30. Juni 2016

'Kampfstoff: Parasiten' von Albert Karer

Die Dresdner Polizisten Sabine Lemko und Chris Engel ermitteln in einem Mordfall, der immer größere Kreise zieht: von einer Forschungsanlage in Sachsen bis zu einem geheimen Labor bei Aleppo in Syrien. Eine Spur führt zum Parasiten-Experten Andy Kuhl in Konstanz. Der legt nicht alle Karten auf den Tisch und wird bald gründlich von seiner Vergangenheit eingeholt. Als ein Anschlag auf Deutschland bekannt wird, muss er sich entscheiden: Hält er sich heraus oder setzt er alles aufs Spiel?

Gleich lesen: Kampfstoff: Parasiten







Leseprobe:
Montag, 28. Juli 2014

„Feigling!“
„Ich bin kein Feigling.“
„Bist du doch!“ Jonas ließ den rostigen Maschendrahtzaun los und baute sich vor dem um einen Kopf kleineren neunjährigen Elias auf. Elias’ Augen waren gerötet, er sah aus, als würde er jeden Moment losheulen. Der Heuschnupfen forderte im Moment sein Immunsystem gehörig heraus.
„Wenn du zur Bande gehören willst, musst du die Mutprobe machen.“ Lukas, Robin und David, die anderen aus Jonas’ Bande, alle um die zehn Jahre alt, nickten und feixten.
„Wir waren alle da drin“, sagte Lukas. „Wir warten am Fenster, du gehst die Treppe runter in den Keller. Kriegst auch meine Taschenlampe.“
„Was ist das für eine Mine?“, fragte Elias und zeigte auf ein Schild am zweiten Zaun in etwa zwanzig Meter Entfernung. „Achtung Minen! Gesperrt! Lebensgefahr!“ Das Schild war nicht zu übersehen.
„Da ist ’ne Bombe im Boden und wenn du drauftrittst, explodiert die“, Robin grinste.
Jonas verdrehte die Augen. „Oh Mann, du bist wirklich ein Schisser. Also pass auf. Früher war die russische Armee hier. Deswegen darf man nicht rein.“ Auf einem verwitterten Schild keine fünf Meter von ihnen stand auf schmutzig-weißem Untergrund in schwarzen Buchstaben: „Militärisches Sperrgebiet. Betreten verboten! Achtung! Schusswaffengebrauch!“
„Mein Alter hat hier noch als Soldat Wache geschoben. Unten bei der Pension Kalkbreite waren die Baracken von den Wachsoldaten. Da vorne, beim Pfeiler, da war ein Wachturm. Zwischen den beiden Zäunen hier sind die Wachen gelaufen. Mein Alter hat gesagt, Minen gab es damals schon keine mehr. Ganz früher aber schon, die haben einfach die Schilder hängen lassen. Also kein Grund, Schiss zu haben.“
Jonas griff nach dem Maschendraht und zog ihn wieder hoch. Er zwängte sich durch die Öffnung, Lukas, Robin und David folgten ihm auf dem Trampelpfad, der durch das hohe Gras zum zweiten Zaun führte. Elias gab sich einen Ruck und schlüpfte hinter ihnen durch den Zaun.
Im zweiten Zaun mussten sie nur eine verbeulte, schiefe Gittertür mit einer rostigen Kette öffnen. Das Warnschild mit schwarzem Kleeblatt auf gelbem Grund sagte den Kindern nichts, sie hätten es so oder so ignoriert, wie die anderen Schilder zuvor. Gleich darauf kletterten sie über eine Betonmauer, die etwa einen Meter hoch und zwei Meter breit war und einen zweistöckigen quadratischen Backsteinbau ringförmig umschloss.
Die Türen und Fenster des Hauses waren zugemauert. Die Jungen scheuchten zwei Katzen auf, die faul in der Sonne lagen, lautlos verschwanden die Tiere um die Hausecke. David und Robin fingen sofort an, Holzkisten von der Hausmauer wegzuschieben, Jonas legte Elias eine Hand auf die Schulter.
„Das ist die Rückseite. Vor dem Haus und da drüben standen früher noch ein paar Baracken.“ Er zeigte auf Betonfundamente mit Rissen, in denen Gras wuchs.
Inzwischen hatten David und Robin alle Kisten zur Seite geschoben. Vor ihnen klaffte ein Loch in der Hauswand. Ein Kellerfenster, das einmal zugemauert gewesen war. Lukas lag schon auf dem Bauch davor und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinunter auf die Treppenstufen.
„Buuhh, das stinkt vielleicht. Vor zwei Wochen hat es noch nicht so gestunken.“ Lukas zog den Kopf aus der Öffnung zurück und grinste. „Bestimmt ’ne tote Ratte.“ Er reichte Elias die Taschenlampe.
„Du gehst die Treppe runter. Dann kommt ein Gang, da sind links und rechts ein paar Räume. Da unten liegt jede Menge Gerümpel rum, du schnappst dir was und bringst es uns.“
„Irgendwas?“, fragte Elias nach.
„Was aus Metall“, sagte Jonas. „Da liegt ein Haufen Papier rum. Kein Papier!“
Elias nickte nur, drehte sich um und ließ sich rückwärts durch die Öffnung gleiten, bis er auf einer Treppenstufe ankam. Das Kellerfenster war nun direkt über seinem Kopf. „Oh, das stinkt.“ Mit der linken Hand hielt er sich die Nase zu und lief los.
„Hast du die Zeit genommen, Jonas?“
„Klar, jede Wette, der braucht keine dreißig Sekunden, so viel Schiss, wie der hat.“ Jonas hielt seinen Arm hin, damit die anderen auch auf die Uhr schauen konnten.
„Dreißig sind vorbei“, kommentierte Robin.
„Ich hör noch nichts“, Lukas streckte den Kopf in die Öffnung und zog ihn gleich wieder zurück. „Das kann keine Ratte sein, so wie das stinkt.“
„Eine Minute fünfzehn.“
„Er kommt“, sagte Lukas. Gleich darauf streckte Elias die Hand mit der Taschenlampe nach oben und Robin und David zogen ihn hoch.
„Und, was hast du mitgebracht?“ Jonas streckte auffordernd die Hand aus.
Elias war aschfahl und zitterte, er griff nach hinten, zog eine Pistole aus dem Hosenbund und drückte sie Jonas in die Hand.
„Mensch, wo hast du denn die her? Verdammt, da ist ja Katzenscheiße dran!“
„Die ist von dem Mann, der da unten liegt“, stammelte Elias. „Er hat ein Messer in der Brust.“

Im Kindle-Shop: Kampfstoff: Parasiten

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29. Juni 2016

'Grundkurs Whisky: Entdecken - Verkosten - Genießen' von Mark Sectoren

Whisky oder Whiskey, Bourbon, Single Malt oder Blended Scotch? Über Whisky wird viel erzählt, noch mehr behauptet und wenig gewusst.

In seinen einzigartigen Streifzügen durch die Whiskywelt erkundet Mark Sectoren die Traditionen und Geheimnisse des goldgelben Edeldestillats, wagt einen Blick in idyllische Brennereien, offenbart die ungewöhnlichen Besonderheiten seiner Herstellung und erklärt Ihnen, was Sie über die verschiedenen Whiskyarten wissen müssen. Gehen Sie mit: Er führt Sie dorthin, wo das »Wasser des Lebens« seine Ursprünge hat, erklärt, wie man Whisky richtig genießt und verrät, mit welchem Sie unbedingt beginnen sollten. Für Sie entdeckt er die unendliche Vielfalt der edlen Brände, spricht über Preise, erläutert, welche Whiskys sie unbedingt probieren sollten und was es mit den individuellen Charaktereigenschaften und Aromen des Kultgetränks auf sich hat.

Tauchen Sie ein in die Vielfalt und Faszination der Welt der Whiskys.

Gleich lesen:
Für Kindle: Grundkurs Whisky: Entdecken - Verkosten - Genießen
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Für mich beginnt die Suche nach deutschem Whisky in einer bayrischen Hausbrennerei, im kleinen Ort Arrach, nicht weit von Bad Kötzting entfernt.
Vom Parkplatz sieht man bereits einen großen Teil des Hofes. Das umfangreiche Anwesen wirkt sehr bayrisch: gestandene, hübsch bemalte Landhäuser mit Holzgibel und Blumenkästen, ein Biergarten, ein Museumswirtshaus, ein Bärwurzgarten und als Krönung, die Schnapsbrennerei - die den Namen DREXLER trägt.
Fahnen flattern lustig im Wind, der von den Bergzügen herüber weht. Der Drexler Hof liegt inmitten von fruchtbarem Land und ist umgeben von grüner Hügellandschaft. Ein hübscher Anblick, der sicher genügend Touristen und Genussmenschen anlockt. Denn es gibt dafür auch ausreichend Gründe: Zahlreiche, hausgemachte Spirituosen, die man nach Belieben verkosten und kaufen kann, ein liebevoll hergerichtetes Destillerie-Museum, Filmvorführungen und für jeden Geschmack der richtige Tropfen.
Ich bin aufgeregt, denn ich habe gleich mein erstes Date mit dem Bayerwald Single Cask Malt Whisky No1. Der Whisky wartet bereits im bauchigen Nosing-Glas auf einem Holztisch, wir werden uns heute zum ersten Mal begegnen.
No1 duftet aus dem Glas, sieht goldfarben aus und wirkt für sein zartes Alter ziemlich temperamentvoll. Das Etikett auf der bauchigen Flasche erzählt schon die halbe Geschichte: Ein Malt Whisky aus Bayern, Single Cask, DREXLER ARRACH, steht darüber, es ist der Name der Destillerie.
Tatsächlich ist es nicht einmal eine reine Whiskybrennerei. Man brennt hier vor allem Edelobstbrände. Doch für Whisky gelten andere Gesetze: Der perfekte Schluck fällt nicht vom Himmel. Die Zutaten für einen anständigen Whisky? Wasser, Gerste, Freude am Produkt und natürlich etwas Geschick.
Der No1 wird aus 100% gemälzter Gerste hergestellt und im klassischen Roh- und Feinbrandverfahren destilliert. Das Ergebnis ist ein exklusiver Whisky, dafür sorgt die Reifung in neuen Eichenfässern aus amerikanischer Weißeiche und in gebrauchten Bourbon- und Sherry Fässern.
Schon beim Riechen meint man den Whisky schmecken zu können. Gerste, Bittermandel, Rotwein und Eichenfass vermischen sich so, dass die Leistung meines Geruchsorgans neue Höhen erreicht.
Später machen sich Marzipan, Orange, Apfel und Lavendel bemerkbar, die jedoch bald von der forschen Eichenfass-Substanz gebunden werden.
Er duftet anders als die zahlreichen Whiskys aus Schottland oder Irland, soviel ist klar. Der No1 ist recht jung und am Gaumen äußerst kräftig, da der Whisky mit starken 46%vol. abgefüllt wird. Doch er besitzt genau die richtige Würze, die ich so von einem deutschen Malt Whisky nicht erwartet hätte. Sehr beeindruckend treffen zunächst Röstgetreide und ein Hauch herbes Eichenholz die sensiblen Geschmacksnerven, bevor sich eine recht saftige Portion Rotwein und Rumtopf mit den Aromen vollreifer Rosinen, sanfter Vanille und einer Spur Honig verbindet.
Der Whisky verfügt über eine ausdrucksstarke, angenehm-wärmende Note, die beim zweiten Schluck an Tokajer und Gewürznelken erinnert, während sie vom Eichenton, der nach vorn drängt, ablenkt.
Sein jugendlicher Abgang ist außergewöhnlich stark und er weist sogar eine dezente Chili-Note auf.
Dieser Whisky hat Stil, Charme und einen rebellischen Charakter. Er ist etwas ungestüm, doch angenehm komplex und baut auf großen Aromen auf.
Ich schenke mir noch ein weiteres Glas ein und lasse meine Gedanken kreisen. Dabei ahne ich, dass deutsche Hersteller niemals den Erfolg haben werden wie die große schottische Konkurrenz, aber ich verstehe nicht warum. Dem deutschen Whisky zu einem besseren Ruf zu verhelfen, obliegt vor allem auch Unternehmen wie dem von Reinhard Drexler. Denn die fleißigen Leute in Arrach destillieren wahrhaftige Sehnsuchtsgeschichten.
Und so fühle ich mich tatsächlich dem Paradies ein wenig näher, zwischen Gerste, Wasser und Eichenfass.

