken, können diese die verheerenden Zustände nicht verstehen – sie finden sich in einer fremden Welt wieder, entlegen jeglicher Zivilisation. Ihr Plan hat funktioniert, doch was ist geschehen, dass die Erde ins Chaos stürzte?

Lucia`s Erzählungen verändern die scheinbare Welt der Neuzeitler vollkommen! Eine gefährliche und noch nie dagewesene Reise mit ungewissem Ausgang beginnt, in der viele Geheimnisse ihrer Aufdeckung harren.

Inzwischen ist auch der zweite Teil 'Erd Erben: Der Rückkehrer' erschienen:
Die Gruppe befindet sich weiterhin auf der Reise zum zweiten Bunker, nach Afrika. Die hellen, warmen Flecken der Erde gestalten die Zeit zwar angenehmer, doch keinesfalls ungefährlicher. Robert, der Anführer der Steganos und mehrere seiner Leute haben beschlossen, Lucia und ihre Freunde zu begleiten, um ihnen bei ihrem Vorhaben zu helfen, doch als Cloè, eine junge Frau aus Paris, über ihr Wissen erzählt, ändert sich Lucia`s und Donald`s Sichtweise abrupt. Tina bringt unterdessen eine weitere Raydergruppe unter ihre Kontrolle und schmiedet ein ungeheures Unterfangen …

Werden sie es schaffen, die Erde ins rechte Licht zu rücken?

