14. Mai 2021

'Nicht ohne meine Schatulle' von Barbara Schwarzl

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Barbara Schwarzl
Missbraucht, misshandelt und verschenkt.

Dieses schreckliche Geheimnis bewahrt Emma bis zu ihrem 77. Sommer wie einen Schatz. Dass der Mistkerl von Stiefvater mit seinen 94 Jahren noch immer nicht in der Hölle schmort, wohin er längst gehörte, ändert alles. St. Ägyd, ihr einstiger Ort des Grauens, streckt wie eine Krake seine Fänge nach ihr aus. Immer öfter taucht Emma in die Abgründe ihrer Seele hinab, dem Ruf der Geister der Vergangenheit folgend. Jetzt kann sie ihre Traumatisierung nicht mehr weglächeln oder darüber hinwegtäuschen.

Dann taucht auch noch ihr Bruder Fritz aus der Versenkung auf. Der Wunsch nach Rache eint sie. „Wer mir wehtut, dem tu ich erst so richtig weh!“, hatte sie sich als Mädchen geschworen. Zeit, dieses Versprechen endlich einzulösen.

Anleser:
Plötzlich rasten in Sekundenschnelle Schwarzweißbilder der immer und immer wieder sorgfältig verdrängten Kindheit vor ihrem inneren Auge vorbei. Eine Miniszene jagte in atemberaubendem Tempo die nächste – wie auf einer Hochschaubahn: Sie spürte den Gürtel. Der linke Arm schmerzte, weil Hartmut sie daran über den Hof zerrte. Die Mutter schlug sie und schrie dabei. Bei der Erinnerung an ihre Stimme hatte sie Frieda vor Augen und fügte die wenigen belauschten Worte wie Puzzleteile zusammen, sodass sie einen Sinn ergaben. Ihr verhasster Stiefvater lebte noch immer. Das Wort Vater hatte sie für ihn selten über die Lippen gebracht, weil er es nicht verdient hatte, so genannt zu werden. Sie rechnete im Geiste nach, wie alt Hartmut inzwischen sein musste. Gewiss weit über neunzig. Und dieser Mistkerl lebte noch immer. Gute Menschen wie Theo oder vielleicht bald Poldi starben zu früh. Es gab keine Gerechtigkeit. Aber das wusste Emma längst.
Sie lehnte an einer Fensterbank und spürte ihren ungestümen Herzschlag bis zum Hals. Sie öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse und rang unauffällig nach Luft. „Bitte, lieber Gott, lass mich nicht kollabieren!“, flehte sie in Gedanken, obwohl ihr Verhältnis zu Gott seit Jahrzehnten angespannt war. Sie wusste nicht, wen sie sonst um Hilfe hätte bitten sollen.
Um ein Haar hätte Emma die junge Krankenschwester mit den leuchtend roten, kurzen Haaren übersehen, die an ihr vorbeieilte. Emma fragte stammelnd nach einer Vase. Sie folgte dem Rotschopf wie eine Betrunkene. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit sie Poldis Zimmer verlassen hatte. Fünf Minuten? Oder zehn? Oder gar mehr? Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Wenige Minuten, die ihre sorgfältig aufgebaute innere Balance ins Wanken gebracht hatten. Gleichzeitig kehrten Furcht, Hass und der innige Wunsch nach Vergeltung zurück.

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12. Mai 2021

'Catch the Millionaire - Daniel Rochester' von Lisa Torberg

Hören: Audible Hörbuch

Lesen: Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Lisa Torberg: Website | Autorenseite
Zartbitter wie dunkle Schokolade, humorvoll und romantisch, mit unvermeidbarem Happy End.

Die Medien nennen ihn „Sweet Danny“. Zu Recht. Daniel Rochesters dichtes Haar hat die Farbe edler Bitterschokolade. Seine Augen leuchten goldbraun wie Nugat. Und er ist mit nur 27 Jahren der millionenschwere Erbe der größten Süßwarenfabrik des Königreichs.

Als bekannt wird, dass er der neue Kandidat von Catch the Millionaire ist, stehen die Server des London Chronicle vor dem Zusammenbruch … denn Tausende von Frauen wollen zu Dannys „süßer Verführung“ werden.

Myrtle Wilson, die im Süßwaren-Imperium der Rochesters arbeitet, hat hingegen nur einen Wunsch: Endlich einmal den Firmenchef aus der Nähe zu sehen. Und so macht sie die größte Dummheit ihres Lebens …

In sich abgeschlossener Liebesroman. Teil 2 der Reihe „Catch the Millionaire“.