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Mehr über und von Mark Sectoren auf seiner Autorenseite bei Amazon.

'Flammentanz I - Funken' von Isabella Mey

Inea sieht Dinge, die andere nicht sehen können, und hält sich deshalb für verrückt. Alles ändert sich jedoch, als zwei rätselhafte Männer auftauchen und ihr bisheriges Leben damit komplett auf den Kopf stellen.

Gefühlvoller Fantasy-Liebesroman.

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Leseprobe:
Starke Finger packen meine Handgelenke und ziehen mich mit übermenschlicher Kraft und einem solchen Schwung in die Höhe, dass ich regelrecht auf meinen Retter zu fliege. Er fängt mich auf, hält mich fest. Ich liege in seinen Armen, spüre seinen Körper dicht an meinem und sofort durchflutet mich eine Wärme, wie ich sie nie zuvor gefühlt habe. Meine Knie verwandeln sich in Wackelpudding, was mich unwillkürlich dazu bringt, mich an ihm festzuklammern, meine Arme um ihn zu schlingen. Verwirrt und benebelt von diesem unbekannten Gefühl, verharre ich in völliger Unfähigkeit, mich zu bewegen. Mein Herz hämmert gegen meine Brust, im Gleichklang zu seinem, dessen Wummern ich ebenfalls spüren kann.
Weshalb nur fühlt sich die Umarmung eines völlig Fremden dermaßen himmlisch an?
Im nächsten Augenblick jedoch löst sich der Mann von mir, hält mich an den Armen fest und mustert kritisch mein Gesicht. In seinen Pupillen lodert das dunkle Feuer eines schwarzen Turmalins.
Oh Gott, es ist der gruselige Typ, der mich vor dem Schiff angestarrt hatte!
Mir wird schwindelig.
«Wer bist du?», will er wissen.
Seine Stimme vibriert in meinem Inneren, der Ton seiner Worte bringt eine Melodie in mir zum Klingen.
Was ist das? Um Gottes Willen, wer ist dieser Mensch und was macht er mit mir?
Seine Erscheinung sollte mich ängstigen, aber da ist keinerlei Furcht, im Gegenteil, noch nie habe ich mich so geborgen gefühlt, wie in seiner Nähe. Völlig überwältigt von diesen Emotionen, versagt meine Stimme. Ich starre ihn nur an, wie einen Alien. Der Fremde mustert meinen Hals, schüttelt dann ungläubig den Kopf.
«Verdammt, wer bist du?»

Im Kindle-Shop: Flammentanz I - Funken

Mehr über und von Isabella Mey auf ihrer Autorenseite bei Amazon.

28. Juni 2016

'Die Hüterin der Welten' von Sabine Schulter

Die Weltenuhr ist ein mystisches Gebilde, das die unterschiedlichen Welten und den Schleier, der sie voneinander trennt, im Gleichgewicht hält. Die Hüter in Loreen wissen das, doch Néle, die ein völlig normales Leben auf der Erde führt, ahnt davon nichts. Doch der Schleier wird immer dünner und fremde Krieger wollen sich der anderen Welten bemächtigen.

Völlig unverhofft findet sich Néle in Loreen wieder, wo sie auf Menschen trifft, die ihre Hilfe brauchen. Denn nur sie scheint die Gabe zu besitzen, den Schleier wieder zu festigen und die Welten vor der vollständigen Vernichtung zu retten.

Nun ist es an ihr, sich zu entscheiden, ob sie ihr Schicksal annimmt oder nicht.

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Leseprobe:
Zu ihrem Glück lag der Tunnel nicht vollkommen im Dunkeln, sondern Lampen erhellten ihn in regelmäßigen Abständen. Dafür war er aber mit Schotter ausgelegt, der ihr den Weg erschwerte, was ihre angekratzten Nerven nur noch mehr reizte. Wenn sie herausfand, wer dafür verantwortlich war, würde sie ihn bei lebendigem Leibe häuten, das schwor sie sich.
Aber niemand kam.
Sie lief einfach nur immer weiter den Tunnel entlang. Nach etwa einer Stunde tauchte vor ihr ein grünes Licht auf und als Néle es erreichte, taten ihr bereits die Füße weh. Vor ihr unterbrach eine Metalltür die Eintönigkeit der kahlen Tunnelwände. Darüber leuchtete ein Schild mit der Aufschrift: Exit.
„Wie praktisch“, seufzte sie und drückte die Klinke.
Es überraschte sie, dass sie nicht abgeschlossen war und sich ohne Probleme öffnen ließ. Dankbar von diesem Schotter herunter zu kommen, betrat sie den Gang, der dahinter begann. Er bestand vollkommen aus Beton und war nur zweckmäßig hergerichtet. Auch hier zeigten ihr mehrere Lampen den Weg.
Eine Weile folgte sie ihm und als sie bereits überlegte, eine Pause zu machen, sah sie vor sich ein anderes Licht als das der Glühbirnen. Neugierig trat sie darauf zu und stellte fest, dass es sich um einen Ausgang handelte. Es war eine halbrunde Öffnung und Néle erkannte dahinter das helle Grün frisch ausgetriebener Bäume.
Dieser Anblick befremdete sie, denn eigentlich war es Herbst und die Blätter sollten in allen Rottönen leuchten.
Von dieser Tatsache abgelenkt, bemerkte sie nicht, dass sich der Boden veränderte. Erst als sie über einen Stein stolperte, blickte sie hinab und sah felsigen Untergrund. Von Beton und menschlicher Arbeit war nichts zu erkennen. Atemlos wirbelte sie herum, aber der Tunnel befand sich nicht mehr hinter ihr.
„Nein!“, rief sie und hörte ihre Stimme zittern.
Das durfte doch nicht wahr sein. Halluzinierte sie vielleicht oder träumte doch noch? Sie ließ ihre Sachen fallen und eilte zu der Wand zurück, durch die sie eigentlich gerade erst getreten war. Aber sie blieb massiv und undurchdringlich. Néle konnte es sich einfach nicht erklären.
Misstrauisch blickte sie über die Schulter zu dem Ausgang der Höhle. Aber ihr blieb keine andere Wahl. Also nahm sie ihr Gepäck wieder auf und trat hinaus.
Ein wundervoller Tag empfing sie. Vögel zwitscherten in den blühenden Bäumen, die ihr saftigstes Grün zur Schau stellten. Frühlingsblumen standen zuhauf zwischen den Stämmen und die Sonne warf zauberhafte Lichtspiele auf den Boden, die sich beständig im lauen Wind veränderten. Es hätte nicht schöner und idyllischer aussehen können, wenn Néle nicht noch immer die Tatsache beunruhigt hätte, dass es eigentlich Herbst sein sollte.
Vielleicht ein Wurmloch, dachte sie mit einem Schnauben.
Sie musste unbedingt eine Straße finden, um hier wegzukommen und ihrer Schwester Bescheid geben, dass sie später kommen würde. Sie zog ihr Handy aus der Rocktasche und stand der nächsten Überraschung gegenüber: Sie hatte keinerlei Empfang.
„War ja klar“, seufzte sie resignierend, steckte das Handy wieder weg und machte sich auf den Weg. Hier rumzustehen, würde sie auch nicht weiterbringen. Vor allem da sie sich beeilen musste. Die Sonne hatte bereits den Horizont erreicht und sie wollte nicht die Nacht im Wald verbringen. Allein bei dem Gedanken verzog sie angewidert den Mund.
Sie lief und lief, aber ein Ende des Waldes war nicht zu sehen.
„Das ist heute mit Abstand der schlimmste Tag meines Lebens“, rief sie aus und ließ ihre Tasche fallen.
Ihre Schultern taten weh, genauso ihre Füße. Zudem hatte sie Durst und auch Hunger. Wenn sie jedoch eine Pause machte, würde sie in einer halben Stunde im Dunkeln sitzen, ohne weitergekommen zu sein. Aber zumindest trinken konnte sie etwas.
Sie zog eine der Flaschen hervor und wollte sie gerade aufdrehen, als ein tiefes Knurren hinter ihr ertönte. Vor Schreck erstarrte sie.
„Oh bitte, lass es kein unheimliches Tier sein“, flüsterte sie und sah über die Schulter, um gleich darauf laut zu schreien.

Im Kindle-Shop: Die Hüterin der Welten

Mehr über und von Sabine Schulter auf ihrer Website.

27. Juni 2016

'Stigmata' von Silvia Maria de Jong

Was tut eine Frau und Mutter, wenn sie erfährt, dass der Mann, der ihr das Leben gerettet hat und in den sie sich gerade zu verlieben beginnt, ein Mörder ist? Kann eine solche Beziehung eine Chance haben? Darf sie einen Mann mit einer solchen Vergangenheit überhaupt lieben? Und wird diese Liebe sie letztendlich töten?

Thierry und Liliana, beide vom Schicksal schwer gezeichnet, begegnen einander am Wendepunkt ihres Lebens. Thierry kehrt nach einer neunjährigen Haftstrafe zurück in seine Heimat, konfrontiert mit Anfeindungen und Verleumdung. Eine zarte Bande der Freundschaft entspinnt zwischen den Beiden. Er hilft Liliana, die nach dem Tod ihres Mannes dem Alkohol verfiel, wieder auf die Beine.

Eine Begegnung die auf den ersten Blick für Lilianna lebensrettend ist, auf dem Zweiten aber ebenso tödlich sein kann …