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Leseprobe:
Während Sir Jonathan den Tag im Technikraum verbringt, beschließt Donald, die Gruppe auf einen Rundgang durch die Militäranlage mitzunehmen. Alle sind hellauf begeistert und sofort gehen sie los. Interessiert und gespannt, was sie erwarten wird, marschieren die Neuzeitler hinter Donald her.
Einzig Lucia ist nicht besonnen gestimmt, sie fragt sich, was womöglich noch Geheimnisvolles kommen mag, von dem sie keine Kenntnis hat, sie fühlt sich jedes Mal hintergangen. Würde er sie in bestimmten Dingen einweihen, könnte sie eine Hilfe sein und müsste nicht nutzlos daneben stehen. Sie wurde in den kryonischen Schlaf versetzt, um gemeinsam mit Donald im Fall des Falles geweckt zu werden, als Team zu arbeiten und Orbis zu leiten. Auf irgendeine Weise ist es zu Donalds Alleingang geworden, und Lucia fühlt sich überflüssig. Sie fragt sich, warum sie ihr Leben hinter sich lassen musste, um jetzt geweckt zu werden, wenn Donald ohnehin alles alleine macht. Ihre Anwesenheit kommt ihr sinnlos vor.
Rasch wird ihr aber klar, dass diese Grübeleien zu nichts führen, jetzt lebt sie hier und die Vergangenheit liegt ewig zurück.
Dieses Mal führt Donald die Gruppe ein Stockwerk tiefer, als sich der Technikraum befindet. Als sie aus dem Fahrstuhl aussteigen sieht alles genau so aus wie in den anderen Stockwerken. Die unglaubliche Röhre mit den vielen Fischen darin bildet hier wiederholt den Mittelpunkt. Donald ist manches fremd.
»Ich bin mir sicher, das ist alles nicht mehr so, wie ich es zuletzt vorgefunden habe, hier ist keine Beschilderung, wir werden sehen, was uns erwartet.«
Als Erstes kommen sie zu einem großen Labor, in dem sich Tische mit unzähligen Geräten darauf befinden, von denen nicht zu erahnen ist, um was es sich handelt. Donald gibt auch keine Erklärung hierfür ab, das wäre vermutlich ohnehin sinnlos, niemand könnte etwas damit anfangen. Reagenzgläser in allen Variationen und Größen sind sorgfältig geordnet nebeneinander auf den Tischen aufgestellt und die verschiedensten Instrumente liegen steril verpackt gereiht in speziell hierfür vorgesehenen Glaskästen. Auf einem Tisch gleich nebenan stehen Mikroskope verschiedenster Arten. Die einen sind anhand Kabel mit einem Bildschirm verbunden, die anderen stehen wiederum für sich auf dem Tisch.
Donald unterbreitet einen verlockenden Vorschlag.
»Wenn ihr wollt, könnt ihr gern ein Mikroskop ausprobieren. Reißt euch ein Haar aus, legt es auf die Glasfläche in der Mitte und drückt den Knopf auf der rechten Seite, um das Licht einzuschalten. Jetzt könnt ihr oben verschiedene Vergrößerungen einstellen. Ihr werdet erstaunt sein, wie eure Haare aussehen.«
Kaum hat Donald ausgesprochen, hat sich Jessy bereits ein Haar ausgerissen und auf eines der Mikroskope gelegt. Er findet das hochinteressant, reißt sich ein Stück Fingernagel ab und legt auch diesen unter die Vergrößerung. Er und seine Freunde, die ebenfalls durch das Mikroskop sehen, sind fasziniert von dem Anblick der Dinge.
Lucia steht am Rande der Gruppe, Mikroskope sind ihr gut geläufig. Sie findet, dass das alles eine ausgeklügelte Taktik von Donald ist, um alle in seinen Bann zu ziehen.
Dieses Labor wird von leistungsfähigen Leuchtröhren an der Decke erleuchtet, für fummelige Kleinarbeiten benötigt man beste Sichtverhältnisse. Noch dazu ist der Raum in einem kühlen Weiß gehalten, in dem jegliche Farbe fehlt.
Endlich gibt Donald eine Erklärung ab.
»In diesen Laboren wurden verschiedenste Sachen wie Impfstoffe, Medikamente, Blut und Ähnliches hergestellt, getestet und analysiert.«
»Und gefährliche Biowaffen, nicht zu vergessen!«, ruft Lucia dazwischen.
Ohne ihr Achtung zu schenken, fährt Donald fort: »Es wurden viele heilende Wirkstoffe aus Pflanzen gefiltert, ich kann nicht viel dazu vorbringen, nur dies, dass die Forschungen und deren Gebiete hier umfangreich und breit gefächert waren.«
»Ja genau, zur nationalen Sicherheit oder wie der Slogan hieß, den der Verteidigungsminister immer wieder angepriesen hat«, fällt Lucia erbost ein.
»So genau kenne ich mich nicht aus, die Medizin und die dazugehörigen Forschungen sind nicht mein Fachgebiet, hierfür hätte ich mein Medizinstudium beenden müssen.«
Donald führt die Gruppe durch unzählige Labore, die sich im großen und ganzen alle ähneln.
Der hinterste Teil des Labortraktes ist durch eine Sicherheitstür verschlossen, die Donald wie gewohnt öffnet. Er drückt sie ein Stück auf, zieht sie jedoch hastig wieder zu. Dieses Mal ist jeder Einzelne aus der Gruppe weniger sensationssüchtig, was sich dahinter verbirgt, denn aus dem minimalen Türspalt entwich bereits ein übler Geruch, der ihnen beißend in die Nasen stieg.
»Ist das widerlich! Was ist hier los? Ich glaube, es wäre vernünftiger, wenn wir auf Sir Jonathan warten und gemeinsam nachsehen.«
»Willst du da ernsthaft rein?«, fragt Jessy kritisch.
»Selbstverständlich, ich will doch wissen, was hier vor sich geht, ihr etwa nicht?«, antwortet Donald fragend.
Alle anderen sind in diesem Fall zwar nicht so wissbegierig wie Donald, wollen aber dennoch herausfinden, was sich hinter der Tür verbirgt.
Da sich alle einig sind, nimmt Donald seinen Port, betätigt einen Knopf, benutzt eine Art Walky-Talky-Funktion und benachrichtigt damit Sir Jonathan, der Minuten später bei ihnen eintrifft.
»Wie kann ich euch helfen?«, fragt er hilfsbereit.
»Vorhin habe ich die Tür geöffnet, und es trat grässlicher Gestank hervor. Bitte begleite uns zur Sicherheit,da ich nicht weiß, was dort drinnen vor sich geht.« Donald klingt besorgt.
Er öffnet abermals mittels Handfläche und Code die Tür und lässt Sir Jonathan den Vortritt.
Dieser geht hinein und sichert den Raum, damit alle gefahrlos hinterhergehen können, kommt aber nach kurzer Zeit zurück.
»Seid ihr sicher, dass ihr euch diesen Anblick nicht ersparen wollt?«

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Mehr über und von M. M. van Steinen auf ihrer Website.

5. August 2016

'Meine beiden Leben - Der Anfang vom Ende' von J.J. Winter

Vor zwanzig Jahren lernte Jess unter mysteriösen Umständen den faszinierenden Vampir Christoph Ledoux kennen. Mit höchster Raffinesse umgarnte er sie und rang ihr das Versprechen ab, nach ihrem Tode für immer die Seine zu werden. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich herausstellte, denn ihr menschliches Leben nahm daraufhin einen vollkommen anderen Verlauf.