Anleser:
»Du siehst aus wie eine Katze, die Sahne geleckt hat, Gillian. Gefällt er dir?«
Ich zucke zusammen. Dass ich mein Erschrecken nur spiele, braucht Jayson nicht zu wissen. Genauer gesagt – er darf es nicht wissen! Ich spüre seine Gegenwart immer und überall, sobald er sich nur in Riechweite befindet. Er riecht wie die fleischgewordene Verführung, war mein erster Gedanke gewesen, als er sich nach meinem Sturz helfend über mich gebeugt hatte. In dem Treppenhaus des Wohnhauses, in dem wir zwei auf dem gleichen Stockwerk liegende Appartements bewohnen. Diese Mischung aus wild schäumendem Ozean, aromatischer Grapefruit und edlem Holz, deren Ursprung ich immer noch nicht auf den Grund gekommen bin, raubt mir den Atem. Wenn sie sich dann mit seinem ganz persönlichen Duft vermengt, so wie jetzt, bin ich verloren. Wieder einmal respektiert er meine hundertmal ausgesprochene Bitte, sich in meinem Büro nicht heimisch zu fühlen, nicht. Er bleibt auch nicht einfach stehen, wie es jeder andere normale Mensch tun würde, der unerbeten und ohne anzuklopfen das Büro der Projektleiterin von Catch the Millionaire betritt. Nein! Er nähert sich, umrundet den Schreibtisch, stellt sich hinter mich und vergräbt seine Hände in meiner verspannten Schultermuskulatur. Ich kann es zwar nicht verhindern, dass sich meine Augenlider absenken, aber zumindest den – einem Schnurren ähnelnden – Laut unterdrücke ich.
»Also?« Jayson beugt sich über meine rechte Schulter und sein warmer Atem streicht über mein Ohr. »Ich hab dich was gefragt, Schwesterchen. Gefällt er dir?«
Dieses verflixte Wort, mit dem er mich sogar vor Fremden anspricht, lässt mich zusammenzucken. Ich hasse es, von ihm Schwesterchen genannt zu werden, obwohl ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Brüderchen kontere. Aber es fühlt sich einfach falsch an, wenn zugleich ein Schmetterlingsschwarm in meinem Magen eine wilde Salsa tanzt und es sich in meinem unteren Bauchraum anfühlt wie in einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Nicht, dass ich das aus eigener Erfahrung wissen kann, aber die Vorstellung entspricht dem, was mir irgendwann in Jaysons Nähe geschehen wird, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihn ein für alle Mal in die Schranken zu weisen.
»Von wem sprichst du?« Ich schaffe es, so beiläufig und desinteressiert wie möglich zu klingen, und treffe meinen zukünftigen Stiefbruder damit an einer empfindlichen Stelle. Ich spüre es, da er seine massierenden Bewegungen unterbricht, jedoch ohne seine Hände von meinen Schultern zu nehmen. »Doch nicht von Daniel Rochester?«, füge ich mit gespieltem Erstaunen hinzu.
Natürlich von ihm – von wem denn sonst. Der Produktionsleiter des Filmteams könnte mein Großvater sein – und seine Leute, vom Tontechniker bis hin zu den Kameramännern, ähneln den Mitgliedern einer Hippie-Kommune. Sie belassen die Natur so, wie sie ist, auch was ihre Körper betrifft, und kiffen sicherlich jeden Abend Marihuana, das sie auf dem Balkon in Blumentöpfen züchten. Jayson kann also von niemand anderem sprechen als von unserem Millionär. Plötzlich bohrt er seine Daumen in das weiche Fleisch neben den Schulterknochen, die Finger beider Hände an meiner Vorderseite oberhalb der Schlüsselbeinknochen und drückt zu.
»Verscheißern kann ich mich selbst auch, Gillian.« Seine Stimme ist noch dunkler als sonst und sein Brummen ähnelt dem einer untertourig fahrenden Harley. »Ich bin doch nicht blind. Du hast dich ihm angebiedert, mit den Augen geklimpert und sogar den Knopf deiner Bluse, der die Grenze zwischen anständig und vulgär bildet, geöffnet. Du warst so sehr von diesem ach so süßen Danny vereinnahmt, dass du die erstaunten Blicke aller anderen Anwesenden komplett übersehen hast.«
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen ... Er ist eifersüchtig! Und mir wird schlecht! Mit einem Ruck entziehe ich mich Jaysons Griff, indem ich aufspringe und zugleich meinen Drehstuhl nach hinten sausen lasse. Der tut, wozu er konzipiert ist, und dreht sich. Die eine Armlehne trifft das Brüderchen offenbar in seinen Weichteilen. Prustend klappt er zusammen wie ein Schweizer Taschenmesser.
»Du bist ein riesengroßes Arschloch, Jayson. Nur weil du irgendwie auf mich stehst, mich aber eigentlich nicht willst und nicht haben kannst, gibt dir das noch lange nicht das Recht, mich zu beleidigen. Und auch wenn ich dir keine Rechenschaft schuldig bin, so sage ich es dir trotzdem. Daniel Rochester ist absolut nicht mein Typ.“

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11. Mai 2021

'Frühlingsflirt: Waterkant-Liebesroman' von Nati Gilbert

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Nati Gilbert
Endlich treffen sich Silke und ihre drei Freundinnen nach langer Zeit wieder zu einem gemeinsamen Wochenende. Gesprächsstoff gibt es bei den Frauen genug. An erster Stelle wird über Ehemänner, Freunde, Ex-Freunde und neue Liebschaften gesprochen und natürlich gelästert. Aber auch über gutes Essen in der ‚Herzmuschel‘.

Rosemarie, eine ältere Verwandte, zieht zu ihr nach Bremerhaven in eine Senioren-WG. Und es gibt außerdem einen Einbruch, der Silke und Rosemarie Rätsel aufgibt.

Silke sehnt sich nach einem Mann an ihrer Seite und träumt von Hochzeit, Kindern und einem Walzer auf dem Wiener Opernball. Werden sich ihre Wünsche erfüllen?

Band 3 der Jahreszeiten-Reihe. Die Bücher der Jahreszeiten-Reihe sind in sich abgeschlossen. Sie können unabhängig voneinander gelesen werden. Es empfiehlt sich aber die chronologische Reihenfolge.