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Leseprobe:
Sie stand mit dem Rücken an die Autotür gelehnt. Ihre Haltung drückte Anspannung aus.
Die intensiven grünen Augen funkelten in den sonst totenbleichen Gesichtszügen.
Als er sie so dort stehen sah, durchfuhr ihn ein Gedanke.
„Du weißt es“, sagte er heiser, unbewusst die vernichtenden Worte laut aussprechend.
Liliana starrte ihn an, fast so, als suche sie nach jenem Mahnmal, das sie bisher übersehen hatte, welches aber doch für jeden anderen scheinbar ersichtlich war.
„Lia, ich...“er machte einen Schritt auf sie zu, doch sie hob sogleich abwehrend die Hände, den Blick ängstlich auf den Hammer gerichtet, der noch immer in seiner Hand lag.
„Bleib...bleib wo du bist.“
Heißer Schmerz durchlief ihn. Sie hatte Angst. Angst vor ihm. Behutsam ließ er das Werkzeug zu Boden sinken.
„Liliana, lass mich erklären...“
„Jetzt? Warum ausgerechnet jetzt? Du hattest tagelang Zeit mir deine Version der Geschichte zu erzählen. Aber du...du hast es ja vorgezogen zu schweigen. Aus gutem Grund, nehme ich an.“ Ihre Worte klangen hart und anklagend, unterspült von Furcht und Trauer.
„Nur aus einem Grund“, sagte er leise. „Ich wusste nicht wie du reagieren würdest, wenn ich dir von meiner Vergangenheit erzähle. Schließlich kennen wir uns kaum...“
„Dann stimmt es...du hast deine Frau ermordet.“ Das war keine Frage, sondern einen nüchterne Feststellung. Ihre Stimme klang atemlos.
Sein zögerndes nicken ließ sie, auch wenn es kaum möglich schien, noch eine Spur stärker erblassen.
So als befürchte sie jeden Moment einen Anschlag seinerseits, drückte sie sich mit dem Rücken fester gegen die Autotür. Ihre Handtasche hielt sie wie ein Schutzschild an die Brust gepresst, um sich vor einem möglichen Kugelhagel zu schützen.
„Du bist direkt aus dem Gefängnis hierher zurückgekehrt?“ Unglaube lag in ihren Augen.
„Warum?“
In leiser Verzweiflung hob er beide Hände, die Handflächen zum Himmel gerichtet.
„Weil dies mein zu Hause ist. Es ist für mich unvorstellbar wo anders zu leben.
Die letzten neun Jahre waren unfassbar hart und nur der Gedanke daran, nach Oleron zurück zu kehren, hat mich aufrecht gehalten.“
Sie schnaubte verächtlich: „Kann ich mir vorstellen, dass die Jahre in der Strafanstalt kein Zuckerschlecken waren…Nach allem was man hört, hast du dir den Aufenthalt ja wohl selbst zuzuschreiben.“
Ihre Verachtung traf ihn. Dabei war er sich so sicher gewesen, dass sie anders war, als all jene, die ihn ungehört verurteilten. Mit dem richtigen Einfühlungsvermögen und ausgewählten Worten, hatte er ihr von den Geschehnissen erzählen wollen. Natürlich wäre sie erschüttert gewesen, vielleicht hätte auch eine Zeit lang Unverständnis in ihren Augen gestanden, aber sie hätten zumindest die Chance gehabt, ihre Freundschaft aufrecht zu erhalten, vielleicht sogar zu vertiefen.
Mit einer Handbewegung, die seine tiefe Verzweiflung ausdrückte, wischte er sich den, noch immer fallenden Regen vom Gesicht.
„Das habe ich wohl..., dennoch hätte ich nie vermutet, dass du mich so schnell vorverurteilst.“
„Vorverurteilst? Thierry, du hast neun Jahre in einer Haftanstalt verbracht, als verurteilter Mörder! Wie kann ich dich da vorverurteilen? Das sind Tatsachen.“
Ihre Stimme hatte sich, während sie sprach, um einige Oktaven erhöht. Vermutlich ein Anzeichen aufsteigender Hysterie.
„Liliana, schenke mir eine Stunde deiner Zeit...dann wird dir klar...“
„Nein! Nein, hörst du. Ich will keine Erklärungen. Du hast dich in mein Leben gedrängt und viel schlimmer, du hast Elise Vertrauen im Handumdrehen gewonnen. Versuchst dich, “ sie deutete mit der linken Hand auf die bereits reparierten Fensterläden, „unentbehrlich zu machen. Und während du mit uns zusammen bist, entlockst du mir jedes meiner Geheimnisse, ohne jedoch auch nur das Geringste von dir Preis zu geben.“ Sie unterbrach sich kurz, um zitternd Luft zu holen.
„Gott, ich hätte meinem Gefühl trauen sollen. Von Anfang an habe ich gespürt, dass mit dir etwas nicht stimmt. Du, du warst zu glatt. Eine Spur zu hilfsbereit, eine Spur zu nett, zu verständnisvoll..., meine Güte, wenn ich nur daran denke, was ich dir alles anvertraut habe..., “
Ein Hauch von Abscheu zog über ihre schönen Gesichtszüge. Regentropfen verfingen sich in den langen dunklen Wimpern, rannen über ihre Wangen und tropften von ihrem Kinn.
Thierry senkte den Kopf und schloss gequält die Augen. Warum hatte er nicht längst mit ihr gesprochen?
Die Antwort darauf kannte er nur zu gut. Weil er eben dieses Reaktion ihrerseits befürchtet hatte. Sein schlimmster Albtraum wurde gerade Wahrheit.
Als er die Augen öffnete, bemerkte er das Blut an seinen Händen.
Verflucht, es ging wieder los. Es war immer dasselbe, wenn der emotionale Druck zu hoch wurde. Ohne jede Vorwarnung, platzte eine Ader und ein nicht unerheblicher Blutstrom floss aus seiner Nase.

Im Kindle-Shop: Stigmata

Mehr über und von Silvia Maria de Jong auf ihrer Website.

25. Juni 2016

'Ein Jahr ohne dich' von Rachel Parker

Ein Stipendium in Boston eröffnet Conny völlig neue Möglichkeiten. Geprägt durch die Krankheit ihrer Mutter kann sie in den USA völlig losgelöst neue Erfahrungen sammeln. Sie lernt neue Freunde kennen und eines Abends auch den attraktiven Paul, der ihre Gefühlswelt innerhalb von Sekunden völlig auf den Kopf stellt …

Während Conny sich in Amerika schnell wohlfühlt, hadert ihre Mutter Christin in Deutschland mit ihrem Schicksal und der Vergangenheit. Geplagt von Selbstzweifeln zieht sie sich immer weiter zurück, bis eine zufällige Begegnung ihr neuen Lebensmut einhaucht. Gerade als ihre Tochter sich auf die Heimreise machen will, wird Boston von einem Erdbeben erschüttert …

Ein Roman über die heilende Kraft der Liebe und die Prüfungen des Lebens.

Gleich lesen: Ein Jahr ohne dich

Leseprobe:
Eine Staubschicht überzog mich und ich kauerte am Boden meines Zimmers auf dem Campus. War das eben wirklich geschehen? Totenstille um mich herum. Überall lagen meine Sachen verstreut – die halb gepackten Koffer zwischen Kleidungsstücken und zerbrochenem Geschirr, ebenso die Bücher und Bilderrahmen. Das große Regal neben der Zimmertür war sogar umgestürzt. Gestern wurde die Bevölkerung über Fernsehen, Radio und wir Studenten zusätzlich während der Vorlesungen gewarnt. Eben noch erwartete man ein Erdbeben der Stärke 5,0 bis 6,0 in der Stadt und in weiten Teilen des Bostoner Umlandes, nun war es geschehen. Wenige Minuten verstrichen. Ich wagte kaum zu atmen oder mich zu bewegen. Wo hielt sich Paul während dieser schrecklichen Minuten auf? Von draußen hörte man Sirenen von Krankenwagen. Menschen schienen panikartig über den Campus zu laufen, ihre Schreie drangen bis zu mir ins Zimmer. Auf unserem Gang war es jedoch beängstigend still. Auch unser Studentenwohnheim bebte und zitterte fürchterlich während des Erdbebens. Meine Fensterscheiben hatten Sprünge, waren aber zum Glück nicht zerborsten, weshalb ich unverletzt blieb. Die Zimmerdecke wies Risse auf, und Putz löste sich. Ich war von Kopf bis Fuß mit grauem Staub bedeckt, dieser rieselte noch immer auf mich herab. Nach dem ersten Schock und der Starre breitete sich nun Angst in meinem Innern aus. Ich machte mir große Sorgen um Paul. Er befand sich auf dem Weg zum Bahnhof, um unsere Tickets für die Heimreise zu kaufen. Danach wollte er zu dem Reisebüro, um die Flugzeiten für den Flug nach Frankfurt bestätigen zu lassen. Hatte er noch rechtzeitig eines der Gebäude verlassen können? Vorsichtig robbte ich zum Schreibtisch und suchte zwischen den staubigen Studiensachen nach meinem Handy. Endlich! Hier war es. Ich wählte seine Nummer, aber die Leitung war tot. Oh mein Gott, das darf doch nicht wahr sein! Panik erfasste mich. Ich rief wie von Sinnen nach Hilfe. Da erinnerte ich mich an meine Freundin Mara und all die anderen auf meinem Stockwerk.
»Mara, wo bist du? Bist du verletzt?«, schrie ich verzweifelt.
»In meinem Zimmer, Conny! Nein, nur total staubig und hier herrscht das absolute Chaos. Ich versuche gerade, meine Zimmertür zu öffnen, aber der Schrank liegt davor.«
»Warte, ich komme sofort zu dir!« Vorsichtig, denn die Angst saß mir immer noch im Nacken, öffnete ich meine Tür. Auf unserem Korridor war an vielen Stellen der Putz von der Decke gebrochen und da, am Ende des letzten Raumes, klaffte ein riesiges Loch. Oh mein Gott, hoffentlich war Nick während dem Beben nicht in seinem Zimmer! Er war ein liebgewonnener Kommilitone. Ich begann zu zittern, und Tränen liefen mir über das Gesicht, währenddessen ich zu Maras Schlafraum stürzte.
»Mara, ich stehe vor deiner Tür und stemme mich dagegen, du ziehst dann am Schrank. Okay?«, rief ich mit weinerlicher Stimme.
»Ja, ist gut Conny. Ich habe solche Angst!«
»Dann zieh, damit wir so schnell wie möglich hier rauskommen!«
Vereint befreiten wir sie in wenigen Minuten und fielen uns weinend, aber glücklich, um den Hals.
»Schnell, Mara, nix wie weg! Am Ende des Korridors klafft ein riesiges Loch. Von der Decke fällt immer wieder Putz. Gibt es nicht auch Nachbeben?«
Panikartig eilten wir zum Treppenhaus, rannten die Treppen hinunter ins Freie und direkt in die Arme des Katastrophenschutzteams.
»Bitte begeben sie sich sofort zum Sammelplatz an der Mensa. Wir erwarten ein Nachbeben! Haben sie noch jemanden im Innern gesehen?«
Wir schüttelten nur unsere Köpfe, und schon waren die Männer im Gebäude verschwunden.
Auf dem Weg zur Mensa fragte ich: »Funktioniert dein Handy, Mara? Meines ist tot.«
»Ja, hier. Ich habe vorhin Jens vom Zimmer aus angerufen, bei ihm ist alles okay. Er war während des Bebens in der U-Bahn und rettete sich ins Freie.«
Ungeduldig wählte ich Pauls Nummer. Immer noch tot. Ich fing bitterlich an zu weinen.

Im Kindle-Shop: Ein Jahr ohne dich

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24. Juni 2016

'Café Morte' von Billie Kibitz

Die frischgebackene Zwanzigerin Lea kennt sich aus mit enttäuschten Erwartungen. Ihre Eltern, die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Hanne Walsh und der angesehene Professor für keltische Geschichte Seamus Walsh, hätten es für ihre Erstgeborene lieber gesehen, hätte sie ihr Jurastudium beendet. Dass sie stattdessen im angesagten Café Forte als Kellnerin jobbt, stand jedenfalls nicht auf der elterlichen Wunschliste.

Lea andererseits hatte ganz sicher nicht erwartet, infolge eben dieses Schritts schnurstracks zurück in die elterliche Anwaltskanzlei geführt zu werden. Aber es hilft nichts: Wenn sie nicht vor sich selbst als komplette Versagerin dastehen will, muss sie die Unschuld ihres unter Mordverdacht geratenen Freundes und Arbeitskollegen Torben beweisen. Und dazu braucht sie leider die Unterstützung des auf irritierende Weise ihren Vorstellungen von einem Anwalts-Schnösel widersprechenden Sven.

Als wäre nicht alles schon kompliziert genug, führt ihre Libido offenbar ein Eigenleben und lenkt ihre Aufmerksamkeit immer wieder von der privaten Mordermittlung ab. Doch wenigstens in dieser Hinsicht hat Lea die Lage schnell wieder voll im Griff.

Oder wie?