Nun aber ist der Moment gekommen, dieses Versprechen einzulösen, denn Jess sitzt in einem Flugzeug, das unweigerlich abstürzen wird. Mit einer riskanten Aktion sorgen Christoph und der Todesengel Raphael dafür, dass sie die Wandlung tatsächlich vollziehen kann, doch ihre neue Existenz als Vampirin und die ewige Liebe zu Christoph sind von drohendem Unheil überschattet. Im Hintergrund zieht jemand sämtliche Register, um Jess zu vernichten – und dieser Jemand ist mächtig, skrupellos und äußerst gefährlich. Ein verzweifelter Kampf gegen einen gesichtslosen Feind beginnt …

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Leseprobe:
Ja, es war eine unausweichliche Tatsache, das wurde ihr in diesem Moment klar. Das Flugzeug wird abstürzen, und alle an Bord werden dabei ums Leben kommen.
Das erkannte sie an dem Blick, mit dem er sie ansah. Er war einerseits ruhig und besonnen, andererseits in freudiger Erwartung und aufgeregt. Für ihn war es das Ziel seiner Träume, das Ende einer sehr langen Wartezeit. Nun würde sie bald ihm gehören. Für immer und nur ihm.
Seine Ruhe und Gelassenheit übertrug sich auf Jess, die das Unvermeidbare zu akzeptieren begann. Ihr Blick schweifte über die Gesichter der Fluggäste in ihrer Nähe, die nicht ahnten, was auf sie zukam. Einige wirkten etwas beunruhigt wegen der schweren Turbulenzen, die ihre Maschine gerade durchflog, und andere schienen alles einfach hinzunehmen. Geradeso, als würden sie sich zurücklehnen und Frieden mit der Welt schließen.
Ihr blieb noch eine halbe Stunde. Was sollte sie tun? Toben, schreien, weinen?
Nein, so soll mein Leben nicht enden, entschied Jess ruhig .

***

Als sie vor einer Stunde in das Flugzeug gestiegen war, schien die Welt noch in Ordnung. Die letzten vier Tage waren die schönsten seit Langem gewesen.
Jess befand sich auf dem Rückflug von der Hochzeit ihrer Freundin Hetty, die mit ihrem frischgebackenen Ehemann Cloud in einem kleinen Vorort von Paris wohnte. Die Freundinnen hatten sich schon über zehn Jahre nicht mehr gesehen und entsprechend groß war die Freude über die Einladung gewesen. Es war so aufregend! Eine Hochzeit in Paris, der Stadt der Liebe ... Auch wenn ihr selbst nicht so viel Glück beschieden gewesen war; ihr Ehemann hatte sie vor dreizehn Jahren wegen einer Jüngeren verlassen.
Alle hatten bezweifelt, dass Hetty, die schon siebenundvierzig war, jemals in den Stand der Ehe treten würde, und nun war sie als Einzige der vier ehemals besten Freundinnen glücklich verheiratet.
Maria lebte zwar mit ihrem Mann Peter im selben Haus, aber mehr verband die beiden nicht mehr miteinander. Als die Kinder größer wurden und schließlich ihre eigenen Wege gingen, zog er in eines der leeren Kinderzimmer. Aus dem anderen wurde ein Fernsehzimmer, für ihn ganz allein. Er vergaß einfach, dass er verheiratet war, und Maria nahm es hin.
Sarah ließ sich nach nur drei Jahren Ehe von ihrem Mann Robert scheiden. Wegen „unüberbrückbarer Differenzen“, wie es offiziell hieß. In Wahrheit war der Zauber im Schlafzimmer verschwunden. Anfangs stellte Sarah es sich herrlich vor, immer nur mit demselben Mann zusammen zu sein. Sie würde seine Vorlieben kennen, seine Bedürfnisse, und könnte sich vollkommen auf ihn einstellen. Schon bald aber verlor sie das Interesse an dem stetig gleichen Trott und suchte anderweitig Abwechslung. Die Scheidung der beiden war für alle eine Erlösung, auch für die Freundinnen.
Und Jess? Ja, sie war noch verheiratet, aber nur auf dem Papier. Bald nachdem ihr Mann Alex einen unerwarteten beruflichen Aufschwung erlebt hatte, musste sie feststellen, dass er sie betrog. Nicht nur das eine Mal, als sie ihn in flagranti mit seiner rothaarigen Sekretärin im Büro erwischt hatte, sondern schon all die Jahre zuvor nutzte er jede Gelegenheit, die sich für ein Abenteuer bot.
Vor dreizehn Jahren war er dann ausgezogen. Er wohnte jetzt in einem netten kleinen Haus auf der anderen Seite der Stadt, mit seiner neuen, fünfundzwanzig Jahre jüngeren Freundin. Die Scheidung wurde nie eingereicht. Dazu fehlte ihnen der Mut. Aber sie wussten beide, dass es nie wieder ein „Jess und Alex“ geben würde. Das war völlig klar.

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Mehr über und von J. J. Winter auf ihrer Website.