Anleser:
Der Wecker rappelte nun schon zum zweiten Mal. Silke Fröhlich schreckte aus ihrem Schlaf hoch. Oh, nein! Halb sieben am Montagmorgen! Uähg…! Sie gähnte lautstark, streckte ihre Arme in die Luft und wuschelte sich dann durch ihre langen, kastanienroten Haare. Grundsätzlich stand sie gerne auf, aber heute Morgen war sie einfach zu müde. Bis um halb drei in der Früh hatte sie gelesen. Sie konnte den spannenden Kriminalroman einfach nicht beiseitelegen. Der Mörder hätte auch heute noch im Buch gestanden. Aber nein! Sie musste mal wieder bis zur letzten Seite durchlesen, egal wie spät es wurde. Besser gesagt wie früh. Aber es nutzte ja nun nichts.
Aufstehen!
Sie schlüpfte in ihre weichen Schäfchenpuschen und ging zuerst in die Küche, um die Kaffeemaschine anzustellen. Anschließend ab ins Bad. Nach der Dusche würde sie sicher munter sein.
Eine gute halbe Stunde später saß sie in schwarzer Jeans und schwarzen Bluse am Frühstückstisch. Silke hatte wie jeden Tag nur ein leichtes Make-up aufgetragen. Ihre Haare trug sie heute offen. Im Geschäft würde sie wie immer ihren selbstgefertigten, exquisiten Schmuck anlegen. Mit der Zeit hatte sie herausgefunden, dass ihre Ketten am besten auf einem schwarzen Oberteil zur Geltung kamen. Sie war Goldschmiedin von Beruf und das mit Leib und Seele. Mit ihrem Kreativladen ‚Fröhliches Schmuckdesign und mehr‘ hatte sie sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht. Silke war jetzt froh, auf ihre Freundinnen gehört zu haben, die sie darin bestärkt hatten, das Geschäft zu eröffnen. Und es lief gut. Sehr gut sogar. Mittlerweile verkaufte sie auch wesentlich mehr Schmuck als zu Anfang. Außerdem töpferte sie, häkelte, nähte und strickte tolle Mützen und Taschen, und sie restaurierte alte, antike Bilderrahmen. Sie war stolz darauf, dass sie schon viele Stammkunden hatte.
Kurz nach acht Uhr war sie am Geschäft angekommen. Sie freute sich auf einen heißen Tee, denn auch in der ersten Januarwoche war es noch ebenso lausig kalt, wie in den letzten Wochen. Sie wollte gerade die Tür aufschließen, da bemerkte sie das demolierte Schloss. Silke griff sofort zu ihrem Handy und wählte die Nummer der Polizei. Vielleicht waren die Täter noch im Laden. Sie hatte Angst, das Geschäft zu betreten. Aufgeregt lief sie vor ihrem Geschäft hin und her.
Keine zehn Minuten später trafen Beamte der Polizei ein. Na endlich!
„Moin, Sie haben uns angerufen?“, fragte der Polizist.
„Ja. Mein Name ist Silke Fröhlich und mir gehört das Geschäft. Schauen Sie, die Tür ist aufgebrochen. Ich war noch nicht drin. Vielleicht ist der Täter noch da. Ich habe echt Schiss.“
„Dann wollen wir mal, Hannes.“ Die beiden Polizisten, voran der ältere der beiden, betraten Silkes Geschäft. Nach einer Weile riefen sie nach Silke.
„Sie können jetzt reinkommen. Es ist niemand mehr da. Aber bitte nichts anfassen. Die Spurensicherung kommt gleich noch. Wir haben die schon informiert. Haben Sie bitte noch Ihren Ausweis für uns, damit wir Ihre Daten aufnehmen können?“
„Ja, klar. Dann also erst mal meine Daten. Ist ja so. Deutschland, deine Bürokratie.“ Silke verdrehte ihre Augen.
„Wie meinen?“
„Nee, ist schon gut. Ich habe nichts gesagt.“ Silke reichte ihren Ausweis an den jüngeren Beamten. Der grinste sie nur an, sagte aber nichts weiter.

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6. Mai 2021

'Schicksalspfad des Tempelritters - Band 2: Adelsintrigen' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Buchreihe | Autorenseite
Anno Domini 1235 in Köln: Die Ländereien der verzweifelten Gräfin Ida von Zudendorp werden seit langem von schwarzgekleideten Reitern angegriffen. Sie und ihre Gefolgschaft ringen bereits mit dem Tode. In ihrer Not stehen nur noch der kampferfahrene Ritter Richard von Portus und der Orden der Tempelritter an ihrer Seite. Wer will der Gräfin schaden? Und warum?

Inmitten einer Welt voller Intrigen, adeliger Machtspiele und unzähliger Gefahren wollen die beiden die Wahrheit ergründen. Eine Reise beginnt, die sie unter größten Strapazen und unter Einsatz ihrer Leben sogar bis in das weitentfernte Rom führt.

Begeben Sie sich gemeinsam mit Ida und Richard auf ein Abenteuer und erleben Sie mit ihnen das Mittelalter in all seinen Facetten.