Gleich lesen: Café Morte: Lea Walsh ermittelt 1

Leseprobe:
Klara überflog die Zeilen und sah auf. Sie runzelte die Stirn. »Das ist ja unglaublich.«
»Und das ist noch nicht mal alles. Die haben Torben verhaftet, kannst du dir das vorstellen?«
»Torben? Dein Torben aus dem Café?«
Lea zuckte zusammen. »Er ist doch nicht ›mein‹ Torben! Wir arbeiten zusammen, mehr nicht. Er ist doch auch überhaupt nicht mein Typ.«
»Darum geht’s doch hier gar nicht!« Klara fuchtelte mit ihrem Brötchen herum. Beinahe fiel eine Gurkenscheibe runter, sie musste sie mit einem Klecks Frischkäse wieder ankleben.
Aber sie hatte ja recht. Schuldbewusst zog Lea die Schultern hoch. Sie wusste selbst nicht, warum sie sich über solche Nebensächlichkeiten Gedanken machte, wo sie eigentlich darüber nachdenken musste, wie sie Torben helfen konnte.
»Hier steht, ein Tatverdächtiger ist gestern Abend verhaftet worden. War das während oder nach der Arbeit?«
»Danach. Wieso ist das wichtig?«
Klara zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ist mir nur so durch den Kopf gegangen. Warst du denn dabei? Als die Polizei kam, meine ich.«
»Klar war ich dabei. Wir haben Schmidtchen doch zusammen gefunden. Eigentlich hab sogar ich ihn zuerst entdeckt, falls man das so nennen kann.«
Und während Klaras Augen immer größer wurden, erzählte sie ihr, wie das gestern Abend alles abgelaufen war. Wie Torben sich auf die Spritztour mit seinem neuen Auto gefreut hatte, wie sie sich im dunklen Hof zurechtzufinden versuchten und wie sie dann buchstäblich über Schmidtchens Leiche gestolpert war.
Klara stand der Mund offen. »Wahnsinn! Ist ja wie in einem dieser Grusel-Krimis im TV. Wie hat er ausgesehen? Wie war seine Körpertemperatur? Hatte die Leichenstarre schon eingesetzt?«
»Ist das dein Ernst? Seh ich aus wie ein Gerichtsmediziner? Ich hatte ganz andere Sorgen in dem Moment. Es war das erste Mal, dass ich meinen Chef tot aufgefunden habe!«
Lea verzog das Gesicht. Es war sogar das erste Mal, dass sie überhaupt einen Toten gesehen hatte. Im Nachhinein war sie fast ein bisschen überrascht, dass sie dabei so ruhig geblieben war. Obwohl sie vor allem viel zu durcheinander gewesen war, um sich irgendwie aufzuregen. Und als der Gedanke, dass der tote Kerl da vor ihr Schmidtchen ist, endlich eingesickert war, fühlte sie sich eher taub als erschrocken.
»Tut mir leid. Berufliches Interesse halt.« Klara hob in halbherziger Reue die Hände. Sie neigte den Kopf zur Seite. »Hattest du keine Angst?«
»Angst?« Verwirrt dachte sie darüber nach. Nein, gefürchtet hatte sie sich nicht. Aber in dem Moment hatte sie kaum denken können. Ihr Chef war tot und er lag auf dem Parkplatz seines Cafés herum. So etwas passierte, Menschen starben. Auf die Idee, Schmidtchen könnte einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein, wäre sie nie im Leben gekommen. Aber nach den Vermutungen im Schmierblatt schien es genau so zu sein.
Ihr Herz schlug einen Purzelbaum. »Meinst du etwa, der Täter lauerte noch irgendwo in der Nähe, und wir waren gestern selbst in Gefahr?!«
Klara schenkte sich zum dritten Mal Kaffee und Milch nach. »Nee, glaub ich nicht. Dann hätte er kaum seelenruhig abgewartet, bis die Polizei auftaucht.«
Sie trank einen Schluck und sah Lea über die Tasse hinweg an. »Mit anderen Worten, du gehst davon aus, es stimmt, was die Zeitung schreibt? Dein Chef ist wirklich ermordet worden? Ich meine, es könnte ja auch einfach ein Unfall gewesen sein oder er hatte einen Herzinfarkt.«
Darüber zerbrach sie sich nun selbst schon die ganze Zeit den Kopf. Woher nahm die Zeitung ihre Vermutungen? Wusste die Redaktion etwas, das man Lea auf dem Präsidium vorenthalten hatte? Oder stocherte die Presse nur ein bisschen im Trüben, in der Hoffnung, irgendetwas würde dabei aufgerührt und trieb an die Oberfläche?
Ihr Klingelton riss sie aus den Gedanken.
Unbekannte Nummer.
Wieder klopfte ihr Herz schneller. War das die Polizei? Hatten sie noch mehr Fragen an sie? Lea hatte wirklich nicht die geringste Lust, noch einmal alles wiederzukäuen.
Aber dann war es doch nicht die Polizei, es war Torbens Mutter. Frau Echterbrink sprach schnell und aufgeregt, Lea verstand kaum ein Wort. Offenbar hatte man sie von Torbens Verhaftung unterrichtet. Mitten im Satz brach ihre Stimme und sie fing an zu weinen. Lea schaute Klara hilfesuchend an. Ihre Mitbewohnerin hob ratlos die Schultern.
»Deine Mutter ist doch Anwältin. Sie muss uns doch helfen können! Ihr seid doch befreundet, du und Torben, nicht wahr?«
Aus ihrem Mund hörte es sich schon wieder so an, als wären sie zusammen. Wie kamen nur alle auf diese Idee? Aber bevor sie sich schon wieder ablenken ließ, unterbrach sie den Wortschwall. »Tut mir leid, Frau Echterbrink, meine Mutter ist keine Strafverteidigerin.«
»Oh.«
Das hatte ihr offenbar den Wind aus den Segeln genommen. Sie schniefte, Lea hörte ein Rascheln, dann ein lautes Schnäuzen. »Verzeihung.«
»Ich kann sie aber bitten, einen Kollegen aus ihrer Kanzlei damit zu beauftragen, wenn Sie möchten. Das wollte ich sowieso tun.«
»O ja, bitte, das wäre wunderbar! Das Geld werde ich schon irgendwie auftreiben. Notfalls muss ich eben wieder mehr Wochenend- und Nachtschichten übernehmen.«
Aber Sie haben doch das Geld aus der Erbschaft, wollte Lea schon sagen, aber eine innere Stimme hielt sie davon ab. Das war nicht der richtige Zeitpunkt und besprach sich auch besser von Angesicht zu Angesicht. Aber eigenartig war es schon.

Im Kindle-Shop: Café Morte: Lea Walsh ermittelt 1

Mehr über und von Billie Kibitz auf ihrer Website.

'#FolgeDeinemHerzen' von J. Vellguth

Jung, engagiert und auf dem besten Weg, eine erfolgreiche New Yorker Tierärztin zu werden, hat Sara beschlossen, ihrer besten Freundin das ultimative Geburtstagsgeschenk zu machen.

Die Sache hat dummerweise einen Haken – als Gegenleistung muss sie sich auf ein Date mit dem berühmten Vlogger und Frauenheld BigJake einlassen. Was für andere der Hauptgewinn wäre, ist für Sara ein Stelldichein mit ihrer größten Angst. Was steckt hinter ihren Gefühlen und kann sie nach der Begegnung mit Jake tatsächlich einfach weitermachen wie bisher?

Eine moderne Sommer-Romanze mit quirligen Vierbeinern, Cupcakes im Central Park und einem legendären Sonnyboy – Liebe inbegriffen.

Gleich lesen: #FolgeDeinemHerzen: Liebesroman

Leseprobe:
Wenn sie das Tierheim retten wollte, musste sie das gute Wetter unbedingt ausnutzen. Denn sobald im Mai die Sonnenstrahlen warm genug wurden, um die New Yorker aus ihrem Winterschlaf zu wecken, strömten die Menschen scharenweise in das frische Grün des Central Parks.
Sara schob sich schwer atmend durch die Menge. Eine dicke Schweißperle lief ihr den Nacken hinunter und verschwand unter ihrem braunen Zopf in der türkisfarbenen Bluse. Mit der linken Hand hielt sie das eine Ende eines Klapptisches, über ihrer Schulter hing eine riesige Tasche gefüllt mit Cupcakes und mit der rechten hielt sie die Leine fest, an der ein wuscheliger Collie gemächlich hinter ihr hertrottete.
Sie hätte lieber Rocky mitgenommen. Junge Hunde funktionierten einfach immer, wenn es um Spendensammlungen ging, auch wenn ihr jüngster Hund schon über sechs Monate alt war. Doch leider war Rocky viel zu schreckhaft und sein Training machte keine wirklichen Fortschritte. Kaum verwunderlich, wenn man bedachte, dass im Heim-für-Hunde chronische Unterbesetzung herrschte. Sie musste unbedingt noch öfter Zeit finden, um den armen kleinen Kerl familientauglich zu machen. Nicht auszudenken, was sonst unweigerlich früher oder später mit ihm passieren musste. Aber jetzt wurden erst einmal Spenden gesammelt. Brachte schließlich niemandem etwas, wenn Rocky Manieren bekam, aber er kein Dach mehr über dem Kopf hatte oder kein Futter mehr in seinem Napf fand.
»Sind wir bald da?«, schnaufte Cherry.
Sara hätte am liebsten auch gleich hier an Ort und Stelle ihren Stand aufgebaut, aber sie hatte eine Mission. »Lass uns lieber noch ein bisschen weitergehen. Wir müssen eine Stelle finden, wo möglichst viele Leute vorbeikommen.«
Mit einem Seufzen bewegte Cherry sich tapfer weiter.
Ohne sie hätte die ganze Aktion gar nicht stattfinden können. Denn sie hatte es tatsächlich geschafft, ihren Arbeitgeber zu überreden, fast 100 Cupcakes zur Verfügung zu stellen, um potenzielle Spender anzulocken. Als Gegenleistung mussten sie lediglich ein Werbeplakat für SweetCakes aufhängen.
Zum millionsten Mal war Sara unendlich dankbar für so eine Freundin. Was für ein Glückstreffer, dass sie ausgerechnet bei ihr auf der Schwelle gestanden und nach einer Bleibe gesucht hatte, als sie vor über fünf Jahren nach New York gezogen war. Kurz nach der Schule, kurz nach …
Sara zuckte, als das Handy in ihrer Gesäßtasche summte. Die Tasche mit den Cupcakes rutschte von ihrer Schulter und plumpste schwer in ihre Armbeuge. Sie stöhnte. »Alles okay?«, kam es von vorne.
So ein Mist, wieso gerade jetzt?
»Ja, sicher«, beteuerte Sara.
Das war bestimmt eine Mail. Vielleicht nur Werbung, aber vielleicht auch endlich die Mail, auf die sie schon so lange wartete.
Am liebsten hätte sie alles fallen gelassen und gleich nachgeschaut, aber sie konnte nicht riskieren, dass Cherry misstrauisch wurde.
Die schnaufte immer noch. »Sara, wenn wir noch viel weiter gehen, dann werde ich zur Pfütze. Schweißpfützen sammeln sicher keine Spenden. Meinst du nicht, wir könnten hier aufbauen?«
»Wir müssen irgendwohin, wo viele Leute sind«, sagte Sara bestimmt.
»Aber hier sind viele Leute. Und wenn ich noch einen Schritt gehen muss, breche ich zusammen.«
»Okay, dann lass uns aufbauen.«
»Echt?«, fragte Cherry überrascht.
»Hier kommt jeder vorbei, der zum Brunnen will.«
Sara legte den Klapptisch ab und entledigte sich der Tasche mit den Cupcakes. Die Ecken der Schachteln hatten tiefe Abdrücke in ihrem Fleisch hinterlassen. Der Collie wuselte sofort zu der Tasche und schnupperte mit wedelndem Schwanz daran. »Aus! Diego, mach Platz«, forderte Sara und der Collie gehorchte. Nicht so klein und niedlich wie Rocky, aber dafür unglaublich brav und gehorsam. Er würde sicher keine Probleme haben, eine Familie zu finden.
Cherry stellte ebenfalls ihren Beutel ab, machte sich an dem Klapptisch zu schaffen und Sara griff so unauffällig wie möglich in ihre Hosentasche. Ihre Finger zitterten vor Aufregung.
Kein Absender, den sie kannte.
Ihr Herz klopfte schneller.
Ob sie die Verlierer auch benachrichtigen?
Vielleicht eine weitere Standard-E-Mail. Hiermit bestätigen wir Ihre Teilnahme an der Verlosung blabla.
Sara strich mit dem Finger über den Bildschirm, um ihn zu entsperren. Die E-Mail-App zeigte ihr den Startbildschirm.
Ob sie tatsächlich gewonnen hatte?

Im Kindle-Shop: #FolgeDeinemHerzen: Liebesroman

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23. Juni 2016

'Zero‘s Reise zum Zentrum des Universums - Heft I: Zero vs. Company' von Michael Morhardt

Science-Fiction, Lucha Libre und Rock‘n’Roll: 2110 hält die omnipotente Company die intergalaktische Musikindustrie fest in ihren Händen. Freie Musiker, die wie Jason ‚Zero‘ Zerovski nicht nach den etablierten Regeln spielen wollen, fristen ein mehr oder weniger erfolgloses Dasein zwischen gelegentlichen Auftritten in Altersheimen und der Fließbandarbeit im Raumhafen von Android Mechanics.

Rebellen droht die berühmt-berüchtigte Behandlung: die Auslöschung ihres kompletten Outputs und in seltenen Fällen der Musiker selbst. Doch Zero plagen noch ganz andere Probleme, als dem unteren Ende der künstlerischen Karriereleiter zu entkommen, ohne eine Lobotomie zu riskieren: Die Zeichen stehen auf Sturm, doch keiner außer ihm scheint die Vorboten der Apokalypse zu erkennen.

Aber das Ende allen Seins passt so gar nicht in seinen Plan, wenn er entgegen aller Widrigkeiten doch noch einen Plattenvertrag an Land ziehen will. Und so tut er, was jeder verzweifelte Musiker tun würde: Er widersetzt sich der Company, fordert die Hölle zum Duell und bricht zum Zentrum des Universums auf, um sich auf eigene Faust einen Namen zu machen.

Wie gut, dass er in einem mexikanischen Kloster die hohe Kunst des Lucha Libre erlernt hat.

Gleich lesen: Zero‘s Reise zum Zentrum des Universums, Heft I: Zero vs. Company

Leseprobe:
Nach einer halben Stunde wusste es Zero genau: Earl of Eden waren tatsächlich immer noch scheiße. Zugegeben, der Sound und die Lichtshow waren unglaublich, doch die Earls, allesamt in seltsam fluoreszierende Jagdmäntel gekleidet, waren eindeutig noch nie auf einer dermaßen großen Bühne gestanden. Ihre Songs klangen alle gleich und der wenige Biss, den sie damals im Paradise noch gehabt hatten, war ihnen inzwischen auch verloren gegangen. Aber jedes Bandmitglied trug unverhohlen den Tauglichkeitsstempel der Company auf der Stirn.
Sein Handy wies ihn mit einem schwachen Vibrieren auf eine neue Nachricht hin, doch gebannt von der mehr als mäßigen Musik, zu der das Publikum trotzdem völlig ausrastete, ignorierte er es weiter, auch beim darauf folgenden Brummen. … und dem nächsten.
„Du solltest rangehen. Manchmal kann sowas dein ganzes Leben verändern.“
Die Stimme klang so klar an sein Ohr, als wären er und die weißhaarige Dämonin alleine auf einem fernen Planeten und nicht Gäste bei einem Konzert. Er fuhr zu ihr herum und kreischte. Ein kleiner Teil von ihm merkte enttäuscht an, dass sie im Gegensatz zu seinen Albträumen nicht nackt vor ihm stand, sondern eine hochgeschlossene Lederkombi trug, während der Rest seinen Körper Richtung Ausgang nötigen wollte.
„Was machst du denn hier?“, brachte er keuchend heraus. „Ich dachte, ich hätte noch jede Menge Zeit?“
Die Dämonin lächelte spöttisch:
„Die hast du, wenn auch nicht jede Menge. Aber du hast mit deinem Starrsinn mächtig was losgetreten. Mein Boss ist sauer, weil sich ein kleines Menschlein wie du zwischen uns und die Apokalypse stellt. Obwohl ja am Ausgang unseres Kampfes kein Zweifel bestehen dürfte, n’est pas?“
„Ach ja?“, geiferte Zero wütend. „Ich habe einige Zeit in einem mexikanischen Kloster die Kunst des Lucha Libre erlernt. Ich bin eine tödliche Kampfmaschine!“
„Oh bitte, du bist damals mit einer Ringermaske und einer Flasche Tequila vor den Mauern zusammengebrochen.“
Sie kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
„Auch wenn du jetzt denkst, du bist der Mittelpunkt des Universums, Jason, du kannst die Hölle nicht besiegen.“
Earl of Eden spielten jetzt tatsächlich eine Ballade und als die Menge ihre Feuerzeuge zückte, wünschte sich Zero die Apokalypse für einen Moment lieber früher als später herbei.
„Warum willst du diese bemitleidenswerten Kreaturen überhaupt retten? Sieh sie dir an! Sie haben nicht einmal einen eigenen Willen. Du sagst ihnen, was sie toll finden sollen, und sie folgen dir wie die Lämmer, nicht ahnend, dass sie in Wirklichkeit zum Schlachthof geführt werden.“
Zero nickte, bevor er ihr mit einem traurigen Lächeln direkt in die schwarzen Augen sah.
„Weißt du, du hast ja mit allem, was du sagst, gar nicht mal so Unrecht. Aber ich weiß von einer guten Freundin, dass es auch noch andere gibt. Komm schon, wir Menschen haben inzwischen das halbe Universum kolonialisiert, glaubst du nicht, dass es da eine Handvoll gibt, die es zu retten lohnt? Außerdem will ich immer noch einen Plattenvertrag.“
Die Dämonin trat mit einem Mal so nahe an ihn heran, dass er den Duft ihrer Haare riechen konnte: Kardamom und Vanille. Mit einem Seufzen schlang sie die Arme um seinen Hals und legte ihren Kopf auf seine Schulter, bevor sie sich im Takt der Musik mit ihm zu bewegen begann.
Zero riss überrascht den Mund auf und wollte sie anbrüllen, wegstoßen, doch sein Körper hatte andere Pläne als das bisschen Stolz, das ihm die vergangenen Stunden noch gelassen hatten. Zögernd legte er seine Hände auf ihre Hüften. Ihre Haut war warm und weich.
„Okay, ich tanze mit einer Dämonin, die mich gerne umbringen würde, zum Lied einer Band, die ich gerne umbringen würde“, nahm er auf der rein logischen Ebene seines Verstands wahr. Auf der rein verbalen Ebene seines Mundwerks krächzte er nur: „Was soll das denn jetzt?“
„Schhhh!“, gebot sie ihm zu schweigen. „Jetzt kommt meine Lieblingsstelle.“
Zero verdrehte angesichts des drohenden Klaviersolos die Augen, ließ die Dämonin jedoch trotzdem nicht los.
„Die Mucke ist immer noch scheiße.“

Im Kindle-Shop: Zero‘s Reise zum Zentrum des Universums, Heft I: Zero vs. Company

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22. Juni 2016

'Zeiten ändern Dich' von Eddy Zack

Die Morde der rechtsradikalen Szene, die dubiose Rolle der Inlandsgeheimdienste, sind die aufgeklärt? NSU, Oktoberfest September 1980? Viele Fragen, wenig Antworten und viele Lügen.

Alexander, gerade aus dem Gefängnis entlassen, wird erpresst. Gegen seinen Willen schleust ihn der Verfassungsschutz in eine Nazi-Gruppierung ein. Sein Auftrag - er soll die Wahrheit herausfinden. Bald merkt er, dass er alles finden soll, nur nicht die Wahrheit. Allen Widerständen zum Trotz macht er sich auf die Suche.

Gleich lesen: "Zeiten ändern Dich: Streng geheim"

Leseprobe:
»Machen Sie sich fertig und kommen Sie nach vorne«, sagte der Schließer. Ich steckte meine wenigen Sachen in eine Plastiktüte. Zahnbürste, das bis auf einen dünnen Rest benutzte Stück Seife, meine Wäsche. Ein grünes Handtuch der JVA ließ ich als Andenken mitgehen. In der Zellentür drehte ich mich noch einmal um, betrachtete die Wand mit den Kalenderblättern, sah zum vergitterten Fenster, blickte in den Hof. Gerade war Freistunde. Ein paar Häftlinge umrundeten den spärlichen Rasen. Ich ließ die Tür auf und ging zur Kanzel. Ein Beamter wartete ungeduldig.
»Fertig?«
Ich nickte.
Wir kamen durch mehrere Gänge, die ich bisher nicht kannte. Dann öffnete der Schließer eine Tür und deutete den Gang hinunter.
»Bis zum Ende«, sagte er mürrisch.
Ich ging über den langen, spärlich beleuchteten Gang. Heute ging ich alleine, war beinahe so etwas wie frei. Kurz vor der Tür stand mitten im Weg ein Putzeimer. Es roch aggressiv nach chemischen Reinigungsmitteln. Warum reinigen sie in Gefängnissen und Krankenhäusern mit Putzmitteln, die übler stinken, als der Dreck, den sie beseitigen wollen?
Der Mann, der zu dem Eimer gehörte, lehnte an der Wand und drehte sich eine Zigarette, zündete sie an. Ein Joint, eine süßliche Wolke hing im Gang. Mit starrem Blick sah er mir entgegen, seine Augen wanderten zu meiner Plastiktüte, saugten sich daran fest. Der wird entlassen – signalisierte ihm die Tüte. Häftlinge mit Tüten in der Hand kommen oder gehen, Insassen brauchen keine. Ich kannte den Mann flüchtig vom Hof. Schwere Körperverletzung und eine Unzahl anderer Delikte. Irgendwelche Scheußlichkeiten mit Kindern.
»Psychopath. Rückfalltäter, lange Haftstrafe«, hatte warnend ein Schließer gesagt. »Halte dich von dem fern, das ist eine Hyäne in Menschengestalt.«
Ohne ein Wort zu sagen, den Mann auch nur anzusehen, schlug ich einen Bogen um ihn und den Eimer und steuerte auf die Tür zu. Ich hörte, wie der Mann plätschernd den Schrubber in den Eimer tauchte und dann gleichmäßige, sehr langsame Wischgeräusche.
Ich sah nach oben in die Kamera an der Decke. Ein Summer ertönte und quietschend sprang die vergitterte Tür auf. In dem kleinen Vorraum gab es nur einen Schalter. Pforte in die Freiheit , oder kurz die Pforte nannten die Häftlinge den Raum.
»Na? Ist es endlich soweit?«, sagte der Mann hinter dem Schalter. Gönnerhaft klang es, als wollte er sagen – du bist bald wieder hier. Vielleicht auch – du kannst gehen, ich muss bleiben. Ich gab keine Antwort und der Mann erwartete auch keine. Vermutlich hatte er noch nie eine bekommen. Einen gesellschaftlich hohen Stellenwert haben Beamte des Strafvollzugs nicht.
»Ihr rangiert noch hinter der Müllabfuhr«, hatte ein Häftling mal zu einem Schließer gesagt. »Das stimmt«, hatte der geantwortet. »Das hier ist ja auch eine Kloake, du mieser Scheißhaufen.« Der Beamte stapelte die Sachen auf den Tresen, die man mir bei meiner Verhaftung abgenommen hatte. Meine goldene Armbanduhr, Wintermantel, Winterschuhe, meinen Pass. »Eine Tüte?« Ich nickte und er schob mir eine Einkaufstüte mit dem Reklameaufdruck eines Supermarktes über den Tresen. Einen Stuhl gab es nicht. Im Stehen zog ich mir die festen Schuhe an und schlüpfte in den Wintermantel. Aus der Seitentasche des Mantels zog ich meinen dicken Schal. Die ausgelatschten Schuhe, die ich täglich im Knast getragen hatte, steckte ich in die Tüte. Ich streckte meine Hand aus. »Fehlt noch was? Ach so, ja.« Er griff unter den Tresen, zog einen Pappkarton heraus, kramte darin herum, es klirrte. Er hielt einen Ehering hoch, ein Zettel hing dran. »Der hier?« »Wenn Irina drin steht.« Wofür hängt denn der Zettel dran oder ist das nur Dekoration? Ruhig Blut – sagte ich mir dann. Du bist nur nervös und das macht dich aggressiv. Der Beamte sah in den inneren Rand, drehte den Ring hin und her. »Russin?« Ich blickte ihn nur starr an. Der Mann sah mich weiter fragend an, als hing von meiner Antwort ab, was er mit dem Ring machen werde. Widerstrebend gab er ihn mir, schnaufte herablassend durch die Nase.
Ich brauchte den Ring nicht mehr, das ging aber niemanden etwas an. Mit missmutigem Blick streckte der Beamte die Hand aus.
»Zellenkarte.«
Ich zog die Karte aus der Tasche, wenig größer als eine Visitenkarte, zerknittert und abgegriffen. Wegen der permanenten Kontrollen auf den Gängen und auf dem Hof musste man sie ständig bei sich tragen. Der Beamte holte ein stark zerfleddertes Buch vom Schreibtisch, blätterte darin.
»Unterschreiben Sie. 53 Euro und 67 Cent«, sagte er und schob mir das Buch zu, tippte mit dem Stift auf eine Zeile. Ich unterschrieb und der Beamte zählte aus einer Kassette zwei 20-ziger, einen 10-ner und 3,67 in kleinen Münzen auf den Tresen. Das Geld, das ich bei meiner Festnahme in der Tasche hatte.
»Moment.«
Er schob das Fenster zu, kam heraus und öffnete die Tür zum Hof. Nebeneinander gingen wir quer über den Hof auf das große eiserne Tor zu. Aus einem Zellenfenster hinter mir rief jemand: »Lass dir Zeit, ich bin noch eine Weile hier.«
Ich wusste nicht, wer da rief, drehte mich auch nicht um. Ein anderer trommelte mit seinem Blechnapf gegen die Gitterstäbe des Fensters, ein weiterer fiel in das Stakkato ein, dann hämmerte der ganze Zellentrakt gegen die Gitter. Ehrensalut der besonderen Art.
Der Beamte schloss eine kleine Tür in dem großen Eisentor auf und ich ging hindurch auf die Straße.
»Ich will Sie hier nicht mehr sehen.«
Ich gab ihm keine Antwort.
Justitia, das rachsüchtige Weib, hatte mich in die Freiheit gekotzt.