Anleser:
Fluch
Richard hörte das Peitschen der Zweige, spürte die Schläge durch das Polster seiner Rüstung. Der Weg vor ihm, ein wankendes Bild im ständigen Auf und Ab des wilden Ritts. Der dunkle Pfad des Waldweges nur schwach vom durchscheinenden Mondlicht erhellt. Die Last des ohnmächtigen Körpers vor ihm über dem Widerrist schien die vertraute Einheit zu seinem Tier genommen zu haben. Richard hielt sich kaum im Sattel, wenn sein Pferd über Hindernisse sprang, die er nicht im schwachen Licht erahnt hatte. Durch die dicke Polsterhaube unter seiner Kette vernahm er nur wenige Geräusche seiner Umgebung. Das Reiben und Schlagen der Kettenglieder übertönte beinahe die kräftigen Hufschläge seines Tieres. Bei dem hastigen Versuch, einem tiefhängenden Ast auszuweichen, spürte er, wie der vor ihm liegende Körper vom Pferd zu gleiten drohte. Mit einem raschen Griff erfasste er ihn und hielt ihn an seinem Platz. Es war mehr das Gefühl in seinem Bauch, das Trommelschlägen glich, weniger sein Gehör, das ihn spüren ließ, dass die Verfolger immer näher kamen. Wie feiner Sprühregen flog ihm der Speichel seines erschöpften Pferdes entgegen.
Richard trieb sein Tier, das an die Grenzen seiner Kraft gekommen war, immer aufs Neue an. Die wilde Jagd durfte nicht verloren werden. Sein Hengst fuhr mit dem Kopf herum, als könne er seinem Reiter damit zeigen, dass er diesen scharfen Ritt nicht mehr ertragen konnte. Aber Richard wusste, wie stark sein Pferd war. Seine ganze Hoffnung lag darin, dass die Pferde der Verfolger vor seinem Pferd zusammenbrechen würden. Er rief ihm zu: »Nur ein kurzes Stück, lass mich nicht im Stich!« Sein Pferd schien ihn verstanden zu haben. Nochmals beschleunigte es und flog mit seinem Herrn über den Weg.
Als sein Tier zu straucheln begann, wusste Richard, dass jetzt nur noch der Kampf blieb. Er ließ sein Pferd auslaufen und wandte sich den Verfolgern zu. Aber da war niemand. Er sah keine Reiter. Auch das Trommeln in seinem Bauch spürte er nicht mehr. Vorsichtig lenkte er sein Pferd zwischen die Büsche des Wegesrandes, um den Pfad aus dem Dickicht heraus zu beobachten. Kaum war er in seiner Deckung angekommen, spürte er erneut das Donnern der Hufen, noch bevor er sie hörte. Mehrere Reiter jagten in einer dichten Gruppe an ihm vorbei, ihre Schwerter erhoben. Richard klopfte den Hals seines Pferdes: »Das hast du gut gemacht, alter Freund.«
Kaum war er aus dem Sattel seines Tieres gestiegen, wandte sein Hengst den Kopf und stupste ihn mit seiner Nase, um die Belohnung für seinen treuen Dienst einzufordern. Richard schmunzelte und nahm ein Stück Rübe aus seiner Satteltasche. Mit flacher Hand hielt er es dem Freund hin. »Wenn wir in Sicherheit sind, sollst du besser belohnt werden. Du hast uns das Leben gerettet.«
Sein Blick fiel auf das Mädchen. Noch immer regte sich ihr Körper nicht. Richard nahm den ledernen Schlauch und goss ein wenig Wasser über ihren Kopf. Sie hob ihn erschrocken und sah ihn mit verängstigten Augen an. Richard legte einen Finger vor seinen Mund: »Keine Angst, ich werde dir nichts antun. Wir sind fürs Erste in Sicherheit«, flüsterte er. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an, aus denen die Furchtsamkeit noch nicht gewichen war. Stumm nickte sie und bemühte sich, vom Pferderücken zu gleiten. »Wie ist dein Name, Mädchen?« Leise antwortete sie: »Siena, edler Herr.« Richard betrachtete ihre schmutzige und zerlumpte Kleidung. »Warum haben diese Strauchdiebe dein Dorf überfallen?« Siena wusste auch nicht viel mehr, als er selbst beobachtet hatte. Sie war vom Lärm aus dem Haus gelockt worden und sah eine große Schar Reiter, die wahllos auf jeden einschlug, der ihren Weg kreuzte. Als sie fliehen wollte, spürte sie einen heftigen Schlag, der sie zu Boden stürzen ließ. Mehr konnte auch sie nicht sagen. Auch hatte sie keinen der Reiter erkannt. Richard erzählte ihr: »Wir sahen, wie du von einem Pferd zu Boden gestoßen wurdest. Aber es traf dich kein Huf. Der Schreck nahm dir die Sinne.« Siena sah ihn fragend an. »Ich sah Euch mit Euren Begleitern. Wo sind sie?« Richard schüttelte traurig das Haupt. »Für einfaches Diebesvolk kämpften diese Reiter zu gekonnt. Nur mir ist die Flucht gelungen.« Dann schwieg er, während er in seiner Erinnerung einen Anhaltspunkt suchte, wer für diesen Angriff verantwortlich gewesen sein könnte. Aber er fand nichts, was die Angreifer verraten hätte. »Wir waren auf dem Weg zu der Herrin deines Ortes. Du wirst mich erst einmal dorthin begleiten.« Als sie aufbegehren wollte, sagte er mit strengerer Stimme als gewollt: »Du wirst gehorchen und folgen, wie man es dir heißt. Hast du mich verstanden?« Als sie mit widerwilligem Blick nickte, setzte er milder hinzu: »Die Herrin wird dich sicherlich bald zu deinen Leuten schicken.«