Im Kindle-Shop: Zeiten ändern Dich: Streng geheim

Mehr über und von Eddy Zack auf seiner Website.

21. Juni 2016

'Rowan - Kampf gegen die Drachen' von Aileen O'Grian

Rowan besitzt schon als Kind die magischen Fähigkeiten der Familie – so zum Beispiel mit Heil-Liedern, Handauflegen, Pflanzen und Kräutern zu kurieren und mit Tieren zu sprechen. Sein Großvater Bunduar, ein mächtiger Großmagier, fördert Rowans Begabungen und bereitet ihn darauf vor, einmal sein Nachfolger und ein bedeutender Beschützer des Magierreichs zu werden. Dabei möchte Rowan viel lieber wie seine Freunde ein edler Ritter werden.

Als Drachen in das Land einfallen und die Menschen bedrohen, erkennt Rowan schließlich, wie wichtig Magier sind.

Band 1 der Kurzromanreihe um den Magier Rowan.

Gleich lesen:
Auf dem Kindle: "Rowan - Kampf gegen die Drachen" bei Amazon
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
(...)
„Drachen!“, stieß der vorderste Reiter hervor.“ Wirklich, aus Norden kamen zwei große Drachen über die Hügel geflogen. Jetzt trieben die Männer ihre Tiere noch stärker an. Sie peitschten sie vorwärts. Rowan lockerte die Zügel und schon schoss er an den anderen vorbei.
„Rowan, bleib hier! Du nicht auch noch ...“, schrie Quirlan, aber Rowan achtete nicht auf ihn. Sein Pferd wollte rennen und er ließ ihm den Willen. Er vertraute fest seinem Glauben an die übersinnlichen Fähigkeiten des Tieres.
Einen Augenblick später sah er seine Kameraden. Sie hatten ihn kommen gehört und warteten überrascht auf ihn. „Zum Bach!“, rief Rowan einer Eingebung folgend. Nein, einer Anweisung des Wallachs gehorchend. Im Vorbeireiten griff er sich die Zügel von Mulinos Tier und zog es mit sich. Scharus streckte den Hals, dann biss es Ottgars Tier in die Hinterhand. Mit einem Satz sprang es davon. Mardok schloss zu ihnen auf. Rowan zeigte zum Himmel.
„Drachen!“, rief Mardok entsetzt. Er schlug seine Fersen in die Seiten seines Tieres. Auch Ottgar trieb seinen Hengst jetzt an.
Rowan ließ Mulinos Pferd los und schlug ihm auf die Hinterhand. Sofort beeilte es sich, hinterherzukommen. Scharus beschleunigte wieder und Rowan ritt an die Seite von Mardok.
„Bist du doch hinter uns hergeritten! Ich dachte es mir.“
„Wart ihr deshalb so langsam?“
Mardok lachte, trotz der Gefahr. Ottgars Pferd kam nur noch langsam voran, da es inzwischen die feuchten Auewiesen erreicht hatte. Rowan überholte ihn mit Scharus.
„Warum sollen wir hierhin?“ Ottgar schaute sich suchend um. Nirgends gab es Deckung.
„Das Dorf ist nicht sicher“, sagte Rowan bestimmt. Er konnte ja nicht gut sagen, dass sein Pferd es ihm geraten hatte. Ottgar und Mardok hätten es ihm nie geglaubt, sondern ihn nur ausgelacht.
Die Pferde kämpften sich bis zum eigentlichen Bachlauf vorwärts. Rowan führte sie und überließ seinem Pferd die Wahl des Weges durch das sumpfige Gebiet. Es fand eine kleine Sandbank am Ufer des Bachs. Die anderen Kinder folgten ihnen.
Die Drachen waren inzwischen über ihnen hinweggeflogen, ohne sie zu beachten, und kreisten über dem Dorf. Fauchend setzten sie eine Scheune und einen Busch in Brand.
(...)

Im Kindle-Shop: Rowan - Kampf gegen die Drachen
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Aileen O'Grian auf ihrem Blog.

20. Juni 2016

'Die Prophezeihung des Apostels' von Yale Tieman

Ein Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes verschwindet während seines Urlaubs in Mauritius auf mysteriöse Weise. Sein Kollege Jack Holborne erhält den Auftrag, ihn zu suchen. Vor Ort angekommen findet er heraus, dass sein Kollege Jonathan Green Ermittlungen im Blue-Penny-Museum angestellt hat. Dort sind zwei echte Exemplare der legendären blauen und roten Mauritius ausgestellt. Green will vor seinem Verschwinden herausgefunden haben, dass die Marken falsch sind. Gleichzeitig zog er eine Verbindung mit dem Besuch einer amerikanischen Glaubensgruppe, die auf Mauritius einen Gottesdienst abhalten will. Die ‚Pentecostal-Church‘ beruft sich auf das Markus-Evangelium und hantiert in ihren Messen mit Giftschlangen als Gottesbeweis.

Das Innenministerium schätzt die Lage wegen der verschwundenen Briefmarken, die ein Kulturgut des Landes sind, als sehr kritisch ein, und setzt ihren besten Mann zur Lösung des Falles ein: Den Polizeipräsidenten Halie Grote, der eigentlich seinen Ruhestand antreten wollte. Er gibt in diesem Fall alles. Zusammen mit Jack Holborne, erleben sie eine atemberaubende Entwicklung, die immer wieder ihrer Kontrolle entgleitet. Beginnend mit einem Mordanschlag im Museum, einem Giftanschlag auf einen Priester, gefolgt von einem weiteren Mord.

Unterdessen hat der verschwundene Green einige kryptische Spuren gelegt, die es zu verfolgen gilt. Als dann noch ein Attentat auf den Polizeipräsidenten von Mauritius durchgeführt wird, steht scheinbar alles auf der Kippe. Seltsamerweise scheint der Vatikan in Rom ein besonders Interesse an den Entwicklungen auf der kleinen Insel zu haben, erst wird der Bischof nach Rom beordert, dann wird ein Auslieferungsverfahren gegen einen Geistlichen gestellt, den Rom vor ein Kirchengericht stellen will.

Eine Wanderung zwischen Kulturen und Religionen, kombiniert mit einem spannenden Kriminalfall.

Gleich lesen: Die Prophezeihung des Apostels: Spurensuche im Land des Flaboyants - Ein Mauritius Krimi

Leseprobe:
AUSFLUG IN DEN REGENWALD

Kholte fuhr seinen Auftraggeber zu dem Tierpark. Holborne unterrichtete ihn unterwegs über die weiteren Entwicklungen. Kholte hörte gespannt zu. „Das wird ja immer komplexer!“, war sein Kommentar. „Ja“, bestätigte sein Beifahrer, „aber ich hoffe, dass sich die ganze Geschichte bald auflöst. Sie fuhren gerade auf dem Parkplatz ihres Zieles ein. Am Eingang stand ein Jeep, auf dem der Name der Tierärztin stand. Sie unterhielt sich gerade mit zwei Männern, sie trugen grüne T-Shirts des Vanille-Crocodile-Parks. Als sie Holborne sah, verabschiedete sie sich von ihren Gesprächspartnern und bedeutete ihm, in den Jeep zu steigen. „Das müssen Sie mir aber bitte mal näher erklären, warum Sie zu einem bestimmten Punkt an den Wasserfällen wollen?“, fragte sie neugierig, während sie den Wagen auf die Straße lenkte. Holborne erklärte ihr in einer verkürzten Version den Hintergrund. „Und Sie glauben, dass Sie dort einen Hinweis finden“, war ihre Reaktion auf Holbornes Geschichte. „Nun ja, wir haben ja auch etwas am ‚Trou aux Cerf‘ gefunden.“ Ist der GPS-Punkt denn einigermaßen gut erreichbar?“, erkundigte er sich. „Leider nicht. Ihr Bekannter scheint es gerne kompliziert zu machen. Sehen Sie, die Tamarin-Wasserfälle liegen auf einer Höhe von knapp 1000 Meter. Dort oben befindet sich ein Parkplatz. Danach geht es nur zu Fuß weiter. Die Fälle gehen in 7 Kaskaden über rund 300 Meter nach unten. Der GPS-Punkt befindet sich zwischen dem 6. und 7. Becken. Das sind alles steile Pfade, ohne Führer kommt da niemand hin.“ Wie praktisch von Green“, knurrte Holborne. „Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht!“ „Wir schaffen das in ca. 2-3 Stunden, dann sind wir wieder am Auto“, versprach ihm seine Begleiterin. Als sie nach 30 Minuten Fahrt am Parkplatz ankamen, wusste Holborne, woher der Begriff Regenwald kam: Es regnete in Strömen. Dr. Thole schaute sich kritisch Holbornes Schuhe an. Sie hatte ihn am Telefon gebeten gutes Schuhwerk zu tragen. „Damit könnten Sie es schaffen“, meinte sie nach einem prüfenden Blick. Der kaum sichtbare Pfad ging steinig und auf rutschigen Trampelpfaden durch die Wildnis. Er verlief hinter, neben, vor, und an den Seiten der Wasserfälle entlang. Nebenbei erklärte Dr. Tholy die genaue Höhe der Wasserfälle, während sie sich leichtfüßig einen Weg durch das Dickicht bahnt. Obwohl Holborne exakt in ihre Fußstapfen trat, sich an genau denselben Wurzeln und Pflanzen entlang hangelte, sah es merkwürdigerweise bei Tholy so aus, als mache sie mal eben einen Sonntagnachmittagsspaziergang, während er schon nach den ersten 200 Metern rutschend, stolpernd und nach Luft schnappend hinter ihr her ächzte. Den beiden begegnet niemand, es war menschenleer. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, plötzlich brannte die Sonne herunter. „Freuen Sie sich nicht zu früh, das dauert nicht lange mit der Sonne“, motivierte ihn seine Führerin. Sie waren jetzt ca. 1 Stunde nach unten geklettert, hatten das 5. Becken erreicht, als in den Bäumen kreischende Geräusche zu hören waren. Dr. Tholy sah begeistert mit dem Fernglas in die Baumkronen. „21 Tiere!“, freute sie sich. Bevor Holborne fragen konnte, um welche es sich handelte, hatte sie ihm das Fernglas gereicht. „Affen?“, fragte er erstaunt, „Wusste gar nicht, dass hier welche leben!“ „Halbaffen“, korrigierte sie ihn, „es sind Javaner, sie gehören zu den Makaken“, fuhr sie fort. „Sie wurden vor ca. 300 Jahren von Seeleuten auf die Insel mitgebracht, seitdem leben sie hier.“ Sind die menschenscheu?“, erkundigte er sich. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie, „sie sind aber auch nicht zutraulich. Sie kratzen und beißen, wenn man ihnen zu nahekommt.“ Sie erreichten das 6. Becken der Wasserfälle weitere 20 Minuten später. Holborne war fix und fertig. Solch eine beschwerliche Klettertour hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Sie packten am Beckenrand ihren Proviant aus und stärkten sich, bevor sie den Platz absuchten. „Normalerweise packen die Touristen hier ihre Badesachen aus und gehen schwimmen. Tun Sie sich keinen Zwang an!“, ermunterte sie ihn. Holborne schüttelte müde den Kopf. Ich habe einen langen Tag hinter mir, und nach dieser Tour muss ich noch ins Polizeipräsidium, man interessiert sich dort dafür, was ich hier finde oder nicht finde.“ Er unterdrückte ein Gähnen. „Wie lange suchen Sie mittlerweile nach ihrem Bekannten?“, fragte sie. „Fast zwei Wochen, es gab bisher nur kryptische Spuren.“ Holborne hatte sein Sandwich gegessen, etwas getrunken, seine Lebensgeister kehrten langsam zurück. Er schaute sich am Rand des Beckens um. Dr. Tholy hatte mit ihren GPS-Tracker mittlerweile den gesuchten Punkt markiert. An dieser Stelle stand lediglich ein Baum von ca. 3 m Höhe. Beide schauten langsam den Stammverlauf entlang, als sie plötzlich rief: „Auf dem Ast dort hängt etwas!“ Jetzt sah es Holborne auch. Das Objekt war in ca. 2 m Höhe, es handelte sich offenbar um einen Gegenstand aus Metall. „Ich bin ganz gut im Klettern“, sagte sie und verschwand im Astwerk. Nach einer Minute hatte sie das Objekt erreicht, rüttelte etwas daran und warf es zu ihm herunter. Es war ein Vorhängeschloss! Darauf war eine Gravur angebracht. Als er es las, stand Dr. Tholy wieder neben ihm. ‚Jonathan Green – Maria Domores trotz aller Widerstände glücklich verlobt!‘ Holborne blieb der Atem weg. „Das war alles Green?“, keuchte er nach Luft ringend. Dr. Tholy konnte nicht anders, sie musste laut loslachen, entschuldigte sich aber sofort. „Sorry, das ist so obskur“, sagte sie, immer noch grinsend. 90 Minuten später erreichten Sie den Parkplatz, Dr. Tholy setzte ihn wieder am Eingang des Tierparks ab, wo bereits Kholte auf ihn wartete. Er bedankte sich herzlich bei seinem Guide, gab ihr den vereinbarten Betrag und ein Trinkgeld und verabschiedete sich. Er stieg bei Kholte ein und bat ihn zum Polizeipräsidium zu fahren. „Bitte stelle keine Fragen, ich kann nur so viel sagen, wenn Green hier wäre, würde man mich wegen Mordes verhaften müssen.“ Kholte zog die Augenbrauen hoch. „So schlimm?“, fragte er bedauernd. Am Präsidium angekommen, traf er Grote, der bereits wieder seit einer Stunde im Büro war. Grote bemerkte die Niedergeschlagenheit seines Mitstreiters. „Es lief nicht gut bei dir, was?“, fragte er. Holborne schüttelte tonlos den Kopf und legte das Schloss auf den Tisch. Grote besah sich das Stück, dann sagte er ohne weitere Regung: „Das passt zu dem, was ich von der Familie von Domores erfahren habe. Demnach hat Sie Green kurz nach seiner Ankunft hier kennengelernt, als er einen hinduistischen Tempel besichtigte. Die beiden verliebten sich und wollten wohl heiraten. Die Familie ist aber dagegen. Es hat aber primär nichts mit dieser Familie zu tun, Verbindungen zwischen verschiedenen Glaubensgemeinschaften sind in Mauritius tabu. Sie ist zuhause ausgezogen, Green ist untergetaucht, damit sie beide zusammenleben können. So leid es mir tut Jack, aber der Fall Green ist für mich abgeschlossen. Es gibt keinen kriminalistischen Hintergrund.“ Holborne dachte lange nach, dann nickte er langsam. „Ja, offenbar ist es so gelaufen“. „Hat er denn Familie in England?“, erkundigte sich sein Gegenüber. „Nein, Green war immer Single. Philatelisten sind nun mal keine gesuchten Heiratskandidaten“. „Ich nehme an, du wirst jetzt nach England zurückkehren, dein Auftrag ist ja erfüllt?“, erkundigte sich Grote. Wieder überlegte Holborne lange, dann sagte er „Weißt du, der Auftrag ist eigentlich erfüllt. Aber nur eigentlich. Es kann durchaus sein, dass Green wegen seiner Bekanntschaft untergetaucht ist, aber bevor er das tat, hat er eine hervorragende Ermittlungsarbeit geleistet: Er hat die Fälschungen der Briefmarken herausgefunden und wusste von dem Besuch der Amerikaner. Und offenbar gehörte das bei ihm zu ein und demselben Fall“. Jetzt überlegte Grote lange, dann nickte er bedächtig. „Ja, man verliert das immer wieder aus den Augen: Das Museum, die Briefmarken, der Besuch der Amerikaner.“ Es war spät geworden, sie verabredeten sich auf den nächsten Tag, an dem das Verhör des Museumsdirektors, seines Vertreters und dem Techniker der Sicherheitsfirma stattfinden sollte.

Im Kindle-Shop: Die Prophezeihung des Apostels: Spurensuche im Land des Flaboyants - Ein Mauritius Krimi

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18. Juni 2016

'Wolkenblüte: Ein Engel zum Verlieben' von Alisha April

Immer wieder träumt Hannah diesen Traum. Nur dass dieser stets ein gutes Ende nimmt. Ganz anders aber ist ihre Realität. Ein Vorfall, der Hannahs bisheriges, heiles Leben von einer Minute auf die andere verändert und abrupt zerstört. Für lange Zeit ist ihr Glaube an Liebe und Glück verloren. Bis Raphael in ihr Leben tritt. Ein wunderbarer, mitfühlender Mann und auf den ersten Blick ganz normal. Kein Christian Grey, kein Milliardär, sondern Angestellter einer Bank. Sie ist fasziniert von ihm, doch dann gesteht ihr Raphael sein Geheimnis. Kann ihre Liebe dennoch weiter bestehen …?

Die Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf, einer Liebe gegen alle Vernunft. Ein himmlisch-romantischer Liebesroman mit einer großen Portion Fantasy und Happy End.

Dies ist der 1. Band der Angellovestory-Reihe von Alisha April. Weitere Bücher werden folgen, die alle unabhängig voneinander gelesen werden können.

Gleich lesen: Wolkenblüte: Ein Engel zum Verlieben

Leseprobe:
Prolog
„Wenn du ein braves Mädchen bist, kommst du später in den Himmel. Wenn du zum Beispiel … immer schön deine Suppe aufisst!“
„Wie sieht es denn im Himmel aus, Mama?“
„Nun ja, dort wohnen der liebe Gott und … und die Engel. Es gibt viele verschiedene Engel und jeder Engel hat einen Namen.“
„Meiner heißt Schutzengel, nicht wahr, Mama?“
„Ja, Liebes. Einen Schutzengel haben wohl alle Menschen, zumindest manchmal.“
„Gut, Mama. Dann werde ich jetzt ganz fix meinen Teller leer essen und hoffen, dass mein Schutzengel mich davor beschützt, noch mehr Suppe essen zu müssen.“
„Das tut er sicher. Er wird immer bei dir sein und dich behüten. Auch vor zu viel Suppe …“

Die fünfjährige Hannah lachte zurückhaltend und angepasst, den Erwartungen ihrer Mutter entsprechend. Dann sprang sie auf und lief in den Garten, um die Wolken, die sich am Himmel blütenförmig aneinanderreihten, zu verfolgen und hoffte, es würde ein kleiner Engel irgendwo dazwischen auftauchen. Doch Hannah wartete vergeblich …

Kapitel 1
Manchmal währt die Liebe ewig, manchmal nur einen Flügelschlag

Siebenundzwanzig Jahre später:

„Nein!!!“ Hannah fuhr schweißgebadet im Bett hoch. Ihre Hände umklammerten krampfhaft die Bettdecke. Ihr Puls raste und ihr Schrei dröhnte ihr noch in den Ohren. Mit aufgerissenen Augen starrte sie panisch in die Dunkelheit. Allmählich realisierte sie, wo sie war. Ihre schmalen Finger tasteten zur Nachttischlampe und knipsten sie an. Vertrautheit umgab sie. Sie lag wie immer im Schlafzimmer ihrer Zweieinhalbzimmer-Dachterrassenwohnung und das Bett neben ihr war leer. Leer wie jede Nacht. Jede einzelne, verdammte Nacht! Seit Jens vor einem Jahr und elfeinhalb Monaten gegangen war, hatte kein anderer Mann mehr ihre Bettkante berührt. Die Trennung war nervenaufreibend. Hannah hatte seine Bettwäsche seit jenem Tag nicht gewechselt und manchmal meinte sie sogar, noch einen Hauch von Jens’ Geruch zu verspüren, wenn sie ihre Nase tief genug ins Kissen steckte. Eben aber hatte sie wieder dieser Albtraum geplagt, der sie von Zeit zu Zeit heimsuchte und sie so unbarmherzig hochschrecken ließ. Ein Albtraum, der dennoch schreckliche Realität war und der letztlich zum Zerwürfnis von Hannah und Jens geführt hatte …

* * * * *

Drei Jahre zuvor an einem verschneiten Samstagnachmittag Ende Januar:

„So, kleine Prinzessin. Nun noch das Krönchen aufgesetzt, dann sind wir fertig!“ Hannah malte ihrer vierjährigen Nichte Laura ein dickes rotes Herz mit Faschingskreide auf die Wange und schminkte ihre kleinen Lippen mit rosa Lippenstift. Hannahs Schwester Tessa hatte Hannah gebeten, den Fahrdienst zu übernehmen, da sie ausgerechnet heute eine erkrankte Kollegin aus der Firma vertreten musste und daher nicht abkömmlich war. Laura saß auf einem Stuhl in der Diele und zeigte mit dem Finger auf Hannahs Strickpullover. „Da ist dein Baby drin!“ Hannah nickte lächelnd und strich über ihr schon leicht gewölbtes Bäuchlein. Dann hielt sie ihr mit Blick auf die Armbanduhr die warme Daunenjacke hin. Laura schlüpfte etwas umständlich hinein. Anschließend zog Hannah ihr die Stiefel an. „Wir müssen uns beeilen! In fünfzehn Minuten beginnt Josephines Party.“ Josephine war Lauras Freundin aus der Elefantengruppe des Kindergartens, den die beiden Mädchen besuchten. Josephines Mutter hatte eine Faschingsfeier bei sich zuhause organisiert, zu der auch Laura eingeladen war. Sie fuhren mit dem Aufzug ins Erdgeschoss des modernen und architektonisch etwas abseits der Norm gestalteten Wohnblocks und stapften die wenigen Meter bis zum Parkplatz vor dem Haus durch den Schnee. Während Hannah ihrer Nichte den Gurt anlegte, fragte das Mädchen: „Wann kommt dein Baby?“ Hannah schob mit der Hand ihre Wollmütze hoch. „Wenn es Sommer ist.“ Laura begnügte sich mit dieser Antwort und biss herzhaft in einen Keks, den sie zuvor aus der Schachtel auf der Kommode stibitzt hatte.
„Freust du dich denn ein kleines bisschen darauf, Laura? Onkel Jens freut sich auch ganz fest!“
„Hm.“ Laura nickte kauend. Hannah setzte sich nun ans Steuer und rangierte aus der Parkbucht. Nach wenigen Minuten verließen sie die Stadt und fuhren auf der Landstraße Richtung Seedorf. Die Schneekristalle auf den Feldern links und rechts der Fahrbahn glitzerten wie kleine Diamanten. Hannah kniff die Augen zusammen, denn die tief stehende Wintersonne blendete sie.
Es passierte in einer Rechtskurve. Hannah hatte die voluminöse Schneewehe nicht rechtzeitig gesehen, die mit einer Windböe kurz zuvor auf die wenig befahrene Straße geweht worden war. Sie stieß einen Schrei aus und bremste scharf, doch in dem Moment schleuderte ihr BMW bereits und geriet auf die Gegenfahrbahn. Ein entgegenkommender Audi konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Dann ging alles ganz schnell. Es kam zu einem Zusammenstoß. Hannah verlor die Besinnung …

Im Kindle-Shop: Wolkenblüte: Ein Engel zum Verlieben

Mehr über und von Alisha April auf ihrer Website.

17. Juni 2016

'Orcumorra: Siegel des Feuers' von Tanja Hammer

Einhundert Jahre sind vergangen, und wieder einmal steht die Erneuerung des Siegels des Feuers bevor. Doch die Feuerstochter, deren Aufgabe es seit Jahrtausenden ist, dem Siegel neue Kraft zu geben, ist dieses eine Mal zu spät. So folgt das Unausweichliche: Nodrogg, das Urböse, kommt frei aus seinem von dem Siegel gesicherten Gefängnis und nicht nur Orcumorra soll es sein, das seinen finsteren Machenschaften unterliegen soll. Nein, auch die anderen drei Dimensionen sind es, welche es begehrt und für die Feuerstochter heißt es nun, dem schwarzen Wesen aus reinster Bosheit die Stirn zu bieten und die Welten vor dem Untergang zu bewahren.

Der erste Band der Orcumorra-Reihe.