Richard las in ihrem Gesicht, dass diese Hoffnung nur ein schwacher Trost für das Mädchen war. Er konnte verstehen, dass sie sich sorgte und schnell zurückkehren wollte. In diesem Moment galt es jedoch, erst einmal zu erfahren, woher der Angriff gekommen sein könnte und wie zu handeln sei. Der Ritter legte seinen Umhang ab und gab dem Bauernmädchen den Befehl, sich einen Schlafplatz zu suchen. Mit einem freundlichen Lächeln reichte er ihr den Mantel als Decke. Nachdenklich blickend versorgte er sein Pferd, so gut es an diesem Ort möglich war. Der Weg war zu gefährlich und es war zwecklos, in der Nacht durch den Wald zu streifen. Daher entschloss er sich, auf das Licht des beginnenden Tages warten. Mit finsterem Blick beobachtet er die Nacht, während er an den Stamm eines Baumes kauerte. Seine Sinne achteten auf jedes Geräusch des Waldes. Aber die Reiter schienen die Suche aufgegeben zu haben. Die Geräusche des nächtlichen Waldes wurden nur manchmal von dem leisen Schluchzen des Mädchens gestört.
Als er die Magd bei dem ersten Licht wecken wollte, fand er sie bereits wach. Er betrachtete ihre geröteten Augen und die Sorge in ihrem Gesicht. Ob sie überhaupt Schlaf gefunden hatte? Zu gern hätte er ihr tröstende Worte geschenkt. Aber er durfte sich dem Gesinde nicht offenbaren, als wären sie seinesgleichen. Richard brachte ihr Trockenfleisch und reichte ihr den Lederschlauch mit Wasser. Misstrauisch schnupperte Siena an dem Lederschlauch; »Ich soll kein Wasser trinken. Es macht krank.« Richard lachte leise; »Dieses kannst du trinken, es stammt aus meinem Brunnen und ist feinstes Quellwasser. Trink nur, Kind. Wir müssen bald aufbrechen.«
Obwohl er sicher war, dass die Reiter ihnen jetzt nicht mehr auf diesem Pfad entgegenkommen würden, zog er das Kettengeflecht mit der Haube in den Nacken und lauschte aufmerksam nach möglichem Hufschlag. Die Spuren, welche die schweren Pferde auf dem Weg hinterlassen hatten, ließen ihn erkennen, in welcher Eile sie unterwegs gewesen waren. Abrupt endete ihre Spur, als hätten sich die Reiter in Luft aufgelöst. Verwundert hielt Richard an. Er blickte sich um und suchte nach Zeichen, die ihren weiteren Weg verraten könnten. Aber da war nichts. Kein gebrochener Zweig. Keine Spur in den Wald hinein. Wo waren sie geblieben? Vor ihnen lag ein jungfräulicher Weg, auf dem kein Grashalm gebogen war. Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg mit Siena fort.
Gegen Mitte des Tages erreichten sie die Ebene, auf der sich die Befestigung befand. Schon von Weitem sah er den Turmhügel aufragen. Die kleine Ansiedlung unter dem Turm war von einem gefluteten Graben umgeben. Diese Ansiedlung erschien jämmerlich gegen die prächtigen und trutzigen Burgen der höheren Lagen. Aber wo es keinen Steinbruch gab, mussten Gräben und Holz als Schutz gegen Diebe reichen. Als sie die Ansiedlung betraten, betrachtete er die arg verfallen Gebäude. Er war vor Jahren das letzte Mal zu Gast. Damals lebte der Herr des Gebietes noch. Der Graf von Zudendorp war ein ewig unzufriedener Mann, mit dem es häufig Grenzstreitigkeiten zu schlichten galt. Sein Herr, der alte Bischof zu Coeln, ließ ihm kaum mehr, als er zum Leben brauchte. Auch unter dem neuen Herrn war es nicht besser geworden. Seit dem der Bau des neuen Domes beschlossen worden war, presste die Kirche ihre Vasallen bis zum Blute.
Am Wohnturm verlangte er, die Gräfin zu sprechen. Es dauerte eine Weile, bis man ihn vorsprechen ließ. Die Gräfin war ebenso verfallen wie ihre Heimstatt. Tiefe Ringe lagen um ihre Augen. Zahlreiche Falten hatten sich in ihr Gesicht gegraben. Richard war erschrocken, wie sich diese einstmals hübsche Frau verändert hatte. »Nun, Graf Richard. Wenn ich mich recht entsinne, seid Ihr selten ein Mann, der frohe Botschaft bringt«, empfing sie ihn kühl. Er verbeugte sich leicht und sah sie einen Moment schweigend an. Dann erwiderte er: »So wird mir wohl weiterhin der Ruf als Bote schlechter Nachrichten bleiben.« Die Gräfin schwankte leicht, während ihre Hand Halt an der Lehne eines Stuhles suchte. »Dann heraus mit Eurer Botschaft. Schlimmer als es ist, kann es ohnehin nicht mehr werden.«
Die Frau tat ihm leid, aber es half nichts, er musste die Nachricht überbringen. »Euer Besitz, eine halbe Tagesreise von hier, wurde überfallen.« Die Gräfin sank kraftlos und bleich auf den Stuhl. Stumm, fast anklagend sah sie Richard an. »Ich weiß nicht mehr über den Umstand, als dass ich meine Begleiter dabei verloren habe und selbst kaum mit dem Leben davongekommen bin. Aber ich habe Euch ein Mädchen des Ortes mitgebracht, die den Überfall überstanden hat.« Dabei griff er hinter sich und führte die hinter ihm stehende Siena nach vorne. Ungelenk verbeugte sich das Bauernmädchen vor seiner Herrin.