Gleich lesen:
Für Kindle: "Orcumorra: Siegel des Feuers" bei Amazon
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Verdammt, sie fressen mich bei lebendigem Leibe auf!
Dies war ihr einzig klarer Gedanke, der sich noch einen Weg durch die schier unerträgliche Hitze des lodernden Feuers zu kämpfen vermochte, dessen rotgolden glühendes Flackern längst die ganze Welt um sie herum verschlungen zu haben schien. Doch hungrig war es noch immer, und offenbar hatte es sich seine nächste Mahlzeit bereits ausgesucht: Es wollte sie!
Leckend kosteten die Flammen ihre Haut und waren höchst zufrieden mit ihrer Wahl, fanden von Sekunde zu Sekunde immer mehr Gefallen an ihr. Tiefer und tiefer gruben sie ihre scharfen, glimmenden Zähne in ihr Fleisch, begannen zu nagen und zu reißen. Voller Verzweiflung warf sie sich hin und her, wollte den brennend-kochenden Kannibalen von sich schütteln, der sich ihren Körper vollends einzuverleiben begann, wollte schreien und kreischen, um ihn in die Flucht zu schlagen, doch allesamt war es vergebens. Sie wurde es nicht los. Nein, ganz im Gegenteil krallten sich die Flammen nur noch stärker an ihr fest, je mehr sie sich ihnen verwehrte, und wirkten eisern entschlossen, die einmal gefasste Beute nicht eher wieder herzugeben, bis am Ende nur noch Asche von ihr übrig war.
Der beißende Gestank brennenden Haares und verkohlenden Fleisches kroch nach und nach in ihr Bewusstsein, und als ihr gewahr wurde, dass es ihr eigenes, schwelendes Leben war, das sich stinkend vor ihr in Rauch auflöste, entrang sich ein zitternd erstickter Schrei ihrer Kehle, der jedoch mehr einem lebendig gewordenen Röcheln gleich war denn einem echten Ton. Sie schrie, bis ihre Stimmbänder im Feuer verglühten, und mitsamt ihrer Stimme verabschiedete sich auch ihr Verstand, stob einem aufgescheuchten Schwarm schwarzer Krähen gleich davon, der sich vor einer glutroten Sonne gen Himmel erhob, um für immer in düsterem Nichts zu verschwinden.
Schon lange wusste sie nicht mehr zu sagen, wo oben und wo unten war, fühlte sich gleichsam durch tonnenschwere Lasten zu Boden gedrückt und mit Leichtigkeit in die Luft geschleudert. Zeitgleich nahm ihr dicker, schwarzer Qualm endgültig den Atem. Die kochende Luft bahnte sich zäher Lava gleich den Weg hinab in ihre Lungen und erfüllte diese mit nichts als Schmerz. Die grelle Hitze hatte sie blind gemacht, das tosende Knistern des wütenden Loderns sie taub werden lassen. Es führte kein Weg daran vorbei, die unaufhaltsame Gier des durch und durch hungrigen Feuers fraß sie voll und ganz auf, zerkaute sie zu dunklem Rauch und würde in Bälde ihre spärlichen Überreste in Form kleinster, glimmender Kohlen in die rußschwarze Nacht hinausspucken.
Eine letzte, nicht enden wollende Sekunde, in der ihr Körper von bohrender, alles zerreißender Pein geschüttelt wurde, verging schließlich doch, und mit einem Mal war plötzlich nichts mehr. Alle Qual, alles Sterben, alles unnachgiebige Auslöschen jeglichen Lebensfunkens wurde völlig unvermittelt und wie von fremder Hand ausgeblendet, woraufhin sie eine erlösende, beinahe körperlich fühlbare Stille umfing, in der jene rettende Macht sie einsam schwebend sich selbst überließ. Irgendwann - ob inzwischen Ewigkeiten oder Augenblicke vergangen waren, wagte sie nicht einmal zu vermuten - tauchte ein winziges weißes Licht vor ihr auf und blendete ihre zuvor leblosen Augen. Sie blinzelte verwundert, betrachtete voller Neugier das stecknadelgroße, friedvolle Glimmen und sah zu, wie es nach einer Weile erst langsam und dann immer schneller zu wachsen begann. Es wurde größer und größer, streckte seine sanft strahlenden Finger nach ihr aus, und als es sie endlich erreichte, sie mit seiner milden Kühle berührte, stürzte sie jäh in die Tiefen des urreinen Scheins hinab und damit hinein in einen rasenden Strudel jahrtausendealter Erinnerungen.
Plötzlich wusste sie alles.
Und wusste nichts.
Derweil wurde das weiße Glühen stetig greller, und sein rhythmisches Pulsieren nahm mehr und mehr zu, bis es am Ende schweigend explodierte. Nur Sekundenbruchteile später spürte sie, wie sie auf etwas Hartem aufschlug, aber so durchdringend die Wucht ihres Aufpralls auch war, sie durchlebte nicht einmal mehr den geringsten Schmerz. Sie hatte es endlich hinter sich. Es war ganz und gar vorbei.

Im Kindle-Shop: Orcumorra: Siegel des Feuers
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Tanja Hammer auf ihrer Website.

16. Juni 2016

'Traubenblut: Ein Bremen-Krimi' von Tanja Litschel

Die Studentin Malena Norden verbringt im Rahmen ihrer Forschungen eine Nacht allein in den Gewölben des Bremer Ratskellers. In den frühen Morgenstunden wird sie leblos aufgefunden. Es scheint, als sei sie buchstäblich vor Schreck gestorben. Die Ursache hierfür bleibt rätselhaft.

Als ihre Zwillingsschwester Tamara daraufhin nach Bremen zurückkehrt, hat die Polizei die Ermittlungen bereits eingestellt. Doch Malenas mysteriöser Tod lässt Tamara keine Ruhe. Sie beschließt, den Fall auf eigene Faust zu lösen. Lange Zeit tappt sie im wahrsten Sinne des Wortes völlig im Dunkeln. Bis sie herausfindet, dass nichts im Leben ihrer Schwester so war, wie es scheint …

Gleich lesen:
Für Kindle: "Traubenblut: Ein Bremen-Krimi" bei Amazon
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Tamara schubste ihr Handy auf dem blank polierten Holztisch herum und kämpfte gegen den unerklärlichen Drang, eine ganz bestimmte Nummer anzurufen. Zwar war es mitten in der Nacht, genau genommen 23:13 Uhr hier in Schottland, also kurz nach Mitternacht in Deutschland. Aber sie glaubte nicht, dass es eine Rolle spielte. Vielmehr hatte sie nicht die geringste Ahnung, wie sie das Gespräch nach so langer Zeit des Schweigens überhaupt beginnen sollte. »Hallo, ich bin’s, wollte nur mal hören, wie’s dir geht«, würde jedenfalls nicht sonderlich glaubhaft rüberkommen. Auch wenn es ziemlich dicht an der Wahrheit kratzte. »Ich hatte einen Albtraum. Du bist in Gefahr. Was auch immer du vorhast, tu´s nicht!«, brachte die Sache schon eher auf den Punkt. Allerdings klänge diese Art von Dramatik wie der dumme Scherz einer Betrunkenen und sie war sich nicht ganz sicher, ob sie nach dem dritten Bier noch überzeugend das Gegenteil behaupten konnte. Zu allem Überfluss erschien wie durch Geisterhand ein Glas mit goldfarbenem Whisky vor ihrer Nase.
»Trink das, du siehst aus, als hättest du es bitter nötig«, sagte Jonathan und setzte sich zu ihr an den Tisch. »Und anschließend rufst du ihn an. Ich bin nämlich nicht länger in der Lage, dich derart leiden zu sehen.«
»Was?« Einen Moment lang wusste Tamara wirklich nicht, wovon er sprach.
»Deinen Lover. Oder Ex. Was weiß denn ich? Es ist ziemlich schwierig, bei dir auf dem Laufenden zu bleiben. Zumindest was die armen Kerle anbelangt. Warum hast du ihm dieses Mal den Laufpass gegeben? Bevorzugt er Bourbon statt Scotch? Oder hört er Musik, die du nicht ausstehen kannst?«
Etwas skeptisch forschte Tamara in seinem wettergegerbten, kantigen Gesicht nach etwas, das ihr bislang entgangen war. Jonathan hatte sie schon häufig bei ihren Recherchen für das New Planet-Magazin begleitet. Tamara schrieb die Texte, er sorgte für brillantes Fotomaterial. Zusammen bildeten sie ein unschlagbares Team. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob mehr daraus entstehen könnte.
»Nun mach schon. Bitte, tu’s für mich«, drängelte er, hob das Telefon vom Tisch auf und hielt es ihr entgegen.
»Es ist nicht so, wie du denkst.« Sie ignorierte seine Geste und sah ihm direkt in die Augen.
»Sondern?«, fragte er mit einem leicht gereizten Unterton.
»Es geht um meine Schwester. Malena. Ich kann einfach nicht aufhören, an sie zu denken.«
»Aha«, entgegnete er nur und lehnte sich zurück. »Ich dachte, du hättest keine Familie mehr.«
»Habe ich auch nicht. Sie sind alle tot. Es gibt nur noch Malena, aber wir haben uns vor langer Zeit zerstritten.«
»Warum wundert mich das nicht?«
»Oh, besten Dank. Fast hätte ich schon geglaubt, du seist auf meiner Seite.« Sie hob ihr Whiskyglas und trank es in einem Zug leer. »Aber was soll’s, ich wollte sowieso gerade gehen.«
»Du meine Güte, seit wann bist du so empfindlich?« Jonathan ergriff ihre Hände und hielt sie fest. »Es tu mir leid, okay? Erzähle mir von deiner Schwester. Wie ist sie so?«
»Sie ist perfekt.« Tamara versuchte ein Lächeln, was nicht so richtig gelingen wollte.
»Niemand ist perfekt.« Er zog die Augenbrauen in die Höhe und betrachtete Tamara, als sähe er sie zum ersten Mal.
»Du kennst sie nicht. Jede Wette, dass du dich auf der Stelle in sie verlieben würdest. So ergeht es nämlich jedem Mann. Und jeder Frau. Malena versteht es, die Menschen zu bezaubern. Sie ist voller Empathie für jedermann, bildschön, klug, gebildet, kreativ, sanft, freundlich. Sie ist einfach zu gut für diese Welt.«
»Blödsinn. Sie kann unmöglich so schön sein wie du.«
»Netter Versuch. Aber ich konnte ihr noch nie das Wasser reichen. Einmal, als wir noch Kinder waren, haben wir einen verletzten Hund am Straßenrand gefunden. Ein Auto hatte ihn angefahren und übel zugerichtet. Der Tierarzt, zu dem wir ihn brachten, räumte ihm eine Überlebenschance von 1:100 ein. Ich konnte den Anblick des halb zerfetzten Körpers nicht ertragen und flehte den Mann unter Tränen an, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Malena schob mich einfach beiseite, drückte mir ein Päckchen Papiertaschentücher in die Hand und versicherte dem Doktor, dass unsere Eltern die Rechnung auf Heller und Pfennig bezahlen würden. Wenn er nur sein Möglichstes täte, den Hund zu retten. Du kannst dir vorstellen, wie die Geschichte weiterging.«
»Das Hündchen wurde wieder gesund und verbrachte noch viele glückliche Jahre im Kreise der Familie Norden.«
»Ganz genau. Ich wollte, dass ihn der Arzt tötet. Malena hat ihm das Leben gerettet. Verstehst du jetzt, was ich meine?«
»Ja, so ungefähr. Aber das ist nicht der Grund, warum du deine Schwester ausgerechnet jetzt anrufen willst.«
»Nein natürlich nicht. Ich habe einfach nur so ein mieses Gefühl. Es hat mich aus heiterem Himmel gepackt und weigert sich, wieder verschwinden. Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.«
Jonathan nickte bedächtig. »Wenn das so ist, kann ich dir nur einen einzigen guten Rat geben: Schlafe eine Nacht drüber. Morgen früh bei Sonnenschein sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Und wenn dir der Sinn danach steht, kannst du nach dem Frühstück immer noch mit ihr sprechen.«
»Du hast Recht, ich gehöre ins Bett.« Tamara stand auf und hauchte ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Schon jetzt stand fest, dass sie Malena auf gar keinen Fall anrufen würde, weder heute Nacht noch morgen früh. Tamara hatte ihrer Vergangenheit vor langer Zeit den Rücken gekehrt um ein eigenes Leben zu führen. Sie gedachte nicht, sich durch einen bloßen dummen Traum aus der Bahn werfen zu lassen.

Im Kindle-Shop: Traubenblut: Ein Bremen-Krimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

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