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'Fatale Lügen: Soko Innen 1' von Axel Hollmann

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Axel Hollmann
Verrat. Gier. Berlin.

Fast wäre Hauptkommissar Carl Rau an seinem Job zerbrochen. Er fühlt sich reif für eine Auszeit, dennoch muss er die Leitung der Soko Innen übernehmen. Zusammen mit seinem neuen Team soll er einen politisch brisanten Fall untersuchen.

Hat ein Ermittler des LKAs einen Verdächtigen misshandelt? Die Schuld des Kollegen scheint erwiesen, doch dann wird der Ermittler niedergeschossen, seine Frau ermordet und sein neunjähriger Sohn verschwindet spurlos.

Die Soko Innen irrt durch ein Labyrinth aus Lügen. Und im Verborgenen verfolgt jemand ganz eigene Pläne.

»Fatale Lügen« ist der erste Band einer vierteiligen Krimi-Serie, die das Autorenduo Axel Hollmann und Marcus Johanus im Laufe der nächsten Monate veröffentlicht.

Anleser:
»Die erledigen mich«, flüsterte Staatssekretär Joost Amann. Er versteckte die Hände hinter dem Rücken. Seine Besucherin sollte nicht sehen, wie er sich nervös die Finger rieb.
Sie saß auf der Kante seines Schreibtischs und spielte mit einer Büroklammer. Ein Mädchen. Sie nannte sich Nyela Hoteq, und dem Gesicht mit den nordafrikanischen Zügen nach zu urteilen, musste sie zwölf, höchstens dreizehn Jahre alt sein.
Nicht mehr als ein Kind.
Nyela Hoteq trug einen schwarzen Rollkragenpullover, Jeans und Sneakers, die über dem Dielenboden baumelten. Kajal betonte ihre onyxfarbenen Augen. Augen, die ihn aufmerksam musterten.
Seine Kehle schnürte sich zusammen. Raubtieraugen, dachte der Staatssekretär unvermittelt.
Sein Büro befand sich im ersten Stock der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Es war dreiundzwanzig Uhr. Freitag. Durch die Fenster fiel Licht von der Württembergischen Straße, sonst lag das Zimmer im Dunkeln. Er trat über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich.
Klick! Ein Geräusch, wie das Spannen einer Pistole. Er zwang sich, die Lippen zu der Andeutung eines Lächelns zu verziehen. »Helfen Sie mir. Bitte.«
Er wartete, doch seine Besucherin hatte nur Augen für die Büroklammer.
»Haben Sie mitbekommen, was die Zeitungen schreiben? Nichts als Lügen und wilde Behauptungen, die diese Schmierfinken verbreiten. Beweise?« Er wandte sich zu der Anrichte, die unter einem Gemälde stand, das das Brandenburger Tor zeigte. »Denen ist doch egal, dass es keine gibt. Hauptsache, die Auflage stimmt.«
Sein Herz pochte wild, so sehr hatte er sich in Rage geredet. Erst wollte er nach der Karaffe mit dem Wasser greifen, doch dann entschied er sich für die Flasche mit dem Scotch. Der Staatssekretär schraubte den Verschluss ab und füllte eines der Gläser. Seine Hand zitterte so stark, dass er zweimal absetzen musste, um die bernsteinfarbene Flüssigkeit nicht zu verschütten.
Hoffentlich hatte es seine Besucherin nicht bemerkt.
Er stellte die Flasche wieder beiseite und trank so hastig, dass er sich husten musste. Der Scotch in dem halbvollen Glas schwappte, als er es zurück auf die Anrichte stellte.
Joost Amann wandte sich wieder seiner Besucherin zu. Sie verdrehte den dünnen Draht zu einem Ring. Stumm. Unmöglich, in ihrer Miene zu lesen.
»Dieser Kommissar vom Dezernat 34 ist an allem schuld. Er hat sich da in etwas verrannt.« Wieder griff der Staatssekretär nach dem Glas. Er leerte es in einem Schluck. »Er hat mit meinen Mitarbeitern gesprochen. Sie ausgefragt und gegen mich aufgehetzt. Und Mio auch.«
Joost Amann trat einen Schritt auf den Schreibtisch zu. Es brodelte in ihm.
»Man will mich vernichten. Mich zerstören. Meine Beziehung, mein Leben. Meine Karriere. Haben Sie eine Ahnung, wie mich alle ansehen? Die Kollegen in der Senatskanzlei. Meine Freunde. Nein, natürlich nicht. Wie sollten Sie auch?«
Der Staatssekretär sah dem Mädchen direkt in die Augen. Er spürte noch immer die wohltuende Wärme des Scotchs in seiner Kehle.
»Hören Sie, ich habe immer getan, was für den Kreis am besten war.« Er hob den Zeigefinger, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Ohne Widerspruch. Ohne Fragen zu stellen. Ich habe meinen Teil des Deals eingehalten. Dafür ist mir der Circulus Clausa etwas schuldig. Das ist nur fair. Ich möchte …« Er unterbrach sich. »… nein, ich fordere, dass Sie mir helfen. Bringen Sie die Presse zum Verstummen. Und sorgen Sie dafür, dass dieser Kommissar aus meinem Leben verschwindet. Ein für alle Mal. Es ist mir gleich, wie Sie das anstellen, aber denken Sie daran, ich bin nicht der Einzige, der etwas zu verlieren hat. Verstehen Sie, was ich …«
Er verstummte.
Das Mädchen schob den gebogenen Draht auf ihren Finger, als wäre er ein Ring. Dann rutschte sie von der Schreibtischkante und sah zu ihm auf. Nyela Hoteq war einen Kopf kleiner als er, doch Joost Amann hielt die Luft an. Du bist zu weit gegangen, du Narr! Das war seine Schwäche. Manchmal verlor er einfach die Beherrschung.
Er wollte schon den Mund öffnen, um sich zu entschuldigen, doch da nickte sie.
Bedächtig, beinahe unmerklich.
Ehe er etwas sagen konnte, hatte sich Nyela Hoteq schon abgewandt. Mit ein paar Schritten durchquerte sie das Büro. Die Sneakers geräuschlos auf den Dielen. Sie griff nach der Klinke und einen Augenblick später fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
Zurück blieb nur der Geruch ihres Parfüms. Zimt und Patchouli.
Erleichtert atmete der Staatssekretär aus.
Gut, dass du so bestimmt aufgetreten bist. Der Staatssekretär nickte sich selbst zu. Jetzt musste er sich nicht mehr sorgen. Der Kreis würde sich um alles kümmern. Daran zweifelte Joost Amann nicht.

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5. Mai 2021

'Catch the Millionaire - Kyle MacLeary' von Lisa Torberg

Hören: Audible Hörbuch

Lesen: Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Lisa Torberg: Website | Autorenseite
Humorvoll, romantisch, mit einer gehörigen Portion Highland-Charme und unvermeidlichem Happy End.

Das multimediale Event „Catch the Millionaire“ des London Chronicle stellt nicht nur die Medienwelt auf den Kopf: Millionäre versuchen auf diese spektakuläre Weise die Frau fürs Leben zu finden – und ausgerechnet Gillian, 24, etwas zu klein, etwas zu rund, wird mit der Leitung des Projekts betraut. 

Freudig stürzt sie sich in die Aufgabe, doch schon ihr erster „Fall“, der schottische Millionär Kyle MacLeary, bringt sie mit seinem Wunsch nach einem „intelligenten Topmodel“ und seiner unausstehlichen Art zur Weißglut.

Und auch sonst läuft nichts wie es soll. Ihr Nachbar ist der heiße Bad Boy Jayson, der ihre Sinne verwirrt. Als Gillian dann auch noch ein neuer Chef vor die Nase gesetzt wird, kann sie ihren Augen nicht trauen …

In sich abgeschlossener Liebesroman. Erster Band der Reihe „Catch the Millionaire“.

Anleser:
Mein Blick gleitet nach oben. Piccadilly Circus ist zwar nicht Times Square, aber die riesigen Werbetafeln sind hier ebenso unübersehbar wie in New York. Ein Mann rammt mir seinen Ellenbogen in die Seite, ein anderer drängt sich mit lautstarkem Gemurmel an mir vorbei. Montag ist tendenziell für die meisten Menschen ein schwarzer Tag, wie man an den mürrisch und unausgeschlafen wirkenden Gesichtern erkennen kann. In den Stationen der Underground sieht keiner den anderen an, alle drängen wie Roboter in die Züge und wieder hinaus. Und je näher der Arbeitsbeginn rückt, umso unsympathischer werden sie. Von der sprichwörtlichen Coolness und Gelassenheit der Londoner ist so gut wie nichts zu spüren. Ich ramme meine Heels in den Boden, um nicht wie ein Punchingball hin und her geschubst zu werden, während ich auf den übergroßen Highlander starre, der mich von der gegenüberliegenden Fassade überheblich angrinst. Catch the Millionaire blinkt es über seinem Kopf mit den vom Wind zerzausten rotblonden Haaren, die bis auf Kinnlänge sein markantes Gesicht umrahmen. Highland-Millionär sucht intelligentes Topmodel. Heirat nicht ausgeschlossen, steht quer über seinem Kilt geschrieben. Und zwar genau dort, wo ein Mann sein bestes Stück hat. Und seines entspricht dem Ausdruck in jeder Hinsicht.
Ich kann die Röte spüren, die mir bei diesem Gedanken in die Wangen schießt. Natürlich habe ich es nicht gesehen, aber als Kyle MacLeary in seinen engen Jeans auf einem der Stühle Platz genommen hatte, die in unserem VIP-Meetingroom stehen, hatte ich einen perfekten Blick auf das, was der schwarze Denim bedeckte. Und das nur, weil der Innenarchitekt, der die Büros des London Chronicle eingerichtet hat, auf Glasplatten steht. Kein Tisch im gesamten Gebäude schirmt das, was darunter ist, vor indiskreten Blicken ab. So konnte ich bei den hochsommerlichen Temperaturen der letzten Wochen, wenn die Füße gegen Ende eines langen Arbeitstages anschwollen, niemals die Schuhe abstreifen, um ihnen ein wenig frische Luft­ – und Schmerzlinderung – zukommen zu lassen. Und ich musste in den Endlosmeetings stets darauf achten, meine Knie ladylike zusammenzupressen, so wie die Männer ihre Hände bestenfalls auf ihren Oberschenkeln ablegen, und sie nicht – in vertrauter Geste – auf ihr bestes Stück zu legen. Womit ich wieder bei Kyle MacLeary angelangt war, der von der Hauswand süffisant auf mich herunter grinst.
Und nein. Er hatte sich nicht ein einziges Mal während des Treffens, bei denen ich für meine Chefin Mallory Evans das Profil des heiratswilligen Millionärs erstellte, ebendort berührt. Dafür hatte er mich ständig auf eine unergründliche Art angelächelt, Bemerkungen über graue Katzen und blinde Fledermäuse eingeworfen und mit einem »Tz, tz, tz« den Kopf geschüttelt, als ich nach einem Cookie gegriffen hatte, da der Lunch ausgefallen war. Seine verwaschenen blauen Augen, die weder die Farbe des Himmels noch die des Meeres hatten, waren durch die verdammte Glasplatte des Tisches hindurch auf der sanften Wölbung unter meinem Rockbund gelandet. Keine Rede, dass ich den Keks wie ein brennendes Holzscheit zurück auf den Teller hatte fallen lassen.
Mit einem Seufzer ziehe ich das Handy aus meiner Clutch, hebe es hoch, aktiviere die Kamerafunktion und mache das, wozu ich hierhergekommen bin: Ich fotografiere das Werbeplakat, auf dem in riesengroßen Lettern, zwischen den behaarten Schienbeinen des Schotten aus den Highlands, der mit nur neunundzwanzig Jahren mit Schafwolle und Whisky bereits ein riesiges Vermögen angehäuft hat, der Hashtag #CatchMillionaire und der Weblink des Projekts zu lesen sind.
»Meinst du wirklich, dass ein solcher Mann eine wie dich auch nur ansieht?« Ich höre die hohe, näselnde Stimme, noch bevor sich eine Tussi mit blauschwarzem Kurzhaarschnitt und blutrot bemalten, aufgeblasenen Lippen vor die Kameralinse schiebt. Ich senke das Handy und sehe sie entgeistert an. Mir fehlen die Worte! Mein Mund klappt auf und zu, doch nichts entweicht. Auch keine Luft, wie ich bemerkte, als sie mir zum Atmen fehlt und ich danach schnappe. Die Tussi zielt mittlerweile mit ihrem eigenen Handy auf das überlebensgroße Abbild, schießt ein Foto und stolziert auf ihren ellenlangen Storchenbeinen, die in hautengen schwarzen Leggings in Kindergröße stecken, davon. »Der gehört mir!«, ruft sie mir über die Schulter zu und deutet mit ausgestrecktem Arm auf Kyle. Ihre spitz zugefeilten rot lackierten Fingernägel wirken dabei wie die Krallen eines gefährlichen Raubtiers und die weiten Ärmel ihres durchscheinenden Kurzarmshirts wehen wie Fledermausflügel an ihrem schmalen Oberkörper.
Niemals! MacLeary ist zwar ein überheblicher Kerl, der mit seiner süffisanten Art und seinem Aussehen die Derbheit seiner Heimat widerspiegelt, aber so eine künstlich aufgemotzte Barbie an seiner Seite ist undenkbar. Obwohl ... Ein leises Lächeln umspielt meine Mundwinkel. Sollte sie sich melden – und ich gehe davon aus, dass sie es tun wird –, werde ich sie in den Kreis der drei Erlesenen hineinschmuggeln, die alle gemeinsam einen Tag mit ihm verbringen werden. Und dann werde ich mich im Hintergrund amüsieren, wenn sie und die anderen um die Gunst von Kyle buhlen und ihm dabei gehörig einheizen werden. Besser noch: Sie sollen ihn zur Weißglut bringen!
Aber zuvor muss ich den ersten Tag mit meinem neuen Chef überstehen, dem ich seit unserem zufälligen – erregenden, heißen, verwirrenden ... – Zusammentreffen erfolgreich ausgewichen war. Auch heute, als ich mit einem Aufatmen feststellte, dass seine Wohnungstür bereits ins Schloss fiel, als ich noch an meinem Kaffee nippte.

Blick ins Buch (Leseprobe)

1. Mai 2021

'Reichendorf' von Änni Karl

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Die Einwohner von Reichendorf möchten nur allzu gerne wissen, wer aus ihren Reihen den Jackpot geknackt hat, bis Johannes sich als der Gewinner ausgibt, obwohl er es gar nicht ist.

Ein millionenschwerer Lottogewinn, eine große Liebe und ein ungewöhnlicher Plan, der dahintersteckt.

Anleser:
Ich denke nicht oft an die Momente zurück oder an den Tag, an dem alles begann und der dafür sorgte, dass mein Leben eine unvorhersehbare Wendung nahm. Dabei liegen mittlerweile so viele Jahre dazwischen. Zeit, in der einiges passiert ist und die Bilder von damals verblassen wie ein Relikt eines längst vergangenen Lebens. Nach und nach schmelzen sie dahin wie ein riesiger Eisblock in der Sonne. Der Mensch, der ich damals gewesen bin, ist mir heute fremd.
Ich schüttele den Kopf, schiebe meine Gedanken beiseite und widme mich meiner Arbeit.
Vor zehn Jahren habe ich den Jackpot geknackt. Jedenfalls glauben das alle. Bis heute. Doch in Wirklichkeit war alles ganz anders!

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